Die Deutsche Bank bekommt eine sogenannte Doppelspitze: Anshu Jain und Jürgen Fitschen werden im Mai 2012 einfach beide Vorstandsvorsitzende.
“Spiegel Online” fand das gestern Abend bemerkenswert:
Zum ersten Mal wird damit das größte deutsche Geldinstitut ab dem kommenden Jahr von einem Duo geführt.
Das war falsch: Nach dem Rückzug des legendären Vorstandsprechers Hermann Josef Abs 1967 waren Doppelspitzen bei der Deutschen Bank für mehr als 20 Jahre quasi die Regel. Das wussten sie bei “Spiegel Online” offenbar nicht, aber ein Leser wusste es und kommentierte es.
Und was machte “Spiegel Online”? Ersetzte den oben zitierten Satz unauffällig durch diesen:
Damit wird das größte deutsche Geldinstitut ab dem kommenden Jahr von einem Duo geführt.
Doch die Islamhasser von “PI” sind leider nicht die einzigen, die voreilig Islamisten hinter den Anschlägen vermuteten. Obwohl gestern abend – abgesehen von einigen obligatorischen Jubelmeldungen in irgendwelchen islamistischen Foren – nichts auf einen solchen Hintergrund hinwies, setzte ein beispielloses Mutmaßungswettrennen ein.
Sollte es sich tatsächlich um einen Terroranschlag handeln, dürfte der Verdacht auf al-Qaida oder von dem Terrornetzwerk inspirierte Täter fallen. Die norwegischen Sicherheitsbehörden sind sich seit Jahren bewusst, dass das Land zum Ziel von Terroristen werden könnte; erst vor wenigen Wochen wurde die Einschätzung erneuert, dass Anschläge im Land möglich seien.
(…)
Wenn die Explosion vom Freitag tatsächlich auf al-Qaidas Konto geht, wäre es der erste Anschlag im Westen seit den Bomben in der Londoner U-Bahn 2005 – und der erste seit dem Tod Osama Bin Ladens. Noch hat sich jedoch niemand zu der Tat bekannt.
Nicht viel später erschien auf Welt.de dieser Artikel:
Als immer offensichtlicher wurde, dass wohl kein islamistischer Hintergrund vorlag, wurde der Artikel von der Welt.de-Startseite entfernt.
Bild.de fragte gestern um 19:58 Uhr zwar, was hinter dem Anschlag steckt, aber die möglichen Antworten drehten sich nur darum, wie der islamistische Hintergrund der Tat genau aussieht:
Dabei bemerkt Bild.de selbst, dass Norwegen nicht unbedingt als wahrscheinlichster Ort für einen islamistischen Anschlag in Frage kommt:
Norwegens Mitte-Links-Regierung von Regierungs-Chef Jens Stoltenberg setzt auf eine liberale Ausländerpolitik und einen Dialog mit muslimischen Zuwanderern.
Provozierende politische Entscheidungen, die Islamisten gereizt haben könnten, hat es in der jüngsten Vergangenheit nicht gegeben.
Bild.de kann die eigenen Bedenken dann aber doch zerstreuen:
Allerdings: Norwegen ist in der Nato und beteiligt sich an den Militär-Operation in Afghanistan und Libyen.
oe24.at wartete gestern abend mit dieser Überschrift auf (man beachte die “doppelt spaßige” Werbeeinblendung über “Terror in Oslo”):
Zumindest die norwegischen Behörden äußerten zu keinem Zeitpunkt einen solchen Verdacht.
Und selbst in der gestrigen Tagesschau mutmaßt “ARD-Terrorismus-Experte” Rainald Becker (ab 4:40):
Insgesamt spricht Vieles bei dem Anschlag in Oslo für einen islamistischen Hintergrund, eine Bestätigung dafür gibt es aber noch nicht.
Die “B.Z.” wiederum behauptet sogar noch in ihrer heutigen Ausgabe, der Terror sei zurück in Europa:
Diese Formulierung ergibt nur einen Sinn, wenn man den Angriff als Teil des internationalen (islamistischen) Terrorismus versteht.
