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Fehlt nur noch: “Im Sitzen pinkeln”


Silvana Koch-Mehrin, 37, ist Mitglied im FDP-Präsidium und Vorsitzende der FDP-Gruppe im Europaparlament. Als Vize-Fraktionsvorsitzende der ALDE arbeitet sie im Haushalts- und Haushaltskontrollausschuss und ist u.a. verantwortlich für das Thema Parlamentsreform.

Die “freundin” wählte die Unternehmensberaterin zur “Frau des Jahres 2000”, “Bild” nennt sie, je nach Anlass, “wichtige EU-Abgeordnete” oder “umwerfend schwanger”. 2005 forderte sie “Bild”-Chef Kai Diekmann auf, “zumindest einen Korrespondenten nach Brüssel zu schicken”. Doch als sie im selben Jahr im “Stern” “ihren nackten Babybauch” zeigte, war das auch “Bild” fast eine halbe Zeitungsseite wert — und ein sehr privater Schicksalsschlag im Frühjahr eine Meldung mit großem Foto auf Seite 2. Unter den “50 schönsten Deutschen” belegte sie für “Bild” als “schönstes Gesicht der Europa-Politik” Platz 29.

Koch-Mehrin ist Mitglied des Fördervereins der “Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft” und bloggt selbst auf ihrer Homepage koch-mehrin.de. Sie erwartet ihr drittes Kind und verabschiedet sich Ende dieser Woche in den Mutterschutz.

Von Silvana Koch-Mehrin

Natürlich kann man es sich einfach machen. Irgendwo was “Völkisches” suchen und finden, Wagner für einen Irren halten und “Bild” generell blöd finden. Damit ist man hier auf der sicheren Seite und findet garantiert haltungsstarke Reflexlacher.

Aber so einfach macht es sich eine Liberale und blonde Karrieretusse nicht. Denn “Bild” ist Teil des deutschen Politikbetriebs — egal, wie man sie findet. Ich gestehe also hiermit und rede mich auch gar nicht raus: Ich lese “Bild” jeden Tag. In Brüssel auf dem Weg zur Arbeit. Bisweilen gern, weil ich zweierlei Nutzen erwarte und manchmal sogar bekomme: Information und Unterhaltung.

Das Blatt von diesem Dienstag bringt leider weder-noch. Wo waren am Montag die Kerle (Frauen gibt’s ja kaum dort), die ein aufregendes, brutales, virtuoses, irres Blatt machen können? Alle in ihrer Männer-Gruppe, um Weihnachtsschmuck aus Salzteig zu backen?

"Diesel teurer als Super" -- "Lotto-Wahnsinn"
Solche Schlagzeilen sind nur insofern gefährlich, als sie inhaltlich wie sprachlich spontanen Sekundenschlaf auslösen, was im Brüsseler Frühverkehr hochriskant ist.

Genauso schnarchig geht es durch die halbe Zeitung (ich lese immer nur die halbe “Bild”, weil ich den Sportteil seit jeher bestenfalls nutze, um die nassen Schuhe der Kinder auszustopfen): Devote CDU-Schlaffis bejubeln ihre Kanzlerin, Wagner spricht mit dem Jackpot, der Regenwald wird gerodet, ein hässlicher Mann hatte seit sieben Jahren keinen Sex und Herr Blome keine Kommentar-Idee: Dass eine Volkspartei und ihre Anführer wie eine Schiffsschaukel schwingen müssen, um alle Mitglieder zu bedienen, das ist weder bemerkens- noch kritisierenswert, sondern seit 60 Jahren selbstverständlich. Klarheit im Programm können sich (Achtung: Werbeblock!) nur die kleinen Parteien leisten. Steht schon bei Kohl. Der kommt übrigens auch vor, wie eigentlich jeden Tag. Bei Müller-Vogg, dem Altmeister der entertainment-freien Kolumne.

Gibt es denn gar nichts Überraschendes, Originelles, Gemeines, Relevantes?

Doch, aber es ist gut versteckt: Wenn Außenminister Steinmeier und Regierungssprecher Steg, zwei enge Vertraute des Altkanzlers und Putin-Freundes Schröder, die Wahlen in Rußland massiv kritisieren, dann müsste das mehr wert sein als sechs Sätze [und ist nicht mal online, d. Red.]. Den Zwist zwischen Gazprom-Gerd und seinen alten Kumpels könnte “Bild” wunderbar hochziehen.

