Suchergebnisse für ‘spiegel online’

100 Leid-Artikel, Das Fegefeuer des Wettergotts, Blick auf RB Leipzig

1. “Wir sind nicht die Feinde des Volkes”
(sueddeutsche.de, Christian Zaschke)
Der amerikanische Präsident Donald Trump überzieht die Medien seit seinem Amtsantritt mit hasserfüllten Attacken und bezeichnet sie öffentlich gar als “Feinde des Volkes”. Auf Initiative des “Boston Globe” haben sich mehr als 100 Zeitungsredaktionen in den USA zusammengeschlossen, um ein Zeichen gegen Trump und seine pressefeindliche Agitation zu setzen: Am heutigen Donnerstag erscheint in jedem der Blätter ein Leitartikel, der sich kritisch mit Trumps Angriffen auseinandersetzt.

2. Huch, Agathe, die Leser schreiben!
(spiegel.de, Sascha Lobo)
Die “Deutsche Welle” hat vor ein paar Tagen die Kommentarfunktion unter ihren Beiträgen weitgehend abgeschaltet. Man sehe sich außerstande, die Vielzahl von teilweise hasserfüllten und beleidigenden Kommentaren zu moderieren. Sascha Lobo hält dies für eine falsche Entscheidung. Eigene Communities seien der kritische Erfolgsfaktor von Medienseiten. Daher würde es sich lohnen, in diese zu investieren: “Man muss das nur wollen und eben bezahlen wollen — eine Prioritätenfrage. Aber da Kommentarverachtung unter Medienpeople zum guten Ton gehört, möchte man in diese Latrine natürlich nicht auch noch Geld hineinwerfen.”

3. Jörg Kachelmann im Interview: “Warum schreibt ihr so einen Scheiß?”
(hna.de, Matthias Lohr)
Medienvertreter, die den Wetterexperten Jörg Kachelmann interviewen, müssen Nehmerqualitäten haben. “HNA”-Redakteur Matthias Lohr hat sich der Herausforderung gestellt und mit Kachelmann telefoniert. Sein Artikel endet mit den Worten: “Falls es einen Wettergott gibt, wünscht man sich nach diesem Interview, dass es bitte nicht Jörg Kachelmann sein möge. Sonst wird es für einen im Fegefeuer sehr viel heißer werden als diesen Sommer. Und trockener sicher auch.”

4. “Kinder werden nicht zu Nazis, wenn sie ein Hakenkreuz sehen”
(zeit.de, Lisa Hegemann)
Bislang waren Hakenkreuze, SS-Runen oder der Hitlergruß in Computerspielen verboten, doch die Prüf- und Freigabestelle USK hat diese Regelung aufgehoben. Lisa Hegemann hat für “Zeit Online” mit der Medienwissenschaftlerin Lisa Gotto über die möglichen Folgen gesprochen. Gotto hat keine Bedenken, dass es nun zu einer Hakenkreuz-Überflutung kommt: “Die USK wird auch künftig noch jedes Computerspiel einzeln daraufhin prüfen, ob es für Kinder und Jugendliche geeignet ist. Auch in anderen Medien werden Nazisymbole ja nicht inflationär abgebildet, nur weil man sie theoretisch zeigen darf.”

5. Tschüss Google, Tschüss Tracking?
(journalist-magazin.de, Marvin Milatz)
Seit dem 25. Mai gilt die neue Datenschutzgrundverordnung (DSGVO). Viele Verlage haben daraufhin ihre Abläufe überprüft und angepasst. Doch an ein Feld will man ungern ran: den Werbemarkt. Und deshalb setzen Medienseiten immer noch auf den Einsatz von Cookies und Trackingtools. Der österreichische “Standard” beschreitet nun einen neuen Weg: Für sechs Euro im Monat kann man eine komplett trackingfreie Version beziehen. Medien- und Datenjournalist Marvin Milatz hat sich das Modell näher angeschaut und bei anderen Medienhäusern nach deren Strategie gefragt. Ein spannender Blick auf einen Aspekt, der ansonsten weitgehend im Dunklen bleibt.

6. Sportjournalismus: RB Leipzig – neutrale Berichterstatter als Spiegel der Kritik?
(fachjournalist.de, Jonas Bormann)
Der vom Brausehersteller Red Bull finanzierte Fußballklub RB Leipzig sieht sich seit seiner Gründung Kritik ausgesetzt. Dabei geht es unter anderem um die als unfair empfundene Finanzkraft des Klubs und die fehlende Tradition. An der Hochschule Darmstadt wurde nun untersucht, wie deutsche Sportmedien mit der Kritik umgehen. Die Untersuchung hat sich dabei auf die Sportmedien “Kicker Online” und Sport1.de konzentriert.

Das Ende der RTL2-News, Tiefer Fall, Das Arschgeweih des ZDF

1. Die letzten bunten Wochen
(sueddeutsche.de, Jan Schwenkenbecher)
Die 15-minütige Nachrichtensendung RTL2-News galt beim Sender lange Zeit als das Nachrichtenkonzept der Zukunft. Damit ist es nun vorbei: Das Berliner Studio wird aufgelöst, den mehr als 30 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern wurde gekündigt. In einem Berliner Biergarten haben einige von ihnen ihre Sicht der Dinge erzählt, die sie aus Angst um ihre Abfindungen bisher für sich behalten haben. Der Sender sei hochprofitabel, die Sendung intern stets gelobt worden. Warum es trotzdem zum Aus gekommen ist? Die Biergarten-Runde tippt auf das Profitinteresse der Gesellschafter.

2. Ulle from the block
(taz.de, Anne Fromm)
Anne Fromm beschäftigt sich mit der Medienhetze des Boulevards gegen den Ex-Radprofi Jan Ullrich: “Ullrichs Geschichte ist nicht nur “der tiefe Fall” eines Ex-Sportlers, es ist vor allem der tiefe Fall des Sommerlochs.”

3. Osnabrücker Student aus China ausgewiesen
(ndr.de)
Der 24-jährige Journalismus-Student David Missal ist aus China ausgewiesen worden. Missal geht davon aus, dass die Ausweisung mit seiner Arbeit über die Verfolgung von Menschenrechtsanwälten in China zusammenhängt.

