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Inauguration Day, Wir alle sind Bosbach, Steingarts Seemannsgarn

1. Journalisten in Kampfmontur
(sueddeutsche.de, Jürgen Schmieder)
Heute findet in Washington die Amtseinführung des US-Präsidenten Joe Biden statt. Seit Tagen gleicht die Stadt einem Militärstützpunkt mit Straßensperren und Kontrollpunkten. Für den reibungslosen Ablauf der Inauguration sollen rund 25.000 Nationalgardisten sorgen. Journalisten und Journalistinnen würden sich auf das Event wie auf einen Kriegseinsatz vorbereiten samt Schutzausrüstung, kugelsicherer Weste und Bodyguard. Reporterin Katie Miller (“Washington Post”) schreibt dazu auf Twitter: “Ich habe mir gerade einen neuen Wintermantel gekauft, der über die kugelsichere Weste passt, damit ich sicher (und warm) von der Amtseinführung des nächsten Präsidenten der Vereinigten Staaten berichten kann. Wie absurd ist das eigentlich?”

2. Trumps Verbannung von Social Media – Kritiker verkennen Gesetze
(netzpolitik.org, Julia Reda)
Angela Merkel äußerte sich vergangene Woche kritisch zur Twitter-Sperre von Donald Trump und meldete juristische Bedenken an. Darüber ist Julia Reda verwundert: “Diese Aussage ist in zweierlei Hinsicht bemerkenswert. Denn es gibt sehr wohl einen rechtlichen Rahmen für die Moderation von Inhalten auf Social Media-Plattformen in den USA, an dem sich Twitter und Facebook orientiert haben. Außerdem wäre die Entscheidung in Deutschland, wo das Netzwerkdurchsetzungsgesetz den rechtlichen Rahmen absteckt, vermutlich genauso ausgefallen.” In ihrem Beitrag beschreibt Reda, wie eine zeitgemäße europäische Plattformregulierung aus ihrer Sicht aussehen sollte.

3. “Bild” veröffentlicht keine Rügen des Presserates mehr in der gedruckten Zeitung
(uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
Der Verlag Axel Springer hat sich, wie viele andere Medienhäuser, gegenüber dem Presserat verpflichtet, Rügen “in dem jeweils betroffenen Medium aktualitätsnah und in angemessener Form zu publizieren”. Die “Bild”-Redaktion fühlt sich an die Selbstverpflichtung anscheinend nicht gebunden: Bereits seit eineinhalb Jahren habe die gedruckte “Bild” keine der gegen sie ausgesprochenen Rügen veröffentlicht, berichtet “Übermedien”. Einen Grund dafür habe der Verlag auf Nachfrage nicht genannt. Da “Bild” sich so sperrig in Sachen Fehlerkultur gibt, erinnert Medienkritiker Stefan Niggemeier an einige der gerügten Verstöße des Boulevardblatts.

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4. Durch- und weggezappt
(taz.de, Steffen Grimberg)
Die Meldung klingt zunächst positiv: “Das NDR-Medienmagazin ‘Zapp’” baut sein Online- und Social-Media-Angebot aus”. Dahinter steckt jedoch ein rigoroses Sparprogramm. Die Sendung wird zukünftig nicht mehr im Wochenrhythmus, sondern nur noch einmal im Monat im NDR-Fernsehen zu sehen sein. Steffen Grimberg befürchtet negative Folgen durch Etatkürzung und Umstrukturierung: “Was passiert, wenn die garantierte ‘Abwurfstelle’, also die Fachsendung, verloren geht oder drastisch beschnitten wird, konnte man bei der Zeit oder im Spiegel besichtigen. Seitdem hier die Medienseite(n) beziehungsweise die Medienressorts abgeschafft wurden, hat die Zahl der verhandelten Medienthemen massiv abgenommen.”

5. Seemannsgarn von der «Pioneer One»: Wie der Berliner Medienunternehmer Gabor Steingart die Geschichte eines möglichen Parteiwechsels von Friedrich Merz in die Welt setzte
(nzz.ch, Marc Felix Serrao)
Steht CDU-Politiker Friedrich Merz vor einem Wechsel zur FDP, wie der Publizist Gabor Steingart in seinem Newsletter “Morning Briefing” zu wissen glaubte? Keineswegs, wie der FDP-Bundesvorsitzende Christian Lindner auf Twitter in einem Statement klarstellt und juristische Schritte gegen die Berichterstattung ankündigt: “Berichte von Gabor Steingart über einen angebotenen Parteiwechsel sind aber (wieder mal) Fake News. Gemeinsam wehren Friedrich Merz und ich mich anwaltlich dagegen.”

6. Endlich wieder loslabern
(zeit.de, Daniel Erk)
Daniel Erk hat sich bei der neuen Plapper-App Clubhouse umgeschaut: “Wenn es einen Ort gibt, dessen Leitspruch ‘Es ist alles gesagt, aber noch nicht von allen’ lautet, dann Clubhouse, dieses nicht enden wollende Stammtischgespräch. Und nicht zufällig ist eines der in Deutschland derzeit erfolgreichsten Formate eine tägliche Lunchrunde im Regierungsviertel. Twitter ist eine Hölle redundanter Diskussionen unter Politikstudierenden und Instagram eine Hölle ewiger Dia-Abende von Menschen mit Modelambitionen. Clubhouse dürfte langfristig die Hölle der Talkshowgesellschaft werden. Schon bald werden wir merken: Wir alle sind Wolfgang Bosbach. Allzeit bereit, halbinformiert zu labern.”

Antwort auf Rundumschlag, Corona-Fake-News im Briefkasten, Clubhouse

1. Wenn Schwarz-Sein zum Makel wird
(volksverpetzer.de, Jasmina Kuhnke)
Vergangene Woche holte Fatina Keilani im “Tagesspiegel” zum Rundumschlag aus: Aus der Mission “Rassismus bekämpfen” hätten einige Personen ein Geschäftsmodell gemacht, “sei es als Buchautorin, Ex-Journalist und Buchautor, Talkshow-Dauergast oder twitternde Vierfachmutter”. Nun melden sich die dort Angesprochenen zu Wort. Die als “twitternde Vierfachmutter” umschriebene Jasmina Kuhnke schreibt in ihrer Antwort: “Die Autorin beweist jedoch ein großes Verständnis für Humor, indem sie Aktivist*innen wie mir vorwirft, vom Kampf gegen Rassismus zu profitieren. Immerhin war keiner ihrer Beiträge bisher auch nur ähnlich erfolgreich, wie der, den sie über uns und unseren Aktivismus schrieb.” Der als “Ex-Journalist und Buchautor” umschriebene Hasnain Kazim antwortet beim “Tagesspiegel”: “Bisher kannte ich den Vorwurf, mein ganzes berufliches Treiben sei nichts als ein Jammern über einen erfundenen, eingebildeten Rassismus, nur aus der rechten Ecke.” Der vermutlich mit der Bezeichnung “Talkshow-Dauergast” gemeinte Stephan Anpalagan hat sich auf Facebook den nötigen Raum für seine Antwort genommen. Sein etwas sarkastisches Resümee: “Der Tagesspiegel verdient sein Geld unter anderem mit Webseitenwerbung, die umso höher ausfällt, je häufiger ein Artikel geklickt wird. Man könnte fast meinen, Rassismus sei ein lohnendes Geschäftsmodell.”

2. Der Trump-Twitter-Komplex: Unbeantwortbare Fragen und einfache Mechanismen
(medienkorrespondenz.de, Christian Bartels)
In Zusammenhang mit dem “Trump-Twitter-Komplex” fragt Christian Bartels: “Sollten Anbieter sogenannter sozialer Medien, bei denen es sich ja um von Profit-Interessen getriebene Konzerne handelt, Vertreter demokratisch gewählter Regierungen einschränken oder sogar stummschalten können? Sollten demokratisch gewählte Regierungen sozialen Medien Regeln geben, die die Meinungsfreiheit und ihre Grenzen klar umreißen, obwohl ja gerade Trump gut verkörpert, dass demokratisch gewählte Regierungen auch nicht immer gut und richtig handeln?” Historische Beispiele gebe es keine. Man könne trotzdem einige Erkenntnisse und Lösungsansätze ableiten.