Letzte Rettung letzte Seite, aber auch da gähnt mich überwiegend unspektakuläres Frauenfleisch an: Entweder eine ernüchternde Kate Moss oder dicke Bäuche oder heulende Elends mit Tattoos. Alternativ ein spektakulärer Typ, der als Augenweide taugt? Auch nicht. Und was ist “in” an diesem Dienstag?

"Mal wieder Milch trinken -- Knirps einstecken"

Auweia. Fehlt nur noch: “Im Sitzen pinkeln”. Was ist nur aus den wetterfesten Machos von “Bild” geworden?
 
BILDblogger für einen Tag ist morgen Hans-Peter Buschheuer.

medienlese – der Wochenrückblick

Pfeifenbläser, Telefonabspielgeräte, Kolumnenbeamte, kleine böse Brüder.

Wallpaper-Erfinder und Monocle-Herausgeber Tyler Brûlé kritisierte das Blabla, dass Printmedien verschwinden würden, das zeuge von Faulheit und Kurzsichtigkeit. Der Schaden wurde vor langer Zeit angerichtet und man könne nicht das Internet dafür verantwortlich machen: “Viele Fehlentwicklungen hat es gegeben, weil die falschen Leute an der Spitze von Medienunternehmen sitzen. Vor etwa 15 Jahren haben nämlich Geschäftsleute die Redaktionen übernommen. Ich sage: Wenn man ein guter Journalist ist, kann man auch ein guter Geschäftsmann sein, denn gute journalistische Arbeit macht das Medium attraktiv für Werbekunden.”

Schon 11 Leute haben eine Petition gegen die Heute-Kolumne “Zora Off” unterschrieben. Sie wendet sich gegen ihre wiederholte unbedachte Wortwahl. Es sei “nicht sonderlich klug, wenn sich eine Kolumnistin als Kifferin outet und öfters von anderen Drogen wie bspw. Heroin spricht. Jungen Lesern könnte damit der Eindruck erweckt werden, dass Kiffen oder das Konsumieren von Drogen etwas Tolles sei.”

Read On…

Medienjournalismus nach Art des Hauses

Peter Heinlein, 56, ist so eine Art Söldner der Medienbranche. Er stand unter anderem schon in den Diensten von “Spiegel”, “Welt am Sonntag”, “Handelsblatt”, “Bunte” und “Max” und zeichnete sich immer durch Artikel über die Medien- und Werbebranche aus, Ausriss: Bild.dedie seine jeweiligen Auftraggeber ganz besonders glücklich machte. Er hatte keine Skrupel, seine Kolumnen ganz in den Dienst der Verlagsinteressen zu stellen, egal, ob das bedeutete, besonders gehässig über die Konkurrenz zu lästern, besonders üppig die eigenen Erfolge herauszustellen oder besonders ungeniert den Werbekunden zu schmeicheln.

Für die “Bunte” porträtierte er vor einigen Jahren in einer großen Reihe Werber. Die Artikel hatten programmatische Überschriften wie “Das ist ein wirklich kluger Kopf!”, “Der Hugh Grant der Werbung”, “Dieser Typ ist ‘ne echte Marke”, “Ein Turbo-Werber macht Druck” oder “Der smarte Werbe-Künstler”. Für “Max” schrieb er über die Agentur Crispin Porter + Bogusky (“von der die derzeit beste Werbung der Welt kommt”), die Agentur Jung von Matt (“Deutschlands beste Werbeagentur”), die Agentur Heimat (“der kreativste Werberladen Deutschlands”).

Heinlein in seiner Doppelrolle als Medienkolumnist und Verlagssprecher:

“Viele Websites bieten inzwischen bewegte Bilder an. Aber bei Bild.T-Online gibt’s ab sofort eine eigene Web-TV-Show. BILD live sendet zweimal täglich das Neueste von Stars aus Entertainment und Sport.

Das neue Videoformat wird von meiner Hamburger Kollegin Julia Josten präsentiert. Dazu wählt die Online-Redaktion in Berlin das Interessanteste aus der Fülle des internationalen Themenangebotes aus. (…) Es macht richtig Spaß, [mit dem Videoplayer] durch die aktuellen Newsfilme zu “blättern”, sich Kinotrailer, Musikclips oder Videos der Community auf den Schirm zu holen.”

