Stillstand bei Reform, Shorts sind keine Hosen, “Medieninsider” klagen

1. RSF fordert, Unabhängigkeit der öffentlichen Medien zu garantieren
(reporter-ohne-grenzen.de)
Die Organisation Reporter ohne Grenzen (RSF) kritisiert in einem offenen Brief (PDF) die Pläne der neuen tschechischen Regierung, die Rundfunkgebühr abzuschaffen. Dieser Schritt gefährde ohne eine strukturelle Alternative die Unabhängigkeit der öffentlich-rechtlichen Medien. RSF fordert gemeinsam mit internationalen Partnern verbindliche Finanzierungsgarantien. Zudem warnt die Organisation vor einem Dominoeffekt in Europa und verweist auf den wachsenden politischen und finanziellen Druck auf den Rundfunk in Litauen und der Schweiz.

2. Kommt es bei der Förderreform endlich zu einem Durchbruch?
(dwdl.de, Timo Niemeier)
Timo Niemeier beschreibt den anhaltenden Stillstand bei der Reform der deutschen Filmförderung, die trotz Versprechungen von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer bislang nicht umgesetzt worden sei. Der zentrale Streitpunkt in der Regierung sei die Frage, ob Streamingdienste durch ein Gesetz zu Investitionen gezwungen werden sollen (wie von der SPD gefordert), oder ob eine freiwillige Selbstverpflichtung ausreicht (wie von Weimer favorisiert).

3. Warum Medieninsider die PMG verklagt – und warum das die ganze Branche etwas angeht
(medieninsider.com, Marvin Schade)
Wie die “Medieninsider” berichten, habe man Klage gegen die Presse-Monitor GmbH (PMG) eingereicht, weil der Dienstleister “in Hunderten Fällen” Artikel der Redaktion ohne Erlaubnis und Bezahlung in Pressespiegeln verbreitet haben soll. Das Magazin wertet dies als Angriff auf sein Geschäftsmodell, da Firmen auf diesem Wege billig an Fachinformationen kämen, statt die eigentlich notwendigen “Medieninsider”-Abonnements abzuschließen. Ziel des Verfahrens sei es, die genaue Nutzung offenzulegen, um anschließend Schadensersatz für die entgangenen Umsätze verlangen zu können.

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4. Kommunikationsplattformen müssen Inhalte scannen
(netzpolitik.org, Martin Schwarzbeck)
Martin Schwarzbeck berichtet, dass in Großbritannien eine Gesetzesänderung in Kraft getreten sei, die Anbieter von Kommunikationsdiensten dazu verpflichte, private Nachrichten automatisiert auf unerwünschte Bilder von Genitalien zu untersuchen und zu filtern. Den Unternehmen würden bei unzureichenden Maßnahmen empfindliche Geldstrafen oder sogar die Sperrung ihrer Dienste drohen. Kritiker würden vor einem übermäßigen Blockieren von Inhalten (Overblocking) warnen.

5. Shorts sind keine Hosen
(verdi.de, David Bieber)
Zeitungsverlage würden verstärkt auf kurze Videoformate wie Shorts oder Reels setzten, um junge Zielgruppen auf Plattformen wie TikTok und Instagram zu erreichen und diese langfristig an ihre Marken zu binden. Kritiker sähen darin die Gefahr, journalistische Qualität und Tiefe zugunsten schneller Effekte und Oberflächlichkeit zu vernachlässigen. Zudem begebe sich die Branche in eine riskante Abhängigkeit von großen Tech-Plattformen.

6. “Quiz hilft, diese Welt etwas besser zu verstehen”
(taz.de, Valérie Catil)
Der Filmwissenschaftler und “Jeopardy!”-Rekordgewinner Harrison Whitaker erklärt im Interview mit der “taz”, dass Quizzen für ihn nicht nur ein Wettbewerb sei, sondern dass es ihm helfe, die Welt besser zu verstehen. Dabei unterscheidet er zwischen der anspruchsvollen Quizkultur in Großbritannien und den US-Formaten und beschreibt seine akribische Vorbereitung durch das Analysieren alter Folgen sowie das Lesen von Sachbüchern. Whitakers nächstes Ziel sei die Teilnahme an europäischen Shows in fremden Sprachen.

Lage in Venezuela, Christlicher Journalismus, Erich von Däniken

1. Nach US-Intervention: Verfolgung und Festnahmen von Journalist*innen
(reporter-ohne-grenzen.de)
Nach der US-Militärintervention in Venezuela habe sich die Sicherheitslage für Journalistinnen und Journalistin unter der Interimsregierung von Delcy Rodríguez drastisch verschlechtert. Der nationale Journalistenverband berichte von willkürlichen Festnahmen und Durchsuchungen. An der kolumbianischen Grenze würden zudem rund 200 internationale Korrespondentinnen und Korrespondenten an der Einreise gehindert. In der Rangliste der Pressefreiheit stehe Venezuela auf Platz 160 von 180 Ländern.

2. Digital Networks Act: EU verzichtet angeblich auf Milliardenstrafen für Big Tech
(heise.de, Malte Kirchner)
Entgegen den ursprünglichen Erwartungen verzichte die EU im geplanten Digital Networks Act offenbar auf verpflichtende Zahlungen der großen US-Tech-Konzerne zur Finanzierung des Netzausbaus. Statt harter Sanktionen setze der neue Entwurf auf freiwilligen Dialog, um potenzielle Konflikte mit der US-Regierung unter Donald Trump zu vermeiden. Neben dem Umgang mit Big Tech ziele das Gesetzespaket auf eine Harmonisierung der Funkfrequenzen sowie neue Leitlinien für den europäischen Glasfaserausbau ab.

3. Abgeordnete, Ministerien und EU-Kommission bleiben auf Deepfake-Plattform X
(netzpolitik.org, Markus Reuter)
Markus Reuter thematisiert die massive Kritik an der Plattform X (vormals Twitter), die zuletzt durch die ungehinderte Erstellung sexualisierter Deepfakes mittels des Chatbots “Grok” negativ aufgefallen sei. Auf Nachfrage von netzpolitik.org hätten Vertreter von Bundesministerien und Parteien ihren Verbleib auf der Plattform überwiegend mit dem Auftrag zur Bürgerinformation sowie dem Hinweis auf mangelnde Alternativen gerechtfertigt. Auch die EU-Kommission habe betont, dass sie ihre Kanäle zwar diversifiziere, die Präsenz auf X jedoch weiterhin für notwendig erachte.

