Suchergebnisse für ‘redaktioneller Inhalt’

Polizeiliche Selbstgespräche, Doppelstandards, Kollegah auf Eis

1. In Görlitz interviewt der Polizeisprecher seinen Chef einfach selbst – und die Sächsische Zeitung veröffentlicht es
(buzzfeed.com, Marcus Engert)
In Görlitz hat der Polizeisprecher seinen Chef interviewt und das Gespräch als „Medieninformation“ veröffentlicht. Was seinen Weg in die „Sächsische Zeitung“ fand und dort wie redaktioneller Inhalt aussah. Marcus Engert ist dem Vorfall nachgegangen, stieß aber auf wenig Gesprächsbereitschaft: Die Polizei reagierte abwehrend, die „Sächsische Zeitung“ konnte keinen mit dem Vorgang vertrauten Gesprächspartner ermitteln. Mittlerweile hat die Zeitung den Artikel gelöscht und bedauert die Vorgehensweise via Twitter: „Nicht unser Standard“.

2. Von wegen europäische Standards für alle: Facebook ändert Vertragsbedingungen von 1,5 Milliarden Menschen
(netzpolitik.org, Ingo Dachwitz)
Vor kurzem hatte Facebook-Chef Mark Zuckerberg noch vollmundig verkündet, man wolle sich in Sachen Datenschutz an der ab Ende Mai geltenden Datenschutz-Grundverordnung DSGVO orientieren. Nun sieht es eher so aus, als ob der Social-Media-Gigant die nicht-europäischen Mitglieder von den neu geltenden Standards explizit ausschließt.

3. Erfolgreiche Bezahl-Nachrichten aus Frankreich
(deutschlandfunk.de, Suzanne Krause, Audio, 5:01 Minuten)
Die französische Online-Zeitung „Mediapart“ sei der lebende Beweis, dass Leser bereit sind, für hochwertige Online-Nachrichten zu zahlen, so Suzanne Krause im Deutschlandfunk. Die für ihre hochwertigen Nachrichten und Enthüllungsgeschichten bekannte Online-Zeitung schreibe seit sieben Jahren schwarze Zahlen.

4. BGH: Sieg auf ganzer Linie für Adblock Plus
(heise.de, Torsten Kleinz)
Der BGH hat entschieden: Der Werbeblocker Adblock Plus der Firma Eyeo verstößt nicht gegen das Gesetz gegen unlauteren Wettbewerb. Diesen Vorwurf hatte der Verlag Axel Springer erhoben und Schadensersatz für entgangene Werbeumsätze verlangt. Der unterlegene Springer-Konzern hält das Urteil für falsch und will Verfassungsbeschwerde einlegen.

5. Schweizer Zeitungsmarkt neu sortiert
(taz.de, Andreas Zumach)
Der Schweizer Medienmarkt ist in Bewegung: Der bisherige Eigentümer der „Basler Zeitung“ (BaZ), der Milliardär und Chefstratege der rechtspopulistischen SVP, Christoph Blocher, hat das Blatt an den Tamedia-Konzern verkauft. Im Gegenzug erhält Blocher von Tamedia eine 65-prozentige Beteiligung am „Tagblatt der Stadt Zürich“ sowie vier weitere Gratiszeitungen. Es steht jedoch noch die Genehmigung der eidgenössische Wettbewerbskommission aus.

6. Plattenfirma setzt Zusammenarbeit mit Kollegah und Farid Bang aus
(spiegel.de)
Die Bertelsmann Music Group (BMG) hat angekündigt, die Zusammenarbeit mit den Rappern Kollegah und Farid Bang zu pausieren. „Wir hatten den Vertrag über ein Album. Jetzt lassen wir die Aktivitäten ruhen, um die Haltung beider Parteien zu besprechen“, so der Vorstandschef in einem Gespräch mit der „FAZ“. 

