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TV-Chronik des Wahlabends, “Bild” mopst Material, Sievers nach Kleber

1. Zahlengewitter, Sauflieder – und wer weckt Jörg Schönenborn? Die TV-Chronik des Wahlabends
(rnd.de, Imre Grimm)
Imre Grimm hat sich siebeneinhalb Stunden durch das Wahlfernsehen gezappt und anschließend eine TV-Chronik des vergangenen Wahlabends verfasst. Gleich zu Beginn hat er sich einer besonderen Herausforderung gestellt und “Bild TV” eingeschaltet: “17.24 Uhr. Thomas Gottschalk, der große alte Mann der Politberichterstattung, verrät beim ambitionierten Newcomer Bild TV (Marktanteil: 0,1 Prozent) wortreich nicht, wen oder was er gewählt hat. Politexperte Oliver Pocher kommentiert den Stimmzettel-Fauxpas von Laschet: ‘Das war dumm.’ Substanzieller wird es an diesem Abend an diesem Ort nicht mehr.”

2. “Bild”-Berichterstattung könnte Konsequenzen haben
(t-online.de, Steven Sowa)
“Bild” schießt gerne gegen die öffentlich-rechtlichen Sender ARD und ZDF, und mit “Bild TV” hat die Redaktion seit etwa einem Monat sogar einen eigenen TV-Kanal am Start. Am Wahlabend bediente sich “Bild TV” jedoch bei ARD und ZDF. War die Übernahme des fremden Sendematerials rechtens oder abgesprochen? Zumindest von der ARD habe es keine Genehmigung dafür gegeben, hat t-online.de herausgefunden. Wie sich der Sachverhalt beim ZDF darstellt, sei derzeit noch unklar.

3. Taliban-Medienregeln bedrohen Journalisten
(reporter-ohne-grenzen.de)
Reporter ohne Grenzen ist zutiefst beunruhigt über die “Elf Regeln für den Journalismus”, die die Taliban bei einem Treffen mit Medien angekündigt haben. Sie seien vage formuliert, gefährlich und könnten zur Verfolgung von Journalistinnen und Journalisten genutzt werden: “Für die Zukunft der journalistischen Unabhängigkeit und der Medienvielfalt in Afghanistan verheißen die Taliban-Medienregeln nichts Gutes. Anstatt einen Schutzrahmen zu schaffen, der es Journalistinnen und Journalisten ermöglicht, unter zumindest akzeptablen Bedingungen weiterzuarbeiten, zementieren sie Grundsätze und Methoden, die der journalistischen Praxis widersprechen und Raum für eine höchst repressive Auslegung lassen.”

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4. 20 Jahre Netzwerk Recherche – das Magazin zum Jubiläum
(netzwerkrecherche.org)
Die Journalistenvereinigung Netzwerk Recherche setzt sich für investigativen Journalismus, Informationsfreiheit und die Vermittlung von Recherchetechniken ein. Zum zwanzigjährigen Bestehen gibt es ein Magazin, in dem die Vereinigung sowohl zurück als auch nach vorne schaut: “Handwerk & Haltung” bietet wertvolle Beiträge für alle Journalismus-Interessierten und ist kostenlos als PDF verfügbar. Runterladen lohnt sich!

5. Justizministerium geht gegen rechte Social-Media-Seite vor
(spiegel.de, Max Hoppenstedt)
Das Bundesjustizministerium hat nach Informationen des “Spiegel” ein Bußgeldverfahren gegen die rechte Social-Media-Seite gab.com eröffnet. Im Kern geht es um die unterbliebene Nennung eines Zustellungsbevollmächtigten im Inland, was von der Plattform weiterhin abgelehnt werde. Das Bundesamt für Justiz habe einen Bußgeldbescheid in Höhe von 30.000 Euro erlassen und an die US-amerikanischen Betreiber des Unternehmens geschickt. Bei gab.com werde der Holocaust geleugnet und gegen Juden gehetzt.

6. Der Mann, der Claus Kleber beerbt
(sueddeutsche.de, Claudia Tieschky)
Christian Sievers übernimmt zum Jahresende das “heute journal” von Claus Kleber, der in den Ruhestand geht. Die “Süddeutsche” stellt den neuen Mann vor, der bereits auf ein bewegtes Reporterleben zurückblicken kann und als langjähriger Nahost-Korrespondent des ZDF vom Studio Tel Aviv aus gearbeitet hat.

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Eckstein, Eckstein, niemand wird versteckt sein

Eine momentan ganz beliebte Erzählung von Politikern der CDU und CSU geht so: Die SPD und ihr Spitzenkandidat Olaf Scholz sollen die prominenten Vertreter des linken Parteiflügels verstecken, damit diese mit ihren Ideen und Aussagen nicht Scholz’ erfolgreichen Wahlkampf torpedieren können. Das SPD-Führungsduo Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans sollen genauso wie der ehemalige Juso-Chef und heutige stellvertretende Bundesvorsitzende Kevin Kühnert also nicht in die Öffentlichkeit gelassen werden.

Gestern Abend in der “Bild-TV”-Sendung “Viertel nach Acht” hat sich “Bild”-Moderatorin Nena Schink dieser Erzählung angeschlossen:

Der eigentliche Erfolg von Olaf Scholz war doch gar nicht gestern im Triell die Leistung, nein, der eigentliche Erfolg von Olaf Scholz ist, wie er seine Leute im Griff hat. Ich meine, dass Saskia Esken die Einladung zu Anne Will ausschlug, das ist der große Erfolg von Olaf Scholz. Und das ist das, wofür man ihn loben sollte: Dass er es schafft, Enteignungs-Kevin, Versteck-mich-Saskia und den Corona-Hampelmann Lauterbach einfach zu verstecken und damit auch die linken Phantasien.

“Bild”-Chef Julian Reichelt, der ebenfalls in der “Bild-TV”-Sendung sitzt, erzählt zwar, dass Kevin Kühnert aus dem Vorwurf “ein teilweise sehr unterhaltsames Spiel” mache, indem er bei Twitter regelmäßig darauf hinweist, in welcher Talkshow er sich diesmal versteckt; aber auch Reichelt sagt:

Ich habe ja auch das Gefühl, dass das durchaus bewusst ist, dieses Verstecken von manchen Figuren, die vielleicht nicht wirklich zum sehr geschmeidigen, sehr bürgerlichen Auftritt von Olaf Scholz passen wird.