4. Geschäftsmodell – Leben zerstören
(spiegel.de, Christian Stöcker)
Der ultrarechte Online-Verschwörungstheoretiker und “Infowars”-Betreiber Alex Jones hat eine schlechte Woche hinter sich: Apple, YouTube, Pinterest, LinkedIn und Spotify schmissen ihn bzw. einige seiner Inhalte von ihren Plattformen: “Die augenscheinlich konzertierte Aktion aller großen Plattformen außer Twitter gegen Jones könnte ein Wendepunkt sein: Vielleicht ist man im Silicon Valley jetzt doch zu dem Schluss gekommen, dass man nicht Leuten beim Geschäftemachen helfen sollte, zu deren Geschäftsmodell es gehört, das Leben anderer Menschen mit Lügen zu zerstören.”

5. “Zur Medienkompetenz gehört, nicht immer online zu sein”
(golem.de, Tobias Költzsch/dpa)
Was in Frankreich schon gilt, fordert nun auch die Landesmedienanstalt Niedersachsen: Ein verpflichtendes Smartphone-Verbot an Schulen. Das in Frankreich jüngst beschlossene Gesetz verbietet grundsätzlich das Nutzen von Mobiltelefonen in allen Vor- und Grundschulen sowie in der Sekundarstufe I.

6. Am Arsch
(uebermedien.de, Boris Rosenkranz)
Der ZDF-“Fernsehgarten” könnte die Kultsendung der Gegner des gebührenfinanzierten Fernsehens werden: In der vergangenen Ausgabe des Fremdschäm-Klassikers haben sich Zuschauer und Gäste ein Arschgeweih mit “Fernsehgarten”-Logo aufsprühen lassen. Unter Aufsicht der hyperventilierenden Moderatorin Andrea Kiewel und der Sängerin Jasmin “Blümchen” Wagner.

Twitters partielle Blindheit, Rüder Musk-elmann, Kulenkampffs Schuhe

1. Meinungsfreiheit: Fehlt Twitter der Durchblick?
(netzpolitik.org, Jillian York)
Apple, Facebook und Youtube haben den Verschwörungstheoretiker und ultrarechten US-Online-Schreihals Alex Jones von ihren Plattformen geschmissen. Nur Twitter lässt Jones dessen Hassbotschaften und Wutreden weiter verbreiten. Dies ist laut Jillian York von der “Electronic Frontier Foundation” (EFF) auch deshalb inkonsequent, weil Twitter auf der anderen Seite den preisgekrönten ägyptischen Journalisten und Anti-Folter-Aktivisten Wael Abbas gesperrt habe: “Ein bekannter Verschwörungstheoretiker wie Jones, der verantwortlich ist für die Belästigung der Eltern ermordeter Kinder, darf also auf der Plattform bleiben. Ein preisgekrönter Journalist, der mit seinen Recherchen zu Polizeigewalt dazu beigetragen hat, eine Diktatur zu stürzen, wird dauerhaft verbannt. Es wird Zeit, diese Regeln in Frage zu stellen — und die Verantwortung derjenigen, die sie aufgestellt haben.”

2. Zielgruppe „Volk“: Das „Compact Magazin“
(der-rechte-rand.de, Kilian Behrens)
Als “Hasskommentare auf Papier” bezeichnet Kilian Behrens die Druckwerke aus dem “Compact”-Universum: “Die neue soziale Bewegung von Rechts hat mit »Compact« ein publizistisches Sprachrohr gefunden. Der offen völkische Flügel der AfD wird hier nach Kräften unterstützt, so lange es opportun erscheint. Im Zusammenspiel von Partei und Bewegung kommt dem Magazin derzeit eine Schlüsselrolle zu.” Dazu auch: unsere BILDblog-Serie “Mut zur Wirrheit” über “Compact”.

3. Meinung, Männer, Mobmaschinen
(spiegel.de, Sascha Lobo)
Elon Musk ist ein erfolgreicher Geschäftsmann und Visionär, der durch diverse Unternehmen (u.a. Paypal und Tesla) reich und berühmt geworden ist. Auf Twitter fällt er gelegentlich durch sein ausgesprochen rüdes und aggressives Auftreten auf, das unangenehme Konsequenzen für die von ihm derart Angegangenen haben kann: Unter den 20 Millionen Followern gibt es eine enorme Menge von Männern, die sich als eine Art virtueller Mob auf Musks Opfer stürzen. Sascha Lobo kritisiert die Art und Weise, wie sich Musk seine Reichweite zunutze macht: “Natürlich ist die Grenze zwischen persönlicher Empfindlichkeit und objektiven Drohungen nicht immer absolut eindeutig. Und in Zeiten größter Reichweite einzelner Personen ist man nach wie vor nicht für alle Worte und Taten des eigenen Publikums verantwortlich, natürlich nicht. Aber die Verantwortung ist viel, viel größer, als die meisten Leute glauben: Öffentlichkeit kann eine Waffe sein, und je größer die Reichweite, desto Knall.”

4. Die Welt ist kompliziert – und das ist auch gut so
(krautreporter.de, Amanda Ripley)
Bei den “Krautreportern” ist ein längeres Lesestück von Amanda Ripley vom “Solutions Journalism Network” erschienen: “Es ist mir peinlich, das zuzugeben: Ich habe mich völlig überschätzt. Ich bin seit 20 Jahren Journalistin und dachte, dass ich sehr gut darin sei zu verstehen, warum Menschen tun, was sie tun. Dann habe ich mich mit Streitschlichtern, Psychologen und Rabbinern unterhalten und festgestellt: Journalisten berichten viel über Konflikte, aber haben erstaunlich wenig Ahnung, was diese eigentlich wirklich antreibt. Wenn wir unsere Berichterstattung ändern, können wir Menschen dazu bringen, sich nicht zu verschließen in Hass und Empörung, sondern aufeinander zuzugehen und sich neuen Ideen zu öffnen.”

5. Dranbleiben ist Bürgerpflicht
(kontextwochenzeitung.de)
Jüngst hat ein Gericht entschieden, dass “Kontext” zunächst nicht mehr über ein Chat-Protokoll in Zusammenhang mit dem Mitarbeiter der AfD-Landtagsfraktion Baden-Württemberg berichten darf. Die “Kontext”-Redaktion hat einige Reaktionen auf den Richterspruch zusammengetragen.

