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Rechtsstaat, Weekly World News, Buschi

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “Bild gegen ARD: Abwehrbereit”
(berlinonline.de)
Nach Informationen der “Berliner Zeitung” “sollen die Intendanten der ARD auf ihrer Sitzung am 27. und 28. Juni in Würzburg beschlossen haben, eine virtuelle Medienredaktion einzurichten”: “Sie hat die Aufgabe, Sendungen und Beiträge vorzubereiten, die sich mit dem Boulevardjournalismus in Deutschland beschäftigen, konkret: mit Bild.”

2. “Der Rotz, der unser Leben lebenswert macht”
(lawblog.de, Udo Vetter)
In einem Blogbeitrag schreibt Nadine Lantzsch, dass “Geschlechterstereotypen und Verharmlosungen sexistischer Verhältnisse” dazu führen, “dass Wichser wie Strauss-Kahn trotz relativ eindeutiger Beweislage wohl am Ende freigesprochen werden”. Udo Vetter erinnert an die Vorteile des Rechtsstaats: “Der Gegensatz zum Rechtsstaat ist der Willkürstaat. Im Willkürstaat gibt es möglicherweise auch Regeln. Diese werden aber von denen, die das Sagen haben, außer Kraft gesetzt. Und zwar immer dann, wenn ihnen die Regeln gerade mal nicht in den Kram passen. Zum Beispiel dann, wenn sich das erhoffte Ergebnis nicht erreichen lässt.” Siehe dazu auch die Stellungnahme der Autorin.

3. “Die Wortmächtigen”
(taz.de, Dominic Johnson)
Dominic Johnson beschreibt die Nähe zwischen den politischen und den journalistischen Eliten in Großbritannien. “Dass Pressebarone sich durch gefällige Berichterstattung politische Vorteile erkaufen, ist so alt wie die Presse. Aber heutzutage scheint es eher andersherum zu laufen: Nicht die Journalisten betteln bei der Politik, sondern die Politiker bei den Journalisten, deren Fähigkeit zur Steuerung der öffentlichen Meinung als viel zu kostbar empfunden wird, um damit bloß Zeitungsauflagen zu steigern.”

4. “Die unglaubliche Geschichte”
(einestages.spiegel.de, Danny Kringiel)
“Weekly World News” war eine Boulevardzeitung, die aus vielen ersponnenen Texten bestand, zwischen die, “um eine gewisse Glaubwürdigkeit zu schaffen”, Berichte über wahre Begebenheiten gepackt wurden. “Denn obwohl die ‘Weekly World News’ zum Kultblatt vieler Studenten avancierte, die sie als Satire lasen, bestand der Kern der Käufer aus einfachen Arbeitern, die wirklich an Außerirdische, Geister und Dämonen glauben wollten.”

5. “Fernsehteam entschuldigt sich bei Osnabrücker Zooaffen Buschi”
(noz.de, Cornelia Laufer)
“Galileo Big Pictures” erklärt einen Orang-Utan aus dem Zoo Osnabrück für tot und entschuldigt sich darauf mit einer Autogrammkarte. “Ein Recherchefehler hatte übrigens das Missverständnis verursacht: Im Stuttgarter Zoo Wilhelma war im Frühjahr ein Orang-Utan verstorben – und der hieß auch Buschi.”

6. Interview mit Antje Schendel
(swr.de, Audio, Petra Zundel, Audio, 26:48 Minuten)
Das ehemalige Model Antje Schendel ist nun Tatortreinigerin. Sie räumt auf, wenn die Leichen weg und die Spuren gesichert sind, zum Beispiel nach dem Amoklauf von Winnenden.

Netzwerk Recherche, ZDF, Herzblut

6 vor 9

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1. “Ein schrecklicher, notwendiger Verein”
(spiegel.de, Stefan Niggemeier)
Stefan Niggemeier widmet sich den Vorgängen im “Netzwerk Recherche”, das “sich leicht mit einem schrecklichen Mode-Schimpfwort als ‘Gutmenschen’-Verein verunglimpfen” lässt: “Es ist also leicht, das ‘Netzwerk Recherche’ zu hassen, und eine gute Person, um diese Reaktion zu provozieren, ist Thomas Leif. Leif ist im Hauptberuf Chefreporter des Südwestrundfunks. Er ist mit seinem gleichzeitig schroffen und beifallheischenden Auftreten, seiner Wichtigtuerei und seinen festen Positionen eine große Nervensäge.” Siehe dazu auch “Der nackte Kaiser beim Netzwerk Recherche” von Thomas Knüwer, eine ausführliche Presseschau findet sich im “Altpapier”.