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4. “Man kann die Bedeutung von Podcasts fast nur unterschätzen”
(dfjv.de, Gunter Becker)
Das Leipziger “Podcast-Radio” detektor.fm nutze eine jüngst zugesprochene Förderung von 500.000 Euro, um bis zur Landtagswahl 2026 ein regionales Informationsangebot für Sachsen-Anhalt aufzubauen. Geschäftsführer Christian Bollert erläutert im Interview das Geschäftsmodell von detektor.fm, das zur wirtschaftlichen Absicherung auf einen Mix aus Eigenproduktionen, Partnerinhalten und Auftragsarbeiten für große Medienhäuser setze. Zudem betont er die wachsende Bedeutung von Nischen-Podcasts, für die der Sender gezielt mit freien Fachjournalistinnen und -journalisten zusammenarbeite und auf offene technische Standards statt exklusive Plattformen setze.

5. “Die schärfste Kirchen-Kritik kommt oft von innen” – Andrea Rübenacker und Bernward Loheide über katholischen Journalismus und weltliche Werte.
(turi2.de, Markus Trantow)
Andrea Rübenacker und Bernward Loheide, Führungskräfte des neuen Unternehmens PubliKath, sehen im Interview mit “turi2” trotz Kirchenaustritten eine wachsende Nachfrage nach ethischer journalistischer Einordnung, die sie durch eine “christliche Perspektive” bedienen wollen. Durch die Zusammenführung von Marken wie der Katholischen Nachrichten-Agentur, katholisch.de und filmdienst.de unter einem Dach wolle man Synergien erreichen und schneller werden.

6. Buchautor Erich von Däniken ist tot
(tagesschau.de)
Der Schweizer Bestsellerautor Erich von Däniken, der durch seine Theorien über frühere Besuche von Außerirdischen auf der Erde weltweite Bekanntheit erlangte und auch in deutschen Medien häufig präsent war, sei im Alter von 90 Jahren in einem Krankenhaus in Interlaken gestorben. Mit seinem 1968 erschienenen Debütwerk “Erinnerungen an die Zukunft” habe der ehemalige Hotelier den Grundstein für seine Karriere gelegt. Im Verlauf seines Lebens habe von Däniken rund 70 Millionen Bücher verkauft und Filme produziert (tagesschau.de nennt sie “Dokumentarfilme”).

KW 02/26: Hör- und Gucktipps zum Wochenende

Hurra, Wochenende – und damit mehr Zeit zum Hören und Sehen! In unserer Wochenendausgabe präsentieren wir Euch eine Auswahl empfehlenswerter Filme und Podcasts mit Medienbezug. Viel Spaß bei Erkenntnisgewinn und Unterhaltung!

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1. Wie wird das Medienjahr 2026?
(deutschlandfunk.de, Sascha Wandhöfer, Audio: 40:31 Minuten)
Beim Deutschlandfunk diskutieren Shakuntala Banerjee (ZDF), Carsten Knop (“FAZ”) und Medienforscher Michael Graßl über den Start in das Medienjahr 2026. Die Gäste sind sich einig, dass Redaktionen Künstliche Intelligenz zwar als Hilfsmittel nutzen sollten, aber nur durch menschliche Prüfung, Transparenz und Fehlertoleranz das Vertrauen des Publikums sichern können. Trotz des enormen wirtschaftlichen Drucks und des Niedergangs der gedruckten Zeitung sehen sie Chancen in innovativen digitalen Formaten und tiefgründigen Recherchen.

2. Gefasst, gekidnappt, gefangen? – Wie berichten über die US-Aktion in Venezuela?
(ardaudiothek.de, Stefan Eising & Katrin Aue, Audio: 23:46 Minuten)
Bei “Medien – Cross und Quer” geht es um die Berichterstattung über den umstrittenen US-Militäreinsatz in Venezuela und die Festnahme von Machthaber Nicolás Maduro. Das Moderations-Duo Stefan Eising und Katrin Aue diskutieren mit der ARD-Korrespondentin Jenny Barke und dem WDR-Nachrichtenredakteur Udo Stiehl über die Kritik an verharmlosenden Schlagzeilen. Im Zentrum steht die Suche nach einer angemessenen Wortwahl, die das weltpolitische Geschehen präzise und neutral einordnet.

3. BBC, Litauen & Co.: Warum Europas Rundfunk im Kreuzfeuer steht
(br.de, Jonathan Schulenburg, Audio: 26:22 Minuten)
Die aktuelle Ausgabe von “BR24 Medien” beschäftigt sich mit dem wachsenden politischen und finanziellen Druck auf den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Europa, der von staatlicher Einflussnahme in Litauen bis hin zu Klagen gegen die BBC reicht. Fachleute wie Katharina Weiß von der Organisation Reporter ohne Grenzen warnen davor, dass sich im Jahr 2026 entscheide, ob europäische Medienstandards verteidigt werden oder ob sich staatlich gelenkte Modelle weiter ausbreiten.

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4. Put-her-in-a-Bikini-Trend. Warum Grok jede Frau und jedes Kind in Reizwäsche packt
(youtube.com, Chan-jo Jun, Video: 7:13 Minuten)
Von der Künstlichen Intelligenz “Grok” können Nutzer täuschend echte, oft sexualisierende Bilder von realen Personen erstellen lassen, was zu einer Welle von unfreiwilligen Bikini-Deepfakes auf der Plattform X (vormals Twitter) geführt habe. Lauf Anwalt Chan-jo Jun stelle dies rechtlich zwar eine Verletzung des Persönlichkeitsrechts dar, doch fehle bislang eine klare Strafbarkeit. Jun sieht hier einen Anwendungsfall für den Digital Services Act und fordert, dass Werte wie die Menschenwürde auch gegen den Widerstand von US-Plattformen politisch durchgesetzt werden müssen.

5. 25 Jahre RTL Journalistenschule und Berichten über Venezuela
(wdr.de, Sebastian Sonntag, Audio: 40:28 Minuten)
Das WDR5-Medienmagazin “Töne, Texte, Bilder” thematisiert anlässlich des Jubiläums der RTL-Journalistenschule die Zukunftsaussichten für den journalistischen Nachwuchs. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der schwierigen Berichterstattung aus Venezuela sowie dem ethischen Umgang mit gefälschten Bildern. Zudem diskutieren Experten über die Gefahren durch den KI-Chatbot “Grok” und den aktuellen Zustand der Netzkultur.