6. Dokumentarfilm im Ersten: Kulenkampffs Schuhe
(daserste.de)
In den 60er- und 70er-Jahren erlebte das Fernsehen mit Einschaltquoten von 80 Prozent seine goldenen Zeiten. Am Samstagabend saß die Familie einträchtig vor dem TV-Gerät und schaute “Einer wird gewinnen” mit Hans-Joachim Kulenkampff oder die “Peter-Alexander-Show”. Die Regisseurin Regina Schilling wirft in ihrer Doku einen Blick auf das Unterhaltungsfernsehen von damals und hat dazu zahlreiche Showausschnitten aus der Zeit, Interviews, privates Super-8-Material sowie historische Dokumenten und Fotos zusammengetragen. Die 90-minütige Doku ist noch bis zum 15. August in der ARD-Mediathek zu sehen und verschwindet danach leider im öffentlich-rechtlichen Depublizierungs-Nirwana.

Wörterbuch der Hetze, Tele 5 und der Youtube-Abschieds-Diss, Abofalle NYT

1. Dem Verschwinden entgehen
(blogs.taz.de, Andreas Bull)
Die Auflage der gedruckten “taz” ist derzeit erschreckend niedrig: Die Rede ist von gerade einmal 26.500 Abos zu regulären Preisen. Geschäftsführer Andreas Bull erklärt im “taz Hausblog”, warum er trotz dieser Zahlen keinen Grund für Panik sieht.

2. Tele 5 kehrt Youtube mit bitterbösem Diss-Rap den Rücken
(horizont.net, David Hein)
Tele-5-Boss Kai Blasberg kehrt Youtube den Rücken und lässt alle sender-eigenen Inhalte bei der Videoplattform löschen. Alle bis auf einen bitterbösen Abschiedsgruß in Form eines Musikvideos … In einem Sprechpart (ab Minute 3:00) erklärt Blasberg dem Netzwerk seine Beweggründe, die er mit allerlei Rapper-Freundlichkeiten anreichert: “Bist Du doch, Badewanne des Rechtsbruchs, ein Meer der Schändlichkeit und des Verrats, die Pissnelke unter allen elektronischen Medienwegen.”

3. Deutsch-Rechts/Rechts-Deutsch
(spiegel.de, Sascha Lobo)
Rechte und Rechtsextreme bedienen sich eines besonderen Empörungsvokabulars, das gelegentlich nicht auf Anhieb zu verstehen ist. Sascha Lobo erklärt im Übersetzungsleitfaden “Deutsch-Rechts/Rechts-Deutsch” die wichtigsten Begriffe. Es geht dabei auch um Hetzvokabeln wie “Goldstücke”, “Remigration” und “Umvolkung”.

4. Auslandsberichterstattung: “Den Satz ‘Davon habe ich keine Ahnung’ braucht man gar nicht erst in den Mund zu nehmen”
(fachjournalist.de, Ulrike Bremm)
Im Interview mit dem “Fachjournalist” erzählt der Auslandskorrespondent Christian F. Trippe über seinen Alltag, welche Voraussetzungen man für den Job mitbringen sollte und wie es um die Zukunft seiner Zunft bestellt ist. Trippe empfindet seine Auslandsjahre als Bereicherung. Schwierig werde es jedoch gelegentlich bei der Rückkehr: “Zurückgehen ist schwerer als rausgehen. Du musst dich wieder einfädeln, du selbst hast dich verändert, die handelnden Personen und die Redaktionsstrukturen haben sich verändert. Das ist eine Herausforderung. Du bist quasi ein Redakteur mit Migrationshintergrund.”

5. Erzählt mir nix über großartigen Journalismus
(facebook.com, Michael Praetorius)
Der Publizist Michael Praetorius ist vom Umgang der “New York Times” mit ihren Lesern und Leserinnen enttäuscht. Der Abschluss eines Abos der vielgerühmten überregionalen Tageszeitung sei online binnen weniger Sekunden vonstatten gegangen. Die Hürden bei einer Kündigung seien jedoch ungleich höher. Diese erfordert nämlich den umständlichen Anruf bei einer Hotline und das persönliche Aussprechen der Kündigung. “Das ist kein sehr hohes Vertrauen in ein gutes Produkt. Wichtigste Kennzahl digitaler Geschäftsmodelle ist das Wissen darüber, ob Nutzer oft und gerne wiederkommen. Dazu gehört auch das Verständnis, dass man einen Dienst jederzeit kündigen oder pausieren kann. So zerstört man Kundenvertrauen. Erzählt mir nicht, dass man mit Digitaljournalismus kein Geld verdient, solange Verlage nicht die Basics verstehen.”

6. John Oliver zertrümmert den Wiedergutmach-Werbespot von Facebook
(rollingstone.de)
In einer groß angelegten Werbe-Kampagne will Facebook verloren gegangenes Vertrauen zurückgewinnen und sich von den Fehlern der Vergangenheit reinwaschen, unter anderem auch über ein Mea-Culpa-Filmchen. Der Satiriker John Oliver hat den Facebook-Spot für seine Late-Night-Show “Last Week Tonight” nachproduziert.

Journalistische Rechtslust, Igel an den Orgeln, Herr des Türenzischens

1. Populismus und Appeasement
(journalist-magazin.de, Michael Kraske)
Der “journalist” hat seine aktuelle Titelgeschichte online gestellt. Michael Kraske führt in dem längeren Lesestück aus, wie der Rechtspopulismus auch den Journalismus erreicht: “Magazine entdecken die Lust an Krisen- und Untergangstiteln. Bild schürt wieder Ängste gegen Minderheiten. Polit-Talker treten als Volkes rechte Stimme auf, und Redakteure werben für einen verständnisvollen Umgang mit der AfD. Derweil geht das Sterben im Mittelmeer weiter. Journalisten sind dabei, Grundwerte preiszugeben. Das dürfen wir nicht zulassen.”

2. „Ohne Igel an den Orgeln“
(taz.de)
Die “taz” startet ihren traditionellen “Unterbringwettbewerb”, bei dem ein vorgegebener Nonsense-Satz in einen Zeitungsartikel, eine Radiosendung, ein Fernsehstück oder einen Internetbeitrag geschmuggelt werden muss. Je ernsthafter, desto besser! Dieses Jahr lautet der Satz: “Ohne Igel an den Orgeln keine Orgien in Georgien.” Einsendeschluss ist der 4. Oktober 2018.