2. “Hacker verbreiten Falschmeldungen über Obama-Mord”
(tagesschau.de)
Eine Gruppe, die sich “The ScriptKiddies” nennt, kapert das Twitter-Konto @foxnewspolitics und vermeldet darüber den Tod von Barack Obama (Screenshots, Reaktion von Fox News).

3. “Attacke am Friedhofszaun: MOZ-Fotograf misshandelt”
(moz.de, Maria Neuendorff)
Einem Fotograf der “Märkischen Oderzeitung” wird anlässlich einer Beerdigung die Kamera gewaltsam entwendet, nachdem er sie ausserhalb des Friedhofsgeländes aus seiner Tasche nimmt: “Die Männer nahmen mich in den Klammergriff und drückten mich runter, bis ich mit dem Gesicht im Dreck lag.” Der Journalistenverband Berlin-Brandenburg JVBB protestiert.

4. “Offener Brief von Nachwuchsjournalisten an die deutschen Zeitungsverleger”
(openpetition.de, Daniel Stahl)
Nachwuchsjournalisten schreiben an die deutschen Zeitungsverleger: “Viele von uns erleben, wie Freunde sich vom Journalismus abwenden. Sie gehen lieber in die PR oder suchen sich andere Jobs mit besseren Zukunftsaussichten.” Ausserdem: Der “journalist” berichtet über bei Facebook versammelte “Herzblut-Journalisten”.

5. “Mit einigem Unverständnis habe ich die Kritik Richard Gutjahrs in seinem Blog gelesen”
(twitlonger.com, Dominik Rzepka)
ZDF-Redakteur Dominik Rzepka kann die Kritik “..und nebenan brennt es auf dem Reaktorgelände” von Richard Gutjahr nicht ganz nachvollziehen. “Nach einiger Recherche bin ich zu dem Ergebnis gekommen: Es scheint sich nicht um einen schwerwiegenden Zwischenfall zu handeln – zum Glück.” Gutjahrs Antwort hier.

6. “Total-Ausfall auf dem Lerchenberg: ZDF lahmgelegt”
(dwdl.de, Uwe Mantel)
“Ein Komplett-Ausfall legte das ZDF samt seiner Digital-Ableger, 3sat und Ki.Ka für rund 40 Minuten lahm.”

dapd  etc.

Hilfe!

Gestern Mittag vermeldete die Nachrichtenagentur dapd aufgeregt das “Aus für Notrufsäulen an deutschen Straßen bis Jahresende”. Wer bei dieser Überschrift angenommen hatte, die orangefarbenen Notrufsäulen entlang der Autobahnen (die ja durchaus als “deutsche Straßen” durchgehen dürften) würden – etwa bis Jahresende – verschwinden, wurde schon im ersten Satz eines besseren belehrt:

Alle Notrufsäulen an den deutschen Bundes-, Landes- und Kreisstraßen werden bis zum Jahresende abgebaut. Dies teilte die Björn-Steiger-Stiftung in Stuttgart auf Anfrage der Nachrichtenagentur dapd mit. (…)

Nicht betroffen vom beschlossenen Abbau sind die derzeit rund 16.000 Notrufsäulen an den deutschen Autobahnen, für die der Gesamtverband der Deutschen Versicherer (GDV) zuständig ist.

Aber auch das war offensichtlich nicht ganz richtig, denn dapd verschickte rund vier Stunden später eine “Berichtigung”. Dort hieß es nun:

Nur Baden-Württemberg behält Notrufsäulen

Was genau es bedeutet, wenn “nur Baden-Württemberg” die Notrufsäulen behält, erklärte dapd natürlich auch gerne:

Nur Baden-Württemberg behält Notrufsäulen an den Bundes-, Landes- und Kreisstraßen, in den anderen Bundesländern werden sie abgebaut. Das teilte die Björn-Steiger-Stiftung in Stuttgart auf Anfrage der Nachrichtenagentur dapd mit. Bundesweit gibt es den Angaben zufolge derzeit knapp 2.100 Säulen, davon allein rund 1.800 in Baden-Württemberg.

dapd hatte also herausgefunden, dass immerhin 14% der noch bestehenden Notrufsäulen an deutschen Bundes-, Landes- und Kreisstraßen abmontiert werden sollen — nämlich die außerhalb Baden-Württembergs. Die restlichen der ehemals rund 7.000 Notruftelefone sind nämlich seit der Einführung eines Handyortungssystem für die Leitstellen im Jahr 2006 sukzessive abgebaut worden, wie uns die Björn-Steiger-Stiftung auf Anfrage erklärte.