3. Abseits digitaler Kontrolle: Corona-Fake-News im Briefkasten
(br.de, Julia Ley)
Verschwörungserzählungen werden meist über die Sozialen Medien verbreitet. Kritiker der Corona-Maßnahmen brächten ihre Desinformationen jedoch zunehmend über analoge Medien wie Flyer, Broschüren und Briefe unter die Leute. Julia Ley ist der Frage nachgegangen, warum in diesem Bereich so häufig auf den Desinformations-Übermittler Papier gesetzt wird.

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4. Deutschlandradio kündigt Tarifvertrag
(mmm.verdi.de)
Eigentlich hat das Deutschlandradio einen Tarifvertrag unterzeichnet, doch der wurde nun mittels Sonderkündigungsrecht aufgekündigt. Der vom Sender angegebene Grund: Wegen der Blockade Sachsen-Anhalts bei der Erhöhung des Rundfunkbeitrags würden die nötigen Einnahmen für den laufenden Haushalt fehlen.

5. “Es setzt Gewöhnung ein”
(taz.de, Anne Fromm)
Anne Fromm hat sich mit der ZDF-Moderatorin Petra Gerster über das Thema Gendern unterhalten. Gerster habe sich schon lange mit dem Thema Gleichberechtigung beschäftigt: “Ich bin Feministin seit meinem 14. Lebensjahr und hatte immer die naive Vorstellung, Geschichte verlaufe linear, in Richtung Fortschritt. Den gibt es zweifellos. Heute müssen Frauen nicht mehr, wie in den 70ern, ihren Ehemann fragen, ob sie arbeiten dürfen. Aber im Bundestag sitzen heute weniger Frauen als vor 20 Jahren. Das ist ernüchternd. Wie die Tatsache, dass in unseren Nachrichtenfilmen immer noch viel zu wenige Frauen auftreten.”

6. Was ist Clubhouse und wenn ja, warum?
(indiskretionehrensache.de, Thomas Knüwer)
Medienexperte Thomas Knüwer ist im Clubhouse-Rausch. Über das Soziale Audio-Netzwerk können sich iPhone-Nutzerinnen und -Nutzer zu Livegesprächen zusammenfinden. Knüwer kann der Kommunikations-App viel Positives abgewinnen, endgültig festlegen möchte er sich trotz aller Begeisterung jedoch nicht: “Ist Clubhouse also dauerhaft heißer Scheiß? Wer behauptet, das jetzt schon beurteilen zu können, lügt – oder hat ein Selbstbewusstsein von Trump’schem Ausmaß.”
Weiterer Lesehinweis: Hype-App Clubhouse erstellt Schattenprofile: “Die Social-Media-App Clubhouse setzt auf virales Marketing per Einladung – das klappt nur mit einem schwierigen Verständnis von Datenschutz.” (golem.de, Sebastian Grüner/dpa)

CDU-Parteitag, Blick in die Glaskugel, Unwort “Kampfkandidatur”

1. Wie über eine Wahl berichten, die auf dem Sofa entschieden wird?
(uebermedien.de, Anne Haeming)
Heute und morgen treffen sich 1.001 Delegierte zum 33. Parteitag der CDU. Der Termin wird mit großer Spannung erwartet, denn dort soll entschieden werden, wer neuer Parteichef wird: Friedrich Merz, Norbert Röttgen oder Armin Laschet. Die Berichterstattung über das wichtige Ereignis ist nicht einfach, denn es handelt sich um eine digitale Veranstaltung. Anne Haeming hat sich mit verschiedenen Medienvertreter:innen über die schwierige Versuchsanordnung unterhalten.

2. Darum ist “Kampfkandidatur” der falsche Begriff
(deutschlandfunk.de, Stefan Fries, Audio: 1:50 Minuten)
Und noch einmal zum CDU-Parteitag: Es sollte eigentlich der Idealfall sein, dass bei einer Wahl mehrere Kandidatinnen oder Kandidaten antreten. Trotzdem ist bei Wahlen oft von einer “Kampfkandidatur” die Rede. Medien sollten diesen Begriff nicht verwenden, findet Stefan Fries beim Deutschlandfunk-“Sprachcheck”: “Sie problematisieren also, dass es jemand wagt, gegen einen als gesetzt geltenden Kandidaten anzutreten. Und bemänteln damit das eigentlich größere Problem, dass Parteigremien manchmal eine echte Wahl verhindern, indem sie nur einen Kandidaten aufstellen. Eine Wahl haben die Wähler dann nämlich nicht.”

3. Datenboulevardjournalismus der taz zu Corona
(datenjournalist.de, Lorenz Matzat)
Datennjournalist Lorenz Matzat kritisiert eine “taz”-Grafik zu einer Corona-Mutation: “Das Boulevardeske an dieser Titelgrafik ist, dass sie – um Alarmismus zu betreiben – eine Datenentwicklung zeigt, ohne sie analytisch in einen Kontext zu stellen.”

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4. Thomas Knüwer rät Medienprofis: Sei ein Büffel!
(kress.de, Thomas Knüwer)
Medienexperte Thomas Knüwer hat seine Glaskugel herausgeholt und schaut in die Medienzukunft des Jahres 2021. Knüwer hat dabei sieben Entwicklungen im Blick: Zoom, Livestreaming, Social Commerce, Twitch, Instant Messaging, Peloton und Podcasts.

5. Shoot the Messenger
(netzpolitik.org, Ingo Dachwitz)
WhatsApp zwingt seinen Nutzern und Nutzerinnen neue Geschäftsbedingungen auf, die in vielerlei Hinsicht bedenklich sind. Ingo Dachwitz kommentiert: “Nach all den Skandalen und all den Versprechen, es in Zukunft besser machen zu wollen, versucht Facebook wieder, uns an der Nase herumzuführen. Statt klarer Kommunikation und echter Transparenz über die Datennutzung setzt uns der Marktführer unverständliches Kauderwelsch und widersprüchliche Angaben vor. Der Konzern geht davon aus, dass die Nutzer:innen die Bedingungen schon schlucken werden, auch ohne sie zu verstehen.” Wer den Artikel liest, dürfte nicht umhinkommen, eine der dort genannten Alternativen zu installieren.

6. Happy Birthday, Reparierer
(taz.de, Steffen Grimberg)
Das medienkritische Online-Magazin “Übermedien” feiert sein fünfjähriges Bestehen – und von überall kommen Glückwünsche (hiermit natürlich auch von uns). Steffen Grimberg, Medienredakteur der “taz”, schließt sich den Glückwünschen an: “Mensch, ihr seid schon fünf. Wehe, ihr werdet neunmalklug und ernst, wenn ihr nächstes Jahr in die Schule kommt. In diesem Sinne: Reingehauen!”

Trump-Deplatforming, RTL-Rauswurf der “Hitler-Transe”, Lobo wird 10

1. Warum Trumps Accountsperrungen richtig und hochproblematisch sind
(netzpolitik.org, Markus Reuter)
Donald Trump steht seit einigen Tagen ohne Twitter-Account und Facebook-Konto da. Die Plattformen haben ihn verbannt und ihn damit, zumindest auf Social Media, verstummen lassen. Dieses Deplatforming ist nicht unproblematisch. Kritiker und Kritikerinnen wenden ein, dass es sich um eigenmächtige Entscheidungen von wirtschaftlich befangenen Marktteilnehmern handele, die die Meinungsfreiheit einschränken. Außerdem löse es keine gesellschaftlichen Probleme, wie Markus Reuter anfügt: “Fraglich ist natürlich auch, ob ein Deplatforming ausreicht, um antidemokratische und menschenfeindliche Ideologien zu bekämpfen. Kein Rassist wird durch ein Deplatforming zum Demokraten. Vielleicht führt die Maßnahme sogar zu einer Radikalisierung der Betroffenen, weil Gegenrede auf den Nischenplattformen vollkommen wegfällt.”
Weitere Lesehinweise: Beim “Neuen Deutschland” ist Daniel Lücking ebenfalls skeptisch: “Wir mögen die Trump-Sperrung, müssen aber das Prozedere ablehnen”. Beim Deutschlandfunk weist Internetrechtler Matthias Kettemann auf die problematischen Aspekte derartiger Sperren hin (deutschlandfunk.de, Bettina Köster, Audio: 8:36 Minuten).
Und weil es thematisch dazugehört: Twitter sperrt 70.000 weitere Konten der QAnon-Bewegung (zeit.de).