Vielleicht sollten all die Terrorismus-Experten und Instinktjournalisten einmal den erhellenden Kommentar “Der Moslem war’s!” auf derStandard.at lesen. Er endet mit diesen Worten:
Im Journalistenalltag entzieht man sich nicht leicht solchen Mechanismen: alle melden, dass es so ist, also muss nachgezogen werden. Die internationalpolitische Redaktion von derStandard.at entschließt sich, zu warten: die norwegischen Behörden und niemand anderer soll sagen, was Sache ist.
Am späten Abend wird diese Haltung bestätigt: Die norwegische Polizei gibt bekannt, internationale Zusammenhänge als Hintergrund für die Anschläge auszuschließen und bestätigt die Verhaftung eines Verdächtigen: ein Norweger, der sich im rechtsextremen Milieu bewegt.
Eine Überraschung sollte das nicht sein: von 249 Terroranschlägen in der EU im Jahr 2010 wurden lediglich drei von Islamisten begangen. Dass alle diejenigen, die bei jeder Gelegenheit Muslime als Schuldige für alles Schlechte in der Welt zur Hand haben, nun für einen Moment innehalten und ihre Vorurteile überdenken, das darf freilich bezweifelt werden.
Mit Dank auch an die vielen Hinweisgeber!
Nachtrag, 22:39 Uhr: Bereits gestern hat Manfred Schermer für den Online-Auftritt der “Fuldaer Zeitung” einen unfassbaren Kommentar verfasst, in dem er behauptet, vieles würde auf einen islamistischen Hintergrund hindeuten. Er macht nicht nur die “liberale Ausländerpolitik und einen Dialog mit muslimischen Einwandern” durch Norwegen als Ursache für den vermeintlich islamistischen Anschlag aus, sondern fordert auch gleich die Beschneidung von Freiheiten.
Eine Straßenumfrage, bei der 100 Deutsche gebeten werden, die politische und völkerrechtliche Situation Zyperns zu erklären, würde mutmaßlich ein eher ernüchterndes Ergebnis liefern. Selbst manche Journalisten wissen ja offenbar nicht, wie es um den Inselstaat im Mittelmeer bestellt ist (BILDblog berichtete).
Nun hätte es natürlich sein können, dass der Türkei-Korrespondent von “Spiegel Online” zufälligerweise weiß, was es mit Zypern auf sich hat. Doch dies ist offenbar nicht der Fall. Und so schreibt Jürgen Gottschlich fröhlich von der “griechisch-zyprischen Ratspräsidentschaft” und der “griechischen Republik Zypern”. Aber es bleibt dabei: Zypern ist ein souveräner Staat und nicht etwa eine griechische Kolonie, wie man Gottschlichs Formulierungen eventuell entnehmen könnte.
Michalis Pantelouris hat dazu gestern Abend einen Wutanfall bekommen:
Es sind einzelne Demonstranten. Aber wissen sie nicht, dass sie die Gefühle von Millionen Deutschen verletzen?
Und das ist natürlich ganz witzig angesichts der einzelnen Boulevard-Journalisten, die seit mehr als einem Jahr die Gefühle von Millionen Griechen verletzen.
Die Demonstranten forderten lautstark “Reparationen” für die nachweislich grausamen Verbrechen der Deutschen, die Griechenland während des Zweiten Weltkriegs besetzt hatten (1941–45). Dabei wissen sie: Alle Reparationsforderungen Griechenlands an Deutschland sind vertraglich längst beglichen oder anderweitig geregelt.
Das ist, vorsichtig gesagt, falschtendenziös zynisch.
Die Reparationsforderungen, die 18 Staaten (darunter Griechenland) im Pariser Reparationsabkommen von 1946 gestellt hatten, wurden mit dem Londoner Schuldenabkommen von 1953 zurückgestellt. Die Reparationszahlungen sollten erst nach Abschluss eines Friedensvertrags mit Deutschland wieder eingefordert werden, doch den gibt es bis heute nicht: Der Zwei-plus-Vier-Vertrag zwischen den alliierten Siegermächten (USA, Großbritannien, Frankreich und UdSSR) auf der einen und der Bundesrepublik und der DDR auf der anderen Seite wurde ausdrücklich “anstatt eines Friedensvertrags” geschlossen. Experten sind sich uneins, ob die Ansprüche früherer deutscher Kriegsgegner wie Griechenland auf Reparationszahlungen damit ebenfalls verfallen sind oder nicht.
