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Wie in Bluewater einmal nichts passierte (2)

Die Nachrichtenagentur dpa bedauert, auf die Fälschung hereingefallen zu sein. Die dpa überprüft nach dem Vorfall ihre Regeln für den Umgang mit Informationen aus dem Internet und wird sie wo nötig verschärfen.

Mit diesen Sätzen endet im Original eine Meldung, in der die Nachrichtenagentur dpa ausführlich das Fiasko beschreibt, das sie heute erlebte (BILDblog berichtete). Sie ist zunächst auf ein vorgetäuschtes Selbstmordattentat in den USA hereingefallen und dann auf die vorgetäuschte Enthüllung, dass eine Gruppe von Berliner Rappern namens “Berlin Boys” ein Selbstmordattentat in den USA vorgetäuscht hätten. In Wahrheit war alles Fake — und eine PR-Aktion für den neuen Film “Shortcut to Hollywood” von Jan Stahlberg, in dem es um eine Band geht, die tatsächlich alles tut, um in die Medien zu kommen.

Die Aktion war generalstabsmäßig geplant und beruhte auf mehreren, sich gegenseitig bestätigenden falschen Internetseiten mit Telefonnummern, die nur scheinbar in die USA führten, in Wahrheit aber zum Team der Filmemacher. Die mutwillige Irreführung von dpa und anderer Medien war aufwändig vorbereitet — wäre aber tatsächlich aufgrund vieler Indizien leicht zu entlarven gewesen. Dass die größte deutsche Nachrichtenagentur viele Stunden lang einem Fernsehsender traut, der nicht existiert, und einen Anschlag in einer Kleinstadt meldet, die nicht existiert, lässt tatsächlich an ihren “Regeln für den Umgang mit Informationen” zweifeln, und zwar nicht nur solchen “aus dem Internet”.

Erst um 13:44 Uhr, mehr als vier Stunden nach dem ersten Bericht, brachte dpa folgende Eilmeldung:

Bitte verwenden Sie die Berichterstattung über den angeblichen Anschlag in der kalifornischen Kleinstadt Bluewater nicht (dpa 0294, dpa 0241, dpa 0237, dpa 0229). Die Deutsche Presse-Agentur dpa geht Hinweisen nach, dass die als Quelle genannte Website des Fernsehsenders gefälscht ist und auch andere Websites über Bluewater nicht echt sind.

Bis dahin hatte es die Ente sogar schon über die belgische Grenze, auf die Homepage der Zeitung “De Morgen” geschafft.

Besonders hart erwischte es allerdings auch heute.de, das Online-Nachrichtenangebot des ZDF, das aus den Informationen des (falschen) deutschen VPK7-Hospitanten Rainer Petersen, der auch bei dpa und anderen Medien angerufen hatte, gleich ein längeres Feature machte (inzwischen gelöscht):

Rainer Petersen ist Deutscher und arbeitet seit drei Monaten bei vpk-tv. Im Gespräch mit heute.de beschreibt er – am Telefon immer noch hörbar geschockt — die Situation. (…)

Die Stadt steht noch Stunden nach der Entwarnung unter Schock. “Mindestens fünf Menschen sind mit einem Kreislaufkollaps ins Krankenhaus gekommen”, sagt Petersen. Die Stimmung in der Stadt schwanke zwischen großer Wut und sehr großer Erleichterung. “Es gibt viele Leute, die Tränen in den Augen haben.” Der Gedanke an einen terroristischen Anschlag sei bei vielen Einwohner der Stadt sofort da gewesen. Die Behörden hätten ein hartes Vorgehen gegen die Deutschen angekündigt. “In deren Haut möchte ich jetzt nicht stecken”, sagt Petersen. Und schiebt noch hinterher, dass er jetzt wohl erstmal ein Bier trinken werde, um selber wieder etwas runterzukommen.