2. Re: Hass im Netz
(arte.tv. Kathrin Wildhagen, Video: 31:46 Minuten)
Hass im Netz ist kein abstraktes Phänomen, sondern hat ganz konkrete Auswirkungen für und auf die angegriffenen Personen. Was machen organisierte Shitstorms und Morddrohungen mit ihren Opfern? In der Arte-Dokumentation lernt man drei Menschen kennen, die regelmäßig Hass im Netz ausgesetzt sind: die Wiener Politikwissenschaftlerin und Rechtsextremimus-Expertin Natascha Strobl, die Feministin Fatima Benomar aus Paris und den Hannoveraner Politiker Belit Onay, den ersten deutschen Oberbürgermeister mit türkischen Wurzeln.

3. RTL-Rauswurf der “Hitler-Transe”: Lügen von “BILD”, PR vom RBB
(nollendorfblog.de, Johannes Kram)
Eigentlich war die Berliner Dragqueen Nina Queer für die Teilnahme am “Dschungelcamp” (RTL) vorgesehen, doch wenige Tage vor dem Start der Aufzeichnung erfolgte die Ausladung durch den Sender. Der verkürzte Grund: Queers Selbstbezeichnung als “Hitler-Transe”. In der Berichterstattung und der Bewertung des Falls ist einiges weggelassen worden und durcheinandergeraten. Johannes Kram hat sich Queers Original-Zitate angeschaut und mit dem verglichen, was daraus in den Medien wurde.

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4. Härte des Rechtsstaats
(uebermedien.de, Sina Aaron Moslehi)
Sina Aaron Moslehi verrät auf “Übermedien” sein Lieblings-Hasswort. Es ist die Phrase von der “Härte des Rechtsstaats”. Moslehi ergänzt seine Kritik an dem Begriff mit einer Beobachtung: “Bemerkenswert ist auch, dass besondere Strenge dem Menschen immer dann als angemessen erscheint, wenn andere in den Verdacht geraten, Straftaten begangen zu haben. Man selbst lässt sich ja nie etwas zu Schulden kommen. Und falls das ausnahmsweise mal geschehen sollte, so hat man Milde verdient. Man weiß ja selbst am besten, was für ein eigentlich guter Mensch man ist.”

5. Expansion in Berlin
(deutschlandfunk.de, Manfred Götzke, Audio: 6:04 Minuten)
Die “Neue Zürcher Zeitung” weitet ihr Deutschland-Engagement aus. Ex-Springer-Mann Jan-Eric Peters dirigiert als “NZZ”-Deutschland-Geschäftsführer mittlerweile zehn Journalistinnen und Journalisten in München, Frankfurt und vor allem in Berlin. Der Leipziger Medienwissenschaftler Uwe Krüger verortet die “NZZ” im konservativ-liberal-bürgerlichen Lager. Die Kolumnen des Schweizer Chefredakteurs Eric Gujer würden im rechten Spektrum fischen und Begriffe wie “Gesinnungspolizei”, “Redeverbote”, “Tugendwächter” verwenden. “Das sind alles Signale dafür, dass man sich auch an ein Publikum richtet, dass sich AfD nah fühlt zum Beispiel”, so Krüger. “NZZ”-Deutschland-Chefredakteur Marc Felix Serrao weist eine AfD-Nähe von sich und seinem Blatt: Bei einer von der “NZZ” in Auftrag gegebenen Allensbach-Umfrage sei herausgekommen, dass man unterproportional AfD-Sympathisanten und überproportional Grünen-Sympathisanten in der Leserschaft habe.

6. Warum mich Sascha Lobo manchmal sehr traurig macht
(spiegel.de, Judith Horchert)
Seit zehn Jahren schreibt Sascha Lobo seine Kolumne bei “Spiegel Online” beziehungsweise beim “Spiegel”. Für Redakteurin Judith Horchert ein willkommener Anlass, ihre zehn Lieblings-Lobo-Kolumnen aus der zurückliegenden Dekade vorzustellen. Denn: “Erschreckend viele Texte von Sascha Lobo sind gut gealtert. Das liegt einerseits an Saschas Hellsichtigkeit und daran, dass er den Einfluss der Digitalisierung auf die Gesellschaft gut verstanden hat und gut erklären kann.”

“Spiegel” auf Psychedelika, Lächeln im Lockdown, Twitters Trump-Sperre

1. Hochmut kommt vor der Rüge: “Spiegel” blamiert sich beim Presserat
(uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
Häufig passieren die entscheidenden Fehler beim Umgang mit Fehlern. Der Presserat hat den “Spiegel” wegen eines “Selbsterfahrungsberichts” einer Psychedelika-Lobbyistin gerügt. Anstatt die Rüge hinzunehmen, den Fehler einzugestehen und womöglich Besserung zu geloben, beantragte das Nachrichtenmagazin die Wiederaufnahme des Verfahrens – und unterlag erneut. Der Medienkritiker Stefan Niggemeier hat sich den unwürdigen Ablauf angeschaut, inklusive des unrühmlichen Endes. Dazu ergänzte Niggemeier auf Twitter: “Apropos ‘peinlich’: Die gedruckte Bild-Zeitung hat seit 1 ½ Jahren keine Rügen des Presserat für ihre Verstöße gegen den Pressekodex mehr veröffentlicht. Inzwischen steht rund ein Dutzend Rügen aus. Aber die Rügen für *andere* auf Seite 1 veröffentlichen. Bigott.”

2. Angstmache, Falschmeldungen und Gerüchte
(tagesschau.de, Patrick Gensing)
ARD-“Faktenfinder” Patrick Gensing nimmt einen deutlichen Zuwachs an Desinformation zur Impfthematik wahr. Eine Impfgegner-Gruppe auf Facebook sei innerhalb von wenigen Wochen auf 75.000 Mitglieder angewachsen: “In den täglich Dutzenden Beiträgen in diesen privaten Gruppen finden sich Versatzstücke aus zahlreichen Falschmeldungen und Gerüchten, die seit Monaten verbreitet werden. Besonders groß ist die Angst, der Impfstoff könnte das Erbgut verändern. Dies ist allerdings ein Missverständnis: Die sogenannte mRNA gelangt lediglich in die Zelle und wird dort ‘abgelesen’. Danach wird sie abgebaut.”

3. Die Macht der Konzerne
(taz.de, Daniel Bouhs)
Wollen Sender oder Verlage ein Live-Video-Angebot im Netz starten, sind sie auf die Genehmigung der Kommission zur Ermittlung der Konzentration im Medienbereich, kurz KEK, angewiesen. Doch das Medienkonzentrationsrecht habe dringenden Reformbedarf, die KEK-Entscheidungen seien entsprechend anfällig für Anfechtungen. Eigentlich hätte es längst ein gesetzgeberisches Update geben sollen, doch zwei Bundesländer hätten das Projekt ausgebremst. Daniel Bouhs erklärt die verschiedenen Interessenlagen.

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4. Massenüberwachung des BND muss vor Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte
(netzpolitik.org, Serafin Dinges)
Die Organisation Reporter ohne Grenzen (RSF) hat beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte eine Beschwerde gegen den Bundesnachrichtendienst (BND) eingereicht. Die Beschwerdeführer würfen dem BND vor, Korrespondenzen zwischen RSF-Mitarbeitenden und im Ausland ansässigen Journalistinnen und Journalisten überwacht zu haben. “Dass die Beschwerde von RSF nun vom Gerichtshof in Straßburg akzeptiert wurde, ist umso bemerkenswerter, da ähnliche Klagen in Deutschland bereits 2013 vom Bundesverwaltungsgericht und 2017 vom Bundesverfassungsgericht abgewiesen wurden.”

