Posts Tagged ‘Norbert Körzdörfer’

Unverblumt

Böll über Blum

„Personen und Handlung dieser Erzählung sind frei erfunden. Sollten sich bei der Schilderung gewisser journalistischer Praktiken Ähnlichkeiten mit den Praktiken der ‚Bild‘-Zeitung ergeben haben, so sind diese Ähnlichkeiten weder beabsichtigt noch zufällig, sondern unvermeidlich.“
(Heinrich Böll in seiner Vorbemerkung zu „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“, 1974)
 
„Übrigens war die Reaktion der Presse, die sich getrost als mit diesem Buch ‚gemeint‘ verstehen konnte, (…) streckenweise geradezu albern. Man verzichtete auf die wöchentliche Bestseller-Liste, weil man das Buch hätte nennen müssen.“
(Heinrich Böll in seinem „Nachwort zur Neuausgabe: ‚Die verlorene Ehre der Katharina Blum'“, 1984)

Es begab sich aber zu der Zeit, als der deutsche Schriftsteller Heinrich Böll gerade einen Bestseller veröffentlicht hatte, welcher sich kritisch mit der „Bild“-Zeitung einer großen deutschen Boulevardzeitung auseinandersetzte (die Böll nur „ZEITUNG“ nannte) und von welchem noch heute behauptet wird, er habe an Aktualität nichts eingebüßt, dass die Bestseller-Listen, in denen Bölls Buch auftauchte, in den Zeitungen des Axel-Springer-Verlags plötzlich nicht mehr auftauchten.

Das war im September 1974.

Und warum wir das erzählen? Aus aktuellem Anlass natürlich. Denn auf die Frage, ob es ein Buch gebe, das sein Leben verändert habe, nennt der Komiker „Atze Schröder“ heute u.a.:

"Bölls

Verändert hat das Buch sein Leben aber offensichtlich nicht: Denn gefragt wurde „Atze Schröder“ von Norbert Körzdörfer — in einer großen deutschen Boulevardzeitung. Wir nennen sie „Bild“.

Fotobetexter verliert beim Teekesselchen-Spiel

Lieber Norbert Körzdörfer,

ich habe mal irgendwo gelesen, Ihre Chefs würden über Sie sagen: „Körzi kannst Du um drei Uhr in der Nacht anrufen. Er schreibt Dir jeden Nachruf, ohne irgend ein Faktum nachgucken zu müssen“. Und ich muss gestehen, ich hatte, als ich das las, so meine Zweifel…

Und nun ist also Jean-Claude Brialy gestorben, der französische Schauspieler, der eng mit der vor 25 Jahren gestorbenen Romy Schneider befreundet war — und Sie mussten für „Bild“ drüber schreiben. Ich habe nicht den Eindruck, dass Sie Brialy persönlich kannten. Oder gut. Aber immerhin: Sie haben sich vorbereitet und für Ihren kleinen Nachruf dieses Interview gelesen, das Brialy kürzlich dem „Spiegel“ gegeben hatte. Zumindest zitieren Sie daraus wörtlich, wenn Sie heute schreiben:

Romy-Tochter Sarah Biasini (29) hatte rotgeweinte Augen. Brialy fand ihre tote Mutter: „Wunderschön, schlafend, lächelnd.“

Solche Formulierungen, lieber Norbert, macht Ihnen keiner nach. Allein dieser fast lyrische Doppelpunkt! Ganz schön gewagt auch. Fand Brialy jetzt die tote Romy? Oder die tote Romy wunderschön? Ich weiß: Sie und ich kennen die Antwort — steht ja lang und breit in dem zitierten „Spiegel“-Interview, dass Brialy „im Radio, um 8 Uhr morgens“ von Romys Tod erfahren hat, aber wissen das auch Ihre Leser? Oder sehe ich jetzt schon Gespenster?!

Falls ja, will ich nichts gesagt haben…
Mit Gruß
Ihre Clarissa

Ach, eins noch: Weil ja nicht jeder schreiben kann, „ohne irgend ein Faktum nachgucken zu müssen“, sagen Sie doch bitte beim nächsten Mal den Kollegen in der Fotobetextungsabteilung von „Bild“ kurz Bescheid, wie Sie was meinen. Bei der Illustration Ihres Nachrufs haben die nämlich heute neben ein Brialy-Foto das hier geschrieben:

"Vor 25 Jahren fand er Romys Leiche"

Mit Dank an Oliver S. für den Hinweis.

