Suchergebnisse für ‘spiegel online’

So brachte “Bild” die Hisbollah in Zusammenhang mit den Explosionen in Beirut (mit falscher Recherche) (2)

Vor gut einem Monat ist im “Spiegel” ein großer Artikel über “Die perfekte Bombe” erschienen (online nur mit Abo lesbar, als englische Übersetzung auch ohne Abo lesbar). Die Autoren Uwe Buse, Christoph Reuter und Thore Schröder rekonstruieren darin, wie es im Hafen der libanesischen Hauptstadt Beirut zu der riesigen Explosion kommen konnte, die Anfang August mehr als 200 Menschen tötete und weite Teile Beiruts verwüstete.

Der “Spiegel” hat Dokumente zusammengetragen, mit vielen Leuten vor Ort gesprochen und den Weg der 2750 Tonnen Ammoniumnitrat nachgezeichnet, die für die Explosion sorgten. Das Ergebnis dieser Recherche widerspricht Behauptungen der “Bild”-Medien in entscheidenden Punkten.

Zur Erinnerung: Keine 48 Stunden nach der Explosion stand für die “Bild”-Autoren Julian Röpcke und Mohammad Rabie schon fest, wer Schuld hat. Sie hatten ihre grobe Freund-Feind-Schablone über das Thema gehalten – und siehe da:

Screenshot Bild.de - So brachte die Hisbollah den Sprengstoff nach Beirut - Und dieser windige Russe half den Terroristen dabei

Das war dann vielleicht doch etwas zu flott formuliert. Bild.de änderte die Überschrift und fügte immerhin ein Fragezeichen hinzu:

Screenshot Bild.de - Russischer Geschäftmann bekam eine Million Dollar für den Transport - Brachte die Hisbollah den Sprengstoff nach Beirut?

Schon einen Tag zuvor schrieben dieselben “Bild”-Autoren über eine mögliche Rolle der Hisbollah:

Screenshot Bild.de - Gerichtsdokumente warnten beireits 2016 - Dieses Schiff brachte den Tod nach Beirut - Einmischung der Hisbollah könnte den Abtransport des Ammoniumnitrats verhindert haben

Unterlagen oder Aussagen, die belegen, dass die Terrormiliz Hisbollah etwas mit dem Ammoniumnitrat im Beiruter Hafen zu tun hatte, sind bis heute nicht bekannt. Röpcke und Rabie ließen sich davon allerdings nicht beeindrucken und schrieben am 6. August:

BILD-Recherchen zeigen: Die Terrororganisation Hisbollah trägt zumindest eine Mitverantwortung, wenn nicht gar die alleinige Schuld an der Tragödie [in Beirut].

Ihr “Verdacht”: Das Ammoniumnitrat sollte gar nicht, wie offiziell angegeben, nach Mosambik geliefert, sondern im Beiruter Hafen “in Hisbollah-Reichweite” gebracht werden. Und es wird …

Es wird noch irrer: Die libanesische Firma “Majid Shammas & CO.”, fast gleichnamig mit der 1967 von Israel eroberten Stadt “Majdal Shams” im Golan, bietet Anfang 2014 an, die knapp 3000 Tonnen Sprengstoff zu kaufen. Die Firma hatte bereits 2013 heimlich Sprengstoff an Syrien-Diktator Assad verkauft – einen der engsten Verbündeten der Hisbollah.

Das ist die Verbindung, die Röpcke und Rabie zwischen dem Ammoniumnitrat und der Hisbollah herstellen und auf der der Schuldspruch der “Bild”-Redaktion fußt: Die Firma “Majid Shammas”, die Hisbollah-nah sein soll:

Unterlagen des Zolls, die BILD vorliegen, enthüllen: Zwei Zolldirektoren drängen im August 2016 und Juni 2017 ein libanesisches Gericht, dem Kauf durch die offenbar der Hisbollah nahe Firma zuzustimmen. Erstens handele es sich um “gefährliche Materialien”, die “unter unangemessenen Außenbedingungen im Lager aufbewahrt” würden. Zweitens könne “die Fracht auch, wie von der Armee empfohlen, an das libanesische Sprengstoff-Unternehmen ‘Majid Shammas’ verkauft werden”.

(Die Episode, in der Julian Röpcke und Mohammad Rabie anfangs den Namen des Unternehmens falsch mit “Majdal Shams” übersetzt und daraus eine ziemlich wilde Spekulationskette entwickelt haben, lassen wir in diesem Beitrag mal komplett weg – man kann sie detailliert hier nachlesen.)

In der ausführlichen “Spiegel”-Rekonstruktion geht es auch um den Vorschlag der libanesischen Armee, das Ammoniumnitrat an eine Sprengstofffirma zu verkaufen:

Die zwischenzeitlich angefragte libanesische Armee teilte mit, sie habe keinen Bedarf an 2750 Tonnen Ammoniumnitrat. Stattdessen schlug sie vor, die Säcke an einen Sprengstoffhändler zu verkaufen. Der lehnte ebenfalls ab: Er sei nicht interessiert an Ammoniumnitrat unklarer Herkunft und Qualität.

Christoph Reuter, einer der “Spiegel”-Autoren, sagte uns auf Nachfrage, dass es sich bei diesem Sprengstoffhändler um die Firma “Majid Shammas” handelt. Es liege ein Schreiben der Firma vor, aus dem klar hervorgehe, dass sie kein Interesse an dem Ammoniumnitrat im Beiruter Hafen habe.

Das heißt: Die angeblich Hisbollah-nahe Firma, die laut “Bild” endlich dafür sorgen sollte, dass das Ammoniumnitrat in die Hände der Hisbollah gelangen kann, wollte das Ammoniumnitrat gar nicht haben und lehnte einen Kauf ab.

Auch die Mutmaßung von Röpcke und Rabie, warum der Richter den Bitten der Zolldirektoren nicht nachkam, basiert auf einer falschen Grundannahme. Die “Bild”-Autoren schrieben:

Doch der Richter bleibt stur. Aus bislang unklaren Gründen antwortet er weder mit Ja noch mit Nein. Ein Insider zu BILD: Dies könnte ein Akt zivilen Ungehorsams gewesen sein, um die Terror-Organisation Hisbollah davon abzuhalten, in Besitz des Sprengstoffs zu kommen.

Im “Spiegel” steht:

Zollchef Shafiq Merhi will die Ladung offenbar nicht entsorgen. Im Gegenteil: Beim Eilgericht beantragt er, das Schiff beschlagnahmen und versteigern zu dürfen. Das Schiff, argumentiert er, könne jederzeit sinken, es stelle eine Gefahr für den Hafen dar.