Weiterer Lesetipp: Was sagt eigentlich Bertelsmann zum Kollegah-Skandal? (welt.de, Christian Meier) Dort taucht auch die in den sozialen Medien heftig kritisierte Stellungnahme eines BMG-Sprechers auf: „Zweifellos haben einige der Texte auf ,JBG3’ (das Album) viele Menschen tief verletzt. Auf der anderen Seite haben sich viele Menschen eindeutig nicht gekränkt gefühlt (…).“
Und für all diejenigen, die mehr über die Hintergründe und die strittigen Textstellen erfahren wollen, hat Christian Buß auf „Spiegel Online“ einen Tipp: „Die TV-Doku „Die dunkle Seite des deutschen Rap“ beleuchtet, wie tief der Antisemitismus bei Kollegah und Co. verankert ist. Hätten die Echo-Verantwortlichen doch diesen Film gesehen.“

Abzockverlag mit Fake-Magazinen, Auflagenschwund, Regenbogenpresse

1. So zockte eine Familie reihenweise Konzerne ab
(sueddeutsche.de, Leo Klimm & Alexander Mühlauer)
Von einer schier unglaublichen Geschichte berichtet die „Süddeutsche“: Eine französische Familie soll über viele Jahre namhafte Anzeigenkunden mit Fake-Magazinen geneppt haben. „Das Krankenhaus-Register“, „Technik-Revue der Verteidigungs-Ausrüster“ oder „Das Nuklear-Magazin“ hießen die Zeitschriften, denen man Auflagen von bis zu 48.500 andichtete. In Wahrheit druckte man jedoch nur einige wenige Exemplare, die für die Anzeigenkunden bestimmt waren. Die mehr oder weniger journalistischen Beiträge in den Magazinen seien „aus dem Internet kopiert“ worden. Als Herausgeber der Zeitschriften fungierten Gewerkschaftler, die Beschäftigte französischer Ministerien, Behörden oder der französischen Bahn SNCF vertreten und die man mit ein paar tausend Euro im Jahr abspeiste. Der Fake-Verlag muss riesige Gewinne abgeworfen haben: Noch nach seiner vorübergehenden Festnahme sei es dem Clan-Chef gelungen, mehr als fünf Millionen Euro in ein Steuerparadies zu verschieben.

2. Selbst Nackte auf dem Cover retten IVW-Bilanz nicht mehr
(wuv.de, Petra Schwegler)
Petra Schwegler kommentiert die Print-Auflagenzahlen des letzten Quartals. Die Kurve gehe weiter nach unten. Bei einigen Titeln sogar dramatisch wie beim „Stern“, der ein Minus von 15 Prozent an verkaufter Auflage hinnehmen musste. Aber auch „Bild“, „Focus“ und „Spiegel“ zählen zu den Verlierern.

3. Wolfgang M. Schmitt im Gespräch (1)
(moviebreak.de)
Auf seinem YouTube-Kanal „Die Filmanalyse“ beleuchtet Wolfgang M. Schmitt aktuelle Großproduktionen und Kinoklassiker und bedient sich dabei der „ideologiekritischen Analyse“. Fast 15.000 Abonnenten schauen sich Woche für Woche an wie Schmitt beispielsweise Produktionen wie „Fack Ju Göthe 3“ zerlegt (den Schmitt übrigens für einen reaktionären und zynischen Film hält). Im auf vier Webseiten verteilten Interview spricht er von seiner Tätigkeit als Kritiker und seinem Verständnis von Filmen

4. Audio ist der Text der mobilen Generation
(zeitgeist.rp-online.de, Michael Bröcker)
Michael Bröcker, Chefredakteur der „Rheinischen Post“, berichtet über Audio als neuen Trend im Journalismus. Bei der Rheinischen Post setze man auf den Amazon-Assistenten „Alexa“ und demnächst Spotify. Außerdem habe man gleich vier Podcast-Formate pro Woche am Start. Das erfolgreichste Format sei der morgendliche Nachrichtenüberblick um sieben Uhr, mit dem man die Pendler erreiche.

5. Native Advertising – eine Mogelpackung
(de.ejo-online.eu, Georgia Ertz)
Gleich zwei Studien haben sich mit „Native Advertising“ beschäftigt, einer Werbeform, die sich als redaktioneller Inhalt tarnt. Die Ergebnisse sind ernüchternd: Trotz entsprechender Warnhinweise würden die meisten Mediennutzer Native Advertising nicht erkennen, wenn sie es sehen: „Beide Studien zeigen, dass Native Advertising somit ein Täuschungsmanöver bleibt, das vermutlich vor allem der Glaubwürdigkeit des Journalismus und der Medienunternehmen schadet.“

6. Elton trennt Barbara Schöneberger von ihrem Glück
(uebermedien.de, Mats Schönauer)
Haben Sie das Zeug zum Regenbogenredakteur? Finden Sie es heraus! Mats Schönauer vom „Topf voll Gold“ gibt Ihnen eine Nachricht, und Sie versuchen, eine angemessene Knallschlagzeile daraus zu basteln. Sie müssen sich jedoch anstrengen: Die Lügenbarone von der Regenbogenpresse haben Ihnen einiges an Berufserfahrung, Unverschämtheit und Skrupellosigkeit voraus.

