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AFP-Meldung beweist: Bild.de unschuldig

Es sieht ganz so aus, als trügen die Nachrichtenagenturen AFP und AP eine Mitschuld an dieser Bild.de-Geschichte:

"DNA-Test beweist: US-Bürger saß 27 Jahre unschuldig im Gefängnis"

AP hatte nämlich gestern eine Meldung unter der Überschrift veröffentlicht “US-Amerikaner saß fast 30 Jahre unschuldig in Haft”, während AFP letzte Nacht eine Meldung unter der Überschrift veröffentlicht hatte “US-Bürger saß 27 Jahre unschuldig hinter Gittern”. Allerdings ließ sich dem AFP-Text entnehmen, dass der US-Bürger John White zwar 1980 wegen einer Vergewaltigung — die er, wie sich jetzt rausstellte, nicht begangen hatte — zu lebenslanger Haft verurteilt worden war. 1990 aber wurde er auf Bewährung* entlassen und 1997 sei er wegen eines Diebstahls** wieder ins Gefängnis gekommen.

Das macht nach unserer Rechnung insgesamt 20 Jahre Gefängnis, von denen White jedoch lediglich 10 Jahre unschuldig gesessen hätte. Es wäre also für Bild.de gar nicht mal so schwer gewesen, die Überschrift als Unsinn zu entlarven.

Ach ja, AFP hat ihre Meldung heute um kurz nach 13 Uhr korrigiert.

Mit Dank an die zahlreichen Hinweisgeber.

*)Dass es bei Bild.de fälschlicherweise heißt, der Mann sei 1990 “begnadigt” worden, liegt demnach nicht an der AFP-Meldung, wahrscheinlich aber an der AP-Meldung.

**) Auch hier irrt die deutsche AFP. Tatsächlich wurde John White 1997 wegen Raubes verurteilt, nicht wegen Diebstahls, wie sich auch der englischsprachigen Version der AFP-Meldung entnehmen lässt. Die scheint aber auch insofern ungenau zu sein, als White offenbar zudem 1993 wegen eines Drogendelikts zu zweieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt worden war. Das wiederum berichtet die Nachrichtenagentur ap in einer englischsprachigen Meldung.

Der Silberschatz im See

Tolle Geschichte: Schatzsucher finden einen seit über 60 Jahren verschollenen Silberschatz im Schlossteich. Ein Fotograf und Journalist ist dabei und dokumentiert den Fund. Wenig später sind die Schatzsucher verschwunden und mit ihnen der Schatz.

So berichtete die “Bild”-Zeitung im Januar dieses Jahres darüber:

"Der Silber-Schatz aus dem Schloss-Teich"

Doch die Geschichte hat einen entscheidenden Haken: Stephan Benesch, der Fotograf und Journalist, der angeblich dabei war, als der Schatz gehoben wurde, hat sie offenbar erfunden und die Fotos, die “Bild” abdruckte, gefälscht. Dafür hat er sein eigenes Tafelsilber nicht nur fein säuberlich aufgereiht, sondern es auch in den Schlamm gelegt und beides fotografiert. Außerdem hat Benesch das Landesamt für Bodendenkmalpflege wegen der “Schatzräuber” informiert und zum angeblichen Fundort geführt. Und Graf Hubert Tiele-Winckler, laut “Bild” der Erbe des Silbers, schaltete wegen des vermeintlichen Diebstahls nach Veröffentlichung des Artikels die Polizei ein. Das alles ergaben Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Rostock.

Vorgestern nun entschied ein Gericht, dass Benesch 1750 Euro Strafe zahlen muss. Wegen Betrugs gegenüber der “Bild”-Zeitung und wegen Vortäuschens einer Straftat. Benesch hat den Strafbefehl zwar akzeptiert, wie uns die Staatsanwaltschaft bestätigt. Laut “Schweriner Volkszeitung” (“SVZ”) behauptet er jedoch nun, er selbst sei ebenfalls reingelegt worden — von den vermeintlichen Schatzsuchern nämlich. Die Fotomanipulation gibt er zu und sagt, das “war ein Fehler. Ich habe Mist gemacht.” Dass er überhaupt auf die Idee kam, Fotos zu fälschen, begründet er der “SVZ” gegenüber so:

“Die wollten unbedingt ein Foto, da habe ich ein wenig nachgeholfen”.

