Suchergebnisse für ‘sport’

Wühltisch in Orange, Datenhunger, Nicht-Interview mit Mark Forster

1. Er macht uns alle zu Opportunisten
(zeit.de, Adrian Daub)
Noch vor einem Jahr hieß es, dass Donald Trump ein Segen für Journalismus und Satire-Industrie sei. Heute stünden die US-Medien vor einem schier unlösbaren Problem, so Adrian Daub auf “Zeit Online”. Die “zerstörerische Kraft uninformierter, lustloser Inkompetenz” scheine gegen mediale Entlarvung immun: “Donald Trump und seiner Mannschaft genau hinterher zu schnüffeln ist, bei aller Notwendigkeit, auch eine Vermeidungsstrategie. Den Präsidenten als Person immer und immer wieder anzugreifen, kann kein gesellschaftliches Umdenken bewirken. Was sich weder Colbert noch Kimmel, weder Saturday Night Live noch Rachel Maddow, weder die Washington Post noch die New York Times trauen, ist, ihren Mitbürgern ins Gesicht zu sehen und zu fragen “Du hast das gewollt. Wie kannst du das vertreten?”.”

2. Journalismus: Wühltisch statt Swimmingpool!
(blog-cj.de, Christian Jakubetz)
Die “Verlagsgruppe Handelsblatt” will mehr junge, wirtschaftsinteressierte Leser erreichen und hat dazu vor einiger Zeit das Portal “Orange by Handelsblatt” gegründet. Für eben jenes Portal sucht man aktuell per Anzeige “motivierte Multimedia-Journalisten”, denen man 50 Euro für einen Beitrag in Aussicht stellt. Der stellvertretende Chefredakteur verteidigt die Anzeige auf Facebook. Keineswegs würden bei ihm “arme Irre” arbeiten, noch wolle man “irgendwen ausbeuten”. Christian Jakubetz hat sich zum aktuellen Vorgang auf seinem Blog geäußert und stellt den Gesamtzusammenhang her: “… was es für Journalismus bedeuten würde, wenn ihn nur noch die machen, die ihn sich leisten können, will man lieber nicht so genau wissen.”

3. Per Akkreditierung an private Daten?
(faktenfinder.tagesschau.de, Patrick Gensing & Wolfgang Wichmann)
Für Journalisten ist es üblich, sich für Veranstaltungen zu akkreditieren, so auch bei Parteitagen. Doch die AfD wich vom normalen Akkreditierungsprocedere ab und forderte Medienvertreter dazu auf, der zusätzlichen Speicherung von “besonderen Daten” zuzustimmen. Im Bundesdatenschutzgesetz sind diese “besonderen Daten” definiert: Es handelt sich um Angaben zur politischen Meinung, zur religiösen Überzeugung oder dem Sexualleben. Nachdem sich dagegen Protest erhob, unternahm die AfD einen Rückzieher und überarbeitete die Anmelde-Maske für den anstehenden Parteitag. Nun tun sich neue Probleme auf.

4. Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt twittert Verschwörungstheoretiker-Blog
(netzpolitik.org, Markus Beckedahl)
Der Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, Reiner Haseloff (CDU), verbreitete per Twitter einen Artikel des dubiosen, neurechten Verschwörungsportals “Epoch Times”. Markus Beckedahl kann sich einen Seitenhieb nicht verkneifen: “Haselhoff, der laut Twitter-Bio selbst twittert, und seine Regierung hatten zuletzt vorgeschlagen, die ARD und die Tagesschau zusammenzusparen. Der Fall macht anschaulich, wo auf keinen Fall gespart darf, sondern massiv investiert werden muss: Bei der Vermittlung von Medien- und Digitalkompetenz.”

5. Rechts-Recherchen gestoppt
(taz.de, Dominik Koos)
Die Grünen-Niederlage in Österreich wirkt sich an unerwarteter Stelle aus: Der antifaschistische Rechercheblog stopptdierechten.at musste offline gehen, weil ihm die finanziellen Mittel fehlen. Die Seite wurde von Karl Öllinger betrieben, einem scheidenden Abgeordneten der österreichischen Grünen. Öllinger sucht nun nach neuen Finanzierungsmöglichkeiten: “In der aktuellen politischen Situation ist eine kritische Berichterstattung über die schwarz-blauen Koalitionsverhandlungen wichtiger denn je”, so Öllinger.

6. Veto gegen das eigene Wort – eine Mark Forster-Doku
(planet-interview.de, Jakob Buhre)
Anwärter für das “Interview des Jahres” könnte das Nicht-Interview von Jakob Buhre mit dem Popstar Mark Forster sein. Forster wird in der “Wikipedia” als “Sänger und Songwriter” bezeichnet, doch wer schreibt die Songs wirklich? Immerhin werden in den Credits der Lieder 15 Komponisten und Textdichter genannt. Buhre hat den Künstler auch zu diesem Thema befragt. Dies kam anscheinend nicht so gut an: Forster ließ im Nachgang seine Zustimmung zur Veröffentlichung des Interviews zurückziehen. Jakob Buhre hat seine Fragen nun veröffentlicht und dort, wo Forsters Antworten hätten stehen sollen, über die Personen geschrieben, die für den Erfolg von Mark Forster (mutmaßlich) mitverantwortlich sind. Fast ist man Forster dankbar für sein “Veto gegen das eigene Wort”, wie Buhre es nennt: Es ist ein gut durchrecherchierter und spannender Blick hinter die Kulissen der Musikindustrie geworden.

Paradiespapiere, China-Geschäfte, NSU-Verschwörungs-Murks im ZDF

1. Das sind die Paradise Papers
(projekte.sueddeutsche.de)
Der “Süddeutschen Zeitung” wurden vertrauliche Unterlagen aus dem internationalen Briefkastenfirmen-Business zugespielt. Und zwar nicht ein paar Zettel, sondern 13,4 Millionen Dokumente. Die “Paradise Papers” zeigen nach Angaben der “SZ”, wie Konzerne wie Nike, Apple, Uber oder Facebook ihre Steuern auf lächerlich geringe Sätze schrumpfen lassen. Die Unterlagen würden Anlagen der britischen Königin in Steueroasen belegen, des Rockstars Bono oder von Stephen Bronfman, dem Spendensammler des kanadischen Premiers Justin Trudeau. Mehr als 120 Politiker aus beinahe 50 Ländern sollen auf die eine oder andere Art involviert sein. Wie schon bei den “Panama Papers” hat die “SZ” die Daten mit dem “International Consortium of Investigative Journalists” geteilt. Insgesamt hätten an der Aufarbeitung des Falls mehr als 380 Journalistinnen und Journalisten von 96 Medien aus 67 Ländern mitgewirkt.
Siehe auch: Die ARD-Doku “Paradise Papers: Geheime Geschäfte — Die Milliarden-Deals der Rohstoffkonzerne” (45 Minuten).

