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Rechter Infokrieg, FB-Gegenrede, Bremens Social-Media-Schlapphüte

1. Steingarts Rechnung ging nicht auf
(ndr.de, Marvin Milatz & Lena Paul)
Was steckt hinter dem Ausscheiden von Gabor Steingart beim „Handelsblatt“? War es tatsächlich Steingarts blumig ausgeschmückte Mordfantasie, die “Handelsblatt”-Verleger Dieter von Holtzbrinck zum Handeln “gezwungen” hat? Nun, so einfach ist es wohl nicht. Marvin Milatz und Lena Paul haben sich für „Zapp“ die Geschäftszahlen des Unternehmens angeschaut: Unter Steingart blieben die Abozahlen stabil, aber die Druckauflage verlor stark. Und auch die von Steingart angeschobene englischsprachige Digital-Ausgabe „Global Edition“ soll den Verlag jährlich einen Millionenbetrag gekostet haben.

2. Infokrieg mit allen Mitteln
(faktenfinder.tagesschau.de, Patrick Gensing)
Im Netz tobt teilweise ein erbitterter Infokrieg: Rechte Aktivisten der “Reconquista Germanica” greifen gezielt Politiker und Medien an. Mit militärischer Sprache und Präzision steuern sie Trollaktionen, manipulieren Bewertungen und attackieren Personen über Fake-Accounts. Die theoretische Grundlage der Angriffe ist das “Handbuch für Medienguerillas“, in dem die rechten Aktivisten detailliert ihre schmutzigen Vorgehensweisen beschreiben. Vor allem “junge Frauen, die direkt von der Uni kommen” seien “klassische Opfer“, heißt es dort beispielsweise.

3. Nach Like in den Fokus: Bremer Verfassungsschutz durchforstet Internet mit eigener Software
(netzpolitik.org, Matthias Monroy)
Wie mehrere regionale Zeitungen berichten, durchsucht der Bremer Verfassungsschutz das Internet nach bestimmten Schlüsselwörtern, um damit „Extremismus“ aufzuspüren. Ein Mitarbeiter des Dienstes habe einen linguistischen Algorithmus namens „LEA“ entwickelt, mit dem Facebook und Twitter analysiert werden. Im Fokus stünden „Terrorpropaganda von Islamisten, fremdenfeindliche Hetze, linksextreme Mobilisierungsvideos oder ‚Reichsbürger‘-Videos“. In den Blick würden aber auch Nutzer geraten, welche regelmäßig Hassbotschaften liken.

4. Facebook will von der Spaßbremse steigen
(derstandard.at)
Facebook will seinen Nutzern zukünftig weniger Medieninhalte einblenden, dafür aber mehr Persönliches aus dem Umfeld der Freunde anbieten. Der neue Newsfeed soll den Nutzern helfen “bedeutsamere soziale Beziehungen” zu knüpfen, anstatt “relevantere Inhalte” zu finden. Was in der Diskussion über die Umstellung oft zu kurz kommt: Dahinter könnten schlicht geschäftliche Gründe stecken, denn Seitenbetreiber können sich bei Facebook nach wie vor die Aufmerksamkeit ihrer Besucher erkaufen.

5. „Wir müssen aufpassen, sonst wird es finster“
(teleschau.de, Frank Rauscher)
Im Interview erklärt Hannes Ley, Gründer der Facebookgruppe „#ichbinhier“, wie er den Pöbeleien und der Verrohung in den Kommentarspalten mit organisierter Gegenrede begegnet. Er ist sich bewusst, dass er damit etwas erledigt, das eigentlich von den Medien besorgt werden müsste: „Ich würde mir schon wünschen, dass die großen Verlage, vor allem auch die privatrechtlichen Medienhäuser, noch viel mehr unternehmen, um Hatespeech aus ihren Kommentarspalten zu verbannen. Mit dem Verweis auf die Netiquette ist es nicht getan …“

6. So wird man Chefaufseher
(journalist-magazin.de, Kathi Preppner)
Wollen Sie sich auch in das Amt des Chefaufsehers einer Landesmedienanstalt hineinkungeln? Der „journalist“ zeigt Ihnen, in welchem Land Sie die besten Chancen haben.

Geschürter Medienhass, No-Billag, Milchbubis und aufgeregte Mädchen

1. Aufstachelung zum Medienhass
(rbb24.de, Torsten Mandalka)
Am Samstag demonstrierten rund 1.000 Teilnehmer in Cottbus gegen Flüchtlinge. Dabei machte sich auch rechte Hetze gegen Journalisten breit. Für die anwesenden Reporter des „rbb“ eine bedrohliche Situation. Die Wortführer auf der Bühne (u.a. der stellvertretende AfD-Landesvorsitzende) stachelten die Menge auf, nannten einen Journalisten namentlich und erwähnten dessen Anwesenheit. Gleichzeitig gab man sich besorgt um die Sicherheit der Medienvertreter. Torsten Mandalka kommentiert: „Die Scheinheiligkeit ist das eine – die Aufstachelung zum Medienhass das andere. Journalisten – besonders die vom rbb – werden hier zum Freiwild gemacht für den militanten Arm der rechten Szene. Damit ist klar, was uns blühen soll, wenn diese Kräfte die Macht ergreifen: dasselbe wie den Flüchtlingen.“

2. Die 7 Gründe für ein NEIN zur No-Billag-Initiative
(infosperber.ch, Christian Müller)
In der Schweiz will eine Volksinitiative („No Billag“) die Radio- und Fernsehgebühren abschaffen. Die Betreiber der Initiative argumentieren unter anderem mit der Aussicht auf einen nach ihrer Ansicht faireren Wettbewerb und einer grösseren Medienvielfalt. Nur noch wenige Wochen und das Land stimmt darüber ab. Christian Müller erklärt in sieben Punkten, warum er die No-Billag-Initiative für einen „Angriff auf das Erfolgsmodell Schweiz“ hält.

3. „Krone“ verdoppelt Anteil der kriminellen Asylwerber
(kobuk.at, Katharina Grübl)
In einem Bericht der österreichischen „Krone“ wurde behauptet, dass beinahe jeder Zweite der kriminell gewordenen Ausländer ein Asylwerber sei. Die Zahl stamme aus dem aktuellen Sicherheitsbericht. „Kobuk“ erklärt, warum die Behauptung der „Krone“ Unsinn ist.

4. “Wir können abfeiern, was kommt”
(deutschlandfunk.de, Isabelle Klein, Audio, 7:48 Minuten)
Der „Deutschlandfunk“ hat sich mit Marcus von Jordan unterhalten, dem Gründer von „Piqd“. In der „Programmzeitung fürs Netz“ geben Experten Linktipps zu ihren Lieblingsartikeln. Das Netz sei nach wie vor “voll von erstklassigen Inhalten, die man umsonst konsumieren kann”, so “Piqd“-Chef von Jordan. Selbst produziere man keine Inhalte, sondern helfe dabei, den Überblick zu wahren: “Wir können abfeiern, was kommt.“ Außerdem bezieht er Stellung zu Facebooks Ansatz, künftig seine User über die Glaubwürdigkeit von Inhalten entscheiden zu lassen.