Quelle: Bild.de

Vor gut drei Jahren ist er mit seiner Medienkolumne zu “Bild” gezogen, und man kann nicht sagen, dass ihn ein Rückgrat bei der Arbeit behindere. Er scheut sich zum Beispiel nicht, Interviews anderer Leute so auf Links zu krempeln, dass sie sich als Lob auf die Zeitung verkaufen lassen, für die Heinlein schreibt (wir berichteten). Wenn er für Bild.de über Probleme bei der Münchner “Abendzeitung” berichtet, flicht er, wie als Erklärung, den Satz ein: “Modernen Boulevard bietet in München die BILD-Zeitung.” Und zur Post und ihrer neuen Konkurrenz durch die PIN-AG fällt ihm zufällig exakt das ein, was auch Linie der Axel-Springer-AG ist, der die PIN-AG gehört, was für Heinlein aber anscheinend keine für die Leser relevante Information darstellt.

Heinlein kann nicht nur positiv. Wenn es um die (auch von Chefredakteur Kai Diekmann nicht geschätzte) “Zeit” geht oder den Verlag Gruner+Jahr, findet er gern ein böses Wort, und den “Geo”-Chef Peter-Matthias Gaede scheint er besonders wenig leiden zu können:

Bevor der gern kritische Journalistik-Papst des Hauses Gruner + Jahr und König der “GEO”-Gruppe, Peter-Matthias Gaede, im Aufsichtsrat seines Verlages neue Weihen erhält, darf er abgeben von seiner Machtfülle.

Aber man täte Peter Heinlein Unrecht, wenn man jedem seiner Texte unterstellte, er habe ein erklärtes publizistisches Ziel. Viele sind auch einfach, sichtlich unredigiert, dahingeworfen. Ein Höhepunkt aus dem Genre “Eh-Egal” findet sich in Heinleins heutiger Bild.de-Kolumne:

Das immer beliebter werdende digitale Aufzeichnen mit automatischem Herausschneiden der Fernsehreklame hat TV-Werber in den USA auf neue Ideen gebracht. Dort gibt’s nämlich schon Fernsehen im Supermarkt. In den Läden der “Wal-Mart”-Kette zum Beispiel, wo sich Leute beim Einkaufen im Schnitt eine Stunde aufhalten. Dort werden sie jetzt zunehmend mit TV-Werbung berieselt. Ausschalten geht nicht, pinkeln auch nicht. Die Werbeerinnerung dort ist mit 56 Prozent deutlich höher als beim Zuhause Gucken (21 Prozent), ergab eine US-Studie.

Nach “Ford Unilever” und “Gilette” will jetzt auch die US-Navy diesen Kanal nutzen und für ihr PC-Spiel “Call of Duty” werben.

Offenbar hat Heinlein diesen Artikel aus der amerikanischen Fachzeitschrift “Brandweek” zum Thema gelesen. Oder besser: flüchtig überflogen. Denn mal abgesehen davon, dass Ford und Unilever zwei verschiedene Unternehmen sind, dass sich Gillette mit Doppel-L schreibt und es vielleicht wichtig gewesen wäre, darauf hinzuweisen, dass die “US-Studie” mit den für das Wal-Mart-Fernsehprogramm so vorteilhaften Ergebnissen von dem Produzenten des Wal-Mart-Fernsehprogramms erstellt wurde… also, mal abgesehen davon ist das PC-Spiel “Call of Duty” natürlich nicht von der US-Navy. Die “Brandweek” hatte nur darauf hingewiesen, dass jugendliche Käufer dieses Kriegsspiels doch die perfekte Zielgruppe wären für die eigene Werbung der US-Navy im Ladenfernsehen (bei GameStop übrigens, nicht Wal-Mart).

Da muss man schon sehr schludrig arbeiten, um all das, wie Heinlein, misszuverstehen. Aber es geht in diesem Fall ja auch nicht um “Bild”, die Axel-Springer-AG oder ihre Konkurrenten.

Nachtrag, 22. November: Bild.de hat die Wal-Mart-Meldung aus Heinleins Kolumne ersatz-, wort- und restlos gelöscht.