2. Wer in China Geschäfte macht, zahlt einen hohen Preis
(wiwo.de, Niklas Dummer)
Der deutsche Wissenschaftsverlag “Springer Nature” hat Teile seines Internetangebots in China zensiert. Und zwar auf Druck der Regierung in Peking. Der Fall zeige symptomatisch, welchen Preis westliche Konzerne für Geschäfte in China zahlen, so Niklas Dummer in der “Wirtschaftswoche”. Den Unternehmen fehle es an einer Strategie, wie man mit den Zensurforderungen Chinas umgehen soll. Ihnen bleibe aktuell nur, sich auf die Forderungen einzulassen oder die Forderungen zu ignorieren.

3. Arte – eine schöne Insel, der das Profil fehlt
(dwdl.de, Hans Hoff)
“DWDL”-Kolumnist Hans Hoff liebt den Fernsehsender “Arte” wegen der Ruhe, des Niveaus, den alten Filmen und neuen Dokus. Trotzdem sei er kürzlich ins Schleudern gekommen, als er gefragt wurde, was denn “Arte” im Kern ausmache. Was auch damit zu tun habe, dass es an Moderatorenpersönlichkeiten fehle, die sich beim Zuschauer als “Arte-Gesichter” festsetzen und am Fehlen eines wahrnehmbaren Profils. “So wie Arte sich aktuell präsentiert, ist es eine Insel. Eine sehr schöne Insel. Aber vielleicht sollte man sich dort in Zukunft ein bisschen deutlicher klarmachen, dass auch schöne Inseln von einem steigenden Meeresspiegel bedroht werden, wenn sie keine Berge, also kein wirkliches Profil zu bieten haben. Auch Gutes kann besser werden.”

4. Die digitale Schranke
(zeit.de, Daniel Bouhs)
Die Mediatheken von ARD, ZDF und “Deutschlandfunk” bieten Hunderttausende von Audio- und Videobeiträgen. Viele davon sind jedoch mit einem knappen Verfallsdatum versehen. Um diese Schranke wird erbittert gerungen. Nun könnte eine Ausweitung erfolgen, doch einen allumfassenden freien Zugang zu öffentlich-rechtlichen Inhalten werde es auch weiterhin nicht geben, so Daniel Bouhs: “Und so deutet sich zwar — aus Sicht des Beitragszahlers — tatsächlich ein besseres Angebot in den öffentlich-rechtlichen Mediatheken an. Der große Wurf wird es aber nach wie vor nicht werden, weil die Medienpolitik immer auch andere Anbieter im Blick hat, in diesem Fall RTL, Netflix und andere.”

5. Rechnen mit falschen Zahlen
(faktenfinder.tagesschau.de, Wolfgang Wichmann)
Der “Faktenfinder” beschäftigt sich mit den jüngsten Artikeln zum Verbleib von Asylbewerbern, den anfallenden Kosten und dem Familiennachzug. Das Thema Flüchtlinge sei hoch emotional. Doch anstelle von Fakten werde in der Öffentlichkeit oft mit falschen Zahlen hantiert (auch BILDblog berichtete dazu: “30 000 Asylbewerber verschwunden? „Bild“ errechnet völligen Unsinn” Teil 1, Teil 2, Teil 3). Dies liege auch daran, dass es nicht so einfach sei, die Kosten zu ermitteln. Die finanzielle Hauptlast trügen die Länder, nicht der Bund. Eine exakte Aufstellung der Kosten würden diese aber nicht liefern.

6. Ein gefährliches Spiel
(sueddeutsche.de, Annette Ramelsberger)
Heute Abend zeigt das ZDF den Polit-Thriller “Dengler — Die schützende Hand” nach dem Bestseller von Wolfgang Schorlau (vorher schon in der Mediathek zu sehen). Dort werden die NSU-Terroristen Mundlos und Böhnhardt zu Opfern eines Mordanschlags gemacht. Annette Ramelsberger fragt sich in der “SZ”, ob man Fakten ignorieren darf, um die große Verschwörung zu inszenieren: “Diese Liebe zur Verschwörung hat allerdings eine Nebenwirkung, die den Verantwortlichen in den Sendern vermutlich nicht einmal bewusst ist: Sie spielen ein Spiel mit, in dem andere versierter sind. Leute aus der rechten Szene, die Akten fleddern und Teile daraus ins Netz stellen, um ihre Theorie zu belegen: Den NSU hat es nie gegeben, er ist eine Erfindung des Verfassungsschutzes. Die zehn Morde und zwei Sprengstoffanschläge: vom Staat inszeniert. Der ganz große Misstrauensantrag gegen den Rechtsstaat, er wird transportiert als Spielfilm zur Primetime.”
Weiterer Lesetipp: Katharina König-Preuss (gehört als Abgeordnete von “Die Linke” im Thüringer Landtag dem NSU-Untersuchungsausschuss an) mit ihrem Beitrag “Entsorgte Hirnmasse” auf freitag.de, in dem sie empfiehlt: “Machen Sie was Schönes am 6. November. Gehen Sie essen, ins Theater, treffen Sie sich mit Freundinnen bzw. Freunden oder aktualisieren Sie alle zehn Sekunden Ihre Facebook- oder Twitter-Timeline. Alles ist relevanter, als sich die Verfilmung des achten Schorlau-Romans Dengler — Die schützende Hand im ZDF anzuschauen.”

Deniz-Yücel-Parlamentsanfrage, Polit-Podcasts, Fakes aus Krisenregionen

1. Türkische Opposition stellt Parlamentsanfrage wegen Deniz Yücel
(welt.de)
Mehr als sieben Monaten befindet sich der Journalist und “Welt”-Korrespondent Deniz Yücel schon in Einzelhaft. Nun hat ein Abgeordneter der größten türkischen Oppositionspartei CHP im Parlament in Ankara eine kleine Anfrage gestellt, in der es u.a. heißt: “Warum wird gegen den Journalisten Deniz Yücel keine Anklageschrift erstellt, obwohl er vor rund neun Monaten in Polizeihaft genommen wurde? Warum wird Deniz Yücel in Isolationshaft gehalten und ihm eine gemeinsame Unterbringung mit anderen Gefangenen nicht gestattet?”