“Geregelt” ist im Fall Griechenlands also nichts und “beglichen” schon gar nicht: Hagen Fleischer, Historiker an der Universität in Athen, hat in einem Gespräch mit dem Deutschlandradio Kultur vom März 2010 erklärt, dass Griechenlands Forderungen nach der Wiedervereinigung “im Allgemeinen bereits vom Türsteher abgewiesen” worden waren. Hinzu komme ein Zwangsdarlehen der griechischen Staatsbank an Nazi-Deutschland, das sich nach heutiger Kaufkraft auf über fünf Milliarden Euro beliefe (“ohne einen Pfennig Zinsen”).
Der Wirtschaftshistoriker Albrecht Ritschl sagte im Juni in einem Interview mit “Spiegel Online”:
Die Griechen kennen die feindlichen Artikel aus deutschen Medien sehr gut. Wenn die Stimmung im Land umschlägt, alte Forderungen nach Reparationszahlungen laut und auch von anderen europäischen Staaten erhoben werden und Deutschland diese je einlösen muss, werden wir alle bis aufs Hemd ausgezogen.
Ebenfalls bei “Spiegel Online” findet sich die stolze Zahl von 162 Milliarden Euro plus Zinsen, mit der der griechische Nationalheld Manolis Glezos die deutschen Schulden gegenüber Griechenland beziffert hat.
Torsten Oletzky, Chef der Ergo-Versicherungsgruppe, hat der “Rheinischen Post” für ihre Samstagsausgabe ein Interview gegeben. Darin sprach er auch über die Folgen, die das Bekanntwerden von Lustreisen für Versicherungsmitarbeiter gehabt hatte:
“Verloren haben wir mit konkretem Bezug darauf etwa 500 Kunden – von insgesamt immerhin 20 Millionen.”
Wirklich neu war diese vergleichsweise niedrige Zahl nicht: Ergo-Personalvorstand Ulf Mainzer hatte der “Berliner Zeitung” rund eine Woche vorher fast exakt das Gleiche gesagt, was Dank der Nachrichtenagentur dapd auch rechtordentlichverbreitet worden war.
Diesmal nannte also Oletzky die Zahl und die Nachrichtenagentur dpa verbreitete sie. Allerdings klingt das in der dpa-Variante schon eine Spur beunruhigender:
Die Affären um Lustreisen und Riester-Verträge haben den Versicherer Ergo nach eigenen Angaben mehrere hundert Kunden gekostet. “Verloren haben wir mit konkretem Bezug darauf etwa 500 Kunden”, sagte Ergo-Chef Torsten Oletzky der “Rheinischen Post” (Samstag).
(Die Relationsgröße von insgesamt 20 Millionen Kunden hat dpa* einfach mal weggelassen. Dabei wäre es dem Verständnis natürlich durchaus zuträglich gewesen, zu wissen, dass es um 0,025 Promille der Ergo-Kunden geht.)
Richtig irre wurde die Meldung dann aber im “Spiegel Online”-Remix:
Kunden nehmen dem Versicherer Ergo die Skandal-Serie der vergangenen Wochen übel. Mindestens 500 Versicherte kündigten infolge der Negativ-Schlagzeilen ihren Vertrag, sagte Ergo-Chef Oletzky. Sein Job scheint aber nicht in Gefahr.
Mit Dank an Markus Sch. und Philipp K.
*) Nachtrag, 21. Juli: Die Deutsche Presseagentur hat uns nach eingehender interner Prüfung mitgeteilt, dass sie das Zitat zunächst deshalb verkürzt wiedergegeben hatte, weil die “Rheinische Post” es selbst so verbreitet hatte. In einer späteren Wochenendzusammenfassung vom Sonntag zitiert dpa Oletzky dann ausführlicher.