Dass selbst die scheinbare Auflösung noch ein Fake war und in Bluewater tatsächlich: nichts passiert ist, es also auch keine Aufregung und Panik gab, verwirrte viele Medien nachhaltig, darunter “Welt Online” (inzwischen geändert) in Kombination mit der gefälschten Stadt-Homepage …

… und sueddeutsche.de (inzwischen geändert):

Und die “B.Z.” mochte sogar nach der vollständigen Auflösung der Geschichte durch die Filmemacher noch nicht glauben, dass die “Berlin Boys” nur eine Erfindung sind und kontrastierte Stahlbergs Enthüllung des Fakes treuherzig mit den Äußerungen des fiktiven Managements (inzwischen verschlimmbessert):

Natürlich muss niemand fürchten, dass nun ausgerechnet die trashige Boulevardzeitung “B.Z.” anfangen wird, ihre “Regeln für den Umgang mit Informationen” zu überprüfen. Der zitierte Absatz zeigt, wie hartnäckig sie guten Geschichten glauben möchte, selbst wenn sie falsch sind.

Mehr zum Thema:

Schummeln beim Schwanzvergleich

Das Boulevardblatt “Bild” verkauft trotz kontinuierlich sinkender Auflage täglich immer noch ungefähr dreimal so viele Exemplare wie das Nachrichtenmagazin “Der Spiegel” wöchentlich. Im vergangenen Monat schaffte es in der offiziellen Statistik der IVW erstmals auch der Online-Ableger von “Bild”, den Online-Ableger des “Spiegel” nach Besuchen (“Visits”) zu überholen.

Bild.de feiert sich mit einem Artikel und einer Grafik, die gleich beweist, wie wenig diese Zahlen über die Qualität des Angebotes aussagen:

Denn was auch immer die beiden Säulen repräsentieren sollen — die jeweiligen Visits sind es nicht. Wenn die linke Fläche 103 Millionen Besuche darstellt, entspricht die rechte im Verhältnis gerade einmal 87,5 Millionen Besuchen. Bild.de hat die knapp überholte vermeintliche Konkurrenz gleich einmal um rund ein Sechstel kleiner gemacht, als sie ist.

Korrekt hätte die Grafik so ausgesehen:

Andererseits ist das Original-Diagramm von Bild.de schon treffend. Denn genau das ist ja ein wesentliches Erfolgsrezept dieses Internet-Angebotes: übertreiben und verfälschen.

Mit Dank an Michael K.!

Internet-Manifest, Gran Canaria, Strunz

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “Internet-Manifest”
(internet-manifest.de)
Die von verschiedenen Bloggern und Journalisten aufgestellten 17 Behauptungen, wie Journalismus heute funktioniert, polarisieren und werden ausgiebig in News und Blogs diskutiert.

2. “Zeitungen gehen Web-Satire auf den Leim”
(spiegel.de, pat)
Die bengalische Boulevardzeitung “Manab Zamin” nimmt eine Satire von “The Onion” auf und verbreitet sie unter ihren Lesern als die Wahrheit. Neil Armstrong soll auf Basis einiger “Clips bei YouTube” zum Schluss gekommen sein, er sei “gar nicht auf dem Mond gelandet, sondern auf einer Bühne in New Mexiko”.

3. “Gran Canaria: TV zeigt Homo-Sex in Dünen”
(queer.de, dk)
Der spanische TV-Sender Telecinco, mehrheitlich in Besitz von Mediaset (Silvio Berlusconi), filmte Touristen heimlich beim Sex im Freien und zeigte die Bilder am Samstagabend.

4. “Schlechter Journalismus und Facebook”
(neunetz.com, Marcel Weiß)
Marcel Weiß analysiert einen Artikel über Facebook auf dem Newsnetz-Portal bazonline.ch. Ein Journalist habe mal wieder das “Ich-habe-eine-These-und-bastle-mir-dazu-anekdotische-Fakten-Spiel gespielt, und zwar in der beliebten Nicht-passende-Fakten-werden-angepasst-Edition.”