Kurz korrigiert (443)

Debby Reuter ist neue Stadionsprecherin beim 1. FC Kaiserslautern — was den 1. FCK veranlasste, in einer Pressemeldung deutlich darauf hinzuweisen, dass Reuter die “einzige weibliche Stadionsprecherin” sei. Bei “Bild” wurde daraus heute diese Überschrift:

"Ich bin die erste Stadionsprecherin"

Das klingt nach einem historischen Moment. Ist es aber nicht. Vor Debby Reuter waren zumindest schon Katja Wunderlich (1. FC Nürnberg) und Steffi Renz (SSV Reutlingen) Stadionsprecherinnen. Deshalb hier ein Alternativvorschlag:

"Ich bin die dritte Stadionsprecherin"

Aber vielleicht wäre den Redakteuren von “Bild” ja womöglich noch eine bessere Überschrift für die einzige Stadionsprecherin Deutschlands eingefallen.

Mit Dank an Alexander W. und usdgzer für den sachdienlichen Hinweis.

Nachtrag, 21.11.2007 (mit Dank an Klaus S.): Wie es aussieht, ist Debby Reuter, anders als der 1. FCK in seiner Pressemitteilung behauptet, nicht mal so richtig die einzige Stadionsprecherin in der Bundesliga. Im Millerntor-Stadion beim FC St. Pauli kommt offenbar Dagmar Grigoleit zumindest als Ersatzsprecherin zum Einsatz. Insofern ist unser Überschriften-Vorschlag noch schlechter als zunächst angenommen.

Betr.: Anne Will und Miriam Meckel

Sehr geehrter Herr Diekmann,

wenn Sie darauf angesprochen werden, dass die von Ihnen verantwortete “Bild”-Zeitung die Privatsphäre von Prominenten nicht respektiert, antworten Sie, dass die Prominenten dafür selbst verantwortlich seien. Gegenüber der Schweizer Zeitung “Persönlich” (pdf) formulierten Sie es so:

Grundsätzlich ist das Privatleben tabu. Das gilt aber nicht für diejenigen, die mit ihrem Privatleben das Licht der Öffentlichkeit suchen.

Der “FAZ” sagten Sie:

Wer sein Privatleben privat lebt, bleibt privat. (…) Wer nicht selbst das Spiel eröffnet, muß auch nicht mitspielen.

Immer wieder greifen Sie auf eine Fahrstuhl-Metapher zurück:

Wer die Presse einlädt, wenn es im Fahrstuhl des Lebens nach oben geht, darf sie nicht aussperren, wenn er wieder nach unten fährt.

Gestern und heute haben “Bild” und “Bild am Sonntag” in größter Aufmachung darüber berichtet, dass die ARD-Moderatorin Anne Will am Rande einer Veranstaltung bestätigt habe, mit der Medienwissenschaftlerin Miriam Meckel zusammen zu sein. “Ja, wir sind ein Paar”, habe Will gesagt und hinzugefügt: “Wir möchten unser Privatleben privat halten.”

Diesen Wunsch mochten Sie ihr offensichtlich nicht erfüllen. Denn Ihre Zeitung belässt es nicht dabei, über das Coming-Out der Moderatorin zu berichten, ihre Partnerin vorzustellen und über Kleidung, Schmuck, Sitzordnung, Menufolge und Stimmung bei der öffentlichen Veranstaltung zu berichten, zu der Will und Meckel gemeinsam gekommen waren. Sie informiert ihre Leser zugleich unter anderem auch über einen gemeinsamen Urlaub der beiden und nennt Details ihrer Freizeitgestaltung.

Offenkundig ist das Privatleben von Anne Will für die “Bild”-Zeitung also nicht mehr Tabu. Angenommen, Ihre öffentlichen Erklärungen über den sonst geltenden Respekt Ihrer Zeitung vor der Privatsphäre anderer Menschen seien nicht nur Lügen oder bestenfalls Selbstbetrug: Bedeutet die Tatsache, dass Frau Will und Frau Meckel auf Nachfrage einmal bestätigen, ein Paar zu sein, dass beide nun “das Spiel eröffnet” haben und in den “Bild”-Fahrstuhl eingestiegen sind? Glauben Sie, dass beide dadurch etwas Intimes enthüllt haben? Haben beide dadurch das sonst angeblich von Ihnen garantierte Recht verwirkt, ihr Privatleben privat zu halten? Müssen sie deswegen damit rechnen, dass “Bild”-Reporter sich auf die Suche nach früheren Partnern machen; dass “Bild”-Fotografen dokumentieren, wenn beide gemeinsam (oder gerade nicht gemeinsam) in den Urlaub fahren oder in einem Café sitzen; dass “Bild”-Artikel die Öffentlichkeit über Höhen und Tiefen in dieser Beziehung auf dem Laufenden halten?