Die Nachrichtenagentur dapd, die bereits Anfang Juli über die rund 500 Kündigungen berichtet hatte (s.o.) verbreitete die Meldung am Samstag dann übrigens ein weiteres Mal.
Warum dieser Eintrag durchgestrichen ist, steht hier.
Aufgrund einer Explosion bei einem großen Elektrizitätswerk ist der griechische Teil Zyperns seit Anfang dieser Woche auf elektrische Hilfslieferungen angewiesen. Der türkische Norden unterstützt dabei den Süden. Die dpa beschrieb dies am Samstag so:
Nun sollen täglich zwischen 70 und 110 Megawatt vom Norden in den Süden geliefert werden, teilte die Regierung in der Inselhauptstadt Nikosia mit.
Nur ist die Aussage sinnlos: Sie sagt nichts über die gelieferte Energiemenge aus. Ein Watt ist die Einheit der physikalischen Leistung, die beispielsweise für die Leistungsfähigkeit eines Kraftwerks verwendet wird. Was der Norden liefert, sind vielleicht zwischen 70 und 110 Megawattstunden pro Tag, also die Energie, die ein Kraftwerk zum Beispiel mit einer Leistung von 70 bzw. 110 Megawatt in einer Stunde liefert. Diese Menge hätte einen Wert von etwa 14.000 bis 22.000 Euro.
Würden wirklich 70 Megawatt am Tag geliefert werden, entspräche das etwa 1,7 Millionen Megawattstunden.
Es gibt Geschichten, die schreiben sich fast von alleine. Die Sache mit Wayne Rooney, dem britischen Fußballspieler, der sich vor sechs Wochen Haare transplantieren ließ, aber heute scheinbar mehr Glatze hat als vorher, ist so eine Geschichte. Es brauchte nur eines Fotos, auf dem man einen klaren Blick auf die aktuellen Haarverhältnisse auf Rooneys Schädel werfen konnte, und keiner Recherche. Boulevardmedien in aller Welt, von Bild.de über die “Sun” bis “Spiegel Online”, machen sich mit unverhohlener Häme über den scheinbaren Misserfolg der Operation lustig.
“Trotz Moos nix los”, feixt “Spiegel Online”, wo sich offenbar schlecht bezahlte Mitarbeiter damit trösten, dass man sich mit Geld doch nicht alles kaufen kann: “Fußballstar Wayne Rooney hat Tausende Pfund in eine Haartransplantation investiert. Die Resultate sind äußerst spärlich.” Zunehmend müsse sich Rooney “eingestehen, dass die Transplantation wohl wenig bis gar nichts gebracht hat”.
Die Konkurrenz von Bild.de titelt: “Bei Rooney wächst kein Gras mehr…”, zweifelt am “langfristigen Erfolg der Behandlung” und meint, Rooney hätte die 11.000 Euro, die die Umpflanzung der Haare angeblich gekostet hat, besser für einen “schönen Urlaub” ausgegeben: “Mit Sonnencrème für die Glatze…”.
Die Online-Redaktion der “Rheinischen Post” diagnostiziert: “Transplantation ohne Wirkung”. Grundlage dafür ist ein Bericht des Sport-Informationsdienstes, dessen Haar-Experten heute meldeten: “Wayne Rooney (25), englischer Fußball-Nationalspieler in Diensten von Manchester United, muss sich wohl mit dem Gedanken an eine Glatze abfinden.”
In einem Wort: nein.
Vermutlich wird Rooney sogar damit gerechnet haben, zum jetzigen Zeitpunkt weniger Haare zu haben als vor dem Eingriff. Die Leute, die solche Transplantationen anbieten oder vermitteln, weisen nämlich ausdrücklich auf folgenden Umstand hin: Einige Wochen nach der Operation fallen die meisten verpflanzten Haare (und teilweise sogar einige alte Haare) zunächst einmal aus. Die Wurzeln bleiben aber erhalten. Erst nach etwa drei bis vier Monaten beginnt das neue Haar zu wachsen; abgeschlossen ist das alles nach rund einem Jahr.