Da haben Recherche-Julian und Fakten-Hampelfrau Schink entweder so gar nicht aufgepasst und einfach nur ahnungslos irgendwas nachgeplappert. Oder sie wissen es eigentlich besser und erzählen bewusst etwas Falsches. Denn dass Saskia Esken, Norbert Walter-Borjans, Kevin Kühnert und Karl Lauterbach “einfach versteckt” werden, ist schlicht Blödsinn. Hier mal eine kleine Übersicht, nur aus dem bisher 14 Tage alten September:

Man kann die SPD und die Vertreter des linken Parteiflügels gern völlig daneben finden. Man sollte dann aber nicht irgendwelche Unwahrheiten über sie verbreiten.

***

Offenlegung: Für unser Buch “Ohne Rücksicht auf Verluste” hat Kevin Kühnert das Nachwort geschrieben.

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False-Balance-Debatte, Baerbock Hauptziel, Schweigers Impf-Gerede

1. Böhmermann attackiert Lanz: Wie groß ist die Gefahr der False Balance?
(rnd.de, Imre Grimm)
Bei der “Langen Nacht der Zeit” haben “Zeit”-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo, Satiriker Jan Böhmermann und ZDF-Moderator Markus Lanz über “Macht und Ohnmacht des politischen Journalismus” gesprochen. Bei einem Schlagabtausch zwischen Böhmermann und Lanz ging es um die Frage, ob man viel kritisierte Corona-Forscher wie Alexander Kekulé oder Hendrik Streeck eine breite TV-Bühne bieten soll. Dabei fiel auch das Stichwort der “False Balance”. Imre Grimm fasst die Argumentation der Gesprächspartner zusammen und ordnet das Ganze ein.

2. Viel Weißraum um Nichts – Der Streit um Annalena Baerbock und das “Bild”-Interview
(meedia.de, Tobias Singer)
“Das ist ihre Seite, Frau Baerbock” titelte die “Bild am Sonntag” vorgestern und ließ die Seite weiß. Wie es dazu gekommen war? Baerbock hatte ein Interview aus Termingründen abgesagt. Offenbar beleidigt schrieb die “BamS”: “Annalena Baerbock ist die erste grüne Spitzenkandidatin, die vor einer Bundestagswahl keine Zeit für ein Interview mit Bild am Sonntag hatte.” In seinem Kommentar entgegnet Tobias Singer: “Es gibt kein Recht auf ein Interview, auch nicht für ‘Bild’. Andere mussten da auch durch. Wenn Rezo und Tilo Jung eine Absage von Armin Laschet einfahren, dann ist das vielleicht eine vertane Chance für ein junges Publikum, aber: Es gibt kein Recht auf ein Interview.”

3. Faktenprüfer sehen Annalena Baerbock als Hauptziel von Desinformation
(zeit.de)
Nach einem Bericht des Kampagnennetzwerks Avaaz ist die Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock im Vergleich zu anderen Politikern und Politikerinnen derzeit das Hauptziel von Desinformationsnarrativen im Fernsehen, in Print- und Online- sowie in Sozialen Medien. Grundlage der Auswertung seien zwischen dem 1. Januar und dem 31. August dieses Jahres erhobene Daten der Faktencheck-Redaktionen der Deutschen Presse-Agentur, der Nachrichtenagentur AFP und des Rechercheteams von “Correctiv”.

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4. Springer positioniert “Die Welt” als “Zeitung fürs Wesentliche”
(dwdl.de, Alexander Krei)
Der Springer-Konzern hat seine Tageszeitung “Die Welt” gestrafft und relauncht: “Statt für 2,80 Euro ist ‘Die Welt’ künftig für genau zwei Euro zu haben. Allerdings schrumpft auch der Inhalt: Auf regulär 16 Seiten sollen in der Zeitung die einzelnen Stücke ‘pointierter und damit kürzer’ ausfallen, gleichzeitig sollen die Struktur stringenter und die Inhalt stärker gebündelt werden, heißt es. Ein Schritt, der wohl auch als Reaktion auf gesunkene Auflagenzahlen gewertet werden kann.”

5. Dokumentarfilm “Eine andere Freiheit” mit Til Schweiger sorgt für Wirbel
(tagesspiegel.de, Christopher Stolz)
Am Wochenende wurde ein Trailer zu einem, nun ja, Dokumentarfilm veröffentlicht, in dem sich der Schauspieler Til Schweiger gegen die Corona-Impfung für Kinder ausspricht: “Für Kinder ist dieser Virus absolut harmlos. Und die Gefahr von so einer Impfung, die man nicht erforscht hat, ist ungleich höher als der Virus selber. Deswegen halte ich persönlich das für entsetzlich”. Belege für seine Behauptungen nennt er nicht. Außerdem redet Schweiger davon, dass unser Grundgesetz “mehr oder weniger” außer Kraft gesetzt sei. Der “Tagesspiegel” hat dazu einige Stimmen zusammengestellt, darunter auch die des “6-vor-9”-Kurators.

6. Der Beitragsservice und ich
(taz.de, Bert Schulz)
Bert Schulz, Leiter des Berliner “taz”-Büros, erhält eine E-Mail aus der Buchhaltung: Es sei ein Pfändungsbescheid eingegangen, im Auftrag des Rundfunks Berlin-Brandenburg. Es gehe um 888 Euro angeblich nicht bezahlter Rundfunkgebühren. Mit großem Einsatz gelingt es Schulz, die Sache klarzustellen, da flattert eine Nachforderung ins Haus. Nun soll er mehr als 1.200 Euro nachzahlen: “Mein Fall mag ein unglücklicher Einzelfall sein. Eine Häufung dummer Zufälle, die ausgerechnet mich erwischt hat. Auch der Beitragsservice teilt mir mit, man könne sich selbst nicht erklären, wie die falschen Daten übermittelt wurden – und warum keiner der Briefe zurückkam. Dennoch ist mir das alles an die Substanz gegangen, hat mich verwirrt, geärgert, verunsichert. Und ich habe mich mehrmals gefragt: Hätte ich zum Beispiel als 80-Jähriger Kraft und Nerven gehabt, den Irrtum aufzuklären?”

