Archiv für April, 2008

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Xing, the new media
(blog.handelsblatt.de/adhoc, Julius Endert)
Die Position der klassischen Medien ist bedroht. Doch nicht Onlinemedien schlüpfen in die Rolle von Zeitungen, Magazinen und Fernsehsendern, sondern die neuen sozialen Netze im Internet.

Mit Bloggern auf Augenhöhe
(mmm.verdi.de, Christiane Schulzki-Haddouti)
Die Interview-Serie der Süddeutschen Zeitung zur ?Zukunft der Medien? fiel kürzlich auf mit kampagnenhaften Titelparolen wie ?Google News ist unser Feind?, ?Wir werden von Blogs und Gelaber überflutet?, ?Der Blogger-Schreck? oder ?Blogger gehen nach dem Copy-and-Paste-Prinzip vor?. Dabei zeichnete sich die Serie durch profunde Interviewpartner, eine breite Perspektive, kluge Interviewer und intelligente Antworten aus. Die Titel drücken daher vor allem redaktionelle Skepsis gegenüber der Bloggerwelt aus, verraten jedoch wenig von der Komplexität der sich sehr dynamisch entwickelnden Blogosphäre. Dabei könnten Journalisten von Bloggern gleich in mehrfacher Hinsicht lernen.

Süddeutsche Zeitung: Das große Schweigen
(taz.de, Steffen Grimberg)
Die Pressestelle der “Süddeutschen” ist dicht, Transparenz für die neuen Besitzer ein Fremdwort. Dafür denken sie über eine Gratiszeitung nach.

“Mopo” und Mordio!
(spiegel.de, Peter Luley)
Steuert die “Hamburger Morgenpost” in die Katastrophe? Außerordentliche Betriebsversammlungen, eine zensierte Mitteilung in eigener Sache und jetzt ein Statthalter, der die Sparkur eines britischen Großinvestors verteidigt: Bei dem Traditionsblatt geht es hoch her.

“Einen Fake hat man exklusiv”
(tagesspiegel.de, Achim Fehrenbach)
Der gefälschte Zeuge in der Sendung “Polylux” ist nur ein weiterer Fall in der langen Geschichte von Medien-Fakes. Benjamin Denes hat sich in seiner Magisterarbeit “Fälschungen im Journalismus” beschäftigt. Ein Interview.

Der liebe Herr Blumencolo
(taz.de, Oliver Gehrs)
Good guy & good guy: Die Zeiten der Denkverbote und der Angst vorm Chef sind vorbei. Nach 100 Tagen ohne Aust ist die Stimmung beim Spiegel so gut wie nie.

medienlese – der Wochenrückblick

Bloghasser in der Schweiz, Kehrtwende beim Handelsblatt, Welt am Sonntag mit Aprilscherz.

Bruno Habegger vom PC Tipp schrieb eine Kolumne, “um wenigstens einmal im Leben im Medienlese-Blog erwähnt zu werden”. In einem surrealen Versuch, seine Leser zu verwirren mit Fenstern, die man fallen lässt, um sie anderen an die Wange zu klatschen (gemeint waren gecopypastete Meinungen), outete er sich als Bloghasser (obwohl es keine Rolle spiele, ob man Zeitungspapier oder Bildschirme mit Buchstabenmist bestreiche). Mit seiner Abneigung gegen dieses Medium war er nicht alleine. Auch Annina Haab (16) nannte sich blogophob, wie das slug-Blog kolportierte. Warum auch nicht: Ich halte es für rechtmässig, etwas nur seiner Form wegen zu hassen.
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Natascha Kampuschs Recht auf Privatsphäre

“Botschaft an die Medien: Das einzige, wovor die Presse mich verschonen soll, sind die ewigen Verleumdungen meiner selbst, die Fehlinterpretationen, die Besserwisserei und der mangelnde Respekt mir gegenüber.”
(Natascha Kampusch im August 2006)

Wie schon im letzten Sommer hat die Wiener Gratiszeitung “heute” nun abermals ihren mangelnden Respekt gegenüber Natascha Kampusch öffentlich gemacht und auf fünf Seiten “bislang unter Verschluss gehaltene Dokumente” veröffentlicht, die, um’s bei einer Formulierung der Nachrichtenagentur APA zu belassen, “sehr persönliche Details aus der Zeit von Kampuschs Gefangenschaft” beinhalten.

Nach der Veröffentlichung hat Kampuschs Anwalt rechtliche Schritte gegen “heute” angekündigt; die Wiener Staatsanwaltschaft ermittelt wegen “Verletzung des Amtsgeheimnisses”; und Kampusch selbst schreibt in einer Stellungnahme:

Ich bin entsetzt, dass diese vertraulichen Akten in die Öffentlichkeit gelangen konnten.