6. Mehr als eine Suchmaschine – was KI wirklich kann
(spotify.com, Christian Jakubetz, Audio: 41:36 Minuten)
Im “Satzzeichen”-Podcast betont Gregor Schmalzried, Journalist und Co-Host des ARD-KI-Podcasts, dass Künstliche Intelligenz nicht als Suchmaschine, sondern als ergänzendes Werkzeug zum menschlichen Denken verstanden werden müsse. Er erläutert, wie die Technologie kreative Arbeitsprozesse verändere und wo ihre Grenzen in Bezug auf Verlässlichkeit lägen. Außerdem geht es um die Frage, ob der Einsatz von KI gesellschaftliche Gräben vertieft oder neue Möglichkeiten der Teilhabe schafft.

Repressionen in Venezuela, Das Problem mit SLOP, Wo endet Satire?

1. Neue Machthaberin, alte Methoden
(taz.de)
Die staatlichen Repressionen gegen Medienschaffende in Venezuela würden auch unter der Interimspräsidentin Delcy Rodríguez unvermindert anhalten. Laut der nationalen Pressegewerkschaft seien am Rande der konstituierenden Sitzung der Nationalversammlung 14 Journalisten festgenommen worden. Der Deutsche Journalisten-Verband habe dies als “Hexenjagd auf kritische Geister” kritisiert und gefordert, internationalen Korrespondentinnen und Korrespondenten endlich ungehinderten Zugang zum Land zu gewähren.

2. Übersteht der Netflix-Warner-Deal das Paramount-Störfeuer?
(dwdl.de, Uwe Mantel)
Obwohl Netflix bereits eine Einigung zur Übernahme des Studio- und Streaminggeschäfts von Warner Bros. Discovery erzielt habe, versuche Paramount Skydance den Deal durch ein feindliches Übernahmeangebot für den Gesamtkonzern noch zu verhindern. Nun liege die Entscheidung bis zum 21. Januar bei den Aktionärinnen und Aktionären, wobei weitere juristische Schritte und kartellrechtliche Prüfungen zu erwarten seien. Zudem könnte der Einfluss von US-Präsident Donald Trump den Prozess erschweren, da dieser ein strategisches Interesse an der Zukunft des Nachrichtensenders CNN, der Teil von Warner Bros. Discovery ist, habe.

3. Das Netz hat ein SLOP-Problem
(verdi.de, Lars Lubienetzki)
Der Netzexperte Simon Berlin vom “Social Media Watchblog” betont, dass die Politik angesichts der rasanten Entwicklung neuer KI-Modelle mit der Regulierung kaum noch Schritt halten könne. Er warnt vor gesellschaftlichen Gefahren durch automatisierte Propaganda und sieht eine Bedrohung für die Kreativbranche: “Wir erleben gerade, wie schamlos KI-Betreiber mit den Themen Datenschutz und Urheberrecht umgehen.”

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4. KI-Hersteller entschädigen Familien
(netzpolitik.org, Laura Jaruszewski)
Das Unternehmen Character Technologies und der Google-Mutterkonzern Alphabet würden Berichten zufolge Vergleiche mit fünf Familien in den USA anstreben, deren Kinder durch die Nutzung von KI-Chatbots zu Gewalt oder Suizid animiert worden seien. Durch diese außergerichtlichen Einigungen würden die Unternehmen offenbar verhindern wollen, dass ein Präzedenzfall zur Produkthaftung für KI-Anwendungen entsteht. Zwar könnten die betroffenen Familien so schneller Sicherheit erhalten, doch eine grundsätzliche rechtliche Klärung der Verantwortlichkeit von Tech-Konzernen bliebe damit aus.
(Solltest Du Suizid-Gedanken haben, dann gibt es Menschen, die Dir helfen können, aus dieser Krise herauszufinden. Eine erste schnelle und unkomplizierte Hilfe bekommst Du etwa bei der “TelefonSeelsorge”, die Du kostenlos per Mail, Chat oder Telefon (0800 – 111 0 111 und 0800 – 111 0 222) erreichen kannst.)

5. Wenn Nachbarschaft zur Redaktion wird
(media-lab.de, Chimène Goudjinou)
In ihrer Bachelorarbeit analysiert Chimène Goudjinou am Beispiel der Dortmunder Nordstadt, dass Bürgerjournalismus eine wichtige Ergänzung zu etablierten Medien bilde, da dieser Relevanz nicht nach Marktwert, sondern nach gesellschaftlicher Bedeutung definiere. Durch die unmittelbare Nähe zum Geschehen könnten Projekte wie die “Nordstadtblogger” vielfältige Perspektiven sichtbar machen, die im klassischen, ökonomisch getriebenen Journalismus oft untergehen würden. Dennoch sei diese ehrenamtliche Arbeit aufgrund fehlender institutioneller Strukturen und begrenzter Ressourcen fragil und finanziell riskant.

6. Wo endet Satire? – El Hotzo im Spitzengespräch
(youtube.com, Markus Feldenkirchen, Video: 1:08:44 Stunden)
Der Satiriker Sebastian Hotz, bekannt als “El Hotzo”, spricht im Interview mit Markus Feldenkirchen über den Skandal um seinen Tweet über Donald Trump, der ihn seinen Job beim RBB gekostet hat, sowie über sein öffentliches Geständnis zu toxischem Verhalten in früheren Beziehungen. Hotz erklärt, dass er Verantwortung für seine Fehler übernommen habe und heute privat glücklicher sei, auch wenn er sein damaliges Statement so vielleicht nicht mehr veröffentlichen würde. In dem Gespräch geht es um “Cancel Culture als Geschäftsmodell, sein ‘Arschloch’-Verhalten gegenüber Frauen und warum er den neuen Wehrdienst furchtbar findet.”

7. Die Stimme im Ohr (PDF)
(beck-shop.de, Lorenz Meyer)
Zusätzlicher Link, da in eigener Sache: Das Rechtsfeuilleton “myops” hat sich neu aufgestellt, und der “6-vor-9”-Kurator durfte etwas über True-Crime-Formate erzählen, über Arena-Touren mit echten Mordfällen und über die Frage, warum Millionen Menschen beim Kochen Urteile fällen: “Die Stimme im Ohr”, ausnahmsweise kostenlos als PDF.

US-Medien im ersten Jahr Trump, Stellenabbau bei RTL, Maduro-Foto

1. Macht und Geld: US-Medien im ersten Jahr Trump 2.0
(medien.epd.de, Konrad Ege)
In den USA gehe Präsident Donald Trump aggressiv mit Klagen gegen kritische Berichterstattung vor, woraufhin Konzerne wie Disney und Paramount bereits millionenschwere Vergleiche eingegangen seien. Gleichzeitig hätten sich Eigentümer wie Jeff Bezos oder der neue Paramount-Besitzer David Ellison dem Kurs Trumps angenähert und redaktionelle Inhalte im Sinne der Regierung beeinflusst. Zudem habe sich die Corporation for Public Broadcasting nach der Streichung staatlicher Gelder durch die Trump-Administration Anfang 2026 auflösen müssen.