Nun würde man als Laie sagen: “Hmmmmm, das ist dann wohl eher keine Meldung! dapd war sich nur zu fein, den ursprünglichen Schwachsinn komplett zurückzuziehen.” Doch Profis denken da anders.

“Bild” bringt heute auf der Titelseite folgende Kurzmeldung, die sich offensichtlich auf eine der ersten dapd-Varianten beruft:

Notrufsäulen an Bundesstraßen werden abgeschafft

Stuttgart – Alle Notrufsäulen an den deutschen Bundes-, Landes- und Kreisstraßen werden bis zum Jahresende abgebaut. Das teilte die Björn-Steiger-Stiftung in Stuttgart mit. Die Notrufsäulen seien nicht mehr finanzierbar. Außerdem habe die heute selbstverständliche Handynutzung sowie die nun mögliche Ortung von Mobiltelefonen die Säulen zuletzt zunehmend überflüssig gemacht. Bundesweit gibt es noch rund 2000 Säulen. Nicht betroffen sind die rund 16000 Notrufsäulen an den Autobahnen.

Diese Quelle muss auch der “Tagesspiegel” benutzt haben:

Notrufsäulen an deutschen Straßen verschwinden bis Jahresende

Stuttgart – Für die Notrufsäulen an Bundes-, Landes- und Kreisstraßen kommt das Aus. Sie würden bis zum Jahresende abgebaut, teilte die Björn-Steiger-Stiftung mit. Die Säulen seien nicht mehr finanzierbar. Zudem seien sie durch die Handynutzung zunehmend überflüssig. Nicht betroffen sind die 16 000 Notrufsäulen an den Autobahnen. dapd

Die “Süddeutsche Zeitung” brachte einen längeren Artikel, der auf der ersten dapd-Meldung basierte und auch die Online-Medien haben die NichtGeschichte natürlich dankbar aufgenommen — wobei abendblatt.de eine wahre Meisterleistung geglückt ist: In dem Artikel, der mit den Worten “nur Baden-Württemberg behält Notrufsäulen” beginnt, zeigt sich ein ADAC-Experte vom “kompletten Aus für die Notrufsäulen an Bundes-, Landes- und Kreisstraßen” überrascht. Der dapd hatte das ADAC-Zitat aus seiner berichtigten Fassung herausgenommen, weil sich das “komplette Aus” als wenig haltbar erwiesen hatte.

Auch die dpa erweckt seit gestern den Eindruck, der seit fünf Jahren voranschreitende Abbau der Notrufsäulen sei eine Neuigkeit:

Aus für Notrufsäulen – Steiger Stiftung baut ab

Stuttgart (dpa) – Die Björn Steiger Stiftung baut ihre Notrufsäulen bundesweit nach und nach ab. Von den ursprünglich 7000 Säulen stehen noch 2095, davon gut 1800 in Baden-Württemberg, sagte eine Sprecherin der Stiftung am Mittwoch in Stuttgart. Die hohen Kosten für das Notrufsystem über die Säulen an Bundes-, Landes- und Kreisstraßen seien in Zeiten von Handys nicht mehr zu rechtfertigen, begründete sie die Entscheidung. Nicht betroffen sind die Säulen an Autobahnen. Sie werden vom Gesamtverband der Deutschen Versicherer (GDV) betrieben.

Mit großem Dank an Tobias.

Hinweis, 19.10 Uhr: In der ursprünglichen Fassung dieses Eintrags hatten wir geschrieben, die dpa-Meldung sei “immer noch völlig unkorrigiert”. Die dpa erklärte uns dazu, dass es an der Meldung “nichts zu korrigieren” gebe, da alle Fakten korrekt wiedergegeben würden.

Paul Ronzheimer, Soft-News, Bienenbüttel

6 vor 9

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1. “Jugend hetzt”
(coffeeandtv.de, Lukas Heinser)
Lukas Heinser fragt sich, was den 25-jährigen, mit dem Herbert Quandt Medien-Preis für die Artikel-Serie “Geheimakte Griechenland” ausgezeichneten Paul Ronzheimer dazu bringt, “in Europas größter Boulevardzeitung Halbwahrheiten und plumpe Hetze zu verbreiten”. Siehe dazu auch Stefan Niggemeier: “Und die Eulen wollen wir auch zurück!”.