Da das Eilgericht nur für Notfälle zuständig ist, ordnet der Richter am 27. Juni 2014 lediglich an, die Ladung “an einen sicheren Ort zu bringen” und das Schiff anschließend aus dem Hafenbecken zu ziehen. (…)

Ende Oktober 2014 werden die 2750 Säcke ausgeladen und in die Halle 12 gefahren, eine Art Resterampe für Gefahrgüter aller Art. Zuständig für diese Art von gefährlichen Gütern: Shafiq Merhi, der Zollchef, und Badri Daher, beim Zoll verantwortlich für die Ladungskontrolle.

Dass die beiden nicht wussten, dass das Eilgericht für Eigentumsfragen gar nicht zuständig war, ist unwahrscheinlich. Vermutlich wollten sie nur dokumentieren, wie sie ihrer Verantwortung gerecht wurden – ohne dass sich etwas änderte. Noch drei Jahre lang werden sie denselben Antrag immer wieder an dasselbe Gericht stellen und immer dieselbe Antwort erhalten: dass dieses Gericht die Eigentumsverhältnisse der Ladung nicht klären und folglich auch keinen Verkauf genehmigen könne.

Anders als von “Bild” behauptet, hat das Gericht also durchaus geantwortet: dass es nicht zuständig ist. Es handelte sich damit nicht, wie “Bild” schreibt, um einen “Akt zivilen Ungehorsams”, “um die Terror-Organisation Hisbollah davon abzuhalten, in Besitz des Sprengstoffs zu kommen.”

Im “Spiegel”-Artikel spielt die Hisbollah generell keine Rolle, sie wird nicht einmal erwähnt. Christoph Reuter sagte uns, dass er und seine Kollegen bei der Recherche auf keine nennenswerten Verbindungen zur Miliz gestoßen seien. Und Reuter steht nun wahrlich nicht im Verdacht, rücksichtsvoll mit der Hisbollah umzugehen: Im September erst schrieb er in einem “Spiegel”-Artikel über die düsteren Machenschaften der Terrororganisation.

Bildblog unterstuetzen

Wieder Clan-Krieg bei “Bild”

In der Nacht von Samstag auf Sonntag hat im Berliner Stadtteil Charlottenburg ein Fußgänger auf mehrere Männer geschossen, die kurz zuvor aus verschiedenen Autos ausgestiegen waren und sich begrüßt hatten. Der Täter konnte flüchten.

In der Nacht von Sonntag auf Montag stellte sich ein 26-Jähriger auf einer Polizeiwache in Hamburg – er habe die Schüsse in Berlin abgefeuert. Der Mann wurde festgenommen. Nach einer Durchsuchung seiner Wohnung hätten sich neue Anhaltspunkte ergeben, so die Hamburger Polizei. Man gehe inzwischen von einem rassistischen Motiv aus. Der Polizeiliche Staatsschutz habe die Ermittlungen übernommen.

Als von all dem noch überhaupt nichts klar war, erschien am Sonntagmorgen bei Bild.de dieser Artikel:

Screenshot Bild.de - In der Nähe vom Kurfürstendamm - Schüsse in Berlin - wieder Streit unter Clans?

Schüsse? Berlin? Das kann doch nur …

In der Nacht zu Sonntag soll es in Berlin erneut zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen Clans gekommen sein.

… schreibt Bild.de, ohne irgendwelche Belege dafür zu liefern. In der offiziellen Polizeimeldung steht nichts von Clans. Eine Polizeisprecherin konnte die Information auf rbb-Nachfrage auch nicht bestätigen:

Informationen, nach denen es sich bei den Wageninsassen um Angehörige eines bekannten Clans handelte, konnte die Polizeisprecherin nicht bestätigen.

Aber Bild.de bringt die Clans ins Spiel. Am Montag (der rbb veröffentlichte die Aussage der Polizeisprecherin am Sonntagmittag) berichtete auch die “Bild”-Bundesausgabe groß:

Ausriss Bild-Zeitung - Schüsse am feinen KaDeWe - Unbekannter feuert auf Männer in Luxus-Autos

Und wieder: die Clans:

Es war 0.45 Uhr in der Nacht zu Sonntag in einer Parallelstraße des Nobel-Kaufhauses, als Schüsse fielen: Ein Unbekannter feuert auf mehrere Männer!

Ist es wieder eine Tat im berüchtigten Berliner Clan-Milieu?

Am späten Montagnachmittag vermeldete dann auch Bild.de:

Screenshot Bild.de - POLIZEI PRÜFT AUSLÄNDERFEINDLICHEN HINTERGRUND - Schütze vom KaDeWe stellt sich in Hamburg

Der mutmaßliche Schütze vom KaDeWe hat sich nun nach BILD-Informationen bei der Hamburger Polizei gestellt.

Offiziell sagt die Polizei Hamburg nichts – Berlin ist zuständig. Aber nach BILD-Informationen hat sich Montagnacht gegen 0.30 Uhr ein Mann an der Davidwache gemeldet und behauptet, er habe etwas mit den Schüssen auf das Kaufhaus des Westens (KaDeWe) in Berlin zu tun. (…)

Aus Ermittlerkreisen erfuhr BILD, dass ein ausländerfeindlicher Hintergrund der Tat geprüft wird.

Da war das falsche Clan-Gerücht, das die “Bild”-Redaktion verbreitet hat, schon über 30 Stunden in der Welt. Und das ist es immer noch: Der Bild.de-Artikel, der am Sonntagmorgen Clans als falsche Tatverdächtige nannte, ist unverändert online, ohne irgendeinen Hinweis zu den aktuellen Entwicklungen. In der “Bild”-Zeitung gibt es heute nur in einzelnen Regionalausgaben einen kleinen Artikel, der vom geständigen Täter mit dem möglichen rassistischen Motiv berichtet. Im Bild.de-Artikel zur Festnahme des Mannes ist ein Video eingebettet, das mit der Überschrift “WIEDER CLAN-KRIEG IN BERLIN? Schüsse am KaDeWe in Charlottenburg” versehen ist. Es scheint der “Bild”-Redaktion nicht besonders wichtig zu sein, die falschen Spekulationen aus der Welt zu schaffen.