2. RTL streicht 230 Stellen im Nachrichten-Bereich
(tagesspiegel.de)
Im Zuge des bereits angekündigten Konzernumbaus streiche RTL Deutschland nun 230 Arbeitsplätze im Bereich “RTL News”. Insgesamt sollen 600 Stellen wegfallen. Man wolle “journalistische Kräfte durch eine stärkere Digitalisierung und den Einsatz von Künstlicher Intelligenz effektiver” nutzen. Diese Umstrukturierung habe das Aus für bekannte Formate wie “Gala” (RTL) und “Prominent” (Vox) zur Folge. Die bisherigen Morgensendungen würden ab dem Frühjahr in einem gemeinsamen Programm von RTL und ntv aufgehen. Das Management begründe die einschneidenden Maßnahmen mit dem anhaltend schwachen Werbemarkt. Man wolle sich stärker auf das Streaming-Geschäft fokussieren.

3. Wie russische Propaganda die Methoden des “Dritten Reichs” übernimmt
(de.ejo-online.eu, Swetlana Mikhailowa)
In ihrer Analyse zeigt Swetlana Mikhailowa detailliert auf, wie die heutige russische Kriegspropaganda gezielt Narrative und Methoden des “Dritten Reichs” übernehme, indem Wladimir Putin seinen Angriff auf die Ukraine als “aufgezwungenen Verteidigungskrieg” zum Schutz der eigenen Bevölkerung deklariere. Dabei bediene sich der Kreml systematischer Euphemismen, indem er etwa Krieg als “Spezialoperation” oder Explosionen als bloße “Geräusche” verharmlose und zugleich imperialistische Mythen eines grenzenlosen “ewigen Reiches” beschwöre. Die hohe Zustimmung der russischen Bevölkerung zeige die Wirksamkeit dieser Strategien.

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4. Gefälschtes Maduro-Foto: Wie es dazu kam – und was die Lehren sind
(morgenpost.de)
Die Funke Mediengruppe, konkret die “Berliner Morgenpost”, räumt ein, dass sie irrtümlich ein KI-generiertes Foto veröffentlicht habe, welches die angebliche Festnahme des venezolanischen Diktators Nicolás Maduro durch US-Truppen zeige. Das Bild sei von einer renommierten Agentur mit einem Begleittext geliefert worden, der die Echtheit der Szene suggeriert habe. Erst auf Nachfrage Dritter habe die Agentur bestätigt, dass die Aufnahme künstlich erzeugt worden sei. Man habe das Bild umgehend gelöscht und wolle künftig die internen Sicherheitsvorkehrungen gegen Manipulationen verstärken.

5. So funktioniert Bewegtbild für junge Zielgruppen
(blog.medientage.de, Lisa Priller-Gebhardt)
Die Filmproduzentin Corinna Mehner erkläre, dass die Generationen Z und Alpha keineswegs unter einer kurzen Aufmerksamkeitsspanne leiden, sondern aufgrund ihrer digitalen Sozialisation vielmehr eine komplexe, temporeiche und sprunghafte Erzählweise benötigen würden. Entscheidend für den Erfolg seien dabei eine Kommunikation auf absoluter Augenhöhe sowie eine spezifische Ästhetik. Junge Zielgruppen würden pädagogische Belehrungen ablehnen und sich stattdessen in den Protagonisten und Themen ihrer Lebenswelt wiederfinden wollen.

6. Rowohlt geht Väterrechtlern auf den Leim
(taz.de, Matthias Meisner)
Der Rowohlt-Verlag sei wegen eines geplanten Buchs über “Eltern-Kind-Entfremdung” in die Kritik geraten. Laut Experten bediene es wissenschaftlich widerlegte Narrative der sogenannten Väterrechtsbewegung. Besonders die Beteiligung des umstrittenen Lobbyisten Stefan Rücker, der das Nachwort verfasst habe, sei auf Unverständnis gestoßen. Der Verlag habe den Erscheinungstermin nun verschoben und wolle den Inhalt des Buchs prüfen.

7. Trump, Venezuela und die Medien
(radioeins.de, Lorenz Meyer, Audio: 4:22 Minuten)
Zusätzlicher Link, da in eigener Sache: Bei radioeins kritisiert der “6-vor-9”-Kurator eine verharmlosende und teils bewundernde Wortwahl deutscher Medien, die den völkerrechtswidrigen US-Angriff auf Venezuela mit Begriffen wie “Husarenstück” oder “kühne Machtdemonstration” beschreiben: “Wir erleben in Europa gerade eine Debatte darüber, wie wir mit einem Amerika umgehen, das sich nicht mehr an Regeln gebunden fühlt. Diese Debatte können wir nur führen, wenn wir die Dinge beim Namen nennen.”

Groks sexualisierte Deepfakes, Wachsender Druck, Wir lieben Mord

1. KI-Chatbot Grok zieht Frauen und Kinder digital aus – gegen ihren Willen
(spiegel.de, Pascal Mühle & Kim Staudt)
Eine neue Bildbearbeitungsfunktion des KI-Chatbots “Grok” auf der Plattform X (vormals Twitter) werde laut einer Studie von “AI Forensics” massenhaft missbraucht, um ohne Zustimmung der Betroffenen sexualisierte Deepfakes von Frauen und sogar Minderjährigen zu erstellen. Französische Staatsanwälte sowie die EU-Kommission hätten bereits Ermittlungen aufgenommen und harte Konsequenzen angedroht. Das Unternehmen xAI hätte auf Presseanfragen bisher nur mit standardisierten Vorwürfen gegen die “Lügen” der etablierten Medien reagiert.

2. Ukraine: Wie Militärs soziale Medien nutzen, um die Regierung zu kritisieren
(deutschlandfunk.de, Roman Goncharenko, Audio: 4:53 Minuten)
In der Ukraine habe sich eine neue Form der Berichterstattung etabliert, bei der Soldaten die Sozialen Medien nutzen würden, um Missstände öffentlich zu machen. Da eine einheitliche Regelung fehle und öffentliche Kritik meist toleriert werde, sähen Befürworter in dieser Transparenz ein notwendiges Korrektiv. Allerdings warne der ehemalige Armeesprecher Wladislaw Seleznjow davor, dass Russland diese offenen Debatten gezielt zur Destabilisierung und Propaganda nutze. Er plädiere für strengere Kontrollen.