Mit “die” ist die “Bild”-Zeitung gemeint. Deshalb fragten wir dort seit gestern mittag mehrfach an, ob niemand bei “Bild” Beneschs Geschichte überprüft habe, ob sie später in irgendeiner Ausgabe korrigiert wurde, ob “Bild” Benesch tatsächlich “seit der Geschichte wieder einige Bilder von Unfällen abgekauft” habe, wie die “SVZ” schreibt, und warum der Artikel bei Bild.de weiterhin online ist.

Bisher erhielten wir von “Bild” keine Antwort.

Bei Englisch kann Bild.de einpacken

Bild.de berichtet seit gestern über ein Tagebuch, das “Schmuddel-Rocker” Pete Doherty geschrieben habe, als er im September in einer Entzugsklinik weilte.

Aus dem Tagebuch “zitiert” Bild.de wie folgt:

Ihm ist klar, wie dreckig es ihm geht: “Wenn ich keine Drogen bei mir habe, vor allem Crack und Heroin, würde ich wahrscheinlich sterben, pleite gehen, verrückt werden oder dauerhaft eingewiesen. Ich bin ohnehin auf dem direkten Weg dahin.”

Das klingt aber ganz schön wirr, denken Sie? Klar, der Mann war ja auch schwer drogensüchtig.

Es wäre natürlich auch möglich, dass der Bild.de-Mitarbeiter, der die Meldung aus der britischen “Sun” abpinnen sollte, ein Vokabelproblem hatte. Laut “Sun” hat Doherty nämlich dieses geschrieben:

“If I don’t pack in drugs, particularly crack and heroin, I am likely to either die, go bankrupt, go mad or end up permanently institutionalised. I’m on a direct course for all four.”

Nun wollen wir nicht behaupten, der zuständige Bild.de-Mitarbeiter habe kein Wörterbuch benutzt. Es ist durchaus möglich, dass er “(to) pack in” nachgeschlagen, dort “einpacken” gefunden und den Text entsprechend übersetzt hat.

Allerdings lernt man schon im Englischunterricht sehr früh, dass man sich nicht auf die erste Variante im Wörterbuch verlassen sollte. Und wenn man dahinter umgangssprachlich aufgeben; hinschmeißen” liest, könnte einem natürlich dämmern, dass “einpacken” nicht so ganz wörtlich (und in Dohertys angeblichem Tagebuch schlichtweg das Gegenteil gemeint) war.

Aber dann hätte man die Geschichte natürlich nicht so anpreisen können, wie Bild.de es tut:

Pete Doherty: "Ohne Drogen würde ich sterben, pleite oder verrückt sein"

Mit Dank an Katja D., Thomas S. und Bidisch.

Nachtrag, 12.10 Uhr: Bild.de hat’s korrigiert.

  

“Ich bleibe dabei: Super kostet maximal 1,50 Euro”

BILDblog: Wenn die Benzinpreise mal wieder steigen, wendet die “Bild”-Zeitung sich häufig an Sie als unabhängige Energieexpertin, um eine Prognose zu bekommen. Wie läuft das ab? Führen Sie ein längeres Gespräch, in dem mehrere Szenarien angesprochen werden, und “Bild” pickt sich dann eines heraus? Oder werden Sie direkt gefragt, auf welche Summe der Benzinpreis steigen könnte?

Claudia Kemfert
Professor Dr. Claudia Kemfert (38) ist Energieökonomin und Leiterin der Abteilung “Energie, Verkehr und Umwelt” des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) und Professorin für Umweltökonomie an der Humboldt Universität Berlin.

