Neue Schmutz-Kampagne bei „Bild“

Ganz am Ende des Artikels fällt ein entscheidender Satz:

Für die Echtheit der E-Mails gibt es keinen Beweis.

Und es ist noch schlimmer: Es spricht einiges dafür, dass die E-Mails, auf denen die heutige „Bild“-Titelstory basiert, Fälschungen sind. Doch das hielt die Redaktion und „Bild“-Autor Filipp Piatov nicht davon ab, diese Geschichte zu bringen (bei Bild.de hinter der Bezahlschranke):

Ausriss Bild-Titelseite - Neue Schmutz-Kampagne bei der SPD - Es geht um brisante Mails, den Juso-Chef und einen Mann namens Juri

„Juso“-Chef Kevin Kühnert soll sich für seine #NoGroKo-Kampagne Hilfe von „einem Russen namens ‚Juri‘ aus St. Petersburg“ geholt haben — Social Bots, gefälschte Facebook-Accounts und Stimmungsmache inklusive. Wobei, das ist schon falsch. Der „angebliche Kühnert“ soll das getan haben. So schreibt es Piatov. Der „Bild“-Autor scheint also zu wissen, dass da was nicht stimmt. Auch weil er bei Kühnerts Pressesprecher nachgefragt hat, und dieser Piatov erklärt hat, dass von der Mail-Adresse, von der die „brisanten Mails“ stammen sollen, gar keine Nachrichten verschickt werden können:

Was sagt der Juso-Chef zu den Vorwürfen? „Wir würden niemals auf solche Methoden zurückgreifen“, so Kühnerts Sprecher. Der Schreibstil entspreche nicht dem des Juso-Chefs, sein Englisch sei „nicht besonders gut“. Zudem seien die E-Mails von kevin.​[email protected]​jusos.​de geschickt worden — laut den Jusos „technisch nicht möglich“. Als Absender-Adresse tauche bei Kühnert stets die SPD-Adresse kevin.​[email protected]​spd.​de auf.

Spätestens an diesem Punkt hätte die Recherche von „Bild“-Autor Piatov zu Ende sein können. Denn damit ist klar: Der „anonyme Informant“, der sich an die „Bild“-Redaktion gewendet hat, ist offenbar ein Hochstapler und dazu kein besonders guter. Doch statt diesem „Informanten“ zu sagen, dass er Mist erzählt, haben „Bild“ und Piatov das Material angenommen und eine große Titelgeschichte daraus gestrickt.

Wir haben auch noch mal nachgefragt bei Kühnerts Sprecher Benjamin Köster. Der bestätigt: Es gebe zwar die Adresse [email protected], allerdings verberge sich hinter ihr kein eigenes Postfach. Mails, die an diese Adresse geschickt werden, würden automatisch weitergeleitet. In Kühnerts Fall an dessen @spd.de-Adresse, bei anderen „Juso“-Mitgliedern teilweise an private Mail-Adressen. Da sich hinter ihr kein Mail-Postfach verberge, könne man von der @juso.de-Adresse auch keine Nachrichten verschicken, so Köster. Und wir haben nachgeschaut: Auch E-Mails von Kühnerts „Juso“-Chef-Vorgängerin Johanna Uekermann kamen stets von einer @spd.de-Adresse.

Da kommt also irgendein Hanswurst mit offensichtlich gefälschten Beweisen daher — und „Bild“ macht daraus eine Geschichte? Eine Titelgeschichte? Wie einfach ist es bitte, mit seiner Desinformation auf die „Bild“-Titelseite zu gelangen?

Timo Lokoschat, seit Kurzem leitender Redakteur bei „Bild“, glaubt an eine „Intrige“* gegen Kühnert und dessen #NoGroKo-Vorhaben und findet den „Krimi“ allein deshalb „unbedingt berichtenswert“. Eine „Intrige“? Wenn irgendein Wichtigtuer mit billig gefälschten E-Mail-Texten ankommt? Eine solche „Intrige“ kann jeder Teenager mit Zugang zu Microsoft Outlook in dreieinhalb Minuten entwerfen. Und wird das alles nicht erst zur „Intrige“ durch die Veröffentlichung auf der „Bild“-Titelseite? Macht nicht „Bild“ das ganze erst zur „Schmutz-Kampagne“? „Bild“ ist die „Schmutz-Kampagne“.

Jedenfalls: Wenn das eine „Intrige“ sein soll, die es wert ist, groß auf einer Titelseite thematisiert zu werden, dann wären die Titelseiten aller deutschen Zeitungen nur noch voll mit derart dünnen Geschichten. Ständig melden sich irgendwelche Leute mit irgendwelchen vermeintlichen brisanten Dokumenten bei Redaktionen. Oft sogar bei allen auf einmal in großen Sammelmails. In fast allen Fällen ist der Verschwörungsschmu so schnell zu durchschauen wie die heutige „Bild“-Story. Diese Titelgeschichte ist nichts anderes als Nichts, ganz groß aufgepumpt.

Apropos, zum Abschluss hätten wir auch noch ein Angebot: Hallo „Bild“, hallo Filipp Piatov, hallo Timo Lokoschat, wir haben hier noch Screenshots mehrerer E-Mails von [email protected] rumliegen, in denen die Bundeskanzlerin den minutiös geplanten Austausch der deutschen Bevölkerung durch CDU-wählende Syrer bestätigt. Na, wäre das nicht was für euch?

*Nachtrag, 22:16 Uhr: Timo Lokoschat hat seinen Tweet inzwischen gelöscht.

Nachtrag, 21. Februar: Nun stellt sich raus: Hinter den „brisanten Mails“ steckt das Satire-Magazin „Titanic“.