3. Jörg Wagner über Medienjournalismus, Medienpolitik & seine Karriere
(youtube.com, Tilo Jung & Hans Jessen, Video: 5:46:55 Stunden)
Bei “Jung & Naiv” ist der bekannte Medienjournalist Jörg Wagner zu Gast, rekordverdächtige 5:46 Stunden. Wagner war fast drei Jahrzehnte Moderator und Redakteur des radioeins-Medienmagazins. “Ein Gespräch über Jörgs und Tilos Verhältnis, seine Arbeit als Medienjournalist beim rbb, seinen unfreiwilligen Abschied, die aktuelle rbb-Intendantin, ‘Staatsferne’ des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, kritische Berichterstattung über das eigene Medienhaus, Pressefreiheit und die Presse als ‘vierte Gewalt’, den Mangel an Medienmagazinen im ÖRR, Selbstzensur und vorauseilender Gehorsam im System”.

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4. Freie Berichterstattung ermöglichen
(djv.de, Hendrik Zörner)
Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) fordert die Regierung von Venezuela auf, eine freie Berichterstattung im Land zu ermöglichen. “Es geht nicht an, dass die Weltöffentlichkeit auf Informationen angewiesen ist, die aus dem Pentagon kommen oder durch den Zensurfilter der Regierung in Caracas gegangen sind. Journalistinnen und Journalisten der internationalen Medien müssen sich selbst ein Bild vor Ort machen können”, sagt der DJV-Bundesvorsitzende Mika Beuster.

5. Medien: Studie sieht wachsenden Druck durch Plattformen und KI
(swissinfo.ch)
Eine Studie der Universität Zürich prognostiziere, dass der Druck auf Medienhäuser bis 2035 massiv wachsen werde, da Plattformen und KI-Chatbots als primäre Informationsquellen an Bedeutung gewännen. Aufgrund dieser Entwicklung reiche eine rein marktwirtschaftliche Finanzierung des Journalismus künftig nicht mehr aus, zumal Tech-Anbieter journalistische Leistungen systematisch nutzen würden, ohne diese angemessen zu vergüten. Der Verlegerverband Schweizer Medien fordere daher politische Eingriffe zur Förderung der Medienkompetenz sowie gesetzliche Abgeltungsmodelle.

6. Wir lieben Mord: So stirbt das Land im Fernsehen
(telepolis.de, Christian Bartels)
Der Autor Christian Bartels kritisiert die enorme Masse an Krimis im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, in denen nach seiner Zählung allein im Jahr 2025 über 400 Menschen fiktiv ermordet wurden. Anhand einer Auflistung teils skurriler Handlungen demonstriert Bartels die unfreiwillige Komik und Monotonie dieser Formate. Trotz der ständigen Wiederholung des Schreckens würden Krimis das beliebteste Abendritual der Deutschen bleiben.

Reichelt verliert erneut, “Yandex”, Gerichtliche Social-Media-Sperren

1. Julian Reichelt verliert erneut gegen Alfonso Pantisano
(queer.de)
Das Oberlandesgericht Frankfurt am Main habe dem “Nius”-Chefredakteur Julian Reichelt untersagt, die Falschbehauptung zu wiederholen, der Berliner Queerbeauftragte Alfonso Pantisano habe einen wegen Besitzes kinderpornografischer Schriften verurteilten Mann finanziert. Entgegen der Darstellung Reichelts habe das Gericht festgestellt, dass für die betreffenden “Kieztouren” keine Landesmittel geflossen seien, sondern diese rein privat organisiert und bezahlt worden seien. Pantisano habe den Beschluss als Sieg gegen ein “Fake-News-System” bezeichnet.

2. Eine Startseite für Kreml-Propaganda
(taz.de, Nicholas Potter)
Trotz bestehender EU-Verbote erreiche russische Kriegspropaganda über die Tech-Plattform “Yandex” (inzwischen “Dzen”) in Deutschland weiterhin ein Millionenpublikum. Das Portal sei mit rund 27 Millionen monatlichen Aufrufen hierzulande sogar populärer als die BBC oder die “Süddeutsche Zeitung”. Da die Plattform mittlerweile dem staatlich kontrollierten VK-Konzern gehöre, würden auf der Startseite systematisch nur Inhalte kremltreuer Medien wie “RT” und “RIA Novosti” ausgespielt.

3. Pariser Gericht ver­hängt Haft­strafen und Social-Media-Sperren
(lto.de)
Ein Pariser Gericht habe zehn Angeklagte wegen massiven Cybermobbings gegen Frankreichs First Lady Brigitte Macron zu mehrmonatigen Bewährungsstrafen sowie Social-Media-Sperren verurteilt. Der Richter habe das harte Urteil mit einer “Welle des Hasses” begründet, unter der die Betroffene und deren Familie massiv gelitten hätten. Die Verurteilten seien zudem zu Pflichtseminaren für respektvollen Umgang im Internet sowie Geldstrafen herangezogen worden.

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4. Authentisch inszeniert: Die Macht der Influencer
(youtube.com, Tanjev Schulz & Markus Wolsiffer, Video: 45:55 Minuten)
Bei “Die Medienversteher” diskutieren Tanjev Schulz und Markus Wolsiffer darüber, dass Influencer längst nicht mehr nur Lifestyle-Themen bedienen, sondern als “Newsfluencer” oder politische Kommentatoren zunehmend auch journalistische Funktionen übernehmen. Die oft beschworene Authentizität sei meist nur eine “strategisch expressive Inszenierung”, die Nutzerinnen und Nutzer täusche und im Gesundheitsbereich durch fehlende Expertise sogar gefährlich werden könne.

5. Newsletter-Abschied
(us8.campaign-archive.com, Christian Fahrenbach)
Nach elf Jahren und rund 2.250 Ausgaben verabschiedet sich Christian Fahrenbach von der “Morgenpost” der “Krautreporter”, um künftig als US-Korrespondent für das “Redaktionsnetzwerk Deutschland” zu berichten. Rückblickend betont er, dass guter Journalismus die Leserinnen und Leser entlasten und Ängste mindern solle, anstatt sie mit Lärm und Elitarismus zu überfordern. Fahrenbach habe die Erfahrung gemacht, dass ein respektvoller Umgang auf Augenhöhe und Transparenz über die eigene Haltung wichtiger seien als vermeintliche Neutralität.

