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Heinze, Tatort, Ditz

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “Suspendierte ‘Tatort’-Chefin kaufte auch eigene Drehbücher ein”
(spiegel.de, Markus Brauck)
NDR-Fernsehfilmchefin Doris Heinze kaufte Drehbücher von sich selbst ein und machte sich dabei jünger. Ein fiktiver Lebenslauf von Heinze steht im ARD-Presseheft: “Marie Funder-Donoghue, geboren 1981 in Heidelberg, studiert Wirtschaftswissenschaften und Jura in Dublin, lebt mit Ehemann David und Sohn Sean an der Ostküste, schreibt Kurzgeschichten.”

2. “Wird der Tatort abgesetzt?”
(cicero.de, Josef Girshovich)
Josef Girshovich macht sich Gedanken über die Zukunft des ARD-Krimis “Tatort”: “Wie soll man es, lieber NDR, mit Heinzes Kreationen halten? Heinze ist Spiritus Rector von Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler), Cenk Batu (Mehmet Kurtulus) und Borowski & Jung (Axel Milberg, Maren Eggert). Können aber diese Kommissare nach einem solchen Skandal noch rechtschaffen ermitteln?”

3. “German Viewers Love Their Detectives”
(nytimes.com, Michael Kimmelman, englisch)
Auch die “New York Times” schreibt über den “Tatort”: “Crimes happen in distinctly German locales like the little city garden plots called schrebergarten, where nature-loving Germans grow their own tomatoes and show off their odd taste for plastic gnomes. The ‘Tatort’ detectives in Cologne invariably stop at their favorite büdchen, the little beer and bratwurst stands typical of the Rhineland.”

4. “Autorisierung: DJV mahnt fairen Umgang an”
(djv.de)
Der DJV-Bundesvorsitzende Michael Konken erklärt in einem (autorisierten?) Zitat, dass eine Autorisierung nur sachliche Darstellungsfehler korrigieren sollte: “Das nachträgliche Glätten von Interviews schadet dem kritischen Journalismus. Interviewpartner aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft dürfen das Instrument der Autorisierung nicht missbrauchen, um aus Interviews nachträglich Werbebotschaften in eigener Sache zu machen.”

5. Interview mit Rüdiger Ditz
(onlinejournalismus.de, Michael Soukup)
Spiegel.de-Chefredakteur Rüdiger Ditz fragt sich, warum sein Medium ein Vorreiter von Bezahlinhalten sein soll: “Wir sind das Erfolgsmodell im deutschsprachigen Raum. Für Spiegel Online hat sich das reine Werbefinanzierungsmodell bisher ausgezahlt, wir können uns ohne Gebührenpflicht sehr gut refinanzieren.”

6. “I Love Free Food!”
(probablybadnews.com)
Manchmal scheitert kontextbezogene Werbung.

Wahl-arithmetische Verrenkungen

Das Ergebnis der thüringischen Landtagswahl hat nicht nur viele Politiker etwas ratlos zurückgelassen — auch einige Journalisten haben den Überblick verloren:

Mit Althaus’ Wunschpartner FDP allein ist eine Koalition nicht möglich. Denkbar wäre ein Dreier-Bündnis mit den Grünen (“Jamaika”).

schreibt etwa Bild.de und übersieht dabei, dass die drei Parteien gemeinsam auf 43 Sitze im Erfurter Parlament kommen. Bei den 88 Sitzen dort bräuchte man aber mindestens 45, um die Mehrheit zu haben.

Genau diese 45 Sitze hätten Linkspartei und SPD zusammen, was Bild.de allerdings nicht davon abhält, mehrfach auf die Option eines rot-rot-grünen Bündnisses einzugehen. Das hätte zwar die komfortablere Mehrheit von 51 Abgeordneten, aber reichen täte eben auch rot-rot.

Die Möglichkeit einer Zweier-Koalition entging zudem nicht nur dem “Heute Journal” (ab 4:45 Min.), auch “Spiegel Online” hat sie übersehen:

Rot-Rot-Grün wird im neuen Parlament eine rechnerische Mehrheit haben, dann wäre die CDU in der Opposition.

Das ist ja nicht falsch, aber die “rechnerische Mehrheit” hätte eben schon Rot-Rot.

Mit Dank an Gerald.