Claudia Kemfert: Die “Bild”-Zeitung fragt, wie im übrigen viele andere Medien — Print, Hörfunk oder TV –, warum der Preis so hoch ist. Dies erkläre ich ausführlich: Der Ölpreis ist derzeit aus unterschiedlichen Gründen hoch. Neben hoher Nachfrage reichen die zusätzlichen Förderkapazitäten zur Abdeckung von Nachfragespitzen derzeit nicht aus. Allerdings ist Öl derzeit nicht knapp, es gibt genügend Öl am Markt. Auch denke ich nicht, dass der “peak oil” Punkt, also der Punkt, wo das Ölangebot nicht mehr ausreicht, um die weltweit steigende Nachfrage zu decken, schon heute erreicht ist. Diesen erreichen wir frühestens in 10 Jahren. Der hohe Ölpreis hat zudem die Ursache, dass geopolitische Risikofaktoren überbewertet werden — also die Sorge vor Angebotsengpässen, zudem treiben die Spekulanten den Preis. Der Ölpreis ist heute nahezu bei 100 Dollar pro Barrel. Hätten wir einen “normalen” Wechselkurs zum Dollar (1,20 Dollar), dann läge der Benzinpreis schon heute bei 1,90 Euro pro Liter Superbenzin. Die Spekulationsblase kann platzen, dann würde der Benzinpreis sinken. Allerdings deuten alle Faktoren darauf hin, dass der Benzinpreis eher steigt. Heute liegt der Benzinpreis bei 1,48 pro Liter Superbenzin. Meine Einschätzung ist damit sogar fast Realität geworden.

Für “Bild”-Leser sind Sie so was wie der Kachelmann der Benzinpreise. Ist das ein angenehme Rolle?

Ehrlich gesagt wäre ich lieber “Claudia Kleinert der Benzinpreise”. ;-) Scherz beiseite: Von der “Bild” Zeitung werden stets viele andere kompetente Kollegen befragt, auch diese Einschätzungen werden regelmäßig in der “Bild”-Zeitung oder in anderen Medien veröffentlicht.

Seit Jahren prognostizieren Sie laut “Bild” und “BamS” immer wieder einen Benzinpreis von über 1,50 Euro. Dennoch liegen wir nach wie vor darunter. Woran liegt das? Sind solche Prognosen womöglich gar nicht so sinnvoll, weil man den Benzinpreis nicht voraussagen kann?

Sicherlich ist eine Vorhersage, wo genau sich der Ölpreis und Benzinpreis entwickelt, mit vielen Unsicherheiten behaftet. Derzeit werden alle von uns bekannten Marktmechanismen außer Kraft gesetzt, daher wird eine Einschätzung noch schwieriger. Meine Einschätzungen beruhen auf “wenn-dann”-Aussagen, die bestimmte Szenarien beinhalten, die eintreten können oder auch nicht. Als ich vor 2 Jahren zum ersten Mal sagte, dass die internationalen Daten belegen, dass der Ölpreis sich in Richtung 100 Dollar pro Barrel bewegen wird, wollte dies Keiner glauben. Derzeit haben wir einen Preis von nahezu 100 Dollar pro Barrel — meine Prognose war also richtig. Selbst das wichtigste internationale Kompetenzzentrum in Energiefragen –- die Internationale Energieagentur (IEA) — hat seine Daten und Angaben nun zweimal korrigiert — in die Richtung, die ich schon vor zwei Jahren vorausgesagt hatte. Sicherlich hätte diese Entwicklung auch später eintreffen können. Nur haben meines Erachtens die Kollegen stets die Nachfragesteigerungen unterschätzt — was nun endlich korrigiert wurde. Im Übrigen: ohne den schwachen Dollar hätten wird derzeit einen Benzinpreis von 1,90 /Liter Superbenzin und 1,50 wurde fast erreicht. Ich finde, das ist eine relativ präzise Einschätzung.