5. “Ein Polizist, der Gewalt anwendet, macht sich nicht automatisch strafbar”
(spiegel.de, Ansgar Siemens)
Der „Spiegel“ hat mit dem Hamburger Generalstaatsanwalt Jörg Fröhlich gesprochen, der die Ermittlungen zu den G20-Ausschreitungen leitet. Er äußert sich auch zum Fall der von der „Bild“ als „Krawall-Barbie“ stigmatisierten Minderjährigen. Man würde bei der Öffentlichkeitsfahndung darauf vertrauen, dass mit entsprechend hoher Verantwortung nur die Fahndung als solche betrieben werde, ohne einzelne Personen zusätzlich an den Pranger zu stellen. Darauf hätte man jedoch keinen Einfluss: „Wir können leider auch nicht verhindern, dass Redaktionen eigenständig Bilder ohne vorherigen Gerichtsbeschluss veröffentlichen. Sollte ein geordnetes Vorgehen nicht möglich sein, müssten wir künftig überlegen, Verfahren aus Gründen der Verhältnismäßigkeit ohne Fahndungsaufruf einzustellen. Damit wäre der Strafverfolgung ein Bärendienst erwiesen.“

6. Warum werden junge Politiker verniedlicht?
(deutschlandfunkkultur.de, Christoph Sterz & Max Oppel)
Der Juso-Bundesvorsitzender Kevin Kühnert (28) wird von manchen Medien wie ein kleiner Junge behandelt, die Juso-Vorsitzende Annika Klose (25) wird vom Chefredakteur der “Welt am Sonntag” auf Twitter als „aufgeregtes Mädchen“ bezeichnet. Warum dieser respektlose Umgang? Der Medienjournalist Christoph Sterz tippt zumindest bei Letzterem auf einen Fall von Ignoranz: “Es ist schon so, dass nicht mal verstanden wird, dass es da eine Herabwürdigung gibt.“

Die AfD-Gärtner der “Bild”-Zeitung wundern sich über die Frucht-Ernte

Liest man heute den Kommentar von Tanit Koch zur Bundestagswahl und den 12,6 Prozent, die die AfD bekommen hat, könnte man fast meinen, dass die “Bild”-Chefredakteurin in den vergangenen Monaten durchgehend im Urlaub war und nichts davon mitbekommen hat, was in ihrem Blatt so passiert ist.

Ausriss Bild-Zeitung - Überschrift des Koch-Kommentars - Die Früchte der Angst

Koch schreibt:

Für Anstand steht das A in AfD nicht. Dennoch wurde sie gewählt — weil die regierenden Parteien, weil die Kanzlerin Vertrauen verspielt haben. (…)

Angela Merkel ist es nicht gelungen, einer verunsicherten Bevölkerung die Sorge vor Kriminalität und Islamisierung zu nehmen.

Die Angst davor gab es lange vor der Flüchtlingskrise. Doch man war sich zu fein dafür, sie zu adressieren. Nun hat die AfD die Früchte dieser Angst geerntet.

Es mag stimmen, dass ein Grund für die AfD-Stärke die Schwäche der “regierenden Parteien” ist. Es mag stimmen, dass Angela Merkel Sorgen nicht schmälern konnte. Was aber auch stimmt, und was Tanit Koch nicht mit einer Silbe erwähnt: Die “Bild”-Zeitung hat “die Sorge vor Kriminalität und Islamisierung” stetig bedient. Um im Bilde zu bleiben: Die fauligen Bäume und dornigen Sträucher, von denen die AfD “die Früchte der Angst” ernten konnte, haben unter anderem Tanit Koch und ihr Team ausgesät, sie haben sie immer wieder gegossen und gepflegt.

Da war zum Beispiel das “Bild”-Wahlprogramm:

Ausriss Bild-Titelseite - Das große BILD-Wahlprogramm - Was sich endlich ändern muss - Rente! Steuern! Sicherheit!

Am 17. Juli, also gut zwei Monate vor der Bundestagswahl, veröffentlichte die Redaktion fast auf einer kompletten Doppelseite eine Sammlung aus 25 “ES KANN DOCH NICHT SEIN”-Punkten:

Ausriss Bild - Übersicht zur Doppelseite mit verschiedenen Wahlprogrammpunkten

Nur ein Beispiel:

Ausriss Bild-Zeitung - Forderung der Bild zu Asyl/Integration - Es kann doch nicht sein, dass Asylsuchende und Zuwanderer sich nicht nach unseren Regeln richten. Darum gilt in Deutschland ein Burka-Verbot. Frauen und deren Ehemänner, die sich dem Widersetzen, werden mit Bußgeld belegt. Handelt es sich um Touristen, müssen sie umgehend ausreisen. Ein umfassendes Ausweisungsgesetz regelt zudem, welche Straftaten zum Verlust des Aufenthaltsrechts führen. Fortgesetzter Sozialbetrug führt zur Beendigung eines Asylverfahrens.

Schon die Entscheidung für diesen Wahlkampfpunkt hat nichts mit Aufklärung zu tun, nichts mit dem Nehmen von Sorgen, sondern ist das reine Bedienen von Sorgen durch ein Scheinproblem. Abgesehen von dem Detail, dass es in der Regel nicht um Burkas, sondern um Niqabs geht, betrifft dies wohl wie viele Menschen in Deutschland? Auf der Sonnenallee in Berlin-Neukölln sicher ein paar mehr. In der Fußgängerzone in Görlitz vermutlich deutlich weniger. Sind es insgesamt im ganzen Land überhaupt mehr als 1000 Niqab-Trägerinnen? Dank “Bild” sieht es für mehrere Millionen Menschen wenige Wochen vor der Wahl so aus, als gehöre das Thema Burka/Niqab zu den 25 dringendsten der Bundesrepublik.

Dass ein Teil dieser Leute dann an den Laternen AfD-Plakate hängen sieht, auf denen steht “‘Burkas?’ Wir steh’n auf Bikinis.”, und sich denkt “Och, joar, könnte man vielleicht wählen” — völlig abwegig ist das nicht.

Diese Burka-Forderung, dieses ganze “Bild”-Wahlprogramm voller AfD-Positionen war komplett unnötig. Ja, man kann das machen, wenn man ganz rechten Positionen eine Plattform geben, Ressentiment schüren und ein bisschen zündeln will. Aber man muss es nicht. Und vor allem muss man sich dann nicht einen Tag nach der Wahl verblüfft zeigen über 12,6 Prozent. Bei der AfD waren sie im Juli jedenfalls hellauf begeistert von der kostenlosen Wahlwerbung in der immer noch auflagenstärksten Tageszeitung Deutschlands:

Tweet der AfD Bund - Hallo Bild, nahezu alles hier findet sich im AfD-Wahlprogramm
Tweet der AfD Berlin - So schnell kann es gehen: Das Bild-Wahlprogramm liest wie das der AfD. Gut gemacht
Tweet von Uwe Junge - Endlich! Die BILD als Wahlkampfblatt für die AfD! Unser Programm in BILD veröffentlicht!