Was hätte das für eine nette Geschichte werden können, wenn man das aufgeschrieben hätte: Ein Lehrstück an einem prominenten Beispiel, mit weniger Häme über den doofen reichen haarlosen Fußballspieler, aber voller Hoffnung für Menschen, die an Haarausfall leiden. Es hätte halt jemand recherchieren müssen, anstatt bloß auf- und abzuschreiben, was jeder sieht und sich (fälschlicherweise) denkt, aber wer sollte das tun? Journalisten?
Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].
1. “Hamburg, keine Perle” (timklimes.de, Video, 2:50 Minuten)
Wie sich Tom Hillenbrand nach einem Tweet und einem Blogtext als “Hamburg-Hasser” auf der Titelseite der “Hamburger Morgenpost” wiederfand.
2. “Im Namen der Dose” (zeit.de, Stefan Müller und Joachim Riedl)
Die Tochterfirma des Getränkeherstellers Red Bull aus Fuschl am See baut ihre Medienaktivitäten nach und nach aus: “Zum Portfolio des Red Bull Media House mit 530 Mitarbeitern gehören unter anderem eine Radiostation in Neuseeland sowie die Magazine Seitenblicke und Speedweek. Flaggschiff ist das Red Bulletin, das in einer Auflage von 4,6 Millionen Stück produziert wird und in neun Ländern, seit diesem Jahr auch in den USA, verschiedenen Tageszeitungen beiliegt.”
3. “Bei uns gibt es die besseren Texte” (journalist.de, Svenja Siegert)
Der Chefredakteur von sueddeutsche.de, Stefan Plöchinger, spricht über sein Produkt: “Auf allen, wirklich allen Nachrichtenportalen gab es in der Vergangenheit Exzesse von Klickstrecken. Da würde ich auch bei Spiegel Online einige finden. Websites haben den Fehler gemacht, zu lange nur auf Klicks, also Page Impressions, zu optimieren. Das Resultat: ewig lange Bildergalerien, die in die Irre führen, Zeit von Redakteuren binden, Leserinteressen nicht gerecht werden, Qualität vernachlässigen.”
4. “Teamarbeit – nicht nur auf dem Spielfeld” (blog.tagesschau.de, Tanja Körbl)
Tanja Körbl beschreibt, wie deckungsgleich (und redundant?) ARD und ZDF arbeiten: “Die rote Lampe an der Kamera geht aus, der Moderationstisch wird schnell ausgetauscht (unvorstellbar – eine ARD-Sendung mit einem Tisch vom ZDF…). Die Windschütze auf den Mikrofonen müssen auch gewechselt werden – von leuchtendem Orange zum Königsblau. Alle wieder auf Position. Und das Ganze noch einmal.”
5. “Mutig auf den Mainstream scheißen” (taz.de, David Denk)
David Denk hat “ein paar zunächst vielleicht verrückt klingende Vorschläge für neue Fernsehformate”.
Die Geschichte könnte aus einem Monty-Python-Film stammen, stand aber in der halben Welt auf den Nachrichtenseiten. In der Version von “Spiegel Online” geht sie so:
Sie können sie aber gerne auch auf den Internetseiten der “Süddeutschen Zeitung” (dort erstaunlicherweise im Ressort “Service”), der “B.Z.”, der “Rheinischen Post” oder des “Stern” nachlesen, falls Sie sie in den gedruckten Ausgaben von “Tagesspiegel”, “Bild”, “Express” oder “Hamburger Morgenpost” verpasst haben. Im Online-Auftritt der BBC war das Stück zeitweise einer der am häufigsten weiterverbreiteten Nachrichtentexte.
Den Experten vom “Berliner Kurier” war es sogar gelungen, ein Foto des Tieres zu bekommen (siehe rechts), obwohl es sich — so geht die Geschichte jedenfalls weiter — der Vollstreckung des Todesurteils durch Weglaufen entzogen hatte.