3. Wisch und weg?!?
(spiegel.de, Margarete Stokowski)
Margarete Stokowski knöpft sich in ihrer neuen “Spiegel”-Kolumne die Kritiker der aktuellen Rassismus-Debatte vor: “Die aktuelle Diskussion über Özil und #MeTwo lässt sich auf die doch etwas jämmerliche Frage reduzieren: Gibt es in Deutschland mehr Rassismus als Deutsche wahrnehmen, die von Rassismus nicht betroffen sind? Das ist für diejenigen, die Rassismus erfahren, eine Frage der Sorte “Ist der Papst katholisch?” und für andere ein richtig schönes Debattenthema. Es scheint für einige Leute naheliegender, dass sehr viele Menschen, die ein Ü, Y oder Z im Namen tragen, paranoid sind und sich Diskriminierung einbilden, als dass sie selbst etwas nicht mitgekriegt haben.”

4. “Journalisten leben eben auch in einer Blase”
(ndr.de, Caroline Schmidt, Video, 8:18 Minuten)
Die Moderatorin des Schweizer Fernsehens (SRF) Susanne Wille spricht im “Zapp”-Sommerinterview über journalistische Haltungen, ihr Eintreten für den Schweizer Rundfunk und den Sinn einer emotionalen Debatte.

5. Papierzölle gefährden US-Presse
(deutschlandfunk.de, Sebastian Schreiber)
Eine Papierfabrik im amerikanischen Bundesstaat Washington hat darüber geklagt, dass kanadische Produzenten subventionsbedingt billiger anbieten könnten. Darauf hat die Trump-Regierung höhere Einfuhrzölle für kanadisches Papier verhängt. Was die amerikanische Papierindustrie stärkt, schwächt jedoch eine andere Branche: Die eh schon angeschlagene amerikanische Zeitungsindustrie. Sind die neuen Zölle ein gezielter Angriff auf die US-amerikanische Pressefreiheit?

6. Der Herr des Türenzischens ist tot
(golem.de, Tobias Költzsch)
Der US-amerikanische Sounddesigner Doug Grindstaff ist im Alter von 87 Jahren gestorben. Wenn Sie von Grindstaff noch nie etwas gehört haben, trifft dies wahrscheinlich nur teilweise zu: Er hat die Klangkulisse für die Star-Trek-Serie aus den Sechzigern (“Raumschiff Enterprise”) kreiert. Von ihm stammen unter anderem bekannte Sounds wie das Zischen der Türen, die Sirenen für den roten Alarm, das Piepen der Kommunikatoren sowie das Geräusch, das die Transporter der Enterprise machen.

“Bild” und Rassismus, Ausgebamft, Seehofers Framing zum (Ab)Würgen

1. “Bild” weiß: Rassismus in Deutschland kein Problem
(uebermedien.de, Boris Rosenkranz)
In den letzten Tagen ging es in den Medien oftmals um Diskriminierung: Unter dem Hashtag #metwo berichteten unzählige Migranten und Migrantenkinder von ihren negativen Alltagserfahrungen. Boris Rosenkranz hat sich angeschaut, auf welche Weise “Bild” die Debatte aufgenommen hat und konstatiert: “”Bild” wehrt sich nicht gegen den Rassismus, sondern gegen den Vorwurf, dass es Rassismus gebe.”
Weiterer Lesehinweis: In seinem Beitrag Was Özil empfand, haben viele erlebt schreibt “SZ”-Autor Jan Bielicki über herkunfts- und religionsbezogene Diskriminierung als Massenphänomen. Studien würden zeigen: Die Benachteiligung sei keineswegs nur gefühlt.
Und ein weiterer Lesetipp: “Was sich unter dem Hashtag #MeTwo an Rassismuserfahrungen ansammelt, darf nicht ignoriert werden — auch wenn die “Bild” mit aller Wucht gegen Einfühlung und Menschlichkeit ankämpft”: Diese Geschichten werden unser Land verändern (spiegel.de, Georg Diez)
Und zu guter Letzt: Auf Facebook stellt sich Michel Abdollahi der “Bild”-Redaktion entgegen: “Wenn jemand als Sprachrohr der AfD jeden Tag spaltet und hetzt, dann seid ihr das. Ihr seid das prominenteste Gesicht des Rassismus in diesem Land. Ihr könnt außer Hetze und Lüge nichts anderes. Wir lassen uns nicht mehr ausgrenzen. Wir lassen uns nicht mehr einschüchtern. Wir lassen uns nicht länger von alten, weißen Männern erzählen, wann was Rassismus ist und wann nicht.”

2. Ausgebamft
(taz.de, Gareth Joswig)
Mitte April berichteten verschiedene Medien von einem angeblichen Skandal beim Bremer Bamf (Bundesamt für Migration und Flüchtlinge). Der Vorwurf: In mindestens 1200 Fällen soll die ehemalige Leiterin Ulrike B. in Zusammenarbeit mit drei Anwälten unrechtmäßig Asyl erteilt haben. Nach Bekanntwerden der “Affäre” wurde die Bremer Außenstelle geschlossen. Auf Veranlassung des Innenministeriums überprüfen Ermittler nun die dort ausgestellten positiven Asylbescheide seit dem Jahr 2000. Mit ernüchterndem (Zwischen-)Ergebnis: Von den in Rede stehenden 1200 Fällen sind bisher gerade mal 17 übrig geblieben. Wer also weiterhin von einem Skandal sprechen will, sollte damit den Skandal hinter dem “Skandal” meinen.
Weiterer Lesehinweis: Eine ausgezeichnete Aufarbeitung mit juristischer Expertise und zudem ständig aktualisiert: Der eigentliche BAMF-Skandal — erst der Rufmord, dann die Recherche? (beck.de, Henning Ernst Müller)