5. Twitter sperrt Trump, Facebooks Hardware-Ambitionen, Twitter kauft Breaker, Umbau von Facebook Pages
(socialmediawatchblog.de)
Das “Social Media Watchblog” arbeitet in einer frei lesbaren Ausgabe seines Briefings den Trump-Rauswurf durch Twitter auf. Die Entscheidung sei richtig, komme jedoch Jahre zu spät und offenbare die problematischen Kräfteverhältnisse im Internet. Wie immer sind die Informationen und Ableitungen gut strukturiert, eingeordnet und mit Quellen und Leseempfehlungen angereichert.

6. RTL will für mehr “Lächeln im Lockdown” sorgen
(dwdl.de, Uwe Mantel)
Die gestrige Nachrichtensendung “RTL aktuell” fand ein überraschendes Ende: Für “mehr Lächeln im Lockdown” las das Moderationsduo Passagen aus einem Buch der Komikerin Gabi Köster vor. Ähnliche Aktionen seien laut RTL für alle Magazin- und Nachrichtenformate geplant.

Lockdown-Schulfernsehen, K(l)eine Anfragen, Duden passt an

1. ARD und ZDF erweitern Bildungsprogramm
(tagesschau.de)
ARD und ZDF erweitern während der Lockdown-Phase ihr Bildungsprogramm. In der ARD-Mediathek seien die nach Klassenstufen sortierten Angebote in der Rubrik “Zu Hause lernen” gebündelt. Außerdem werde es ab heute für drei Wochen Sonderprogrammierungen auf allen Kika-Plattformen geben. Beim Bildungskanal ARD-alpha gibt es werktags zwischen 9 und 12 Uhr Lernformate für alle Schularten und Fächergruppen. Auch die dritten Programme sind mit Angeboten für Schüler und Schülerinnen dabei.

2. “Wir müssen leider abbrechen”
(sueddeutsche.de, Georg Mascolo)
Der Sturm auf das Kapitol in Washington war von Angriffen auf Journalistinnen und Journalisten begleitet. Dafür seien nicht nur Trump und einige Republikaner verantwortlich, sondern auch Teile der US-Medien: “Die USA sind auch im Bereich der Medien ein Land schwer zu erklärender Widersprüche. Aus dem Land kommt der beste und der schlechteste Journalismus der Welt – der Grund, stolz auf diesen Beruf zu sein, oder sich dafür zu schämen.”
Weiterer Lesehinweis: Im Interview mit der “taz” berichtet ZDF-Korrespondent Elmar Theveßen, wie er und sein Team am Kapitol von Rechtsextremen angegriffen wurden: “Einer sagte ‘You are next'” (taz.de, Peter Weissenburger).

3. “Die Lösung zu all unseren Problemen könnte in PDFs schlummern, die niemand liest”
(netzpolitik.org, Ingo Dachwitz)
Über sogenannte Kleine Anfragen können Parlamentarierinnen und Parlamentarier Auskünfte von der Exekutive (Regierung/Verwaltung) verlangen. Die Kleinen Anfragen sind ein wichtiges Instrument der parlamentarischen Kontrolle, die Antworten darauf eine wichtige Informationsquelle für Politik und Öffentlichkeit. Da es keine zentrale Sammelstelle dafür gibt, hatte Maximilian Richt 2014 mit großem technischen Aufwand und viel Fleiß das Portal kleineanfragen.de ins Leben gerufen. Leider kann er das Projekt nicht fortführen. Im Gespräch mit netzpolitik.org spricht er mit einer Spur nachvollziehbarer Bitterkeit über die Gründe der Einstellung des Dienstes.

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4. Wir
(jetzt.de, Franziska Koohestani)
Der Duden passt seine Einträge für Personen- und Berufsgruppen an und verwendet dabei geschlechtersensible Sprache. Das bedeute jedoch nicht das Aus für das generische Maskulinum. Kathrin Kunkel-Razum, Chefredakteurin des Dudens: “Unser Hauptanliegen war es, zu präzisieren: Und dazu gehörte auch, die weibliche Form auszuarbeiten”.

5. “Wichtig, richtig, viel zu spät”
(zeit.de, Meike Laaf)
Jonas Kaiser beschäftigt sich wissenschaftlich mit der Frage, wie rechte Bewegungen in den USA und in Deutschland über das Internet kommunizieren. Im Interview mit “Zeit Online” äußert er sich zu der Rolle der Sozialen Medien und der Radikalisierung im Netz. Kaiser empfiehlt unter anderem Youtube, von Empfehlungsalgorithmen für politische Inhalte abzusehen: “Der Effekt dieser Änderung wäre: Wer mehr von einer bestimmten Sorte Inhalt sehen will, kann sie weiter suchen und finden – so sie sich denn noch in einem legalen Rahmen bewegen. Aber sie müssen ja nicht gleich empfohlen werden. Damit beugt man dem Effekt der rabbit holes, in die man stürzt, vor.”

6. Wenn man in den Deutschaufsatz rhetorische Figuren einbauen soll
(twitter.com, Alex Grantl, Video: 32 Sekunden)
Die Journalistin Hanni Hüsch ist – nomen est omen – eine ausgelassene Anhängerin von Alliterationen. Ihr Kollege Alex Grantl hat einige der hübschesten Hüschismen zu einem Video verarbeitet, das gleichzeitig eine Bewerbung für die ständigen Stabreim-Stakkatos von “Bauer sucht Frau” sein könnte.

Zu spät beim Kapitol-Sturm?, Takeover-Problem, Fragwürdiges

1. ARD und ZDF beim Sturm auf das Kapitol: Late to the party?
(ndr.de, Nils Altland & Daniel Bouhs)
Bei der Berichterstattung über aktuelle Ereignisse hagelt es gegen ARD und ZDF immer wieder Kritik. Regelmäßig beanstanden Zuschauer und Zuschauerinnen, dass zu spät, zu wenig oder zu spät und zu wenig berichtet wird. Auch bei den Ausschreitungen am und im US-Kapitol mussten sich die öffentlich-rechtlichen Sender Spott und Kritik gefallen lassen. Selbst der ehemalige “Tagesschau”-Chefredakteur Ulrich Deppendorf beklagte sich via Twitter: “In Washington gibt es einen Anschlag auf die US-Demokratie und DAS ERSTE sendet Hans Albers! Verstehen tue ich das nicht mehr. Auch nicht das ZDF.” Nils Altland und Daniel Bouhs haben sich angeschaut, was an der Kritik dran ist.
Weiterer Lesehinweis: Auch beim “Spiegel” beschäftigt man sich mit der Live-Problematik von ARD und ZDF: Bedingt sendefähig (spiegel.de, Christian Buß & Anton Rainer & Alexander Kühn).

2. »An euren Händen klebt Blut«
(spiegel.de, Markus Böhm)
Markus Böhm analysiert den Umgang der Sozialen Netzwerke mit Donald Trump und die damit verbundenen Schwierigkeiten: “Schmeißen die Firmen Trump ganz von ihren Plattformen oder sperren sie ihn länger, wird ihnen in ihren eigenen Netzwerken der Unmut von Millionen Trump-Fans entgegenschlagen. Zündelt der Präsident online aber weiter, können sich die Dienste auch nicht aus ihrer Verantwortung stehlen: Was die Worte Trumps auslösen könnten, zeichnet sich seit Langem ab. Nach dem Sturm auf das Kapitol lässt es sich aber überhaupt nicht mehr wegdiskutieren.”
Weiterer Lesehinweis: Beim Bayrischen Rundfunk schreibt Christian Schiffer über die möglichen Folgen von Moderation und Regulierung: “Diese Maßnahmen könnten dazu führen, dass sich die Anhänger von kruden Ideen in ihre eigenen Filterblasen zurückziehen. Sie könnten aber zugleich dazu führen, dass diese Ideen ein sehr viel kleineres Publikum finden.” Angriff auf das Kapitol: Facebooks Werk & Twitters Beitrag (br.de).