5. “Der Mantel des Schweigens beim WDR”
(ruhrbarone.de, David Schraven und Marvin Oppong)
David Schraven und Marvin Oppong entdecken “beim WDR in Köln einen ähnlichen Fall” wie “in der Causa Heinze”. Doch im Gegensatz dazu “wurde dieser nicht in der Öffentlichkeit verhandelt, sondern in aller Stille bereinigt. Beim WDR mag man das Schweigen wohl.”

6. “Eine Zeitung für alle, voller Optimismus”
(abendblatt.de, Claus Strunz)
Ein Leser vertritt die Meinung, dass “Eyecatcher, d. h. auflagensteigernde Überschriften” nicht “in eklatantem Widerspruch zur Realität bzw. zum Inhalt des eigentlichen Artikels” sein sollten. Claus Strunz, Chefredakteur des “Hamburger Abendblatts”, antwortet: “Wir berichten fair, ehrlich und professionell. (…) Ihr Argument, wir überspitzten Überschriften zu sehr, um Auflagenerfolge zu erzielen, zielt ins Leere.”

Kluge, Barati, ARD

6 vor 9

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1. “Föderaler Wahnwitz ARD”
(sueddeutsche.de, Hans Leyendecker)
Hans Leyendecker fragt sich im Zusammenhang mit dem “aufgedeckten Nepotismus der suspendierten Fernsehfilmchefin des NDR, Doris J. Heinze”, ob es sich um ein System handelt: “Die Staatsanwaltschaft prüft den Fall, aber eigentlich müsste auch das Kartellamt ran. Der freie Wettbewerb der Freien ist praktisch ausgeschaltet, weil Sendeplatzverteiler vorrangig die Tochterfirmen der Sender bedienen und danach die Produktionsfirmen, die willfährig sind.”

2. “Zum Lachen, zum Weinen”
(britcoms.de, Oliver Nagel)
Minu Barati, Ehefrau von Joschka Fischer, behauptet in der “Zeit”, Martin Sonneborn sei eine fiktive Figur. Seine Gefolgschaft rekrutiere sich “aus Menschen, die nicht einmal eine rudimentäre politische Informationsfähigkeit empfinden und deren Konzentrationsfähigkeit auf einen Bierdeckel paßt.”

3. “Das verschmähte Medium”
(taz.de, Ralph Bollmann)
“Politiker finden das Fernsehen unglaublich wichtig” – und nutzen es (wie das Internet) als Konsumenten kaum. Ralph Bollmann denkt nach über “die Selbstgewissheit, mit der Politiker aller Parteien vor laufender Fernsehkamera stundenlang Wahlkampfstanzen von sich geben, die sie als Zuschauer nicht fünf Minuten lang ertragen könnten.”

4. Interview mit Jürgen Leinemann
(tagesspiegel.de, Kurt Röttgen und Norbert Thomma)
“Die Medienwelt ist vielfältiger geworden, sehr viel schneller. Und sehr viel oberflächlicher. Ich vermisse bei vielen Journalisten eine Haltung. Damit meine ich: Ernsthaftigkeit. Für irgendetwas Besonderes einzutreten, es wichtig zu finden. Ich vermisse Leidenschaft.”

5. “Faktor 13”
(begleitschreiben.twoday.net, Gregor Keuschnig)
Gregor Keuschnig fragt sich, warum auf tagesschau.de Nordkorea, flächenmässig ungefähr ein Dreizehntel so groß wie der Iran, grafisch gleich groß dargestellt wird.

6. Interview mit Alexander Kluge
(sueddeutsche.de, Willi Winkler)
Willi Winkler fragt den Schriftsteller und Regisseur: “Und Sie gehen selber ins Internet?” Kluge antwortet: “Ich schwöre Ihnen, dass online schon eins meiner Ideale gewesen ist, noch ehe ich wusste, dass es online je geben würde. Online ist eine Revolution. Online erreichen Sie eine ungeheure Zuschauermenge, ein Potential an Öffentlichkeit, wie Sie sich das nie träumen ließen.” Winkler wieder: “Aber doch nur für Minuten.”