2. Aufs Ohr gelegt
(taz.de, Anne Fromm)
Podcasts sind weiter auf dem Vormarsch, ob Unterhaltungsformate oder solche zur Politik, wie sie jüngst von “Spiegel Online”, “Zeit Online” und “Deutschlandfunk” gestartet wurden. “taz”-Medienredakteurin Anne Fromm hat sich einen Monat angehört, was in diesem Themenumfeld von den drei genannten Medien derzeit geboten wird. (Anmerkung des “6vor9”-Kurators: Wer sich für Politik interessiert, könnte auch bei unabhängigen Formaten fündig werden wie z.B. dem “Aufwachen”-Podcast oder der “Lage der Nation”.)

3. Fakes aus Krisenregionen
(deutschlandfunk.de, Thomas Wagner)
Für Medien ist es nicht immer leicht herauszufinden, ob Bild- oder Videomaterial gefälscht ist. Im Beitrag des “Deutschlandfunks” geht es darum, wie das “News Lab” des Schweizer Fernsehens und das ARD-Studio Kairo mit dieser Herausforderung umgehen. Die Verifizierung von Bildern kann, trotz einschlägiger Tools, eine aufwändige Sisyphusarbeit sein, weiß ARD-Reporter Volker Schwenck in Kairo. Bei unklaren Fällen empfiehlt er zumindest den Hinweis, dass es sich um Bildmaterial aus fremden Quellen handelt. “Häufig ist die einfachste Form, dass man sagt: Die Bilder sollen dies und das sagen. Sie wurden im Internet verbreitet und könne nicht unabhängig verifiziert werden.”

4. Bietet Onlinern bessere Perspektiven!
(edito.ch, Tobias Bühlmann)
Im Schweizer Medienmagazin “Edito” erzählt Tobias Bühlmann von seinen langjährigen Erfahrungen in Online-Redaktionen. Er beklagt den schlechten Umgang der Medienhäuser mit ihren Onlinern. Diese stünden oft ganz unten in der Hackordnung, würden gering geschätzt und schlechter bezahlt. Er appelliert an die Chefs: “Hört euch um am Online-Desk, gebt den Arbeiterinnen und Arbeitern dort mehr Raum. Mehr Zufriedenheit führt zu einem motivierten Team, und dies garantiert ein besseres Produkt. Was eignet sich mehr als Alleinstellungsmerkmal in einer Medienwelt, die sich immer mehr angleicht?”

5. Keine Angst vor der Wahrheit – auch nicht unter Erdogan
(spiegel.de, Maximilian Popp)
“Spiegel Online” berichtet über den türkischen Medienunternehmer Engin Önder und dessen Internetplattform für Bürgerjournalismus “140journos”. Obwohl in der Türkei nach dem gescheiterten Putschversuch Mitte 2016 mehr als 150 Journalisten verhaftet und zahlreiche Medienhäuser geschlossen wurden, gibt es das alternative Medienprojekt immer noch. Was womöglich daran liege, dass Önder zwar heikle Themen anpacke, aber eine neutrale Sprache verwende und Kampfbegriffe meide.

6. Sandro Schwarz knöpft sich Journalisten vor
(swr.de, Benjamin Wüst)
Das passiert nicht oft: Ein Fußballtrainer, hier der des FSV Mainz 05, Sandro Schwarz, findet die Journalisten zu zahm und wünscht sich mehr Reibung und Diskussionen: “Auch wenn dann vielleicht mal eine patzige Antwort dabei ist, das kann natürlich sein. Aber ich will den Austausch. Ich bin bereit, die Wahrheit zu sagen.”

Thesaurus-Journalismus, Fußball-Unsummen der ÖR, Kampf ums Vong

1. 930 Journalisten seit 2006 getötet
(tagesschau.de)
Nach UN-Angaben wurden in den letzten zehn Jahren weltweit 930 Journalisten wegen ihrer Arbeit getötet. Von den zwischen 2006 und Ende 2016 registrierten Fällen sei nur jede zehnte Tat aufgeklärt worden, teilte die Kultur- und Bildungsorganisation UNESCO anlässlich des “Internationalen Tags gegen die Straflosigkeit für Verbrechen an Journalisten” mit. Allein im vergangenen Jahr seien mehr als 100 Journalisten getötet worden — die meisten davon in Afghanistan und Mexiko.

2. Verkörperung der Macht
(detektor.fm, Eva Weber & Julia Rosner, Audio, 8:50 Minuten)
Im aktuellen Teil der Serie zum Dokumentar- und Animationsfilmfestival “DOK Leipzig” geht es um Politikinszenierung und die Macht der Bilder. Und es geht um die Bildsprache früher und heute. Dabei tun sich interessante Parallelen auf. “DOK Leipzig”-Programmchef Ralph Eue: “Wenn man sich den Trump-Wahlkampf und die Ikonografie anschaut, also die Bildlichkeit seiner Person, dann stellt man fest, dass es große Ähnlichkeiten gibt, in der Ikonografie von Trumps Wahlkampf zu dem Auftreten von Lenin in der Zeit zwischen Februar- und Oktoberrevolution.”

3. So berichten österreichische Medien über den mutmaßlichen Doppelmörder von Graz
(vice.com, Verena Bogner)
Bei der Berichterstattung über den mutmaßlichen Doppelmörder von Graz hatten die österreichischen Medien so ihre Schwierigkeiten. Vor allem, wenn es um die Beschreibung von Tat und Tatverdächtigem ging. Verena Bogner hat sich in den Medien umgeschaut und einige der Attribute zusammengetragen. Sie plädiert für mehr Zeit und Sorgfalt: “Umso wichtiger ist es, in der Eile nicht dem Thesaurus komplett die Macht zu übergeben; Wörterbüchern und Nachschlagewerken ist es nämlich egal, wie gut Beschreibungen wirklich zu einer konkreten Situation passen und was man mit Synonymen für Bilder in den Köpfen auslöst. Medien sollte das schon viel weniger egal sein.”

4. “Eine Frau ändert den Ton in der Redaktionsrunde”
(deutschlandfunk.de, Brigitte Baetz)
Nur fünf von 100 Chefsesseln in deutschen Regionalzeitungen sind mit Frauen besetzt. Das gehört geändert, findet Hanna Suppa, Chefredakteurin der “Märkischen Allgemeinen Zeitung”. Im “Deutschlandfunk” verrät sie, warum sie trotzdem nichts von einer Frauenquote hält und wie sie den Regionaljournalismus voranbringen möchte.
Weiterer Lesetipp: “Reden wir bei einem Kaffee darüber” in der “taz”. Die 35-jährige Journalistin Linda Tutmann blickt zurück auf die vergangenen zehn Jahre ihrer Journalistentätigkeit und befindet: In der Derbatte “über strukturellen Sexismus sollten die Journalisten bei sich selbst anfangen”.