Müssen Prominente, wenn sie nicht in Ihrer Zeitung lesen wollen, wo sie mit wem welchen Freizeitsport treiben, beispielsweise vollständig darauf verzichten, sich von ihren Partnern zu gesellschaftlichen Anlässen begleiten zu lassen? Oder dürfen sie sich von ihren Partnern begleiten lassen — aber nicht darüber reden?

Herr Diekmann, was kann ein Paar tun, um Ihnen keinen Vorwand dafür zu liefern, sein Privatleben als Verfügungsmasse Ihrer Zeitung zu betrachten?

Über Antworten würden wir uns freuen!

Mit freundlichen Grüßen
Ihre BILDblogger
 
 
Nachtrag, 28.11.2007: Von einem “Bild”-Sprecher erhielten wir folgende Antwort:

Sie schickten am 19.11. einen Brief an die Bild-Chefredaktion zum Thema Anne Will. Von unserer Seite gibt es dazu nur soviel zu sagen: Wir haben geschrieben, was an diesem Abend unserer BILD am SONNTAG-Reporterin gesagt wurde.

Schrottgarstige Rekordjagden

Der deutsche Fußballmeister VfB Stuttgart hat gestern in seinem vierten Champions-League-Spiel die vierte Niederlage kassiert. Damit sind selbst alle Chancen, noch im UEFA-Cup mitzuspielen, vertan.

Da kann man als Sportjournalist schon mal hämisch werden:

"Knackt Schrottgart den Flop-Rekord der Champions League?"

Aber Häme gehört sich nicht, hat meine Oma immer gesagt, deshalb versucht man sich bei Bild.de, dem VfB wenigstens den “ewigen Flop-Rekord der Champions League” schmackhaft zu machen:

Und es stellt sich die Frage, ob die Rot-Weißen sogar den ewigen Flop-Rekord der Champions League einstellen werden. (…)

Ein Team mit null Punkten aus den sechs Gruppenspielen hat es in der Champions-League-Geschichte bisher nur sechs Mal gegeben. Den ewigen Flop-Rekord halten die Rumpel-Russen von Spartak Moskau (0 Punkte, 1:18 Tore) im Jahr 2002 vor den Bulgaren von Levski Sofia (0 Punkte, 1:17 Tore) aus der Vorsaison.

Nun: Der VfB Stuttgart hat nach vier Spielen eine Differenz von 3:10 Toren, da müsste er in den verbleibenden zwei Partien schon zehn Gegentore kassieren und kein eigenes mehr schießen, um wenigstens in Sachen Tordifferenz mit Spartak Moskau gleichzuziehen.

Aber das ist Haarspalterei verglichen mit dem nächsten Absatz:

Kleiner Trost: Nach dem Lyon-Spiel, in dem der VfB mehr Tore geschossen hat, als in den gesamten drei Spielen zuvor, darf man zumindest auf einen VfB-Punkt rechnen. In diesem Fall wären sie dann “nur” noch das schlechteste deutsche Champions-League-Team aller Zeiten. Den Flop-Rekord für die Bundesliga hält der HSV mit drei Punkten (7:15 Tore).

Der HSV holte in der Saison 2006/2007 tatsächlich nur drei Punkte bei 7:15 Toren. Damit war er aber immer noch besser dran als der ebenfalls deutsche FC Bayern München, der in der Saison 2002/2003 mit nur zwei Punkten aus der Champions League ausschied.

In einem anderen Artikel schreibt Bild.de:

Vier Spiele, vier Pleiten – dieser traurige Rekord aus deutscher Sicht muss erst einmal gebrochen werden…

Da der HSV es in der letzten Saison geschafft hat, die ersten fünf Spiele zu verlieren, hat Stuttgart noch gar keinen Rekord aufgestellt, der “erst einmal gebrochen” werden muss, sondern hat allenfalls die Möglichkeit, mit einer Niederlage im nächsten Spiel den “Rekord” des HSV einzustellen.

Mit Dank an Florian, Alex G., Benjamin, Jan-Christoph K., Sven W. und Daniel S. für die Hinweise!