Merkel-Interview, Bilderstreit der Fotodienste, Verkaufte Seele

1. „Waren ja Ihre Fragen, ne?“
(tagesschau.de, Julian Heißler)
Bundeskanzlerin Angela Merkel hat gleich vier Youtubern auf einmal ein Interview gegeben. Der Neuigkeitswert des Gesprächs habe sich in Grenzen gehalten, doch darum sei es auch nicht gegangen. Von Merkels Seite hätte man schlicht auf die drei Millionen Abonnenten gezielt, ein überwiegend junges Publikum, das man sonst nicht so ohne weiteres erreicht hätte.
Die „FAZ“ bescheinigt dem Gesprächstermin insgesamt gute Noten: „Die Resonanz war bescheiden, die Interviews der vier Youtuber mit der Bundeskanzlerin aber waren vielleicht sogar besser als Vergleichbares im Fernsehen.“ Jörg Schieb sieht im WDR-Blog wenig Profiteure außerhalb von Veranstalter und Beteiligten: „Im Grunde alles nur eine große Inszenierung – ohne jeden echten Erkenntnisgewinn.“ Die „Süddeutsche“ hat zwei der vier Youtuber interviewt und sie unter anderem nach ihrer Vorbereitung gefragt.
Der Journalist Stefan Fries kritisiert auf seinem Blog eine Umfrage, die auch im Merkel-Interview eine Rolle spielte. Auf Twitter wurde lapidar gefragt: „Habt Ihr Angst vor einem Krieg?“, was etwa die Hälfte der Befragten bejahte. Die Umfrage sei jedoch nicht repräsentativ und die Antworten verzerrt. Außerdem sei die Frage viel zu unspezifisch und die Fehlertoleranz werde ignoriert. Fries findet die Umfrage geradezu unverantwortlich und schließt mit den Worten: „100 Prozent der Autoren dieses Blogs kriegen bei solchen Umfragen zuviel.“

2. Streit um freie Bilder: Fotodienste Unsplash und Pixabay stören sich an Copycats
(irights.info, Henry Steinhau & David Pachali)
Wer keinen Etat für Bildrechte hat, freut sich über Datenbanken wie „Pixabay“ und „Unsplash“. Dort liegen Bilder, die für die Verwendung im privaten und kommerziellen Umfeld freigegeben wurden und kostenlos verwendet werden dürfen. Kürzlich gab es bei den Plattformen ein Hin und Her um die Formulierung der Lizenztexte. Hintergrund: Beide Seiten stören sich an Dritt-Anbietern, die ihre Kataloge nutzen und damit eigene, funktional und gestalterisch oft ähnliche Dienste aufbauen. „Pixabay“ sei jedoch mittlerweile zur bisherigen CC0-Freigabe zurückgekehrt, die man lediglich um Nutzungsbedingungen erweitert habe. „Unsplash“ habe eine neue Lizenzform eingeführt, die vom „Creative Commons“-Chef kritisiert wird.

3. Wie SPIEGEL ONLINE arbeitet
(spiegel.de, Barbara Hans)
„Spiegel Online“-Chefredakteurin Barbara Hans stellt die neue Rubrik „Backstage“ vor: „Dort erklären wir, welchen Weg ein Artikel nimmt, bevor er veröffentlicht wird. Wie wir digitalen Journalismus verstehen. Warum sich häufig die Meldungen verschiedener Nachrichtenseiten gleichen und welche Rolle Nachrichtenagenturen spielen. Wir sprechen über peinliche Fehler und wie die Kollegen der Dokumentation uns täglich dabei helfen, sie zu vermeiden. Auch können Sie dort lesen, wie wir uns und unsere Arbeit – das heißt mehr als 120 veröffentlichte Artikel am Tag – finanzieren: über Werbung.“

4. Seele verkauft
(kontextwochenzeitung.de, Anna Hunger)
Dem „Stuttgarter Wochenende“ lag als Beilage auch der rechte „Deutschland-Kurier“ bei. Für Anna Hunger stellt sich die Frage, wo die Grenze liegt zwischen verlegerischer Verantwortung und Fahrlässigkeit. Die Reaktionen der Medienbranche sind eher ablehnend, wobei meist die Legalität der Aktion betont wird. Das eigentlich Tragische an der Sache läge laut Hunger jedoch an anderer Stelle: Durch die Verteilung der rechten Postille torpediere das Stuttgarter Medienhaus die Bemühungen der Zivilgesellschaft, gegen Rassismus und Nationalismus Stellung zu beziehen.