Das Mimimi der “Bild am Sonntag”, Edits aus dem Bundestag, Lanz-Precht

1. Mit freundlichen Edits aus dem Bundestag
(netzpolitik.org, Anna Biselli)
Beim Online-Nachschlagewerk Wikipedia können bekanntermaßen alle mitmachen, und doch stammen viele Artikel zu deutschen Bundestagsabgeordneten von einzelnen Nutzern. Das zeigen Recherchen von netzpolitik.org und Jan Böhmermanns “ZDF Magazin Royale”. Bei manchen Wikipedia-Beiträgen würden die Politiker und Politikerinnen selbst mitschreiben. Die beiden Redaktionen haben die Wikipedia-Artikel der 709 Mitglieder des Bundestags der aktuellen Wahlperiode ausgewertet. Welche Nutzer haben besonders viele Artikel von Politikern und Politikerinnen bearbeitet? Und welche Artikel wurden zu einem Großteil von einem einzigen Nutzer geschrieben? Die dazugehörige Böhmermann-Folge gibt es hier.

2. »Bild am Sonntag« druckt weiße Seite statt Baerbock-Interview
(spiegel.de)
Die Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock hat eine Interviewanfrage der “Bild am Sonntag” abgelehnt. Die Wochenzeitung aus dem Hause Springer antwortete gestern mit einer fast leeren Seite und einer Fußnote voller Mimimi.

3. Eva Schulz: “Wir saßen hier auf heißen Kohlen”
(dwdl.de, Senta Krasser)
Für das Format “Nahaufnahme” hat sich Senta Krasser mit der Politikjournalistin Eva Schulz getroffen, dem “Postergirl des Digitaljournalismus”, wie Schulz unlängst in einer Talkshow angekündigt wurde. Eva Schulz betreibt bei funk den Kanal “Deutschland3000 – ‘ne gute Stunde mit Eva Schulz”. Im ARD-Format “Der Raum mit Eva Schulz” sperrt sie vier Menschen mit verschiedenen Meinungen in einen Raum und lässt sie nur wieder raus, wenn sie zusammen spielen, statt gegeneinander zu kämpfen. Was macht ihren Erfolg aus? Und warum geht Armin Laschet zu ihr und nicht zu Rezo?

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4. Red-Bull-Boss Mateschitz startet Medienprojekt “Der Pragmaticus”
(meedia.de)
Der österreichische Milliardär und Red-Bull-Boss Dietrich Mateschitz hatte bereits vor Jahren ein (mittlerweile abgewickeltes) Medienprojekt namens “Addendum” gestartet. Nun unternimmt Mateschitz, dem von vielen Seiten Nähe zum Rechtspopulismus vorgeworfen wird, einen neuen Anlauf. Die Online-Plattform “Der Pragmaticus” wolle ab sofort Expertinnen und Experten Raum geben, abseits von tagespolitischen Debatten in einem großzügigen Umfang ihre Inhalte “unverfälscht” zu publizieren. Das dazugehörige monatliche Printmedium soll eine Auflage von 200.000 Exemplaren haben.

5. Späti statt Regierungsviertel
(taz.de, Emeli Glaser)
Anlässlich der Bundestagswahl gibt es jetzt zwei politische Interview-Formate, die speziell junge Menschen ansprechen sollen: “Ich würde nie …” von Deutschlandfunk Nova und “Kreuzverhör – deine Wahl? von funk. Emeli Glaser hat aufgeschrieben, was ihr an den Formaten gefällt, aber auch was ihr missfällt: “Ähnlich wie bei anderen Politiker:innen-Talks bleibt leider auch bei den jungen Formaten das Gefühl, nicht schlauer herauszugehen, als man gekommen ist – abgesehen von randomisierten Fakten aus dem Privatleben des Gastes. Aber vielleicht liegt das ja am Ende gar nicht nur an den Talks. Sondern auch an den Politiker:innen.”

6. Stimmt’s oder hab ich recht?
(sueddeutsche.de, Corlenius Pollmer)
Wenn sich zwei äußerst erfolgreiche Medien-Promis wie Markus Lanz und Richard David Precht für einen Podcast zusammentun, sind die Erwartungen hoch. Cornelius Pollmer war nach dem Anhören der ersten Folge eher ernüchtert: “Ist alles nicht falsch, was Lanz und Precht sagen, aber es gibt Mitfahrgelegenheiten, da wird man ähnlich gut unterhalten.”

KW 35: Hör- und Gucktipps zum Wochenende

Hurra, endlich Wochenende – und damit mehr Zeit zum Hören und Sehen! In unserer Samstagsausgabe präsentieren wir Euch eine Auswahl empfehlenswerter Filme und Podcasts mit Medienbezug. Viel Spaß bei Erkenntnisgewinn und Unterhaltung!

***

1. Wie krass manipuliert die ARD?
(uebermedien.de, Holger Klein, Audio: 36:00 Minuten)
Die Öffentlich-Rechtlichen haben kurz hintereinander für zwei Aufreger gesorgt: Das WDR-Wissensmagazin “Quarks” hat in einem zweifelhaften Parteien-Ranking die FDP zunächst als Top-Klimaretter eingestuft, dann aber mehr oder weniger willkürlich herabgestuft. In einem Nachrichtenbeitrag des MDR-“Sachsenspiegel” wurde das “Bild”-Logo von einem Mikrofon retuschiert. Holger Klein hat sich mit dem Medienkritiker Stefan Niggemeier über die beiden Vorgänge unterhalten, die wahrlich keine Glanzleistungen der öffentlich-rechtlichen Sender waren und sogar gefährliche Folgen haben könnten.