Nachtrag, 16.40 Uhr: Inzwischen hat Bild.de nachgebessert. Nun heißt es: “Den Flop-Rekord für die Bundesliga hält der deutsche Rekordmeister Bayern München mit zwei Punkten (9:13 Tore) aus der Saison 2002/2003.” Und bezüglich des “traurigen Rekords” heißt es nun: “Vier Spiele, vier Pleiten – der VfB ist auf dem Weg den traurigen Rekord aus deutscher Sicht (fünf Pleiten in fünf Spielen – der HSV in der vergangenen Champions-Laegue-Saison) einzustellen…”

“Bild” enthüllt “Auto Bild”-Bericht

Die Zeitschrift “Auto Bild” berichtet im Ratgeberteil ihrer aktuellen Ausgabe darüber, dass “unsere Autos” oft mehr Kraftstoff verbrauchen, “als irreführende Prospektangaben versprechen”. Zum Beweis ist “Auto Bild” offenbar mit verschiedenen, vollgetankten PKW “zügig, aber nicht sportlich” von Hamburg nach Lübeck und zurück gefahren und hat anschließend nachgetankt. Am Ende stellte “Auto Bild” fest, dass manche Autos ein wenig mehr, manche deutlich mehr und ein Mercedes-Geländewagen sogar 53 Prozent mehr Kraftstoff verbrauchen, als der Hersteller behauptet.

Auf der “Auto Bild”-Website gibt es sogar einen “Auto Bild TV”-Beitrag dazu. Und der erinnert in Machart und Ergebnis schon sehr an einen Bericht des ZDF-Magazins “Frontal 21” [pdf] über die “Lüge vom niedrigen Spritverbrauch” (ausgestrahlt einen Tag, bevor auch die Deutsche Umwelthilfe öffentlich kritisierte: “Im realen Leben liegen Spritverbrauch und CO2-Emissionen regelmäßig 10 bis 25 Prozent höher als von den Herstellern behauptet”).

Das war vor anderthalb Monaten.

Mit Verweis auf die aktuelle “Auto Bild” aber schreibt “Bild” heute (siehe Ausriss) Sätze wie diese:"Die Sprit-Lüge: Benzin-Verbrauch höher, als die Hersteller angeben"

Und jetzt enthüllt AutoBILD: (…)

AutoBILD-Experten testeten unsere Autos auf ihren tatsächlichen Spritverbrauch. Schock-Ergebnis: In der Spitze schlucken PKW bis zu 53 % mehr Benzin! AutoBILD enthüllt in seiner jüngsten Ausgabe die Sprit-Schummelei (…).
(Hervorhebungen von uns.)

Die von “Auto Bild” zwischen Hamburg und Lübeck zügig ermittelten und von “Bild” weiterverbreiteten Ergebnisse liegen im Schnitt knapp 15 Prozent über den Herstellerangaben, weichen aber zum Teil nicht nur von diesen stark ab, sondern auch von denen, die schon seit geraumer Zeit im ADAC-“Eco Test” ermittelt werden. Aber wen wundert’s? In einem Merkblatt des ADAC wird die von “Auto Bild” angewandte “Nachtankmethode” ohnehin als “weitgehend ungenau” bezeichnet.

Andererseits: Mit genaueren, aber lange bekannten Daten wäre die Formulierung “AutoBILD enthüllt” ja noch absurder gewesen.

Mit Dank an Bernd R. für den Hinweis.

6 vor 9

Tamedia mit neuer Unternehmensleitung und Fokussierung auf geografische Märkte
(tamedia.ch, pdf)
Das Medienunternehmen Tamedia gliedert sich ab 2008 in die vier operativen Unternehmensbereiche Medien Espace Bern, Medien Zürich & Nordostschweiz, Medien Schweiz und Verlagsservices.
Das neue Organigramm, Kurzportrait der Unternehmungsleitung, mehr.

»Der Code Öffentlich/Privat erfährt einen geschichtlichen Wandel globalen Ausmaßes«
(blm.de, Sandra Eschenbach, pdf, 78kb)
Der Informationsethiker Rafael Capurro über gesellschaftliche, journalistische und politische Auswirkungen des Web 2.0 (mehr hier).

Unerbittlicher Verdrängungskampf
(nzz.ch, ii.)
Wieder wird eine neue Gratiszeitung angekündigt. Wie der Aargauer Verleger Peter Wanner vor kurzem der «Werbewoche» und am Donnerstag in der hauseigenen «Mittelland Zeitung» erklärte, planen die AZ Medien «im Gratiszeitungsmarkt aktiv» zu werden. Dies wäre das fünfte Gratisblatt, das täglich in den grössten Deutschschweizer Ballungszentren erscheinen soll. Wenn man das Wirtschafts-orientierte «Cash daily» dazu zählt, sogar das sechste. Sie alle buhlen mit Nachrichten-«Kurzfutter» um Anteile im Leser- und Werbemarkt.

