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Pleite-Journalisten

Ganz spurlos geht die Kritik einiger Medien und Politiker an der “Bild”-Hetzkampagne gegen Griechenland nicht vorbei. Zumindest erachteten es die beiden Redakteure Nikolaus Blome und Paul Ronzheimer, die sich regelmäßig mit den “Pleite-Griechen” befassen, für notwendig, sich zu rechtfertigen.

Statt Selbstkritik zu üben, wie es in diesem Fall berechtigt wäre, holten die beiden vergangene Woche aber lieber zum Rundumschlag aus, bei dem das “leider” in der Überschrift vor Schadenfreude nur so trieft:

Griechen-Krise: BILD hatte leider recht

Anhand von neun äußerst willkürlich gewählten “Bild”-Aussagen über Griechenland aus dem Jahr 2010 versuchen Blome und Ronzheimer die Hetze zu rechtfertigen.

Und was soll man sagen? Natürlich hatte “Bild” nicht recht, aber die Aufzählung passt perfekt ins Bild der ganzen verlogenen Kampagne.

“Bild” zum Thema Privatisierungen:

“Verkauft doch eure Inseln!” schreibt BILD im März 2010.

Bundestagspräsident Norbert Lammert meint daraufhin, sich beim griechischen Parlamentspräsidenten entschuldigen zu müssen. (…)

Im Mai 2011 schreibt der britische “Economist” über den damaligen BILD-Bericht: “Damals klang es nach krassem Populismus. Heute ist es die Aussage der europäischen Finanzminister.”

Damals wie heute ist diese Forderung von “Bild” krasser Populismus — zumal die volle Schlagzeile lautete: “Verkauft doch eure Inseln, ihr Pleite-Griechen …und die Akropolis gleich mit” (letztere Forderung wiederholte “Bild” zur Sicherheit vor zwei Wochen). Man stelle sich den Aufschrei hierzulande vor, wenn Deutschland aufgefordert würde, Teile des eigenen Staatsgebietes oder ein Wahrzeichen wie das Brandenburger Tor zu verkaufen.

Michalis Pantelouris bringt es in einem Kommentar in seinem Blog “Print Würgt” auf den Punkt:

Für Griechen, die Deutsche noch als Besatzer kennen, ist das emotional hochbelastet, und das zu recht.

“Bild” weiter:

Tatsächlich hat Finanzstaatssekretär Jörg Asmussen öffentlich kritisiert, dass Griechenland noch “für keinen Euro privatisiert hat”.

Nun will Griechenland im Höchsttempo 50 Mrd. Euro Staatsbesitz verkaufen (privatisieren): Beteiligungen an Konzernen – und Immobilien aus Staatsbesitz.

Nur weil Asmussen das sagt, ist es noch lange nicht richtig. Es mag dem Staatssekretär vielleicht nicht schnell genug gehen, aber seit Beginn der Krise wird in Griechenland privatisiert, was das Zeug hält, wovon auch deutsche Firmen wie etwa die Telekom profitieren.

“Bild” zum Thema Austritt aus der Eurozone:

“Tretet aus, Ihr Griechen!”, kommentiert BILD im April 2010.

Die Idee wird heftig attackiert. (…)

Ein Jahr später sieht es anders aus. In einem vertraulichen Papier des Bundesfinanzministeriums wird die Austritts-Variante ernsthaft diskutiert.

Viele Wirtschaftsexperten sind dafür, u. a. Ifo-Chef Sinn sagt: “Der Euro-Austritt wäre das kleinere Übel.”

Dass “Bild” alles daran setzt, um Stimmung für einen Austritt oder gar Rausschmiss Griechenlands aus der Eurozone zu machen, hat BILDblog erst kürzlich aufgezeigt. Aber: Auch wenn “Bild” etwas anderes behauptet, sind sich nahezu alle Wirtschaftsexperten einig, dass ein Austritt Griechenlands nicht in Frage kommt. Auch Ifo-Chef Sinn betonte hinsichtlich seiner Äußerung, der Euro-Austritt wäre das kleinere Übel:

Dies sei aber keine Empfehlung gewesen, präzisiert er nun, er habe lediglich die Möglichkeiten aufgezählt; die Journalisten neigten dazu, Dinge zu überspitzen.

“Bild” zum Thema Pleite:

“Ihr Pleite-Griechen”, so nennt BILD im Frühjahr 2010 das Land, das um EU-Milliarden bitten muss.

Das will die griechische Regierung natürlich nicht wahrhaben. (…)

Heute klingt das ganz anders, dramatisch.

Finanzminister Giorgos Papakonstantinou warnte Anfang der Woche vor einem Ausbleiben weiterer Kredit-Milliarden: “Wenn das Geld bis Ende Juli nicht kommt, müssen wir die Rollläden runterlassen. Der Staat wird dann alle Zahlungen einstellen.” Das nennt man Staatspleite.

Auch wenn “Bild” das offensichtlich anders sieht: Das Problem bei einer Formulierung wie “Pleite-Griechen” ist weniger die Frage, ob Griechenland letztlich irgendwann wirklich pleite ist, sondern die Tatsache, dass es sich um eine verallgemeinernde Beleidigung handelt, bei der ein komplettes Volk stigmatisiert wird — und zwar immer und immer wieder. Eine Suche auf Bild.de ergibt 125 verschiedene Artikel, in denen der Begriff “Pleite-Griechen” verwendet wird.

