Suchergebnisse für ‘spiegel online’

Claire Danes, Tatort, Heftig.co

1. “Author of That Horrible Snowden Article Has Even Worse CNN Interview”
(gawker.com, Adam Weinstein, mit Video, 4:02 Minuten, englisch)
Ein Interview mit Tom Harper, einem der Autoren der aus namenlos bleibenden Regierungskreisen stammenden Story in der “Sunday Times” über einen angeblichen Zugriff von Russland und China auf die Snowden-Leaks: “So, to summarize: We have no proof that there was any harm, except what the British government has said; there’s no way to back up what they’ve said; if you want to know what’s going on in the intelligence world, well… you’ve gotta have a leak like Snowden’s.” Siehe dazu auch “Britischer Medienbericht: Dubioser Angriff auf Edward Snowden” (spiegel.de, Christian Stöcker) und “Snowden files ‘read by Russia and China’: five questions for UK government” (theguardian.com, Ewen MacAskill, englisch).

2. “Claire Danes will Schmerzensgeld von der ‘Bild'”
(tagesspiegel.de, Sonja Álvarez)
Schauspielerin Claire Danes fühlt sich in Berlin von “Bild” verfolgt. Sie verlangt Unterlassungserklärungen und fordert Schmerzensgeld.

3. “Montagmorgen-Diarrhöe: Deutsche Medien leiden unter akuter Tatorteritis”
(zeitgeisterjagd.de, Matthias Heitmann)
Matthias Heitmann beschäftigt sich mit den zahlreichen “Tatort”-Begleitmedien: “Nahezu keine deutsche Tageszeitung meint heute, dass ihre Website ohne eine eigene ‘Tatort-Kolumne’ auskommen könne – und zwar nicht nur eine feuilletonistische, sondern eine harte und investigative.”

4. “Erstmals live: Heftig.co-Gründer erzählt, wie sie das Portal groß gemacht haben”
(onlinemarketingrockstars.de, Martin Gardt)
Peter Schilling von Heftig.co “auf der Rockstars-Bühne”: “‘Wir haben keine Jour­na­lis­ten und das war von Anfang an ziem­lich gut. Online-Redakteure funk­tio­nie­ren für uns oft nicht, die haben oft eine bestimmte Art zu schrei­ben, einen fest­ge­leg­ten Blick­win­kel. Wir gehen viel daten­ge­trie­be­ner an die The­men’, sagt Schil­ling. Die inten­si­ven Tests von Bil­dern und Über­schrif­ten sind eines der Mar­ken­zei­chen von Heftig.co, hier zäh­len Klicks und keine sprach­li­chen Bon­bons. Mit Copyright-Problemen habe das Por­tal bis­her keine Pro­bleme gehabt. Die Arbeits­weise ähnele ja auch der klas­si­scher Medien: Geschich­ten erken­nen, auf­neh­men, anpas­sen und ver­öf­fent­li­chen.”

5. “Schwule in den Schlagzeilen”
(de.ejo-online.eu, Yulia Grineva)
Wie deutsche und wie russische Medien über Homosexualität berichten.

6. “Merkels E-Mail und andere angebliche Hacks”
(blog.alvar-freude.de)

Bild, Bild.de, dpa, Reuters  etc.

Déjà-vu mit Merkels Grexit-Plan

Griechenlands Schuldenproblem verschärft sich — die Bundesregierung denkt daher über neue Schritte nach: Wie die “Zeit” und die Nachrichtenagentur Reuters berichten, arbeitet das Finanzministerium an einem Notfallplan für eine Pleite Griechenlands. “Sie haben begonnen, das Undenkbare zu denken”, sagte ein Insider zu Reuters. Deutschland wolle dies nicht, stelle sich aber auf eine solche Situation ein. “Sie wären sonst nicht vorbereitet auf die Folgen für die Banken.”

Diese Zeilen sind viereinhalb Jahre alt. Und ob der Insider nun recht hatte oder nicht — es wäre doch zumindest fahrlässig, wenn sich die Bundesregierung nicht ständig auf alle Eventualitäten einstellen würde, also auch auf eine faktische Insolvenz Griechenlands.

Wie auch immer. Zehn Monate später, im November 2011, schrieb dann auch „Bild“:

Merkel lobte [den damaligen Griechenland-Premier] Papandreou, stellte weitere Hilfen in Aussicht. Doch in Wirklichkeit geht die Bundesregierung nach BILD-Informationen inzwischen davon aus, dass Griechenland pleitegehen wird – und zwar warscheinlich [sic] noch vor Weihnachten, wenn auch die nächste Hilfs-Rate aufgebraucht ist.

„Wir versuchen, eine Insolvenz Griechenlands zu vermeiden. Ich kann das aber nicht ausschließen“, sagte Merkel am Nachmittag laut Teilnehmern in der Sitzung der Fraktion von CDU/CSU.

Insofern übersetzt man das “Jetzt” in der heutigen (!) “Bild”-Schlagzeile also am besten mit: “seit vier Jahren”.

“Bild” schreibt:

Sie hat monatelang um Griechenland gekämpft. Doch seit vorletzter Nacht weiß Angela Merkel (60, CDU): Es war vielleicht umsonst …

Gut zwei Stunden verhandelte die Kanzlerin in Brüssel mit Frankreichs Staatspräsident François Hollande (60) und Griechen-Premier Alexis Tsipras (40).