3. “New York Times”-Verleger warnt Trump
(spiegel.de)
“New York Times”-Herausgeber A.G. Sulzberger hat sich mit US-Präsident Trump getroffen. Das Gespräch sollte auf Wunsch des Weißen Hauses vertraulich bleiben, doch diesen Wunsch konnte Trump seinen Mitarbeitern fast erwartungsgemäß nicht erfüllen und twitterte munter drauf los. Daraufhin sah sich auch der “NYT”-Herausgeber nicht mehr an die zugesagte Verschwiegenheit gebunden und berichtete vom Gespräch.
Hier gibt es Sulzbergers Stellungnahme im Wortlaut: Statement of A.G. Sulzberger, Publisher, The New York Times, in Response to President Trump’s Tweet About Their Meeting (nytco.com, New York Times)

4. Wer von “Sprachpolizei” spricht, will die Debatte abwürgen
(sueddeutsche.de, Luise Checchin)
In einer losen Serie analysiert die “SZ” das Framing politisch oder gesellschaftlich relevanter Begriffe. In der aktuellen Folge geht es um das Wort “Sprachpolizei”, mit dem Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) den Bundesverfassungsgerichtspräsidenten Andreas Voßkuhle belegt hat. Luise Checchin befindet: “Mit seiner pauschalen Kritik am Verfassungsgerichtspräsidenten schürt Seehofer das Misstrauen in den Rechtsstaat. Und macht genau das, was er Voßkuhle vorwirft.”

5. Braucht die DSGVO ein Medienprivileg auch für Blogger, Fotografen und Pressesprecher?
(telemedicus.info, Simon Assion)
Der Deutsche Anwaltsverein empfiehlt, das Bundesdatenschutzgesetz um eine Regelung zu ergänzen, die sich auf Blogger, Podcaster, Youtuber, Twitter-Nutzer, Fotografen, Künstler, Pressesprecher und Politiker bezieht. Telemedicus-Autor und Jurist Simon Assion erklärt die Hintergründe des empfohlenen “Medienprivilegs”. (Besonders für Nicht-Juristen nicht zum schnellen Drüberfliegen geeignet, da einige Details.)
Weiterer Hinweis: Bei “Legal Tribune Online” kannst Du im DSGVO-Quiz zeigen, wie gut Du Dich mit dem neuen Datenschutzrecht auskennst.

6. Weniger Deutsche in Dresden
(twitter.com/emtiu, Michael Büker)
Michael Büker kommentiert eine Meldung der “Dresdner Neuesten Nachrichten”: “Wenn Du aus einer statistisch bedeutungslosen Schwankung von 0,15% so eine Schlagzeile baust, um Deine Leserschaft zu begeistern, bist Du wohl Journalist in Sachsen.”

Rottenboss “Bild”, Tödliches Schweigen, Pranger-Rache

1. Leute, mir ist da etwas Komisches passiert.
(twitter.com/PBahners)
Der “FAZ”-Redakteur Patrick Bahners sieht sich persönlichen Attacken der “Bild”-Zeitung ausgesetzt. Der Grund: Bahners hatte gewagt, “Bild” auf Falschaussagen in einem Artikel zur Causa Özil hinzuweisen. In einem Twitter-Thread skizziert Bahners den Ablauf und schließt mit den Worten: “Wen die @BILD sich zum Feind wählt, ist egal. Sie will ihn bloß fertigmachen. Ihn am Boden sehen. Sich einbilden, dass er wimmert. Um ihre Macht zu zeigen. Wie auf dem Schulhof der Rottenboss.”
Und wenn wir schon auf Twitter sind, hier noch ein kleines “Hihi” von Peter Breuer.

2. Wir schweigen Extremisten an die Macht
(spiegel.de, Sascha Lobo)
Wir schweigen Extremisten an die Macht, findet Sascha Lobo in seiner aktuellen Kolumne: “Wenn zu viele Menschen ihren Mund halten, obwohl sie laut sein sollten, können die Immerlauten sich und der Öffentlichkeit einreden, sie repräsentierten die Mehrheit. Und so traurig das ist, es handelt sich um eine selbst erfüllende Prophezeiung. Die schweigende Mehrheit ist in einer liberalen Demokratie keine Mehrheit. Eine stumme Mehrheit kann ohne großen Aufwand Extremisten an die Macht schweigen.”

3. “Ich bin ein trauriger Mensch”
(freitag.de, Jan C. Behmann)
Jan C. Behmann beschreibt den Wandel von Michel Friedmann vom “diskursiven Krawallmacher” zum philosophischen Denker: “Mit seinen intensiven Gesprächen mit den großen Denkerinnen und Denkern unserer Zeit hat er am Frankfurter Schauspiel und nun am Berliner Ensemble bewiesen, dass man noch Denken kann und vor allem, das einem dabei auch sehr viele Menschen zuhören, zuhören wollen.”

4. Nur über meine Bezahlschranke
(taz.de, Ilija Matusko)
Nach Angaben des Bundesverbands Deutscher Zeitungsverleger haben bereits 205 Nachrichtenmedien Bezahlschranken errichtet, hinter denen sie zumindest einige ihrer Artikel packen. Damit geht ein wichtiges Prinzip des Internets verloren, findet Ilija Matusko, der bei der “taz” für das Online-Bezahlmodell zuständig ist.

5. Wer in Österreich über rechte Medien berichtet, wird dort prompt an den Pranger gestellt
(twitter.com/brodnig)
Die Publizistin und Autorin Ingrid Brodnig berichtete 2016 in “Profil” über den rechten “Wochenblick” und seine Verbindungen zur FPÖ. Das hat ihr der “Wochenblick” nicht vergessen: Aktuell hat die Wochenzeitung die nächste Eskalationsstufe gezündet und bewirbt Brodnig-feindliche Texte gezielt bei FPÖ-Anhängern auf Facebook. Mit dem Ergebnis, dass sogar Österreichs Vizekanzler Strache (FPÖ) den Text bei sich geteilt hat.

6. Kasperl und Krokodil
(sueddeutsche.de, Wolfgang Luef)
In Österreich liefern sich zwei prominente Boulevardjournalisten ein öffentliches Duell: “Österreich”-Chefredakteur Wolfgang Fellner und “Krone”-Kolumnist Michael Jeannée haben sich gegenseitig zu Intimfeinden erkoren und liefern ein bizarres Schauspiel, das auch nach der letzten Gerichtsentscheidung nicht beendet sein dürfte.