5. Um jeden Preis
(taz.de, Jürn Kruse)
Als “ein Zeichen der Verzweiflung” bezeichnet Jürn Kruse das millionenschwere Investment von ARD und ZDF in die Übertragungsrechte für die “Uefa Nations League”: Bis zu 122 Millionen Euro seien für maximal zwölf Spiele der deutschen Nationalmannschaft fällig. “Und das für einen Wettbewerb, den kein Schwein versteht; von dem überhaupt nicht absehbar ist, ob er angenommen wird; bei dem man das Gefühl hat, dass es der Uefa schlicht darum ging, aus den Freundschaftsspielen (denn die werden durch die Nations League ersetzt) doch noch ein bisschen mehr herauszupressen.”

6. I bims, 1 geschützte Marke – Wie findige Geschäftemacher mit der „Vong-Sprache“ Geld machen
(omr.com, Roland Eisenbrand)
“I bims, 1 cooler Dude vong Niceigkeit her” — die Vong-Sprache erfreut sich im Netz immer noch großer Beliebtheit und lädt zum Business ein. So haben sich findige Geschäftemacher die Namensrechte gesichert und sichern damit die Vermarktung der Sprüche auf Tassen und T-Shirts. “Online Marketing Rockstars” hat einen Blick hinter die Kulissen des Geschäfts geworfen. Es ist ein wenig schöner Kampf, der im Vong-Universum ausgefochten wird, von der Niceigkeit her.

Julian Reichelt findet Protest gegen Rassismus “dumm und unangebracht”

Die Fußballprofis von Hertha BSC haben am vergangenen Wochenende etwas geschafft, was sie mit sportlichen Leistungen vermutlich noch nie hinbekommen haben: weltweit für Schlagzeilen sorgen. Und das, obwohl sie ihr Heimspiel gegen den FC Schalke 04 0:2 verloren haben. Vor dem Anpfiff knieten Spieler, Trainer und Betreuer nieder — die Hertha schloss sich damit als erstes Profiteam in Deutschland dem Protest von US-Sportlern gegen Rassismus und Diskriminierung an.

Manche Leute finden die Geste vom Wochenende etwas pathetisch, andere sind hellauf begeistert, einige sehen darin lediglich einen PR-Schachzug. Und einer findet das alles “dumm” und “unangebracht” und “eitel” und “lächerlich” und “selbstgerecht” und “geschichtsvergessen”: “Bild”-Oberchef Julian Reichelt.

Screenshot Bild.de - Kommentar von Julian Reichelt - Knie-Fall von Berlin ist eitel und dumm

In seinem Kommentar schreibt er:

Fußballvereine sind Fußballvereine und keine Parteien oder politischen Organisationen, weil sie Fußball besser können als Politik. Hertha BSC hat das am Samstag wieder mal eindrucksvoll bewiesen.

Schon bei den US-Sportlern findet Reichelt es völlig falsch, aus “Protest gegen Rassismus (…) und gegen US-Präsident Trump” während der Nationalhymne auf die Knie zu gehen, statt die Hand aufs Herz zu legen, weil …

weil unter der US-Flagge unzählige Männer und Frauen für Gleichheit und Freiheit aller Menschen gekämpft haben. Hunderttausende von ihnen sind in einem Sarg heimgekehrt, eingehüllt in eben jene Fahne.

Und jetzt gehen auch noch die Hertha-Profis auf die Knie.

In Berlin ist diese Form des Protests nicht nur unangebracht, sondern dumm und geschichtsvergessen. Der Star Spangled Banner wehte über vier Jahrzehnte über dem freien Teil Berlins. Mit der US-Fahne auf ihren Maschinen flogen mutige Piloten während der Luftbrücke, um das eingeschlossene Berlin am Leben zu halten. Panzer mit aufgezogener US-Flagge am Checkpoint Charlie sendeten das Signal nach Moskau, dass die USA die Freiheit Berlins unter allen Umständen verteidigen würden — mit dem Leben ihrer jungen Männer.

All dies wissen die Hertha-Millionäre, die nie in ihrem Leben wirklich für etwas kämpfen mussten, vermutlich nicht. Eitel und selbstgerecht freuen sie sich über ein bisschen billigen Applaus. Die freie, vereinte Stadt, in der sie ihrem traumhaften Beruf nachgehen dürfen, gäbe es nicht ohne die Fahne, die sie mit ihrem lächerlichen Kniefall verhöhnen.

Julian Reichelt urteilt über die Protest-Symbolik von schwarzen Sportlern, die sich in den USA diskriminiert fühlen. Er bewertet eine Aktion gegen Rassismus, Diskriminierung und Intoleranz, in der sich ein deutscher Profiklub und seine Sportler endlich mal nicht als Duckmäuser zeigen, als “dumm”. Und er benutzt dabei dieselben Mittel wie Donald Trump: Reichelt deutet das Zeichen gegen Rassismus in ein Zeichen gegen die US-Flagge, US-Soldaten und/oder die ganzen USA um.

Den Trick, den Protest in einen gegen Flagge und Land umzuschreiben, wendet Trump seit Wochen an. Die Logik des “Bild”-Chefchefs findet man in Tweets und Reden des US-Präsidenten wieder. Am 24. September twitterte Trump beispielsweise:

Screenshot eines Tweets von Donald Trump - If NFL fans refuse to go to games until players stop disrespecting our Flag and Country, you will see change take place fast. Fire or suspend!

Und einen Tag später:

Screenshot eines Tweets von Donald Trump - The issue of kneeling has nothing to do with race. It is about respect for our Country, Flag and National Anthem. NFL must respect this!

Bei einem Auftritt in Alabama sagte Donald Trump:

Wouldn’t you love to see one of these NFL owners, when somebody disrespects our flag, you’d say, “Get that son of a bitch off the field right now. Out! He’s fired.”

Dabei richtete sich der Protest originär und bis heute nicht gegen die US-Flagge. Von Anfang an ging es um die Diskriminierung schwarzer US-Bürger: Colin Kaepernick, damals Quarterback der San Francisco 49ers, blieb im vergangenen Jahr bei drei Spielen während der Nationalhymne auf der Bank sitzen, weil er damit gegen die Polizeigewalt gegenüber Schwarzen demonstrieren wollte. “I am not going to stand up to show pride in a flag for a country that oppresses black people and people of color”, sagte Kaepernick damals. Die Flagge spielte beim Protest also durchaus eine Rolle, dieser wendete sich aber nicht gegen sie.