Beckedahl, Baumann, Marzahn

6 vor 9

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1. “Eine Erwiderung auf Detlef Esslingers Kritik an der Journalistik”
(journalistiklehrbuch.wordpress.com, Klaus Meier)
Klaus Meier nennt den Artikel “Journalistik, ein Leerfach” von Detlef Esslinger zuerst hasserfüllt, dann doch lieber nur polemisch und meint: “Joseph Pulitzer würde sich im Grabe umdrehen, könnte er die ‘Süddeutsche Zeitung’ lesen.”

2. “Markus Beckedahl, Deutschlands wichtigster Blogger”
(upload-magazin.de, Jan Tißler)
Ein Porträt des Machers von netzpolitik.org: “Er ist nicht die Rampensau, nicht der Showtyp. Er greift zum Mikro, wenn es die Sache erfordert und er wenn er es macht, dann merkt man: Er ist es selbst. Der Mensch, dem man dort zuhört, der ist echt.”

3. Rede von Udo Di Fabio
(solinger-tageblatt.de)
Bundesverfassungsrichter Udo Di Fabio kann sich nicht vorstellen, dass die Lokalzeitung jemals verschwindet: “Eine demokratische Bürgergesellschaft, echte Zivilgesellschaft entsteht nur über Räume, in denen lebensnahe Identitäten in Vereinen, im Sport, im Ambiente von Kunst, Kultur und Unterhaltung gepflegt und politische Entscheidungen beobachtet werden können: Welches Medium sollte die Lokalzeitung dabei auf kommunaler Ebene ersetzen?”

4. “Was passiert mit unserer Online-Identität, wenn wir tot sind?”
(blog.jacomet.ch, Andi Jacomet)
Andi Jacomet schreibt über den Tod des Journalisten Eric Baumann, der im Magazin eine lesenswerte Kolumne über seinen Hirntumor führte.

5. “Marzahner Plattenkritik”
(tagesspiegel.de, Andre Görke und Carl-Friedrich Höck)
Der “Tagesspiegel” prüft anlässlich der Aussagen von ZDF-Reporter Wolf-Dieter Poschmann in zehn Punkten die Vorurteile über den Berliner Bezirk Marzahn-Hellersdorf.

6. “Hoffentlich lernen das die Schüler besser”
(blick.ch)
Rechtschreibfehler kann man nicht nur auf Papier drucken oder ins Internet stellen, man kann sie auch groß auf die Straße schreiben.

Bild  

Die Springers bei der Ackermann-Sause

An der Zeit kann’s nicht gelegen haben, dass es die Geschichte nicht mehr in die heutige “Bild”-Zeitung geschafft hat: Um 14.28 Uhr gestern nachmittag meldete die Nachrichtenagentur AFP unter Berufung auf “Report Mainz”, dass der Chef der Deutschen Bank, Josef Ackermann, zu seinem 60. Geburtstag 30 Gäste ins Kanzleramt habe einladen dürfen. “SPD, Grüne, Linke und der Bund der Steuerzahler monierten in der ARD, dass die Bürger die Kosten übernehmen mussten”, ergänzte die Agentur AP eine gute Stunde später. Weitere Agenturen verbreiteten die Nachricht ebenfalls noch am Montagnachmittag.

Sie ist deshalb heute in fast allen Zeitungen zu lesen: “Süddeutsche”, “FAZ”, “taz”, “Berliner Zeitung”, “Tagesspiegel” — auch die Springer-Zeitungen “Welt”, “Hamburger Abendblatt” und “B.Z.” berichten. Nur in “Bild” (Bundesausgabe und Berlin-Brandenburg) steht nichts über “Merkels ‘Sause’ für Ackermann” (“Berliner Kurier”), kein Wort. Wenn es nicht an der Zeit gelegen hat und nicht am Platz (notfalls hätte man das Thema sicher irgendwie noch in dem größeren “Bild”-Artikel “Jeden Freitag: Merkel schreibt Einkaufszettel für ihren Mann” auf Seite 1 unterbringen können) — woran dann?