Das “Bild”-Wahlprogramm war nur ein kleiner Baustein der Berichterstattung, die Uwe Junge, Alexander Gauland, Alice Weidel und all den anderen in die Hände gespielt hat. Seit Jahren — auch schon lange vor Gründung der AfD — trägt die Redaktion dazu bei, dass Positionen wie die der rechtesten Partei im kommenden Bundestag millionenfach an Kiosken liegen. Und häufig basieren die empörten und empörenden Schlagzeilen auch noch auf falschen Fakten. Da war beispielsweise der von einem AfD-Sympathisanten erfundene falsche Flüchtlings-“Sex-Mob”, den “Bild” willfährig aufgriff. Die sechsfach falsche Meldung, dass in Deutschland “aus Rücksicht auf Muslime die christlichen Wurzeln des Weihnachtsfestes unterschlagen” würden. Die falsche Geschichte, dass Politiker forderten, dass Christen “im Weihnachts-Gottesdienst muslimische Lieder singen” sollen. Die falsche Information, dass Flüchtlinge in Hamburg problemlos schwarzfahren dürften. Oder das falsche Gerücht, dass Sanitäter des Roten Kreuzes wegen Asylbewerbern nun Schutzwesten anhätten. “Bild” schreibt gegen Muslime, gegen Roma, gegen Griechen, gegen Ausländer, noch mal gegen Muslime, ein weiteres Mal gegen Muslime, gegen Migranten, gegen Muslime. Es sei auch noch mal an den hasserfüllten Kommentar von Nicolaus Fest erinnert, der einst Kulturchef bei “Bild” und bis September 2014 stellvertretender Chefredakteur beim Schwesternblatt “Bild am Sonntag” war und der gestern als Direktkandidat der AfD im Berliner Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf nicht den Einzug in den Bundestag schaffte.

Am 17. Juli dann also das “Bild”-Wahlprogramm. Und auch danach ging es weiter mit der AfD-Förderung durch das Boulevardblatt. Mats Schönauer hat sich bei “Übermedien” durch die vergangenen zwei “Bild”-Monate gewühlt. So sahen die Titelseiten und Überschriften aus:

Collage mit Bild-Schlagzeilen - Mitten in Deutschland Burka-Frau verprügelt Dessous-Verkäuferin - Krankenkassen machen Minus Flüchtlinge kosten 20 Millionen im Monat - Asylbetrug So leicht ist es in Deutschland abzukassieren - Die große Abschiebe-Lüge - 387 Abschiebungen in letzter Minute gestoppt - Das hat der Islam mit Terror zu tun - So viele Flüchtlinge haben keinen Schulabschluss - Und wieder ein Frauenmörder der längst abgeschoben sein müsste - Joggerin vergewaltigt Warum wurde der Täter nicht abgeschoben? - Die Strafakte der abgeschobenen Afghanen - So spaltet die Flüchtlingskrise unser Land

Ich glaube nicht, dass die “Bild”-Redaktion ein Haufen von AfD-Wählern ist. Es ist höchst unwahrscheinlich, dass Julian Reichelt und Tanit Koch und die meisten anderen “Bild”-Mitarbeiter in ihren Kommentaren öffentlich gegen diese Partei anschreiben und in der Wahlkabine heimlich Kreuze bei ihr machen. Und trotzdem ist die “Bild”-Zeitung ein AfD-Blatt. Mit ihren gewählten Schwerpunkten, mit den Zuspitzungen auf den Titelseiten, mit den verwendeten Begriffen in Überschriften haben Reichelt und Koch und viele ihrer Kollegen die Gesprächsthemen in Büromittagspausen, in Bauwägen und an analogen wie digitalen Stammtischen geprägt. Über die “Burka-Frau” wurde dort diskutiert. Man regte sich über die Bedrohung der Rot-Kreuz-Sanitäter auf. War wütend über schwarzfahrende Flüchtlinge. “Bild” hat nicht direkt für die AfD geworben. “Bild” hat aber den öffentlichen Diskurs im Sinne der AfD vorgegeben.

Tanit Koch und ihre Redaktion titeln heute:

Titelseite der Bild-Zeitung - Der Rechts-Rumms

“Bild” hat kräftig mitgerummst.

Als “Bild” Putins Flüchtlings-Sex-Mobs auf die Bundestagswahl losließ

Jetzt also doch!

Screenshot von der Bild.de-Startseite - Jetzt gerade! Während Deutschland wählt! Riesiger Russen-Angriff auf unsere Wahl - Roboter verbreiten AfD-Gerüchte über Wahl-Fälschungen

“Bild”-Redakteur Julian Röpcke hat sich das Hashtag #Wahlbetrug mal genauer angeschaut, unter dem seit Samstag bei Twitter AfD-Inhalte verbreitet werden und das von vielen Bots “gepusht” werde:

BILD analysierte den Hashtag “Wahlbetrug”. Im Netz wird er am engsten im Zusammenhang mit den Begriffen “AfD”, “Islamisierung”, “Wahlbeobachter” und “btw17” verwendet. Außerhalb Deutschlands wird er vor allem von drei Ländern gepusht. Den USA auf Platz 1, Großbritannien auf Platz 2 und Russland auf Platz 3.

Röpcke und Bild.de hätten also genauso gut (und eigentlich noch besser) titeln können: “Ausgewachsener Ami-Angriff auf unsere Wahl”. Doch stattdessen:

Screenshot Bild.de - Während Deutschland wählt - Russen-Accounts pushen AfD-Kampagne

Für Röpcke und seine Kollegen steht schon seit vielen Monaten fest, dass die heutige Bundestagswahl von russischen Kräften, genauer: von Wladimir Putin und dem Kreml, massiv beeinflusst werde. Allerdings hatten sie ganz andere Kaliber vorausgesagt als nur einige Bots aus Russland, die nun kontinuierlich AfD-Hashtags retweeten. Zusammen mit seiner Kollegin Karina Mößbauer veröffentlichte Röpcke im Dezember vergangenen Jahres dieses Dossier zu Putins buntem Propaganda-Blumenstrauß:

Screenshot Bild.de - Kreml-Chef will Merkel loswerden und Extremisten stärken - Putins Geheim-Krieg gegen unsere Wahl - Was Sie wissen müssen, damit Sie nicht aus Versehen Putin wählen - Artikel 2: Propaganda-Feldzug mit Sexmobs - Artikel 3: Bewusst gestreute Fake-News - Artikel 4: Cyber-, Web- und Social-Media-Manipulation

Das Autoren-Duo schreibt:

Attacke auf unsere Bundestagswahl! Es ist ein hybrider Großangriff auf die Wahrnehmung der Deutschen. Und er hat mehrere konkrete Ziele.