2. “Qualitätsjournalismus unter Druck”
(nzz.ch, Martina Leonarz, Werner A. Meier und Gabriele Siegert)
Autoren des Instituts für Publizistikwissenschaft und Medienforschung der Universität Zürich fassen mehrere wissenschaftliche Analysen zusammen. Im Abschnitt Boulevardisierung heisst es: “Unterhaltung und Soft-News werden wichtiger. Aus einer wirtschaftlichen Warte wird Boulevardisierung mit der Sicherung der Leserschaft verbunden.”

3. “Katz-und-Maus-Spiel in Chinas Medien”
(diepresse.com, Jutta Lietsch)
Ein Interview mit der Journalistin Nailene Chou Wiest über Medienzensur in China: “Wer die Anweisungen der Propaganda-Abteilungen nicht befolgt, darf seine Nachrichtenseite 24 Stunden lang nicht aktualisieren. Das ist tödlich fürs Geschäft.”

4. “Wie Bienenbüttler über Journalisten denken”
(ndr.de, Video, 3:22 Minuten)
EHEC: Einwohner von Bienenbüttel erzählen mit Belustigung und Verwunderung von der kurzzeitigen Belagerung durch internationale TV-Teams.

5. “Merkels Verkäuferin”
(tagesspiegel.de, Thomas Gehringer)
Ein Kurzporträt von Eva Christiansen, Medienberaterin der Bundeskanzlerin. Zum Verhältnis zwischen Medien und Politik sagt sie: “Wir sind auf beiden Seiten Getriebene und treiben uns gegenseitig. Ich empfinde mein Tagesgeschäft als ein Hinterherlaufen der Nachricht der Nachricht der Nachricht.”

6. “Preisträger des Grimme Online Award 2011”
(grimme-institut.de)

Bild  

Das Kreuz mit der Griechen-Hetze

Am vergangenen Freitag erfand die “Bild”-Zeitung einen “Wirbel” um den deutschen Botschafter in Athen. Der habe “die Berichterstattung deutscher Medien in der Griechenland-Krise” kritisiert, stellte “Bild” fest, fragte treuherzig: “Wen hat Wegener damit gemeint?”, bekam aber keine Antwort.

Und damit zu einem ganz anderen Thema:

Griechen verhöhnen Europa ... und kriegen trotzdem neue Milliarden

Die “Bild”-Autoren Ralf Schuler und Paul Ronzheimer, der in diesem Jahr den Herbert-Quandt-Medien-Preis für herausragenden Wirtschaftsjournalismus erhält, lassen in ihrem Bericht offen, ob zukünftige Hilfspakete für Griechenland von einem Demonstrationsverbot abhängig gemacht werden sollten oder das griechische Volk vielleicht kollektiv verpflichtet werden könnte, seine Dankbarkeit für drastische Sparmaßnahmen angemessen auszudrücken.

Unerwähnt lassen sie auch, dass es nicht einmal einen unmittelbaren zeitlichen Zusammenhang zwischen dem Foto und den jüngsten Beschlüssen der EU gibt, Griechenland weiter zu unterstützen: Das Bild entstand bereits vor einer Woche, am 30. Mai.

Besonders verblüffend ist aber diese Stelle im “Bild”-Text:

Unter einem Hakenkreuz-Plakat stand: “Die EU ist die Krönung aus UdSSR-Zentralismus und Glühbirnen-Faschismus”.

Nein. Das steht nicht unter dem Hakenkreuz-Plakat. Das steht unter einem Foto von dem Hakenkreuz-Plakat — in einem Hass- und Hetzblog namens “Politically Incorrect”, das sich vor allem dem Kampf gegen Moslems und alles vermeintlich Linke verschrieben hat.

Und nun kann man darüber streiten, was schlimmer ist: Dass “Bild”-Redakteure ihre Informationen über die Welt von einer solchen Seite beziehen. Oder dass sie zu blöd sind, sie wenigstens richtig abzuschreiben.

Mit Dank an Jens Sch., Christian, Webreporter, Dr. Nötigenfalls, Icke und Josef N.