Millionen: “Kein Schwein ruft mich ab”

Bild.de berichtet heute (vier Tage nach “Welt Online” und fünf Tage nach “Spiegel Online”), dass die Auszahlung der Mittel aus dem Konjunkturpaket II der Bundesregierung laut Bundesrechnungshof nur schleppend anläuft. Bremen, Mecklenburg-Vorpommern, Schleswig-Holstein und Thüringen hätten bis Mitte August “keinen einzigen Cent” abgerufen.

Auch in Hessen ist bisher kaum Geld geflossen. Das Land und die Kommunen haben aus dem Konjunkturpaket bisher gerade einmal 60 000 Euro abgerufen. Das entspricht lediglich 0,02% der für 2009 zur Verfügung stehenden Mittel von 360 000 Euro.

Lassen Sie sich nicht irritieren: 60.000 Euro wären natürlich eher 16,67% von 360.000 Euro. Aber 360.000 Euro wären natürlich auch etwas wenig für ein Land wie Hessen. In Wirklichkeit erhält Hessen 720 Millionen Euro Konjunkturhilfen vom Bund — aber auch davon wären 60.000 Euro keine 0,02%. Dieses Zahlenchaos ist aber für den weiteren Verlauf der Geschichte unerheblich. *

FDP-Verkehrsexperte Patrick Döring darf bei Bild.de erklären, dass die Zahlen zeigten, dass die Konjunkturpakete “generell zu langsam und zu schleppend” wirkten.

Die Agenturen AFP, AP und dpa verbreiteten die Zahlen ungeprüft unter Berufung auf Bild.de, wo man sich ja auf den Bericht des Bundesrechnungshofs bezog, und Onlinemedien wie “Focus Online”, heute.de und stern.de bastelten aus den Agenturmeldungen eigene Artikel. Alle beriefen sich auf Bild.de, viele zitierten den FDP-Mann.

Am Vormittag veröffentlichte das hessische Finanzministerium eine Pressemitteilung, in der Finanz-Staatssekretär Thomas Schäfer erklärte:

Nicht 60.000 Euro wurden in Hessen aus dem Konjunkturpaket II des Bundes bislang abgerufen, sondern 4,5 Mio. Euro. Die unter Berufung auf den Bundesrechnungshof genannte Summe entspricht dem Auszahlungsstand vom 15. Juni 2009. […] Der von “bild.de” erweckte Eindruck, Hessen hinke bei der Umsetzung der Konjunkturpakete hinterher, hat mit der Wirklichkeit nichts zu tun.

Schäfer gibt den nicht ganz unwichtigen Hinweis, dass die Bundesmittel erst nach Vorlage der Handwerker-Rechnungen rückwirkend vergeben würden. So erklärten auch Vertreter anderer Bundesländer die bisher zögerlichen Auszahlungen: sueddeutsche.de zitiert einen Sprecher des thüringischen Innenministeriums damit, dass in seinem Land bereits ein großer Teil des Geldes verplant sei, und die Landesregierung von Mecklenburg-Vorpommern stellte auf Anfrage von n-tv.de klar, dass mittlerweile bereits 2,55 Millionen Euro aus dem Konjunkturpaket abgerufen worden seien.

Der Bundesrechnungshof wollte sich auf unsere Anfrage zu keinen Zahlen aus dem nicht-öffentlichen Papier äußern, erklärte aber, dass man über den wahren Erfolg oder Misserfolg des Konjunkturpakets ohnehin erst befinden könne, wenn das Geld auch an die Handwerksbetriebe ausgezahlt sei.

PS: sueddeutsche.de scheint übrigens nicht so ganz verstanden zu haben, worauf sich die Stellungnahme bezieht:

Und auch der hessische Finanz-Staatssekretär Thomas Schäfer stört sich an dem Bericht des Bundesrechnungshof. “Dieser Bericht verzerrt die Umsetzung der Konjunkturpakete des Landes und des Bundes in Hessen völlig.”

Mit “Bericht” meinte Schäfer allerdings den bei Bild.de — nicht den des Rechnungshofs.

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!

*) Nachtrag/Korrektur, 14:52 Uhr: Aus den “360.000 Euro” hat Bild.de inzwischen “360 Mio. Euro” gemacht — und das scheint auch tatsächlich die Zahl der für 2009 zur Verfügung stehenden Mittel zu sein. Die von uns genannten 720 Mio. Euro bezogen sich auf die Jahre 2009 und 2010. Und so ergeben natürlich auch die 0,02% einen Sinn.