Experten sind sich einig: Mit seinen Kampagnen will Russen-Präsident Wladimir Putin (64) das Vertrauen der Bevölkerung in den deutschen Staat, die Behörden und insbesondere Angela Merkel (62, CDU) erschüttern und die Menschen in die Hände von linken und rechten Extremisten treiben.

Manche Punkte dieses “Geheim-Krieg”-Dossiers sind ein bisschen lustig, zum Beispiel jener mit den “bewusst gestreuten Fake-News”. Die einzige uns bekannte richtige “Fake News”, die es in diesem Jahr in ein großes deutsches Medium geschafft hat, wurde von der “Bild”-Zeitung verbreitet und betraf einen vermeintlichen Flüchtlings-“Sex-Mob”, der an Silvester durch Frankfurt am Main “getobt” sein soll. Die Frankfurter “Bild”-Redaktion war dabei auf eine Lüge eines AfD-Sympathisanten reingefallen.

Gar nicht lustig, sondern ziemlich irre ist die Ankündigung eines “Propaganda-Feldzugs mit Sexmobs”:

Screenshot Bild.de - Putins hybrider Großangriff zur Bundestagswahl 2017 - Propaganda-Feldzug sogar mit Sexmobs

Der Artikel von Mößbauer und Röpcke hat wirklich alle Zutaten, die auch ein Neuntklässler wählen würde, wenn er in einer Hausaufgabe eine kreative Verschwörungstheorie erfinden soll: Putin, Flüchtlinge, syrischer Geheimdienst, irakischer Geheimdienst, Mafia, Tote, Sex-Mob. Denn “jenseits von Desinformation”, so Mößbauer und Röpcke, “könnte es noch schlimmer kommen!”

In Sicherheitskreisen wird bereits diskutiert, wie Russland versuchen könnte, mit Störaktionen ein radikales Umdenken in der Bevölkerung zu erzwingen — womöglich sogar mit tödlicher Gewalt. (…)

Eine bislang unbekannte Komponente ergebe sich aus der engen Zusammenarbeit von russischen, syrischen und anderen Geheimdiensten sowie russischer Mafia, sagt Russland-Experte Gustav Gressel (European Council on Foreign Relations).

“Ein Teil der Flüchtlinge aus dem Irak und Syrien, wenn auch nur ein sehr kleiner Teil, hatte Verbindungen zu Assads oder Saddam Husseins Geheimdiensten.”

Diese Menschen könnten gezielt von Geheimdienstagenten oder aus Mafiakreisen angesprochen und für Störaktionen instrumentalisiert werden, warnt Gressel.

“Was würde zum Beispiel passieren, wenn sich auf einem Sommerfestival vor der Wahl etwas ähnliches wiederholt wie in Köln zur Silvesternacht? Wie würde Merkel dann da stehen? Was wäre die Konsequenz für die Bundestagswahl? Natürlich ist das ein extremes Beispiel, aber es ist im Bereich des Möglichen”, sagt Gressel weiter.

Wir haben nun bis kurz vor Ende der Bundestagswahl gewartet. Nirgends trat ein Putin-Assad-Saddam-Mafia-Flüchtlings-Sex-Mob auf. Auf keinem “Sommerfestival” und auch sonst nirgendwo in Deutschland. Schon bei der Veröffentlichung im Dezember 2016 klangen die Aussagen von Gustav Gressel abwegig genug, um sie für höchst fragwürdig zu halten. Doch statt sie zu hinterfragen, adoptieren Röpcke, Mößbauer und “Bild” die Verschwörungstheorie ihres Experten bereits in der Überschrift.

Julian Röpcke schreibt heute zu den retweetenden Twitter-Accounts aus Russland:

Unklar ist, ob es sich bei der Kampagne um mehr als bloße Propaganda handelt.

Das fragen wir uns manchmal auch.

Beim Untergang des Abendlandes geht es um die Wurst

Die “Springer”-Medien, allen voran “Bild”, erzählen gern die Geschichte von der Islamisierung Deutschlands, die man im Kleinen beobachten könne. Auf dem Adventsmarkt zum Beispiel, der inzwischen gar nicht mehr Adventsmarkt heiße, sondern Wintermarkt. Oder bei der Forderung von Politikern, dass Christen zu Weihnachten auch mal ein muslimischen Lied in der Kirche singen sollten.

Nach ein wenig Recherche stellt sich dann meistens raus: Der Wintermarkt hieß schon immer Wintermarkt, weil er jedes Jahr zwar im Winter, aber nicht im Advent stattfindet. Und die Idee mit den muslimischen Liedern stammt gar nicht von Politikern, sondern von “Bild”-Reportern, die sie den Politikern in den Mund gelegt haben.

Dank Mathias Döpfner und Welt.de ist nun ein weiteres Kapitel in der “Springer”-Geschichtensammlung mit falschen Informationen zur angeblichen Islamisierung Deutschlands hinzugekommen: die Erzählung von der Neusser Bockwurst.

Döpfner ist nicht nur Vorstandsvorsitzender bei “Axel Springer”, sondern seit 2016 auch Präsident des “Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger” (“BDZV”). In dieser Rolle hat er gestern beim “BDZV”-Treffen in Stuttgart eine Rede gehalten. Die Mitarbeiter von Welt.de haben diesen Auftritt ihres Chefs dokumentiert:

Screenshot Welt.de - Meinung - Mathias Döpfner - Die Taschenlampe des mündigen Bürgers

Journalismus solle, so Mathias Döpfner in seiner Rede, “Scheinwerfer der Aufklärung” sein oder zumindest “die Taschenlampe des mündigen Bürgers”. Er könne “Licht an Dinge bringen, die im Dunklen bleiben sollten.”

Aufklärerischer Journalismus — klingt gut. Nur leider ist das, was Döpfner in Stuttgart präsentiert hat, das exakte Gegenteil. Zu Beginn seines Vortrags machte der “Springer”-Vorsitzende einen großen Bedrohungsrundumschlag: Terror, Morde, Bombenexplosionen, das meiste davon durch Muslime verursacht. Döpfner sagte, Samuel Huntingtons “Clash of Civilizations” sei Realität, Michel Houellebecqs “Unterwerfung” könnte es bald sein. Thilo Sarrazins “Deutschland schafft sich ab” erwähnte der “BDZV”-Präsident nicht, es war aber allgegenwärtig, auch bei Döpfners Erzählung von der Neusser Bockwurst:

Erst vor ein paar Wochen berichtete der “Nordkurier” aus Neuss, die traditionelle Bockwurst im Freibad sei abgeschafft worden. Grund: Schweinefleisch. Halal sind längst nicht mehr nur türkische oder arabische Restaurants. Mir würde keine einzige Ergänzung einer Speisekarte Sorgen machen. Mögen die Leute Insekten, Vegetarisches, Veganes, Schnecken, Innereien, halal oder koscher essen. Sorgen macht mir das Gegenteil: das Ende der Vielfalt. Am schlimmsten ist die Streichung aus Angst. Der Beginn der Unterwerfung.