“Bild”-Wutschäumer, SR-Facebook-Kapitulation, Burdas Siegelgeschäft

1. Ein Jammer, aber echt
(spiegel.de, Andreas Borcholte)
Die “Bild”-Zeitung bezeichnet Mesut Özils Rückzug aus der deutschen Nationalmannschaft als “Jammer-Rücktritt” und wirft ihm Selbstgerechtigkeit vor. Ignoranter geht es kaum, findet Andreas Borcholte: “… wie die “Bild”-Redakteure in ihrer sogenannten “Analyse”, beinahe jeden Satz, jede Aussage Özils diskreditieren, mit rhetorischem Schaum vor dem Mund immer wieder “kompletten Unfug”, “pures Selbstmitleid” oder “Starrsinn pur” einwerfen und dem Sportler ein Weltbild vorwerfen, das “gefährlich nah an Erdogan” sei, das ist infam.“
Dazu auch: Die «Bild» erklärt den Özil-Rücktritt — ohne das eigene Blatt nochmals zu lesen ¯\_(ツ)_/¯ (watson.ch, Christoph Bernet)

2. Saarländischer Rundfunk kapituliert vor Facebook-Mob
(uebermedien.de, Mats Schönauer)
Als der Saarländische Rundfunk (SR) einen einminütigen Bericht über eine Demo zur Seenotrettung auf Facebook stellte, ergoss sich dort ein Schwall unschöner Kommentare. Der Sender wusste sich nicht anders zu helfen, als den Beitrag komplett zu löschen, und wird dafür nun vom Veranstalter der Demo kritisiert: “Eine öffentlich-rechtliche Sendeanstalt darf der kleinen lauten Gruppe digital organisierter Rechter nicht so nachgeben. Keine Debatte ist unmoderierbar.”

3. Eichstätter Aufruf zu Achtsamkeit, Respekt und Wahrhaftigkeit beim Thema Flucht und Migration
(netzwerk-medienethik.de, Theresa Wasserer)
Das “Netzwerk Medienethik” macht auf den “Eichstätter Aufruf zu Achtsamkeit, Respekt und Wahrhaftigkeit beim Thema Flucht und Migration” vom Anfang des Monats aufmerksam. Dort heißt es unter anderem: “Wir fordern daher alle gesellschaftlichen Mitglieder, insbesondere aber die Eliten in Politik, Wissenschaft, Medien und Journalismus auf, sich ihrer Verantwortung für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und das Gemeinwohl bewusst zu werden. Dazu ist Achtsamkeit in der Wahl der Worte ebenso notwendig wie Wahrhaftigkeit, also das wechselseitige Vertrauen in die Ehrlichkeit der Argumente.”

4. Nachrichtenchef Froben Homburger im Interview: Wie dpa Eilmeldungen vor Twitter-Fakes schützt
(kress.de, Bülend Ürük)
Der Nachrichtenchef der dpa Froben Homburger spricht im Interview über den Umgang der Agentur mit Tweets, die Breaking-News-Potenzial haben. Um nicht auf Fakes hereinzufallen, hat die dpa ihre internen Regeln überarbeitet. Das Dilemma: “Die Dynamik aufregender Newslagen hat immer das Potenzial, die Sorgfalt zu killen: Warum als einziger das Tempo-100-Limit beachten, wenn um mich herum alle ungestraft 220 fahren und beim Überholen auch noch triumphierend hupen?”

5. Ist der Guardian auf dem Weg zum Online-only-Titel?
(wuv.de, Franz Scheele)
Der renommierte britische Zeitungsklassiker “Guardian” ist nun auf eine Auflage von 138.000 geschrumpft und verkauft damit weniger Exemplare als so manche Regionalzeitung in Deutschland.

6. Burda News gelingt Trendwende dank “Siegelgeschäft”
(dwdl.de, Uwe Mantel)
Die Verlagsgruppe Burda News (“Focus”, “TV Spielfilm”, “Playboy” etc.) gelingt gerade die Trendwende: Nach mehreren Verlustjahren, meldet der Konzern steigende Einnahmen. Das klassische Printgeschäft schrumpft zwar weiterhin, aber die Einnahmen aus anderen Erlösquellen wachsen. Hierzu zählt auch der Verkauf der teilweise umstrittenen Siegel, mit denen sich Unternehmen schmücken können.

Rundfunkbeitrag legal?, Selfie-Forschung, Naidoo und das Gift

1. Ist der Rundfunkbeitrag verfassungskonform?
(sueddeutsche.de, Carolin Gasteiger)
Heute wird in Karlsruhe über vier Verfassungsbeschwerden gegen den Rundfunkbeitrag entschieden. Carolin Gasteiger stellt die Kläger und ihre Beweggründe vor und erklärt, welche Folgen das Urteil haben könnte.

2. “Die großen Sender haben ihr Publikum jahrelang nicht gut behandelt”: Kalkofes bittere Bilanz der vergangenen zehn Fernsehjahre
(meedia.de, Nora Burgard-Arp)
Bei “Meedia” zieht Oliver Kalkofe Bilanz der vergangenen zehn Fernsehjahre und rechnet mit den Fernsehsendern ab: “Die großen Sender haben ihr Publikum jahrelang nicht gut behandelt — und das zahlt sich jetzt zurück. Die Zuschauer wechseln zu den Streamingdiensten. Das heißt, die Fernsehanstalten müssen sich jetzt besinnen und anfangen, auch inhaltlich anders zu denken. Erfolg neu definieren, und zwar nicht mehr nur über diese imaginäre, nicht existente Quote, die einfach nur ein Schätzwert ist und die auf einem Fernsehverhalten basiert, das in dieser Form seit 30 Jahren nicht mehr existiert. Nur dann haben sie eine Chance.“

3. Man muss das Gift benennen
(spiegel.de, Andreas Borcholte)
Das Landgericht Regensburg hat einer Klage des Mannheimer Popsängers Xavier Naidoo stattgegeben, mit der dieser sich gegen eine Äußerung wehrte, nach der er Antisemit sei (“das ist strukturell nachweisbar”). Andreas Borcholte kommentiert die Entscheidung: “Xavier Naidoo darf nicht Antisemit genannt werden, obwohl seine Texte antisemitische Klischees enthalten. Zu den Risiken und Nebenwirkungen muss man keinen Arzt oder Apotheker befragen, um zu ahnen, dass mit dieser juristischen Dialektik viel Spielraum für all jene entsteht, die in ihren Songtexten oder sonstigen Kunstwerken mit Ressentiments, kruden Theorien und Hass zündeln wollen.”