Kemfert in “Bild” und “BamS”:
“Es ist wahrscheinlich, daß der Benzinpreis in den nächsten Wochen die 1,50-Euro-Marke pro Liter Normalbenzin durchbrechen wird.”
(“BamS” vom 4.9.2005)
 
“(…) Wir rechnen für diesen Fall mit neuen Höchstständen an den Tankstellen von mehr als 1,50 Euro je Liter Super.”
(“BamS” vom 5.2.2006)
 
“Der Preis für den Liter Super wird schnell auf 1,50 Euro steigen, wenn es keine Entspannung im Nahen Osten gibt!”
(“Bild” vom 15.7.2006)
 
“Kommt es zu schärferen Wirtschaftssanktionen gegen den Iran und zu Produktionseinbrüchen, kann der Ölpreis schnell wieder auf bis zu 75 Dollar je Barrel steigen. In der Folge könnte der Liter Super sogar 1,50 Euro kosten.”
(“BamS” vom 7.1.2007)
 
“Der Preis für den Liter Normalbenzin wird klar über 1,40 Euro klettern, Diesel verteuert sich auf rund 1,20 Euro und Super auf deutlich über 1,50 Euro.”
(“BamS” vom 6.5.2007)
 
Die Energieexpertin des DIW Instituts, Claudia Kemfert, hält sogar einen Preis von über 1,50 Euro pro Liter für möglich, sollte der starke Euro wieder schwächer werden.
(“Bild” vom 20.10.2007)
 
“Der Dieselpreis wird in den nächsten Wochen bis auf 1,40 Euro pro Liter steigen, Super auf über 1,50 Euro.”
(“Bild” vom 8.11.2007)

Im Juli 2006 sagten Sie der “BamS”: “Bei einem Preis von 100 Dollar pro Barrel über einen Zeitraum von sechs Monaten könnte der Benzinpreis nach der Mehrwertsteuer-Erhöhung auf 2,10 Euro ansteigen.” Die “BamS” machte daraus die Schlagzeile: “Kostet Super bald mehr als 2 Euro?” War Ihnen wohl dabei? Oder direkt gefragt: Kostet Super bald mehr als zwei Euro?

Wenn der Dollar steigen sollte und der Ölpreis bei eben diesen 100 Dollar pro Barrel bleibt, dann wird der Benzinpreis auf 1,90 pro Liter Superbenzin steigen. Ich denke nicht, dass der Dollar so schwach bleiben wird und dass der Ölpreis auf einem derart hohen Niveau bleiben wird. Daher bleibe ich bei meiner Aussage, dass der Benzinpreis maximal 1,50 pro Liter Superbenzin erreichen wird — sollte er weiter steigen, werde ich eines Besseren belehrt.

Sinkende Benzinpreisen kommen in der “Bild”-Zeitung allenfalls in klitzekleinen Meldungen vor, und befragt werden Sie dazu auch fast nie. Entsteht so nicht ein verzerrtes Bild?

Ich werde zu jeglichen Preisentwicklungen oft befragt — nicht nur von der “Bild”-Zeitung, Sie haben in Ihrer Recherche übersehen und nicht erwähnt, dass es auch dazu eine Meldung in der “Bild”-Zeitung gab. Die “BamS” machte daraus eine Schlagzeile: “Der Benzinpreis kann wieder unter 1 Euro sinken” — Übrigens: Auch hier wurden einige Experten zitiert.

Inhaltlich laufen die “Bild”-Artikel meist auf die Forderung hinaus, die Mineralölsteuer zu senken und/oder die Ökosteuer abzuschaffen. Oder “Bild” beschwert sich über die “Abzocke” durch die Mineralölkonzerne. Halten Sie derartige Ansätze für sinnvoll?