Eine naheliegende Erklärung wäre die Person und Parteimitgliedschaft der betroffenen Politikerin (man male sich aus, wie die “Bild”-Zeitung heute ausgesehen hätte, wenn — sagen wir — Ulla Schmidt eine solche Party geschmissen hätte).

Eine weitere mögliche Antwort oder jedenfalls einen guten Anlass für Spekulationen liefert die “Rheinische Post” in ihrer Online-Ausgabe. Nach ihren Angaben gehörten zu den eingeladenen Geburtstagsgästen auch die Verlegerin Friede Springer und Mathias Döpfner, der Vorstandsvorsitzende der Axel-Springer-AG, in der die “Bild”-Zeitung erscheint. Und Frank Schirrmacher, Herausgeber der “Frankfurter Allgemeinen Zeitung”, der selbst ebenfalls dabei war, nennt auf FAZ.net einen weiteren Teilnehmer: Kai Diekmann, Chefredakteur von “Bild”.

Vielleicht waren das zwei, drei, vier gute Gründe für die “Bild”-Leute, die Geschichte in der Printausgabe sicherheitshalber erst einmal gar nicht zu bringen und sie online zu begraben. Denn bei Bild.de gibt es zwar einen Artikel “Deutsche Bank-Chef Ackermann: Geburtstagsfeier auf Staatskosten?” Der wird aber auf Bild.de nicht angekündigt, hat keinen Teaser und ist, anders als deutlich ältere Texte, nicht auf der Übersichtsseite im Ressort Politik verzeichnet. Man findet ihn ausschließlich über die Suchfunktion.

Mit Dank an Thomas, Arnt B., Mario G., Daniel P., Gunnar M., Martin R. und Sascha L.!

Nachtrag, 20.50 Uhr. Nun endlich widmet sich Bild.de nicht mehr nur versteckt dem Thema — und fragt, ganz “Bild”-untypisch:

Warum plötzlich so viel Aufregung?

Bild.de beantwortet das indirekt mit dem Fehlen von “großen Themen” im Wahlkampf und dem Kalkül von “Merkel-Gegnern” und schreibt:

Ausgelöst hat den plötzlichen Wirbel eine Anfrage der Linken-Abgeordneten Gesine Lötzsch, über die “Report Mainz” berichtet hat.

In Wahrheit ist die Anfrage von Lötzsch schon aus dem vergangenen April. Ackermann selbst hat das Thema wieder in die Öffentlichkeit gebracht, als er in einem ZDF-Porträt über Merkel, das vor zwei Wochen ausgestrahlt wurde, mit dem Empfang prahlte. Bild.de weiter:

Eingeladen waren Manager aus Dax-Konzernen, Mittelstandsbetrieben, Wissenschaftler, Vertreter aus Kultur und Medien — darunter auch TV-Moderator Frank Elstner.

Dass auch der eigene Chefredakteur, der eigene Vorstandsvorsitzende und die Verlegerin höchstselbst eingeladen waren, hält Bild.de nicht für erwähnenswert.

Nachtrag, 21.15 Uhr. Huch, nun gibt es sogar noch einen Bild.de-Artikel zum Thema. Dieser beseitigt letzte Zweifel, wie man bei “Bild” mit dem Fall umgeht:

Und wie das bei Einladungen im Kanzleramt häufiger der Fall ist, durfte der Geladene Vorschläge für die Gästeliste machen.

Daraus wollen Merkels Gegner plötzlich ein Wahlkampfthema machen.