Zudem fehlt der Hinweis, dass Griechenland bis heute in jedem einzelnen Fall jeden einzelnen Kredit pünktlich bedient hat und dass Deutschland sowie deutsche Banken durch Kredite und Investitionen in Griechenland bislang nur Geld verdient haben. Das nennt man eben nicht Staatspleite.

“Bild” zum Thema Misswirtschaft:

“So verbrennen die Griechen die schönen Euros!”, lautet Anfang März 2010 der Titel einer Auflistung von Steuerhinterziehungen, Korruption, Privilegien, die exemplarisch für Griechenlands Strukturkrise stehen.

Viele Politiker in Deutschland halten das für überzogen. SPD-Chef Sigmar Gabriel: “Es ist ein Unding, dass die Politik auf die Anti-Griechenland-Kampagne der BILD-Zeitung nicht reagiert hat, die Kanzlerin und der Außenminister vorweg.”

Gabriel reagierte damals nicht darauf, dass “Bild” griechische Missstände anprangerte, sondern er kritisierte Politiker von Union und FDP, die “Sprüche wie ‘Kein Cent den Griechen’ oder den Vorschlag, die Griechen sollen ihre Inseln verkaufen” von “Bild” übernommen hätten.

“Bild” weiter:

Ein Jahr später sind nicht wenige der kostspieligen Privilegien und Sonderleistungen für Staatsbedienstete (jeder 4. Arbeitnehmer) zumindest offiziell zusammengestrichen.

Der Schuldenberg des Landes ist dennoch schneller gewachsen als befürchtet. Die Strukturkrise Griechenlands ist nicht überwunden.

Inwiefern “Bild” in diesem Fall “leider recht” hatte oder nicht, ist irgendwie nicht erkennbar. Dass es in Griechenland gerade zu Beginn der Schuldenkrise viele Missstände gab, hat weder Gabriel noch sonst jemand bestritten. Kritikwürdig ist jedoch, wie “Bild” einzelne Probleme herausgreift und aus diesen heraus eine allgemeine mit Gier gepaarte griechische Sparunfähigkeit konstruiert (“… lesen Sie mal, was die sich alles leisten”). Darüber, dass die OECD Griechenland erst vor kurzem bescheinigte, so konsequent zu sparen wie kein anderes Land, haben bislang übrigens weder Blome noch Ronzheimer berichtet.

“Bild” zur Zukunft Griechenlands:

Griechenland ist ein “Fass ohne Boden”, schreibt BILD im Mai 2010.

Doch Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble hält dagegen: Er erwarte nicht, dass Griechenland über die jetzt beschlossenen (110 Mrd. Euro) Kredite hinaus weitere Finanzhilfen benötigt, sagte er in den ARD-“Tagesthemen”.

Inzwischen wird unter den EU-Finanzministern offen ein neues EU-Kreditpaket von zusätzlich 60 Mrd. Euro diskutiert.

“Bild” hat tatsächlich recht damit, dass die erste Finanzhilfe von 110 Milliarden Euro nicht ausreicht. Der Begriff “Fass ohne Boden” suggeriert jedoch, dass dieses Geld einfach verloren ist. Einmal mehr unterschlägt die Zeitung, dass Griechenland bislang alle Kredite bedient hat und dass Deutschland an dem “Fass ohne Boden” bis heute in Form von Zinsen fleißig mitverdient.

“Bild” über die Rückzahlungsfähigkeit Griechenlands:

“Sehen wir unser Geld jemals wieder?”, fragt BILD im April 2010. (…)

Premierminister Georgios Papandreou antwortet selbstbewusst: “Wir werden jeden Cent zurückzahlen.”

Doch es kommt anders. IWF, EU-Kommission und Europäische Zentralbank ziehen die sog. “Schuldentragfähigkeit” Griechenlands immer stärker in Zweifel.

Und noch mal: Bislang hat Griechenland jeden Cent zurückgezahlt. Ob das auch in Zukunft so sein wird, lässt sich schwer sagen, aber bislang ist “Bild” auch hier wieder im Unrecht.

“Bild” zur Effektivität der Finanzhilfen:

“Kann unser Geld die Griechen überhaupt noch retten?”, lautet eine andere BILD-Frage im Mai 2010.

Wieder hagelt es Kritik. (…)

Ein Jahr später ist allerdings klar, dass Griechenlands Anstrengungen nicht ausreichen.

Hier lohnt es sich, den besagten Artikel noch einmal zu lesen. Anders als von Blome und Ronzheimer dargestellt, wurde genau dieser Bericht von niemandem kritisiert: Er war nämlich einer der wenigen einigermaßen objektiven und unaufgeregten. Die Frage, ob “unser Geld” die Griechen überhaupt noch retten kann, hatte “Bild” ausnahmsweise völlig korrekt beantwortet:

Das kann niemand sagen.

“Bild” über das Verhältnis zur Politik der Bundesregierung:

“Verkauft uns nicht für dumm!”, fordert BILD von der Regierung in einem Kommentar Anfang Mai 2010.

Zuvor hatte u. a. Kanzlerin Merkel das Hilfspaket für Griechenland im Bundestag als  “alternativlos” dargestellt.

Mit den jetzt diskutierten verschiedenen Formen von Umschuldung bzw. Schuldenerlass wird aber klar, dass es doch Alternativen gibt – und von Anfang an gab.

Dieser Punkt geht anstandslos an Nikolaus Blome, der neben einem Euro-Austritt auch die Umschuldung und einen Schuldenerlass gefordert hatte — letzteren allerdings erst Mitte Mai 2011.