Andere Medien haben die “Bild”-Mutmaßungen einfach abgeschrieben. t-online.de meldete beispielsweise: “Laut der ‘Bild’ könnte es sich um einen Clinch zwischen Clans handeln. Die Insassen der Fahrzeuge sollen laut Informationen der Zeitung einer arabischen Großfamilie angehören.” (t-online.de hat die Stelle inzwischen geändert.) Und der “Tagesspiegel” schreibt: “Mehrere Berliner Medien spekulieren, dass es sich erneut um einen Streit im Clanmilieu gehandelt haben könnte.” Die Redaktionen tun so, als wäre “Bild” eine seriöse Quelle.

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!

Bildblog unterstuetzen

“Bild TV” ohne 20 Millionen, Fonds für Pressefreiheit, Browser Ballett im TV

1. Presserat rügt SZ
(sueddeutsche.de)
Der Presserat hat einen Online-Text der “Süddeutschen” über den Mord an fünf Kindern in Solingen gerügt, in dem zunächst Zitate aus einem Whatsapp-Chat des sechsten Kindes zu lesen waren. Später hatte die Redaktion diese Zitate gelöscht, ist nun jedoch für die Ursprungsversion gerügt worden. Anstatt das unangenehme Thema zu ignorieren, reagiert die “SZ”, wie man es sich von manch anderem gerügten Medium wünschen würde: “Die Chefredaktion der SZ hält die Rüge für gerechtfertigt und bedauert den Fehler.”

2. Renner: Springer verweigert “Bild TV” zusätzliche Gelder.
(turi2.de, Andreas Grieß)
Laut einem Bericht der “Berliner Zeitung” (Bezahlartikel) hatte “Bild”-Chef Julian Reichelt fest damit gerechnet, weitere 20 Millionen Euro für den Ausbau von “Bild TV” zur Verfügung gestellt zu bekommen. Der Springer-Aufsichtsrat habe ihm die Mittel jedoch verweigert. Ein Grund: Die größtenteils kläglichen Zuschauerzahlen. Bei der Verleihung des Axel-Springer-Awards an Tesla-Chef Elon Musk hätten beispielsweise nur 260 Menschen zugeschaut.
Nachtrag: Die “Berliner Zeitung” musste ihren Artikel um folgenden Hinweis ergänzen: “In einer vorherigen Version schrieben wir, am 17. November habe der Springer-Aufsichtsrat beschlossen, ‘Mittel in Höhe von mindestens 20 Millionen Euro für Bild Live’, würden ‘nicht fließen’. Inzwischen teilte Axel Springer mit, dass am 17. November in einer Vorstandssitzung ‘für das Jahr 2021 für Bild Live ein Investitionsvolumen von ca. 22 Millionen Euro bestätigt worden’ sei. Zudem ist uns im ursprünglichen Text eine Verwechslung unterlaufen: Nicht die Verleihung des Axel-Springer-Awards sahen bei Bild Live im Schnitt 260 Zuschauer. Tatsächlich hatte diese Quote ein Interview mit dem Tesla-Chef im Vorfeld der Preisverleihung.”

3. Die Top-Listen 2020 der besten Videos des Jahres stehen fest
(blog.youtube)
Youtube hat seine Bestenlisten für Deutschland veröffentlicht: die “Top Trending Videos”, die “Top-Musikvideos”, die “Top Creator” und die “Breakout Creator” (größte Durchstarter des Jahres) des Jahres 2020. In der Video-Bestenliste wurden keine Musikvideos, Trailer und Kindervideos einbezogen. Sie wird angeführt vom Corona-Video der Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim, einem Video über die Belästigung von Frauen (“Männerwelten” von Joko und Klaas) und Bibis Haus-Tour. Wer sein Medien-Universum erweitern oder einfach nur erfahren will, was derzeit so angesagt ist, bekommt hier eine gute Übersicht.

Bildblog unterstuetzen

4. Twitter will mehr Gruppen vor »Entmenschlichung« schützen
(spiegel.de)
Twitter hat seine “Richtlinie zu Hass schürendem Verhalten” überarbeitet. Verboten ist nun auch die “Entmenschlichung einer Gruppe” aufgrund von “Kaste”, “nationaler Herkunft” oder “ethnischer Zugehörigkeit”. Inwieweit sich die überarbeiteten Regeln in der Praxis auswirken werden, ist noch unklar. Ähnlich unklar wie die Konsequenzen bei Verstößen gegen die Twitter-Richtlinie, die vom Einzelfall anhängen würden. Arisha Michelle von der US-Menschenrechtsorganisation Color of Change sagt, die Ankündigung falle in die “wachsende Kategorie von zu unbedeutenden, zu späten PR-Stunts”.

5. Ein Fonds für die Pressefreiheit
(verdi.de, Sarah Schäfer)
Beim jüngsten Medien-Meeting der Gewerkschaft dju (Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union) ging es um den Druck, der durch Klagen auf Redaktionen ausgeübt wird. Dass juristische Mittel eingesetzt werden, um eine ungewünschte Berichterstattung zu beeinflussen oder zu verhindern, sei längst keine Ausnahme mehr. In dem Beitrag geht es auch um den “Prinzenfonds”, der Menschen unterstützt, die wegen Aussagen über das Haus Hohenzollern abgemahnt oder verklagt werden.

6. Browser Ballett
(ardmediathek.de, Video: 29:38 Minuten)
Auf Youtube hat der Satire-Kanal “Browser Ballett” etwa 300.000 Abonnenten gewinnen können. Das öffentlich-rechtliche Format aus der Funk-Familie hat nun den Sprung aus dem Internet ins klassische ARD-Programm geschafft. Highlight der Sendung aus unserer Sicht: Ein satirischer Einblick in den “Bild”-Redaktionsalltag mit Julian-Reichelt- und Paul-Ronzheimer-Doubles, bei dem einem das Lachen im Halse stecken bleibt. Die geschilderten Szenen scheinen bei aller Überzeichnung durchaus vorstellbar (ab Minute 1:20).
Weiterer Lesehinweis: Nur mit indirektem Medienbezug, aber sehr lesenswert: Der Bericht “Ich war in der Psychiatrie und es war die beste Zeit meines Lebens” vom “Browser Ballett”-Gründer Schlecky Silberstein.

Artes E-Auto-Doku, Autobahn-Beilage, Raab macht den Fips

1. ARTE-Filmemacher wollen die Klimakrise jetzt durch Verzicht auf Windkraft und E-Autos lösen
(graslutscher.de, Jan Hegenberg)
Jan Hegenberg hat sich die Arte-Doku “Umweltsünder E-Auto” angesehen und ist entsetzt: “Das ist eine der schlechtesten Dokumentationen, die ich seit Langem sehen musste. Es wäre selbst dann blamabel, wenn RTL2 so einen Unsinn ausgestrahlt hätte, aber wie in aller Welt die Leute bei ARTE auf die Idee kommen, diesen auf allen Ebenen undurchdachten Beitrag zu verbreiten, ist mir schleierhaft.” In seinem Beitrag geht er ausführlich auf all die Punkte ein, die ihm Kopfschmerzen bereiten. Arte hat auf Twitter reagiert: Man habe die Kritik an die zuständige Redaktion mit der Bitte um ein Statement weitergeleitet und werde sich bald melden.