Kurz korrigiert (419)

Hach, Catherine Deneuve! Norbert Körzdörfer ist für „Bild“ in Cannes, scheint ganz hingerissen von der Schauspielerin, nennt sie einen Oldie und schwärmt abschließend:

Die Franzosen meißelten ihren Kopf als Madeleine-Büste in jedes Rathaus.

Madeleine ist als Name eines in Portugal verschwundenen vierjährigen Mädchens gerade groß in den Medien. Körzdörfer meint bestimmt Marianne.

Danke an die vielen Hinweisgeber!

Nachtrag, 24. Mai. Bild.de hat aus Körzdörfers „Madeleine“ nun eine „Marianne“ gemacht.

Norbert „Röntgenbrille“ Körzdörfer

Norbert Körzdörfer, seit kurzem Universalkolumnist bei „Bild“, scheint nach wie vor mit seinem neuen Job als Klatschonkel und Fotobetexter zu fremdeln. Heute schreibt er über Katie Holmes und Victoria Beckham:

Kate & Victoria (bauchfrei) kamen zu seiner Boutique-Eröffnung in der Avenue Montaigne.

Und wenn wir uns das so ansehen

…könnte es höchstens sein, dass er meinte, Victoria Beckham sei ohne Bauch gekommen. Das tut sie aber schon länger.

Danke an Katharina L.!

Lieber Norbert Körzdörfer,

wir kennen uns noch nicht so gut. Früher haben Sie in „Bild“ immer über Tom Cruise geschrieben, mit dem Sie wohl ziemlich gut befreundet sind, aber ich mag den nicht so (wg. Scientology). Rasieren tue ich mich nicht, und einen Hund hatte ich selber mal. Aber nun schreiben Sie ja dort, wo mir bislang Ihre Kollegin Christiane „Ich weiß es“ Hoffmann erklärte, was auf diesen unvorteilhaften Britney-Spears-Fotos zu sehen war, über Prominente — über Tom Cruise zum Beispiel, oder heute: über Russell Crowe.

Anscheinend sind sie dem in einer Hotelbar in München begegnet. Zumindest gibt es ein Bild, auf dem sowohl Sie als auch Russell Crowe in einer Münchner Hotelbar zu sehen sind. „Bild“ nennt sowas, glaube ich, einen Foto-Beweis. Oder Leser-Foto. ;-) Sie tragen darauf lustige Hosenträger. Russel Crowe sieht ein bisschen müde aus, Sie munter. Vor Ihnen stehen zwei volle Gläser Rotwein, um die Sie Ihren Erlebnisbericht drumherumgeschrieben haben.

Sie schreiben, Crowe „schwenkt funkelnden Rotwein im Glas“, dann: „Er bestellt ‚Giesen‘-Weisswein aus Neuseeland (36 Euro)“. Später hebt er „das Glas mit einem Lächeln“ und am Ende Ihres Gesprächs („Er muss los“) sagt er: „Trinken Sie die Flasche für mich aus…“ Dazwischen stellen Sie ihm ein paar Fragen („Wie wichtig ist Liebe?“, „Wie wichtig ist Geld?“, „Ist Lifestyle unwichtig?“), die Crowe beantwortet („Das Wichtigste.“, „Unwichtig.“, „Unwichtig!“).

Ich habe, ehrlich gesagt, keine Ahnung, was Sie mir damit sagen wollen: Dass Ihnen jemand verraten hat, in welchem Hotel Russell Crowe abgestiegen ist, und Sie daraufhin in der Hotelbar auf ihn gewartet und ihn etwas voreilig zum Rotwein eingeladen haben, Crowe aber dummerweise lieber Weißwein trinkt und Sie dann mit der angebrochenen Flasche hat sitzen lassen?

Wie gesagt: Wir kennen uns noch nicht so. Und vielleicht müssen wir uns einfach nur aneinander gewöhnen.

Bis dahin also,
Ihre Clarissa

PS: Haben Sie diese CD, die Russell Crowe Ihnen geschenkt hat, wirklich einfach weiterverschenkt? Das können Sie doch nicht machen! Und schon gar in die „Bild“-Zeitung schreiben! Sie sind doch einer der profiliertesten Autoren Deutschlands.

