Archiv für Juni 1st, 2005

Allgemein  

Irgendwie anders

Genau: So sehen die bislang erschienenen, deutschsprachigen “Harry Potter”-Bände aus. Oder auch so:

Am 1. Oktober 2005 erscheint Band 6, und wie immer gibt es auch diesmal vor dem Erscheinen wilde Spekulationen über den Inhalt, worüber am 25. Mai auch “Bild” berichtete.

Abgebildet hatte “Bild” dabei auch ein Buchcover mit der Aufschrift “Harry Potter 6”, das irgendwie anders aussah als die der vorangegangenen fünf Bände (siehe Ausriss), und dazugeschrieben:

“So soll der Buchtitel von Harry Potter 6 aussehen”

Natürlich stimmt das nicht, weshalb der Carlsen-Verlag anschließend unter dem Titel “Falsche Coverabbildung von Harry Potter VI in der Bildzeitung” auch eine Presseerklärung herausgab, in der es heißt:

Es gibt noch kein Cover für die deutschsprachige Harry Potter-Ausgabe. Dieses wird wieder von Sabine Wilharm gestaltet, die auch diesmal zwei Entwürfe anfertigen wird. Im Rahmen einer Coverabstimmung im Internet werden die Harry Potter-Leser dann wieder entscheiden können, wie der Umschlag des Buches aussehen soll. Diese Entscheidung trifft keinesfalls die “Bild”-Zeitung!

Dem ist in seiner Deutlichkeit nichts hinzuzufügen – außer vielleicht, dass das angebliche Cover von der Elbenwald GmbH gestaltet und am 24. Mai auf deren Website veröffentlicht wurde. Direkt darüber steht dort der Zusatz:

Alternativcover. Original lag bei Artikel-V.Ö. noch nicht vor.

Um Erlaubnis für den sinnentstellenden Abdruck des “Alternativcovers” gefragt hat “Bild” bei der Elbenwald GmbH übrigens nicht.

Mit Dank an Sebastian W. und Reinhard J.

Nachtrag, 10.6.2005 (mit Dank an Dirk):
Heute nun musste “Bild” deshalb eine entsprechende Gegendarstellung des Carlsen-Verlags abdrucken.

Exklusiv: Mit “Bild” auf Recherche-Tour

(Mai 2005, Infodesk im Hessischen Hauptstaatsarchiv, Mosbacher Str. 55, 65187 Wiesbaden)*

Auskunftspersonal: Guten Tag, kann ich Ihnen helfen?

BILD-Reporter: Ja, wir hätten da mal ‘ne Frage. Und zwar haben wir da mal vor fünf Jahren, am 25.5.2000 oder so, in der ARD diese Dokumentation über Rosemarie Nitribitt gesehen gehabt. Die lief damals in der Reihe “Die Großen Kriminalfälle”. Ham Sie vielleicht auch gesehen. Hatte über dreieinhalb Millionen Zuschauer, wurde seitdem auch schon öfter wiederholt…

Auskunftspersonal: Ich erinnere mich. Der Film war doch von der Helga Dierichs vom Hessischen Rundfunk. Wenn ich mich richtig erinnere, hatte sie damals sogar eine Schutzzeitverkürzung für die Einsichtnahme in unsere Akten hier bekommen – und außerdem im Keller eines Kripobeamten überraschenderweise Briefe, Postkarten und ein Tonband voll sehnsüchtiger Liebesbekenntnisse von Harald von Bohlen und Halbach gefunden. Hatte der Mann die Nitribitt nicht “Mein Fohlen” genannt? (Kichert leise.) Tolle Recherche damals…

BILD-Reporter: Ach? Na, jedenfalls wir wollten mal fragen, ob…

Auskunftspersonal: Bohlen mit “H”, Halbach mit einem “L” war das, richtig?