Als das Trio gestern um 0.20 Uhr auseinanderging, war klar, was die deutsche Regierungschefin bisher nie wahrhaben wollte: Die Staatspleite Griechenlands ist womöglich nicht mehr aufzuhalten!

Darüber wird in vertraulicher Runde in Berlin jetzt offen gesprochen.

Aus, vorbei, GREXIT …!

Die einzige Quelle für die Behauptung ist wieder ein Insider, ein „Top-Diplomat“, der gesagt haben soll: „Auch die Kanzlerin weiß jetzt, dass die Zeit nicht mehr reichen wird …!“

Obwohl es da ja noch einen kleinen Haken gibt, wie “Bild” am Ende zugeben muss:

Eine letzte Frist hat Athen noch: Kommenden Donnerstag treffen sich in Brüssel die Finanzminister der Euro-Zone zur entscheidenden Sitzung. Sie wollen dann ein Konzept sehen, das bereits vom griechischen Parlament verabschiedet ist.

Egal, “Bild” hat trotzdem schonmal den Sekt kaltgestellt und ihn jetzt endgültig ausgerufen, den

Ach nee. Das war 2011.

Mit Dank an Andreas H.

Nachtrag, 13 Uhr: Aber im deutschen Medienbetrieb ist bekanntlich keine Meldung alt oder falsch genug, als dass sich nicht doch irgendwer finden würde, der sie blind abschreibt.

Die dpa vermeldete heute pünktlich um Mitternacht:

Berlin (dpa) – Nach einem Bericht der «Bild»-Zeitung bereitet sich Berlin auf eine Staatspleite Griechenlands vor.

Die Agentur zaubert sogar noch ein paar zusätzliche Quellen aus dem Hut:

Unter Berufung auf mehrere mit den Vorgängen vertraute Personen berichtet die Zeitung (Freitag), es gebe konkrete Beratungen, was im Falle einer Pleite zu tun sei.

„Mehrere mit den Vorgängen vertraute Personen“? Wir haben (wenn überhaupt) nur eine gezählt: den angeblichen Insider.

Auch Reuters sprach 20 Minuten später von „mehrere[n] mit den Vorgängen vertraute[n] Personen“ — und titelte:

Und schwupps — wird der alte Hut wieder überall als neu verkauft:


(handelsblatt.com)


(merkur.de)


(stern.de)


(n24.de)


(blick.ch)


(t-online.de)


(tagesspiegel.de)


(derstandard.at)


(abendzeitung-muenchen.de)

Bei FAZ.net finden sie zwar immerhin, dass es „wenig plausibel“ erscheine, „dass die deutsche Regierung sich jetzt erstmals mit einem solchen Szenario befasst“ — die „Bild“-Geschichte haben sie aber trotzdem mal abgeschrieben:

Derweil will die Bild-Zeitung erfahren haben, dass nun auch die deutsche Kanzlerin eine Staatspleite Griechenlands nicht mehr ausschließt.

Nachtrag, 15.05 Uhr: Nachdem sich die dpa über zwölf Stunden lang auf “Bild” verlassen hatte, ist ihr inzwischen doch noch aufgefallen, dass die vermeintliche Neuigkeit gar keine ist. Die aktuellste Meldung zum Thema (erschienen um 12.49 Uhr) ist überschrieben mit:

«Grexit»: Bundesregierung hat keine neue Haltung

Menschenfleisch, Rand Paul, Elisabeth II.

1. “Interview zu angeblichen MH17-Manipulationen: ‘Bellingcat betreibt Kaffeesatzleserei'”
(spiegel.de, Benjamin Bidder)
Bildforensiker Jens Kriese spricht über Analysen von Satelliten-Aufnahmen bezüglich der Absturzursache von Malaysia-Airlines-Flug 17: “Wir können nicht wissen, ob die Bilder zeigen, was Moskau behauptet. Diese ‘Analyse’ aber hat nichts gebracht – die Steigerung der Bekanntheit von Bellingcat einmal ausgenommen.” Siehe dazu auch “Falsche Wolken über der Ukraine? Die Photoshop-Arbeiten des Kreml und die Fehler der Bellingcat-Analyse” (stefan-niggemeier.de).

2. “Kodexfusion bei der ‘Zeit’: Gemeinsame ethische Richtlinien für Print und Online”
(stefan-niggemeier.de)
Stefan Niggemeier veröffentlicht den neuen “Code of Ethics von ZEIT ONLINE und DIE ZEIT”.

3. “BBC-Journalistin erklärt Queen fälschlicherweise für tot”
(blog.zeit.de/teilchen, Tobias Dorfer)
Eine BBC-Journalistin twittert, Königin Elisabeth II. sei gestorben. “Der Fauxpas sei während einer ‘technischen Übung’ passiert. ‘Die Tweets wurden inzwischen gelöscht und wir entschuldigen uns für den Vorfall.'”

4. “Vorsicht Fake: Wie man Falschmeldungen im Netz enttarnt”
(fachjournalist.de, Bernd Oswald)
Bernd Oswald gibt Tipps, um Fakes zu enttarnen: “Man kann es vermeiden, falschen Identitäten aufzusitzen, wenn man die Herkunft des Profils hinterfragt und mit anderen Web-Profilen vergleicht. Im Zweifelsfall ist das gute alte Telefon der wichtigste Verbündete beim Überprüfen von sonderbar anmutenden Informationen.”