Zum Knien kam es erst, als Nate Boyer sich zu Wort meldete. Boyer war Mitglied der Special Forces der US-Armee und kurzzeitig Football-Profi. In einem offenen Brief schrieb er an Kaepernick, dass er sich von dessen Sitzenbleiben verletzt fühle. Kaepernick und Boyer trafen sich und einigten sich aufs Knien:

Colin wanted to sit, I wanted him to stand, and so we found a common ground on a knee alongside his teammates.

Eric Reid, der damals gemeinsam mit Colin Kaepernick bei den San Francisco 49ers spielte, war ebenfalls bei dem Treffen mit Boyer dabei. Für die “New York Times” schrieb er:

After hours of careful consideration, and even a visit from Nate Boyer, a retired Green Beret and former N.F.L. player, we came to the conclusion that we should kneel, rather than sit, the next day during the anthem as a peaceful protest. We chose to kneel because it’s a respectful gesture. I remember thinking our posture was like a flag flown at half-mast to mark a tragedy.

Dieser ganze Protest, das Knien, war von Anfang an eine sehr wohl überlegte Geste. Inzwischen haben sich Footballer anderer Teams angeschlossen, Basketballer aus der NBA, Baseballer aus der MLB. Und Hertha BSC. Musiker Stevie Wonder kniete sich während eines Konzerts hin, “for America”, wie er sagte.

Eric Reid, der frühere Teamkollegen von Colin Kaepernick in San Francisco, schrieb noch:

It baffles me that our protest is still being misconstrued as disrespectful to the country, flag and military personnel. We chose it because it’s exactly the opposite. It has always been my understanding that the brave men and women who fought and died for our country did so to ensure that we could live in a fair and free society, which includes the right to speak out in protest.

Derart feine Gedanken haben in Julian Reichelts grobschlächtigen Kommentaren leider keinen Platz.

Mit Dank an Kai E., Mario, @FabianBuchheim, @Netzengel, @axw74, @pfuideifipegida und @JREich6688 für die Hinweise!

Nachtrag, 21:11 Uhr: Bei süddeutsche.de kommentiert Philipp Selldorf ebenfalls, dass er die Aktion von Hertha BSC “selbstgerecht, eitel, narzisstisch” findet. Und doch ist sein Text völlig anders als der von Julian Reichelt: Selldorfs Kritik bezieht sich auf den bereits erwähnten PR-Charakter des Berliner Kniefalls. Anders als Reichelt reproduziert er nicht die Argumentation und Rhetorik von US-Präsident Donald Trump. Außerdem sind die Ziele der Kritik bei Selldorf und Reichelt unterschiedliche: Selldorf findet den Verein “eitel”, Reichelt die Sportler.

Mesale Tolu, Fotojournalismus, Keine Haselnüsse für Aschenbrödel

1. Mesale Tolu muss in Untersuchungshaft bleiben
(faz.net, Michael Martens & Rüdiger Soldt)
Seit mehr als fünf Monaten befindet sich die deutsche Journalistin Mesale Tolu in türkischer Untersuchungshaft. Der Antrag ihrer Anwälte, sie wenigstens bis zum Urteil auf freien Fuß zu setzen, wurde nun vom türkischen Gericht abgelehnt. Tolu bleibt bis zur Fortsetzung der Verhandlung am 18. Dezember in Haft. Ihr drohen bis zu 15, nach anderen Einschätzungen sogar bis zu 20 Jahre Haft.
Weitere Lesetipps: “In der Türkei beginnt der Prozess gegen Mesale Tolu” von der “SZ” sowie der BR-Bericht “‘Erdogans Geisel’ muss vor Gericht”, in dem auch Mesale Tolus Vater zu Wort kommt.

2. Leipziger Abhörskandal: 360 Gespräche mit Berufsgeheimnisträgern belauscht
(lvz.de)
Bei ihren Ermittlungen im Umfeld des Fussballklubs „Chemie Leipzig“ hat die sächsische Justiz mehr als 360 Gespräche mit Berufsgeheimnisträgern abgehört. Allein 130 Mal soll ein Journalist der „Leipziger Volkszeitung“ (“LVZ”) von den Behörden belauscht worden sein, während er mit Vertretern des Fußball-Regionalligisten sprach. “LVZ”-Chefredakteur Jan Emendörfer: „Wir waren schon entrüstet, als wir von dem Vorgang hörten. Aber jetzt, diese hohe Zahl an abgehörten Telefonaten, steht erst recht in keinem Verhältnis zum Ermittlungsgegenstand.“

3. Fotojournalisten zwischen den Fronten
(deutschlandfunk.de, Ralf Hutter, Audio, 5:11 Minuten)
Der Fotojournalist Ralf Hutter denkt anlässlich der G20-Diskussion an seine Erfahrungen mit der Polizei bei einer Demo beim Kohlekraftwerk Schwarze Pumpe in Brandenburg zurück und fragt: “Wie normal ist es, dass die Polizei ohne Not Journalisten belästigt, oder gar schädigt? Und inwieweit ist es erlaubt, dass ein Journalist Menschen bei einer Gesetzesübertretung begleitet und so selbst das Gesetz bricht, sei es beim Eindringen auf ein Privatgelände oder beim Überschreiten einer Staatsgrenze?”

4. Gesundheitsjournalismus: Gegen das schlechte Image
(de.ejo-online.eu, Heini Maksimainen)
Heini Maksimainen ist eine finnische Journalistin, die sich auf Gesundheitsthemen spezialisiert hat. Mit ihrer Studie zur Qualität im Gesundheitsjournalismus will sie zeigen, wie man verantwortungsvollen und glaubwürdigen Journalismus im Bereich Gesundheit macht, der von vielen gelesen und zudem in den sozialen Medien geteilt wird. Ihre Erkenntnisse gibt sie in zehn praktischen Tipps weiter.

5. Der rechnende Reporter
(sueddeutsche.de, Sebastian Jannasch)
Vor drei Jahren sorgte der Begriff “Roboterjournalismus” noch für weltweite Schlagzeilen. Mittlerweile ist er in bestimmten Segmenten bereits Realität geworden. So lässt die US-Nachrichtenagentur “AP” beispielsweise Quartalsberichte von Unternehmen vollautomatisch in Meldungen umwandeln. Hierzulande plant ein Viertel der befragten Verlage, Roboterjournalismus zu nutzen. Am besten ließe sich das zur Zeit bei Börsenberichten, Wetterprognosen und Sportnachrichten umsetzen.