Der letzte Punkt und irgendwie auch das Fazit von “Bild” lautet:

“Griechenland versinkt im Chaos”, schreiben BILD-Reporter im Sommer 2010 nach einer Recherche-Reise.

In Deutschland will das niemand hören. Der Ex-Wirtschaftsweise Bert Rürup z. B. sagt: “Ich halte die Griechen in ihrer Mehrheit für einsichtig und lernfähig.”

Doch die Krise scheint das Land zu zerreißen.

Die “Recherche-Reise”, von der hier die Rede ist, diente allerdings nur bedingt dazu, die Hintergründe der griechischen Schuldenkrise zu recherchieren. Im Mittelpunkt standen stattdessen hämische Kommentare und plakative Aktionen wie diese:

Pleite-Griechen Hier feiern sie ihre Finanz-Spritze

Tschüs, Euro! BILD gibt den Pleite-Griechen die Drachmen zurück Aus Athen berichten Paul Ronzheimer und George Kalozois

Mit der Drachmen-Rückgabeaktion, die man schwer mit Journalismus verwechseln kann, brüstete sich Ronzheimer noch ein halbes Jahr später. Wie traurig es aussieht, wenn die Ereignisse einen solchen Schaumschläger dazu zwingen, doch einmal ernsthaft zu berichten, sehen Sie hier: Chaos in Griechenland – BILD-Reporter berichtet aus Athen

Bei einer solchen Ansammlung von willkürlichen Behauptungen, Lügen, Halbwahrheiten und Eitelkeiten fällt ein Fazit schwer. Am besten trifft es wohl auch hier Michalis Pantelouris, der schreibt:

Insgesamt: Bild hatte nicht recht und hat nicht recht. Stattdessen haben sie eine Kampagne an der Grenze zur Volksverhetzung gefahren (Michael Spreng), und ich möchte hinzufügen, dass nicht immer klar war, auf welcher Seite der Grenze.

Flieger, grüß mir die Pinguine

Boulevardjournalismus besteht im wesentlichen daraus, unspektakuläre Geschichten spektakulär zu verpacken. Manchmal passiert es aber, dass auch ohnehin schon spektakuläre Geschichten noch spektakulärer verpackt werden — und dann meist völlig lächerlich wirken.

Die australische “Sunday Herald Sun” berichtete gestern über einen Vorfall, der sich im vergangenen Dezember zugetragen hatte: Ein Pilot in Ausbildung hatte an Bord seiner einmotorigen Maschine das Bewusstsein verloren und bewusstlos ca. 250 Kilometer zurückgelegt.

“Etwa 55 Minuten später kam er wieder zu Bewusstsein, über dem Wasser und unklar über seine Position”, führt der Bericht aus.

Tatsächlich hatte das Flugzeug Parafield komplett verfehlt und war auf seinem Weg hinaus aufs offene Meer der Großen Australischen Bucht, nachdem es Aldinga südlich von Adelaide verfehlt hatte.

(Übersetzung von uns.)

Mithilfe der Flugsicherung von Adelaide fand der Pilot seinen Weg zurück zu seinem Zielflughafen in Parafield.

Die “Sunday Herald Sun” zitiert einen Fluglehrer mit den Worten, der junge Mann habe nur noch Benzin für 60 Minuten an Bord gehabt und wäre dann einfach irgendwo ins Meer gestürzt.

Klingt doch schon ganz spektakulär, oder?

Nicht spektakulär genug für die Deutsche Presseagentur (dpa). Die dachte sich wahrscheinlich, dass sich eh kein Schwein mit den geographischen Gegebenheiten Südaustraliens auskennt, und wählte für ihre Überschrift einen etwas bekannteren Wegpunkt:

Pilot bewusstlos – Maschine steuerte auf Antarktis zu

Nun kommt nach dem offenen Ozean – nach viiieeel offenem Ozean – tatsächlich irgendwann die Antarktis. Verlängert man die eingeschlagene Flugroute aber einfach immer weiter, dann trifft sie eher auf das südliche Afrika, als auf die Antarktis. So lange wäre die Maschine aber eh nie in der Luft geblieben. Gute Gründe für die “Sunday Herald Sun”, die Antarktis mit keinem Wort zu erwähnen — wenn ein Pilot auf dem Weg von Berlin nach Hamburg bewusstlos würde und erst über der Elbmündung wieder zu sich käme, würde ja auch niemand schreiben, seine Maschine habe auf Grönland zugesteuert.

Australien: Pilot bewusstlos – Maschine steuert auf Antarktis zu

Bild.de ging (wie üblich) noch einen Schritt weiter und behauptete, der Pilot sei “Hunderte Kilometer aufs Meer hinaus Richtung Antarktis” geflogen, obwohl er die allermeisten der 250 bewusstlos geflogenen Kilometer über massivem australischen Festland zurückgelegt hatte.

Und weiter:

Offenbar schlief er ein, doch die Maschine flog in den nächsten 55 Minuten einfach weiter – 250 Kilometer weit Richtung Antarktis.

Oder bis zur Unendlichkeit. Und noch viel weiter.

Mit Dank an Basti, Jochen H. und Tom.

Wir basteln uns eine Anti-Lierhaus-Empfehlung

Am Sonntagmorgen meldete der “Spiegel”, dass das oberste Aufsichtsgremium der ARD empfehle, Monica Lierhaus als Botschafterin der ARD-Fernsehlotterie abzulösen. Inzwischen will er das offenbar nicht mehr behaupten.