4. Jeder ist abhängig vom Rechts­staat
(lto.de, Klaus F. Gärditz)
In einem Gastbeitrag für “Legal Tribune Online” beschäftigt sich der Jurist Klaus F. Gärditz mit dem Phänomen der Justizverweigerung als mediale Selbst-Inszenierung. Aus politischem Opportunismus würden gerichtliche Entscheidungen ignoriert. Dies untergrabe das institutionelle Vertrauen in die Institutionen des Rechtsstaats, von deren Funktionieren im Ernstfall alle abhängig seien.

5. UN müssen Journalisten retten
(reporter-ohne-grenzen.de)
Mehrere Dutzend Journalisten sitzen im Südwesten Syriens auf der Flucht vor der Regierungsarmee fest: Die Grenze zu Israel ist geschlossen, Jordanien nimmt keine syrischen Flüchtlinge mehr auf und der Grenzübergang zu Jordanien ist seit Anfang des Monats unter Kontrolle der syrischen Armee. “Die UN und die Nachbarländer müssen sofort die Evakuierung der 69 eingeschlossenen Journalisten in die Wege leiten”, so ROG-Geschäftsführer Christian Mihr. “Jede Stunde zählt. Den Journalisten droht Lebensgefahr, wenn sie in die Hände der Regierungstruppen gelangen.”

6. Die Macht des Selfies
(deutschlandfunk.de, Stefan Koldehoff, Audio, 5:22 Minuten)
Die Wissenschaftlerin Kristina Steimer leitet das neugegründete Selfie-Forschungsnetzwerk in München, das an das Zentrum für Ethik der Medien und der digitalen Gesellschaft angegliedert ist. Das Selfie sei mehr als ein Produkt narzisstischer und aufmerksamkeitssüchtiger Millennials: “Ich glaube, dass diese Zuschreibung eher eine Art von Kapitulation ist, vor der Komplexität und Unüberschaubarkeit des Selfie-Phänomens.” Mit dem “Deutschlandfunk” hat Steimer über die verschiedenen Aspekte der Selfie-Forschung gesprochen.

Mit nicht existenten Mordaufrufen Stimmung machen. Oder soll man es lassen?

Ich ärgere mich gerade. Ich ärgere mich über Journalisten angesehener Medienhäuser, die von einem Mordaufruf gegen sie berichten, den es nicht gibt. Ich ärgere mich über Journalisten, die ihre Redlichkeit und das Vertrauen in ihre Verlage beschädigen und damit Kollegen beleidigen, die tatsächlicher Verfolgung ausgesetzt sind. Die manipulative, weil Mitleid- und Solidarität-triggernde Empörungs-Tweets absetzen, welche den Verdacht nahelegen, dass sie mit dem Mittel der Täter-Opfer-Umkehr von eigenen Fehlern ablenken wollen. Und ich ärgere mich über Journalisten, die all das Mordaufruf-Gerede nachplappern, weil es ihnen in ihr Weltbild passt.

Doch der Reihe nach.

Die Wochenzeitung “Die Zeit” veröffentlichte vergangenen Donnerstag ein Pro & Contra zur Frage der Legitimität privater Seenotrettung von Geflüchteten. Massive Kritik gab es vor allem für die in der Überschrift formulierte Frage “Oder soll man es lassen?”, wohl auch, weil aus ihr nicht klar hervorging, dass mit “es” nur die private Seenotrettung gemeint war und nicht die Seenotrettung im Allgemeinen:

Ausriss Die Zeit - Oder soll man es lassen?

In einem “SZ”-Kommentar kritisiert Heribert Prantl die “Zeit”. Man dürfe Menschen nicht als Sache betrachten und behandeln. So ein Pro & Contra sei vielleicht gut gemeint, aber nicht gut. Es relativiere die Menschenwürde:

Wer sich auf eine solche Denkweise einlässt, der landet bei der Folter und bei der Todesstrafe.

Auch die Publizistin Ingrid Brodnig beanstandet die Fragestellung. Diese sei ein Beispiel für “False Balance” im Journalismus: Journalisten seien darauf gedrillt, “beide Seiten” zu beleuchten. Dies führe im schlimmsten Fall dazu, dass menschenfeindliche Positionen denkbare Optionen werden:

Es ist ein Irrtum, dass ausgewogener Journalismus bedeutet, man gibt allen Meinungen Raum — egal wie menschenfeindlich oder faktenfern sie sind. Dieses Streben nach “alle Seiten müssen vorkommen” kann im Journalismus dazu führen, dass wir plötzlich Menschenrechte infrage stellen.

Bei “Deutschlandfunk Kultur” kritisiert Journalistik-Professor Klaus-Dieter Altmeppen die von der “Zeit” gewählte Form des Beitrags:

Man kann diese Frage natürlich stellen, aber dann muss sich die “Zeit” auch die Frage gefallen lassen, was das denn soll, diese Frage zu stellen.

Es sei ganz einfach eine Frage von Humanität und Menschenwürde, Leben zu retten. Und da gebe es kein Contra.


Doch hier soll es nicht vornehmlich um die inhaltliche Bewertung des “Zeit”-Artikels gehen, sondern um die Legende vom Mordaufruf gegen “Zeit”-Redakteure.

Der Versuch einer Chronologie - 12. Juli 2018, 12:04 Uhr

Auf Twitter reagiert “Titanic”-Chefredakteur Tim Wolff auf die vielerorts als unanständig und inhuman empfundene “Zeit”-Überschrift mit einer gespiegelten, ebenso unanständigen und inhumanen Gegenfrage samt Pro-Contra-Abstimmung:

Screenshot des Tweets von Tim Wolff - Zeit-Mitarbeiter auf offener Straße erschießen? Wahlmöglichkeiten: Pro und Contra

(Mittlerweile wurde der Tweet von Twitter gelöscht. Zunächst war Wolff mehrfach mitgeteilt worden, dass Beschwerden vorlägen, denen man jedoch nicht stattgegeben habe. Inzwischen hat Twitter offenbar seine Meinung geändert, den Tweet gelöscht und Wolff mit einer zwölfstündigen Sperre belegt.)