2. Noise, Folge 1: Bild im Bild – Wenn Boulevard Politik macht
(noise-podcast.podigee.io, Audio: 32:50 Minuten)
Von den Machern und Macherinnen der erfolgreichen Podcast-Produktion über Ken Jebsen (“Cui Bono – WTF happened to Ken Jebsen“) gibt es einen neuen Mehrteiler, von dem die erste Folge nun online ist: Bei “Noise” geht es im Wortsinn um Lärm. Um medialen Lärm, der oft aus Falschinformationen, Irreführungen, Desinformation und “Fake News” besteht. In der ersten Episode geht es um den schädlichen Einfluss der “Bild”-Medien auf die Gesellschaft. Als Experten kommen der ehemalige und der jetzige BILDblog-Leiter zu Wort.

3. Kunstfreiheit! Müssen wir die Kunst von den Kunstschaffenden trennen?
(zdf.de, Salwa Houmsi & Stefan Münker, Video: 37:32 Minuten)
Bei dem TV-Format “13 Fragen” wird eine Diskussion über ein strittiges Thema auf ein Spielfeld verlagert: Auf aufgemalten Feldern stehen sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer gegenüber, können sich aber während der Debatte noch stärker voneinander weg- oder aufeinander zu bewegen. In der aktuellen Folge geht es um die schwierige Frage, ob wir Kunst von Künstlerinnen und Künstlern, die sich etwas zu Schulden haben kommen lassen, unsere Aufmerksamkeit entziehen sollten, oder ob man Kunst und die Person dahinter trennen sollte.

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4. Made to Measure: Eine digitale Spurensuche
(ardmediathek.de, Moritz Riesewieck & Hans Block & Cosima Terrasse, Video: 44:18 Minuten)
Vorbemerkung: Der verlinkte Film enthält laut Warnhinweis “Szenen, die für Zuschauer:innen, die an Depressionen oder an einer Essstörung leiden sowie für Menschen in labilen Zuständen möglicherweise belastend sein können”.
Ist es möglich, alleine anhand der persönlichen Google-Daten einer Person ihre Doppelgängerin zu erschaffen? Ihre Persönlichkeit, Verhaltensmuster und verborgenen Wünsche zu rekonstruieren? Zusammen mit einem ehemaligen Youtube-Entwickler, einem Google-Marketer, einer Expertin für personalisierte Werbung sowie mehreren Datenschützerinnen und -schützern geht “Made to Measure” der Frage nach, welche Potenziale und Risiken in der algorithmischen Persönlichkeitsermittlung und Verhaltensvorhersage stecken.

5. Bilanz: Falsche Prophezeiungen zu Corona
(ardaudiothek.de, Tagesschau Faktenfinder, Michail Paweletz & Carla Reveland, Audio: 32:02 Minuten)
Im “Faktenfinder”-Podcast der “Tagesschau” geht es um die falschen Prophezeiungen aus dem Umfeld der Corona-Leugner, “Querdenker” und Verschwörungsideologen: Was davon ist nach anderthalb Jahren übrig geblieben? Wie konnte es passieren, dass sich Leute wie Attila Hildmann immer mehr radikalisierten? Unter anderem darüber sprechen Moderator Michail Paweletz, Faktenfinderin Carla Reveland und “Tagesspiegel”-Redakteur Sebastian Leber.

6. Warum Disney es keinem recht machen kann
(youtube.com, Philipp Walulis, Video: 12:19 Minuten)
Der Disney-Konzern will für familientaugliche und harmlose Unterhaltung stehen, in den alten Filmen stecken jedoch einige rassistische Karikaturen und überkommene Klischees. Der Konzern ist sich dessen auch bewusst und verspricht Aufklärung und Verbesserung. Das Walulis-Team hat sich angeschaut, was davon zu halten ist: “Wird Micky Maus jetzt zum Social Justice Warrior, oder ist das nur woke PR-Propaganda? Wir haben genauer hingesehen, warum der Wandel schleppend läuft.”

Baden-Württemberg führt nicht die “Steuer-Stasi” ein

Auf der “Bild”-Titelseite gibt es heute große “Stasi”-Aufregung:

Ausriss Bild-Titelseite - Bürger sollen Nachbarn denunzieren - Grünen-Minister führt Steuer-Stasi ein

Genauso auf der Bild.de-Startseite:

Screenshot Bild.de - Bürger sollen Nachbarn denunzieren - Grünen-Minister führt Steuer-Stasi ein

Im Artikel heißt es dazu:

Die Grünen in Baden-Württemberg haben offenbar keine hohe Meinung von ihren Steuerzahlern: Finanzminister Danyal Bayaz (37, Grüne) führt einen neuen Steuerpranger ein!

Über das “anonyme Hinweisgeberportal für Finanzämter” sollen Baden-Württemberger künftig Bekannte, Nachbarn, Kollegen etc. anschwärzen.

“Bürgerinnen und Bürger können damit sicher und anonym Verstöße gegen Straf- und Steuergesetze melden”, heißt es zur Begründung. Mit dem Portal, dem Ersten bundesweit, könne Steuerbetrug (z. B. Putzfrau, Handwerker schwarz beschäftigen) “künftig noch besser verfolgt werden”.

Das Sprachliche ist an diesem “Bild”-Beitrag vermutlich das kleinste Problem. Aber fangen wir dennoch mit der sprachlichen Ebene an, weil die Art und Weise, wie die “Bild”-Redaktion diese Geschichte erzählt, gut zeigt, welchen Spin sie ihr zu geben versucht.

Da ist zum Beispiel das Wort “Steuerpranger”, das schlicht falsch ist in diesem Zusammenhang. Ein Pranger dient laut Duden dem öffentlichen Verächtlichmachen. Das neue Onlineportal in Baden-Württemberg soll aber niemanden öffentlich als Steuersünder zur Schau stellen. Es geht um die nicht-öffentliche Übermittlung von Anzeigen an die Steuerverwaltung.

Und natürlich geht es den Grünen in Baden-Württemberg nicht um “ihre Steuerzahler”, von denen sie laut “Bild” “keine hohe Meinung” haben sollen, sondern gerade um die Nicht-Steuerzahler, von denen man aus guten Gründen keine hohe Meinung haben kann.