Der Satz stand gestern auch in “Bild” — nachdem “Bild” selbst ausführlichst aus den vertraulichen Akten zitiert und die “Akte Kampusch” sogar zur Titelschlagzeile gemacht hatte und nachdem “Bild” sich bereits tags zuvor nicht zu schade war für Fragen wie: “Wurde Natascha als Sex-Sklavin missbraucht?”

Aber auch das war ja schon im Sommer 2007 so — als Kampuschs Anwalt es für notwendig hielt, abermals darauf hinzuweisen, dass “auch Frau Kampusch (…) das Recht auf Privatsphäre” hat, in der “Medien wirklich nichts verloren” haben.

Die “Bild am Sonntag” hat sich heute übrigens für eine Kampusch-Doppelseite entschieden, aber zwischen psychologischen Ferndiagnosen, abwegigen Verdächtigungen, Überschriften wie “Wie freiwillig war der Sex mit ihrem Peiniger?” und “War Natascha schwanger?” für Kampuschs Empörung und ihr Recht auf Privatsphäre keinen Platz mehr gefunden.

Unschuld und andere Peinlichkeiten

Evelyn Holst, Mitte 50, ist Schriftstellerin und Journalistin, war Reporterin beim “stern”, hält sich durch Fahren auf dem Fitnessrad fit, hat immer eine Schachtel Pfefferminzpastillen aus der Apotheke dabei, arbeitet bis zu acht Stunden täglich und schreibt jeden Samstag eine Kolumne “nur für Frauen” in der “Bild”-Zeitung.

Gestern waren “Peinliche Promis” ihr Thema — und die Frage: “Wer denkt eigentlich an die Angehörigen?”

Anlass sind die Enthüllungen über die sexuellen Vorlieben und Praktiken des Automobilsport-Chefs Max Mosley, die seit einigen Wochen die halbe Welt kennt, und Evelyn Holst malt sich genüsslich aus, wie Mosleys Frau mit den Blicken ihrer Mitmenschen leben muss.

Aber Mosley ist nicht der einzige Prominente, dessen private “Schandtaten” von Zeitungen wie der, für die Frau Holst schreibt, öffentlich gemacht werden. Wer zählt noch zu den “peinlichen Promis”, die sie aufzählt?

Andreas Türck.

Jeder Andreas Türck hat Familie, die, als er unschuldig wegen Vergewaltigung vor Gericht stand, jeden Tag vor die Tür musste.

Den Satz muss man sich mehrmals durchlesen. Um danach vielleicht Frau Holst die Frage zu stellen, ob sie alle Menschen peinlich findet, die unschuldig vor Gericht stehen. Oder nur die, die von der “Bild”-Zeitung vorab für schuldig gesprochen werden.

Weiter in Frau Holsts “Bild”-Kolumne:

Auch was prominentes Liebesleben angeht, werden Angehörige ja nie vorher gefragt. Die Eltern von Carsten Thamm zum Beispiel. Was sagt Mami dazu, dass Udo Walz, 25 Jahre älter als er, jetzt zur Familie gehört? Okay, da hat man als Schwiegermutter immer die Haare schön, aber vermutlich hätte sie trotzdem lieber eine nette, blonde Schwiegertochter und viele Enkelkinder gehabt.

Auch die Mutter von Constantin Rothenburg war vermutlich nicht sooo happy, als ihr der 39 Jahre ältere Alfred Biolek als neuer Familienzuwachs vorgestellt wurde. Trotz seiner wunderbaren Königsberger Klopse, mein absolutes Lieblingsgericht.

Alles unter der Überschrift:

Peinliche Promis

Unser Mitgefühl gilt den Angehörigen von Evelyn Holst.

Gib “Bild” keine Chance

Weil Florian Silbereisen am Sonntag vorhat, sich in seiner Show “Frühlingsfest der Volksmusik” von über 80 Frauen in drei Minuten küssen zu lassen, fragt “Bild” heute besorgt:

Wie gefährlich ist Silbereisens Kuss-Rekord?

Die Antwort von “Bild” lautet: lebensgefährlich. Denn:

Sollte sich die Zunge einer Dame versehentlich in Floris Mundraum verirren, droht dazu Herpes, im schlimmsten Fall sogar Aids!