Springers Home-Videos (1)

Anlässlich des Starts seiner neuen täglichen Kolumne „Blieswoods Gesellschaft“ gewährt Norbert Körzdörfer der neu gegründeten, hauseigenen Produktionsfirma Axel Springer Digital TV einen Einblick in sein „kreatives Chaos“. BILDblog dokumentiert Auszüge:

„An seinem 100 Jahre alten Schreibtisch aus der Normandie wird Norbert Körzdörfer ab dem 15. Januar täglich die Kolumne „Körzdörfers Gesellschaft schreiben“ (…), entweder mit Zettel und Stift, dem Rechner oder seinem Apple.

(…) Norbert Körzdörfer gehört zu den profiliertesten Autoren Deutschlands — sagt sein Chef Kai Diekmann über den Mann, dessen Kolumne in Zukunft von über 11 Millionen „Bild“-Lesern gelesen wird. Über Inhalte wird noch geschwiegen; Themen aus dem Leben des 52-Jährigen gibt es genug, sogar eine Audienz beim Papst.

(…) Bis zum Start der Kolumne wird seine Frau Babsi das Büro noch etwas aufräumen.“

Mit Dank an Heiko D.!

David Blieswood und seine Liebe zu Gillette

Der offizielle Berater des „Bild“-Chefredakteurs Kai Diekmann heißt Norbert Körzdörfer. Wenn er im Blatt schreibt, nennt er sich manchmal aber „David Blieswood“ (ein Pseudonym, das er der „Süddeutschen Zeitung“ so erklärte: „David ist unser Sohn, wir wohnen in Bliesdorf und träumten immer von Hollywood — so einfach ist das“).

Als Blieswood schrieb Körzdörfer auch schon für „Welt“ und „Welt am Sonntag“. Und man könnte sagen, er ist sich über viele Jahre treu geblieben.

Blieswood am 25. September 2006 in „Bild“:

Ich nassrasiere mich mit einer Sensation: „Gillette Fusion“ (5 + 1 Klinge). Ich bin ein Babypopo.

Blieswood am 29. März 2003 in der „Welt“:

Ein Milliardär hatte Geburtstag. Worüber freute er sich am meisten? Über neue Rasierklingen aus den USA. Ich komme ins Bad. Da liegt ein Geschenk meiner Frau: Die neuen „Gilette Mach3 turbo“-Anti-Friction- Klingen. Ein Mann braucht so wenig zum Glück.

Blieswood am 9. September 2002 in der „Welt“:

Mein Lieblings-Friseur, Gerhard Meir, empfahl mir jetzt ein Wunder-Öl: „Huile de Rasage“ von „Clarins“ (ca. 30 Euro). Man schmiert einige Tropfen Öl auf die nasse Gesichtshaut – und gleitet mit dem „Mach 3“ von Gillette sanft drüber. Ein Gefühl wie beim Baby-Popo.

Blieswood am 23. August 1998 in der „Welt am Sonntag“:

Ich habe die Zukunft gespürt.

Sie heißt Gillette „Mach3“, kostet 7,99 Dollar. Es ist ein Quantensprung im jahrtausendalten Kampf Mann gegen Bart.

Angeblich über 500 Millionen Mark verschlang die Entwicklung der dreimesserigen Kompaktklinge. Blitztest: Das Gleiten ist wie Streicheln. Das Griffgefühl liegt zwischen Kartoffelschäler und Tapezierrolle.

Ein blauer Feuchtigkeits-Streifen löst die ewige Frage: Noch scharf oder fast schon stumpf? Wenn der Streifen weg ist, ist die Klinge verbraucht. Ein geniales Ding. Deutschland-Start: September. Preis: 13,99 Mark (Internet: www.gillette.com).

Danke an Nils M. für den Hinweis!

Nachtrag, 29. September. Aus David Blieswoods Buch „Das ABC der feinen Lebens-Art“ (Ullstein, 1999), S.76:

Nur wer sich naß rasiert, fühlt sich wie früher. Seit 20 Jahren rasiere ich mich mit den Top-Modellen von Gillette. Da tritt Langeweile ein. Ich testete den neuen „Wilkinson FX Performer“. Sanfter, aber nicht besser. Rückkehr zu „Gillette Sensor Excel“.