Außerdem ist es höchst tendenziös, dass “Bild” im gesamten Artikel lediglich zwei Beispiele einer möglichen Steuerhinterziehung nennt: “z. B. Putzfrau, Handwerker schwarz beschäftigen”. Natürlich ist die Meldung solcher Fälle über das neue Portal möglich (auch wenn fraglich sein dürfte, ob die Steuerfahndung bei derartigen Kleinigkeiten und entsprechenden Summen, um die es dabei geht, wirklich loslegt). Dass das neue Portal auch die Möglichkeit bietet, Steuerhinterziehung im größeren oder ganz großen Rahmen zu melden, bei denen der Allgemeinheit Millionen Euro flöten gehen, findet bei “Bild” keine Erwähnung.

In eine ähnliche Richtung geht die “Bild”-Aussage, dass Baden-Württemberger “künftig Bekannte, Nachbarn, Kollegen etc.” anschwärzen “sollen”. Dabei geht es vielmehr ums können. Es gibt keine Aufforderung des Ministeriums im Sinne von: “Bitte schwärzen Sie jetzt hier endlich ihre Bekannten, Nachbarn und Kollegen an!” Das Portal bietet eine weitere Möglichkeit, anonym eine Steuerhinterziehung zu melden, egal um wen es dabei geht.

Und damit sind wir bereits beim Inhaltlichen. Denn: Dass Bürgerinnen und Bürger anonym eine Steuerhinterziehung anzeigen können, ist mitnichten etwas Neues. Seit vielen Jahren geht das per Telefon, per Brief oder per E-Mail. Es ist rein technisch zwar richtig, wenn “Bild” mit Blick auf das Portal in Baden-Württemberg von “dem Ersten bundesweit” spricht. Wirklich neu ist daran aber nur, dass es nun diesen zusätzlichen Weg für eine Anzeige gibt, nicht die anonyme Anzeige an sich.

Dennoch hat es die “Bild”-Redaktion geschafft, empörte Politiker-Zitate einzusammeln:

Baden-Württemberg führt die Steuer-Stasi ein!

Politiker sind empört! FDP-Vize Wolfgang Kubicki (69) zu BILD: “Dieses Portal zeigt, was uns droht, wenn Grüne ihre moralischen Vorstellungen über Recht und Gesetz stellen und in staatliches Handeln gießen – und die CDU dem nichts entgegensetzt.”

Fraktionskollege Michael Theurer (54) spricht von “Blockwart-Mentalität”. Für Unions-Fraktionsvize Carsten Linnemann (44) säen die Grünen “noch mehr Misstrauen”.

Linnemann zu BILD: “Es wäre verheerend, wenn ein grüner Finanzminister so etwas bundesweit umsetzen würde.”

Das Echauffieren von Kubicki, Theurer und Linnemann ist bemerkenswert bigott. In Schleswig-Holstein, wo Wolfgang Kubicki seinen Wahlkreis hat, und wo Kubickis FDP mit in der Regierung sitzt, ist es ebenfalls möglich, Steuerhinterziehung anonym anzuzeigen:

Bei Verdacht einer Steuerhinterziehung kann jeder gegenüber der Steuerfahndung Anzeige erstatten. Auch anonyme Anzeigen sind möglich.

In Nordrhein-Westfalen, wo Carsten Linnemann seinen Wahlkreis hat, und wo Linnemanns CDU den Ministerpräsidenten stellt, ist es ebenfalls möglich, Steuerhinterziehung anonym anzuzeigen:

Geht das Finanzamt auch einer anonymen Anzeige nach?

Ja. Aber namentliche Anzeigen besitzen in der Regel größere Bedeutung, weil sie Rückfragen ermöglichen.

Und auch in Baden-Württemberg, wo Michael Theurer seinen Wahlkreis hat, und wo Theurers FDP viele Jahre Teil der Landesregierung war, gab es schon lange vor dem neuen Portal die Möglichkeit anonymer Anzeigen bei Steuerhinterziehung.

Auch in anderen Bundesländer ist das möglich, völlig unabhängig davon, ob dort nun Grüne in der Regierung sitzen oder nicht, zum Beispiel in Rheinland-Pfalz, in Bayern, in Niedersachsen, in Berlin. Der einzige Unterschied zwischen all diesen Bundesländern und Baden-Württemberg: In Baden-Württemberg gibt es jetzt eine weitere Möglichkeit der Anzeigenübermittlung.

Und damit eine nicht ganz unwesentliche Weiterentwicklung: Die Steuerfahnder können mit dem Hinweisgeber, trotz Anonymität, weiter in Kontakt bleiben und beispielsweise Nachfragen stellen, wenn dieser einverstanden ist. Das gibt Whistleblowern zusätzliche Möglichkeiten (David Böcking weist beim “Spiegel” völlig zu Recht darauf hin, dass Wolfgang Kubickis FDP sich in ihrem Wahlprogramm (PDF) ausdrücklich zum Schutz von Whistleblowern bekennt). Und erhöht die Chance auf eine erfolgreiche Ermittlung. Nicht ohne Grund schreibt etwa die Finanzverwaltung Schleswig-Holsteins: “Namentliche Anzeigen besitzen in der Regel aber höhere Erfolgsaussichten, weil sie Rückfragen ermöglichen.”

Zum Schluss noch einmal zurück zum Sprachlichen: Wenn die “Bild”-Redaktion aus all dem eine neue Stasi macht, und Politiker das willfährig weiterdrehen zu NS-Vergleichen (“Blockwart-Mentalität”), dann verharmlosen sie geschichtsvergessen die Situation in der DDR beziehungsweise im Nationalsozialismus.

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Wahlwerbespots, Lobbymacht der Digitalkonzerne, Presse(un)freiheit

1. Warum Radio- und Fernsehsender Wahlwerbung senden
(deutschlandfunk.de, Stefan Fries, Audio: 4:36 Minuten)
Seit gestern laufen in Radio und Fernsehen wieder vier Wochen lang Wahlwerbespots der Parteien zur Bundestagswahl. Welche Partei darf was senden? Müssen die Parteien das bezahlen? Müssen die Sender alles senden, was eingereicht wird? Gab es schon mal Fälle von abgelehnten Spots? Und warum gibt es die Wahlwerbung in Radio und Fernsehen überhaupt? Stefan Fries klärt über die wichtigsten Fragen zum Thema Wahlwerbung auf.