5. “Kannibalen-Falschmeldung kreist 2 Jahre lang durchs Netz”
(kobuk.at, Moriz Büsing)
Servierte ein Restaurant in Nigeria Menschenfleisch, wie das “Heute” und “Österreich” behaupten? Nein. “Es ist doch bemerkenswert, wie eine Meldung von einem nigerianischen Blog fast 2 Jahre später noch um die Welt gehen kann. Und in diesen 2 Jahren hat es sich niemand (bis auf die BBC heute) angetan, bei der nigerianischen Polizei nachzufragen, ob an der Geschichte etwas Wahres dran ist.”

6. “Fox News Explains Why Rand Paul Was Left Out of 2016 Poll Graphic”
(mediaite.com, Matt Wilstein, englisch)

Keine Reise nach Jerusalem

Der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier ist in den vergangenen Tagen durch den Nahen Osten gereist. Mitte Mai war er schon einmal in der Region und besuchte den Libanon und Jordanien, ein Abstecher nach Jerusalem oder Tel Aviv stand hingegen nicht auf dem Programm. Das soll diplomatische Folgen gehabt haben, wie der “Spiegel” in seiner aktuellen Ausgabe schreibt:

Und tatsächlich ist ein ziemlich umständlicher Weg nötig, wenn man aus der libanesischen in die jordanische Hauptstadt (oder umgekehrt) fliegen will. Allerdings nicht nur für deutsche Außenminister, die ihre israelischen Polit-Kollegen verärgert haben sollen, sondern für jeden Passagier eines jeden Verkehrsflugzeugs.

Da wegen des weiter geltenden Kriegszustands zwischen dem Libanon und Israel aktuell kein Luftkorridor zwischen beiden Ländern besteht, können Flugzeuge nicht die direkte 240-Kilometer-Route von Beirut nach Amman über israelisches Gebiet nutzen. Sie müssen entweder einen Umweg über Syrien fliegen, so wie es “Zeit”-Redakteur Yassin Musharbash erlebt und aufgeschrieben hat. Oder sie fliegen raus aufs Mittelmeer in Richtung zyprischen Luftraum und dann in einem weiten Bogen über Ägypten nach Jordanien. Alternativ soll es auch einen Weg über Zypern und anschließend über israelisches Hoheitsgebiet geben (wofür wir allerdings keine aktuellen Flugdaten gefunden haben).

Die Route, die die Regierungsmaschine von Frank-Walter Steinmeier vor knapp zweieinhalb Wochen nehmen musste, ist also nicht so ungewöhnlich, wie der “Spiegel” es darstellt. Das ist auch dem “Israelnetz” aufgefallen. Autor Ulrich W. Sahm hat sowohl beim Auswärtigen Amt als auch im israelischen Außenministerium nachgefragt, was an der “Spiegel”-Meldung dran ist. Beide Seiten erklärten, dass es weder eine Verägerung noch einen “unfreundlichen Akt” gegeben habe.

Der “Spiegel” hat inzwischen auch reagiert und online eine leichte Korrektur veröffentlicht. Die Redaktion bleibt aber bei ihrem Standpunkt, dass die Israelis “eine deutlich kürzere Route” im “Falle Steinmeiers verweigerten”.

NonstopNews, Seymour Hersh, Instant Articles

1. “Breaking News in Delmenhorst”
(ndr.de, Video, 29:17 Minuten)
Julian verbringt sieben Tage mit Blaulicht-Reportern der TV-Agentur NonstopNews aus Delmenhorst.

2. “‘Laut einem Medienbericht’ – wie Nonsense aus der ‘Bild’ die Roaming-Debatte bestimmt”
(blog.lehofer.at)
Hans Peter Lehofer beschäftigt sich mit einer von anderen Medien aufgegriffenen “Bild”-Story. “Wäre es wirklich zuviel verlangt, einmal kurz eine Suchmaschine zu bedienen, um die Behauptungen der ‘Bild’ zu überprüfen, vor allem wenn sie schon beim ersten Blick unglaubwürdig sind? Hätte nicht irgendjemand auf die Idee kommen können, sich das ‘Geheimpapier’ einmal anzuschauen?”

3. “The media’s reaction to Seymour Hersh’s bin Laden scoop has been disgraceful”
(cjr.org, Trevor Timm, englisch)
Wie Journalisten auf das Stück “The Killing of Osama bin Laden” von Seymour Hersh in der “London Review of Books” reagiert haben: “This is not to say all the assertions contained in Hersh’s story are accurate. Some may turn out not to be true; I simply don’t know. But neither do any of Hersh’s critics, because, unfortunately, the flippant blog posts dismissing Hersh out of hand outnumber follow-up reporting on his stories by about 50 to one.” Siehe dazu auch “Podcast Extra: Seymour Hersh” (onthemedia.org, Audio, 22 Minuten, englisch).