Ein sehr hoher Benzinpreis hat negative Auswirkungen gerade für einkommensschwache Haushalte. Zudem steigen derzeit fast alle Energiepreise und teilweise auch Lebensmittelpreise drastisch an. Sollte die Belastung für die Volkswirtschaft insgesamt zu hoch sein, könnte es in der Tat eine Lösung sein, zumindest temporär die Steuern zu senken. Die Ökosteuer abzuschaffen halte ich allerdings für falsch. Aus den Einnahmen der Ölsteuer werden die Rentenbeiträge bezahlt. Eine Abschaffung der Ökosteuer könnte kaum aus anderen Beiträgen kompensiert werden, zumindest müssten die Bürger dann an anderer Stelle mehr zahlen. Alle Medien sprechen gern von “Abzocke”, wenn Mineralölkonzerne und Energieunternehmen Milliardengewinne ausweisen, und die “normalen Bürger” derart stark belastet werden. Es ist nicht falsch, dass diejenigen Energiekonzerne, die die gesamte Kette von der Exploration bis hin zu Tankstelle kontrollieren, durch derart hohe Ölpreise satte Gewinne ausweisen können. Aber so funktioniert nun mal die Marktwirtschaft. Die Rolle der Medien ist immer kritisch zu sehen, sei es bei der Berichterstattung zu Benzinpreisen oder Klimawandel etc. Die Medien machen aus fast allem Horror- oder Katastrophenszenarien. Dies ist zwar schade, aber kaum zu ändern. Der substantielle Wissenschaftsjournalismus ist leider nur noch selten vorzufinden.

Der “Passauer Neuen Presse” haben Sie erst im September in einem Interview gesagt, es werde höchste Zeit, dass der Umstieg vom Öl auf andere Energieträger organisiert werde. Außerdem warfen Sie der Automobilindustrie vor, alternative Antriebskonzepte zu wenig in den Fokus zu rücken. Hat die “Bild”-Zeitung Sie dazu eigentlich auch schon mal befragt?

Ich halte es auch für richtig, wir benötigen dringend eine “weg vom Öl” Strategie. Hohe Energiepreise sind volkswirtschaftlich kaum zu verkraften, insbesondere für Entwicklungs- und Schwellenländer. Wir hätten schon längst alternative Kraftstoffe auf den Markt bringen können, die Technik ist vorhanden. Deutschland als “Land der Ingenieure” kann hier einen substantiellen Beitrag leisten. Die “Bild”-Zeitung hat mich allerdings zu diesen energiepolitischen Einschätzungen bisher nicht befragt.

Kann man die regelmäßige “Bild”-Frage “wird Benzin noch teurer?” nicht einfach pauschal mit “Ja, alles wird immer teurer. Was dachten sie denn?” beantworten?

Nein, das ist nicht mein Stil, zudem stimmt es auch nicht, wie selbst die “Bild”-Zeitung ab und zu mal selbst feststellt. Nur weil manche Medien einfache Schlagzeilen brauchen, kann und sollte man auf keinen Fall derart plakativ und zudem eine Fehleinschätzung abgeben. Zwar drücken wir Wissenschaftler alles kompliziert und langatmig aus. Dennoch sollte eine Korrektur auf keinen Fall auf Kosten der inhaltlichen Präzision erfolgen.

(Wir haben das Interview auf ausdrücklichen Wunsch von Claudia Kemfert ohne jede Kürzung veröffentlicht.)

6 vor 9

Vor einem weissen Blatt Papier
(nzz.ch, Stefan Betschon)
Das erste Textverarbeitungssystem brachte IBM 1964 auf den Markt als Kombination von Kugelkopf-Schreibmaschine und Magnetspeicher. Geschriebenes konnte korrigiert und reproduziert werden. Seither hat sich vieles verändert, eines blieb sich gleich: Noch immer ist die Tastatur das Nadelöhr, durch das die Gedanken sich hindurchzwängen müssen.

Kopieren, Bearbeiten, Einfügen
(zuender.zeit.de, Chris Köver)
Billig, schlecht, einfallslos: Die Kopie hat einen schlechten Ruf. Ein Festival in Zürich sieht das anders. Mitveranstalter Mario Purkathofer über das Kopieren als Kultur.

