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Was trickste Strunz mit Schröder?

Zunächst die Theorie:

Am vergangenen Sonntag nutzte Claus Strunz in seiner “Bild am Sonntag”-Kolumne “Der Chefredakteur antwortet” die Gelegenheit, dass ihn ein Leser auf eine vermeintliche Ungereimtheit in den vorangegangenen “BamS”-Ausgaben aufmerksam machte.

Während nämlich die “BamS” am 6. April “Was trickste Schröder mit Gaddafi?” gefragt habe, sei in der Ausgabe vom 13. April gestanden: “Tatsächlich gibt es bisher keine Beweise für eine persönliche Verwicklung Schröders in die Affäre.”

“BamS”-Chef Strunz antwortete:

Sie sprechen zu Recht einen Widerspruch in unserer politischen Berichterstattung an.

Nach allem, was man zum jetzigen Zeitpunkt wissen kann, haben wir einen Fehler gemacht. Gerhard Schröder ist nicht persönlich in die Affäre um deutsche Ausbildungshilfen für libysche Polizeibeamte verwickelt gewesen. (…)

Das haben wir am 13. April 2008 auch so berichtet und damit unsere Berichterstattung der Vorwoche korrigiert – prominent platziert im Politik-Aufmacher. So deutlich, dass Sie es natürlich sofort bemerkt haben. Denn wir wollen nichts, was wichtig ist, unseren Lesern vorenthalten – und sei es die Richtigstellung eigener Fehler. Das gehört zu unserem Selbstverständnis als größte Sonntagszeitung Deutschlands. (…)

Und nun zur Praxis:

Mit anderen Worten: Eine Woche nach der großen, aber offensichtlich falschen Schröder-Geschichte (nicht mehr online) stand in einem anderen Text:

  • “Riesen-Wirbel um den Bericht von BILD am SONNTAG (…)”
  • “Schröder (SPD) dementierte (…)”
  • “(…) bisher keine Beweise (…)”

Und wir sehen es deutlich, das Selbstverständnis als größte Sonntagszeitung Deutschlands! Bleibt nur noch eine Frage: Wenn doch die “Bild am Sonntag” ihre ursprüngliche Berichterstattung der Vorwoche korrigiert hat – prominent platziert und so deutlich, dass der Leser es natürlich sofort bemerkt, wie Strunz behauptet, warum dann stehen die Worte “Fehler”, “korrigiert” und “Richtigstellung” erst eine weitere Woche später in Strunz’ Leserbriefkastenonkelkolumne? Beziehungsweise: Warum steht auf Seite 4 derselben Ausgabe – prominent platziert – unter ein paar Polit-Meldungen dann noch dies:

Und apropos “wir wollen nichts, was wichtig ist, unseren Lesern vorenthalten”: Als die “Bild am Sonntag” vergangene Woche in Riesenlettern auf die Titelseite schrieb, dass der TÜV vor neuem Diesel warne, wollte der TÜV im Nachhinein von seiner Warnung nichts mehr wissen. Wer seither beim TÜV nachfragt, wird dort niemanden mehr finden, der offiziell vor neuem Diesel warnt, womit die “BamS”-Titelschlagzeile zwar keine Ente war, aber quasi im Moment ihres Erscheinens in sich zusammenfiel. In der “BamS” stand davon anschließend kein Wort.

Im Gegenteil: Unmittelbar neben Strunz’ Sonntagsrede findet sich zwar ein Ausriss der (unhaltbaren) TÜV-Schlagzeile und die (unhaltbar gewordene) Kernaussage: “Gegenüber BILD am SONNTAG warnt ein TÜV-Experte vor dem neuen Dieselkraftstoff, der einen höheren Biodieselanteil enthält” – allerdings bloß unter der schönen Überschrift: “BILD-am-SONNTAG-Leser wussten es zuerst!”

Na, herzlichen Glückwunsch…

Beim Fußballzweitligisten FC Erzgebirge Aue ist so einiges los. Zwar scheint es nicht ganz so sicher, wie “Bild” schreibt, dass Torwart Axel Keller tatsächlich rausgeworfen wurde, “weil er bei der Geburt seiner Tochter war!” Aber dieser Teil der heutigen “Bild”-Berichterstattung beruht ohnehin fast ausschließlich auf einem Artikel der “Freien Presse”. Ausgedacht hat “Bild” sich aber offenbar den letzten Satz der Geschichte:

"Zur Geburt hat ihm vom Verein bis heute keiner gratuliert..."