2. “Wir müssen mit der Zielgruppe gehen und flexibel bleiben”
(medienpolitik.net, Helmut Hartung)
Das Engagement der öffentlich-rechtlichen Anstalten auf Drittplattformen wie Facebook, Instagram, Youtube und TikTok ist umstritten. Mehrere Bundesländer würden eine Reduzierung, Begrenzung und Konzentration auf eigene Plattformen fordern. Medienpolitik.net hat mit der ARD-Verantwortlichen Tanja Hüther über das Thema gesprochen und sie gefragt, warum Beitragsmittel “dazu beitragen müssen, diese Netzwerke zu stärken”.

3. Digitalbranche lässt sich Lobbying in Brüssel 100 Millionen Euro im Jahr kosten
(netzpolitik.org, Alexander Fanta)
Ein neuer Bericht von LobbyControl und dem Corporate Europe Observatory (PDF) beschäftigt sich mit der Lobbymacht der Digitalkonzerne in Brüssel. Demnach wollen Unternehmen wie Google, Facebook und Microsoft viel Geld in die Hand nehmen, um neue Gesetzesvorschläge der Europäischen Union zu verwässern. In diesem Zusammenhang erneuern die beiden Organisationen ihre Forderungen wie jene nach einem verpflichtenden Transparenzregister für alle EU-Institutionen, mehr Offenheit bei der Gesetzesarbeit sowie wirksamen Blockaden gegen “Drehtürwechsel” zwischen Politik und Lobbying.

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4. Vorurteile provokant in Bildsprache übersetzt
(verdi.de, Nadine Pustelnik)
“Vorbilder*innen – Feminismus in Comic und Illustration” heißt eine aktuell im Berliner Museum für Kommunikation gezeigte Wanderausstellung: “In der Ausstellung selbst werden Vorbilder aufgezeigt und analysiert, soziale Verhaltensweisen kritisch reflektiert sowie Vorurteile provokant in Bildsprache übersetzt, um dem Publikum möglichst kontrastreich und nicht immer auf ästhetische, aber authentische Weise die Augen für unsere Gesellschaft zu öffnen.”

5. RSF veröffentlicht Bericht zu fehlender Pressefreiheit in Russland
(reporter-ohne-grenzen.de)
Die Pressefreiheit in Russland ist akut bedroht. Laut Reporter ohne Grenzen mussten mindestens fünf kremlkritische Nachrichtenseiten ihre Arbeit einstellen; immer mehr Medien würden willkürlich zu ausländischen Agenten erklärt, darunter der kremlkritische Sender Doschd, das Nachrichtenportal “Meduza” und mehrere Investigativseiten. Nun hat Reporter ohne Grenzen einen Länderbericht veröffentlicht (PDF), der zeigt, wie massiv die Staatsführung unter Präsident Wladimir Putin die Presse- und Meinungsfreiheit in den vergangenen Monaten eingeschränkt hat.

6. Jugendliche dürfen in China nur noch drei Stunden pro Woche online spielen
(spiegel.de)
China schränkt den Medienkonsum bei Jugendlichen ein. Diese dürfen künftig nur noch an durchschnittlich drei Tagen pro Woche für jeweils eine Stunde an Online-Spielen teilnehmen. Anbieter solcher Spiele dürfen diese nur noch von Freitag bis Sonntag, von jeweils 20 bis 21 Uhr, zugänglich machen. Damit wolle man die “körperliche und geistige Gesundheit” der Jugendlichen schützen.

Abos verkaufen mit dem Tod eines Menschen

Im Suicide Club, einem Berliner Techno-Club, wurde in der Nacht zum vergangenen Montag eine Frau aus Irland regungslos auf einer Toilette gefunden. Sie starb später in einem Krankenhaus. Angeblich soll sie zuvor die Partydroge GHB, auch bekannt als Liquid Ecstasy, genommen haben, was die Polizei bisher aber nicht offiziell bestätigt hat.

All das kann man frei zugänglich im Internet lesen, beispielsweise beim Berliner “Tagesspiegel”, bei der “Berliner Zeitung”, bei t-online.de, bei der “B.Z.” (von dort stammt die Info mit der Droge).

Der “B.Z.”-Artikel ist später fast wortgleich beim Springer-Schwesterportal Bild.de erschienen. Dort allerdings hinter der “Bild-plus”-Paywall:

Screenshot Bild.de - Auf Club-Toilette gefunden - Irin stirbt nach Drogenkonsum auf Berlins Party-Meile

Im Teaser heißt es:

In Berlin ist eine junge Frau gestorben. Mutmaßlicher Grund: Drogenkonsum!

In welchem Club die leblose Irin gefunden wurde und welche Todesdroge in Verdacht steht, lesen Sie mit BILDplus.

Eine Frau stirbt, und die “Bild”-Redaktion versucht, damit ein paar Abos zu verkaufen.

Afghanistan, Weise Fragen, Rechtsextremes schön verpackt

1. Drohungen und Gewalt gegen Journalisten
(reporter-ohne-grenzen.de)
Reporter ohne Grenzen hat schlechte Nachrichten aus Afghanistan, was die Pressefreiheit anbelangt: “Seit der Machtübernahme der Taliban haben rund 100 private Lokalmedien insbesondere in den Provinzen fernab der Hauptstadt ihre Arbeit eingestellt. Die Zukunft der in den vergangenen 20 Jahren entstandenen lebendigen und durchaus pluralen Medienlandschaft Afghanistans mit Dutzenden TV- und Radiosendern und nahezu 200 Printmedien ist mehr als ungewiss.” Auf der Rangliste der Pressefreiheit (PDF) steht Afghanistan derzeit auf Platz 122 von 180 Staaten.