“Das Vorgehen von Tamedia empfinde ich als Nötigung”
(persoenlich.com, Stefan Wyss)
Um die Internet-Domain www.sonntalk.ch ist ein Kampf zwischen Tamedia und Web-Adressenbesitzer Rudolf Lienhart entbrannt. Dabei fährt das Medienhaus schweres Geschütz auf. In einer Abmahnung droht es dem Computerfachhändler mit Schadenersatzforderungen, wenn er die Web-Adresse nicht abtritt. Dabei geht es Tamedia um das Markenrecht am “Sonntalk” von Tele Züri und um die Glaubwürdigkeit der Sendung.

Braver Boulevard
(werbewoche.ch, René Worni)
Der SonntagsBlick erscheint am 21. Oktober erstmals in neuer Aufmachung. Erster Eindruck der Werbewoche-Redaktion: Brav.

BBC macht Werbung
(spiegel.de)
Als erster öffentlich-rechtlicher Sender in Europa hat die BBC grünes Licht erhalten, ihre internationalen Web-Angebote über Werbung zu refinanzieren. Damit konkurriert ein gebührenfinanzierter Sender erstmals direkt mit Medienhäusern aus der Privatwirtschaft.

Henryk M. Broder fährt Autobahn
(rbb-online.de, Video, 2:47 Minuten)
Wer zuerst “Hitler” sagt, hat verloren: Der Wirbel um Eva Herman markiert einen Tiefpunkt der deutschen Debatte über das Dritte Reich.

Ein bisschen TEXT muss sein

Stellen Sie sich vor, Sie sind Fotobetexter bei Bild.de!

Stellen Sie sich vor, Sie sitzen vor Ihrem Bildschirm und haben da diese fünf Fotos, auf denen der bekannte “Schmuse-Bade” [sic] Roberto Blanco gemeinsam mit ein paar leicht bekleideten Frauen zu sehen ist. Sie wissen wie immer NICHTS über die Umstände. Kein leichter Job. Und nachdem Sie sich an vier Fotos bereits vollkommen verausgabt haben (“SIE schwingt die Peitsche, ER grinst und stützt sich vorsichtshalber ganz fest aufs Geländer”), ist da noch dies:

Und jetzt?

“Roberto lacht: ‘Das Muttermal da sieht ja aus wie ich — ganz schwarz!'”

Nee, nee.

“Der Rückenkrauler von Mexiko…”

Auch nicht, nein!

Der Fotobetexter von Bild.de jedenfalls hat sich überraschenderweise für folgende, schönheitschirurgisch schwer nachvollziehbare Variante entschieden:

"Da lacht er! Am Ende hat sich

Ach, hätte er doch bloß bei den Kollegen der “Bild”-Zeitung nachgefragt! Denn entweder die haben im Bildtexte-Ausdenken mehr Erfahrung, oder sie waren tatsächlich vor Ort. Zumindest steht heute in der München-Ausgabe (Überschrift “Ein bisschen NACKT muss sein”) neben demselben Foto schlicht:

Für das Dessous-Model gab’s von dem Schlagerstar ein Autogramm auf den Rücken

Mit Dank an Marko H. für Hinweis & Handyfoto.

Nachtrag, 21.9.2007: Bild.de hat nachgebessert und…
… das Wörtchen “Schmuse-Bade” korrigiert.

Scheidung mit Hindernissen

Eigentlich kann man nicht behaupten, dass Linda de Mol am 6. September in “Bild” unter der Überschrift “Darum zerbrach meine große Liebe” die Frage beantwortete, warum ihre große Liebe zu Sander Vahle zerbrach. Schließlich sagte de Mol “Bild” bloß:

“So eine Trennung schmerzt” (…). “Aber Sander und ich brauchen einfach Zeit, um über unsere Beziehung nachzudenken.”

Und als hätte man das nun auch bei “Bild” gemerkt, stellt das Blatt heute die Frage:

"Zerbrach die Ehe von Linda de Mol an diesem Mann?"