Beim FC Erzgebirge sieht man das anders. In einer Mitteilung auf der Internetseite heißt es dazu:

– Die ersten Glückwünsche erhielt Axel Keller bereits in der Halbzeitpause des Spiels gegen Freiburg. Hier wurde ihm und seiner Freundin vor 10.500 Zuschauern per Durchsage im Stadion gratuliert. Zu diesem Zeitpunkt war Axels Tochter etwa eine Stunde auf der Welt.

– Persönliche Glückwünsche gab es einen Tag später, also zum Training am Ostermontag von Spielern und Trainern.

– Weiterhin gratulierte der Verein über die Homepage, was auch als Presseinformation an die Medien ging.

– Zudem gratulierte der FC Erzgebirge Axel Keller und seiner Freundin Ulrike zur Geburt von Tochter Marlene auch 28. März im Vereinsjournal ‘VEILCHENECHO’ zum Spiel gegen Mainz.

Nun ja. Was beim Training am Ostermontag passierte, können wir nicht beurteilen, und zur Durchsage im Stadion müsste man wohl die 10.500 Zuschauer befragen. Die Meldung auf der Vereins-Homepage indes haben wir gefunden (“Keller stolzer Papa”). Und die Glückwünsche im “Veilchenecho” hat uns ein Sprecher des Vereins vorgelesen. In der Rubrik “Geburtstage” war dort zu lesen:

Axel ist seit Ostersonntag Vater der kleinen Marlene. Auch dazu herzlichen Glückwunsch.

Mit Dank an Eagleeye für den sachdienlichen Hinweis.

“Bild” erweitert Niemandsland II

Vorgestern hatten wir ja schon vermutet, dass Prof. Dr. Stefan Appelius, der im Rahmen des Forschungsvorhabens “Tod in Bulgarien” Fluchtversuche von DDR-Bürgern untersucht, gegenüber der “Super Illu” nicht von einer “Grenze zwischen DDR und Bulgarien” gesprochen hat, wie “Bild” behauptete. Heute schickt uns Appelius eine kleine Erläuterung zur “Bild”-Meldung, die wir gerne veröffentlichen:

Zu der Meldung ist zweierlei zu sagen: Ich habe tatsächlich zu keiner Zeit von einer Grenze zwischen der DDR und Bulgarien gesprochen oder geschrieben.

Aber auch die Überschrift der Kurzmeldung selbst ist problematisch (“Kopfprämie für tote DDR-Flüchtlinge”). Im besagten Interview mit der “SUPERillu” habe ich auf die Frage, ob es solche Kopfprämien “tatsächlich” gegeben habe geantwortet: “Man kann das vermuten.” Die Frage der so genannten Kopfprämien steht nicht im Mittelpunkt meiner Forschungsarbeit, zu diesem Thema müsste man mindestens einen Aufsatz schreiben, um die Komplexität und die Gründe für bestimmte Hypothesen zu erfassen. Man hat diese Kopfprämien aus dem Kontext gerissen und aus Gründen der Effekthascherei ganz bewusst aufgebauscht. Das ist allerdings schon in der Pressestelle der “SUPERillu” geschehen.

Die Bild-Zeitung hat den “Grenzfehler” in ihrer Ausgabe vom 27.03. korrigiert. Darin wird den Lesern mitgeteilt, dass es keine Grenze zwischen der DDR und Bulgarien gab, wie ich es angeblich behauptet haben soll. Dann heißt es in der Korrektur, die betreffenden ostdeutschen Todesopfer seien an den Grenzen von Bulgarien nach Griechenland und zur Türkei zu beklagen gewesen. Richtig müsste es allerdings heißen: An den Grenzen Bulgariens nach Griechenland, zur Türkei u n d Jugoslawien. Also wurde auch bei der Berichtigung geschlampt.

Außerdem hätte man seitens der Bild-Zeitung auch ruhig dazu schreiben können, dass dieser ganze idiotische Fehler nicht auf mich zurückzuführen ist, sondern in der Redaktion entstanden ist.