5. Getarnte Werbung
(edito.ch, Nina Fargahi)
Im Schweizer Medienmagazin „Edito“ diskutiert Nina Fargahi das sogenannte „Native Advertisement“, eine Werbeform, die sich als redaktioneller Inhalt tarnt. Das Dilemma sei kaum aufzulösen: „Werbeinhalte sollen absichtlich in einer journalistischen Aufmachung zur Verfügung gestellt werden, weil die seriöse Erscheinung die Glaubwürdigkeit und damit auch die Aufmerksamkeit bei den Mediennutzern steigert. Doch je deutlicher deklariert wird, dass es sich bei einem bestimmten Inhalt um Werbung handelt, desto leichter ist er als solche erkennbar und somit für den Mediennutzer wohl weniger relevant. Zu viel Transparenz unterläuft den Zweck einer Werbeform. Umgekehrt fühlen sich die Mediennutzer veräppelt, wenn sie dahinterkommen, dass sie gerade etwas gelesen haben, das Werbung ist, aber nicht deutlich genug als solche ausgewiesen ist.“

6. DAS ist die ungewöhnliche Methode, mit nur 3 Schritten mehr KLICKS zu bekommen
(volkerkoenig.de)
Was braucht man für erfolgreiches Klickbaiting? Blogger Volker König lüftet das streng gehütete Geheimnis, das sonst nur Industriemagnaten, Wirtschaftsbosse und Illuminaten kennen. (oder so ähnlich…)

Native Schleichvertising, Statistikfallen, Spin-Doktoren

1. Powered by Pepsi: Der Trend zum Native Advertising
(get.torial.com, Tobias Lenartz)
Seit Adblocker bei vielen Nutzern die Werbeanzeigen und lästigen Blinkbanner und Popups wegfiltern, setzen Publisher verstärkt auf das sogenannte „Native Advertisement“. Eine Werbung, die sich als redaktioneller Inhalt tarnt und daher höchst umstritten ist. Die Geister scheiden sich bereits bei der oftmals beschönigenden Ausweisung als „Sponsored Post“, „Service“ oder „im Auftrag und mit Unterstützung von“. Der Artikel verrät den Stand der Dinge, erzählt von der Entstehungsgeschichte und liefert Beispiele gelungener und weniger gelungener Anzeigen.

2. Bild.de holt sich Spitzenposition zurück
(horizont.net, Katrin Ansorge)
Die Dezemberzahlen zur Reichweite von Nachrichtenseiten sind ausgewertet. Demnach hat „Bild“ im letzten Monat des vergangenen Jahres den lange führenden „Focus Online“ als Spitzenreiter abgelöst. Die Nachrichtenseiten hatten es zum Schluss des Jahres besonders mit der Konkurrenz von Koch- und Backseiten zu tun, die jahreszeitlich bedingt besonders klickstark waren.

3. Paartherapie auf Papier
(taz.de, Natalie Mayroth)
Der Bericht stellt das deutsch-hebräische Kunst- und Literaturmagazin „Aviv“ vor. Die Macher wollen aus dem klassischen Deutschland-Israel-Kontext ausbrechen und gehen auch formal andere Wege: Das bilinguale Magazin kann von hinten und von vorne aufgeschlagen werden, denn es hat zwei Leserichtungen. Der Fokus des von der Stiftung Deutsch-Israelisches Zukunftsforum geförderten Projekts liege laut Blattmacher Hauenstein nicht auf der Beziehung zwischen den Ländern, sondern auf der gegenseitigen Beeinflussung zweier Sprachen und der Inhalte.

4. Warum Umfrageinstitute so häufig danebenliegen
(blog.zeit.de, Tobias Dorfer)
Bei den letzten Wahlen gab es erhebliche Unterschiede zwischen den Vorhersagewerten und den tatsächlich erreichten Prozentwerten. Tobias Dorfer macht im Blog der „Zeit“ auf ein Projekt eines belgischen Datenjournalisten aufmerksam, der die Komplexität politischer Vorhersagen verdeutlichen möchte. Außerdem gibt er Hinweise auf Beiträge, die zeigen wie fehleranfällig Statistiken sind.