Allerdings hat die “Bild”-Zeitung abgesehen von Gerüchten aus den Medien (“Niederländische Zeitungen wollen wissen”) und einem Dementi von de Mols Managerin wieder keine Antwort. Dabei lässt sich die Frage wirklich leicht und definitiv mit nein beantworten. Linda de Mol und Sander Vahle waren nämlich gar nicht miteinander verheiratet.

Mit Dank an Anna für den sachdienlichen Hinweis.

Nachtrag, 12.9.2007: In ihrer heutigen Korrekturspalte stellt “Bild” richtig, dass es “Liebe” statt “Ehe” hätte heißen müssen.

Nachtrag, 13.9.2007, 11.48 Uhr: Aus unerfindlichen Gründen heißt es bei Bild.de in der Überschrift noch immer “Zerbrach ihre Ehe an diesem Mann?”

Nachtrag, 13.9.2007, 13,25 Uhr: Bild.de hat den Artikel inzwischen offenbar vollständig entfernt.

Nachtrag, 15.08 Uhr: Bild.de hat den Artikel doch nicht entfernt, sondern sinnvollerweise mitsamt URL korrigiert. Dafür wird der Text momentan allerdings auf der Startseite so angekündigt.

Maßlos

Bild.de berichtet über den Abenteurer Steve Fossett, der mit seinem Flugzeug über Nevada verschollen ist, zitiert eine Luftfahrtexpertin mit den Worten: “Die Gegend ist wie ein riesiger Heuhaufen — und das Flugzeug eine sehr kleine Nadel”, und fügt hinzu:

Erschwert wird die Suche derzeit durch starke Winde in dem rund 1500 Quadratmeter großen Gebiet.

Nun ja: Selbst bei Orkanstärke und mit verbundenen Augen würde man in einem rund 1500 Quadratmeter großen Gebiet vermutlich innerhalb von Sekunden über das Flugzeug stolpern.

Und um das mal anschaulich zu machen: Eine 1500 Quadratmeter große Rasenfläche passt locker auf den Axel-Springer-Platz vor der “Bild”-Zentrale in Hamburg, und zwar so, dass an allen Seiten noch Autos dran vorbei fahren können.

Im Gegensatz übrigens zur Hugh-Hefner-Sky-Villa, einem Hotelzimmer in Las Vegas, das nach Überzeugung von Bild.de eine Größe von 10.000 Quadratmetern hat.

(Richtig wären, um die Sache jetzt nicht unnötig spannend zu machen, im ersten Fall 1500 Quadratkilometer, im zweiten 10.000 square feet, etwa 1000 Quadratmeter.)

Danke an Daniel E., S.F., Michael M., Stefan B. und Joachim L.

Nachtrag, 6. September. Bild.de hat den ersten der beiden Fehler korrigiert.

Nachtrag, 19.30 Uhr. Und inzwischen sogar auch den zweiten.

BILDblog erklärt “Bild” den Uefa-Cup

Zugegeben, er ist ein bisschen unübersichtlich, der Modus, nach dem seit drei Jahren im Uefa-Cup gespielt wird. Aber wenn man so großkotzig titelt…

BILD erklärt Bayern den Uefa-Cup

…wär’s natürlich schon schön, wenn man ihn wenigstens selbst verstanden hätte.

“Bild” “erklärt” den Bayern den “Cup der Verlierer” im Kindergartenton (“Liebe Bayern, da ihr ja sooooo lange nicht dabei wart, erklärt BILD euch noch mal…”) unter anderem wie folgt:

Aber Achtung! Die 2. Runde besteht aus einer Gruppenphase: Dort spielt nicht jeder gegen jeden in der 5er-Gruppe. Es gibt nur zwei Heim- und zwei Auswärtsspiele.

Im Achtelfinale warten alte Bekannte auf euch. Da kommen nämlich die Gruppen-Dritten aus der Champions League dazu.