Nicht nur beim Essen laufen wir Gefahr, Rechtsstaat und Kultur den Vorstellungen einer kleinen, radikalen Minderheit zu opfern.

Erstmal: Vermutlich war es nicht ein Bericht des “Nordkuriers”, auf den sich Mathias Döpfner bezieht. Der “Nordkurier” erscheint schließlich in Mecklenburg-Vorpommern und berichtet nur selten über Bockwürste im nordrhein-westfälischen Neuss. Eher könnte Döpfner den “Stadt-Kurier” gemeint haben, ein Anzeigenblatt aus Neuss. Außerdem ist es nicht “ein paar Wochen” her, dass der “Stadt-Kurier” über “die traditionelle Bockwurst im Freibad” berichtet hat, sondern 44 Wochen. Am 9. November 2016 titelte die Redaktion:

Screenshot Stadt-Kurier - Es geht um die Bockwurst - Ein paar Muslime haben durchgesetzt, dass es im Nordbad nur noch Hühnchen gibt

Und das ist — der wichtigste Punkt bei dieser Angelegenheit — grober Unfug. Mathias Döpfner hat mit seiner Rede gestern in Stuttgart dazu beigetragen, dass dieser Unfug am Leben bleibt.

Tatsächlich gibt es auf der Neusser Freibad-Wiese keine Bockwurst aus Schweinefleisch mehr. Der Grund dafür ist aber nicht, dass randalierende Muslime vor der Bude standen und die Abschaffung der Schweinewurst forderten. Im Gegenteil: Niemand hat sich mehr für die Bockwürste interessiert, keine schweinefleischablehnenden Muslime und auch keine schweinefleischessenden Kunden. Deswegen schwammen die Bockwürste Ewigkeiten im Warmhaltewasser vor sich hin, bis die Besitzerin der Bude sie wegschmeißen musste. Und weil das nicht nur einmal vorkam, sondern immer wieder, hat sie die Bockwurst aus ihrem Angebot genommen — eine nachvollziehbare Überlegung und höchstens eine betriebswirtschaftliche Unterwerfung.

Mathias Döpfner hätte das wissen können. Am 10. November 2016, also bereits einen Tag nach dem Beitrag im “Stadt-Kurier”, veröffentlichte “Der Westen” einen Artikel zur Neusser Freibad-Bockwurst:

Das Ende der Kult-Bockwurst im Neusser Nordbad ist gekommen. Wirtin Monika Rötzsch reagiert damit auf die geringe Nachfrage.

“Früher kamen täglich bis zu 3000 Leute ins Freibad — heute sind es bei einem guten Sommertag maximal 300“, klagt die Wirtin. Heute praktiziere jeder vierte Besucher den muslimischen Glauben. (…)

Da ihr die Wurst kaum jemand abkauft, vergammelten die Nahrungsmittel ständig. Schließlich muss eine Bockwurst im Wasser warmgehalten werden. (…)

Auch das Restaurant direkt neben dem Schwimmbad betreibt Monika Rötzsch. “Bei Moni” ist die Bockwurst übrigens weiter im Programm. Denn hier haben die Gäste weiterhin Lust auf Schweinefleisch.

In seiner Rede zur aufklärerischen Kraft des Journalismus macht Mathias Döpfner mit beim islamfeindlichen Verwirrspiel.

Es gibt übrigens auch Kritik an Döpfners Auftritt in Stuttgart, weil er an einer anderen Stelle den öffentlich-rechtlichen Rundfunk mit den Begriffen “Staatsfernsehen” und “gebührenfinanzierte Staatspresse” in Verbindung brachte. Solche Vokabeln begegnen einem normalerweise bei AfD-Veranstaltungen und “Pegida”-Märschen. Genau dorthin passt auch das Neusser Bockwurst-Märchen.

Mit Dank an Lennart C. für den Hinweis!

“Bild” liefert wieder Futter für rechte Hetzer

Acht Afghanen wurden am Dienstagabend von Düsseldorf aus nach Kabul abgeschoben. Es war die erste Sammelabschiebung nach Afghanistan seit vier Monaten. Die acht Männer waren in Deutschland alle straffällig geworden, einige von ihnen mit abscheulichen Taten wie Vergewaltigung oder Kindesmissbrauch.

Die Düsseldorf-Ausgabe der “Bild”-Zeitung titelte gestern groß:

Ausriss Titelseite Bild-Düsseldorf - Gestern, 19:36 Uhr, startete die Boeing 737 von Düsseldorf nach Kabul - Abschiebe-Flieger voller Sex-Täter!

Und auch Bild.de schrieb von einem “FLIEGER VOLLER SEX-TÄTER”:

Screenshot Bild.de - Flieger voller Sex-Täter! Verbrecher nach Afghanistan abgeschoben

Das ist natürlich maßlos übertrieben und vermittelt ein ziemlich falsches Bild. Eine Boeing 737, mit der die Abschiebung durchgeführt wurde, bietet — je nach Ausführung — Plätze für bis zu 230 Menschen. Acht davon waren durch abgeschobene Personen besetzt. In Düsseldorf startete am Dienstagabend kein “FLIEGER VOLLER SEX-TÄTER!”

Angesprochen auf die Diskrepanz zwischen der reißerischen Überschrift und den Fakten, reagierte “Bild”-Oberchef Julian Reichelt bei Twitter:

Tatsächlich lautet die “Zeile” bei Bild.de nun anders:

Screenshot Bild.de - Kriminelle aus Deutschland abgeschoben - Hier kommen die Verbrecher in Afghanistan an

In der Düsseldorfer Print-Ausgabe ließ sich der Unsinn vom “ABSCHIEBE-FLIEGER VOLLER SEX-TÄTER” hingegen nicht mehr anpassen. Und auch nicht auf den rechten und ganz rechten Facebook-Seiten, die die “Bild”-Schlagzeile liebend gern verbreiteten:

Screenshot Facebook-Seite Deutsches Volk bewaffne dich mit Wissen mit Bild.de-Post
Screenshot Facebook-Seite Ich will mein Land zurück mit Bild.de-Post
Screenshot Facebook-Seite Büdingen wehrt sich Asylflut stoppen mit Bild.de-Post
Screenshot Facebook-Seite Deutschland zuerst Gruppe Nordrhein-Westfalen mit Bild.de-Post
Screenshot Facebook-Seite Deutsch sein ist kein Verbrechen mit Bild.de-Post
Screenshot Facebook-Seite Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche Vaterland Gemeinschaft mit Bild.de-Post

In den Kommentaren unter diesen Postings wird die Sprache der “Bild”-Schlagzeile aufgegriffen und weitergehetzt. So richtig rund ging es aber vor allem auf der “Bild”-eigenen Facebookseite. Der dortige Post wurde inzwischen (Stand: 14. September, 22:48 Uhr) über 26.000 Mal geliked, mehr als 1800 Mal geteilt, über 2800 Mal wurde kommentiert:

Screenshot Facebook-Seite von Bild.de mit Abschiebe-Flieger-Posting

Im Vergleich zu anderen “Bild”-Beiträgen in dem Sozialen Netzwerk ist dieser irre erfolgreich.