In der Vorabmeldung des “Spiegel” und in der gedruckten Ausgabe lautet die Meldung noch so:

Das oberste Aufsichtsgremium der ARD empfiehlt, die Fernsehmoderatorin Monica Lierhaus als Werbebotschafterin bei der Fernsehlotterie auszuwechseln. Statt der Moderatorin solle man ein ebenso bekanntes Gesicht finden, das sich allerdings ohne Gage für diese Werbung zur Verfügung stelle, hieß es bei einer Sitzung der Gremienvorsitzendenkonferenz in Stuttgart. (…)

Der “Spiegel” erwähnt erstaunlicherweise nicht, wann diese Sitzung stattgefunden hat: bereits vor acht Wochen, Anfang April. Durch den Verzicht auf jede Zeitangabe kann man die angebliche Empfehlung auch als Reaktion der Gremienvorsitzenden auf den ersten Fernsehauftritt von Lierhaus am vorletzten Sonntag missverstehen.

Das scheint aber nicht die einzige Verkürzung und Zuspitzung zu sein, die der “Spiegel” vorgenommen hat. Nach mehreren Dementis Beteiligter veröffentlichte “Spiegel Online” am Sonntagnachmittag eine neue Version eines Artikels zum Thema, die — ohne das kenntlich zu machen — in einigen Punkten von der bisherigen Darstellung abweicht:

Artikel von 08:02 Uhr Artikel von 16:49 Uhr
Hohe Gage
ARD-Gremien wollen Lierhaus austauschen
Hohe Gage
ARD-Aufseher wollen Lierhaus austauschen
450.000 Euro bekommt Monica Lierhaus als Botschafterin der ARD-Fernsehlotterie – das hat für viele gekündigte Abos und auch intern für Unmut gesorgt. Nun wollen Aufseher in der ARD Lierhaus nach Informationen des SPIEGEL gegen ein “bekanntes Gesicht” austauschen – und künftig ohne Gage auskommen. 450.000 Euro bekommt Monica Lierhaus als Botschafterin der ARD-Fernsehlotterie – das hat intern für Unmut und viele gekündigte Abos gesorgt. Mitglieder eines Aufsichtsgremiums der ARD wollen Lierhaus nach SPIEGEL-Informationen nun gegen ein “bekanntes Gesicht” austauschen lassen.
Stuttgart – Das oberste Aufsichtsgremium der ARD empfiehlt, Moderatorin Monica Lierhaus als Werbebotschafterin bei der Fernsehlotterie auszuwechseln. Statt Lierhaus solle man ein ebenso bekanntes Gesicht finden, das sich allerdings ohne Gage für diese Werbung zur Verfügung stelle, hieß es bei einer Sitzung der Gremienvorsitzendenkonferenz in Stuttgart. (…) Stuttgart – Statt Lierhaus solle man als Botschafterin der ARD-Fernsehlotterie ein ebenso bekanntes Gesicht finden, das sich allerdings ohne Gage für diese Werbung zur Verfügung stelle, heißt es in einem Protokoll des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR), in dem auch über Inhalte einer Sitzung der Gremienvorsitzendenkonferenz (GVK) Anfang April in Stuttgart berichtet wird. Das Dokument liegt dem SPIEGEL vor. (…)
Einen formalen Beschluss des Gremiums in der Causa Lierhaus gab es indes nicht. (…)

Ausgerechnet von der “Bild”-Zeitung muss das Nachrichtenmagazin sich heute fragen lassen:

SCHREIBT “DER SPIEGEL” DIE WAHRHEIT ÜBER DIE BELIEBTE MODERATORIN?

Die Frage ist berechtigt.

Nachtrag, 6. Juni. In seiner aktuellen Ausgabe hat der “Spiegel” folgende “Korrektur” veröffentlicht:

Der SPIEGEL hatte berichtet, dass die Gremienvorsitzendenkonferenz (GVK), das oberste Kontrollgremium der ARD, empfohlen habe, Monica Lierhaus als Werbebotschafterin bei der Fernsehlotterie auszuwechseln, und sich dabei auf das Protokoll einer Sitzung des MDR-Rundfunkrats bezogen, in dem dies so stand. Eine derartige formale Empfehlung der GVK hat es nicht gegeben. Allerdings wurde die Causa Lierhaus in der GVK Anfang April hitzig diskutiert. Im GVK-Protokoll ist von einem “erheblichen Unwillen der Gremien” die Rede. Nötigenfalls seien “Konsequenzen zu ziehen”.

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Dieser doofe Datenschutz!

Man kann es nicht oft genug betonen: Die meisten Grundrechte und Gesetze sind den Leuten bei “Bild” scheißegal.

In ihrer Hannoveraner Ausgabe fragte “Bild” gestern, ob die Polizei Daten von Handys und Computern nutzen dürfe, um Verbrecher oder Terroristen zu fassen.

Doch die Frage war wohl eher theoretisch zu verstehen, wie ein Blick auf die Überschrift beweist:

CDU-Minister klagen an: 43 Sex-Schweine kommen davon ...​weil FDP auf Datenschutz pocht

Niedersachsens CDU-Innenminister Uwe Schünemann, seit jeher glühender Verehrer der Vorratsdatenspeicherung, und sein Justizminister haben – obwohl gar nicht zuständig – eine “Formulierungshilfe” an Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) gesandt, mit der sie diese auffordern, die Vorratsdatenspeicherung endlich in überarbeiteter Form wieder einzuführen.