Nachtrag, 7. Juni 2011. “Bild” hat den Online-Artikel korrigiert und bringt auch in der gedruckten Ausgabe “Berichtigung”, schafft es aber nicht, die traurige Wahrheit zuzugeben:

Berichtigung

BILD berichtete gestern, unter einem Demonstrations-Plakat in Athen habe der Satz gestanden: “Die EU ist die Krönung aus UdSSR-Zentralismus und Glühbirnen-Faschismus”. Nach neuen Erkenntnissen hat dies nicht auf dem Plakat gestanden.

Marcell D’Avis, Stefan Aust, Egon Erwin Kisch

6 vor 9

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1. “Kachelmann war ein exzellentes Objekt”
(heute.de, Panja Schollbach)
Michael Haller beobachtet einen “starken Trend zur Selbstkommerzialisierung” im Journalismus: “Im Mittelpunkt der Berichte steht nicht mehr das Aufklärungsinteresse, sondern der Verkauf. Das Bedenkliche ist, dass der Journalismus – vom ‘Spiegel’ über die People-Magazine bis hin zur ‘Bild’-Zeitung und anderen Boulevardmedien – vor allem an vermeintlichen Intimgeschichten, also am Voyeurismus interessiert war.”

2. “Schwarze Socken und rote Rübenschweine”
(berlinonline.de, Stefan Aust)
Stefan Aust blickt zurück auf seine Tätigkeit beim ARD-Magazin “Panorama”: “Irgendwie war ja damals alles politisch. Und Qualität war bei uns schon, wenn ein Beitrag möglichst kontrovers war. Interviewpartner wurden so ausgewählt, dass sie die Meinung des Autors wiedergaben. Im Zweifel ist ja für jede Position ein eloquenter Kronzeuge aufzutreiben.”

3. “Über Kisch und Kitsch”
(journalist.de, Ralf Geißler und Matthias Daniel)
Claudius Seidl (“Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung”) und Stefan Willeke (“Die Zeit”) sprechen über die Verleihung des Henri-Nannen-Preises. Und über Egon Erwin Kisch: “Kisch war ein sozialistischer Märchenonkel, mit Verlaub. Ein Mann mit einem durch und durch ideologischen Weltbild. Der wusste schon, was er von den Leuten zu halten hat, lange bevor er mit ihnen gesprochen hatte.”

4. “Maischbergers Grafiken”
(fernsehkritik.tv, Video)
Fernsehkritik.tv analysiert eine in der ARD-Talkshow “Menschen bei Maischberger” präsentierte Grafik, die “uns zeigt, dass besonders Rentner unter der Inflation leiden”. “Diese Grafik ist im Grunde nur dazu geeignet, Rentnern Angst zu machen, dass sie bald kein oder immer weniger Geld mehr bekommen vom Staat.”

5. “Die Standard-Antwort-E-Mail für unbeantwortete E-Mails”
(137b.org, zeitweise)

6. “Das real existierende 1&1-Aushängeschild”
(ftd.de, Georg Dahm und Thomas Wendel)
Ein Besuch bei Marcell D’Avis, “Leiter Kundenzufriedenheit” des Internetdienstleisters 1&1, in Montabaur.

Bild, Bild.de  etc.

Wenn Rechte nach dem Rechten sehen

Am 5. Mai eröffnete das Museum “Keltenwelt am Glauberg” (Hessen) und nur wenige Stunden später gab es laut Bild.de einen “Skandal”, der für einige der Beteiligten noch Folgen haben sollte:

Skandal am Glauberg Hessen lässt Keltenschatz von Neonazis bewachen

Der Fall schien klar:

Wie BILD erfuhr sind die zwei Wachmänner bekannte NPDler. Einer ist Beisitzer im NPD-Landesvorstand, der andere aktiv bei der NPD im Wetterau-Kreis.

Ein schauriges Bild! Zwei Sicherheits-Männer in SA-ähnlichen Uniformen stehen neben dem angeleuchteten 230 Kilo schweren Keltenherrscher im 1. Obergeschoss des neuen Museums. Die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Braune Hemden, schwarze Krawatten, schwarze Kampfhosen, dicke Koppelschlösser.

Innerhalb kürzester Zeit zogen zahlreiche Nachrichtenportale nach und bereits am nächsten Tag gab es ein “Bild”-Verhör mit der hessischen Kunstministerin Eva Kühne-Hörmann sowie empörte Reaktionen aus der Politik:

Neonazi-Skandal im staatlichen Keltenmuseum Politiker sind entsetzt über Nazi-Wachmänner

Doch die Wirklichkeit lässt sich nicht so einfach in Schwarz und Weiß – oder in diesem Fall Braun und Weiß – aufteilen, wie Bild.de es gerne hätte.