6. TikTok-Charts: Viraler “Denkzettel” hängt News-Inhalte ab
(dwdl.de, Simon Pycha)
Zum Jahreswechsel hätten Redaktionen wie “Spiegel” und “Stern” ihre Strategie auf TikTok angepasst und würden nun verstärkt auf moderierte Videos setzen. Der höhere Produktionsaufwand habe sich in den Abrufzahlen bislang jedoch noch nicht niedergeschlagen. An der Spitze des Publisher-Rankings habe im Dezember “Sky Sport” gestanden, mit einem viralen Clip über Fußballer Mo Salah.

Kein Recht auf Putin-Propaganda, Denkfabriken, Ab jetzt gemeinfrei

1. Es gibt kein Recht auf Putin-Propaganda
(taz.de, Nicholas Potter)
Der Schweizer Publizist Roger Köppel habe in einem Gastbeitrag für die “Welt” die Europäische Union als “eine weit größere Gefahr als China oder Russland” für Europa bezeichnet und mache dies an der Sanktionierung eines Schweizers fest. Nicholas Potter kommentiert: “Die Meinungsfreiheit ist in einer Demokratie ein hohes Gut, das geschützt werden muss. Doch die Meinungsfreiheit bedeutet nicht die Freiheit, unwahre Tatsachenbehauptungen in die Welt zu streuen. Sie bedeutet auch nicht die uneingeschränkte Freiheit, Propaganda auf professionelle Art zu verbreiten, um die Kriegsziele eines autoritären Regimes zu unterstützen.”

2. Frankreich ermittelt gegen Elon Musks KI-Firma wegen sexualisierter Fotos
(spiegel.de)
Französische Staatsanwälte hätten Ermittlungen gegen Elon Musks Unternehmen aufgenommen, nachdem der KI-Chatbot Grok sexualisierte Bilder von Frauen und Minderjährigen auf der Plattform X verbreitet habe. Wegen dieser Vorfälle würden den Verantwortlichen nun empfindliche Geld- und Haftstrafen drohen. Musk habe auf Kritik an Groks Vorgehen lediglich spöttisch reagiert. Über den Chatbot seien jedoch automatisierte Bitten um Entschuldigung veröffentlicht worden, die technisches Versagen als Ursache angegeben hätten.

3. Wie Medien Interessen transparent machen sollten
(deutschlandfunk.de, Sören Brinkmann, Audio: 36:10 Minuten)
Im Deutschlandfunk (DLF) kommen regelmäßig Hörerinnen und Hörer zu Wort. Manchmal liefern sie sogar die Idee für eine ganze Sendung und tauschen sich darin mit Expertinnen und Experten aus. In dieser Folge des Podcasts “Nach Redaktionsschluss” geht es um die Frage, wie Medien mit Denkfabriken umgehen sollten. Es diskutieren DLF-Hörer Philippe Ploch, Kathrin Kühn aus der DLF-Wissenschaftsredaktion und Heribert Hirte von Transparency Deutschland.

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4. Die Medienhölle – Pilotfolge
(youtube.com, Jörg Wagner, Video: 32:35 Minuten)
Man kann Jörg Wagner getrost als Legende des Medienjournalismus bezeichnen: Mehrere Jahrzehnte war er Kopf und Stimme des “Medienmagazins” beim RBB-Sender radioeins (dazu zwei Lesetipps: Über Wagners RBB-Abschied hat Anne Fromm bei der “taz” geschrieben, bei “Übermedien” hat Stefan Niggemeier mit ihm über seine lange Medienkarriere und die Gründe seines Ausscheidens gesprochen). Doch nun ist Wagner zurück: unter eigenem Namen und auf YouTube. Der Name seines Projekts: die “Medienhölle”.

5. Es war einmal um 20:15 Uhr: Kommt 2026 das Happy End fürs Lineare?
(dwdl.de, Peer Schader)
Das Jahr 2026 markiere laut Peer Schader endgültig den Übergang vom linearen Fernsehen zum Streaming, was sich symbolisch am Wechsel der “Bambi”-Verleihung zu Amazon Prime sowie an der statistisch belegten Dominanz von Abrufinhalten in den USA zeige. Auch hierzulande reagiere die Branche nun konsequent auf den Verlust des klassischen “Lagerfeuer”-Effekts. Sender wie RTL würden angesichts wegbrechender linearer Reichweiten bei jüngeren Zielgruppen massiv Stellen abbauen und ihre Ressourcen auf eigene Plattformen umschichten.

6. Diese Werke sind ab heute gemeinfrei
(netzpolitik.org, Timur Vorkul)
Zum “Public Domain Day” am 1. Januar seien zahlreiche Werke in den Besitz der Allgemeinheit übergegangen, da in Europa die Urheberrechte für alle 1955 verstorbenen Künstlerinnen und Künstler sowie weiterer Persönlichkeiten, darunter Thomas Mann, Fernand Léger und Albert Einstein, erloschen seien. Diese nun gemeinfreien Arbeiten dürfen ab sofort ohne Einschränkungen kopiert und angepasst werden. In den USA würden Werke des Veröffentlichungsjahres 1930 gemeinfrei, wie etwa Agatha Christies erster Miss-Marple-Krimi.

Peinlichkeiten des Medienjahres, Macht der Bilder, Alle Jahre wieder

Dies ist die letzte “6-vor-9”-Ausgabe des Jahres. Wir wünschen allen Leserinnen und Lesern, Unterstützerinnen und Unterstützern schöne Feiertage, frohe Weihnachten und einen guten Start ins neuen Jahr! Hier geht es am 5. Januar wieder los.

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1. Justizministerium veröffentlicht Gesetzentwurf zur Vorratsdatenspeicherung
(netzpolitik.org, Andre Meister)
Im inzwischen dritten Anlauf für eine Vorratsdatenspeicherung in Deutschland wolle die Bundesregierung Internetprovider zu einer dreimonatigen Speicherung der IP-Adressen aller Nutzerinnen und Nutzer verpflichten. Andre Meister hat sich den Gesetzesentwurf des Justizministeriums (PDF) mit einem kritischen Blick angeschaut.
Weiterer Lesetipp: Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) lehnt die Pläne der Bundesregierung ab. Der DJV-Bundesvorsitzende Mika Beuster sieht in dem Vorhaben eine getarnte Neuauflage der Vorratsdatenspeicherung, die den Schutz journalistischer Quellen gefährde. Er verweist zudem auf vergangene Gerichtsurteile gegen eine anlasslose Massenspeicherung und sagt eine erneute juristische Niederlage voraus. (djv.de, Hendrik Zörner)

2. Persönlichkeitsrechte gelten auch für Sexarbeiterinnen
(taz.de, Johanna Treblin)
Ein Schweizer Gericht habe entschieden, dass die “Weltwoche” die Persönlichkeitsrechte der Autorin und Sexarbeiterin Hanna Lakomy verletzt habe. Ein Journalist des Magazins habe sie nach einer abgelehnten Interviewanfrage als Kunde gebucht und anschließend, ohne Lakomys Einverständnis, einen Artikel über das Treffen veröffentlicht. Das Urteil stelle klar, dass auch Sexarbeiterinnen ein Recht auf Privatsphäre hätten, die “Weltwoche” den Text löschen und den damit erzielten Gewinn offenlegen müsse.