5. Der große Scrollytelling-Tool-Test
(onlinejournalismus.de)
Wer wissen will, was auf uns in den nächsten Jahren in Sachen „Scrollreportagen“ zukommt, kann hier einen Blick hinter die Kulissen werfen. Der aktualisierte „große Scrollytelling-Tool-Test“ stellt die Werkzeuge der Redaktionen vor und liefert Links zu Beispielreportagen.

6. „Wir hatten auch Glück, dass Julia Klöckner Panik bekommen hat“
(faz.net, Timo Steppat)
Ausführliches Interview mit einem hinter den politischen Kulissen agierenden „Spin-Doctor“. Wahlkampfmanager Frank Strauss gilt vielen als die Geheimwaffe der SPD und als Mann für aussichtslose Fälle. Im Interview gibt er sich erstaunlich offen. Er und die Firma, bei der er Teilhaber ist, machen Werbekampagnen für Joghurt, Versicherungen und eben… Parteien. 25 Wahlkämpfe in 20 Jahren will er laut Homepage durchgeführt haben. Man pendelt zwischen Respekt für die professionelle Leistung und der Ernüchterung, dass derlei Berater Politik wie eine Ware verkaufen. Wie den Joghurt, der eben manchmal links- und manchmal rechtsdrehend ist.

Lokaljournalismus, NZZ am Sonntag, BTX

1. „Karl Marx, übernehmen Sie!“
(juliane-wiedemeier.de)
Juliane Wiedemeier notiert, dass Lokaljournalisten eigentlich gar keinen verzichtbaren Lokaljournalismus machen wollen – es dann aber oft doch tun: „Doch warum erstellen nun Journalisten Produkte, die sie offenbar selbst schrecklich finden? Zwei einfache Gründe: Sie haben keine Zeit, aber Angst.“

2. „Mein persönlicher Daten-GAU“
(medienwoche.ch, Nik Niethammer)
Das Googlemail-Konto von Journalist Nik Niethammer wird von den USA aus geknackt: „Dieser Angriff hat mich in meinen Grundfesten erschüttert. Ich fühle mich wie ausgesperrt aus dem eigenen Haus. Stehe vor der Tür und da drinnen macht sich jemand an meinen persönlichen Sachen zu schaffen.“

3. „Von der Seifenoper zur Kunstform“
(drama-blog.de, Thilo Röscheisen)
„Das goldene Zeitalter der Fernsehserie hat erst begonnen“, glaubt Thilo Röscheisen. „Nur durch die einzigartige wirtschaftliche Dynamik des amerikanischen Kabelfernsehmarktes konnte der Zuschauer wieder zum Kunden und die Serie wieder zum Produkt werden, das der sich aussucht. Erst die künstlerische Befreiung von der Diktatur der Quote hat zum neuen goldenen Zeitalter des Fernsehens geführt – und findet deshalb auch nach wie vor weitgehend abseits des klassischen linearen Fernsehens statt, dessen Abhängigkeit von der Quote durch stetig sinkende Marktanteile eher noch größer wird.“

4. „Die aufgedrängte Kostenloskultur: Zahlen wollen, aber nicht zahlen können?“
(blog.zdf.de/hyperland, Torsten Dewi)
Torsten Dewi beklagt eine „aufgedrängte Kostenloskultur“ und erinnert sich dabei an den Bildschirmtext: „Bei BTX gab es seit 1980 oben in der rechten Ecke einen kleinen Zähler mit den angefallenen Kosten. Wollte man eine kostenpflichtige Seite ansurfen, wurde der vom Anbieter dafür verlangte Preis transparent angezeigt – ‚ja oder nein?‘ war die einzige Entscheidung, die man als Leser treffen musste.“

5. „The readers‘ editor on… pro-Russia trolling below the line on Ukraine stories“
(theguardian.com, Chris Elliott, englisch)
Chris Elliott, Leserredakteur beim „Guardian“, thematisiert die Flut von Leserkommentaren zum Ukraine-Konflikt, die eine Position pro russische Regierung einnehmen: „In fairness there is no conclusive evidence about who is behind the trolling, although Guardian moderators, who deal with 40,000 comments a day, believe there is an orchestrated campaign.“

6. „Mercedes-Beilage mit redaktionellem Anstrich“
(infosperber.ch, Urs P. Gasche)
Bezahlte Werbung und redaktioneller Inhalt in der „NZZ am Sonntag“.