Die Geschichte ging vor allem dank der tatkräftigen Unterstützung durch die Nachrichtenagentur AFP um die Welt und löste teilweise anti-semitische Hassausbrüche aus. Und sie ist, Überraschung!, falsch. (Und der Hund auf dem Foto nur ein Symbolhund.) Die Wahrheit ist ein bisschen weniger spektakulär:
Ein Hund war ins Gerichtsgebäude gekommen.
Er ließ sich nicht ohne weiteres vertreiben.
Die Richter riefen den städtischen Hundefänger.
Schon in der Version, die die israelische Internetseite ynetnews.com veröffentlicht hatte und eine Quelle für viele der Falschmeldungen war, hatte ein Dementi gestanden. Entgegen der reißerischen Überschrift “Dog sentenced to death by stoning” behauptete der Artikel letztlich nur, dass die Richter spielende Kinder aufgefordert hätten, den Hund mit Steinen zu vertreiben. Die Nachrichtenagentur AFP ließ diesen Teil der Geschichte beim Weitererzählen der Einfachheit halber weg und weigert sich bis heute, ihren Fehler zu korrigieren.
Auch die Katholische Nachrichtenagentur KNA verbreitete die Story, schob vier Tage später aber immerhin eine Meldung “Rabbiner dementieren Bericht über Steinigung für einen Hund” nach. Die fand erstaunlicherweise nicht ganz so große Resonanz.
Nachtrag / Korrektur, 17:55 Uhr. “Spiegel Online” hat die Meldung doch korrigiert, oder genauer: einen neuen Artikel mit dem Dementi veröffentlicht, den ursprünglichen Artikel aber aus irgendwelchen Gründen unverändert gelassen.
Gary Foster, ein früherer Mitarbeiter des amerikanischen Finanzdienstleisters Citigroup, ist angeklagt, über 19 Millionen Dollar unterschlagen und auf sein eigenes Konto überwiesen zu haben. Vielleicht tröstet ihn da ja ein wenig, dass er von den deutschsprachigen Medien nachträglich ganz an die Spitze seiner Bank befördert wurde.
Ursprung der Falschmeldung dürfte dieser Bericht der Nachrichtenagentur “Reuters” sein:
Ex-Citi-Spitzenmanager soll Bank 19 Mio Dollar gestohlen haben
(…) Ein früherer Spitzenmanager der US-Bank Citigroup soll dem Geldhaus rund 19 Millionen Dollar gestohlen haben. Dem einstigen Citi-Vizepräsidenten Gary Foster werde vorgeworfen, zwischen Mai 2009 und Dezember 2010 das Geld von Citi-Konten auf seine eigenen umgeleitet zu haben, teilten die US-Anklagebehörden am Montag mit.
Zwar ist es korrekt, dass Foster den Titel “Vice President” – oder, um genau zu sein, “Assistant Vice President” – führte, aber das bedeutet noch lange nicht, dass der durch den deutschen Begriff Vizepräsident korrekt übersetzt ist. Im amerikanischen Firmen gibt es nämlich zahlreiche Vice Presidents (BILDblog berichtete), deren untere Ränge mit einem einfachen Abteilungsleiter vergleichbar sind. Ein dem deutschen Verständnis eines Vizepräsidenten entsprechender Senior Executive Vice President bzw. Deputy President steht bis zu sieben Stufen über dem ehemaligen Assistant Vice President Gary Foster:
Senior Executive Vice President (SEVP) = Deputy President
Executive Vice President (EVP)
Group Vice President (GVP)
Senior Vice President (SVP)
Corporate Vice President (CVP) – First Grade Executive Officer (or VP of old type company)
Mit Dank an Frank (danke auch für den tollen Reim).
Nachtrag, 18:03 Uhr:Tagesschau.de und “Spiegel Online” haben sich inzwischen korrigiert und weisen jeweils am Ende des Artikels transparent darauf hin. Bei “Spiegel Online” scheint sich die Korrektur aber hauptsächlich auf die Überschrift zu konzentrieren. Im Teaser und im Text ist immer noch die Rede von einem “früheren Spitzenmanager” und “einstigen Top-Manager”.