2. Die launige Beilage “Die Autobahn A3 für Europa” und was das mit meiner Dissertation zu tun hat
(ankegroener.de)
Der Samstagsausgabe der “Süddeutschen Zeitung” und weiteren Zeitungen lag die 32-seitige Broschüre “Die Autobahn A3 für Europa” bei. Auf Twitter hatte Lenz Jacobsen zunächst über “dieses Werk journalistischer Ingenieurskunst” berichtet. Die Broschüre sei “ein beeindruckendes Beispiel für die alltägliche, wirtschaftliche und publizistische Macht und Interessenvertretung aller, die am Ausbau der Auto-Infrastruktur beteiligt sind und davon profitieren.” Anke Groener steckt wegen ihrer Dissertation besonders gut im Thema und sieht historische Parallelen: “Lustig, wie wenig sich Argumente und Bilder in 90 Jahren geändert haben. Damit will ich der Autobahndirektion Nordbayern und den ganzen Menschen, die an dem Ding gearbeitet haben, kein faschistisches Gedankengut unterstellen, aber die Ähnlichkeit zu Texten zum Bau der Reichsautobahn ist schon frappierend.” Wer tiefer ins Thema einsteigen will: Groener hat das Autobahnkapitel aus ihrer Dissertation online gestellt (PDF).

3. Berauschende Tatortigkeit
(taz.de, Anne Haeming)
Der 50. Geburtstag des “Tatorts” wäre eine gute Gelegenheit gewesen, die Rolle der Polizei kritisch abzubilden, so Anne Haeming in der “taz”. Stattdessen habe die Jubiläumsausgabe gezeigt: “Hier will niemand was. Erst recht nicht die knirschenden Stellen unserer Gesellschaft aufzeigen – und damit die Rolle der Exekutive.” Haeming lenkt den Blick auf die unterrepräsentierten Themen, die über die traditionellen Inszenierungen hinausgehen.
Weitere Lesetipps: Die “Süddeutsche” empfiehlt fünf “Tatort”-Folgen, die man gesehen haben muss, beim “Redaktionsnetzwerk Deutschland” geht es um fünf “Tatort”-Folgen, die man nicht mehr sehen kann (weil sie im Giftschrank gelandet sind), und beim “Spiegel” stellt Peter Ahrens sein persönliches “Tatort”-Projekt vor: Er arbeitet daran, alle “Tatort”-Folgen zu gucken, die es je gegeben hat (und stellt dabei auch seine Top 10 vor).

Bildblog unterstuetzen

4. Fragen und Antworten: Kippt die Erhöhung des Rundfunkbeitrags?
(rnd.de)
Es könnte passieren, dass die Erhöhung des Rundfunkbeitrags in Deutschland an der Zustimmung Sachsen-Anhalts scheitert: Dort stemmen sich CDU und AfD gegen die geplante Neufestsetzung der Gebühren. Beim “Redaktionsnetzwerk Deutschland” gibt es eine Übersicht der entscheidenden Fragen und Antworten zu dem politisch brisanten Thema.
Weiterer Lesehinweis: Beim “Journalist” kommentiert Chefredakteur Matthias Daniel: “Der CDU geht es überhaupt nicht um den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Es geht ihr um das eigene Schicksal bei der Landtagswahl im nächsten Jahr. Sie vermutet, dass sich mit dieser billigen Haltung in AfD-Nähe Stimmen ködern lassen.”

5. ARD diskutiert über Corona-Berichterstattung
(sueddeutsche.de, Marija Barišić)
Manche Zuschauer und Zuschauerinnen kritisieren die Corona-Berichterstattung der ARD als zu unausgewogen und wünschen sich mehr Vertreter von (größtenteils widerlegten oder umstrittenen) Mindermeinungen in der Debatte. Dies führte zu einer Petition, in der mehr als 60.000 Personen eine Sondersendung mit den Kritikern der Corona-Maßnahmen Sucharit Bhakdi und Wolfgang Wodarg forderten. Die ARD hat sich mit einigen Unterstützerinnen und Unterstützern der Petition zum Hintergrundgespräch zusammengesetzt. Die geforderte Sondersendung werde es jedoch aller Voraussicht nach nicht geben.

6. Der Raab-Roast: Taugt König Lustig als Formatentwickler?
(dwdl.de, Peer Schader)
Stefan Raab ist zurück, jedenfalls als Macher der Show “Täglich frisch geröstet” (zu sehen beim Straminganbieter TVNow der Mediengruppe RTL). TV-Kritiker Alexander Krei war bereits von der Premiere wenig begeistert (“Kalter Kaffe statt heißem Roast”), sein “DWDL”-Kollege Peer Schader kann der Sendung auch nach vier Folgen wenig bis nichts abgewinnen: “Eine Idee, die im Kopf von König Lustig funktioniert, wird im Studio nicht automatisch zu gutem Unterhaltungsfernsehen. Bleibt nur noch eins zu klären: Wer sagt’s dem Chef?”
Weiterer Hörtipp: Im “Quotenmeter”-Podcast (Ausgabe 583) sprechen Fabian Riedner und Julian Schlichting über das neue Raab-Format. Dabei geht es vor allem um die grandios fremdschämverdächtige Folge mit dem Reality-TV-Sternchen Evelyn Burdecki: “Herr Raab macht den Fips Asmussen” (45:01 Minuten).

Wortkarger Waffenkäufer, Nachgerufen, Hintergrundgespräche

1. “Auf unsere Nachfrage kam dann irgendwann gar nichts mehr”
(deutschlandfunk.de, Brigitte Baetz, Audio: 6:32 Minuten)
Vor allem der Hartnäckigkeit der “taz” ist es zu verdanken, dass Mecklenburg-Vorpommerns Innenminister Lorenz Caffier zugeben musste, sich eine Waffe bei mutmaßlichen Rechtsradikalen besorgt zu haben. Der Deutschlandfunk hat sich mit Christina Schmidt aus dem “taz”-Rechercheressort über den bedenklichen Fall unterhalten, den der CDU-Politiker als “Privatsache” verstanden haben will.