Von Julian Reichelts Ankündigung bei Twitter, die “Zeile” des Artikels anzupassen, ist bei Facebook leider nichts zu sehen. Dafür hätte die Redaktion den Selbstläufer auch löschen müssen. Mit ihm wären immerhin Kommentare wie diese verschwunden:

Es gibt ein Land da wird das Körperteil abgehackt welches die Straftat begangen hat … das wäre doch mal was…aber dafür haben wir zu wenig Pfleger…

Alles Sex Täter?? Naja dann lasst die Maschine abstürzen

Viel zu wenig abgeschoben .Das ganze Dreckspack gehört ohne wenn und aber in die schlimmsten Regionen der Erde gebracht und abgeschlachtet. Das sind keine Menschen aber au h kein Vieh, das ist Abschaum

Dazu auch:

Legale Köpfung, Völkisch radikalisiert, Affen-Selfie-Vergleich

1. Von der Faulheit der Staatsanwaltschaft
(sueddeutsche.de, Heribert Prantl)
Handelt es sich bei dem Satz “Man sollte dich köpfen” um eine “zulässige Meinungsäußerung”? Wenn man nach der Staatsanwaltschaft Berlin geht: Ja! Im konkreten Fall ging es darum, dass ein Facebook-Nutzer die Grünen-Politikerin Renate Künast mit diesem Satz angegangen war, worauf diese den Nutzer angezeigt hatte. Heribert Prantl, in früheren Jahren selbst als Staatsanwalt tätig, ist gleichermaßen entsetzt und empört: “Eine Staatsanwaltschaft, die solche Tiraden zulässt, stellt nicht nur die Beleidiger straflos, sondern auch die Politiker rechtlos. Politiker sind nicht die Hausschweine der Demokratie, denen man jeden Dreck in den Kübel schütten kann.”

2. Immer auf die Kleinen
(taz.de, Jörg Wimalasena)
Die zweiteilige ARD-Reportage „Wahl 2017: Die kleinen Parteien“ wollte Kleinparteien vorstellen. Nach Ansicht von “taz”-Autor Jörg Wimalasena geschah dies jedoch auf eine herabsetzende Art: “Man muss kein Anhänger dieser Parteien sein, um ihre Anliegen respektvoll zu würdigen. Den ARD-Reportern scheint es aber vor allem darum zu gehen, die Aktivisten kleiner Parteien kamerawirksam durch den Kakao zu ziehen und deren Anliegen der Lächerlichkeit preiszugegeben.”

3. „Völkisch radikalisiert“
(correctiv.org, Sarina Balkhausen & Carla Reveland)
Der Sozialwissenschaftler Andreas Kemper befasst sich intensiv mit der AfD, teilweise mit spektakulären Ergebnissen. So will er herausgefunden haben, dass der Thüringer AfD-Frontmann Björn Höcke unter dem Namen Landolf Ladig in Publikationen der rechtsextremen NPD publiziert. Im Gespräch mit “correctiv” geht es um rechtes Gedankengut, verräterische Sprache und die Debatte um eine E-Mail Alice Weidels.

4. “Man muss Menschen beibringen, dass so was nicht geht”
(deutschlandfunk.de, Christoph Sterz)
Die Initiative gegen Hass im Netz “#ichbinhier” hat viel mediale Aufmerksamkeit erfahren und wurde mit dem renommierten Grimme Online Award ausgezeichnet. In letzter Zeit sei es jedoch immer schwerer geworden, gegen den Hass anzuarbeiten, so der Gründer Hannes Ley: “Seit einigen Wochen nehmen wir einen deutlichen Zuwachs von Hassrede auf Facebook und in den sozialen Medien insgesamt wahr. Die Vorurteile und Beleidigungen sowie die zum Teil offene Fremdenfeindlichkeit und Hetze haben eine neue Intensität erreicht und die direkten Angriffe gegen unsere Gruppe und ihre Mitglieder sind besonders aggressiv und besorgniserregend.”

5. Wahlprüfsteine zur Bundestagswahl
(reporter-ohne-grenzen.de)
Kurz vor der Bundestagswahl am 24. September hat “Reporter ohne Grenzen” den Parteien sogenannte Wahlprüfsteine vorgelegt. Darin geht es unter anderem um den Schutz von Journalisten vor digitaler Überwachung, die Weiterentwicklung des Informationsfreiheitsgesetzes und den Umgang mit repressiven Regierungen. Mit Ausnahme der AfD haben alle angefragten Parteien geantwortet. Im Artikel findet man eine Zusammenfassung der verschiedenen Positionen. Die vollständigen Antworten der Parteien gibt es hier.

6. Streit um Affen-Selfie beendet
(zeit.de, Friedhelm Greis)
Ein bizarrer Rechtsstreit zwischen einem britischen Fotografen und der Tierrechtsorganisation “Peta” wurde mit einem Vergleich beigelegt. “Peta” ließ die Berufungsklage gegen den Fotografen fallen, der die Rechte an einem Affen-Selfie für sich reklamiert hatte. Im Gegenzug habe sich der Fotograf verpflichtet, 25 Prozent der künftigen Einnahmen aus einem Buch mit den Affenfotos für den Erhalt der Makaken-Lebensräume in Indonesien zu spenden.

Polizeilicher Datenskandal, Linksunten-Klagen, Strunz auf Viagra

1a. BILDblog braucht Deine Hilfe — unterstütze uns bei Steady
(bildblog.de)
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1b. Datenskandal bei der Polizei: Offenbar zehntausende Unschuldige gespeichert
(netzpolitik.org, Markus Reuter)
Es ist ein Datenskandal größeren Ausmaßes: Im Rahmen der Aufarbeitung der 32 nachträglich entzogenen G20-Akkreditierungen stellt sich nun heraus, dass offenbar zehntausende Unschuldige ungerechtfertigt in polizeilichen Datenbanken gespeichert werden. Die Tagesschau spricht gar von Millionen möglicherweise rechtswidriger Daten. Das allgemeine Entsetzen ist groß. Zunächst einmal bei Medien und Journalistenverbänden: Der Deutsche Journalisten-Verband fordert vom Bundeskriminalamt Aufklärung darüber, welche Daten von Journalistinnen und Journalisten aus welchen Gründen gespeichert sind. Und auch die „Reporter ohne Grenzen“ fordern eine Klärung und Beendigung der bisherigen Speicherpraxis: BKA-Datensammlung aufklären und abstellen
Doch es geht längst nicht nur um Journalisten. In den Datenbanken seien zehntausende von Menschen gespeichert, oft wegen Fehlern oder aus nichtigen Gründen. Einige Beispiele unter vielen: Allein unter „Gewalttäter Sport“ seien ca.11.000 Menschen erfasst, von denen viele niemals für eine Straftat verurteilt wurden. Und offenbar befänden sich zehntausende Gelegenheitskiffer ungerechtfertigt in den stigmatisierenden Datenbanken. „Netzpolitik“-Autor Reuter rät am Ende seines Beitrags, im Bedarfsfall eine Selbstauskunft beim BKA oder dem jeweiligen Wohnort-LKA einzuholen und verweist auf entsprechende Musterschreiben.