4. “Secrets of the Brussels media machine”
(thepressproject.net, Nikos Sverkos, englisch, 2. Mai)
Nikos Sverkos schreibt über die Medien in Brüssel: “In terms of collection and distribution of news, the main players in the system are the three major European-level media outlets: the agencies Reuters and Bloomberg, and the Financial Times newspaper. Whatever this group reports, all other media outlets in Europe rush to reproduce. Thus – intentionally or not – articles published by the group are spread widely.”

5. “Bitte benutzen Sie den Lieferanteneingang”
(faz.net, Michael Hanfeld)
Michael Hanfeld kritisiert eine Kooperation von “Spiegel” und “Bild” mit Facebook, Instant Articles: “Facebook wird zum Verleger – mit den Inhalten anderer, die sich auch noch darüber freuen, dass sie ihre Werke kostenlos abgeben dürfen. Man muss sich das entsprechende Werbevideo von Facebook antun: Da sehen wir Journalisten mit Stockholm-Syndrom, die mit glänzenden Augen erzählen, wie schnell ihre Story bei Facebook aufpoppt. Als wäre das ein Gnadenerweis, als gäbe es außerhalb von Facebook kein Leben in der Online-Welt.” Siehe dazu auch “könige, kaiser und lakaien” (wirres.net, Felix Schwenzel) – in dem der Text von Hanfeld als “ein schneller, hingekotzter aufregertext” beschrieben wird.

6. “Funkstille für Rundfunkjournalisten!”
(prinzessinnenreporter.de, Elke Wittich)
Printjournalistin Elke Wittich erzählt von Erfahrungen, die sie mit Hörfunkjournalisten gemacht hat: “Guten Tag, ich bin Frau Dingens vom wichtigen Rundfunksender Sowieso und ich habe mit großer Begeisterung Ihren Artikel gelesen. Ach so, nein, ich möchte Sie nicht interviewen, ich mache selber einen Beitrag zum Thema, könnten Sie so nett sein und mir die Kontaktdaten derjenigen geben, mit denen Sie gesprochen haben, danke. Nein, jetzt, können Sie nicht später Ihre Deadline einhalten/in Urlaub fahren/wasimmer, es ist wirklich dringend? Und super wäre es, wenn Sie mir eben sagen, welche Aspekte Sie für besonders wichtig halten, vielleicht so als kurze Gliederung.”

Eritrea, Geo Epoche, Freizeit im Blick

1. “Freizeit im Blick, Realität aber nicht”
(topfvollgold.de, Moritz Tschermak)
“Wie schlimm steht es wirklich um ihn?”, fragt die Zeitschrift “Freizeit im Blick” bezüglich dem Ende März verstorbenen Karl Moik.

2. “Letzter Platz: Pressefreiheit in Eritrea”
(ndr.de, Video, 6:28 Minuten)
David Isaak sitzt bereits 14 Jahre im Gefängnis. Als Journalist einer Wochenzeitung veröffentlichte er einen offenen Brief, in dem Reformen gefordert wurden.

3. “Friedemann Karig: Die Abschaffung der Wahrheit”
(youtube.com, Video, 51:54 Minuten)
Friedemann Karig beschäftigt sich mit Verschwörungstheorien und ordnet sie auf einer Achse von heterodox bis orthodox.

4. “Frau Zschäpe und ich”
(journalist.de, Tom Sundermann)
Tom Sundermann ist einer von vier freien Journalisten, die einen Platz am NSU-Prozess zugelost erhielten: “Lange Erklärungsabsätze, in denen die Verbindung zwischen dem Zeugen X und dem NSU-Trio hergestellt wird, sind unvermeidlich. Andernfalls würde ich Berichte über den Prozess zur geschlossenen Veranstaltung machen. Die Diskussion in den Onlinekommentaren bestimmt ein fester Kern aus Lesern, die die Artikel zum Thema genauestens verfolgen – meist vor dem Hintergrund einer eindeutigen politischen Haltung.”

5. “‘Geo Epoche’ irritiert mit verzerrtem ‘Buback-Nachruf'”
(tagesspiegel.de, Eckhard Stengel)
Eckhard Stengel wirft “Geo Epoche” vor, selektiv beziehungsweise nicht ausführlich genug zu zitieren: “226 Zeilen lang war der Text, doch die meisten Medien zitierten daraus immer wieder nur vier Zeilen: ‘Meine unmittelbare Reaktion, meine ‘Betroffenheit’ nach dem Abschuß von Buback ist schnell geschildert: ich konnte und wollte (und will) eine klammheimliche Freude nicht verhehlen.'”

6. “Einfach mal das Mikrophon niedersinken lassen!”
(katzundgoldt.de)

Baltimore, Blendle, Bahnerth

1. “How Western media would cover Baltimore if it happened elsewhere”
(washingtonpost.com, Karen Attiah, englisch)
Karen Attiah malt sich aus, wie westliche Medien berichtet hätten, wären die Ausschreitungen im Baltimore nach dem Tod von Freddie Gray nicht in den USA passiert.

2. “NZZ-Digitalchefin: ‘Wir müssen im deutschsprachigen Raum zu den Besten zählen'”
(tageswoche.ch, Michaël Jarjour)
Ein Interview mit Anita Zielina, die bei der NZZ als “Chefredaktorin Neue Produkte” startet: “Wir müssen mehr experimentieren. Das ist tatsächlich etwas, das in den USA deutlich weiter verbreitet ist als in den deutschsprachigen Ländern.”