6. Warum falsche Termine für “Aschenbrödel” im Netz kursieren
(morgenpost.de, Lars Wienand)
Viele Medien verbreiteten geradezu euphorisch die neuen Sendetermine für den Kult-Märchenfilm “Drei Haselnüsse für Aschenbrödel” im Internet. Das Problem: Es handelt sich um die Sendetermine des vergangenen Jahres, welche die Medien falsch von einer privaten Website übernommen hatten. “Morgenpost”-Autor Lars Wienand: “Das ist wie eine Einladung zum Ball, und dann entpuppt sich die Tanzpartnerin als fiese, in die Jahre gekommene Stiefschwester der Traumfrau.” Nachtrag, 11:48 Uhr: Felix Beilharz, auf dessen Website weihnachtsfilme.de die Verwirrung um die “Aschenbrödel”-Sendertermine zurückzuführen ist, hat sich zu der ganzen Sache geäußert: “#Aschenbrödelgate — Wie ich einmal aus Versehen Fake News produziert habe”.

Kurz korrigiert (509)

Es gibt einiges zu korrigieren seit der vergangenen Ausgabe. Fangen wir also am besten direkt an …

***

… und zwar mit “Björn Böhning”, der gar nicht Björn Böhning ist. Heute in der Berlin/Brandenburg-Ausgabe der “Bild”-Zeitung:

Ausriss Bild-Zeitung - Björn Böhning (39), Chef der Senatskanzlei, steht am Kofferband und wartet

Die Person, die “am Kofferband” steht und “wartet”, ist nicht Böhning, sondern “Tagesspiegel”-Redakteur Sidney Gennies. Beide hatten Berlins Bürgermeister Michael Müller in die Partnerstadt Los Angeles begleitet — Böhning in seiner Rolle als Chef der Berliner Senatskanzlei, Gennies als Journalist.

***

Auch mit USA-Bezug, allerdings ein etwas anderes Metier:

Screenshot Bild.de - Vor den Augen seiner Kinder - Wrestling-Irrer springt wieder vom Zehn-Meter-Käfig

Über den Ausdruck “Wrestling-Irrer” lässt sich sicher streiten, schließlich handelt es sich um Shane McMahon, der nicht nur professioneller Wrestler ist, sondern auch der Sohn des “WWE”-Eigentümers Vince McMahon, und dem einigermaßen klar sein dürfte, was er da so macht. Eindeutiger ist die Sache beim angeblichen “10-Meter-Käfig”, der beim sogenannten “Hell in a Cell”-Match traditionell 20 Fuß hoch ist, was umgerechnet etwas mehr als sechs Meter sind. Deswegen sprechen die meisten Redaktionen auch von “20 feet” beziehungsweise einer “Sechs-Meter-Bruchlandung”. Nur bei Bild.de kommen noch mal vier Meter obendrauf.

***

Zehn Jahre obendrauf gab’s für France Gall, von der “WAZ”:

Ausriss WAZ - Heute vor 80 Jahren (1947) wurde France Gall geboren.

Wir haben mehrmals nachgerechnet und kommen zu dem Schluss: Entweder handelt es sich um eine Meldung vom 9. Oktober 2027, oder die “WAZ”-Redaktion hat Schwierigkeiten mit Zahlen. Die französische Sängerin France Gall wurde gestern jedenfalls 70 Jahre alt.

***

Apropos “WAZ”: Die heißt laut sportbild.de nicht mehr “Westdeutsche Allgemeine Zeitung”, sondern “Westfälische Allgemeine Zeit”:

Screenshot sportbild.de - Wer wird neuer Trainer bei den Bayern? Seit dem Rauswurf von Carlo Ancelotti brodelt die Gerüchteküche. Jetzt kommt ein neuer Name ins Spiel: Laut der WAZ (Westfälische Allgemeine Zeit) wird auch Louis van Gaal (66) als neuer Coach im Umfeld des Rekordmeisters diskutiert.

***

Aber zurück zum Jahreszahlen-Durcheinander. So eines hat auch Bild.de hinbekommen — bei dieser Geschichte:

Screenshot Bild.de - Nur null zu null gegen Peru - Messi und Argentinien vor WM-Aus

Heute Nacht entscheidet sich, ob die argentinische Nationalmannschaft und Lionel Messi bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2018 in Russland dabei sind. Bild.de schreibt dazu:

Dennoch ist die Quali aus argentinischer Sicht bisher eine einzige Enttäuschung!

Und es droht ein doppeltes Drama: Argentinien wäre zum ersten Mal seit 47 Jahren nicht bei einer WM-Endrunde dabei.

Da die Fußball-WM nicht alle 3,917 Jahre stattfindet, sondern alle vier Jahre, wäre Argentinien zum ersten Mal seit 48 Jahren “nicht bei einer WM-Endrunde dabei.”

***

Ebenfalls Fußball, ebenfalls ein einfacher Rechenvorgang, den Bild.de nicht hinbekommt. Nachdem FC-Bayern-Stürmer Thomas Müller gegen den FSV Mainz 05 getroffen hatte, schrieb die Redaktion:

Überragend: Es ist der 200. Scorer-Punkt in Müllers Bundesliga-Karriere (87 Tore, 103 Vorlagen) — und das in nur 261 Spielen!

Tatsächlich hat Müller bisher 97 Bundesliga-Tore geschossen. Die 200 Scorer-Punkte stimmen also — vorausgesetzt die 103 Vorlagen, die Bild.de nennt, sind korrekt. Andere Statistiken sagen allerdings, dass Müller seltener Vorlagengeber in der Bundesliga war.

***

Und zum Abschluss noch eine falsche Bild.de-Rechnung. Zu den Gehältern in der ARD schreibt das Portal:

Angeführt wird die Liste von WDR-Intendant Tom Buhrow. Sein Verdienst: 399 000 Euro im 2016 — umgerechnet auf 12 Monate wären das 33 333 Euro!

Nein.

Mit Dank an Peter H., Peter S., Daniel P., Marco F., Lothar Z., Pippo, @BoehningB und @JuergenKuehner, für die Hinweise!

Bitte nicht weiter klauen!