Watchbloggen für Anfänger

Andreas Englisch, “Vatikan-Korrespondent” der “Bild”-Zeitung, hat sich heute mal als RTL-Watch-Blogger versucht. Fünf “Fehler” meint er, in dem gestern ausgestrahlten Thriller “Das Papst-Attentat” entdeckt zu haben. Einige davon sind merkwürdige Spitzfindigkeiten und Korinthen (wir wissen gar nicht, woher er das hat). Aber überhaupt scheinen “Bild”-Mitarbeiter eher nicht die idealen Voraussetzungen mitzubringen, um über die Fehler von anderen zu schreiben. Bei Englisch entsteht teilweise ein kaum noch entwirrbares Fehlergewirr:

Im Film heißt es, in Sagres (Spanien) sei 1917 Kindern das Papst-Attentat prophezeit worden. In Wirklichkeit soll die Muttergottes nicht in Spanien, sondern 1927 in Fatima (Portugal) der Ordensfrau Suor Lucia erschienen sein und den Anschlag angekündigt haben.

Sagres liegt nicht in Spanien, sondern in Portugal, auch im Film. Und im Film heißt es nicht, 1917 sei dort das Papst-Attentat prophezeit worden, sondern 1927. Dafür ereignete sich die angebliche Marienerscheinung in der Wirklichkeit nicht 1927, sondern 1917. Kurz gesagt: Ja, das Drehbuch des Films verlegte Ort und Zeitpunkt, aber Englisch beschreibt weder die Fiktion, noch die Realität richtig.

Englisch korrigiert weiter das Drehbuch:

Der Vatikan schickt den Italiener Andrea Conti (Jean-Yves Berteloot) als Sicherheitschef nach Köln. Er ist geweihter Priester und bei der Schweizergarde. Unmöglich! Nur ein Kommandant der Schweizer Armee kann Sicherheitschef der Garde werden, kein Italiener.

Mag sein, nur: Die Filmfigur des Andrea Conti ist gar kein Italiener. Das ist deutlich zu hören, weil er mit französischem Akzent spricht. Und: Er ist Schweizer.

Stellt sich die Frage, ob Englisch den Film überhaupt gesehen hat. Schlimmer wär’s eigentlich, wenn die Antwort Ja lautete.

Mit Dank an F.S. und Sascha.

Nachtrag, 18.30 Uhr: Dem “Wortvogel” sind noch andere unerklärliche, äh: “Fehler” in dem Spielfilm aufgefallen, die “Bild”-Fachmann Englisch unerklärlicherweise nicht aufgefallen sind, zum Beispiel dieser: “Der Papst im Film ist gar nicht Benedikt XVI, sondern Clemens Paul I — und den gibt es überhaupt nicht!”

Paul C. Martins Wirtschafts-Koldummne

Beginnen wir mit einer kleinen Denksportaufgabe. Die “Wirtschaftswoche” hat ein Interview mit Jürgen Stark geführt und für alle, die ihn nicht kennen, dazu geschrieben:

Stark, 59, ist seit Juni 2006 Mitglied im Direktorium der Europäischen Zentralbank (EZB) in Frankfurt, wo er den Posten des Chefvolkswirts bekleidet. Zuvor war der promovierte Wirtschaftswissenschaftler Vize-Präsident der Deutschen Bundesbank.

Frage: Welche Position bekleidet Jürgen Stark heute?

 

 

 

Nicht spicken!

 

 

 

 

Ja, Herr “Bild”-Kolumnist Paul C. Martin?

Bundesbank-Vize

Bitte?

Öhm: Nee.

Gravierender ist allerdings, dass Jürgen Stark von Paul C. Martin als Kronzeuge für seine These missbraucht wird, dass Deutschland mit Stagflation, und sogar STAGFLATION rechnen muss (eine Mischung aus stagnierender Wirtschaft und steigenden Preisen). Paul C. Martin hat sich für seinen Artikel zum Thema ein paar passende Zitatbrocken aus dem “Wirtschaftswoche”-Interview herausgebrochen und unpassende einfach weggelassen. Stark sagt nämlich ausdrücklich (und die “Wirtschaftswoche” hebt das extra hervor):

Von einer Stagflation sind wir noch weit entfernt.

Über die Inflation zitiert “Bild” Stark mit dem Satz:

“Dieses Phänomen könnte sich als hartnäckiger erweisen, als wir es noch Ende vergangenen Jahres vermutet hatten.”

Dass Stark unmittelbar zuvor gesagt hatte, die Inflation sei nur “ein temporäres Phänomen”, ignoriert Martin sicherheitshalber, um sein apokalyptisches Szenario nicht unnötig zu relativieren. Vielleicht hat er aber auch das überlesen, so flüchtig wie er über alle anderen Fakten hinweggegangen ist. Über die Entwicklung der Inflation in China schreibt er:

In einem einzigen Monat stiegen die China-Preise für Nahrungsmittel um sagenhafte 7,1 Prozent (Januar).