3. “Stars und Journalisten – ein hinterfragenswürdiges Ökosystem”
(indiskretionehrensache.de, Thomas Knüwer)
Der Umgang mit Stars im Journalismus: “Interviews sind eng getaktet, oft genug wird der Themenkreis der erlaubten Fragen vorgegeben. Immerhin: Je hochrangiger das Medium, desto lockerer diese Regelung: ‘Spiegel’-Abgeordnete dürften in der Regel mehr Frage-Freiheit bekommen als die Abgesandten von ‘Prisma’ oder ‘Düsseldorfer Anzeiger’.” Siehe dazu auch “Do stars and news need to go their separate ways?” (theguardian.com, Krishnan Guru-Murthy, englisch).

4. “Fünf Dinge, die Redakteure wirklich nerven”
(pressesprecher.com, Stefan Brunn und Mathias Wolff)
Zwei ehemalige Tageszeitungsredakteure über die Sünden der Pressearbeit: “PR ist Zulieferindustrie. Basta. (…) Vorschriften wie ‘Bitte veröffentlichen Sie die angehängte Pressemitteilung in der Samstagsausgabe’, oder ‘Bitte stimmen Sie sämtliche Änderungen an der PM mit unserer Pressestelle ab’, sind der formvollendete Beweis eines peinlichen Rollenmissverständnisses.”

5. “Blendle: A radical experiment with micropayments in journalism, 365 days later”
(medium.com, Alexander Klöpping, englisch)
Alexander Klöpping resümiert ein Jahr Blendle: “Over the past 12 months we’ve proven in the Netherlands that there’s a new market for publishers, next to selling subscriptions, full issues and advertising. Without spending a single euro on marketing, we gathered over a quarter of a million users.”

6. “Mein Leben mit Michael Bahnerth”
(verlag.baz.ch, Guy Morin)
Politiker Guy Morin antwortet Journalist Michael Bahnerth, der ihm in einem Artikel vorgeworfen hatte, er würde für einen Regierungspräsidenten unwürdige Schuhe tragen.

Snapstream, CEN, YouTube

1. “Der Medienmanipulator als Agent Provocateur: Schwarze Schafe sind noch lange keine Wölfe”
(wortvogel.de, Torsten Dewi)
Torsten Dewi denkt nach über die moralische Empörung über Provokationen: “Und so lassen wir uns von denen, die angetreten sind, uns zu provozieren, provozieren. Wir lassen uns am Nasenring durch die öffentliche Diskussion ziehen, während wir glauben, die Richtung vorzugeben.”

2. “Warum die ‘Heute Show’ neidisch nach Amerika blickt”
(sueddeutsche.de, Hakan Tanriverdi)
Hakan Tanriverdi stellt Snapstream vor, eine Suchmaschine für das Fernsehen: “Warum gibt es so einen Dienst in den Vereinigten Staaten, aber nicht in Deutschland? Es liegt an der US-Regulierungsbehörde Federal Communications Commission (FCC). Sie hat im Jahr 1999 vorgeschrieben, dass fast alle Sendungen untertitelt sein müssen, akkurat und möglichst synchron: Das zielte natürlich nicht auf die Zweitverwertung durch Firmen wie Snapstream, sondern auf Menschen, die schlecht hören oder ganz taub sind. Selbst die Macher von Live-Sendungen stehen in der Pflicht, müssen live transkribieren.”

3. “The King of Bullsh*t News”
(buzzfeed.com, englisch)
Die Storys der Central European News (CEN) mit Hauptsitz im britischen Canterbury: “They’re often bizarre, salacious, gruesome, or ideally all three: If you’ve read a story about someone in a strange country cutting off their own penis, the chances are it came from CEN.”

4. “‘Es wird viel gelogen'”
(ostpol.de, Othmara Glas)
Ein Interview mit Jutta Sommerbauer zur Berichterstattung aus der Ukraine: “Man kann physisch nur auf einer Seite der Front sein. Je nachdem welche Seite das ist, sind bestimmte Informationen zugängig. Da wird viel gelogen. Oft stecken propagandistische Absichten dahinter. Eine verlässliche Berichterstattung ist nicht immer einfach. Wenn man sich unsicher ist oder bestimmte Fakten nicht verfügbar sind, sollte man das dem Leser jedoch auch so kommunizieren.”

5. ” Das Geschäft mit den Youtube-Stars”
(faz.net, Michael Ashelm und Julia Löhr)
Die Vermarktungsgesellschaften hinter YouTube-Inhalten arbeiten wie wie Plattenfirmen in der Musikindustrie, schreiben Michael Ashelm und Julia Löhr: “Die reichweitenstärksten Netzwerke kommen auf mehr als 500 Millionen Zugriffe im Monat und sind damit de facto große Online-TV-Sender.”