Bild  

Was Gerhard Schröder alles sagte

Die Ackermann-Sause ist nach einigen Anlaufschwierigkeiten inzwischen auch ein größeres Thema für “Bild”:

Das Abendessen für Josef Ackermann im Kanzleramt: Schröder und Steinbrück unterstützen Merkel!

Überraschend erhielt die Kanzlerin gestern Beistand von ihrem Vorgänger. Ex-Kanzler Gerhard Schröder (SPD): “Mit der Veranstaltung für Herrn Ackermann habe ich kein Problem!”

Schröder verteidigte auch die gestiegenen Ausgaben im Kanzleramt für Bewirtungen: “Die Erhöhung ist in Ordnung. Schließlich leben wir nicht in einer Bananenrepublik und man sollte seine Gäste ordentlich bewirten.”

Gesagt hat der Altkanzler das bei “Spiegel Online”.

Laut gleichem Artikel sagte Schröder mit Blick auf die Vorwürfe, er habe in zwei Jahren “533.000 Euro Spesen” gemacht, übrigens auch:

“Es ist eine allgemeine Erfahrung, dass sich die ‘Bild’-Zeitung in Wahlkampf-Zeiten vor den Karren der Union spannen lässt”, sagt Schröder. “Das ist ein durchsichtiges Manöver.”

Schöner Werben ohne Kennzeichnung

Vor zweieinhalb Monaten hat der “Spiegel” erklärt, in Zukunft keine Anzeigen mehr zu akzeptieren, die redaktionelle Inhalte des Magazins imitieren — obwohl die Werbeindustrie ein großes Interesse daran habe und viel Geld dafür biete.

Die Online-Kollegen sehen das nicht so eng mit der Trennung von Werbung und Redaktion. Auch nach seinem gestrigen Relaunch verkauft “Spiegel Online” ungekennzeichnete Anzeigen in der Menuleiste. Im Wissenschafts-Ressort sieht das zum Beispiel so aus:

Hinter dem Menupunkt “Wissenschaftszug” verbirgt sich nicht, wie man vielleicht erwarten könnte, ein redaktionelles Themen-Special, sondern eine Anzeige der Firma Siemens.

Ähnlich sieht es in vielen anderen Ressorts aus:

Die “Volkswagen News” kommen sozusagen direkt von der Quelle, und auch hinter “Flug & Hotel” verbergen sich keine Inhalte von “Spiegel Online”, schon gar keine redaktionellen, sondern ein Buchungs- und Werbeportal der Fluggesellschaft Air Berlin. Unten auf der entsprechenden Seite distanziert sich “Spiegel Online” dann von den Inhalten, auf die man die Leser gelockt hat, als wären es die eigenen:

SPIEGEL ONLINE ist weder für den Inhalt der Anzeige noch für ggf. angebotene Produkte verantwortlich.

Diese Praxis verstößt möglicherweise nicht nur gegen den Pressekodex, sondern auch gegen das Gesetz. Das Kammergericht Berlin urteilte vor drei Jahren relativ unmissverständlich:

Ein Link, der aus einem redaktionellen Zusammenhang auf eine Werbeseite führt, muss so gestaltet sein, dass dem Nutzer erkennbar ist, dass auf eine Werbeseite verwiesen wird. Fehlt es daran, liegt ein Verstoß gegen den Trennungsgrundsatz vor.

Bei Bild.de und sueddeutsche.de verraten solche redaktionell wirkende Werbelinks seit einiger Zeit zumindest dann ihren wahren Charakter, wenn man mit der Maus darüber fährt:


Für “Spiegel Online” scheint selbst diese Minimal-Kennzeichnung schon zu viel der Transparenz zu sein.

Nachtrag, 21. August. Auch bei “Spiegel Online” erscheint jetzt das Wort “ANZEIGE”, wenn man mit der Maus über den entsprechenden Menupunkt fährt.

BKA? Da könnte ja jeder bitten!