2. “Wir werden noch lange Zeitungen auf Papier lesen”
(horizont.net, Volker Schütz)
Die „FAZ“ hat ihre Webseite überarbeitet oder neudeutsch ausgedrückt: „relauncht“. „FAZ“-Digitalchef Mathias Müller von Blumencron spricht im Interview über die weitere Digitalstrategie des Frankfurter Verlagshauses: Man setze auf Personalisierung und wolle dem Leser vermehrt Nachrichten anzeigen, die seine Interessen treffen. Dazu analysiere man das Surfverhalten der sich hierfür angemeldeten Leser. (Richtigerweise fasst der Interviewer hier nach und spricht mögliche Bedenken an.) Und ab Herbst wolle man die Anzahl der kostenpflichtigen Geschichten erhöhen. Von Blumencron redet außerdem über die Erfahrungen der „FAZ“ mit Paid Content, das Verhältnis zwischen Print- und Online-Redaktion und gibt eine Einschätzung zum Thema „Roboterjournalismus“ ab.

3. Eine Dampfwalze hat Terry Pratchetts unveröffentlichte Werke zerstört
(wired.de)
Der letzte Wille des Schriftstellers Terry Pratchett, bekannt für seine „Scheibenwelten“-Romane, sah es so vor: Eine Dampfwalze überrollte die Festplatte des berühmten Fantasy-Autoren und zerstörte damit all die zehn Romane, an denen er bis zu seinem Tod gearbeitet haben soll. Randnotiz: Für Pratchetts Nachlassverwalter sei es erstaunlich schwer gewesen, einen Dampfwalzenfahrer zu finden, der zu der Aktion bereit war.

4. Klagen gegen „linksunten“-Verbot
(taz.de, Christian Rath)
Vor wenigen Tagen hat Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) das Verbot der Webseite „Indymedia linksunten“ verkündet. Dagegen und gegen die damit verbundenen Hausdurchsuchungen der angeblichen Betreiber, klagen nun mehrere Anwälte. Die Klagen haben jedoch keine aufschiebende Wirkung, das Verbot von „linksunten“ bleibt damit zunächst bestehen. Der rechtspolitische Korrespondent der „taz“ Christian Rath fasst zusammen, worum es bei der rechtlichen Auseinandersetzung zunächst geht.

Weiterer Lesetipp: Rechtsanwalt Heinrich Schmitz hat sich für seine Kolumne bei „Tagesspiegel“-Causa die Rechtmäßigkeit der Aktion angeschaut und befindet: Ein Vereinsverbot aus politischen Gründen

5. Die erfundenen Plünderer von Houston“
(faktenfinder.tagesschau.de, Kristin Becker)
Der Tropensturm Harvey hat in Texas nach tagelangem Regen zu einer Hochwasserkatastrophe geführt. Die mediale Aufmerksamkeit auf der Wetterkatastrophe rief einige Rassisten auf den Plan: Über Fake-Profile verbreiteten sie Nachrichten und Bilder, die Schwarze auf Diebestour in Houston zeigen sollen. Kristin Becker vom „Faktenfinder“ erklärt die infame Methode der Hetzer und Nachrichtenfälscher.

6. Voll auf Viagra
(uebermedien.de, Boris Rosenkranz)
Man kann von Claus Strunz zurückhaltend von einem meinungsstarken Journalisten sprechen, der nicht nur das „Sat1-Frühstücksfernsehen“ produziert, sondern dort auch regelmäßig als Kommentator aktueller Ereignisse zu sehen ist. Man kann ihn aber auch, wie Boris Rosenkranz dies auf „Übermedien“ tut, als „eine Mischung aus AfD, CSU und einem besserwissenden Mittelstufenschüler und Klassensprecher aller Populisten“ bezeichnen. Ein von Rosenkranz geschnittenes zweiminütiges Best-of-Video zeigt den TV-Populisten Strunz bei der Arbeit.

Hetzername, Fette Diätwerbung, Suizidklickmasche

1. Urteil: taz darf Hetzer weiter beim Namen nennen
(netzpolitik.org, Ingo Dachwitz)
In einem öffentlichen Facebook-Kommentar forderte ein Mann unter Angabe seines Klarnamens, man müsse „Genderlesben und Politikern jeweils 8×9 mm in das dumme Gehirn zu jagen.“ Die “taz” berichtete über den Vorgang und nannte dabei auch den Namen des Kommentierers. Dagegen setzte sich dieser zur Wehr und verklagte die Zeitung auf Unterlassung. Mit der Behauptung, jemand hätte sich Zugang zu seinem Facebook-Account verschafft und unter seinem Namen kommentiert. In zweiter Instanz entschied das Gericht nun, dass der Kläger tatsächlich der Urheber der Hassbotschaft sei und sich die Berichterstattung gefallen lassen müsse.

2. Bei Diät-Werbung macht sich der Bauer-Verlag einen schlanken Fuß
(uebermedien.de, Mats Schönauer)
Mats Schönauer berichtet auf “Übermedien” über die freche Schleichwerbungsmasche von „Alles für die Frau“ aus dem Bauer-Verlag: “Jede Woche schwärmt die Redaktion darin im Wechsel für jeweils ein bestimmtes Diätprogramm, homöopathisches Schlankmittel und eine Fitnessstudiokette. Eine ernsthafte oder gar kritische Auseinandersetzung mit den Programmen und Produkten findet nicht statt. Über 130 solcher Artikel sind in den letzten zweieinhalb Jahren erschienen (so weit reicht unser Archiv zurück; insgesamt sind es wahrscheinlich noch viel mehr).”

3. “Kernmodell Journalismus” statt e-Commerce
(deutschlandfunk.de, Thomas Wagner)
Der “Deutschlandfunk” hat mit Eric Gujer, dem Chefredakteur der “NZZ”, über die Zukunft des traditionsreichen Schweizer Medienhauses gesprochen. Natürlich geht es um Fragen der Finanzierung, denn die “NZZ” leistet sich unter anderem eine kostspielige Auslandsberichterstattung. Die Konzepte der Konkurrenz will Gujer nicht übernehmen: “Das, was ja die meisten anderen unter multimedialer Strategie verstehen, heißt ja: Wir haben noch einen e-Commerce-Shop für Hundefutter. Und wir machen noch irgendeine Inserate-Plattform für Immobilienanzeigen im Internet und solche Dinge. Und das wollen wir dezidiert nicht. Wir glauben daran, dass das Kernmodell Journalismus, gute Inhalte, auch heutzutage noch lohnen kann.”