Mit Gillette in Blieswoods Seele blicken

Jeden Montag veröffentlicht Norbert Körzdörfer, offizieller Berater von Kai Diekmann, unter seinem Pseudonym „Blieswood“ in der „Bild“-Zeitung „Lebensregeln“. Darin fordert er zum Beispiel auf, „Ja zum Hunger“ zu sagen oder „Nein zur Sommer-Melancholie“.

Nicht immer wird offensichtlich, was ihn dazu bringt, bestimmte Ratschläge zu erteilen. Aber manchmal kann man es sich denken.

„Bild“-Artikel sind Anzeigen

Ist es vorstellbar, dass sich Unternehmen ganze Artikel in der „Bild“-Zeitung kaufen können? Schwerlich, oder?

Die „Bild“-Zeitung sah in dem Film „Da Vinci Code“, der von der Kritik sonst heftig verrissen wurde, „die Kino-Sensation des Jahres“. Das könnte daran liegen, dass „Bild“-Autor Norbert Körzdörfer der Film einfach gefiel. Oder daran, dass er „als einziger Reporter weltweit“ die „Hollywood-Legende Tom Hanks“ „exklusiv in Los Angeles“ treffen durfte. Oder daran, dass die „Bild“-Zeitung von der Produktionsfirma Sony für die Lobeshymmne bezahlt wurde.

Insgesamt drei Artikel hat Körzdörfer, laut Impressum „Berater des Chefredakteurs“, in der „Bild“-Zeitung über den Film geschrieben. Am 12. und 13. April 2006 erschienen zwei jeweils fast ganzseitige Artikel über das Treffen mit Tom Hanks. Am 18. Mai 2006 brachte „Bild“ eine Filmkritik unter Körzdörfers Pseudonym „Blieswood“.

Abgesehen von der positiven Bewertung und der mangelnden Distanz, die aber so etwas wie ein Markenzeichen Körzdörfers ist, deutete für „Bild“-Leser nichts darauf hin, dass es sich hier um Texte handeln könnte, für die die Produktionsfirma Geld gezahlt hat.

Anders bei Bild.de. Das „Bild“-Interview, das Körzdörfer geführt hat, ist hier unter einer Adresse veröffentlicht, die bei Bild.de normalerweise für „Partner“ (im Klartext: Werbekunden) reserviert ist und Sony als Auftraggeber nennt:

Das könnte man noch für ein Versehen halten. Aber nur, bis man die Ressortseite „Kino & TV“ von Bild.de besucht hat. Dort gibt es einen als „Anzeige“ gekennzeichneten Teaser für ein „Da Vinci Code“-Special (siehe Ausriss rechts, Hervorhebung von uns).

Der Teaser führt zu einer Bild.de-Seite, die komplett als Sony-Anzeige gekennzeichnet ist und den Copyright-Hinweis „© 2006 CTMG, Inc.“ trägt. Hier sind nicht nur Videoclips und Werbespiele zum Film verlinkt — sondern auch das Interview Körzdörfers und seine Filmkritik. Und alle sind pauschal und eindeutig als Werbung ausgewiesen:

Ist es also vorstellbar, dass sich Unternehmen ganze Artikel in der „Bild“-Zeitung kaufen können?

(Danke an Franzi für die Inspiration!)

Kurz korrigiert (95)

„Welche Filme lieben Sie, Tom Hanks?“, fragt „Bild“-Kolumnist Norbert Körzdörfer heute im zweiten Teil seines „Welt-Exklusiv!“-Interviews. Angeblich soll Hanks darauf u.a. geantwortet haben:

Wehe, Sie haben Gus Van Sant’s „Elefanten-Mann“ nicht gesehen!

Und dass er das wirklich so gesagt hat, ist eher unwahrscheinlich. Gus Van Sant hat nämlich überhaupt keinen Film dieses Namens gemacht. Wahrscheinlich meinte Hanks also Gus Van Sants „Elephant“. Den hat Körzdörfer aber offenbar nicht gesehen und ihn wohl mit David Lynchs „The Elephant Man“ verwechselt. Der heißt auf deutsch übrigens „Der Elefantenmensch“ und handelt im Gegensatz zu „Elephant“ von einem Mann, der am Proteus-Syndrom litt.

Mit Dank an Reinhard T. für den sachdienlichen Hinweis.

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