3. Die “Zeit”, das Takeover-Problem und eine erstaunlich kurze Zündschnur
(weicher-tobak.de, Frederic Servatius)
Die “Zeit” hat via Twitter eine Falschmeldung über den US-Vizepräsidenten Mike Pence verbreitet. Als Frederic Servatius auf den Fehler hinwies, antwortete der “Zeit”-Account in einem merkwürdigen und passiv-aggressiven Ton. Es ist aber nicht die Patzigkeit der Antwort, die Servatius nachdenklich macht, sondern die “Takeover-Kultur”, die er als das eigentliche Problem ausmacht. Bei der “Zeit” übernehmen nämlich regelmäßig Einzelpersonen und Gäste den Account – mit allen Risiken und Nebenwirkungen.

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4. Exklusiv: Die meistzitierten Medien des Jahres 2020
(kress.de, Marc Bartl)
Der Mediendienst “kress” hat das Ranking der in Deutschland meistzitierten Medien des vergangenen Jahres veröffentlicht. Es basiere aus Qualitätsgründen nicht auf computerunterstützten Analysen, sondern werde von Medienanalytikern vorgenommen. Auf den ersten fünf Plätzen liegen “Spiegel”, “New York Times”, “Bild”, “Handelsblatt” und “Financial Times”.
Ergänzend dazu aus dem “taz”-Archiv: Steffen Grimberg über das Institut, das dieses Ranking seit Jahren erstellt: “Bei Media Tenor handelt es sich um einen Laden, der mit der Kneifzange anzufassen ist.”

5. Haben Sie Verständnis für solche Umfragen? Gut 100 Prozent sagen: Nein!
(uebermedien.de, Boris Rosenkranz)
Das konservative Lokalblatt “Siegener Zeitung” führt immer wieder Online-Umfragen durch, die alles andere als unvoreingenommen sind. Zuletzt war es der ehemalige Verfassungsschutz-Präsident Hans-Georg Maaßen, der die hübsch aufbereiteten Ergebnisse eines “Stimmungsbilds” der “Siegener Zeitung” für sich und seine Anti-Coronamaßnahmen-Agenda nutzte. Boris Rosenkranz erklärt, wie tendenziös und unseriös derlei Umfragen sind und warum die “Siegener Zeitung” dennoch an ihnen festhält.

6. Das Wikipedia Versprechen
(arte.tv, Jascha Hannover & Lorenza Castella, Video: 51:28 Minuten)
Zum Wochenende noch ein Filmtipp: Wikipedia ist eine einzigartige Erfolgsgeschichte und als Onlinelexikon nicht mehr wegzudenken. Doch die Utopie hat Kratzer: Interessengeleitet werden Inhalte manipuliert, bestimmte Gruppen sind unterrepräsentiert. In der Arte-Doku geht es um die Licht- und Schattenseiten des Projekts.

Bild  

“Wenn ich Reichelt hier sehe, habe ich den Eindruck, dass er in einer Art Kriegszustand lebt”

Günter Wallraff recherchierte einst investigativ und verdeckt als “Hans Esser” bei “Bild” und sorgte mit seinen Büchern “Der Aufmacher” (1977) und “Zeugen der Anklage” (1979) für viel Aufsehen. Jakob Buhre hat für BILDblog Wallraff am 12. Dezember in Köln getroffen und mit ihm einige Passagen der neuen Amazon-Doku “Bild.Macht.Deutschland?” angeschaut.

Protokoll/Interview: Jakob Buhre

***

Heiko Maas nach einem “Bild-Live”-Interview in der “Bild”-Redaktion, Folge 1: “Die ‘Bild’ ist eines der größten Printmedien in Deutschland, sie vermittelt einem Zugang zu der breiten Masse der Öffentlichkeit, und Politiker sind darauf angewiesen, dass sie kommunizieren können, in die Öffentlichkeit, mit dem was sie tun, mit dem was sie für richtig halten. Und dafür ist die ‘Bild’ ein richtig gutes Instrument.”

Wallraff: Man kann es schon fast als Unterwerfung deuten, wie staatstragende Politiker hier bei “Bild” ihre Aufwartung machen und antichambrieren. Aber hat unser Außenminister so etwas wirklich nötig?

Peter Tschentscher, Folge 1: “Die ‘Bild’ ist eine konservative Zeitung, ich bin ein konservativer Mensch und die Sozialdemokraten in Hamburg sind sehr bodenständig. Insofern passt das gut zusammen.”

Wallraff: Da bekennt ein Sozialdemokrat vor dem Springer-Hochhaus: “ich bin konservativ”. Ehrlich gesagt hat mich das jetzt erstmal verunsichert, ob Tschentscher nicht am Ende CDU-Mitglied ist. Warum dieser Kotau? Was passt denn da so gut zu zusammen?

Karl Lauterbach, Folge 3: “Es kommt drauf an, ob ich, um Hetze zu betreiben, kleine Unterschiede hochjazze und damit den Eindruck erwecke, die widersprechen sich alle, oder ob ich das Gemeinsame betone und einräume: an der Spitze gibt es noch unterschiedliche Bewertungen.”

Wallraff: Ich bin mit Karl Lauterbach befreundet. Für mich ist er ein Ausnahme-Politiker. Er hat kein sicheres Bundestagsmandat, redet keinem nach dem Mund und macht sich nicht gemein, sich denen anzubiedern. Er spricht hier davon, dass “Hetze betrieben wird”, das finde ich mutig. Und immerhin zeigen uns die Filmemacher das.


“Allein die Liaison “Bild”-Amazon ließ das Schlimmste befürchten.” (Foto: Christoph Michaelis)

Wie ist denn Ihr Eindruck insgesamt vom Filmischen her?

Wallraff: Da waren gerade sehr viele Zeitungen zu sehen. Können wir nochmal dahin spulen? – Hier, diese Stapel, das sind alles “Bild”-Exemplare. Entweder liegen in den Redaktionen auf den Schreibtischen wirklich keine anderen Zeitungen oder ist es eine plumpe Werbung?

Die Auswahl der Themen und Schauplätze wirkt auf mich sehr beliebig. Man erfährt nur wenig über den Durchschnitt der Artikel, die in der Zeitung erscheinen, welche Themen dort bevorzugt werden. Mir fehlen auch die “Bild”-Leserinnen und -Leser.

Insgesamt habe ich den Eindruck, dass das alles sehr im gegenseitigen Einvernehmen von Amazon und “Bild” stattgefunden hat. Wären die Filmemacher unabhängig, hätten sie auch mit Opfern der “Bild”-Berichterstattung oder externen Medienkritikern gesprochen. So ist das die reinste “embedded”-Reportage.

Christian Lindner, von dem “Bild” einen Paparazzo-Abschuss druckte, äußert sich allerdings auch in der Doku.

Wallraff: Na, und. Aber wenn es um die namenlosen Opfer von “Bild” geht, das sehe ich hier nicht, dass die einmal zu Wort kommen. In Folge 7, von der Sie mir gerade Auszüge gezeigt haben, ist die Diskussion der Redaktion über Persönlichkeitsrechte zu sehen, immerhin. Allerdings vermute ich, dass die wenigsten Zuschauer sich diese ermüdende Serie bis zur letzten Folge antun werden.

Auch von Ihren Recherchen bei “Bild” gibt es Filmaufnahmen. Wie sind Sie damals mit Kameras in die “Bild”-Redaktion gekommen?

Wallraff: Das war gar nicht so einfach, es gab ja noch keine versteckten Kameras. Mir half damals ein Freund vom niederländischen Fernsehen, Jan Kuiper. Sein Sender hat vorgegeben, dass sie im Rahmen einer Städtepartnerschaft-Reportage auch in Hannovers Redaktionen filmen wollten. Die erste Anfrage hatte mein Redaktionsleiter abgelehnt. Also hat ein Team zwei bis drei andere Drehs simuliert und so getan, als würden sie zum Beispiel bei der “Hannoverschen Allgemeinen Zeitung” Filmaufnahmen machen. Das hat bei “Bild” die Eitelkeit geweckt, und sie sind drauf angesprungen. Meine Freunde kamen schließlich mit zwei Teams. Die einen haben den Chefredakteur in ein Dauer-Interview verwickelt, die anderen haben im Großraumbüro das zynische Treiben gefilmt.