Eine Aktion, mit der sie bei “Bild” punkten konnten: Die Zeitung bezeichnet das Vorgehen als “Ohrfeige für die FDP!”

Das Bundesverfassungsgericht hatte vor mehr als einem Jahr eine Neuregelung für das Speichern zentraler Daten gefordert. Passiert ist in Berlin seither nichts.

Diese Sätze sind perfide formuliert, legen sie doch nahe, dass das Bundesverfassungsgericht die Bundesregierung aufgefordert habe, endlich ein Gesetz zu erlassen, das die Vorratsdatenspeicherung erlaubt. Dabei hatte das Gericht entschieden, dass es dem Gesetzentwurf der schwarz-roten Bundesregierung an Verhältnismäßigkeit gemangelt habe und in dieser Form mit dem Fernmeldegeheimnis nicht vereinbar sei.

Nun lag es bei der Bundesregierung, genauer: der Justizministerin, einen Gesetzentwurf auszuarbeiten, der mit dem Grundgesetz vereinbar ist. Der Nutzen einer solchen Vorratsdatenspeicherung wurde schon früh von Gutachtern in Zweifel gezogen, eine Analyse des Arbeitskreises Vorratsdatenspeicherung ergab zudem, dass die Vorratsdatenspeicherung die Aufklärung schwerer Straftaten nicht habe verbessern können, während sie in Kraft war.

Ob die von Schünemann zitierten 43 Fälle von Kinderpornografie, “wo wir keine Möglichkeiten hatten, die Täter zu kriegen”, mithilfe der Vorratsdatenspeicherung tatsächlich aufgeklärt worden wären (und ob das einen solchen Eingriff in die Grundrechte wert wäre), kann also niemand mit letzter Gewissheit sagen.

Mit Dank an Lieven R.

Bild, Bild.de  etc.

Wenn Rechte nach dem Rechten sehen

Am 5. Mai eröffnete das Museum “Keltenwelt am Glauberg” (Hessen) und nur wenige Stunden später gab es laut Bild.de einen “Skandal”, der für einige der Beteiligten noch Folgen haben sollte:

Skandal am Glauberg Hessen lässt Keltenschatz von Neonazis bewachen

Der Fall schien klar:

Wie BILD erfuhr sind die zwei Wachmänner bekannte NPDler. Einer ist Beisitzer im NPD-Landesvorstand, der andere aktiv bei der NPD im Wetterau-Kreis.

Ein schauriges Bild! Zwei Sicherheits-Männer in SA-ähnlichen Uniformen stehen neben dem angeleuchteten 230 Kilo schweren Keltenherrscher im 1. Obergeschoss des neuen Museums. Die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Braune Hemden, schwarze Krawatten, schwarze Kampfhosen, dicke Koppelschlösser.

Innerhalb kürzester Zeit zogen zahlreiche Nachrichtenportale nach und bereits am nächsten Tag gab es ein “Bild”-Verhör mit der hessischen Kunstministerin Eva Kühne-Hörmann sowie empörte Reaktionen aus der Politik:

Neonazi-Skandal im staatlichen Keltenmuseum Politiker sind entsetzt über Nazi-Wachmänner

Doch die Wirklichkeit lässt sich nicht so einfach in Schwarz und Weiß – oder in diesem Fall Braun und Weiß – aufteilen, wie Bild.de es gerne hätte.

Es beginnt damit, dass die NPD nach Bekanntwerden des Vorfalls die Darstellung dementierte, einer der beiden Wachleute wäre im Landesvorstand, was auch die Antifaschistische Bildungsinitiative vor Ort bestätigte.

Bei den “SA-ähnlichen Uniformen”, die nicht weniger und nicht mehr nach SA aussehen als viele andere Uniformen, handelt es sich laut Ilona Huth, der Chefin der Sicherheitsfirma, bei der die beiden Wachleute angestellt waren, um reguläre Dienstkleidung.

Huth erklärte gegenüber dem Mittelhessenblog:

“Wir beschäf­ti­gen neben Deut­schen  auch Ita­lie­ner, Marok­ka­ner, Tür­ken, Ukrai­ner, Arme­nier, Polen, Bul­ga­ren, Syrer, Koso­va­ren, bosnisch-herzegowinische, ägyp­ti­sche, kroa­ti­sche, ser­bi­sche und  fran­zö­si­sche Mit­ar­bei­ter. Ins­ge­samt sind es im Kern 60 Mit­ar­bei­ter mit Aus­hil­fen im Stamm, die für uns arbei­ten. Wir hat­ten, seit­dem wir 2006 am Markt sind, noch nie irgend­wel­che Pro­bleme mit einem unse­ren Mit­ar­bei­ter und spe­zi­ell unse­ren bei­den neuen Mit­ar­bei­ter sind bei uns nie durch irgend­eine Äuße­rung auf­ge­fal­len, die an eine Ver­bin­dung mit rechts­ex­tre­mis­ti­schem Gedan­ken­gut hätte den­ken las­sen kön­nen”, sagt Huth. Die­ses habe sie auch in ihrem Wider­spruch auf die frist­lose Kün­di­gung geschrieben.