Es ist kaum zu glauben, dass es im Jahr 2008, nach rund 25 Jahren Aufklärung und Forschung in Sachen HIV und Aids, noch eine Zeitung gibt, die diese Art von Panikmache betreibt. Sagen wir es mit der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung:

Kein Risiko: Küsse, Zungenküsse: Kein Risiko bei Küssen. Bei Zungenküssen ist ein Risiko theoretisch nicht auszuschließen, aber weltweit in keinem Fall als Übertragungsweg nachgewiesen.

Mit Dank an Despoina, Arne V., Monika, Daniel, Patrick G. und Micha!

Der wildewilde Westen fängt gleich Hinterindien an

In ihrer aktuellen Plakatkampagne (siehe Abb.) wirbt die “Bild”-Zeitung u.a. damit, dass sie Kolumbus mit ihren großen Buchstaben auf seinen großen Entdecker-Irrtum aufmerksam gemacht hätte, wenn… ja, wenn es die “Bild”-Zeitung damals schon gegeben hätte.

Von wegen!

Am 13.10.1492 hätte die “Bild”-Zeitung natürlich so ausgesehen:

Mit Dank ans Notizblog fürs “Bild”-Plakat.

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Nur fad
(sueddeutsche.de, Thomas Becker)
Es klingt furchtbar rückwärtsgewandt, muss aber jetzt sein: Der “Scheibenwischer” ist bei sehr weitem nicht mehr das, was er mal war. Er ist nur noch: belanglos. Besserung nicht in Sicht.

Glückwunsch: Gruner+Jahr zeichnet sich selbst aus
(blog.dummy-magazin.de, Oliver Gehrs)
“Wir können hier exklusiv schon mal vorab die Gewinner verkünden, denn in den sechs journalistischen Kategorien sind ausschließlich Arbeiten aus Gruner + Jahr-Zeitschriften nominiert. Es sind: Stern, stern.de, Neon, Living at home, view und Brigitte. Herzlichen Glückwunsch!”

“China kennt verschiedene Formen der Internetzensur”
(tagesschau.de, Irena Güttel)
Wie ist es möglich, dass ein Staatsapparat anscheinend in der Lage ist, den Internetverkehr zu überwachen? Wie macht ein Staat wie China klar, was online nicht erwünscht ist? Und wieso halten sich die User dran? tagesschau.de sprach darüber mit dem Asien-Experten des Chaos Computer Clubs, Ohlig.

Aufhören mit dem Gejammer!
(davidbauer.ch)
Ein Abgesang auf den Abgesang: Der Journalismus lebt – wenn die Branche den Wettbewerb endlich annimmt.

There’s no such thing as ‘off the record’ anymore
(ojr.org, Robert Niles)
“Let’s just get this on the record — there is no such thing as “off the record” anymore.”

Polylux in eigener Sache – wie wir auf das Glatteis geführt wurden
(polylog.tv, Video, 4:00 Minuten)
“Auch Journalisten kann man veräppeln. Dafür an dieser Stelle unsere sportlichen Glückwünsche.”

Wenn das Leben ein “Bild”-Artikel wäre…

"Er fackelte in Niesky die Disco ab! Und alles nur wegen Sandy, der schönen Freundin vom chef"… dann würden sich Eifersuchtsdramen genau so abspielen, wie es heute auf Seite 3 der Dresdner Lokalausgabe geschrieben steht (siehe Ausriss).

Dann würde ein junger Mann aus Eifersucht die Disco seines alten Freundes anzünden, weil der ihm die Angebetete “wegschnappte” – und soweit stimmt der “Bild”-Artikel sogar mit dem wahren Leben überein.

Doch wenn das Leben ein “Bild”-Artikel wäre, dann wäre der Brandstifter Alex nicht nur ein alter Freund des Disco-Besitzers René, sondern auch sein Türsteher. Und René hätte ihm den Job gegeben, als Alex arbeitslos wurde. Außerdem würde Alex seinen Chef und die Frau, die ihn verschmähte, am Männertag 2007 in flagranti beim Küssen erwischen. Er würde zusammenbrechen, schreien, weinen und den beiden am Ende drohen: “Das werdet ihr noch bereuen!”

Allerdings kann das wahre Leben offenbar doch nicht so ganz mit einem “Bild”-Artikel mithalten: Tatsächlich sei Alex nicht Türsteher in der Disco gewesen, die er anzündete, und René also nicht sein “Chef”. Alex habe bloß mal an der Garderobe ausgeholfen, wie uns René und Sandy, damals die “schöne Freundin vom Chef”, sagen. “Das haben wir alle mal gemacht”, so Sandy. Außerdem habe Alex seinen Job nicht verloren, sondern sei lediglich nicht befördert worden. Und erfahren habe Alex im wahren Leben von der Beziehung zwischen René und Sandy auch nicht, als er die beiden am Männertag beim Küssen “erwischte”. Er habe ihnen da auch nicht gedroht. Sandy habe es Alex am Männertag einfach erzählt. Von einer Drohung hätten beide erst später gehört. Die “Bild”-Zitate seien falsch.