Das ist gleich doppelt falsch. Es ist natürlich nicht die Steigerung in einem Monat, sondern in zwölf (Januar 2008 gegenüber Januar 2007). Und es ist nicht die Preissteigerung bei Nahrungsmitteln, sondern den Verbraucherpreisen insgesamt. Die Agentur Reuters hatte geschrieben:

Die Verbraucherpreise in China sind im Januar so stark gestiegen wie seit elf Jahren nicht mehr. Der Anstieg auf Jahressicht von 7,1 Prozent sei vor allem auf drastisch verteuerte Nahrungsmittel zurückzuführen, teilte das Nationale Statistikamt am Dienstag mit.

Das war wohl zu kompliziert, für Paul C. Martin.

Vielen Dank an Han Delong!

Nachtrag, 28.2.2008: Inzwischen ist Paul C. Martins Kronzeuge immerhin vom “Bundesbank-Vize” zum “Mitglied des Direktoriums der Europäischen Zentralbank” befördert worden. Die anderen Fehler und Fehlinterpretationen wurden jedoch unkorrigiert stehen gelassen.

Und wissen gar nicht viel

Wo kommt eigentlich der Halbmond her? Generationen von Kindern haben diese Frage schon gestellt. Jetzt enthüllt ein Leser-Reporter: Er wird einfach durchgeschnitten, in der Mitte und nachts.

Hätte es Bild.de nur dabei belassen. Eine schöne falsche Erklärung, wunderbar bebildert durch ein Leser-Reporter-Video, das zeigt, wie der Mond scheinbar durchgeschnitten wird — durch den Kondensstreifen eines Flugzeugs.

Mehr hätte man gar nicht schreiben müssen. Denn natürlich wissen wir alle, dass das mit dem Durchschneiden nur ein Witz ist. Natürlich kennen wir alle die richtige Erklärung für die Mondphasen. Oder wie Bild.de schreibt und der Sprecher im Video sagt:

"Ein richtiger Halbmond entsteht natürlich dann, wenn der Schatten der Erde eine Hälfte des Mondes bedeckt."

Natürlich? Nicht. Ein “richtiger” Halbmond entsteht dann, wenn nur eine Hälfte der von der Erde sichtbaren Mondseite von der Sonne angestrahlt wird. Wenn der Schatten der Erde einen Teil des Mondes bedeckt, kommt es dagegen zu einer Mondfinsternis.

Generationen von Kindern haben das schon gelernt. Und irgendwann erklärt es sicher auch jemand Bild.de.

Mit Dank an King K., Thorsten F., Björn P., Joachim W. und die vielen anderen!

Nachtrag, 9.45 Uhr: Als wenn nichts gewesen wäre, entsteht ein Halbmond jetzt auf Bild.de “natürlich” dadurch, dass die Sonne den Mond nur von einer Seite anstrahlt. Auch das Video hat einen neuen Text bekommen, ist aber zur Strafe im Artikel nicht mehr verlinkt.

Nachtrag, 14.30 Uhr: Nun steht das korrigierte Video auch wieder im Artikel.

6 vor 9

Werden Medien instrumentalisiert?
(blog.tagesschau.de, Dr. Kai Gniffke)
Chefredakteur Dr. Kai Gniffke macht sich Gedanken über zu Razzien aufgebotene Journalisten.

Angsthasen auf der Jagd
(taz.de, Steffen Grimberg)
Der Deutsche Presserat soll keine Beschwerden von Bildblog mehr entgegennehmen. Versucht da ein deutscher Großverlag, die Selbstkontrolle der Presse auszuhebeln?

Das Netz als Hort des Bösen?
(debatte.welt.de, Don Dahlmann)
“Seit dem Blogs, Foren und andere Web 2.0 Dinger in den letzten Jahren an der Vorherrschaft des Journalismus in Sachen Meinungsbildung rütteln, tauchen immer mal wieder Stimmen auf, die vor dem Schmutz im Netz warnen. Man warnt vor undifferenzierten Stammtischmeinungen bis hin zu schlecht recherchierte Artikel in Blogs, die vor lauter Lügen kaum lesbar sind. Aufgeschlossene Vertreter des Online-Journalismus winken meist müde ab, und verweisen auf die Fehler, die in Zeitungen unkorrigiert in den Archiven jahrzehntelang vor sich hindösen.”