Unglück im Unglück

Wenn es irgendwo auf der Welt eine unglücklichere Kombination von Meldung und lustigem Ratespiel geben sollte als auf der Internetseite der „Westdeutschen Zeitung“, dann wollen wir sie definitiv nicht sehen:

Unfall: Schwangere verliert ihr Kind. Quiz: Testen Sie Ihr Wissen rund um die Schwangerschaft, harmonische Geburt mit babyharmonie.deMit Dank an den Hinweisgeber.

Nachtrag, 13.26 Uhr: wz-newsline.de hat den gesamten Artikel ersatzlos gestrichen. Unser Leser Jörg O. schreibt uns, dass er zuvor in der Redaktion angerufen habe.

Bild  

6 Bier, 4 Würstchen, 1 Anzeige

Manche Dinge sind einfach sicher: die Rente, das Amen in der Kirche oder die sommerliche Kooperation von „Bild“ und Lidl, zum Beispiel.

Nach dem „WM-Knaller“ (2006), dem „EM-Paket“ (2008), dem „WM-Paket“ (2010) und dem namentlich nicht näher bezeichneten Paket zur Frauen-Fußballweltmeisterschaft (2011) war es letzten Freitag Zeit für die Ansage „Bitte nicht wieder wählen!“ das „EM-Fan-Paket“:

Das ist die perfekte Vorbereitung auf den EM-Start! Im Paket stecken 6 Flaschen Grafenwalder Pils, 1 Paket mit 4 Gebirgsjäger-Rostbratwürsten und eine Deutschland-Autofahne. Einfach den Coupon in der Zeitung ausschneiden, in einer der mehr als 3100 Lidl-Filialen in Deutschland das Paket für 1,99 Euro holen und den Coupon an der Kasse abgeben.

Das mit den Stückzahlen hätte man Joelle (20) vielleicht noch mal genauer erklären sollen, die sich 12 Bier, 16 Würstchen und eine Fahne „geschnappt“ hat:

Joelle (20) ist schon voll im EM-Fieber und hat sich gleich ein Fan-Paket geschnappt

Überhaupt hätten wir gedacht, dass sechs Flaschen Bier eigentlich ausreichen sollten, um das mit der Fahne selbständig auf die Reihe zu kriegen, aber so ein Ding fürs Auto kann ja nie schaden — falls man mal überraschend den Bundespräsidenten fahren muss, zum Beispiel.

Doch zurück zum „Fan-Paket“: In mittlerweile guter Tradition hat „Bild“ nur den Coupon selbst mit dem Wort „Anzeige“ versehen (das allerdings wieder doppelt).

Die Berichterstattung im Vorfeld muss demnach ebenso traditionell wohl als redaktioneller Inhalt angesehen werden:

Mittwoch, 6. Juni, Seite 1:

Freitag gibt

Donnerstag, 7. Juni, Seite 1:

Morgen Fan-Paket von Lidl & BILD holen!

Freitag, 8. Juni, Seite 1:

EM-Paket von BILD & Lidl: 6 Bier, 4 Würstchen, 1 Flagge für 1,99 Euro

Seite 8:

6 Bier, 4 Würstchen, 1 Flagge für 1,99 Euro: Holen Sie sich das EM-Fan-Paket!

Falls Sie sich wegen des Schleichwerbeverdachts beim Deutschen Presserat beschweren wollen: Sparen Sie sich die Mühe!

Zwar hatte der Presserat den „WM-Knaller“ aus dem Jahr 2006 noch mit einem „Hinweis“ beanstandet (mit einjähriger Verspätung), weil das Wort „Anzeige“ fehlte, im vergangenen Jahr wies er eine Beschwerde über den Prosecco-Coupon zur Frauen-Fußball-WM aber schon frühzeitig zurück:

Im Rahmen der Prüfung gelangten wir zu dem Schluss, dass der Beitrag eine zulässige Veröffentlichung über eine gemeinsame Marketing-Aktion von BILD und LIDL darstellt. Der Leser kann sofort erkennen, das BILD hier mit dem Discounter zusammenarbeitet und im Rahmen einer Kooperation den Lesern ein spezielles Angebot offeriert. Solche Marketing- Aktionen können vorgestellt werden, wenn dabei die Regelungen der Ziffer 7 Pressekodex beachtet werden. Hier heißt es im letzten Satz: „Bei Veröffentlichungen, die ein Eigeninteresse des Verlages betreffen, muss dieses erkennbar sein.“ Dieses Eigeninteresse wird nach unserer Auffassung auf den ersten Blick deutlich, so dass keine Verwechslungsgefahr mit einem redaktionellen Beitrag besteht. Der Leser kann die Veröffentlichung als Beitrag über eine Marketing-Aktion erkennen. Ihm ist daher klar, dass es sich nicht um eine unabhängige redaktionelle Veröffentlichung handelt.

Na dann: Prost!

Stern, Handschrift, RAF

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. „Der stern & Sarrazin oder: Biedermann und die Brandstifter“
(carta.info, Wolfgang Michal)
Wolfgang Michael zur aktuellen Ausgabe des „Stern“ mit Thilo Sarrazin auf der Titelseite: „‚Hypen durch Bashen‘ muss man die zutiefst heuchlerische Methode des stern wohl nennen.“

2. „Opfer von Irans Diktatur und von westlichen Medien“
(tagesschau.de, Golineh Atai)
Golineh Atai erinnert an die von Medien mit Neda Agha-Soltan verwechselte Neda Soltani: „Bis heute kursiert die falsche Neda in Nachrichtenarchiven. Bis heute wartet sie auf eine Entschuldigung der vielen Journalisten, die mit ihrem Leben spielten.“

3. „Handschrift“
(alrightokee.de, Friedemann Karig)
Friedemann Karig analysiert den Text „Sich die Welt erschreiben“ von Miriam Meckel, in dem Vorzüge der Handschrift ausgebreitet werden. „Warnung: Dieser Text wurde am Computer, nicht per Hand geschrieben. Er ist also höchstwahrscheinlich nicht gut.“

4. „hmm?“
(wirres.net, Felix Schwenzel)
Redaktioneller Inhalt, Partnerschaften und Anzeigen im „Tagesspiegel“ und in der „c’t“.

5. „Fakten, Fühlen, Fernsehen: Zeig mir, wer Du bist“
(dwdl.de, Jochen Voß)
Jochen Voß denkt über Authentizität nach: „Das Beispiel Seehofer zeigt einmal mehr, wie groß die Sehnsucht des Publikums derzeit nach Unmittelbarkeit ist. Glattgebügelte Fassaden ohne glaubwürdige Persönlichkeit wird nur noch selten verziehen.“

6. „RAF-Anschlag auf Springer“
(einestages.spiegel.de, Katja Iken)
Am 19. Mai 1972 zündete die RAF mehrere Sprengsätze im Hamburger Axel-Springer-Verlagshaus. „Die Bilanz der Bomben von Hamburg: 36 Verletzte, zwei davon schwer, der Sachschaden betrug 336.000 D-Mark. Getroffen hatten die Bomben nicht etwa die Chefetage, Führungskräfte wie Pötter oder aber ‚Bild‘-Redakteure. Sondern vor allem jene, die zu vertreten die RAF immer vorgegeben hatte: einfache Arbeiter – Setzer und Korrektoren.“

Niveau ist keine Hautcreme (2)

Eine Doppelseite ihrer „Stil“-Rubrik hat die „Welt am Sonntag“ an Ostern Joachim Löw eingeräumt, dem Trainer der deutschen Fußballnationalmannschaft und offensichtlich ein toller Typ:

Montagmittag, Kaiserwetter. Mit dem Kirchturmschlag (Punkt zwölf) steht er in der Tür des Hotels „Colombi“: Jeans, hellblaues Hemd. Fester Händedruck, man will gar nicht mehr loslassen. Sein Blick ist offen, sein Lachen ansteckend. Ein Naturbursche mit Stil. Kein Wunder, dass ihn Nivea als Markenbotschafter verpflichtet hat: Ab Mai wird er zum dritten Mal in einer Kampagne für die Kosmetik-Männerlinie zu sehen sein.