Günter Wallraff 1977 als “Hans Esser” in der “Bild”-Redaktion Hannover. (Foto: Günter Zint)

Zurück zur Amazon-Doku: Wie beurteilen Sie die Aussagen der Blattmacherinnen und Blattmacher, die Sie hier sehen?

Wallraff: Es kommen hier welche zu Wort, wo ich sagen würde: Diesen Typus gab es zu meiner Zeit höchst selten. Durchaus reflektierte, vielleicht auch entsprechend ausgebildete Journalisten, die in anderen Blättern vermutlich einen seriösen Journalismus vertreten würden, ihn hier aber nur schwerlich durchsetzen können.

Zu meiner Zeit gab es viel mehr den Drücker-Typ, der den Opfern halb-betrügerisch ins Haus einfiel. Und dann vor allem Machos: Mein Redaktionsleiter hatte einen Schießstand in seiner Penthouse-Wohnung, es wurde Blitzschach gespielt, und man musste sich als trinkfest beweisen. Es war sehr männerbündlerisch. Hier sehe ich, zumindest zwischendurch, auch vereinzelt Frauen, und die kommen eher nachdenklich zu Wort.

Ein großer Unterschied ist auch: Zu meiner Zeit bei “Bild” wurde dem Chef so gut wie nie widersprochen. Der Redaktionsleiter duzte alle, musste aber gesiezt werden.

Wir hatten damals auch viele Kettenraucher, und Whiskey war in der Redaktion das Leitgetränk. Es scheint doch einiges harmloser geworden zu sein, jetzt kaut der Chefredakteur seine Gummibärchen.

Redaktionskonferenz, Folge 1, Redakteur aus dem Off: “Wir wollen die Rede [von Angela Merkel] vernichten?” – Julian Reichelt: “Nein, ich will sie nicht vernichten.”

Wallraff: “Abschießen, vernichten” waren zu meiner Zeit bei “Bild” Alltagsbegriffe. Es ging oft darum, Menschen “fertig zu machen”. “Bring die Sau zur Strecke!” Es gab auch keine Trennung zwischen Berichterstattung und Meinung.

Wenn ich Reichelt hier sehe, habe ich den Eindruck, dass er in einer Art Kriegszustand lebt. Dazu passt ja auch sein Feldbett im Büro. Man weiß von ihm, dass er sich als jemand sieht, der Politik macht – und nicht begleitet.

“Bild am Sonntag”-Chefredakteurin Alexandra Würzbach in einer Redaktionskonferenz, Folge 4: “Wir haben gesagt ‘Refugees Welcome’ und haben es uns zwei, drei Jahre später anders überlegt.” […] – 
Julian Reichelt: “Wir haben uns ‘Refugess Welcome’ nicht anders überlegt, das ist falsch, das lasse ich so nicht stehen.” Es folgen Filmaufnahmen von Paul Ronzheimer im Flüchtlingslager Moria.

Wallraff: Das überrascht mich und entspricht tatsächlich nicht dem Klischee. Vielleicht liegt es auch daran, dass Reichelt noch unter Kai Diekmann selbst in Kriegsgebieten war, in Afghanistan, in Syrien und im Irak, und sogar Flüchtlingen geholfen haben soll, nach Deutschland zu kommen, wie einst der “Spiegel” berichtete. So etwas prägt. Wenn “Bild” Not und Elend im Flüchtlingslager zeigt, könnte man daraus die Forderung an die Politik ableiten, dass sie sich des Themas annimmt.

Filipp Piatov in Folge 3: “Ich bin bei ‘Bild’, weil mir gewisse Grundlinien des Hauses sehr zusagen: Transatlantische Partnerschaft, gutes Verhältnis zu Israel, klares Verhältnis zur Marktwirtschaft, Ablehnung von linken und rechten extremen Ideologien.”

Wallraff: Naja, das sind so Gemeinplätze. Ein paar Gebetssäulen. Ich finde, das ist ein bisschen wenig.

Alexander von Schönburg in Folge 3: “Ich war früher bei der ‘FAZ’, bin jetzt bei der ‘Bild’ und empfinde das, was ich hier mache, als Aufstieg, auch als intellektuellen Aufstieg. […] Wer Wichtiges zu sagen hat, kann es in kurzen Sätzen sagen, dazu zwingt einen ‘Bild’. Darum habe ich persönlich profitiert, für mein eigenes Schreiben, dass man sich zwingt, kurz und präzise zu schreiben. Und nicht, wie das bei der ‘FAZ’ oder ‘SZ’ zum Teil ist: Du schreibst, um deine Kollegen zu beeindrucken.”

Wallraff: Ach, du Schande. Er tut mir richtig leid. Was muss der Mann erlitten haben, dass er sich hier so klein macht? Konnte er sich früher beim Schreiben nicht klar ausdrücken? Es gibt in der “FAZ” und der “SZ” doch genug Artikel, die eine deutliche und klare Sprache benutzen und trotzdem verständlich und differenziert sind.

Früher steckte in der “Bild”-Sprache sehr oft eine Aggression, Verächtlichmachung und Vernichtungswille bis hin zum Rufmord. Für mich benutzt “Bild” immer wieder eine in der Versimplung auch denunzierende Sprache.


“Das ist doch lächerlich und anmaßend.” (Foto: Christoph Michaelis)

Julian Reichelt in Folge 3: “Unser natürlicher Aggregatszustand ist zu hinterfragen. Und wie sehr wir hinterfragen, sieht man uns halt ein bisschen mehr an, weil unsere Überschriften größer sind und unsere Sprache klarer.”

Wallraff: Das ist doch lächerlich und anmaßend. Es klingt so, als würden andere Medien weniger hinterfragen, weil sie kleinere Buchstaben verwenden. Dabei sind es gerade sie, die differenzieren und auch zwischen Kommentar und Bericht zu trennen wissen.

Und zum “Hinterfragen”: Wenn sie Christian Drosten eine Stunde Zeit geben, um eine Anfrage zu seiner wissenschaftlichen Kompetenz abzuverlangen, nennen sie das “hinterfragen”? Ich fand, das war gegenüber Drosten eine Unverfrorenheit, eine Allmachtsallüre. Dass Drosten sich darauf nicht eingelassen hat, das ehrt ihn.

Die Causa Drosten wird in der Doku sehr ausführlich behandelt, mit vielen kritischen Stimmen von innerhalb und außerhalb der Redaktion.

Wallraff: Da blieb ihnen wohl nichts anderes übrig. Ich habe da jetzt Redakteure gesehen, die sich als Opfer gerieren, keinerlei Reue zeigen, sich auch nicht entschuldigen. Und wenn es Reue gab: Wurde sie in der “Bild” zum Ausdruck gebracht? Ich habe nichts davon gehört.

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Wenn Sie einmal “Bild” 1977 und “Bild” 2020 vergleichen …

Wallraff: Die “Bild” hat heute nicht mehr die zerstörerische Kraft und Macht, auch längst nicht mehr das kriminelle Potential wie damals. “Harmlos” wäre der falsche Begriff, aber sie hat nicht mehr die Relevanz. Damals war es ein beherrschendes, flächendeckendes Medium. Und was ich erlebt habe, war ein Hetzblatt, das auch Menschen mit Falschberichterstattung in den Suizid getrieben hat wie zum Beispiel den Schauspieler Raimund Harmstorf. Ich meine, dass ich mit dazu beitragen habe, dass diese Ära überwunden wurde.

Es gab damals die Rubrik “Bild hilft”, die vielen Menschen aber gar nicht geholfen, sondern hilfsbedürftige Personen bis ins Privateste hinein vorgeführt hat. Ein Junge mit Schulproblemen wurde als “Deutschlands faulster Schüler” und eine Frau, die sich wegen Problemen mit ihrer Fahrschule an “Bild hilft” gewandt hatte, fast kampagnenartig als “Deutschlands schlimmste Fahrschülerin” abgestempelt. Ich habe einen Rechtshilfe-Fonds finanziert, durch den “Bild”-Opfern zu Gegendarstellungen und Unterlassungen verholfen wurde bis hin zu Schadenersatz und Schmerzensgeld: Zum Beispiel für die hinterbliebenen minderjährigen Söhne eines Mannes, der sich nach einem Verleumdungsartikel umbrachte. In seinem Abschiedsbrief rief er zum “Bild”-Boykott auf: “Diese Schande kann ich nicht überwinden, ich wollte zuerst diesen Verbrecher, der K. [der “Bild”-Reporter] heißt, umbringen. Aber ihr solltet keinen Mörder als Vater haben. Durch meinen Tod aber ist er zum Mörder geworden. Wer etwas Ehrgefühl und Verstand hat, der sollte dieses Lügenblatt nicht kaufen!”