6. “Landwirtin sauer: Spiegel erschleicht sich Interview”
(topagrar.com, Alfons Deter)
Landwirtin Anneli Wehling fühlt sich von einer “Spiegel”-Journalistin überrumpelt: “Wehling legte in der lockeren Unterhaltung freimütig ihre Sicht der Dinge dar: Dass es sicherlich Fehlentwicklungen gebe und sich alle Verbände mal an einen Tisch setzen müssten, um die Herausforderungen der Zukunft zu meistern. ‘Im Gespräch am Rande mit der Journalistin habe ich mich schon kritisch über die Ausrichtung der Landwirtschaft und auch über Kostendruck auf den Betrieben geäußert und was diese Entwicklung treibt. Aber nicht in der Form, wie im Spiegel zitiert wird, sondern so dass ich auch dazu stehen kann! Hier bin ich offensichtlich sehr blauäugig auf billigen Journalismus gestoßen, der nur seine reißerische Story brauchte!’, so Wehling gegenüber top agrar online.”

Dirk Hoerens Hartzer-Käse

Stellen Sie sich vor, Sie sind Dirk Hoeren von der „Bild“-Zeitung und sollen tun, was Sie auch sonst tun, nämlich Stimmung machen, aber diesmal nicht gegen Rumänen und Bulgaren, sondern, wie früher, gegen die „faulen“ Hartz-IV-Empfänger.

Passenderweise hat die Bundesagentur für Arbeit jüngst eine Statistik veröffentlicht (Excel-Datei), in der es um die Sanktionen geht, die Hartz-IV-Empfänger bekommen, wenn sie zum Beispiel eine Arbeit verweigern oder einen Termin verpassen; eine seit jeher willkommende Hetzgrundlage für die Leute von “Bild”.

Ein kleines Problem ist nur: Eigentlich gibt die Statistik diesmal nichts her, womit man die „Hartzer“ (O-Ton Hoeren) schlechtmachen könnte. Im Gegenteil:

  • Die Zahl der Sanktionen ist in den vergangenen zwei Jahren kontinuierlich gesunken; 2014 waren es über 23.000 weniger als 2012.
  • Auch die durchschnittliche Sanktionsquote (in Bezug auf alle Leistungsberechtigten) hat sich verringert: von 3,4 im Jahr 2012 auf 3,2 im Jahr 2014.
  • Und vor allem: Die Anzahl der sanktionierten Leistungsberechtigten war im vergangenen Jahr mit grob 440.000 so niedrig wie seit 2007 nicht. Anders gesagt: Es wurden noch nie so wenige Hartz-IV-Empfänger bestraft wie im vergangen Jahr.

Damit lässt sich das Bild des faulen Hartzer-Packs natürlich nur schwer untermauern. Also was machen Sie? Klar: Einfach alles Positive ignorieren — und weiter nach einer Zahl suchen, die man den Schmarotzern um die Ohren hauen kann:

Schon eine Idee?

Dirk Hoeren hatte eine. Sein Artikel beginnt so:

Die Zahl säumiger Hartz IV-Empfänger, die Arbeit ablehnen oder Termine beim Jobcenter verpassen, geht einfach nicht zurück!

Hoeren pickt sich kurzerhand die Spalten 4 und 5 (Meldeversäumnisse) heraus, addiert sie — und behauptet dann, die Zahl „säumiger Hartz IV-Empfänger“ gehe „einfach nicht zurück!“ Das ist zwar nicht falsch. Aber eben nur ein Teil der Wahrheit.

Und während andere Medien titeln: “Zahl der Hartz-IV-Sanktionen weiter gesunken”, lautet die “Bild”-Überschrift:

Hoeren schreibt:

Drei Viertel der Strafen (747793) wurden wegen vergessener Termine beim Jobcenter oder ärztlichen Dienst ausgesprochen. Höchststand seit Einführung von Hartz IV 2005! Dabei erinnern Jobcenter die Hartzer seit April 2013 auf Wunsch per SMS an Termine.

Nur darf man dabei nicht vergessen: Diese Zahl bezieht sich auf ein ganzes Jahr — und verteilt sich auf sämtliche Hartz-IV-Empfänger. Um das mal in Relation zu setzen: Im Dezember 2014 beispielsweise gab es insgesamt 4.322.022 Leistungsberechtigte in Deutschland. Gut 90.000 Sanktionen wurden in diesem Monat ausgesprochen, davon 68.000 wegen Meldeversäumnissen. Selbst wenn man davon ausgeht, dass jede Sanktion gegen eine andere Person ausgesprochen wurde (und nicht mehrere Sanktionen pro Person), macht das eine „Faulen“-Quote von sage und schreibe 1,6 Prozent.

Auf das ganze Jahr bezogen (insgesamt 441.686 sanktionierte Personen, egal aus welchem Grund) ergibt sich eine Quote von gut 10 Prozent, was bedeutet, dass sich immerhin 90 Prozent aller Leistungsberechtigten nichts hat zu Schulden kommen lassen.

Darüber verliert Dirk Hoeren freilich kein Wort. Stattdessen zitiert er am Ende des Artikels noch Vertreter aus der Politik Union:

CDU-Wirtschaftsexperten halten Sanktionen gegen säumige Hartzer weiter für nötig. Wolfgang Steiger, Generalsekretär des CDU-Wirtschaftsrates: „Die hohe Zahl der Verstöße zeigt, dass sich zu viele Empfänger von Sozialleistungen in ihrer Lebenslage eingerichtet haben.“ Der Chef der CDU/CSU-Mittelstandsvereinigung, Carsten Linnemann: „Bei gut 700 000 Sanktionen allein wegen Meldeverstößen sehen wir, dass ‘Fordern und Fördern’ untrennbar zusammengehören.“

Vertreter der SPD, die die Sanktionen entschärfen wollen, kommen nicht zu Wort. Auch die Grünen, die die Sanktionen ebenfalls kritisch sehen, oder die Linke, die die Sanktionen ganz abschaffen will, werden mit keinem Wort zitiert.