2. Einzelfälle
(journalist.de, Sebastian Pertsch & Udo Stiehl)
Wenn Medien und dienstliche Stellen in letzter Zeit von einem “Einzelfall” sprechen, so ist dies beileibe kein Einzelfall: Das Wort sei seit rund 20 Jahren ein Evergreen in den Nachrichtenmedien, schreiben Sebastian Pertsch und Udo Stiehl. In Ihrer Rubrik “Floskel des Monats” erklären die Autoren, was es mit dem Begriff auf sich hat, wann er sich anbietet, und welche Alternativen in Frage kommen.

3. “Informationen in den Vordergrund”
(taz.de, Christian Rath)
Jost Müller-Neuhof, Korrespondent des Berliner “Tagesspiegel”, hat ein Urteil gegen das Kanzleramt erwirkt. Danach haben Journalisten und Journalistinnen das Recht zu erfahren, mit wem sich die Kanzlerin zu sogenannten Hintergrundgesprächen getroffen hat und worum es dabei ging. Müller-Neuhof sei Transparenz wichtig: “Es muss für die Öffentlichkeit erkennbar sein, wenn die Kanzlerin von ihr ausgewählte Medien mit Regierungsinformationen versorgt, die diese dann als eigene Recherche verbreiten, ohne die wahre Quelle zu nennen.”

Bildblog unterstuetzen

4. Staatsnahe Besetzung
(sueddeutsche.de, Benedikt Frank)
Die Landesmedienanstalt Saarland hat im Januar die CDU-Politikerin Ruth Meyer zur neuen Direktorin gewählt. Eine Wahl, die umstritten ist: Ein juristisches Gutachten habe das Wahlprozedere als verfassungswidrig eingestuft. Benedikt Frank erklärt den Vorgang, bei dem es – wie sollte es anders sein – um Politik zu gehen scheint.

5. Die Frage des richtigen Formats
(verdi.de, Günter Herkel)
Auf der Konferenz “Formate des Politischen 2020” ging es auch um die Berichterstattung in der Corona-Pandemie. Neben zahlreichen Medienschaffenden war der Virologe Christian Drosten eingeladen, der von den Schwierigkeiten und Fallstricken der Wissenschaftskommunikation berichtete. Bei einer anderen Gesprächsrunde ging es um Verbesserungspotenziale in der Corona-Berichterstattung.

6. Französischer Radiosender erklärt versehentlich Hunderte Promis für tot
(spiegel.de)
Pelé, Königin Elisabeth II. und Brigitte Bardot – die Internetseite des französischen Radiosenders RFI war plötzlich voll von Texten über angeblich verstorbene Persönlichkeiten der Zeitgeschichte. Aufgrund eines technischen Fehlers seien Hunderte von vorbereiteten Nachrufen online gegangen.

Gendern im Radio, Umstrittene Innovationsförderung, Gammel-Videos

1. Die unsichtbare Welle
(freitag.de, Lorenz Matzat)
In der Corona-Berichterstattung geht es oft darum, wie Daten visuell aufbereitet werden können, ob mit Daten-Dashboards, Diagrammen oder Karten. So hilfreich Datenvisualisierungen sein können, so sorgsam müssen sie erstellt und gelesen werden. Lorenz Matzat hat dazu zwei Experten befragt: Marcel Pauly, Leiter des Bereichs Datenjournalismus beim “Spiegel”, und Juliane Leopold, Chefredakteurin Digitales von ARD-aktuell. Außerdem geht es in Matzats Text um die Rolle des Robert-Koch-Instituts als “Datenlieferant” und dessen mögliche Versäumnisse.

2. Gendern im Radio – Muss das sein?
(deutschlandfunk.de, Ann-Kathrin Büüsker, Audio: 62 Minuten)
In einer Sonderausgabe von “Deutschlandfunk – Der Tag” geht es um ein oft hitzig diskutiertes Thema: geschlechtergerechte Sprache im Radio. Ann-Kathrin Büüsker hat sich dazu mit Christoph Schmitz, dem Leiter der Deutschlandfunk-Musikredaktion, und Bettina Schmieding, der Leiterin der Medienredaktion des Dlf, zusammengesetzt: “Wieso sprechen einige im Deutschlandfunk das Gendersternchen und andere nicht? Wie diskutieren die Redaktionen? Wie finden es die Hörer*innen?” Eine überaus lohnenswerte Hörstunde, in der alle Argumente und Gegenargumente zur Sprache kommen.

3. Was besser wäre, als das Geld des Datenkonzerns zu nehmen
(netzpolitik.org, Ingo Dachwitz & Alexander Fanta)
Die Bundesregierung will den Verlagen demnächst eine “Innovationsförderung” von 220 Millionen Euro zukommen lassen. Christopher Buschow hat sich mit dem Thema intensiv auseinandergesetzt – er ist einer der Autoren des Gutachtens zur “Innovationslandschaft des Journalismus in Deutschland”. Im Interview mit netzpolitik.org zeigt sich Buschow skeptisch, was die Zielrichtung der Fördermaßnahme angeht: “Die Definition von Innovation im Förderkonzept ist so weit gefasst und so allgemein, dass jeder Verlag ein ohnehin geplantes Projekt finden wird, was ihn zur Förderung berechtigt. Noch dazu kann die ausgesprochene breite Definition unerwünschte Nebenwirkungen haben: So will das Wirtschaftsministerium u.a. ‘Online-Shops und Rubrikenportale’ fördern – und damit gewissermaßen die Abkehr der Verlage vom eigentlich förderungswürdigen Kerngeschäft des Journalismus. Das muss man erstmal verdauen.”
Weiterer Hörhinweis: Im “Was mit Medien”-Podcast geht es um die Frage: “Wie steckt Google Millionen Euro in den Journalismus, Alex Fanta und Ingo Dachwitz?” Die beiden netzpolitik.org-Journalisten sind Autoren der Studie “Medienmäzen Google – Wie der Datenkonzern den Journalismus umgarnt”.

Bildblog unterstuetzen

4. Das Filmen einer Vergewaltigung ist keine “Sex-Falle”, liebe Kronen Zeitung
(facebook.com/momentat)
In der aktuellen Folge der Rubrik “Gegengelesen” setzt sich das österreichische Magazin “Moment” mit der Berichterstattung der “Kronen Zeitung” über einen Vergewaltigungsfall auseinander. Das Fazit: “Die Berichterstattung über sexualisierte und häusliche Gewalt sowie Frauenmorde ist meist verharmlosend und problematisch. Eine Täter-Opfer-Umkehr und verharmlosende Beschreibungen helfen nicht bei dem Aufzeigen von sexueller Gewalt. Ganz im Gegenteil.”