Laut Sandy hat der “Bild”-Reporter, der mit ihr und René gesprochen hat, sich übrigens während des Gesprächs keinerlei Notizen gemacht. Aber wer braucht schon einen Notizblock, wenn das Leben ein “Bild”-Artikel ist.

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Szenen einer harmonischen Beziehung
(weltwoche.ch, Philipp Gut und Andreas Kunz)
Wie kritisch und objektiv berichten die Medien über Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf? Die Widersprüche ihrer Wahl werden beschwiegen, unangenehme Fragen vermieden. Selten war die politische Einseitigkeit der Branche offenkundiger.

Die Selbstfesselung
(dradio.de, Paul-Hermann Gruner)
“Angefangen hat es mit der sprachpolizeilichen Selbstfesselung. Politisch korrekte Sprache kann in der Regel Genus und Sexus, also grammatisches und natürliches Geschlecht, nicht auseinanderhalten. So bezeichnete die Feministin Hannelore Mabry nichtfeministische Frauen einst auch als Arschlöcherinnen. Viele wollen die Welt seitdem mit Sprache verbessern.”

“Deutsche Medien werden in China zur Hauptzielscheibe”
(tagesschau.de, Sabine Kleine)
Das deutsche Image in China habe durch die Berichterstattung deutscher Medien gelitten, sagt Chinas Botschafter in Berlin, Ma Canrong, im tagesschau.de-Interview. ARD-Korrespondent Jochen Graebert bestätigt: “Deutsche Medien werden als besonders manipulativ empfunden.” Dies liege nicht nur an der chinesischen Propaganda.

Zeitung oder Internet: Eine Frage der Haltung
(derstandard.at, Doris Priesching)
“Online First” heißt es seit einem Jahr für “Die Welt”: Noch bevor ein Artikel bei der Belichtung ist, erscheint er im Internet. Konzerngeschäftsführer Christoph Keese erklärte Doris Priesching, warum das keine Konkurrenz im eigenen Haus ist.

Fotoagentur Getty startet Online-Abmahnwelle
(spiegel.de, Konrad Lischka)
Die US-Bildagentur Getty verschickt reihenweise Rechnungen an deutsche Seitenbetreiber. Vorwurf: Illegale Nutzung von Getty-Bildern. Gut 2000 Euro kostet das je Foto. Wer nicht zahlt, wird abgemahnt. Ein Beschuldigter rebelliert: Er habe das Foto gekauft – und freut sich auf den Prozess.

In eigener Sache:
(blog.zeit.de/zeitansage, Wolfgang Blau)
Wolfgang Blau, Chefredakteur ZEIT online, nimmt Stellung: “Die Darstellung von Burkhard Schröder, wonach unsere Zusammenarbeit mit Frau Härpfer aufgrund politischen Drucks beendet worden sei, ist haltlos.”

Bei “Bild” sind Enten unsterblich

“Vampir von Berlin” nennt die “Bild”-Zeitung den 19-jährigen, der gestern des versuchten Mordes in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung für schuldig gesprochen wurde — er hatte unter anderem versucht, einer Betreuerin ein Stück Fleisch aus dem Hals zu beißen.

Weil er bei der Urteilsverkündung ein T-Shirt mit dem Aufdruck “Slipknot” trug, erklärt die “Bild”-Zeitung ihren Lesern:

Die Nu-Metal-Gruppe ist bekannt für ihre aggressiven Texte. Ein “Slipknot”-Song soll den Erfurter Schüler Robert Steinhäuser († 19) animiert haben, in seinem Gymnasium 16 Menschen und sich selbst zu erschießen.

Das wäre interessant zu wissen, welcher Song das konkret gewesen sein soll. Denn Steinhäuser hat zwar nach Medienberichten gerne Slipknot gehört. Als Falschmeldung hatte sich aber schon wenige Tage nach dem Amoklauf am 26. April 2002 die Behauptung herausgestellt, es gebe einen Slipknot-Song namens “School Wars”, in dem es heißt: “Knall deine’ ekelhaften Lehrer mit einer Pumpgun ab…”

Und wer hatte das damals an drei aufeinanderfolgenden Tagen behauptet? — Richtig.

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