Es beginnt damit, dass die NPD nach Bekanntwerden des Vorfalls die Darstellung dementierte, einer der beiden Wachleute wäre im Landesvorstand, was auch die Antifaschistische Bildungsinitiative vor Ort bestätigte.

Bei den “SA-ähnlichen Uniformen”, die nicht weniger und nicht mehr nach SA aussehen als viele andere Uniformen, handelt es sich laut Ilona Huth, der Chefin der Sicherheitsfirma, bei der die beiden Wachleute angestellt waren, um reguläre Dienstkleidung.

Huth erklärte gegenüber dem Mittelhessenblog:

“Wir beschäf­ti­gen neben Deut­schen  auch Ita­lie­ner, Marok­ka­ner, Tür­ken, Ukrai­ner, Arme­nier, Polen, Bul­ga­ren, Syrer, Koso­va­ren, bosnisch-herzegowinische, ägyp­ti­sche, kroa­ti­sche, ser­bi­sche und  fran­zö­si­sche Mit­ar­bei­ter. Ins­ge­samt sind es im Kern 60 Mit­ar­bei­ter mit Aus­hil­fen im Stamm, die für uns arbei­ten. Wir hat­ten, seit­dem wir 2006 am Markt sind, noch nie irgend­wel­che Pro­bleme mit einem unse­ren Mit­ar­bei­ter und spe­zi­ell unse­ren bei­den neuen Mit­ar­bei­ter sind bei uns nie durch irgend­eine Äuße­rung auf­ge­fal­len, die an eine Ver­bin­dung mit rechts­ex­tre­mis­ti­schem Gedan­ken­gut hätte den­ken las­sen kön­nen”, sagt Huth. Die­ses habe sie auch in ihrem Wider­spruch auf die frist­lose Kün­di­gung geschrieben.

Es gibt außerdem Hinweise darauf, dass das Foto auf Bild.de gestellt sein könnte:

In Stel­lung­nah­men, die dem Mit­tel­hes­sen­blog vor­lie­gen, wird ins­be­son­dere von Tobias B. der Vor­wurf erho­ben, dass Bil­der retu­schiert wor­den seien. Zudem habe es von einem Repor­ter, der sich als Bild-Mitarbeiter vor­ge­stellt habe, die Bitte um Auf­nah­men und ent­spre­chende Regie­an­wei­sun­gen gege­ben, die “ernste Bewa­chung” sym­bo­li­sie­ren soll­ten.

Auch die Entstehungsgeschichte eines Fotos der Nachrichtenagentur dapd, bei dem der Schatten so auf einen der beiden Wachleute fällt, dass der Eindruck eines nur allzu bekannten Seitenscheitels entsteht, ist mindestens interessant.

Christoph von Gallera vom Mittelhessenblog schreibt:

Sei­tens dapd wird ver­si­chert, der dapd-Fotograf habe die bei­den Wach­leute nicht in Szene gesetzt. Er habe aber, um ein “sei­ner Mei­nung nach inter­es­san­tes Foto zu machen”, einen von der Kamera aus­ge­lös­ten Blitz ein­ge­setzt. Dadurch sei der Schat­ten­wurf auf Wach­leute und Kel­ten­fürst ent­stan­den.

Eine weitere Eskalationsstufe war erreicht, als wenige Tage später bekannt wurde, dass einer der beiden Wachleute bereits vor der Eröffnung des Keltenmuseums den Holocaust geleugnet haben soll.

Die “FAZ” berichtete am 11. Mai:

(…) nun berichtete Wissenschaftsministerin Eva Kühne-Hörmann (CDU), dass der Museumsleitung schon zuvor Hinweise auf eine rechtsextreme Gesinnung eines der Männer vorgelegen hätten. Dieser habe schon Tage zuvor in dem Museum den Massenmord der Nazis an den europäischen Juden geleugnet. Bei Aufbauarbeiten habe dies ein Mitarbeiter gehört und Museumsleiterin Katharina Kurzynski gemeldet.