2. Wer gut fragt, wird weise
(deutschlandfunk.de, Arno Orzessek, Audio: 4:10 Minuten)
Die öffentlich-rechtlichen TV-Moderatorinnen Marietta Slomka und Tina Hassel haben ihre Interviewgäste jüngst mit unangenehmen Fragen konfrontiert. Doch während es für Slomka im Nachgang vor allem Lob gab, regnete auf Hassel Kritik nieder. In seiner Deutschlandfunk-Glosse schreibt Arno Orzessek darüber, was Fragen über die Fragenden verraten: “Wären die Interviews ein TV-Fernduell gewesen, Slomka hätte Hassel haushoch besiegt. Aber lässt sich daraus mehr ableiten, als dass der Tonfall auch beim Fragen-Stellen die Musik macht? Der Schriftsteller Nagib Mahfus meinte, ob ein Mensch klug ist, erkenne man an seinen Antworten, ob er er weise ist, an seinen Fragen.”

3. Rechtsextreme Inhalte schön verpackt
(belltower.news, Kira Ayyadi)
Schon seit einiger Zeit haben Aktivistinnen der rechtsextremen Szene Instagram als Propaganda- und Rekrutierungsplattform für sich entdeckt. Kira Ayyadi erklärt, wie die Rechtsinfluencerinnen ihre Inhalte mit Backtipps, Flechtfrisuren und Landschaftsbildern verpacken. Und sie macht auf eine Besonderheit aufmerksam: “Influencerinnen richten sich auf Instagram normalerweise an eine weibliche Zielgruppe. Nicht so jedoch rechtsextreme Influencerinnen, sie sprechen sowohl Frauen wie auch Männer an.”

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4. Daten “zum Wucherpreis”
(taz.de, Christian Rath)
Die österreichische Datenschutz­organisation noyb (Slogan: “My Privacy is None of Your Business”) des Wiener Aktivisten Max Schrems hat gegen mehrere deutsche Onlineportale wie Spiegel.de, “Zeit Online” und FAZ.net Beschwerde erhoben. Die Le­se­r und Leserinnen würden gezwungen, ihre Daten “zum Wucherpreis” zurückzukaufen, so der Vorwurf. Christian Rath, rechtspolitischer Korrespondent der “taz”, glaubt jedoch nicht an einen Erfolg der Beschwerde.

5. Mode oder Medienwandel?
(sueddeutsche.de, Stefan Fischer)
Die Otto-Brenner-Stiftung hat den deutschen Podcast-Markt untersuchen lassen. Dieser stehe vor entscheidenden Weichenstellungen. Stefan Fischer fasst die wichtigsten Ergebnisse zusammen. Tipp des “6-vor-9”-Kurators: Wer sich für das Thema interessiert, aber nur begrenzt Zeit hat, sollte sich das Fazit der Studie im Original (PDF) durchlesen. Darin geht es unter anderem um die Frage, wie sich die zeitgenössische Podcast-Kultur bewahren lässt. Außerdem gibt es einen strategischen Ausblick.

6. Die “NDR Talk Show” und die Sprache der jungen Generation
(dwdl.de, Alexander Krei)
Die mehr als 40 Jahre alte “NDR Talk Show” hat vergangenes Jahr einen jungen Ableger bekommen: Bei “deep und deutlich” geht es vor allem um Influencerinnen und Influencer sowie Stars aus der Pop-, Kunst- und Kulturszene. Moderiert wird “deep und deutlich” von der Journalistin Aminata Belli, dem Rapper MoTrip, dem Moderator Tarik Tesfu und der Nachhaltigkeits-Influencerin Louisa Dellert. In der zweiten Staffel soll das Format noch enger an die “NDR Talk Show” heranrücken. Gesendet werde nämlich nicht nur in der ARD-Mediathek und in diversen Sozialen Netzwerken, sondern auch direkt im Anschluss an das große Schwesterformat.

Die “Bild”-Redaktion hat vergessen, wie “SCHMUTZIG” sie berichtet hat

Warnung: In diesem Beitrag geht es um einen Suizid.

Solltest Du Suizid-Gedanken haben, dann gibt es Menschen, die Dir helfen können, aus dieser Krise herauszufinden. Eine erste schnelle und unkomplizierte Hilfe bekommst Du etwa bei der “TelefonSeelsorge”, die Du kostenlos per Mail, Chat oder Telefon (0800 – 111 0 111 und 0800 – 111 0 222) erreichen kannst.

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Im aktuellen “Spiegel” ist eine große Geschichte über die letzten Tage im Leben von Kasia Lenhardt erschienen (online nur mit Abo lesbar). Die 25-Jährige nahm sich Anfang Februar dieses Jahres das Leben. Kasia Lenhardt war unter anderem durch eine Teilnahme in der TV-Show “Germany’s Next Topmodel” bekannt geworden. Im “Spiegel”-Text geht es auch um die Rolle ihres Ex-Freundes, Fußballprofi Jérôme Boateng, und die Bedeutung der dem Suizid vorangegangenen medialen Berichterstattung über die Trennung des Paares, vor allem die der “Bild”-Medien.

Die “Spiegel”-Autorinnen zitieren in ihrem Artikel auch einen Sprecher des Springer-Verlages:

Auf SPIEGEL-Anfrage erklärt ein Sprecher des Springer-Verlages, dass Boulevardmedien Themen “grundsätzlich anders, pointierter und emotionaler” aufbereiten. Dass Kasia Lenhardt bereits vor dem Erscheinen des Boateng-Interviews über soziale Netzwerke den Weg in die Öffentlichkeit gesucht habe. Dass man ihr mehrmals angeboten habe, sich auch in “Bild” zu äußern, doch sie sich nicht zu einer Stellungnahme habe entschließen können. Und weiter: “Aber so tragisch und bedauerlich der konkrete Fall auch ist, uns ist wichtig: Wer prominent ist und auf Plattformen wie Instagram private Dinge öffentlich macht, muss natürlich damit rechnen, dass Aussagen auch von Medien wie ‘Bild’ aufgegriffen werden.”

Viel stärker kann der Springer-Sprecher das Agieren der “Bild”-Medien nicht herunterspielen. Dass sie lediglich das aufgegriffen haben, was Kasia Lenhardt zuvor bei Instagram gepostet hat, stimmt schlicht nicht. Die “Bild”-Redaktion hat die Geschichte selbst immer weiter vorangetrieben, ihr Publikum mit immer neuem Schmutz über Lenhardt gefüttert: Sie hat private Nachrichten Lenhardts ohne deren Einverständnis veröffentlicht, sie hat unwidersprochen und ohne Einordnung Vorwürfe Boatengs abgedruckt, zu denen Medienrechtler sagen, dass sie einer Verleumdung gleichkommen, sie hat eine angebliche frühere Freundin das Model als miese Intrigantin darstellen lassen. Keinen dieser Aspekte hat Kasia Lenhardt zuvor bei Instagram veröffentlicht.