5. Neue Ideen für den Lokaljournalismus
(infosperber.ch, Rainer Stadler)
Der US-amerikanische Lokaljournalismus befindet sich seit längerer Zeit im Niedergang. In den vergangenen Jahren hätten hunderte Blätter den Betrieb eingestellt, es seien zehntausende Stellen gestrichen worden. Doch nun entstehen neue Mitteilungsformen: Newsletter und Podcasts würden in die entstandenen Lücken stoßen. Rainer Stadler berichtet von den neuartigen Versuchen, den Lokaljournalismus zu beleben. Dabei wird klar, dass auch die neuen Ansätze nicht alle Probleme lösen werden.

6. Corona-Clips #besondereHelden: Das ist nicht lustig
(rnd.de, Jan Sternberg)
Die Bundesregierung hat zwei ironisch-satirische Videos zur Corona-Pandemie produzieren lassen, bei denen man jungen Leuten beim Gammeln zusehen kann. Die Clips werden recht unterschiedlich aufgenommen. Jan Sternberg kann darüber zum Beispiel nur eingeschränkt lachen: “Wie sollen das Eltern finden, die seit März im Homeschooling-/Homeoffice-/Hotspot-Unterricht-Stress sind? Wie sollen das die wahren Helden finden, für die schon lange keiner mehr klatscht – also Krankenschwestern und Pfleger? Wie diejenigen, die zu Hause nicht Langeweile und Hähnchenschenkel finden, sondern Stress und Gewalt?” Sein Kollege Jonas Leppin vom “Spiegel” ist etwas nachsichtiger: “Würde man alle vorgebrachten Bedenken in einem einzigen Video unterbringen, dann wäre es wohl der langweiligste Spot der Welt.”

Angreifende “Querdenker”, Blamage um Uploadfilter, Stiftungsförderung

1. “Ihr geht sowieso bald alle hops”
(deutschlandfunk.de, Nina Magoley, Audio: 5:16 Minuten)
In letzter Zeit wird immer wieder von Angriffen auf Medienschaffende berichtet, vor allem in Zusammenhang mit den “Querdenken”-Demonstrationen. Journalistenverbände und NGOs beklagen das gewalttätige Auftreten der beteiligten Demonstranten gegenüber Medienvertretern. Laut der Gewerkschaft DJU sollen allein bei der Demo in Leipzig am Samstag mindestens 43 Journalistinnen und Journalisten an ihrer Arbeit gehindert worden sein. Eine unrühmliche Rolle komme dabei der Polizei zu, die oft nur zögerlich eingreife oder gar selbst Medienarbeit behindere.

2. Edit Policy: EuGH könnte Uploadfilter kippen und Berlin blamieren
(heise.de, Julia Reda)
“Sollte die CDU gegen ihr Versprechen den Einsatz von Uploadfiltern verlangen, könnte der Europäische Gerichtshof die Richtlinie nächstes Jahr wieder kippen”, so die düstere Prognose der Urheberrechts-Expertin Julia Reda. In ihrem Beitrag zeichnet sie das wenig konsistente Vorgehen der Regierungskoalition nach. Selbst CDU-geführte Ministerien würden in der Sache nicht zusammenarbeiten, sondern unterschiedliche Strategien verfolgen.

3. Live-Medien verschwenden bloss unsere Zeit
(infosperber.ch, Rainer Stadler)
Rainer Stadler kritisiert die Berichterstattung rund um die US-Präsidentschaftswahlen. Er stört sich sowohl an Frequenz als auch an Tonalität vieler Berichte: “Einschätzungen und Kommentare gehören zum Geschäft der politischen Journalisten. Das sollten diese allerdings mit Fakten und Argumenten tun. Gefühlsausbrüche beschädigen ihr Image, beleidigende Worte umso mehr.”

Bildblog unterstuetzen

4. Recherchieren für das Gemeinwohl – wie Stiftungen Journalismus finanzieren
(fachjournalist.de, Gunter Becker)
Anna Driftschröer hat sich in ihrer Masterarbeit mit der Förderung des Journalismus durch Stiftungen auseinandergesetzt und dazu mit beiden Seiten gesprochen: den Geldgebern (den Stiftungen) und den Geldempfangenden (den Redaktionen). Wie funktioniert Stiftungsförderung? Wer profitiert davon? Welche Themen werden bevorzugt gefördert? Außerdem liefert der Beitrag Anlaufstellen für weitergehende Informationen.

5. Alexa, richte dich nach diesen Regeln!
(sueddeutsche.de, Benedikt Frank)
Der neue Medienstaatsvertrag löst den bisherigen Rundfunkstaatsvertrag ab, der sich weitgehend auf Radio und Fernsehen bezog. Der neue Vertrag soll nun die gesamte digitale Medienwelt erfassen. Benedikt Frank erklärt, was sich für Anbieter und Nutzende geändert hat. Und was sich seiner Einschätzung nach noch ändern wird.

6. Wie unser PUR-Angebot für werbefreies Lesen ankommt
(devspiegel.medium.com)
Seit Februar können sich Leserinnen und Leser des “Spiegel”-Onlineangebots für den Besuch einer werbe- und trackingfreien Seite entscheiden: Die “Pur”-Variante kostet rund fünf Euro im Monat. Im Entwicklerblog des “Spiegel” ziehen die Verantwortlichen eine Zwischenbilanz: Von den monatlich mehr als 20 Millionen Unique Usern würden etwa 17.000 das anzeigenfreie Bezahlmodell wählen. Die Zahl hört sich zunächst ernüchternd klein an, liefert jedoch weitere Erkenntnisse.

Wahlnacht, Giga-Framing, Rekord-Traffic wegen Corona & US-Wahl

1. Im Feuer der Desinformation
(zeit.de, Meike Laaff)
Schon Monate vor dem US-Wahltag hatten Facebook, Twitter, Youtube und andere Internetunternehmen Pläne zur Bekämpfung von Falschinformationen zur Wahl vorgelegt. “Zeit Online”-Redakteurin Meike Laaff hat sich in einer ersten Analyse angeschaut, wie gut das gelungen ist. Im Vergleich zu den vergangenen Präsidentschaftswahlen sei entschiedener eingegriffen worden, so ihr Fazit. In der gegenwärtigen Situation reiche dies jedoch nicht: “Informationsmanagement, Labels und Sperrungen in sozialen Netzwerken können nicht ad hoc die grundlegenden gesellschaftlichen Probleme lösen, die diese Wahl einmal mehr offenbart. Die USA sind tief gespalten. Das Feuer aus Falschinformationen, die den Wahltag im Netz begleitet haben, zeugt davon einmal mehr.”