Terrorismusverdacht in “Nahaufnahme”
(futurezone.orf.at, Patrick Dax)
Der Berliner Sozialwissenschaftler Andrej Holm ist unter Terrorismusverdacht geraten und verbrachte im Sommer 2007 drei Wochen in Untersuchungshaft. Auch bereits davor wurde er vom deutschen Bundeskriminalamt [BKA] überwacht. Seine Lebensgefährtin Anne Roth dokumentiert den Fall in einem Weblog. Im Gespräch mit ORF.at erzählen Holm und Roth über die Auswirkungen der staatlichen Überwachung auf ihren Alltag.

Steal this film
(basicthinking.de/blog, Videos)
“Spannender Beitrag über das Netz, Downloads, die Filmindustrie etcpp”.

Wir sind dann mal fort
(cicero.de, Wolfram Weimer)
Alle vier Minuten verlässt ein Deutscher sein Land. An jedem Tag verliert Deutschland ein ganzes Dorf, womit die Zahl der Auswanderer Dimensionen erreicht wie seit 120 Jahren nicht mehr. Man muss kein Pessimist sein, um in der Massenflucht ein Misstrauensvotum gegen die Zukunftsfähigkeit des Landes zu erkennen.

Ein Wintermärchen für Roland Koch (2)

Es steht kein Wort wie “Berichtigung” über dem Artikel; es fehlt überhaupt jeder Hinweis, dass er in irgendeiner Weise das korrigiert, was “Bild” gestern behauptet hat (wir berichteten), aber immerhin: Der heutige Text über den Gießener Jugendlichen, der für neun Monate in Sibirien lebt, rückt einiges gerade, was “Bild” gestern behauptet oder angedeutet hatte. Unter anderem erwähnt “Bild” nun (“BILD erfuhr, warum er wirklich nach Sibirien kam”), dass es sich um eine freiwillige Aktion handelt, und erweckt nicht mehr den Eindruck, es sei eine “Strafmaßnahme”, eine besonders strenge noch dazu. Auch der teils falsche, teils grob irreführende Artikel auf Bild.de wurde unauffällig entschärft.

Am Ende des heutigen “Bild”-Artikel kommt etwas unvermittelt noch ein Politiker zu Wort:

Hessens Ministerpräsident Roland Koch (CDU) zu BILD: “Wenn Psychologen der Meinung sind, dass eine solche Maßnahme geeignet ist, den Jugendlichen von seinem Tun abzubringen, dann ist schon die Hoffnung, dass es keine weiteren Opfer gibt, den Aufenthalt wert.”

Wie schon gestern erweckt “Bild” den Eindruck, das von Koch regierte Bundesland, in dem in zehn Tagen gewählt wird, stehe hinter der Maßnahme. Das ist gleich doppelt irreführend: Erstens ist es konkret der Landkreis Gießen. Und zweitens hat sich das Land Hessen nach den Worten von Sozialministeriumssprecher Franz-Josef Gemein aus der Finanzierung solcher erlebnispädagogischer Projekte sogar zurückgezogen.

Auch wir müssen uns korrigieren: Betreut wird der 16-Jährige, anders als wir berichtet haben, sehr wohl vom Verein “Pfad ins Leben”.

Die “Details und Formalitäten” des Jens Lehmann

“BILD berichtete” ist eine Formulierung, die sich quasi täglich in “Bild” findet. Häufig bedeutet sie: “Bild” berichtete falsch oder ahnungslos, will’s aber nicht zugeben.

In einem Artikel über den Fußballtorwart Jens Lehmann in der heutigen Ausgabe allerdings findet sich die “BILD berichtete”-Formulierung nicht. Das ist erstaunlich, denn: “Bild” berichtete — erst vorgestern noch in großer Aufmachung, auf der Titelseite und im Sportteil. Und zeitgleich hatten die Nachrichtenagenturen und zahllose Medien die Meldung von Deutschlands meistzitierter Zeitung weiterverbreitet.

Die “Bild”-Meldung stand am Donnerstag unter der Überschrift “Lehmann sagt JA!” und lautete:

Der National-Torhüter hat dem BVB jetzt sein Ja-Wort gegeben. Ab der Rückrunde will er in Dortmund zwischen den Pfosten stehen. Es fehlt nur noch seine Unterschrift. (…) Bevor ein Vertrag unterschrieben werden kann, muss Deutschlands Nummer 1 allerdings noch einige Details und Formalitäten klären.