Und zitiert aus dem FAZ.net-Artikel von Frank Schirrmacher:

Bereitwillig zitiert der Mitherausgeber der FAZ auch aus der Gästeliste: Mathias Döpfner (Vorstandsvorsitzender der Axel Springer AG), Kai Diekmann (BILD-Chefredakteur und -Herausgeber) und Wolfgang Schürer, Vorsitzender der Stiftung des Lindauer Nobelpreisträgertreffens, seien mit am Tisch gewesen.

Auch aus der Namensliste der “Rheinischen Post” zitiert Bild.de, lässt aber den Namen Friede Springer weg.

SF-Videoportal, Kasinos, Entlassungen

1. “Die große Qualitäts-Lüge”

(meedia.de, Stefan Winterbauer)

Fünf Beispiele, wie es wirklich steht um die Qualität der Medien im Netz: 1. Medien klauen Inhalte, 2. Medien schinden online Klicks und tricksen, 3. Medien vermischen PR und redaktionelle Inhalte, 4. Medien übernehmen ungeprüft Inhalte, 5. Medien verfälschen und übergeigen.

2. “Faule und Unfähige entlassen?”

(klartext.ch, Hanspeter Spörri)

Hanspeter Spörri, der beim Bund selbst schon Sparmassnahmen umsetzen musste, denkt über die vielen Für und Widers bei Entlassungen nach: “Das Entlassen ist ein banales Werk: Je länger die Namensliste wird, desto unklarer ist, nach welchen Kriterien sie erstellt wurde; auch die Verantwortlichen wissen nicht, weshalb dieser Name nicht draufsteht, jener aber schon.”

3. Schweizer Fernsehen mit neuem Videoportal

(sf.tv)

Unter videoportal.sf.tv hat das Schweizer Fernsehen eine neue Mediathek gestartet, die auf den ersten Blick sehr gut aussieht. Der Rückschritt ins Mittelalter im Februar 2008 scheint damit rückgängig gemacht.

4. Kanzler-Duell vs. Simpsons

(faz-community.faz.net/blogs/fernsehblog, Peer Schader)

Das TV-Kanzler-Duell zwischen den Kandidaten Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier findet am 13. September um 20:30 Uhr statt. Jüngere Zuschauer werden so kaum für Politik begeistert werden können, denn auf Pro7 findet gleichzeitig die Deutschlandpremiere von “Die Simpsons – Der Film” statt.

5. “Keine Fragen – keine Berichterstattung”

(ingeseibel.de)

“Der spanische Journalist Juan Varela kämpft gegen die Selbstherrlichkeit der politischen Kaste und prangert gleichzeitig die Feigheit der eigenen Zunft an. Seine Thesen zum Umgang mit politischen Themen könnten durchaus auch Vorbildcharakter für deutsche Medien haben.”

6. “Kasino-Reservate sollen Zeitungen retten”

(spiegel.de, Laszlo Trankovits)

Endlich ist eine Lösung für die darbende Zeitungsbranche gefunden: Kasinos! “Der Kongress soll den Verlagen erlauben, ihre Web-Portale als Kasinos – mit Glücksspielen und Wetten online – zu nutzen.”

Tages-Anzeiger, verdeckte Recherchen

1. “Code of Conduct” 2007 und 2009

(medienspiegel.ch, Andrea Masüger)

Der publizistische Direktor der Südostschweiz Presse und Print AG schreibt über den 2007 festgelegten “Code of Conduct” (PDF-File, 40 kb) und seine (damaligen?) Befürworter, so zum Beispiel Res Strehle, einer von zwei Chefredaktoren des Tages-Anzeigers. “Ironie des Schicksals: Am 19. Juni erlebte ausgerechnet Res Strehle sein Waterloo in dieser Angelegenheit. Der ‘Tages-Anzeiger’ hatte an diesem Tag seinen Zeitungstitel einer bekannten Uhrenmarke verkauft.”