Autorin Dagmar von Taube gelingt die Meisterleistung, sich gleichzeitig unterwürfigst vor Löw zu werfen und das Gespräch immer wieder auf Nivea zu lenken. Ihre Einstiegsfrage macht die Marschrichtung klar:

Welt am Sonntag: Herr Löw, Deutschland liebte Sie auf Anhieb. Das hat nicht nur mit Ihrem Erfolg zu tun, man mag Ihre Person, Ihre Erscheinung. Sie gelten als modisch, aufgeschlossen, erfrischend unkonventionell. Die Werbeangebote müssten sich stapeln auf Ihrem Schreibtisch. Warum jetzt Hautcreme?

So wie Löw antwortet, muss sich die Beiersdorf AG keine Sorgen machen, den falschen Werbeträger verpflichtet zu haben:

Jogi Löw: Es gibt immer wieder Anfragen, das meiste kommt für mich nicht infrage. Aber Nivea, damit kann ich mich identifizieren, das kenne ich von klein auf. Wir Kinder, meine drei Brüder und ich, sind praktisch mit der blauen Dose aufgewachsen – die Handcreme, die man für alles benutzt hat, die Sonnencreme im Freibad. Wir waren ja viel draußen, wir Jungs.

Und so geht das, von gelegentlichen thematischen Schlenkern abgesehen, weiter: Löw erzählt, wie lange er morgens im Bad braucht (nicht länger als eine halbe Stunde), er berichtet, wie das damals war in einem Haushalt mit fünf Männern („Eine Vielfalt an Produkten wie heute gab’s damals für uns ja noch gar nicht. Wasser und Seife, das war’s praktisch.“) und wie es war, als er mit 17 das Elternhaus verließ („Meine Mutter war schon besorgt damals. Sie hat übrigens auch immer Nivea benutzt.“).

Bevor das Gespräch allzu sehr vor sich hin plätschert, fragt Taube investigativ nach („Stellen Sie im Bad Ihre Nivea-Kosmetika auf wie Ihre Spieler auf dem Grün?“) und schafft noch die abwegigsten Überleitungen („Nivea duftet nach Maiglöckchen, Jasmin. Wie schmeckt die Luft bei Löws – nach Leder?“).

Es wäre eine weitere gelungene Werbekampagne zum hundertsten Geburtstag der Marke Nivea, doch das Interview firmiert auch bei der „Welt am Sonntag“ als redaktioneller Inhalt.

Mit Dank an stickytape und Jonathan O.

Niveau ist keine Hautcreme

„Brigitte Woman“, das „Magazin für Frauen über 40“, widmet sich in seiner aktuellen Ausgabe einer ganz besonderen Farbe:

Ein Blau geht um die Welt. Die Welt ist bunt. Aber es gibt da ein blaues Kosmetikprodukt, das findet man in nahezu jedem Land der Erde — und an den merkwürdigsten Plätzen. Eine Geschichte in Bildern.

Ein „blaues Kosmetikprodukt“, also. Oder auch eine „bekannte Kosmetikmarke“, die mehr als 500 Produkte herstellt, „die alle den blau-weißen Markennamen tragen“.

Die Fotostrecke ist nicht als „Anzeige“ oder „Sonderveröffentlichung“ gekennzeichnet und trägt auch sonst keine Kennzeichnung, hinter der man einen Euphemismus für einen bezahlten Inhalt vermuten könnte. Sie wird vollständig als redaktioneller Inhalt präsentiert und auch im Inhaltsverzeichnis wie andere Beiträge angekündigt — als „Nivea-Blau: Eine Farbe reist um die Welt“ auf Seite 40.

Auf acht Seiten zeigt die vermeintlich redaktionelle Fotostrecke zum Thema Blau Nivea-Werbungen und -Produkte aus aller Welt:

Drei der Fotos stammen direkt aus der Pressestelle des Kosmetikkonzerns Beiersdorf.

PS: Am Ende der Fotostrecke weist die Redaktion von „Brigitte Woman“ darauf hin, dass die geneigte Leserin im Internet „noch mehr blaue Infos und viele Tipps zur Hautpflege“ finden könne. Dieser „große Pflegecoach für schöne Haut“ auf brigitte.de ist „powered by Nivea“, was man aber wohl auch nicht mit Werbung verwechseln darf, denn zwischen „Wellness-Tipps“ und „entspannenden Bade-Ritualen“ gibt es tatsächlich noch die eine oder andere Anzeige, die auch als solche gekennzeichnet ist:

Der große Pflegecoach für schöne Haut

Mit Dank an Birgit H.

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