Noch sind alle schimmerlos
(taz.de, Sarah Stricker)
Die Münchner “Abendzeitung” ist momentan auf Selbstfindungskurs. Offen ist noch, wer der neue Chefredakteur wird. Fest steht, dass er nicht aus dem Haus kommt.

So geht das nicht, Herr Delling!
(stern.de, Peer Schader)
Als Ersatz für Frank Plasberg darf ab sofort Sport-Moderator Gerhard Delling im WDR aktuelle Themen mit Gästen diskutieren. Die Auftaktsendung am Mittwochabend geriet jedoch zum unentschlossenen Durcheinander mit peinlichen Fehlern.

So spricht man mit Nazis (Teil 2)
(vanityfair.de, Michel Friedman)
“Deutschlands Chef-Nazi” Horst Mahler im ungekürzten Gespräch mit “VANITY FAIR-Autor” Michel Friedman.

Fliehen, floh, geflogen

“The Great Escape” dauert satte 172 Minuten, “Papillon” immerhin 150 Minuten, “Cool Hand Luke” 126 Minuten, “Escape from Alcatraz” 112 Minuten, “Down by Law” 107 Minuten und “The Defiant Ones” gut anderthalb Stunden. Die “Bild”-Meldung über die spektakuläre Flucht des “Ausbrecherkönigs” Nordin Benallal aus einem belgischen Gefängnis hingegen war gestern gerade mal zehn Zeilen lang. Und zwei davon hatte “Bild” für den Einleitungssatz verschwendet:

“Diese Flucht hätte Hollywood kaum besser inszenieren können.”

Aber so richtig happy schien “Bild” mit der filmreifen Flucht dann doch nicht gewesen zu sein — jedenfalls nicht happy genug, um sie nicht selbst ein wenig zu… “inszenieren”:

Freunde [des “Ausbrecherkönigs”] kaperten einen Hubschrauber, zwangen den Piloten im Gefängnishof (…) zu landen. Dann entschwebten sie mit dem Verbrecher.

Hubschrubschrub… und weg also. Oder um es mit “Bild” zu sagen:

"Ausbrecherkönig flieht mit Hubschrauber"

Wir haben keine andere Zeitung gefunden, die das behauptet — was daran liegen könnte, dass es nicht stimmt. Der Hubschrauber nämlich stürzte ab, weil sich Mitgefangene an die Kufen geklammert hatten, woraufhin der “Ausbrecherkönig” einen Wärter als Geisel nahm, das Gefängnis zu Fuß durchs Gefängnistor verließ und mit einem Kleintransporter davonfuhr.

Auch das hätte vermutlich in eine 10-Zeilen-Meldung gepasst. Doch offenbar passt “Bild” lieber die Wirklichkeit der Meldung an als umgekehrt.

PS: Weil der Flüchtling inzwischen wieder eingefangen wurde, hatte “Bild” heute noch eine zweite Chance, die gestrige Meldung zumindest nebenbei richtigzustellen. Aber warum den “Bild”-Leser unnötig verwirren.

Mit Dank an Christian H. für den Hinweis.

Kurz korrigiert (439)

Sören Fiedler, bei “Bild” zuständig für die Sportberichterstattung über den Zweitligisten FC Erzgebirge Aue, berichtet dieser Tage über eine “Pannen-Serie!” beim Spartensender DSF:

Da habe das DSF den Aue-Spieler Adam Nemec doch tatsächlich mal “Anton” genannt und behauptet, er trage wie sein Vorgänger Andrzej Juskowiak die Nummer “32” auf dem Trikot, obwohl der doch die Nummer “29” getragen habe. Außerdem wurde Nemecs Kollege Hendrik Liebers vom DSF offenbar mal “Liebert” genannt — und nicht nur das:

"Beim Spiel gegen Wehen (2:2) sind die Erzgebirgler keine Sachsen mehr, sondern es ist von Thüringern die Rede."

Schlimme “Pannen-Serie!”, fürwahr — die der Aue-Experte von “Bild” jedoch mühelos fortzusetzen weiß, weil der FC Erzgebirge Aue gegen den SV Wehen Wiesbaden ja gar nicht 2:2-unentschieden spielte, sondern mit 3:0 gewann.

Mit Dank an Andreas für den Hinweis.

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