Vielleicht hatte Dirk Hoeren einfach keine Zeit mehr dafür, schließlich musste auch noch einen Kommentar schreiben — in dem er fordert:

Die Jobcenter sollten sich endlich mit voller Energie um die Willigen kümmern können. Um diejenigen, die sich aus der Hartz-Misere herausarbeiten wollen. (…) Hunderttausende Hartz-Bezieher wollen lieber eine Stelle statt Stütze. Genau denen gehört die volle Aufmerksamkeit.

Die von Dirk Hoeren natürlich ausgenommen.

Meute- und Jagd-Reflexe – und wie man sich davor schützt

Ein Gastbeitrag von Ulli Tückmantel, 48, seit Mai 2014 Chefredakteur der “Westdeutschen Zeitung” in Düsseldorf.

Soll ich mal sagen, wie es sich anfühlt, wenn man die eigene Zeitung als Deppen-Medium im BILDblog zitiert findet? Es ist Mist. Die Westdeutsche Zeitung gehörte zu den Blättern und Online-Auftritten, die Mats Schönauer am 31. März im Beitrag „Quelle: Pizzabäcker“ als eine der Zeitungen aufführte, die die Erkenntnisse des Düsseldorfer Pizzabäckers Habib Hassani über die Essgewohnheiten des Germanwings-Co-Piloten (Pizza und Tiramisu) in den Rang einer Nachricht erhob.

Mich hat nicht geärgert damit im BILDblog zu landen, weil Reporter im Wohnumfeld des Co-Piloten Menschen befragt haben, die etwas über ihn sagen können (oder auch nicht). Das muss dem BILDblog nicht gefallen, gehört aber zum Geschäft, und ich erwarte von unseren Reportern, dass sie diese Informationen beschaffen. Dass ich zunächst nicht glauben wollte, dass die Pizzabäcker-Quelle tatsächlich ins Blatt gerutscht war (auf einer hinteren Seite unserer Düsseldorfer Lokalausgabe), hatte andere Gründe: Wir hatten am Mittag des Vortags entschieden, genau das nicht zu tun, weder im Mantel noch im Lokalen.

Zur Erinnerung: In den ersten Tagen nach dem Absturz war keineswegs alles über die beiden Piloten, die Crewmitglieder und die Passagiere von Flug 4U9525 öffentlich bekannt. Unsere Redaktion wusste sehr früh sehr viel — und damit auch, dass eine detailliertere Veröffentlichung als zum Verständnis des Ereignisses notwendig war, die Gefahr barg, unbeteiligte Angehörige, Freunde und Verwandte der Toten im Verbreitungsgebiet unserer Zeitung zu weiteren Opfern zu machen.

Für uns war damit klar, wo wir die Grenze unserer Berichterstattung zu ziehen haben: Keine Nahaufnahmen, auch keine gepixelten, von trauernden Angehörigen am Düsseldorfer Flughafen, keine Namensnennung, auch nicht abgekürzt, von Co-Pilot und Pilot, keine Details im Text (Ortsteil, Straßennamen, Anwohner etc.), die unbeabsichtigt zur Identifizierung unbeteiligter Dritter führen können.

Der Pizzabäcker-Text, auch wenn es nur ein Einspalter in nur einer Lokalausgabe war, verstieß gegen unsere eigenen Maßgaben und eine wichtige Erkenntnis, die wir zu diesem Zeitpunkt bereits als Regel für die weitere Berichterstattung und künftige Großschadensereignisse dieser Art eingeführt hatten: Reporter sammeln die Informationen — aber sie entscheiden nicht, was davon auf welchem Kanal und wie publiziert wird. Das entscheiden die Redakteure am Desk.

Denn das eine ist das Recherchieren von Informationen. Das andere aber ihre redaktionelle Bewertung, Bearbeitung und Verbreitung. Wir sind überzeugt, dass die klare Trennung zwischen Autoren und Editoren der beste Schutz davor ist, Meute- und Jagd-Reflexen zu erliegen und Grenzen zu überschreiten, die für genau solche Nachrichtenlagen gesetzt sind. Bei der Gelegenheit ist uns aufgefallen, dass wir in Wahrheit kein einfach zu handhabendes Regelwerk für solche sich schnell entwickelnden Lagen haben. Wenn die Lage da ist, hat in keinem Newsroom irgendjemand Zeit, in aller Ruhe noch einmal den Pressekodex zu studieren oder die 50-seitige Empfehlung des Presserats für Amok-Berichterstattungen (PDF) nachzulesen. Wir brauchen ein DIN-A4-Blatt, fünf oder sechs klare Ansagen, die jeder am Desk und in den lokalen Teams versteht; wir arbeiten daran.

Das wird uns im Zweifelsfall auch künftig nicht vor Fehlern wie dem Pizzabäcker-Blödsinn schützen. Aber es schützt uns davor, besinnungslos und aus falschem Selbstverständnis die falsche Zeitung zu machen.