Es gibt außerdem Hinweise darauf, dass das Foto auf Bild.de gestellt sein könnte:

In Stel­lung­nah­men, die dem Mit­tel­hes­sen­blog vor­lie­gen, wird ins­be­son­dere von Tobias B. der Vor­wurf erho­ben, dass Bil­der retu­schiert wor­den seien. Zudem habe es von einem Repor­ter, der sich als Bild-Mitarbeiter vor­ge­stellt habe, die Bitte um Auf­nah­men und ent­spre­chende Regie­an­wei­sun­gen gege­ben, die “ernste Bewa­chung” sym­bo­li­sie­ren soll­ten.

Auch die Entstehungsgeschichte eines Fotos der Nachrichtenagentur dapd, bei dem der Schatten so auf einen der beiden Wachleute fällt, dass der Eindruck eines nur allzu bekannten Seitenscheitels entsteht, ist mindestens interessant.

Christoph von Gallera vom Mittelhessenblog schreibt:

Sei­tens dapd wird ver­si­chert, der dapd-Fotograf habe die bei­den Wach­leute nicht in Szene gesetzt. Er habe aber, um ein “sei­ner Mei­nung nach inter­es­san­tes Foto zu machen”, einen von der Kamera aus­ge­lös­ten Blitz ein­ge­setzt. Dadurch sei der Schat­ten­wurf auf Wach­leute und Kel­ten­fürst ent­stan­den.

Eine weitere Eskalationsstufe war erreicht, als wenige Tage später bekannt wurde, dass einer der beiden Wachleute bereits vor der Eröffnung des Keltenmuseums den Holocaust geleugnet haben soll.

Die “FAZ” berichtete am 11. Mai:

(…) nun berichtete Wissenschaftsministerin Eva Kühne-Hörmann (CDU), dass der Museumsleitung schon zuvor Hinweise auf eine rechtsextreme Gesinnung eines der Männer vorgelegen hätten. Dieser habe schon Tage zuvor in dem Museum den Massenmord der Nazis an den europäischen Juden geleugnet. Bei Aufbauarbeiten habe dies ein Mitarbeiter gehört und Museumsleiterin Katharina Kurzynski gemeldet.

Besagter Mitarbeiter hat diese Behauptung allerdings umgehend nach Bekanntwerden des Vorwurfs revidiert und konnte immerhin gegenüber der “Frankfurter Rundschau”, der “FAZ” und dem “Hessischen Rundfunk” seine Sicht der Dinge darlegen. Gegenüber BILDblog sagt er, es habe zwar ein Gespräch gegeben, in dem er einem der Männer “gedanklich eine rechte Gesinnung unterstellt” habe, aber:

Ich widerspreche (…), daß der Wachmann den Holocaust geleugnet habe, ich Mitarbeitern gegenüber behauptet hätte, von einer Holocaustleugnung des Wachmannes gehört zu haben und daß ich die Museumsleiterin informiert hätte.

Was also letztlich bleibt, ist viel Lärm um sehr wenig. Und obwohl erst kürzlich das Bundesarbeitsgericht die mit einer NPD-Mitgliedschaft begründete Kündigung gegen einen Behördenmitarbeiter gekippt hat, führte der mediale Wirbel um die Wachleute des Keltenmuseums zu folgenden Ergebnissen:

Nach dem Neonazi-Skandal: Wachfirma des Keltenfürsts gefeuert

Keltenwelt am Glauberg Konsequenzen für Museumsleiterin

Horror-Keime, Versuchungen, Enzensberger

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “EHEC – nix gelernt”
(zapp.blog.ndr.de, Zapp Redaktion)
EHEC als “Horror-Keime”, “Killer-Keime” und “Gefährliche Bakterien”. Für die Zapp-Redaktion wiederholt sich die Geschichte mit der Angst, “nicht genauso, aber ähnlich”: “Von wegen Sex sells – Angst sells.”

2. “Nun also doch EHEC”
(blog.tagesschau.de, Kai Gniffke)
“Tagesschau”-Chefredakteur Kai Gniffke bloggt erneut zu EHEC. Anfang und Schluß des Beitrags lauten so: “Gestern habe ich hier ausführlich begründet, warum wir in der 20Uhr nicht mit EHEC aufgemacht haben. Seither hat es keine weiteren bestätigten Todesfälle gegeben und auch die Fallzahlen sind nicht dramatisch gestiegen. Trotzdem war EHEC heute auf Platz 1 in der Tagesschau. (…) Ich werde schon in wenigen Wochen sicher wieder auf irgendeinem Podium eines Medienkongresses sitzen und darüber diskutieren, dass die Medien bei EHEC (oder war es SARS oder H2N1?) mal wieder übertrieben haben.”

3. “Gruselkeim statt Kernschmelze!”
(blog-cj.de, Christian Jakubetz)
“Dreifache Kernschmelze in Fukushima? Nimmt man mal so mit, weil man im Journalistensprech sagen würde: Hatten wir schon. Hatten wir oft genug. Will keiner mehr lesen. Dagegen: Ein neuer, unheimlicher, gruseliger Killerkeim? Dem bereits eine 83jährige Frau zum Opfer gefallen ist? Endlich was neues, nachdem Rinderwahn, Schweinegrippe, Vogelgrippe und all die anderen unheimlichen Epidemien durch sind und nicht mal mehr Berufshysterikern Angst machen.”