2. Die lange Nacht der langen Gesichter: Ein Protokoll der Wahlnacht im Livefernsehen
(rnd.de, Imre Grimm)
Der Journalist Imre Grimm hat sich in einen Selbstversuch gestürzt und neun Stunden TV-Wahlberichterstattung konsumiert. In seinem Protokoll kann man verfolgen, wie er sich tapfer durch die Programme zappt.
Weitere Guckempfehlung: Das Medienmagazin “Zapp” war “Hinter den Kulissen der ARD-Wahlnacht zur US-Wahl” (youtube.com, Video: 6:51 Minuten).
Weitere Leseempfehlung: “Deutsche Medien übernahmen in der Wahlnacht nicht belegte Behauptungen von Trump. Was medial sonst noch falsch gelaufen ist.” Carolina Schwarz mit einer Medienschau zur US-Wahl (taz.de).

3. Hilfreiche Datenvisualisierungen im Überblick
(netzpolitik.org, Anna Biselli)
Wahlen sind traditionell die Stunde der Datenvisualisierungen. Zu den typischen Balken- und Säulendiagrammen kommen heutzutage eindrucksvolle und teilweise interaktive Zahlen-Präsentationen. Bei netzpolitik.org gibt es eine Zusammenstellung einiger besonders schöner, hilfreicher oder außergewöhnlicher Beispiele.

Bildblog unterstuetzen

4. “Gigafactory” – Wenn Medien Firmen-PR übernehmen
(deutschlandfunk.de, Annika Schneider, Audio: 2:22 Minuten)
Der Fahrzeughersteller Tesla errichtet derzeit in Brandenburg eine Fabrik, die er “Gigafactory” nennt. Medien sollten diesen Begriff nicht übernehmen, findet Deutschlandfunk-Journalistin Annika Schneider: “Dahinter steckt geschickte Firmen-PR: Eine ‘Gigafactory’, das ist kein einfaches Werk zur Herstellung von E-Fahrzeugen – der Anglizismus klingt nach einer Anlage riesigen Ausmaßes, in der hochmoderne Technologien zum Einsatz kommen. Genau deswegen ist der Begriff nicht neutral, sondern ein Euphemismus.”

5. Wie divers ist der ARD-Nachwuchs?
(journalist.de, Lynn Kraemer & Daniel Tautz & Nils Hagemann)
Wie divers ist der ARD-Nachwuchs? Das wollten zwei Volontäre und eine Volontärin erfahren und haben nach eigenen Angaben ihre 150 Kolleginnen und Kollegen bei der ARD, der Deutschen Welle und dem Deutschlandradio kontaktiert. 86 von ihnen konnten sie für eine Umfrage gewinnen. Die Journalismus-Auszubildenden der ARD seien den Angaben nach überwiegend weiblich, hätten studiert und würden mehrheitlich die Grünen wählen. Im “journalist” stellen die Studienverantwortlichen die Ergebnisse im Detail vor und ordnen sie ein.

6. Corona und US-Wahl sorgen für Rekord-Internetnutzung in Deutschland
(spiegel.de)
Der Frankfurter Internetknoten hat einen Rekord in Sachen Datenverkehr vermeldet. Der neue Höchstwert liege mehr als 40 Prozent über dem Vorjahr, normal sei ein Wachstum von zehn Prozent. Gründe seien die verstärkte Medien- und Datennutzung durch Streaming, Homeoffice und Homeschooling sowie das starke Interesse an der US-Wahl.

220 Mio. vertane Chancen, US-Wahl, Pantoffelheldige Knuffeligkeit

1. “Eine vertane Chance”
(taz.de, Anne Fromm)
Insgesamt 220 Millionen Euro Pressesubventionen sollen demnächst über die Verlagslandschaft herabregnen. Die Höhe der Zuwendung solle sich nach der Auflage der jeweiligen Zeitung beziehungsweise Zeitschrift richten. Eine Vergabepraxis, die von Medienwissenschaftler Christopher Buschow kritisiert wird: “Wir belohnen die, die sowieso schon hohe Auflagen und Reichweiten haben. Was man mit einem solchen Modell aber nicht schafft, ist, Qualität und Innovation zu fördern. Dabei wären das aus meiner Sicht die dringenderen Kriterien.”

2. US-Wahl 2020: Die Wahlnacht live im TV und Live-Stream – Alle Sender, alle Termine
(fr.de, Nico Scheck)
Heute Nacht wählen die Menschen in den USA ihren nächsten Präsidenten. Die “Frankfurter Rundschau” hat zusammengestellt, auf welchen Sendern sich das Spektakel live anschauen oder streamen lässt, und welche Sondersendungen geplant sind.
Weiterer Lesehinweis: Stefan Niggemeier erinnert bei “Übermedien” an die US-Wahl von vor vier Jahren und fragt: “Die großen Medien waren sicher, dass Hillary Clinton gewinnt. – Oder?”

3. “Die Gegenwart bekommt mehr Tiefe”
(sueddeutsche.de, Cornelius Pollmer)
Auf Twitter erfreut sich die “Tagesschau vor 20 Jahren” großer Beliebtheit. Dort erscheinen alte Nachrichten, die oft einen überraschenden oder kuriosen Bezug zur Gegenwart haben. Was viele nicht wissen: Der Account wird nicht von der ARD, sondern vom Literaturwissenschaftler Hannes Fischer bespielt, der gerade in Berlin an seiner Dissertation arbeitet. Die “Süddeutsche Zeitung” hat sich mit Fischer zum Gespräch getroffen.

Bildblog unterstuetzen

4 Ist das Altpapier noch modern genug?
(mdr.de, René Martens & Jenni Zylka)
Lucia Eskes und Vera Lisakowski sind verantwortlich für Grimme-Preis und Grimme Online Award in den Bereichen Fernsehen und Internet. Im Interview mit dem “Altpapier” geht es unter anderem um die vernachlässigten Beobachtungsfelder Web-Kritik und Online-Kritik, den Unterschied zwischen Shitstorm und Online-Terror und die Wirkung von Medienpreisen.