Besagter Mitarbeiter hat diese Behauptung allerdings umgehend nach Bekanntwerden des Vorwurfs revidiert und konnte immerhin gegenüber der “Frankfurter Rundschau”, der “FAZ” und dem “Hessischen Rundfunk” seine Sicht der Dinge darlegen. Gegenüber BILDblog sagt er, es habe zwar ein Gespräch gegeben, in dem er einem der Männer “gedanklich eine rechte Gesinnung unterstellt” habe, aber:

Ich widerspreche (…), daß der Wachmann den Holocaust geleugnet habe, ich Mitarbeitern gegenüber behauptet hätte, von einer Holocaustleugnung des Wachmannes gehört zu haben und daß ich die Museumsleiterin informiert hätte.

Was also letztlich bleibt, ist viel Lärm um sehr wenig. Und obwohl erst kürzlich das Bundesarbeitsgericht die mit einer NPD-Mitgliedschaft begründete Kündigung gegen einen Behördenmitarbeiter gekippt hat, führte der mediale Wirbel um die Wachleute des Keltenmuseums zu folgenden Ergebnissen:

Nach dem Neonazi-Skandal: Wachfirma des Keltenfürsts gefeuert

Keltenwelt am Glauberg Konsequenzen für Museumsleiterin

Anke Schäferkordt, Authentizität, Segregation

6 vor 9

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1. “Verärgerung als Straftat”
(begleitschreiben.twoday.net, Gregor Keuschnig)
Gregor Keuschnig geht auf die Verärgerung von Journalisten durch die FDP ein, die in einem “Tagesspiegel”-Artikel festgestellt wurde: “Welchen Informationswert hätten Fotos der beiden Kinder Röslers gehabt? Was hätte dies für mein politisches Urteil über Rösler und die FDP bedeutet? Die Antwort lautet zweimal – Nichts. Fotos der beiden Kinder hätten überhaupt keine Bedeutung gehabt. Ihr politischer Informationswert tendiert gegen Null.”

2. “Die Quotenfrau”
(zeit.de, Anna Marohn und Christof Siemes)
Scripted Reality: RTL-Chefin Anke Schäferkordt beantwortet die Frage, ob Zuschauer unterscheiden können zwischen “echten” Fällen und erfundenen: “Ja, das können sie sehr gut. Die Frage kommt immer wieder, weil es so schön einfach ist, den Zuschauer permanent zu unterschätzen. Es steht im Vorspann und im Abspann, dass die Geschichten gescriptet, also geschrieben sind. Ein Großteil der Zuschauer hat das wahrgenommen. Das wirklich Interessante ist, dass es den meisten Zuschauern völlig egal ist. Sie fragen nur: Ist das eine Geschichte, die mich fesselt und unterhält?”

3. “Die Wahrheit der großen Zahl”
(magda.de, Susanne Fischer)
Susanne Fischer fragt sich, wie Bilder aus Krisenregionen verifiziert werden können: “Praktisch jeder Fernsehsender, der das Filmmaterial von YouTube und die Fotos von Facebook für die eigene Berichterstattung aus Syrien verwendet, fügt den Standardsatz ‘Die Authentizität der Bilder konnte nicht unabhängig verifiziert werden’.”

4. “Wider die Anonymität politischer Debatten im Netz”
(dradio.de, Markus Reiter)
Markus Reiter spricht sich für Klarnamen im Web aus: “Wenn wir einen sinnvollen politischen Diskurs im Internet wollen, müssen die Teilnehmer öffentlich zu ihrer Meinung stehen.”

5. “Unkritische Tagesschau hinterfragt Experten nicht”
(infosperber.ch, Urs P. Gasche)
Die “Tagesschau” des Schweizer Fernsehens vermeldet steigende Gesundheitskosten als “gute Nachricht”. Denn verglichen werden die aktuellen Zahlen nicht mit denen des Vorjahrs, sondern mit den damals gestellten Prognosen. So kommt man darauf, dass die Kostensteigerung “abgeschwächt” werden konnte. “Die Online-Ausgabe der Tagesschau titelte ‘Weniger Wachstum bei den Gesundheitskosten’.”

6. “Bitte Abstand halten”
(faz.net, Uta Rasche)
Wie Eltern subtil und weniger subtil auf die Spielkameraden ihrer Kinder Einfluss nehmen: “Erziehungswissenschaftler sehen den Trend zur Segregation kritisch, weil sie die Chancengleichheit, die zum Selbstverständnis demokratischer Gesellschaften gehört, unterhöhlt. In der Grundschule als ‘Schule des Volkes’ sollten Kinder aus allen Schichten miteinander zurechtkommen.”