BILD-Reporter: Äh, ja. Die Unterlagen müssten hier bei Ihnen…

Auskunftspersonal: Ja, ja. Frau Dierichs hat sie damals an uns weitergeleitet. Da wollen seitdem immer mal wieder Journalisten Einsicht nehmen. Und weil die Schutzfrist inzwischen abgelaufen ist, dürfte das auch für Sie jetzt kein Problem sein. Warten Sie, ich schau mal… (Schaut ins Dokumentationssystems Ledoc.) Ah, ja… Wollen Sie’s hier im Lesesaal durchschau’n? In den Lesesaal bestellte Archivalien werden nach Möglichkeit innerhalb einer Stunde ausgehoben und vorgelegt…
*) sinngemäße Rekonstruktion (leicht fiktionalisiert)
 
Und so kam es, dass der Anfang einer großen “Bild”-Story über “Deutschlands bekannteste Hure” gestern so lautete:

Jetzt aufgetauchte Liebesbriefe enthüllen die pikante Beziehung zwischen Rosemarie Nitribitt und dem Millionär Harald von Bohlen und Halbach. 48 Jahre war es nur ein Gerücht, jetzt haben BILD-Reporter die eindeutigen Dokumente gefunden
(Hervorhebungen von uns.)

Mit Dank an das Hessische Hauptstaatsarchiv für die freundliche und sachdienliche Unterstützung – sowie Thomas H. und Ron für den Link.

Symbolfoto IX

Heute testen wir einmal Ihre Medienkompetenz. Wenn Sie in “Bild” ein Foto von einem Zug sehen, und unter diesem Zug steht die Überschrift “Dieser Intercity hat sich verfahren”, wovon gehen Sie aus?

(a) Der abgebildete Zug hat sich verfahren.
(b) Ein Zug, der so aussieht wie der abgebildete Zug, hat sich verfahren.
(c) Ein Zug, der keinerlei Ähnlichkeit mit dem abgebildeten Zug hat, hat sich verfahren.
(d) Weder dieser Intercity, noch sonst irgendein Zug hat sich verfahren.

Vor der Auflösung die Geschichte.

Dieser Intercity hat sich verfahren

“Bild” berichtete am Dienstag, dass ein InterCity, der nach Hamburg fahren sollte, stattdessen in Köln auf die Strecke in Richtung Frankfurt geleitet wurde:

Erst nach 18 Minuten bemerkte der Lokführer (37) den Fehler. Der “InterCity” wurde bei Köln-Kalk (NRW) gestoppt. Die Lok mußte über ein Nebengleis an das Zugende rangiert werden. Dann ging es endlich Richtung Hamburg.

Das Rangiermanöver mit der Lok in Köln-Kalk wurde von der Bahn bestätigt — womit klar ist, dass der InterCity nicht ausgesehen haben kann wie der Zug auf dem Foto in “Bild”. Darauf ist nämlich ein Zug mit Steuerwagen abgebildet. Bei diesen Modellen wird die Lok nicht mehr von einem Ende des Zuges zum anderen umgesetzt; der Lokführer wechselt einfach den Führerstand.

Die richtige Antwort lautete also (c): Der abgebildete Zug hat sich nicht verfahren; es handelt sich nicht einmal um das gleiche Modell.

Nachtrag, 14.00 Uhr: Ja, das dachten wir, aber so einfach ist es nicht. Dieses ganze Steuerwagen-Lok-Geschäft bei der Bahn ist ein kompliziertes, und möglicherweise hat “Bild” zufällig ein Foto von einem Zug herausgesucht, der dem betroffenen ähnlich sieht. Aufgenommen wurde es allerdings weder in Köln-Kalk (NRW), noch in Hamburg, sondern, wie Kenner an den Stromschienen erkennen, am Bahnhof Zoo in Berlin.

Auch die “Bild”-Behauptung, man habe das Versehen erst nach 18 Minuten bemerkt, scheint übrigens falsch zu sein. Die Bahn sagt, es habe sich nur um drei Minuten gehandelt. Der Zug sei dann absichtlich von Köln-Deutz noch bis Köln-Kalk zum Rangieren weitergefahren. Das ist nicht nur, wie “Bild” in der Klammer schreibt, immer noch in “NRW”, sondern sogar der nächste Bahnhof. Um dahin überhaupt 18 Minuten zu brauchen, müsste man schon sehr, sehr langsam fahren.

Mit Informationen aus der Diskussion in der Newsgroup de.etc.bahn.misc.