4. “Die alltägliche Versuchung”
(ankommen.nordbayerischer-kurier.de, jbraun)
Joachim Braun, Chefredakteur des “Nordbayerischen Kuriers”, wird ein “Wagner-Wochenende in Bayreuth” angeboten: “Anreise per Flugzeug oder im Testwagen, Übernachtung in einem Luxushotel ein paar Kilometer außerhalb der Stadt, eine Ehrenkarte für die Bayreuther Festspiele – ja, richtig, Normalsterbliche müssen dafür zehn Jahre anstehen. Dazu eine persönliche Einweisung in Wagner und der Transfer von zu Hause nach Bayreuth, vom Hotel zum Grünen Hügel – natürlich – wieder im Testwagen, und das alles mit Partner oder Partnerin.”

5. “Wieviel Schleichwerbung passt in eine einzige Tageszeitung?”
(kobuk.at, Alex Calanducci)
Redaktionelle Inhalte und die dazu passende Werbung in der Tageszeitung “Österreich”.

6. “Die Sprache des Spiegel”
(spiegel.de, Hans Magnus Enzensberger, 1957)
Meedia.de erinnert an einen Essay von Hans Magnus Enzensberger in der “Spiegel”-Ausgabe 10/1957 (“mit dessen Einverständnis hier eine unwesentlich gekürzte Fassung”): “Objektivität ist ein Kriterium, das auf die Story schlechterdings nicht anwendbar ist. Maßgebend für das Gelingen einer Story ist einzig und allein ihr Effekt.”

Spiegel, EHEC, Brisant

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “Eine Anmerkung zum Thema Qualitätsjournalismus”
(internet-law.de, Thomas Stadler)
Die Berichterstattung der “Süddeutschen Zeitung” über den Prozess vor dem Münchner Landgericht: “Ottried Fischer hat keineswegs eine Klage gegen einen Reporter verloren, weil er eine solche gar nicht angestrengt hatte. Der besagte Reporter war vielmehr im Rahmen eines Strafverfahrens von der Staatsanwaltschaft angeklagt worden. Fischer ist in diesem Strafprozess lediglich als sog. Nebenkläger aufgetreten. Die feinsinnige Unterscheidung zwischen Klage und Anklage zwischen Zivil- und Strafprozess darf man von einer Zeitung, die den Anspruch erhebt, eine der besten des Landes zu sein, erwarten.” Die Berichterstattung von Stern.de analysiert der Trittbretttreter im Beitrag “Journalistische Redundanz – und andere Kunstfehler”.

2. “Spiegel. Sex. Power. Bullshit.”
(stefan-niggemeier.de)
Stefan Niggemeier analysiert die aktuelle “Spiegel”-Titelgeschichte, die sich dem Thema “Sex & Macht” widmet. Ullrich Fichtner und Dirk Kurbjuweit schreiben über “Die Affäre Strauss-Kahn u.a.”.

3. “EHEC – der neue Erreger”
(blog.tagesschau.de, Kai Gniffke)
“Haben nicht viele Journalisten bei früheren Fällen insgeheim damit gehadert, dass den Phänomenen Schweinegrippe, SARS, Vogelgrippe und BSE ein bisschen zu viel Ehre angetan worden war?” fragt Tagesschau-Chef Kai Gniffke. Allerdings sei EHEC “seit gestern das zentrale Gesprächsthema in Deutschland” und müsse darum “in einer Nachrichtensendung vorkommen – nüchtern, sachlich und seriös. Aber sehr bewusst haben wir uns dagegen entschieden, das Thema an die Spitze der Sendung zu setzen.”

4. “Oberlehrer im Blindflug”
(theeuropean.de, Alexander Kissler)
“Politikerhass und Obszönität” seien die beiden Mittel, mit denen die öffentlich-rechtlichen Satireformate “Neues aus der Anstalt”, “Satire Gipfel” und “heute show” versuchen, Lacherfolge zu erzielen, meint Alexander Kissler: “Ganz offensichtlich genießt es eine wachsende bürgerliche Klientel, sich ihr Vorurteil von der Politik als einer Veranstaltung für Dödel bestätigen zu lassen.”

5. “Blöd On Blöd”
(coffeeandtv.de, Lukas Heinser)
Das ARD-Boulevardmagazin “Brisant” feiert den 70. Geburtstag von Bob Dylan.

6. “Why I Will Never, Ever Hire A ‘Social Media Expert'”
(businessinsider.com, Peter Shankman, englisch)

Mutter, der Mann mit dem Salz ist da

Hier kokst der Kollege von Herrn KaiserNach der Affäre um Partys mit Prostituierten in historischen Thermen steht der Versicherung Hamburg-Mannheimer der nächste Skandal ins Haus:

Nach BILD-Informationen ist es mindestens zwei Mal zu Drogen-Exzessen gekommen.

“Bild” möchte das mit einem Video belegen, das einen hochrangigen Mitarbeiter der Hamburg-Mannheimer und “eine Begleiterin” auf Mallorca zeigt, angeblich “beim Koksen”. Vor den beiden gut sichtbar auf dem Tisch: zwei gefüllte Schnapsgläser, Zitronenscheiben und ein Koksstreuer.

Man braucht keine eigenen Drogenerfahrungen, um zu denken: “Hä? Koksstreuer? In Filmen ist das doch immer in so kleinen Tütchen. Und bei mir zuhause ist in dem Streuer … Salz drin.”