4. Langer Atem
(sueddeutsche.de, Hans Leyendecker)
Der Musiker Herbert Grönemeyer hat sich in drei Verfahren vor dem Landgericht Köln erfolgreich gegen die Berichterstattung über eine Auseinandersetzung mit einem Fotografen und einem Kameramann auf dem Flughafen Köln-Bonn im Dezember 2014 gewehrt. Es ging um Behauptungen, Grönemeyer hätte zwei Fotoreporter geschlagen und verletzt. Angeblich von Videos belegt, die sich als “bewusst unvollständig”, also irreführend zusammengefügt herausgestellt hätten. Der Fall sei damit noch nicht abgeschlossen: Vermutlich werde die Staatsanwaltschaft Köln die Fotografen wegen Verdachts der Falschaussage anklagen.

5. Hoax? Medienhype mit Suizid im Netz
(ndr.de, Gudrun Kirfel)
Medien berichten reißerisch über ein WhatsApp-Spiel, das Jugendliche angeblich in den Tod treiben will: die angebliche “Blue Whale Challenge”. Doch gibt es das Spiel überhaupt? Das würden viele Journalisten selbst nicht wissen, aber trotzdem munter drauflos fabulieren. “Zapp” hat recherchiert, was an der Sache dran ist. Nicht viel: Außer einigen Trittbrettfahrern, die mit dem Hype um das angebliche Spiel Klicks machen, haben die Zapper nichts gefunden.

6. Alessio geht es nicht gut
(taz.de, Hengameh Yaghoobifarah)
Manchmal geraten Kinder von Promis ins Fadenkreuz von Social Media und werden zu Opfern von Hass und Spott, der eigentlich ihren Eltern gilt. So zum Beispiel beim Sohn des mittlerweile getrennten Promipaars Sarah und Pietro Lombardi, aber auch beim Sohn des amerikanischen Präsidenten Donald Trump. “taz”-Autorin Hengameh Yaghoobifarah plädiert für mehr Zurückhaltung: “Das öffentliche Leben als Promi-Kind ist belastend genug. Der zusätzliche Hohn ist unnötig und geschmacklos.”

Freundliche Volksverhetzer, Millionäre-Check, Kommentare-Quiz

1. Keine Zeit für den Fascho-Check
(taz.de, Dinah Riese)
Eine verurteilte Volksverhetzerin postet bei Instagram ein Foto von sich mit einer Cola in der Hand und hinterlässt einen freundlichen Spruch. Das Social-Media-Team des Hamburger Brauseherstellers antwortet nett zurück, ohne zu wissen, um wen es sich auf dem Foto handelt — und bekommt dafür ordentlich Online-Haue. Dinah Riese fragt: Zu Recht? Zu Unrecht? “Gehört es zu den grundlegenden Kompetenzen von Social-Media-Redakteur*innen, Mitglieder der rechten Szene zu erkennen?”

2. Zahal, Dschihad und anderes
(juedische-allgemeine.de, Daniel Killy)
Die Vorwürfe, die Daniel Killy bei der “Jüdischen Allgemeinen” in Richtung “DRadio Wissen” schickt, haben es in sich: Der Sender habe einen Beitrag über zwei junge Jüdinnen verhindert, weil er nicht Israel-kritisch genug gewesen sei. “DRadio Wissen” hat inzwischen auf die Anschuldigungen geantwortet: Anders als die “Jüdische Allgemeine” suggeriere, “wurde der fragliche Beitrag nicht aus inhaltlichen, sondern aus handwerklichen Gründen von der Redaktion abgelehnt.”

3. Deutsche rechnen mit Fake News — und informieren sich vor allem im Fernsehen
(horizont.net, Marco Saal)
In einer “Exklusivumfrage zur Bundestagswahl” hat “Horizont” herausfinden lassen, auf welchem Wege sich die Deutschen zu politischen Themen informieren (Junge: Internet, Alte: Fernsehen). In die Überschrift hat es allerdings ein anderes Umfrage-Thema geschafft: “Fake News”. “Deutsche rechnen mit Fake News”, steht über dem Text von Marco Saal. Das stimmt schon, aber nicht die Mehrheit, sondern 44 Prozent. Der größere Teil der Befragten, 51 Prozent, glaubt hingegen, dass Falschmeldungen im Bundestagswahlkampf keine Rolle spielen werden (wobei man die Gleichsetzung von “Fake News” und “Falschmeldungen” durch “Horizont” sicher kritisch sehen kann).

4. Millionäre lieben Deutschland — und wandern nicht aus
(indiskretionehrensache.de, Thomas Knüwer)
“Tausende Millionäre verlassen Deutschland”, schreibt das “Manager Magazin”. “Business Insider” alarmt: “Massen-Auswanderung”. Und “Sputnik” fragt in freudiger Endzeitstimmung: “Sinkt das Schiff?” Thomas Knüwer hat sich die Zahlen, die eine südafrikanische Beratungsgesellschaft namens “New World Wealth” veröffentlicht hat, und aus denen einige Medien in Deutschland Artikel gebaut haben, genauer angeschaut. Er klingt selbst ein wenig überrascht, wie viele Zweifel er “mit nur einer Viertelstunde googlen” erzeugen konnte.

5. Wie die Medien zu Parteien wurden
(wolfgangmichal.de)
Wolfgang Michal beobachtet, dass Medienunternehmen “zu politisch-idealistischen Kampfgruppen” würden, “die die Richtung der Politik bestimmen wollen und können”: “So wurden die großen Medien, die ‘dem Internet’ vor Jahren noch erzählten, was guter und verantwortungsvoller Journalismus ist (nämlich professionelle Zurückhaltung), im Verlauf eines knappen Jahrzehnts zu Parteien, die für die gute Sache kämpfen — so wie politische Parteien, Internet-Konzerne oder NGOs seit jeher für sich in Anspruch nehmen, für die gute Sache zu kämpfen: To Make The World A Better Place.” Das sei “nicht die schlechteste Entwicklung”, findet Michal.

6. Haben Sie’s gelesen?
(sueddeutsche.de, Silke Bigalke)
Nun gibt es hier im BILDblog keine Kommentarfunktion. Aber wenn es sie gäbe, und Sie kommentieren wollten, dann müssten Sie erstmal eine Frage beantworten, die mit diesem Blogpost zu tun hätte. Zum Beispiel: Wie heißt die südafrikanische Beratungsfirma, deren Zahlen Thomas Knüwer hinterfragt? So macht es jedenfalls das norwegische Technik-Blog “NRKbeta”, das zum staatlichen Sender “NRK” gehört: Wer kommentieren will, muss vorher drei simple Fragen beantworten, die sich auf den Text beziehen, den man kommentieren möchte. Das soll Hitzköpfe ausschließen, die nur rumpöblen wollen. Und funktioniert in den ersten Testwochen recht gut.

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