12. Juli 2018, 13:55 Uhr

Der renommierte Medienmanager und ehemalige Chefredakteur von “Zeit Online” Wolfgang Blau kommentiert:

Screenshot des Tweets von Wolfgang Blau - Zwei Wochen nach dem Amoklauf bei der Capital Gazette schlägt der Chefredakteur des Magazin Titanic vor, Journalisten zu erschießen und einer Autorin das Gesicht mit heißem Wasser zu verbrühen. Und sagt, dann bestimmt das sei Satire. Nein, das ist Aufruf zum Mord.

Nun ist es aber recht offenkundig, dass der Wortlaut des Tweets von Tim Wolff einen derartigen Mordaufruf nicht hergibt. Nur zur Erinnerung: Der “Titanic”-Chefredakteur reagierte mit einer ungehörigen Gegenfrage auf eine aus der Sicht von vielen ungehörige Frage (die, was wir am 12. Juli noch nicht wissen, der verantwortliche Redakteur später selbst als Fehler bezeichnen wird).

Die gespiegelte Gegenfrage stellt vor allem ein rhetorisches Mittel dar. Sie ist ein Vergleich, der verdeutlichen soll, wie unverschämt die Denkweise ist, die einer solchen Frage zugrunde liegt. Vielleicht ist es daher noch nicht mal Satire, sondern nur sehr zugespitzte Gegenrede. Man kann Wolffs Gag gut finden oder auch nicht. Was er auf jeden Fall nicht ist: ein ernst gemeinter Mordaufruf. Und das ist jedem klar, der soweit alphabetisiert ist, dass er aus einem Zusammenhang sinnentnehmend lesen kann.

Das Märchen vom Mordaufruf macht unter Journalisten dennoch weiter die Runde.

12. Juli 2018, 15:05 Uhr

Nun lässt die Chefredakteurin der “Deutschen Welle” ihrer Empörung freien Lauf:

Screenshot des Tweets von Ines Pohl - Was soll das? Schaut Euch mal um in der Welt, solche Aktionen sind weder lustig noch öffnen sie irgendwelche Perspektiven. Das ist schlicht Aufruf zum Mord. Pfui!

12. Juli 2018, 21:31 Uhr

Und “FAZ”-Redakteur Philip Plickert schreibt:

Screenshot des Tweets von Philip Plickert - Zeit-Redakteurin fragt, ob die private Seenotretter im Mittelmeer nicht auch Schlepperei ermuntern und ob dieses Retten von Migranten wirklich richtig ist. Dafür gibt es jetzt Tötungsaufrufe gegen Zeit-Mitarbeiter. Sagt viel über unsere Refugees-Welcome-Fanatiker.

Hier ließe sich einiges anmerken: Zum Setzen des Wortes Seenotretter in Anführungszeichen und der dadurch deutlich gemachten Unterstellung, es handele sich gar nicht um eine Rettung, oder zum diffamierenden Ausdruck “Refugees-Welcome-Fanatiker”. 
Doch bleiben wir bei der Legende von den “Tötungsaufrufen gegen “Zeit”-Mitarbeiter”.

12. Juli 2018, 21:38 Uhr

Nur wenige Minuten später twitterte der verantwortliche “Zeit”-Redakteur Bernd Ulrich:

Screenshot des ersten Tweets von Bernd Ulrich - Ich habe heute am eigenen Leib mitbekommen, wie es ist, wenn die flüchtlingsfreundliche Gemeinde ins Gefecht zieht. Arsch offen, Zeit-Redakteure töten? Zivilisationsbruch, die Zeit aus dem Diskurs raus, mit Kaffee verbrühen, maßlose Enttäuschung.
Screenshot des zweiten Tweets von Bernd Ulrich - ich kann besser erspüren, warum Leute aus Trotz weiter nach rechts gehen. Ich bin kein fragiles Gemüt, bei mir wird das nicht passieren. Aber man sollte schon mal überlegen, ob Humanismus mit nichthumanem Sprechen erreicht werden kann. Gute Nacht Freude

Auch hier könnte man einiges anmerken, zum Beispiel zum selbstmitleidigen und passiv-aggressiven Duktus und dem abschätzigen Gerede von der “flüchtlingsfreundlichen Gemeinde”, die gegen Ulrich und die “Zeit” angeblich ins “Gefecht” gezogen sei. Zur Wortwahl und Rechtschreibung, die wohl Emotionalität und Nachdenklichkeit signalisieren soll. Oder zu dem kühnen Vorwurf, dass derartige Kritik für den Rechtsruck in Deutschland verantwortlich sei. Hier soll es jedoch nur um die Bemerkung “Zeit-Redakteure töten?” gehen, die sich auch bei Ulrich wiederfindet.

13. Juli 2018

Und die beim Deutschen Journalisten-Verband einzieht. Dort kommentiert Hendrik Zörner im hauseigenen Blog:



Geht’s noch? Da ersaufen im Mittelmeer täglich Menschen, die Armut und Unterdrückung in ihren Heimatländern entkommen wollen. Hierzulande entspinnt ein Blatt eine akademische Diskussion über das Für und Wider von Humanität. Und unter dem Deckmantel der Satire wird ein kaum verdeckter Mordaufruf in die Welt gesetzt.

Noch einmal: Beim Tweet des “Titanic”-Chefredakteurs handelte es sich eindeutig nicht um einen Mordaufruf. Tim Wolff erklärt seine Technik mit folgenden Worten:

Ich kenne keine andere Methode, so jemanden in dieser kalten Routine der Bestätigung der mörderischen Verhältnisse zu stören, als ihn kurz spüren zu lassen, wie es sich anfühlt, wenn die eigene körperliche Versehrtheit öffentlich lässig verhandelt wird.

Bleibt die Frage, ob es sich bei der viral gestreuten Mordaufruf-Legende um Vorsatz oder Fahrlässigkeit handelt. Echte Sorgen scheinen sich die Empör-Journalisten jedenfalls nicht gemacht zu haben: Von dem naheliegenden Gang zur Polizei und dem Stellen einer Anzeige ist nichts bekannt. Auch nicht bei der “Titanic”, bei der wir extra nochmal nachgefragt haben.

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