Das ist gleich doppelt falsch. Erstens spielt in der Gruppenphase sehr wohl jeder gegen jeden — es gibt nur keine Rückspiele*. Und zweitens kommen die Gruppen-Dritten aus der Champions League nicht erst im Achtelfinale, sondern schon in der Zwischenrunde dazu. Dieses sogenannte “Sechzehntelfinale” unterschlägt “Bild” aber komplett.

*) In einigen Ausgaben der gedruckten “Bild” ist dieser Fehler korrigiert und das Wort “nicht” gestrichen.

Danke an Jojo und die vielen anderen Hinweisgeber!

“Bild” verspielt “Wer wird Millionär?”-Joker

Wenn “Bild” schon die Gelegenheit bekam, aus den neuen Regeln der RTL-Show “Wer wird Millionär?” noch schnell eine riesige Titelschlagzeile für den heutigen Samstag zu machen, bevor die neuen Regeln am Samstagmorgen auch offiziell vom Sender RTL bekanntgegeben wurden, dann wäre es doch schön gewesen, wenn “alle spannenden Details”, die “RTL vor dem Sendestart nicht verraten” wollte, aber “BILD enthüllt”, auch wenigstens stimmen würden.

Doch “Bild” behauptet über den neuen “‘Risiko’-Joker”:

Jauch stellt die Frage ans Publikum im Studio. Wer die richtige Antwort kennt, steht auf. Von diesen Personen wählt der Kandidat einen. Vertrackt, denn diese Antwort MUSS genommen werden. Will der Kandidat das nicht, scheidet er aus.

Auf RTL.de heißt es jedoch:

Der Kandidat kann sich nun einen Zuschauer aussuchen, dem er die richtige Antwort zutraut. Der Moderator fragt den Zuschauer nach seiner Antwort. Jetzt kann sich der Kandidat entscheiden, ob er die Antwort annimmt oder nicht.

Und eine RTL-Sprecherin präzisierte auf unsere Nachfrage hin: “Wenn sich der Kandidat gegen die Antwort des Zuschauers entscheidet, scheidet er nicht aus. Insofern ist das, was über den neuen Zusatzjoker in ‘Bild’ steht, falsch.”

Mit Dank an Dennis S. für den Hinweis — und an Torsten W., weil er die neuen Regeln schon spätestens um 9.34 Uhr bei RTL.de entdeckt hat.

Nachtrag, 17.09 Uhr: Und nachdem die Nachrichtenagenturen ddp (seit heute Vormittag) und AP (seit heute Nachmittag) die neuen Regeln lieber unter Berufung auf “Bild” weiterverbreiten, statt selbst mal bei RTL nachzufragen oder auf RTL.de nachzuschauen, steht die falsche Regel inzwischen beispielsweise auch bei “Spiegel Online”.

Nachtrag, 18.20 Uhr: Auf Bild.de, wo man die “Bild”-Enthüllung zunächst im Wortlaut übernommen hatte, wurde der Fehler inzwischen korrigiert. Dort heißt es nun: “Jauch stellt die Frage ans Publikum im Studio. Wer die richtige Antwort kennt, steht auf. Von diesen Personen wählt der Kandidat einen, dem er die richtige Antwort zutraut. Jauch fragt den Zuschauer nach seiner Antwort. Jetzt kann sich der Kandidat entscheiden, ob er die Antwort annimmt oder nicht.”

Auch “Spiegel Online” hat nachgebessert und schreibt jetzt: “Der Kandidat wählt dann einen der Zuschauer aus, der ihm bei der Beantwortung der Frage helfen darf.”

Nachtrag, 27.8.2007: “Bild” berichtigt den Fehler heute in der Korrekturspalte. Und AP hat die vorschnelle Übernahme des “Bild”-Fehlers gestern in einer zweiten Zusammenfassung (mit dem Zusatz: “neu: RTL, stellt Vorgehen bei Risiko-Joker klar”) unter Verweis auf die “RTL-Homepage” verschleiert korrigiert.

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