Salzstreuer

Nun: Womöglich war da auch Salz drin, wie die Ergo-Gruppe, zu der die Hamburg-Mannheimer heute gehört, in einer eilig veröffentlichten Pressemitteilung erläutert:

Die Berichterstattung in der heutigen Ausgabe der BILD-Zeitung, wonach Handelsvertreter der Hamburg-Mannheimer auf sog. Top 5 Reisen Kokain konsumiert hätten, ist unwahr. Die von der BILD-Zeitung veröffentlichten Fotos zeigen ein Trinkspiel mit Salz, Tequila und Zitronensaft. Dazu gehört das Einschnupfen von Salz durch die Nase. Bei den Handlungen der Akteure auf den von der BILD-Zeitung veröffentlichten Fotos handelt es sich nicht um den Konsum von Kokain. Der ERGO liegen dazu inzwischen auch eidesstattliche Versicherungen von auf den Lichtbildern abgebildeten Personen vor.

Bei dem “Trinkspiel” handelt es sich offenbar um den “Tequila Stuntman”, bei dem man zunächst das Salz schnupft, dann den Tequila stürzt und sich anschließend Zitronensaft ins Auge träufelt.

Das Video ist bei Bild.de inzwischen verschwunden. Auf YouTube ist es noch zu sehen.

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber.

Die “Bild”-Wortspiele von Cannes

Die Internationalen Filmfestspiele von Cannes sind seit Sonntag vorbei. Und während die Goldene Palme für den besten Film an “The Tree of Life” verliehen wurde, sind wir von BILDblog der Meinung, dass “Bild” und Bild.de mindestens einen Preis in der Sonderkategorie “Konsequentester Einsatz ein und desselben abgedroschenen Wortspiels” verdient hätten:

11.5.2011:

Cannes ich mir das denn leisten?

12.5.2011:

64. Filmfestspiele eröffnet Nur Cannes kann sooo strahlen

13.5.2011:

Cannes kann sehr schlauchen.

14.5.2011:

Filmfestspiele in Cannes bei Arthur Cohn So schön kann Cannes feiern!

17.5.2011:

Filmfestspiele in Cannes Jane Fonda Cannes immer noch!

18.5.2011:

Das Filmfest wird sexy Endlich kann Cannes auch nackt!

19.5.2011:

Die glamouröse AmfAR-Charity Gala am Donnerstagabend im Hotel du Cap Eden Roc in Antibes. Wer cannes, der kommt!

21.5.2011:

Tiefe Dekolletés, kurze Röcke und viel Glitzer. Nichts dagegen einzuwenden! Doch wer cannes und wer sollte lieber nicht?

Womöglich handelt es sich um eines der langlebigsten Wortspiele in der Redaktion überhaupt:

2010:

DIE STARS BEI DEN 63. FILMFESTSPIELEN Was in Cannes alles passieren kann ... ZUR ERÖFFNUNG DER 63. FILMFESTSPIELE KAM DELON NICHT ALLEIN UND OLIVER STONE SOFF FÜR ZWEI

BILD BERICHTET VOM FILMFESTIVAL Paris Hilton Cannes nicht lassen!

WOODY ALLEN UND DER SEX Wer Cannes, der kann

2009:

Kann es Schöneres als Cannes geben?

FILMFESTSPIELE Kino Cannes so toll sein

FILMFESTSPIELE 2009 Cannes sein, dass es hier kriselt? POPCORN-DINNER & CHAMPAGNER AUS DEM PLASTIKBECHER

PARIS HILTON UND DOUG REINHARDT Paris Cannes nicht lassen

2007:

Cann es sein, dass in Cannes die Zeit stehen bleibt?

Nicht nur in Cannes lautet die Antwort auf die letzte Frage offensichtlich: “Ja”.

Timothy McVeighs Perp-Walk-Marathon

Perp Walk nennen die Amerikaner den Gang, mit dem Verdächtige vor der Öffentlichkeit bloßgestellt werden. Meist in Handschellen und umringt von Polizisten werden sie medienwirksam abgeführt.

Über dieses Ritual wird gerade wieder heftig diskutiert, weil der zurückgetretene Chef des Internationalen Währungsfonds IWF, Dominique Strauss-Kahn, es über sich ergehen lassen musste, nachdem er in New York festgenommen wurde. Die “Süddeutsche Zeitung” versuchte deshalb vergangene Woche, die Geschichte des Perp Walks nachzuerzählen:

Den längsten “Perp Walk” hatte Timothy McVeigh, der Attentäter von Oklahoma City, zu erdulden. Drei Stunden lang wurde er öffentlich ausgestellt, bevor er dem Richter vorgeführt wurde.

Das kann man sich sehr schlecht vorstellen. Entweder hätte der Transporter viele Kilometer vom Gefängnis entfernt geparkt sein müssen. Oder McVeigh hätte viele Male um das Gebäude herum- oder immer wieder hin- und hergeführt werden müssen. Oder man hätte ihn — ohne Schutzweste — drei Stunden vor einem Pulk aufgebrachter Bürger herumstehen lassen müssen.

In Wahrheit dauerte McVeighs Perp Walk nur wenige Sekunden (Video). Es mag dem SZ-Autor wie Stunden vorgekommen sein, weil diese Aufnahmen so oft wiederholt wurden. Wahrscheinlicher ist, dass er eine leicht missverständliche Formulierung aus dem englischen Wikipedia-Eintrag zu Perp Walk missverstanden hat. Dort heißt es:

In 1995 Oklahoma City bomber Timothy McVeigh, already in Oklahoma State Police custody for a firearms violation, was paraded before television cameras by the FBI nearly three hours before he was officially arrested for the bombing.

Die knapp drei Stunden sind der Zeitpunkt (vor der offiziellen Verhaftung wegen des Attentates), nicht die Länge des Perp Walks. Aber das hat nicht nur die SZ falsch verstanden.

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