In der “Bild”-Zeitung gibt es seit einigen Wochen eine neue Klatsch-Kategorie mit dem Namen “GEHEIM — Bitte nicht weitersagen!”, und man erfährt dort Dinge, die man auf keinen Fall weitersagen will, nicht im Freundeskreis, nicht bei der Arbeit, nirgends, weil man sonst direkt als deppert gilt. Der Titel der neuen Klatsch-Spalte soll wohl lustig sein. Und der Inhalt ist noch dünner als bei anderen “Bild”-Texten auf der letzten Seite. Da steht dann zum Beispiel, dass das Gepäck von Veronica Ferres bei einem Flug verloren gegangen ist. Oder dass Sandra Maischberger bei einer TV-Premiere zu Marietta Slomka gesagt haben soll, dass es keinen Wein mehr gebe. Oder dass ein “Bild”-Mitarbeiter neulich Didi Hallervorden auf der Toilette getroff …

Pardon, wir sind kurz eingenickt.

In der heutigen Ausgabe geht es gewohnt ungesprächsstoffig weiter (bei Bild.de sind all diese Knaller-Geschichten übrigens nur mit einem “Bild plus”-Abo lesbar). Meldung Nummer eins lautet beispielsweise, dass “Bild”-Promi-Experte Norbert Körzdörfer irgendwann mal 17 Biere in einer Bar bezahlt hat. Schau an.

Und dann wird es auf einmal doch etwas interessanter, dank dieser Meldung:

Ausriss Bild-Zeitung - Zur Seite, Justin Trudeau! Der neue Polit-Star Kanadas ist Jagmeet Singh, der Chef der New Democratic Party, ein Sikh. Als ihn neulich ein Schreihals beschuldigte, er wolle die Scharia einführen, hätte er ihn von der Security abführen lassen oder ihn (er ist Star-Anwalt) mit Wortwitz über den Unterschied zwischen den aus Indien stammenden Sikhs und Muslimen belehren können. Stattdessen versicherte er dem Störer, auch er sei liebenswert, worauf der verblüfft den Saal verließ. Premierminister Trudeau boxt in seiner Freizeit, aber auch da liegt Trudeau auf der Coolness-Skala hinter Hipster und Social-Media-Darling Singh, der brasilianisches Jiu-Jitsu betreibt.

In der Tat spannender als “Körzis” Bier-Rechnung. Nur: An diesem Text ist so gut wie alles geklaut. Die Formulierungen. Die Pointen. Selbst die Klammer mit der Anwalt-Info. Alles. Es ist fast eine wortwörtliche Übersetzung eines “Economist”-Artikels, der vor zwei Tagen erschienen ist.

Nur eine Sache hat die “Bild”-Redaktion selbst hinbekommen: Beim Übersetzen ihrer Beute hat sie die weibliche Zwischenruferin in einen männlichen Schreihals vermurkst.

Beim “Economist” heißt es:

JAGMEET SINGH could have done many things when a heckler accused him at a rally last month of plotting to subject Canada to sharia law. The turbaned politician could have pointed out that he is a Sikh, not a Muslim. He could have skewered her with lawyerly wit (he is a criminal lawyer) or asked security guards to remove her. Instead he told the heckler that everyone loved her and led a chant of “Love and courage”. She eventually walked out. (…)

A “hipster Sikh”, with a penchant for striking turbans, Mr Singh embodies the diversity that Mr Trudeau constantly celebrates. Like the prime minister, he is adept at social media and single-combat sports. (He practises Brazilian ju-jitsu; Mr Trudeau is a boxer.)

Während die “heckler”-Anekdote bei der britischen Wochenzeitschrift Teil eines kurzen Portraits über Jagmeet Singh ist, ist sie bei “Bild” die Nachricht. Allerdings spielte sich die Szene nicht “neulich” ab, wie das Boulevardblatt schreibt, sondern vor über einem Monat. Bei “Bild” kann man heute das falsch lesen, was vor Wochen bei anderen richtig stand.

LKA-Löschkommando, Tödlicher Kommentar, Sallys Millionenwelt

1. Das große Löschen
(tagesschau.de, Arnd Henze)
Die Affäre um den Entzug von Presse-Akkreditierungen beim G20-Gipfel weitet sich aus: Nachdem viele der Betroffenen Aufklärung gefordert und geklagt haben, hat das LKA Berlin anscheinend einen Löschtrupp losgeschickt und Beweismittel vernichtet. Der frühere Bundesdatenschutzbeauftragte, Peter Schaar: “Wenn Daten gelöscht werden, um zu verhindern, dass die Rechtmäßigkeit ihrer Speicherung überprüft wird, handelt es sich um die Unterdrückung von Beweismitteln”. Kritikwürdig ist auch das System als solches, das die Speicherung von fehlerhaften und illegalen Daten erlaubt. Die innenpolitische Sprecherin der Linken, Ulla Jelpke, wirf der Bundesregierung vor, einen permanenten Rechtsbruch zu akzeptieren: “Es kann nicht angehen, dass die Polizeibehörden genau darüber Bescheid wissen, wie fehleranfällig das System ist, aber keinerlei Schritte unternehmen, um diesen rechtswidrigen Zustand endlich abzustellen.”

2. Alte Schule
(taz.de, Ambros Waibel)
Vor wenigen Tagen ist der investigative Journalist und bekannte Buchator Jürgen Roth im Alter von 71 Jahren verstorben. Roth war für seine zahlreichen Bücher und Fernsehdokumentationen über die organisierte Kriminalität und die Verflechtungen von Wirtschaft und Politik bekannt. Mit scharfen Worten hatte er zum Beispiel Gerhard Schröders Putin-Connection kritisiert. Ambros Waibel erinnert in seinem Nachruf an den Kollegen, dessen politische Stimme er auch vermisst: “Jürgen hätte seinen Teil beitragen können, zu dem, was man spätestens seit dem Wahlsonntag nicht mehr Erneuerung der Sozialdemokratie nennen kann, sondern fällige Neubegründung nennen muss.”

3. Millionen Nutzer sahen russische Propaganda
(zeit.de)
Im Rahmen des US-Präsidentschaftswahlkampfs wurden anscheinend rund 3.000 Anzeigen mit politischen Botschaften aus Russland auf Facebook geschaltet. Hinter den Werbeanzeigen steckt offenbar eine russische Werbeagentur, die sich die Aktion etwa 100.000 Dollar hat kosten lassen und dafür 470 Facebook-Konten verwendete. Bei Twitter passierte Ähnliches. Dort soll eine russische Mediengruppe knapp 2.000 Anzeigen oder promotete Tweets gekauft haben.