Es war vielleicht die “erste Multimedia-Verbrecherjagd” und “eine der spektakulärsten Fahndungen in der Kriminalgeschichte”, wie “Bild” heute schreibt: Am Mittwoch hatte das BKA in der ZDF-Sendung “Aktenzeichen XY … ungelöst” und im Internet nach einem Mann gefahndet, dem mehrfacher schwerer sexueller Missbrauch von Kindern vorgeworfen wird.

Da sich der Mann bei seinen Taten selbst gefilmt hatte und alle bisherigen Fahndungsmaßnahmen erfolglos waren, entschied man sich zur Veröffentlichung von Videos und Fotos.

Nach dem großen Medien-Echo hat sich der mutmaßliche Täter gestern gestellt, wie das BKA sofort vermeldete. Die Pressemitteilung enthielt einen weiteren Hinweis:

Wichtig:

Da mit der Identifizierung der Grund für die Öffentlichkeitsfahndung entfällt, werden die Medien gebeten, die veröffentlichten Videos, Bilder und Stimmproben nicht weiter zu verwenden und aus den Internetportalen zu entfernen.

Und so kamen die Medien dieser Bitte heute nach (alle gelben Flächen sind von uns):

Schlimmster Kinderschänder stellt sich: So zeigte sich das Dreckschwein im Internet
(“Bild”)

Dieses Bild stammt aus einem Film, den der Täter gedreht hat
(“Tagesspiegel”)

Der Täter filmt sich selbst
(“Süddeutsche Zeitung”)

Aber selbst Menschen, die der widerlichsten Verbrechen beschuldigt sind, haben Rechte. Der Rechtsanwalt Markus Kompa schreibt in seinem Blog:

Für eine Anprangerung in den Medien eines nicht verurteilten Täters gibt es keine Rechtsgrundlage. Die Regeln über die Art und Weise entsprechender Berichterstattung sind im Kodex des Deutschen Presserates hinreichend ersichtlich. Strafe ist Sache des Strafrichters.

(…) Was mich (…) stört, ist die unprofessionelle Gleichgültigkeit, die manche angeblich seriösen Medien an den Tag legen. Wenn es sich um ein sozial besonders geächtetes Delikt handelt, dann scheint man mit zweierlei Maß messen zu dürfen.

Zahlreiche Onlinemedien haben die Fahndungsfotos nach wie vor in ihren Archiven. Dass es durchaus möglich wäre, der Bitte des BKA nachzukommen und die Rechte des Beschuldigten zu respektieren, beweist u.a. “Spiegel Online”.

Für das “Dreckschwein” (aus dem online eine “Sex-Bestie” wurde) kann sich “Bild” wahrscheinlich schon mal auf Post vom Presserat einstellen, was die Zeitung sicher gelassen zur Kenntnis nehmen ignorieren wird.

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!

Nachtrag, 23:55 Uhr: Und so illustrierte “RTL Aktuell” den Fall heute um 18:45 Uhr, mehr als 24 Stunden nach der Mitteilung des BKA:

Alle haben ihm vertraut

Dümmer fragen als Kader Loth antwortet

“Spiegel Online” bringt heute ein Interview mit Kader Loth, Ex-“Penthouse”-Model, Ex-“Big Brother”-Bewohnerin und heute Frauenbeauftragte der “Freien Union” von Gabriele Pauli:

SPIEGEL ONLINE: Paulis Partei darf nicht antreten, aber die von Horst Schlämmer. Ist das nicht unfair?

Wenn wir da mal eben für Frau Loth antworten dürften: Nein, das ist nicht unfair, sondern schlichtweg Blödsinn.

Unter den 27 Parteien, die zur Bundestagswahl zugelassen sind, sucht man die “Horst Schlämmer Partei”, ein Spaßprojekt von Hape Kerkeling für dessen neuen Kinofilm, vergebens. Sie hat sich nicht mal um eine Zulassung bemüht.

Kader Loth antwortet übrigens ein bisschen anders:

Loth: Nein, ich finde Horst Schlämmer lustig. Das ist Unterhaltung, das darf man nicht zu ernst nehmen. Ich hatte in seinem Film übrigens auch eine kleine Rolle.

Mit Dank an Sebastian O. und Thomas U.

Nachtrag, 16:50 Uhr: “Spiegel Online” hat Frage und Antwort zu Horst Schlämmer entfernt und einen Hinweis angehängt:

Anmerkung der Redaktion: In dem Gespräch war zunächst davon die Rede, die Horst-Schlämmer-Partei trete zur Bundestagswahl an. Das ist nicht der Fall. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

Dieter Althaus – wer sonst?

