Mit Narrenfreiheit zur Knaller-Geschichte

Streit und Blut, eine hübsche Frau, Narren und ein lokaler Schlagerstar — klar, dass die Stuttgart-Redaktion der „Bild“-Zeitung diese Geschichte gestern mitnehmen musste:

Der schwäbische Schlagerstar Frank Cordes (46) ist von einem wütenden Faschingsnarren (20) in die Klinik geprügelt worden. Blutiger Streit um eine hübsche Närrin.

Bild.de berichtete ebenfalls, um den Text lesen zu können, braucht man allerdings das kostenpflichtige „Bild plus“-Abo.

Bei der Beschreibung, was am vergangenen Samstagabend bei einer Faschingsfeier im baden-württembergischen Geislingen geschehen war, bezieht sich „Bild“ vor allem auf „Schlagerstar Frank Cordes“:

Schlagersänger Frank zu BILD: „Ich war dort zu Besuch, trank mit meiner Cousine ein Bier. Da wurde ich angerempelt und trat einer jungen Dame versehentlich auf den Fuß.“

Zwei Sekunden später gingen ihm die Lichter aus!

Der Sänger: „Eine Faust traf mich voll am Auge. Ich ging bewusstlos zu Boden, wachte eine halbe Stunde später blutüberströmt auf.“

Es handele sich um einen „Gewalt-Ausbruch beim Fasching“, schreibt „Bild“. Und Grund dafür sei eben ein „Streit um eine hübsche Närrin“ gewesen.

Von allen möglichen Seiten gibt es Widerspruch zu dieser „Bild“-Geschichte. Augenzeugen sagen, die Darstellung des Boulevardblatts sei hanebüchener Unsinn. Mitarbeiter des „Rote Kreuzes“ sagen, sie hätten an dem Abend niemanden behandelt, der „blutüberströmt“ war. Und selbst Frank Cordes sagt, dass einiges, was in „Bild“ steht, nicht stimmt. Doch der Reihe nach.

Michael Würz hat den Fall für den „Zollern-Alb-Kurier“ nachrecherchiert. Inzwischen scheint klar zu sein, dass Frank Cordes bei der Fete in Geislingen tatsächlich einen Schlag abbekommen hat. Das zuständige Polizeipräsidium Tuttlingen hat Würz bestätigt, dass sich ein 27-Jähriger (und nicht 20-Jähriger, wie „Bild“ schreibt) gestellt habe. Aktuell steht Aussage gegen Aussage, wie es genau zu dem Streit gekommen ist. Frank Cordes behauptet, er sei einer Frau auf den Fuß getreten und habe dann den Schlag abbekommen. Zeugen behaupten laut „Zollern-Alb-Kurier“, dass die Aggressionen von Cordes ausgegangen seien:

Tatsächlich habe Frank Cordes beim Tanzen eine Frau angerempelt. „Sie hat ihn nur gebeten, mehr Abstand zu halten“, versichert der Zeuge.

Daraufhin habe sich eine Diskussion entwickelt, der Schlagersänger sei aggressiv und bedrohlich geworden. „Er wollte dann sogar auf die Frau und einen weiteren Mann losgehen“, behauptet der Zeuge. Dazu kam es nicht. Mit einem Faustschlag sei Cordes gestoppt worden.

Wer nun wirklich die Situation herbeigeführt und angeheizt hat, können wir auch nicht sagen. Dass es überhaupt dazu gekommen ist, scheint aber nicht an einem „Streit um eine hübsche Närrin“ gelegen zu haben, wie „Bild“ schreibt, sondern an einer simplen Rempelei.

Merkwürdig an der „Bild“-Geschichte ist auch Cordes‘ Aussage, dass er nach einer halben Stunde „blutüberströmt“ aufgewacht sei. Das Zelt, in dem die Faschingsfeier stattfand, war nicht sonderlich groß. Einen Mann, der bewusstlos am Boden liegt, dürfte man dort nicht übersehen können. „Zollern-Alb-Kurier“-Redakteur Michael Würz hat deswegen beim „Roten Kreuz“ nachgefragt:

Kann einer im Festzelt eine halbe Stunde bewusstlos auf dem Boden liegen, ohne dass es jemand mitbekommt? Helfer des Roten Kreuzes sind am Samstagabend im Auftrag der Stadt im Einsatz; einer, der das wissen müsste, ist Christian Schluck, Bereitschaftsleiter des DRK-Ortsvereins Geislingen. „Ich hatte an diesem Abend selber Dienst“, sagt er. Dass Frank Cordes bewusstlos geprügelt worden sein soll — davon müsste er wissen. Doch Schluck kennt den Fall nicht.

Frank Cordes meint, nie gesagt zu haben, dass er eine halbe Stunde bewusstlos auf dem Zeltboden gelegen habe. Die „Bild“-Redaktion habe ihm diese Aussage in den Mund gelegt:

Am Mittwochabend ruft Frank Cordes in der Redaktion des ZOLLERN-ALB-KURIER an. Und räumt ein: Nicht alles, was am Mittwoch in der Bild-Zeitung geschrieben steht und was die Menschen in Geislingen so sehr auf die Palme bringt, entspreche der Wahrheit. Und nein, sagt er, eine halbe Stunde habe er nicht auf dem Boden in dem Zelt gelegen. Die Bild-Zeitung habe ihm das in den Mund gelegt.

In einem Facebook-Video hat „Bild“-Oberchef Julian Reichelt vorgestern 30 Minuten lang erklärt, „mit welchen Maßnahmen BILD gegen Fake News und Fehler“ vorgehen will. Es sei ein Team gegründet worden, das „Geschichten auf ihre Stimmigkeit überprüfen soll.“ Das ist wohl der zentrale Part von Reichelts angekündigten Konsequenzen auf den falschen „Sex-Mob“, den sein Blatt durch die Frankfurter „Freßgass'“ hat toben lassen. Immer dann, wenn sensible Stichwörter in einem „Bild“-Artikel vorkommen, werde dieses Team benachrichtigt.

Ginge es aber womöglich nicht viel einfacher? Sowohl beim falschen „Sex-Mob“ in Frankfurt als auch bei den schlagenden Narren in Geislingen war eine zentrale Fehlerquelle die Gier einer Redaktion nach einer Geschichte, zu der in der Konferenz später alle nickend sagen können: „Knaller!“ Anstatt einfach aufzuschreiben „A sagt das, B sagt das. Jetzt warten wir mal die Ermittlungen der Polizei ab“, dichten „Bild“-Mitarbeiter Dinge dazu, die ihre Story stärker machen. Beim „Sex-Mob“ waren es „900 größtenteils betrunkene Flüchtlinge“, die „nach BILD-Informationen“ zur „Freßgass'“ gezogen seien, und der Begriff „Sex-Mob“ selbst, den die Redaktion als Teil der Überschrift gewählt hatte. Bei der Faschingsparty in Geislingen sind es das falsche Gerücht, dass es bei der Auseinandersetzung um eine Frau ging, und wahrscheinlich auch eine Aussage, die laut dem Aussagenden nicht von ihm stammt.

Seinem Team sagte Julian Reichelt im Facebook-Video noch: „Check your facts!“ Gut wäre auch: „Don’t be so sensationsgeil!“

Mit Dank an @radiomachen für den Hinweis!