Weil sie sich beim Springer-Verlag an all das offenbar nicht mehr erinnern können (oder wollen), erinnern wir hier noch einmal daran, wie grässlich die “Bild”-Berichterstattung im Februar war.

Sucht man im Bild.de-Archiv nach den letzten Artikeln über Kasia Lenhardt vor deren Tod, sieht die Ergebnisliste so aus:

“JETZT WIRD’S SCHMUTZIG – Die privaten Nachrichten von Kasia an Boatengs Ex”

“KASIAS EX-BESTE FREUNDIN – ‘Ich bin schuld am Liebes-Chaos mit Boateng'”

“KASIAS LIEBES-TATTOO – Noch trägt sie Jérôme auf der Haut”

“BOATENG-EX – Kasia Lenhardt gönnte sich Generalüberholung”

“2012 WAR SIE BEI GNTM – Model Kasia Lenhardt (†25) tot”

“JETZT WIRD’S RICHTIG SCHMUTZIG”, schreibt Bild.de fünf Tage vor Kasia Lenhardts Tod. Dazu veröffentlicht die Redaktion “private Nachrichten von Kasia an Boatengs Ex”, nachzulesen nur für zahlenden “Bild-plus”-Kunden. Diese Nachrichten – wohlgemerkt: auch laut Bild.de “private Nachrichten” – hat eine frühere Partnerin Boatengs bei Instagram veröffentlicht, um damit gegen Kasia Lenhardt auszuteilen. Ganz offensichtlich hatte Lenhardt dieser Veröffentlichung nicht zugestimmt, weder durch “Boatengs Ex” noch durch Bild.de. Vom Presserat bekommt Bild.de dafür eine Rüge, die die Redaktion auch unter dem entsprechenden Artikel veröffentlicht. Sie schreibt dazu:

Obwohl diese Nachrichten über Instagram frei abrufbar waren, sieht der Presserat einen Verstoß gegen Ziff. 8 des Pressekodex (Achtung des Privatlebens und informationelle Selbstbestimmung).

Das ist ein bemerkenswerter Ansatz einer Gegenargumentation. Nur mal theoretisch: Was würde “Bild”-Chef Julian Reichelt wohl sagen, wenn man beispielsweise private Details zu seiner Familie auf größtmöglicher Bühne veröffentlicht und bei Kritik darauf hinweist, dass man das ja nur von irgendeinem Instagram-Heiopei abgeschrieben habe?

Einen Tag nach den “privaten Nachrichten” präsentiert Bild.de “KASIAS EHEMALS BESTE FREUNDIN”, die jetzt auspacke (“In BILD schildert Diana nun ihre Sicht auf die Beziehung und das Kennenlernen von Kasia und Boateng.”). Sie zeichnet ein Bild einer hinterhältigen und undankbaren, manipulativen und arroganten Person. Die Redaktion interviewt sie auch bei “Bild TV”. Kasia Lenhardt kommt nicht zu Wort.

Nur wenige Tage zuvor bringt “Bild” ein Interview mit Jérôme Boateng: “TRENNUNG VON KLUM-MODEL – Boateng rechnet mit seiner Ex ab – Es geht um Alkohol, Druck und Erpressung”. Der Fußballer darf darin heftige Vorwürfe gegen Kasia Lenhardt erheben, von “massiven Alkoholproblemen” über eine angebliche Erpressung bis zur Schuld Lenhardts an Boatengs zerstörter Beziehung zu dessen Familie. Ganz am Ende des Interviews schreibt die Redaktion lediglich: “Kasia Lenhardt wollte sich auf BILD-Anfrage nicht äußern.” Nichts wird von “Bild” hinterfragt. Bereits da sind die Rollen klar verteilt.

Auch für dieses Interview bekam “Bild” eine Rüge des Presserats:

Körperliche und psychische Erkrankungen gehören nach Ziffer 8, Richtlinie 8.6 jedoch zur Privatsphäre, über die nicht ohne Zustimmung der Betroffenen berichtet werden soll. Die Redaktion hatte nach eigenen Angaben Lenhardt zwar mit dem Interview konfrontiert, jedoch keine Äußerung dazu von ihr erhalten. Die Redaktion hätte daher ihrer Eigenverantwortung nachkommen müssen und auf die Veröffentlichung des unbelegten Alkoholismus-Vorwurfs verzichten sollen, zumal dieser dazu geeignet war, die persönliche Ehre der Betroffenen nach Ziffer 9 des Pressekodex zu verletzen.

In einem Beitrag des NDR-Medienmagazins “Zapp” bewertet Medienrechtler Matthias Prinz dieses “Bild”-Interview. Er habe an dem Fall persönlich Interesse, weil er zeige, “wo Persönlichkeitsrechtsverletzungen möglicherweise hinführen können.” Die “Gefährdung einer Gesundheit und eines Lebens” durch solche Veröffentlichungen sei “ja nicht von der Hand zu weisen.” Prinz hält das Interview mit Jérôme Boateng für “eindeutig rechtswidrig”: “Er behauptet, die hätte ihn erpresst. Das ist ja Verleumdung.” Die Veröffentlichung verletze aus Prinz’ Sicht so viele verschiedene Aspekte, “dass man sich erstmal überlegen muss: Was macht man überhaupt? Presseratsbeschwerde, Landgericht, sonst irgendwas?” Er würde “in erster Linie die Alkoholvorwürfe nehmen”, weil er die “schon als intimsphärenverletzend sehen würde und damit eindeutig rechtswidrig.”

Julian Reichelt dürfte die Expertise von Matthias Prinz nicht anzweifeln. Der “Bild”-Chef hat sich Prinz’ anwaltliche Hilfe genommen, um gegen einen (anderen) “Spiegel”-Artikel vorzugehen.

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