Am Sonntag, vier Wochen vor der Landtagswahl in Thüringen, hat die “Bild am Sonntag” endlich die Kampagne für Ministerpräsident Dieter Althaus fortgesetzt. Für den eiligen Leser, der vielleicht an Fitness oder Energie des CDU-Spitzenkandidaten zweifelt, reicht ein flüchtiger Blick auf Überschrift und Foto (obwohl man darüber diskutieren kann, wie gut die Idee ist, Althaus ausgerechnet zu zeigen, wie er rasant einen Abhang hinunterfährt).

Aber auch wer das Kleingedruckte liest, findet viel Herzerwärmendes über den sympathischen und gläubigen Politiker. Der Ski-Unfall, den Althaus Anfang Jahres verursacht hat und bei dem eine Frau ums Leben kam, hat ihn offenbar zu einem besseren Menschen gemacht:

BamS: Hat das Ihre Ehe verändert?

ALTHAUS: Ich habe mich noch einmal neu in meine Frau verliebt. Unsere Ehe hat einen wichtigen zusätzlichen Impuls bekommen. Wir sind in diesem August 27 Jahre verheiratet. In dieser Zeit standen wir immer zueinander, aber seit 1990 führen wir berufsbedingt eine Ehe auf räumlicher Distanz. Ich arbeite in Erfurt, sie lebt und arbeitet in Heiligenstadt. Im Krankenhaus haben wir nach den Jahren der Fernbeziehung wieder viel Zeit und Nähe miteinander verbracht. Das war für unsere Liebe gut und wichtig.

(…)

BamS: Sie selbst waren sehr schwer verletzt. Hat diese Nahtod-Erfahrung Sie weicher oder härter gemacht?

ALTHAUS: Der Unfall war ein Schub für mehr Sensibilität. Ich gehe jetzt noch mehr auf die Menschen in meiner Umgebung ein. Früher wurde ich schon mal ungeduldig, wenn Mitarbeiter nicht schnell genug Sachverhalte erfasst haben. Heute bin ich geduldiger.

Ein bisschen überraschend fügt Althaus, nachdem er den Unfall in dieser und ähnlicher Weise ausführlich thematisiert hat, hinzu:

ALTHAUS: Linkspartei und SPD haben zugesagt, dass sie den Unfall im Wahlkampf nicht thematisieren wollen. Ich hoffe, dass das so bleibt.

Eine Frage nach seinen politischen Zielen oder der Art, wie Althaus sie erreichen will, stellt “Bild am Sonntag” nicht.

B.Z., Bild  

Der falsche Jacko und der doppelte Reinfall

Am vergangenen Donnerstag enthüllte “Bild”, dass die Stasi eine Akte über Michael Jackson angelegt hatte. Ein Schmankerl aus den Unterlagen hob sich der Autor Hans-Wilhelm Saure (so etwas wie der inoffizielle Stasi-Beauftragte bei “Bild”) aber für den nächsten Tag auf:

Die Stasi knipste Jacko am Checkpoint Charlie

Ausführlich zitierte “Bild” aus dem Protokoll über den Besuch Jacksons am Checkpoint Charlie und zeigte zwei Fotos, die die Stasi vom dem Popstar und dem Menschenauflauf, den er auslöste, gemacht hatte. Auch die Berliner Schwesterzeitung “B.Z.” berichtete am selben Tag:

Dieses Foto von Jackson hat die Stasi geschossen

(…) Am Tag vor seinem West-Berliner Konzert erklimmt Jackson die Besuchertribüne am Checkpoint Charlie. Die Stasi drückt auf den Auslöser

Doch in der “B.Z.” erschien am nächsten Tag ein weiterer Artikel:

Stasi fiel auf falschen Michael Jackson rein

(…) Doch jetzt kommt raus: Der vermeintliche King of Pop war ein Double! Den Auftritt des Doppelgängers hatte eine Sicherheitsfirma organisiert. Gemeinsam mit einem Fernsehteam hatte sie den falschen Jackson durch die ganze Stadt gelotst. Am Checkpoint Charlie waren die Stasi-Leute nicht die einzigen, die dem Schwindel aufsaßen. Ständig befanden sich “ca. 80-100 schaulustige Personen in der Nähe des Rock-Sängers”, heißt es im Stasi-Protokoll.