2. “Wissenschaftler publizierten Artikel, die nicht von ihnen sind”

(tagesanzeiger.ch, Daniel Bächtold)

Die Printausgabe des Tages-Anzeigers schreibt einen Text über Ghostwriter, die von US-Pharmaunternehmen bezahlt werden und jahrelang Fachartikel in Fachmagazinen schrieben. Der Originalartikel, auf den sich der Tages-Anzeiger insgesamt 11 mal bezieht, findet sich hier (nytimes.com, Natasha Singer).

3. “Falscher Feind”

(berlinonline.de, Jan Söfjer)

“Die Verlage kämpfen gegen Google – weil sie ihre eigene Rolle im Internet noch nicht gefunden haben.”

4. “Täuschen, um die Wahrheit zu finden”

(nzz.ch, Francis Müller)

“Verdeckte Recherchen haben eine lange journalistische Geschichte.”

5. “Die Verpackung bestimmt den Inhalt”

(merkur.de, Stefan Deges)

Nun hat sich auch noch der Rheinische Merkur das neue Newsstudio des ZDF angeguckt. “Unter der Siebzigerjahre-Haube wendet sich das ‘heute-journal’ vom schlichten Nachrichtentransporteur zum Infotainer voller Binsen und Belanglosigkeiten.”

6. “Ein Versuch über die Ökonomie journalistischer Inhalte”

(blog.handelsblatt.de/indiskretion, Thomas Knüwer)

Thomas Knüwer macht sich Gedanken über Journalismus und Ökonomie: “Der Preis eines journalistischen Inhaltes liegt fast überall bei 0. Nun gewinnt der, der bei diesem 0-Preis die beste wahrgenommene Qualität liefert.”

Fleißig weglassen, bis wir fleißig sind

Immer dann, wenn wir in Deutschland mal was nicht so richtig gut können, verweisen wir gerne darauf: Vielleicht sind wir nicht die Ästheten des Planeten, aber immerhin voll fleißig. So gesehen waren das sehr beruhigte Schlagzeilen in den vergangenen Tagen:

Der angebliche “Fleiß” berechnet sich dabei danach, wie viele Stunden die deutschen Arbeitnehmer im Schnitt pro Woche leisten — und zwar nicht die tariflich vereinbarte Zeit (danach liegt Deutschland mit 37,6 Stunden relativ weit hinten im europäischen Vergleich), sondern die tatsächliche Zeit. Die liegt, weil häufig mehr als tariflich vereinbart gearbeitet wird (aus welchen Gründen auch immer), in Deutschland angeblich bei 41,2 Stunden pro Woche. Und das reicht immerhin zu einem siebten Platz unter den 27 EU-Ländern.

Doch das ist nur ein Teil der Wahrheit.

Ein anderes Bild ergibt sich, wenn man die die Arbeitszeit nicht über die Woche, sondern über das ganze Jahr betrachtet. Weil die Deutschen mehr Urlaub und Feiertage haben als die meisten Länder, liegt Deutschland plötzlich weit hinten — weshalb die “FAZ” sogar titelte: “So fleißig sind die Deutschen doch nicht”. Nur Schweden, Dänen und Franzosen haben danach noch geringere Arbeitszeiten als die Deutschen. Diese Rechnung hat nur wieder den Haken, dass sie von den tariflichen und nicht den tatsächlichen Arbeitszeiten ausgeht.

Rechnet man die tatsächlichen Wochenarbeitszeiten aufs Jahr hoch und zieht die Urlaubs- und Feiertage ab, stellt man fest, dass der “Fleiß” der Deutschen fast exakt dem EU-Durchschnitt entspricht. Ein ziemlich unspektakuläres Ergebnis.

Und wie kommt es, dass trotzdem so viele Medien die Geschichte von den “fleißigen Deutschen” verbreiten? Die Studie der EU, die dem Ganzen zugrunde liegt, wurde weitgehend unbemerkt von der deutschen Presse schon am 24. Juli veröffentlicht. Sie enthält eine Vielzahl von Daten über Arbeitszeiten, auf Jahr und auf die Woche bezogen, tatsächlich und tariflich.