Es gibt heute natürlich auch eine andere Gegenöffentlichkeit: Es gibt die Rügen des Presserats, “Bild” liegt hier mit weitem Abstand vorne, lehnt es aber häufig ab, sie abzudrucken. Es gibt die Kollegen vom BILDblog, einige Prominente boykottieren “Bild”, und viele Gerichte betrachten die Persönlichkeitsrechtsverletzungen nicht mehr als Kavaliersdelikt.

Mehmet Scholl, Folge 6: “Die ‘Bild’-Zeitung hat mich ein Jahr lang völlig zerlegt, weil ich nicht mit ihnen gesprochen habe. […] Wenn die “Bild” im Sport alles schreiben würde, was sie wissen … Das tun sie aber nicht, weil sie schlau genug sind, zu wissen: Wir bekommen andere Informationen im Austausch dafür.”

Wallraff: Das sagt natürlich sehr viel aus. Da wird jemand zum Feindbild, weil er nicht mit “Bild” spricht. Und dass man bestimmte Geheimnisse nutzt, um an andere Informationen zu gelangen, das ist eigentlich eine Geheimdienst-Strategie: Wenn bestimmte Dienste Material über Verfehlungen von Politikern besitzen, können sie diese bei Bedarf “gefügig” machen.

Mehmet Scholl: “Ich habe mit der ‘Bild’ die Abmachung: keine privaten Storys. Wenn eine kommt, fragt mich – und dann haben wir es immer gemeinsam entschieden.”

Wallraff: Es gibt Prominente, die der “Bild” bis ins Intimleben hinein Dinge preisgeben, weil sie glauben, dass es ihnen nützt und dass sie geschont werden. Christian Wulff hat sich bis hin zur Home-Story zur Verfügung gestellt, aber es hat ihm nichts genützt. Er war für “Bild” irgendwann fällig, vermutlich aufgrund seiner Äußerung “Der Islam gehört zu Deutschland”. Da ging der Daumen nach unten, und es folgte eine der infamsten Rufmordkampagnen.

Was denken Sie heute über Journalisten, die für “Bild” arbeiten?

Wallraff: Ich differenziere. Wir haben jetzt einen gesehen, der von der “FAZ” zur “Bild” gegangen ist, die Mehrheit hat, glaube ich, eine Journalismus-Ausbildung. Aufgrund meiner früheren Erfahrungen würde ich mich aber nicht auf ein Interview oder eine Home-Story einlassen. Und denjenigen, die es tun, würde ich einen Warnhinweis mitgeben: “Alles, was Sie fortan sagen oder auch nicht sagen, kann gegen Sie verwendet werden.”

Ich kenne auch Menschen, die, durch meine Aufdeckungen inspiriert, zur “Bild” gegangen sind, weil sie es selber wissen wollten. Sandra Maischberger zum Beispiel erzählte in einem “Tagesspiegel”-Interview [Ausgabe vom 10. Februar 2002], dass sie deswegen bei “Bild” ein Praktikum machte und dann ein bisschen enttäuscht gewesen sei, weil sie das “Über-Leichen-gehen” dort nicht erlebt habe. Sie wurde dann übrigens am Ende gefragt, wie oft sie in dem Interview gelogen habe, worauf sie antwortete: einmal. (lacht)

Sollten Politiker heute “Bild” boykottieren?

Wallraff: Das wagt doch kaum noch jemand, aber sie sollten der eigenen Glaubwürdigkeit wegen zumindest Distanz wahren.


Günter Wallraff heute als Günter Wallraff. (Foto: Privat)

Hat man Sie eigentlich für die Amazon-Dokumentation angefragt?

Wallraff: Nein, ich hätte da auch abgesagt. Allein die Liaison “Bild”-Amazon ließ das Schlimmste befürchten.

Sie selbst sagen von sich, dass Sie Amazon boykottieren. Warum kann man dann Ihre Bücher dort kaufen?

Wallraff: Das kann ich leider nicht verhindern. Ich habe meinen Verlag schon vor langer Zeit angewiesen, meine Bücher nicht an Amazon auszuliefern. Mir wurde gesagt, ich würde dadurch zehn bis 15 Prozent Umsatz verlieren – damit kann ich leben. Amazon unterläuft meinen Boykott, indem sie meine Bücher jetzt über Zwischenhändler ordern. Das kann ich nicht verhindern, aber so muss Amazon sie etwas teurer einkaufen, als wenn mein Verlag sie direkt beliefert. Für mich ist Amazon eine globale Seuche, gegen die auch kein Impfstoff hilft.

Seuche ist ein starkes Wort, nicht nur angesichts der aktuellen Situation, wo Menschen froh sind, wenn sie Geschenke online kaufen können.

Wallraff: Das ist das Tragisch-Vertrackte, so ist Amazon auch noch der größte Corona-Krisengewinner, kann seine Umsätze verdoppeln und durch Steuervermeidungsstrategien Milliarden am Staat vorbei einstreichen. Ich verstehe jeden, der keine Möglichkeit hat, in ein Geschäft zu gehen, und deswegen online etwas bestellt. Ich selbst kann und möchte dieses Allmachtstreben von Jeff Bezos nicht unterstützen, der sein Unternehmen ursprünglich “Relentless”, “Gnadenlos” nennen wollte und Konkurrenten als Gazellen bezeichnet, die man jagen müsse. Die Innenstädte sterben aus, die Arbeitsbedingungen bei Amazon sind miserabel – es ist eine seelenlose, total überwachte Arbeitsorganisation. Ich kenne Menschen, die bei Amazon gearbeitet haben und von unheimlichem Druck erzählen. Wer nicht mindestens im Durchschnitt der übrigen Mitarbeiter liegt, fällt heraus. Und nach dem Weihnachtsgeschäft wird aussortiert. Dafür nutzt Amazon den Begriff “ramp down”, der aus dem Vieh-Transport stammt und so viel bedeutet wie “die Rampe runter treiben”. Diejenigen, die entlassen werden, können sich ja dann später neu bewerben, man will so ihre Festanstellung verhindern.

Zum Schluss: Haben Sie mit “Team Wallraff” aktuell jemanden bei “Bild” eingeschleust?

Wallraff: Kein Kommentar.

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Große und kleine Architekten, RTL und der Lynchmob, Location-Gambit

1. “Er zieht Ihr Niveau ins Unendliche hinab”
(sueddeutsche.de, Elisa Britzelmeier)
Auch große Architekten können zuweilen ganz klein sein: Weil einem Architekten des Berliner Stadtschlosses und Sitzes des Humboldt-Forums eine Kritik in der “FAZ” nicht gefällt, fordert er die “Entfernung” des Kritikers. Elisa Britzelmeier kommentiert: “Dass Kritisierte mitunter das Maß verlieren, kennen Journalistinnen und Journalisten. Beim Thema Humboldt-Forum sind die Emotionen besonders heftig, erst recht, wenn die Berichterstattung schlosskritisch ausfällt. (…) Es geht aber im Kern nicht um mehr oder weniger berechtigte Kritik, sondern darum, dass offensichtlich Außenstehende so weit gehen, Einfluss darauf nehmen zu wollen, wer in der Redaktion wie über sie schreibt.”

2. Warum die Nutzung von öffentlich-rechtlichen Videos schwierig bleibt
(deutschlandfunk.de, Annika Schneider, Audio: 5:23 Minuten)
Viele Schulen und Bildungseinrichtungen möchten gerne gebührenfinanzierte Inhalte aus dem ARD- oder ZDF-Portfolio nutzen – dem stehen jedoch oftmals rechtliche Hürden im Weg. So müsse jedes Mal überprüft werden, ob der Sender die hundertprozentigen Rechte besitzt. Fast alle Beiträge mit Archivbildern oder Musiken fallen dabei heraus. Das verhindere oft auch die Nutzung in der Online-Enzyklopädie Wikipedia.