Sat.1 hatte den Doppelgänger damals engagiert; auf der Homepage von Christian Engel, dessen Sicherheitsfirma beteiligt war, ist die ganze Aktion ausführlich dokumentiert.

Und nun könnte man den “B.Z.”-Leuten natürlich zurufen, dass nicht nur die Stasi auf den falschen Michael Jackson reingefallen ist, sondern über 20 Jahre später auch noch einmal sie selber, aber wurscht.

Bemerkenswerter ist, wie “Bild” darauf reagierte, auf einen Doppelgänger (und die Stasi) hereingefallen zu sein. Nachdem das Sat.1-Frühstücksfernsehen am Freitagmorgen über die eigene Aktion von damals berichtet hatte stellte die “B.Z.” am Freitagnachmittag einen Korrektur-Artikel “Michael Jackson-Double narrte Stasi” online. Vier Stunden später (!) veröffentlichte “Bild” den Artikel “Die Stasi knipste Jacko am Checkpoint Charlie” aus der gedruckten Ausgabe desselben Tages, dessen Wert Sat.1-Moderatorin Marlene Lufen so eindrucksvoll demonstriert hatte (siehe Screenshots rechts), unverändert im Internet, womöglich extra, aus Trotz.

Zu irgendeiner Form von Korrektur hat sich das Blatt bis jetzt nicht hinreißen lassen.

Nachtrag, 20.40 Uhr. Auch bei FAZ.net glaubt man immer noch, dass es sich bei dem Mann auf dem Foto um den echten Michael Jackson handelte.

Nachtrag, 4. August. Die englische Version von “Spiegel Online” und “Focus Online” aufgrund einer AP-Meldung auch.

Nachtrag, 15.10 Uhr. FAZ.net scheint die Bildergalerie kommentarlos gelöscht zu haben; dafür überrascht die gedruckte “FAZ” heute als Nachzügler mit den Stasi-Fotos — und hält den Abgebildeten für Michael Jackson.

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!

Unmotivierte Attacke auf verletzten Läufer

Wer heute nur den kleinen Text auf Seite 1 der “Bild” gelesen hat, muss Nils Schumann für einen ziemlichen Trottel halten:

Verlierer: 2000 in Sydney kämpfte sich Nils Schumann (31) im 800-Meter-Lauf sensationell zum Olympiasieg. Seine Chance auf ­eine Riesen-Karriere warf er danach leichfertig weg. Jetzt begründet der Thüringer seinen Rücktritt ­damit, dass er sich nicht mehr für die WM in Berlin motivieren kann – und will künftig als Motivationstrainer arbeiten! BILD meint: Blech-Schumi!

Was “Bild” verschweigt: Schumann war in den letzten Jahren immer wieder verletzt, wurde mehrfach an der Achillessehne operiert und wollte seine Karriere nach der Leichtathletik-WM sowieso beenden.

Die “Thüringer Allgemeine”, die Schumanns Rücktritt gestern als erstes vermeldete, zitiert den Sportler mit diesen Worten:

“Nach einer Stirnhöhlenvereiterung war ich nicht mehr richtig in Fahrt gekommen. Nur 90 Prozent Fitness reichen eben nicht. Und ich gestehe, dass es mir von Mal zu Mal schwerer fiel, solche gesundheitlichen Rückschläge wegzustecken.”

Auch sonst wirkt Schumann weniger demotiviert, als viel mehr realistisch. Dem Sportinformationsdienst (sid) sagte er:

“Eigentlich wollte ich am Freitag in Leverkusen noch einen Angriff auf die WM-Norm wagen. Das wäre aber utopisch gewesen. 1:45 Minuten kann ich nicht mehr rennen.”

und

“Ich habe mir gewünscht, meine Karriere in Berlin beenden zu können”

Das mit der fehlenden Motivation meint übrigens auch “Spiegel Online” aus Schumanns Aussagen herausgelesen zu haben. Ein dpa-Artikel bekam dort folgenden Anfang verpasst:

Keine Motivation mehr: 800-Meter-Läufer Nils Schumann beendet nach zahlreichen Verletzungen seine Karriere.

Mit Dank an C.

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