5. Reporter Slam: Theresa Locker & Sebastian Meineck
(youtube.com, Reporter Slam, Video: 13:14 Minuten)
Beim “Reporter Slam” treten Journalisten und Journalistinnen vor Live-Publikum mit unterhaltsamen Kurzvorträgen zu ihren Recherchen gegeneinander an. Jeder bekommt etwa zehn Minuten Zeit, und am Ende entscheidet das Publikum über den Sieger oder die Siegerin. Die Veranstaltung vom 11. Oktober in Berlin wird gerade stückchenweise auf Youtube geladen. Im oben verlinkten Auftritt erklären Theresa Locker und Sebastian Meineck von “Vice”, wie sie ihren Bürohund zum Influencer gemacht haben. Ebenfalls schon vorhanden: Der Vortrag von Ann-Kathrin Hipp und Nadine Voß vom “Tagesspiegel” über den Flughafen BER.

6. Die Gerd und Soyeon-Show
(philomag.de, Nils Markwardt)
Nils Markwardt hat sich die Instagram-Inszenierung von Alt-Bundeskanzler Gerhard Schröder angeschaut, der auf dem Kanal seiner Frau Schröder-Kim So-yeon eine “naturnahe Gemütlichkeitsoffensive” offenbare. Markwardts Beobachtungen sind alleine schon deshalb lesenswert, weil er seinen Diss kunstvoll verpackt und verschachtelt. Etwa: “Bei manchen mag sich ob dieser pantoffelheldigen Knuffeligkeit unwillkürlich eine gewisse Reflex-Sympathie einstellen, die en passant goutiert, dass sich die Ästhetik der Demokratie eben nicht im pseudo-höfischen Pomp eines Trump oder Erdogan findet, sondern vielmehr im mittelmäßigen Inventar des Reihenhauses zu sich kommt.”

Der Todesschuss, Lauterbachs Wohnungskontrollen, Wirecard

1. Die Schuldvermutung
(sueddeutsche.de, Joachim Käppner & Ralf Wiegand)
1993 kamen bei einem Anti-Terror-Einsatz in Bad Kleinen ein Polizist und der Terrorist Wolfgang Grams ums Leben. Der “Spiegel” berichtete damals, Grams sei durch die Polizei quasi hingerichtet worden, und stützte seine Titelgeschichte “Der Todesschuß” auf einen angeblichen Zeugen. Es entstanden starke Zweifel an der Story. Mehr als ein Vierteljahrhundert später veröffentlicht das Nachrichtenmagazin nun den Bericht seiner “Aufklärungskommission” (PDF), die mit der Wahrheitsfindung in dem Fall betraut wurde. Stefan Niggemeier kritisiert den Bericht auf Twitter als schwer lesbar: “Offenbar war niemand involviert, der weiß, wie man einen so komplexen Sachverhalt mit widersprüchlichen Aussagen aufschreibt, ohne Schilderungen und Zitate dauernd zu wiederholen und den Leser vollends zu verwirren.” Umso besser, dass die ”Süddeutsche Zeitung” sich mit dem Vorgang befasst hat, der das Zeug zu einem Medien-Krimi hat.

2. Lauterbachs Wohnungskontrollen – Perfekte Zutaten für einen Shitstorm
(zdf.de, Florian Neuhann)
Hat der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach tatsächlich die anlasslose Kontrolle von Privatwohnungen durch die Polizei gefordert, wie einige Medien suggerierten? Florian Neuhann zeichnet nach, wie eine vielleicht nicht ganz so glücklich gewählte, da missverständliche Formulierung zu einem handfesten Shitstorm inklusive Morddrohungen führte.

3. Medientage München: Wolfgang Blau (Reuters Institute) über die Zukunft des Journalismus
(youtube.com, Wolfgang Blau, Video: 18:28 Minuten)
Wolfgang Blau leitete einige Jahre “Zeit Online”, bevor er eine Führungsposition beim britischen “Guardian” übernahm und vor dort zum Verlag Condé Nast wechselte, der unter anderem den “New Yorker” herausgibt. Inzwischen arbeitet Blau beim Reuters Institute for the Study of Journalism der Universität von Oxford. In seiner Keynote für die Medientage München denkt er über grundsätzliche Fragen des Journalismus nach: Wie kann man die Wirksamkeit von Journalismus verbessern? Wie lassen sich Journalismusverweigerer erreichen? Wie kann Journalismus zu Corona-Zeiten authentisch Mitgefühl vermitteln, ohne sich anzubiedern oder gar selbst populistisch zu werden? Und welchen Wert sollte der Journalismus der Klimakrise beimessen?

Bildblog unterstuetzen

4. Wirecard-Ausschuss: GroKo gegen öffentliche Aussage von Reporter
(handelsblatt.com)
Beim Skandal um den insolventen Zahlungsdienstleister Wirecard gibt es Vorwürfe gegen mehrere Spitzenmanager des Unternehmens, aber auch gegen die staatliche Finanzaufsicht BaFin. Die Behörde hatte sich jahrelange juristische Auseinandersetzungen mit der “Financial Times” geliefert, die Missstände bei Wirecard aufgedeckt hatte. Nun wollte “Financial Times”-Journalist Dan McCrum dazu öffentlich im Untersuchungsausschuss aussagen, was von Union und SPD jedoch abgelehnt worden sei. Die Oppositionsabgeordneten Fabio De Masi (Linke), Danyal Bayaz (Grüne) und Florian Toncar (FDP) kritisieren das Verhalten der Koalitionsfraktionen. De Masi spricht von einem unwürdigen Verhalten und einem Imageschaden für Deutschland.

5. Bitte nicht diskriminieren!
(taz.de, Peter Weissenburger)
An die Stelle des bisherigen Rundfunkstaatsvertrags soll der neue und erweiterte Medienstaatsvertrag treten. Bislang fehlte dazu nur noch die Ratifizierung durch das Landesparlament von Mecklenburg-Vorpommern, doch die liegt nun vor. Das Gesetz kann somit in Kraft treten. Peter Weissenburger beantwortet die wichtigsten Fragen rund um das neue Regulierungswerk: Inwieweit betrifft es den normalen Konsumenten? Was ändert sich für Streamer und Content Creator auf Youtube, Twitch oder in den Sozialen Netzwerken? Welche Auswirkungen hat es auf die Angebote der öffentlich-rechtlichen Medien?

6. Sawsan Chebli erwirkt einstweilige Verfügung gegen “Tichys Einblick”
(spiegel.de)
Die Berliner SPD-Politikerin Sawsan Chebli hat sich erfolgreich gegen eine Beleidigung zur Wehr gesetzt. Dem Publizisten Roland Tichy wurde per einstweiliger Verfügung untersagt, eine frauenfeindliche und sexistische Aussage über Chebli weiter zu verbreiten.

Blättern:  1 ... 118 119 120 ... 225