Süddeutsche Zeitung, Syrien, Papier

6 vor 9

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1. “‘Süddeutsche Zeitung’ fällt auf die Wahrheit herein”
(blogs.taz.de/hausblog)
Thomas Fromm zitiert in einer Reportage für die Seite 3 der “Süddeutschen Zeitung” einen “mittelständischen Unternehmer”. Tatsächlich stammt das Zitat aus einem satirischen “taz”-Text über einen fiktiven Unternehmer.

2. “Wie sich die Todesmeldung von Osama Bin Laden via Twitter und Facebook verbreitete”
(gutjahr.biz, Richard Gutjahr)
Siehe dazu auch “How the bin Laden Announcement Leaked Out” (mediadecoder.blogs.nytimes.com, Brian Stelter, englisch).

3. “Syrien / Libanon: Zeugen des Krieges”
(mediathek.daserste.de, Video, 7:27 Minuten)
Informationen über die Situation in Syrien kommen vor allem aus dem Libanon. Auch die ARD kann nicht in das Land einreisen.

4. “Die ‘Chefchen’-Affäre”
(sueddeutsche.de, Andreas Burkert)
Andreas Burkert schreibt über die Auseinandersetzung zwischen Bastian Schweinsteiger und “Sport Bild”: “Der Regisseur Schweinsteiger hat zuletzt nicht mehr richtig mitgespielt bei diesem Geben und Nehmen, das ihn auch groß machte. Angeblich soll er Interview-Anfragen von Sport-Bild und Bild zurückgewiesen haben. Es sieht jetzt fast so aus, als ob er, der Springers Spielplan ablehnt, quasi die rote Karte bekommt. Wegen der Ungeheuerlichkeit, sich zu verweigern.”

5. Borussia Dortmund und die Sonntagszeitungen
(pottblog.de, Jens Matheuszik)
Jens Matheuszik fasst zusammen, wie die Sonntagszeitungen FAS, WamS und BamS über den Meistertitel von Borussia Dortmund berichten.

6. “Warum Papier praktischer ist”
(bobbycalifornia.blogspot.com)
Bobby California sucht und findet “50 Gründe, warum Papiermedien (Bücher, Zeitungen, Zeitschriften, das Kursbuch usw…) praktischer sind als Online-Medien”.

Bild, Sport Bild  etc.

Riesen-Schweinsteigerei

Es ist ein gefundenes Fressen für “Bild”: Fußball-Profi Bastian Schweinsteiger hat bei einer Presseveranstaltung einen “ihm unliebsamen Journalisten” beleidigt. Oder anders formuliert:

Schweini rastet aus - Bayern-Star beleidigt Reporter als Pisser und wehrt sich gegen Chefchen-Kritik

Die Autoren Kai Psotta und Mario Volpe listen alles auf, was es zu diesem Anlass zu berichten gilt: Dass der Ausbruch exakt 11 Minuten und 56 Sekunden gedauert hat, welche besonders deftigen Beleidigungen Schweinsteiger aussprach, dass Kameras bei dem denkwürdigen Auftritt verboten waren. Alleine eine Information fehlt rätselhafterweise: Welchen Reporter hat Schweinsteiger so rüde beschimpft?

Doch die lieben Kollegen haben das längst ausgeplaudert: Der gemaßregelte Journalist war Christian Falk, Chefreporter der “Sport Bild”. Der hatte zwei Wochen zuvor den bis dato von “Sport Bild” hofierten Schweinsteiger abrupt abgekanzelt und als “Chefchen” tituliert.

Bild.de hat Falks Namen und Arbeitgeber inzwischen unauffällig in den Artikel eingefügt.

“Sport Bild”-Chefredakteur Matthias Brügelmann sah sich kurzerhand zu einer Stellungnahme veranlasst. Die “Chefchen”-Geschichte sei lediglich eine “Analyse” der Leistung Schweinsteigers. Und weiter:

Wenn Schweinsteiger das anders sieht, ist das sein gutes Recht. Wir haben bei SPORT BILD kein Problem damit, kritisiert zu werden. Wer austeilt, muss auch einstecken können.

Ob seine Wortwahl (“Pisser”, “Arschloch”) bei der Pressekonferenz für Führungsqualität und Vorbildfunktion spricht, sollen andere beurteilen.

Die “anderen” hat Brügelmann freilich schnell gefunden:

Schweinsteiger pöbelt: Pisser, A..loch. BILD meint: er muss sich entschuldigen

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber.

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