3. Goldener Günter 2025: Das sind die Peinlichkeiten des Medienjahres
(dwdl.de)
Das Medienmagazin “DWDL” verleiht zum 18. Mal seinen Negativpreis “Goldener Günter” für die größten Peinlichkeiten und Pannen des vergangenen Medienjahres. Zu den elf von der Redaktion ausgewählten Fehltritten zählen unter anderem das glücklose Comeback von Stefan Raab, die “Heuchelei des Jahres” von “Bild”-Unterhaltungschefin Tanja May sowie diverse “Kommunikationsdesaster” der öffentlich-rechtlichen Sender. Die Leserschaft habe nun die Möglichkeit, bis zum 28. Dezember online über den sogenannten “Super-Günter” abzustimmen.

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4. Wie mächtig sind Bilder?
(arte.tv, Julia Fritzsche, Video: 29:45 Minuten)
“Wieso verdichten manche Bilder welthistorische Ereignisse zu einem einzigen, emotional aufgeladenen visuellen Moment? Und wie können wir alle heute, wo wir mehr denn je selbst Bilder machen und verbreiten, die Macht der Bilder brechen?” Diesen Fragen geht Julia Fritzsche in ihrer Arte-Doku über die “Macht der Bilder” nach.

5. Europas Machtprobe mit den Plattformen
(verdi.de, Federica Matteoni)
Mit dem Digital Services Act wolle die EU große Online-Plattformen zu mehr Transparenz zwingen und die Verbreitung illegaler Inhalte eindämmen. Die praktische Durchsetzung erweise sich jedoch als schwierig, wie aktuelle Verfahren gegen den Dienst X (ehemals Twitter) sowie arbeitsrechtliche Konflikte bei TikTok verdeutlichen würden. Gleichzeitig löse die Einführung staatlich anerkannter Meldestellen eine hitzige Debatte darüber aus, wie viel staatliche Regulierung die Meinungsfreiheit verträgt.

6. Alle Jahre wieder
(medienkuh.de, Kevin Körber & Dominik Hammes, Audio: 2:07:42 Stunden)
Das Jahr ist fast rum, und die wichtigste Frage bleibt: Was gucken wir, wenn die Verwandtschaft nervt? Kevin Körber und Dominik Hammes blättern sich durch das Fernsehprogramm und checken, was die Flimmerkiste an den Feiertagen 2025 hergibt. Ein streng persönlicher Wegweiser durch das Sendeschema.

Nicht zum Jubeln, Gespräche aufnehmen, Prägende Internetstars

1. Nicht zum Jubeln
(taz.de, André Zuschlag)
Das Hamburger Landgericht habe die Klagen gegen “Correctiv” zwar abgewiesen, dennoch sei die Argumentation der Kläger nicht völlig von der Hand zu weisen. Ein Großteil der Öffentlichkeit habe den Text tatsächlich als Tatsachenbericht über konkrete Ausweisungspläne missverstanden. Dies bringt André Zuschlag in seinem Kommentar zu folgendem Fazit: “Juristisch war die Berichterstattung weitgehend sauber, journalistisch hingegen – ein bisschen weniger.”
Weiterer Lesetipp: Felix W. Zimmermann, Chefredakteur bei “Legal Tribune Online”, sieht in der Entscheidung des Landgerichts “kein gutes Urteil für die Debattenkultur” und kommentiert: Die Begründung des Gerichts “ist nichts anderes als eine vorsätzliche Realitätsverweigerung.” (lto.de)

2. Gespräche aufnehmen: Was ist erlaubt?
(verdi.de, Jasper Prigge)
Rechtsanwalt Jasper Prigge erläutert, dass das “Recht am eigenen Wort” grundsätzlich davor schütze, dass nichtöffentlich getätigte Äußerungen ohne Erlaubnis aufgezeichnet werden. Strafbar sei das Mitschneiden laut Gesetz nur dann nicht, wenn eine “faktische Öffentlichkeit” gegeben sei, in der auch unbeteiligte Dritte das Gespräch mithören könnten. Da auch die Verbreitung rechtswidriger Aufnahmen verboten sei, werde Journalistinnen und Journalisten im Zweifelsfall empfohlen, auf wörtliche Zitate zu verzichten und Inhalte stattdessen zu paraphrasieren.

3. Weimer stellt Kompromiss “in wenigen Wochen” in Aussicht
(dwdl.de, Alexander Krei)
Kulturstaatsminister Wolfram Weimer habe nach den jüngsten Verzögerungen eine baldige Einigung im Streit um die Investitionsverpflichtung für die Filmbranche in Aussicht gestellt. Der diskutierte Kompromiss sehe vor, zunächst mit freiwilligen Selbstverpflichtungen zu starten und erst bei einer negativen Evaluation zur Mitte der laufenden Legislaturperiode ein Gesetz einzuführen. Obwohl die SPD ursprünglich auf eine gesetzlichen Regelung bestanden habe, habe sich Weimer zuversichtlich gezeigt, mit diesem stufenweisen Vorgehen in wenigen Wochen eine Lösung zu finden.

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4. Newsletter Netzwerk Recherche 252
(netzwerkrecherche.org, Greta Linde & Daniel Drepper)
Wie immer eine Empfehlung wert, nicht nur für investigativ arbeitende Journalistinnen und Journalisten: der Newsletter des Netzwerk Recherche. Die aktuelle Ausgabe beginnt mit einigen Worten von Daniel Drepper über dessen Erfahrungen in den USA und die aktuellen Herausforderungen im Journalismus. Darüber hinaus gibt es einen Überblick über medienrelevante Nachrichten, Veranstaltungen, Preise und Stipendien.