Vielen 4U9525-Seiten etlicher Regionalzeitungen, die von eigentlich sehr vernünftigen Leuten gemacht werden, sieht man in der Nachschau an, dass bei ihnen im Eifer des (vermeintlichen) nachrichtlichen Wettbewerbs die inneren Kompassnadeln komplett rotiert haben müssen. Wenn es um die Nennung von Namen und die Präsentation von Bildern von Tatverdächtigen und Opfern geht, werden deutsche Medien — vorausgesetzt, sie halten sich an deutsches Recht und deutsche Regeln — im Wettbewerb mit britischen und amerikanischen Medien immer verlieren, denn dort gelten andere Regeln.

Die Berliner Büroleiterin der New York Times fühlte sich in einem etwas wirren Text jüngst bemüßigt, ihren amerikanischen Lesern das offenbar als Frechheit empfundene Verschweigen vollständiger Namen von Opfern, Angehörigen und Trauernden zu erklären: Die von Nazi- und Stasi-Zeit gebeutelten Deutschen machten aufgrund ihrer Geschichte ein riesen Gewese um ihre Privatsphäre, schrieb sie sinngemäß.

Selbst wenn es keine rechtlichen oder ethischen Gründe gäbe, dem Sensationstaumel reißerischer, identifizierender Berichterstattung in einem ungewinnbaren Wettbewerb nicht zu erliegen, bliebe für jede Regionalzeitung am Ende immer noch die Frage, warum sie sich mutwillig selbst beschädigen sollte. Wenn, wie der Tagesspiegel das Schweizer Institut Mediatenor zitiert, das Thema bei ARD und ZDF in der Spitze 59 Prozent aller Nachrichtenplätze besetzt hielt (WM-Sieg 2014 und Fukushima laut dieser Quelle: jeweils 41 Prozent) und damit einen Allzeit-Rekord aufstellt — was kann die Redaktion einer Regionalzeitung eigentlich tun, um in diesem Information-Overkill einen Unterschied zu machen?

Bei ruhiger See und klarem Tagesverstand wissen die meisten Regionalzeitungen, dass sie weder für die Weltöffentlichkeit schreiben, sondern für eine klar umrissene Leserschaft in einem geografisch begrenzten Raum, noch für Leute, die gern in 80-Punkt-Überschriftengröße angeschrien werden, sondern für Menschen, die eine sachliche Nachrichten-Sortierung wünschen. Fragen Sie einen beliebigen Kioskbesitzer oder Tankstellenpächter ihres Vertrauens: Wenn Leser zu einer regionalen Tageszeitung ein weiteres Presseprodukt im Bundle kaufen, dann ist es in überwiegend ein Boulevard-Titel, seltener eine überregionale Zeitung — und fast nie der örtliche Konkurrenz-Titel.

Wenn Leser von mir gar nicht erwarten, dass ich mich aufführe wie die New York Times oder wie BILD, wenn zudem journalistisch nichts oder wenig dafür spricht — warum sollte eine Redaktion es dann um den Preis der Beschädigung ihres Markenkerns eigentlich tun? Nicht obwohl, sondern weil Zeitungen gegenüber der Öffentlichkeit ihre Gatekeeper-Funktion verloren haben, sind Redaktionen heute freier denn je, sich zu entscheiden, welches Produkt sie ihren Lesern bieten wollen.

Wir haben unseren Lesern in einem längeren Lesestück erklärt, wie wir uns in der 4U9525-Berichterstattung derzeit verhalten und warum. Wir haben den Halterner Schüler Mika Baumeister in gleicher Textgröße schildern lassen, wie er das Auftreten der Medien erlebt hat. Die Resonanz aus unserer Leserschaft war fast durchweg positiv. Einige haben uns darauf hingewiesen, dass wir wenig Anlass haben, uns moralisch über andere zu erheben (stimmt), viele waren regelrecht dankbar. Kein einziger hat sich beschwert, dass wir ohne Namensnennung und ohne geklaute Facebook-Bilder arbeiten. Unsere Leser wissen, dass wir Fehler machen. Aber sie nehmen uns ab, dass wir weder absichtlich alles falsch machen noch beim ersten nachrichtlichen Windstoß alle Regeln über Bord werfen.

Beim Presserat stapelten sich acht Tage nach dem Absturz bereits mehr als 400 Beschwerden von Lesern über die 4U9525-Berichterstattung. Noch nie haben sich zu einem Thema so viele Chefredakteure und redaktionell Verantwortliche gegenüber ihren Lesern verteidigt, entschuldigt oder erklärt wie nach dem Germanwings-Absturz. Die Reaktion der Menschen, die einmal das Publikum waren, wird wahlweise als vollkommen überzogenes Medien-Bashing oder als Sieg der fünften Gewalt über die vierte wahrgenommen, den der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen (zuletzt in seinem getarnten Entschuldigungsschreiben für den vergeigten “Zeit”-Titel der Vorwoche) ja seit Jahren postuliert.

So oder so: Hinter diese Zäsur kann künftig keine Redaktion mehr zurückfallen. Das bleibt jetzt so. Wir werden mehr und häufiger mit unseren Lesern darüber sprechen müssen, was wir machen und was nicht. Und ob man dabei ins Gespräch oder ins Gerede kommt, hat man — wie meistens im Leben — selbst in der Hand.

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