Und obwohl die Studie frei im Netz verfügbar ist, haben sich die meisten Agenturen, Zeitungen und Online-Medien die differenzierten Werte gar nicht angesehen, sondern stattdessen auf eine Vorabmeldung der “Welt” verlassen, die besonders die hohe Wochenarbeitszeit betonte. (Bild.de fantasierte sogar, der Bericht läge der “Welt” “exklusiv” vor.) Und so behaupteten die Agenturen noch in der Nacht unter Berufung auf die “Welt”:

Studie: Deutsche arbeiten länger (dpa)

Studie – Deutsche arbeiten im EU-Vergleich deutlich länger (Reuters)

Arbeitnehmer in Deutschland im EU-Vergleich mit langer Arbeitszeit (AP)

Deutsche arbeiten 41,2 Stunden – Mit an der Spitze im EU-Vergleich (epd)

Es dauerte bis zum Freitagmittag, bis die Agentur AFP die gute Idee hatte, sich nicht auf die “Welt” zu verlassen, sondern die Studie selbst auszuwerten, und entsprechend differenziert meldete: “Deutsche arbeiten viel – haben aber auch viel Urlaub”. Am Nachmittag zog endlich auch dpa nach mit einer Meldung, in der die Agentur erstmals die verhältnismäßig kurze Jahresarbeitszeit erwähnte.

Zu diesem Zeitpunkt hatte die Mär vom Beweis für den Fleiß der Deutschen längst die Runde gemacht. Und was soll’s, dass die Geschichte nicht ganz stimmt: Sie liest sich doch viel knackiger.

Mit Dank an Steffen P.,  Gerrit L. und Ralf B.!

Kummer, WAZ, Zeit im Bild

1. “Moritz trinkt immer noch”

(freitag.de, Tom Kummer)

Tom Kummer plaudert aus, was seine Journalistenfreunde Schirach, Borcholte, Ankowitsch, Canonica, Niermann, Lottmann, Friebe, Fetisch, von Uslar, Baum, Nickel, Timmerberg, Matussek, Munz, Wedekind, Diez, Kämmerling, Liebs, Amend, Adorján, Pitzke, Gorris, Biller, Richter, Brüggemann so treiben auf Facebook. Ein zweiter Artikel, wer darauf die Freundschaft gekündigt hat, wäre interessant.

2. “Kuscheln bei der WAZ”

(ftd.de, Lutz Knappmann)

“Die WAZ Mediengruppe bricht mit ihrer jahrzehntealten Kultur: Statt auf Konkurrenz setzt sie neuerdings auf Kooperation. Die Zusammenarbeit der Zeitungen im Ruhrgebiet ist dabei erst der Anfang.”

3. “Das ‘manipulierte’ Interview”

(zib.orf.at, Wolfgang Wagner)

Die Redaktion der ORF-Sendung “Zeit im Bild” stellt sich der Kritik an einem gekürzten Interview und stellt neben der Sendefassung auch die Originalfassung online. “Sowohl Interviewer als auch Interviewter neigen – wahrscheinlich wegen des niedrigeren Adrenalinspiegels – zu weitschweifigeren Formulierungen.”

4. “YouTube Inspired T-Shirts”

(shirtstastegood.com)

Die Website shirtstastegood.com verkauft T-Shirts, auf die Standbilder aus bekannten YouTube-Videos gedruckt sind.

5. “Schweinegrippe-Alarm bei Radio DRS”

(tagesanzeiger.ch, Dani Glaus)

“Ein Mitarbeiter von Radio DRS hat wohl die Schweinegrippe mitten ins Nervenzentrum der Informationsabteilung getragen.”

6. Brand im Studio

(probablybadnews.com)

Die Journalisten von abc2 News informieren ihre Zuseher auch dann, wenn es heiss wird.

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