4. Ein tödlicher Kommentar
(wdr.de, Markus Bark & Robert Kempe, Video, 9:29)
Der Journalist und Menschenrechtsaktivist Rasim Aliyev aus Aserbaidschan hatte es gewagt, einen prominenten Fußballer zu kritisieren. Ein tödlicher Fehler: Er wurde in eine Falle gelockt, krankenhausreif geschlagen und verstarb im Krankenhaus unter nicht geklärten Umständen. Der Fußballer, der für den Tod des Journalisten mitverantwortlich ist, soll demnächst wieder in einem Spiel gegen Deutschland auf dem Platz stehen. Markus Bark und Robert Kempe sind dem Fall in ihrer Filmreportage nochmal nachgegangen. Ein Film, der auch das planvolle Vorgehen einer Autokratie thematisiert, die sich die mediale Zuneigung durch allerlei Investitionen in Sportevents erkauft.

5. Mogelpackung
(faz.net, Michael Hanfeld)
Was die einen “Zukunftsplan” nennen, ist für Michael Hanfeld von der “FAZ” eine “Mogelpackung”. Es geht um die Absicht von ARD und ZDF, zwei Milliarden Euro einzusparen. Das klinge zunächst nach einer großen Summe, schrumpfe aber nach näherer Betrachtung ziemlich zusammen, wie Hanfeld findet.

6. Sallys Welt: Diese Back-Youtuberin verzeichnet in ihrem Shop über 1.000 Sales täglich
(omr.com, Torben Lux)
Im Jahr 2012 stellt Saliha Özcan, genannt “Sally”, ihr erstes Backvideo auf Youtube ein, eine Backanleitung für einen Nusszopf. Fünf Jahre später ist daraus ein Youtube-Kanal mit angeschlossenem Onlineshop geworden. “Sallys Welt” hat sich zu einem Backimperium entwickelt: 30 Mitarbeiter werkeln hinter den Kulissen und kümmern sich um die 1.000 bis 1.500 täglich eingehenden Bestellungen. Für ein Wohnhaus inklusive Studioküche und ein “Innovationszentrum” will Sally sechs Millionen Euro ausgeben.

Bild  

“Bild” verwickelt Olympiasieger in erfundenen “Suff-Unfall”

Wir müssen nochmal auf die Sache mit Christoph Harting zurückkommen.

Als der Diskus-Olympiasieger vor gut zwei Monaten mit seiner Frau spätabends im Auto unterwegs war, hatte er auf dem Weg nach Hause einen Unfall. Dabei kam es, wie er später in einem Interview erzählte, “zu einer leichten seitlichen Berührung von einem anderen Fahrzeug und meinem”:

Hierbei handelt es sich aber lediglich um einen Bagatellschaden. Danach habe ich angehalten und die Polizei gerufen, um den Sachverhalt aufnehmen zu lassen. Anschließend bin ich in mein Auto gestiegen und nach Hause gefahren.

Kein großes Drama also. Blechschaden, Polizei hinzugezogen, nach Hause gefahren, alles gut.

Bis die “Bild”-Zeitung kam.

OLYMPIA-HELD CHRISTOPH HARTING - SUFF! CRASH! AUSRASTER!

So stand es eineinhalb Wochen später riesengroß im Blatt. Auch auf der Titelseite verkündete “Bild”:

Olympia-Held Christoph Harting - SUFF-UNFALL - Ärger für Olympia-Held Christoph Harting (27). Der Diskus-Star - im Hauptberuf Bundespolizist - verlor nach einem Suff-Unfall seinen Führerschein.

“Nach BILD-Recherchen”, hieß es im Artikel, “hat der Olympia-Held unter offenbar erheblichem Alkoholeinfluss einen Unfall verursacht”.

“Völlig aufgebracht” sei er danach auf den Fahrer des anderen Autos losgegangen, schrieb “Bild” unter Berufung auf “Zeugenaussagen”. Selbst die hinzugerufenen Polizisten hätten ihn “nur schwer bändigen können”.

Weil Harting — im Hauptberuf Bundespolizist — sich außerdem gegenüber den Polizeibeamten aggressiv verhalten haben soll, brachten ihn seine Kollegen auf die Wache. Dort wurde eine Blutentnahme angeordnet und der Führerschein erst einmal einbehalten.

Verfasst wurde der Artikel von Chefreporter Peter Rossberg und Guido Brandenburg, dem Leiter des “Bild”-Ressorts für Investigative Recherche.

Und obwohl Christoph Harting die Geschichte noch am selben Tag gegenüber einer Nachrichtenagentur als “erlogene Falschdarstellung” zurückwies, wurde sie auch von vielen anderen Medien verbreitet. Zwar meist mit dem Zusatz, dass Harting die Vorwürfe dementiert habe, aber hey, könnte ja auch sein, dass er lügt und die “Bild”-Zeitung doch recht hat.

Hatte sie nicht.

Nachdem Harting juristisch gegen die Berichterstattung vorgegangen war, musste “Bild” eine Gegendarstellung abdrucken und zugeben, dass die Geschichte falsch war.

Da war sie allerdings schon fast zwei Monate in der Welt. Und Christoph Harting permanent unter Rechtfertigungszwang. “Man muss sich das einfach mal vorstellen”, sagte er Ende August in einem Fernsehinterview:

Da veröffentlicht ein Medium (…) erlogene Tatsachen, und das zieht so einen elenden Rattenschwanz mit sich: Man rechtfertigt sich an Stellen, die einen einfach nur unterstützen sollten, das heißt, sei es die Bundespolizei als mein Arbeitgeber, seien es meine Sponsoren oder der Deutsche Leichtathletikverband – man erklärt sich, erklärt die Situation, erklärt, dass an dieser ganzen Story nichts dran ist, dass man rechtliche Schritte ergriffen hat, und trotz allem: Das Vertrauen, das dabei verloren geht, das kann man einfach nicht wieder gutmachen.

Damit aber noch nicht genug, es gibt auch im privaten Bereich — ich bin Familienvater, habe eine zehnjährige Tochter, und das Letzte, was ich machen würde, wäre das, was man mir da vorgehalten hat, das muss man einfach mal ganz klar sagen — und man wird dann auch im privaten Bereich in eine Rechtfertigungsschiene gedrückt, die einfach nur unangenehm ist.

Unklar bleibt, wie es zu der falschen Darstellung kommen konnte. Nach Ansicht von Christoph Harting handelt es sich um eine absichtliche Lüge, eine “bewusste Diffamierung”.

Und was sagt die “Bild”-Zeitung?

Bitte haben Sie Verständnis, dass wir uns zu redaktionellen Abläufen grundsätzlich nicht äußern.

Blättern: ◄ 1 ... 51 52 53 ... 176 ►