3. Filmfolgen: Anklage gegen ein RTL-Team
(verdi.de, Eckhard Stengel)
Eine schier unfassbare Geschichte: RTL strahlte einen Bericht über “eine neue Masche von Pädophilen” aus und gab dabei indirekte Hinweise auf einen angeblichen Täter und den von ihm bewohnten Mietsblock. Daraufhin habe ein Lynchmob von fünf bis zehn Männern das Gebäude gestürmt, die Wohnungstür des vermeintlich Verdächtigen eingetreten und ihn halb totgeschlagen. “Was die Schläger nicht ahnten: Ihr Opfer war gar nicht der im Fernsehen verpixelt gezeigte Mann, sondern wohnte wohl nur im selben Haus. Aber auch der Mann aus dem Film war völlig unschuldig, wie die Ermittler schnell herausfanden. Eine doppelte Verwechslung also.”

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4. Es bleibt ein ze.tt!
(blog.zeit.de, Leonie Seifert)
Vor fünfeinhalb Jahren startete die “Zeit”-Verlagsgruppe ihr zunächst eigenständiges Jugendportal “ze.tt”. Nun wandert das Angebot ins Mutterhaus. Die “ökonomische Basis” habe sich in den vergangenen Jahren nicht so entwickelt, wie es sich der Verlag erhofft habe (Mitbewerbern ist es mit ihren Jugendangeboten ähnlich ergangen – siehe: “Spiegel” stampft junges Angebot “bento” ein). Die neuen Inhalte sind über zeit.de/zett erreichbar.

5. Irische Datenschützer verhängen Strafe gegen Twitter
(spiegel.de)
Mit Twitter wurde erstmals eine US-amerikanische Internetfirma wegen Verstößen gegen die Datenschutz-Grundverordnung zu einer Geldstrafe verdonnert. Anfang 2019 seien wegen eines Programmierfehlers zeitweilig einige geschützte Tweets für jedermann lesbar gewesen. Twitter hatte es damals versäumt, die irische Datenschutzbehörde innerhalb der vorgeschriebenen Frist von drei Tagen über das Problem zu informieren. Das kostet den Kurznachrichtendienst nun 450.000 Euro.

6. “Die Fassade passt”
(freitag.de, Thomas Abeltshauser)
Achtung, Spoiler-Gefahr zur Serie “Das Damengambit”: Im Oktober erschien auf Netflix die sechsteilige Drama-Miniserie “Das Damengambit”, die den Aufstieg einer Frau in die Schach-Elite nachzeichnet: Vom Wunderkind im Waisenhaus bis hin zur jungen Erwachsenen, die gegen Medikamenten- und Alkoholmissbrauch ankämpft. Die Serie punktet nicht nur mit guten Schauspielerinnen und Schauspielern sowie einer spannenden Geschichte, sondern auch mit ihrer äußerst liebevollen, detailversessenen Ausstattung und Nachempfindung der 50er-Jahre. “Der Freitag” hat sich mit Locationscout Stefan Wöhleke unterhalten, der die halbe Welt von Mexiko über Paris bis Moskau in einer einzigen Stadt gefunden hat: Berlin.
Tipp des “6 vor 9”-Kurators: Erst die (eh empfehlenswerte) Serie anschauen und dann, quasi als Auflösung, den Artikel lesen. Das verspricht doppelten Genuss.

Mighty Mai Thi, Jahresbilanz der Pressefreiheit, Hinweisgeberschutz

1. Mai Thi Nguyen-Kim ist Journalistin des Jahres 2020
(mediummagazin.de)
Die über 100-köpfige unabhängige Fachjury der Branchenzeitschrift “medium magazin” hat entschieden: Journalistin des Jahres 2020 ist Mai Thi Nguyen-Kim. In der Begründung heißt es: “Die promovierte Chemikerin und Wissenschaftsjournalistin verbindet die Expertise einer Wissenschaftlerin mit der Gestaltungsfantasie von Youtubern. Sie hat das alles dominierende Thema des Jahres 2020 ‘Corona’ ebenso kenntnisreich wie originell aufbereitet – sei es in ihrem Youtube-Kanal MaiLab (Funk), als Moderatorin von Quarks (WDR), als Autorin, Talkgast oder Kommentatorin.”
Weiterer Hinweis: Unser Autor Ralf Heimann hat bei der Wahl zum Journalisten des Jahres in der Kategorie “Chefredakteur regional” mit dem Portal rums.ms den 3. Platz belegt. Wir gratulieren und erinnern an Ralfs BILDblog-Serie “Kleine Wissenschaft des Fehlers”.

2. Jahresbilanz der Pressefreiheit
(reporter-ohne-grenzen.de)
Zum Jahresende sitzen laut Reporter ohne Grenzen (RoG) mindestens 387 Journalistinnen, Journalisten und andere Medienschaffende wegen ihrer Arbeit im Gefängnis. Mehr als die Hälfte davon verteile sich auf nur fünf Länder: China, Saudi-Arabien, Ägypten, Vietnam und Syrien. Über 130 Personen seien in allen Teilen der Welt wegen ihrer Corona-Berichterstattung verhaftet worden. Diese und weitere Zahlen gibt es in der ausführlichen RoG-Jahresbilanz (PDF).

3. Lambrecht will Whistleblower schützen
(sueddeutsche.de, Robert Roßmann)
Das Bundesjustizministerium hat einen Entwurf für ein “Hinweisgeberschutzgesetz” vorgelegt, der die Richtlinie der Europäischen Union nicht nur umsetze, sondern in einem wichtigen Punkt über sie hinausgehe: “Der Anwendungsbereich der EU-Richtlinie ist auf das Unionsrecht beschränkt, die Richtlinie schützt also nur die Hinweisgeber, die Verstöße gegen EU-Recht anprangern. Das bedeutet zum Beispiel: Wer ein Datenleck meldet, wäre geschützt – wer Schmiergeldzahlungen aufdeckt, aber nicht. Deshalb bezieht sich der Gesetzentwurf des Justizministeriums nicht nur auf Verstöße gegen europäisches Recht, sondern auch auf Verstöße gegen deutsches Recht.”

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4. Diversität in den Medien: Es braucht Motivation von innen
(de.ejo-online.eu, Philipp Vogt)
Bei der von der UNESCO veranstalteten World Press Freedom Conference 2020 erzählten fünf Medienmacherinnen und -macher von ihren Erfahrungen mit der Diversität in Redaktionen und sprachen darüber, was sich aus ihrer Sicht in diesem Feld noch ändern müsse. Eines der bezeichnenden Zitate der Diskussion: “Ich wünschte, wir könnten aufhören, in Diskussionsrunden über dieses Thema zu sprechen.”

5. Rivva: Ohne eure Spende geht es nicht mehr
(blog.rivva.de, Frank Westphal)
Set mehr als einem Jahrzehnt filtert Frank Westphal bei seinem Projekt “Rivva” das Social Web nach den meist empfohlenen Artikeln und debattierten Themen. Immer mal wieder konnte er auf die Unterstützung von Sponsoren setzen, doch momentan ist es um die Finanzierung des nützlichen Dienstes nicht gut bestellt. Westphal ruft zu Spenden auf, denn “2020 hat mich (wie viele) voll erwischt. Im Frühjahr habe ich meine letzten Aufträge verloren: Projekte, die von Rivva-Technologien profitiert und sie teils mitfinanziert haben.”

6. “Ich bin ja nicht weg von der Welt”
(deutschlandfunk.de, Ada von der Decken, Audio: 5:32 Minuten)
Gestern Abend hat sich Jan Hofer von der “Tagesschau” verabschiedet. 35 Jahre war er dort als Sprecher tätig, für viele war er das Gesicht der Nachrichtensendung. Langweilig dürfte es ihm jedoch nicht werden: Zu Hause habe Hofer sich ein eigenes Studio eingerichtet, von dem aus er seine privaten Kanäle auf Instagram, Youtube und TikTok bespielen will.

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