5. Kommerzielle Komedy
(setup-punchline.de, Bernhard Hiergeist)
Bernhard Hiergeist holt für die neue Ausgabe seines Newsletters “Noten zur Comedy” noch einmal einen historischen Abmahnfall aus dem Archiv: Im Jahr 2011 habe Comedian Mario Barth einen T-Shirt-Hersteller abgemahnt, weil dieser den Spruch “Nichts reimt sich auf Uschi” verwendet habe. Dabei habe Barth den Slogan, der eigentlich von Oliver Kalkofe und Dietmar Wischmeyer stamme und den er selbst als Allgemeingut bezeichne, zuvor markenrechtlich schützen lassen. Dies zeige laut Hiergeist eine irritierende Doppelmoral und einen fehlenden Sinn für Selbstironie.

6. Zehn Internetstars, die das Jahr prägten
(spiegel.de, Markus Böhm & Pascal Mühle)
Markus Böhm und Pascal Mühle porträtieren zehn Internetpersönlichkeiten, die das Jahr 2025 mit ihren viralen Erfolgen und unterschiedlichen Inhalten maßgeblich geprägt hätten. Die Bandbreite der vorgestellten Personen reicht dabei vom weltweit bekannten US-Streamer IShowSpeed über den 88-jährigen Newcomer Opa Werner bis hin zur 15-jährigen Rapperin Zahide, die über TikTok in die Charts gelangt sei. Neben klassischem Entertainment wie Gaming oder Comedy hätten sich auch Nischenthemen wie Döner-Tests, Medienkritik und Lyrik erfolgreich im Netz etabliert.

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BILDblog-Klassiker

neu  

Von Katzen und dummen Menschen

Gestern berichtete “Bild”:

… und okay-okay, im letzten Absatz, ganz am Ende ihrer Berichterstattung hat “Bild” im Vornamen der darin zitierten Tierschützerin “Annelise Krauß” ein “e” vergessen. Aber selbst Anneliese Krauß findet das nicht so schlimm. Allerdings steht ihr Name natürlich nicht nur zum Spaß in “Bild”. Zitiert wird sie dort – und zwar wie folgt:

‘Das ist so schlimm wie grausame Tierversuche’, wettert Annelise Krauß vom Tierschutzverein Dresden.”

Und das sei nun wirklich “Quatsch”, sagt Krauß, wenn man sie fragt. Weil sie nämlich den von “Bild” zitierten Satz weder gewettert noch gesagt habe. Im Gegenteil: “Das wäre ja auch idiotisch,” sagt Krauß, “denn wenn es um tote Tiere geht, dann ist das ja kein Problem des Tierschutzes!” Zusammenfassend sagt uns die Tierschützerin über die Erfindung von Christian Koch (der laut “Bild” ja “aus Katzen Benzin machen” kann):

“Von unserer Seite ist daran nichts auszusetzen.”

Und genau so habe sie das im Übrigen auch zu “Bild” gesagt. (Aber, so Krauß weiter, wenn “der Herr Helfricht”, also einer der Autoren des “Bild”-Artikels, sie anrufe, dann wisse sie schon aus Erfahrung, dass hinterher Sachen in “Bild” stünden, die sie so gar nicht gesagt habe. Das gehe in Dresden schließlich schon über zehn Jahre so, so Krauß. — Und soviel vielleicht nur zum letzten Absatz des obigen Artikels.)

Kommen wir zum Rest, dem Eigentlichen, also darum, dass “Dr. Christian Koch (55) aus Kleinhartmannsdorf (Sachsen)”, wie es in “Bild” heißt, “aus Katzen Benzin machen” könne: Denn dass die “Benzin”-Überschrift Unsinn ist, verrät schließlich schon der dazugehörige “Bild”-Text selbst, weil darin nur von “Bio-Diesel” oder “Diesel” die Rede ist… Tatsächlich aber hat Koch offenbar eine ungewöhnliche und effektive Alternativmethode zur Treibstoffgewinnung entwickelt: die katalytische drucklose Verölung (KDV), über die beispielsweise schon der MDR im Mai 2003, 3sat im Juli 2004, die “Welt” im Januar 2005, die “Pirmasenser Zeitung” im Juli, der RBB vergangene Woche oder auch RTL berichteten. Und all diesen Berichten ist eines gemein: dass sie dem Gegenstand, über den sie (durchaus auch kritisch) berichten, gerecht werden.

“Bild” indes nennt Kochs Erfindung einen “Spezialreaktor” und schreibt Sätze wie diesen:

“Die Katzen-Kraft lässt sich theoretisch exakt berechnen: Aus einem ausgewachsenen 13-Pfund-Kater könnten 2,5 Liter Sprit entstehen, vier Miezen würden für 100 Kilometer reichen, für eine Tankfüllung wären 20 tote Katzen erforderlich.”

Und fragt man einfach mal nach bei dem “Mann, der (Stuben-)Tiger in den Tank packen kann” (“Bild”), antwortet Christian Koch, der “Bild”-Bericht habe “nichts mit der Wahrheit zu tun” und sei “zudem grenzenlos dumm”. Koch weiter:

“Wie kann man mit gekochtem tierischen Material Auto fahren? Wasser würde jeden Motor sofort zum Stillstand bringen. Hier wird an die niedrigsten Instinkte von dummen Menschen appelliert, um eine wertvolle Entwicklung zu verunglimpfen. (…) Mir zu unterstellen, dass ich mit Tierkadavern herumhantiere, ist kriminell. Das ist nicht im geringsten der Inhalt der Entwicklung und kann deshalb nur als gezielte Verleumdung angesehen werden.”

Auf der Website von Kochs Firma heißt es zudem inzwischen:

Mit Dank an Jan S. für die Anregung.
 
Nachtrag, 12:15:
“Bild” hat die Sache mit der “Katzen-Kraft” heute noch einmal aufgegriffen:

Darf man aus Katzen wirklich Benzin machen?

Doch wenn es jetzt etwas vorsichtiger als gestern heißt, dass Christian Koch “theoretisch auch aus Katzen” Bio-Diesel herstellen “könnte”, wenn jetzt nicht Koch, sondern ein Konkurrent die gestern von “Bild” aus der Luft gegriffene Skandalisierung zurechtrücken darf, wenn nun auch die gelassene Position der Tierschützer weniger sinnenstellend als gestern wiedergegeben wird und sich im heutigen “Bild”-Bericht immerhin ein einziger halbwegs sinnvoller Satz (“Die Diskussion ist überflüssig”) wiederfindet, dann macht das alles den Nonsens von gestern weder ungeschehen noch besser — und sei es nur deshalb, weil es “Bild” offenbar immer noch nicht gelingen will, zwischen “Benzin” (Überschrift) und “Diesel” (Text) zu unterscheiden…

Mehr dazu hier und hier.