Lehmann-Dementis
 
Dem kicker teilte Lehmann wörtlich mit, “dass ich dem BVB nicht zugesagt habe und es im Moment auch nicht danach aussieht”. Auch Bundestrainer Joachim Löw bestätigte (…): “Ich habe heute morgen kurz mit ihm telefoniert (…). Es ist definitiv noch keine Entscheidung gefallen. (…)” Auch Borussia Dortmund dementierte Meldungen einer Einigung mit Lehmann: “Es gibt bislang keine definitive Zusage. (…)”
Kicker.de am 10.1.2008

Lehmann dementierte sein “JA!” umgehend (siehe Kasten), und in deutlich kleiner Aufmachung und unter der Überschrift “Tritt Lehmann nach der EM zurück?” hieß es am Freitag in “Bild”:

Jens Lehmann (38) und Dortmund – finanziell ist alles klar. Aber erst, wenn zufriedenstellend geregelt ist, wo seine zwei schulpflichtigen Söhne Lasse (11) und Mats (7) künftig zur Schule gehen, will Lehmann auch unterschreiben (BILD berichtete).
(Hervorhebung von uns.)

Kein Zweifel, “Bild” hatte hoch gepokert — und verloren: “Lehmann sagt dem BVB ab!” heißt es heute in “Bild”, aber einen Hinweis darauf, wer die angebliche Zusage exklusiv herausposaunt hatte, gibt es nicht.*

*) Auch auf Bild.de (wo man mit “Mehr zum Thema”-Kästen für gewöhnlich nicht geizt) verzichtet man auf irgendeinen Hinweis zur Lehmann-Ente.

Mit Dank auch an die vielen Hinweisgeber.

Kehraus 2007

… und wieder ist es an der Zeit, schnell noch ein wenig Gerümpel wegzuräumen, das vom letzten Jahr liegengeblieben ist.

  • Diese seltsamen “Tops und Flops eines spektakulären Kino-Jahres 2007” etwa:

    "Der goldene Kompass" floppte in den USA, weil er am ersten Wochenende nur 26 Mio. US-Dollar einspielte. Gekostet hat die Romanverfilmung mit Nicole Kidman 180 Millionen Dollar – ein Verlustgeschäft von 154 Millionen

    So geht das da in einer Tour, ohne dass der Bild.de-Flopexperte bemerkt hätte, dass Kinofilme ihre kompletten Produktionskosten gemeinhin nicht nur nicht nur in den USA, sondern auch nicht gleich “am ersten Wochenende” einspielen. (“Der goldene Kompass” beispielsweise hat bislang immerhin 150 Millionen US-Dollar eingespielt, “Evan Allmächtig” immerhin 173 Millionen und “Die Legende von Beowulf” knapp 181 Millionen). Und nein, “Mr. Bean macht Ferien” ist nicht “in Deutschland der erfolgreichste Film 2007″…

  • Apropos “Tops und Flops”: Nicht so ganz nachzuvollziehen ist auch, dass die Sängerin Amy Winehouse für Bild.de sowohl zu den “Gewinnern 2007” (“Immerhin: Amy hat den Vorsatz getroffen, ihr Leben endlich in den Griff zu kriegen…”) als auch zu den “Verlierern 2007” (“Eigentlich läuft bei Amy Winehouse alles perfekt: … Wären da nicht die Drogen, die die Sängerin fest im Griff haben…”) zählt.
  • Und dass die “Bild”-Zeitung sich nicht mit Harry Potter auskennt, ist uns zwar hinlänglich bekannt, hält sie aber nicht davon ab, ihr Nicht-Wissen bei sich bietender Gelegenheit erneut unter Beweis zu stellen. Oder wie sonst ist die Verwunderung zu erklären, mit der “Bild” am Montag schrieb:


    Nachzulesen ist das nämlich alles bereits am Ende des im Juli erschienenen siebten “Harry Potter”-Bandes ab Seite 601 (engl. Ausgabe) bzw. Seite 759 (dt. Ausgabe).

Mit Dank an Hannes M., Andreas M., Jens N., Verena D., Torben A., Christian L., Katharina P., Jan B., Peter M., Mathias B., Mustafa, Gerald S., Björn G., Meik J., Tobias R., Frank N. und all die anderen Hinweisgeber, die (anders als wir) keinen Winterschlaf hielten.

Nachtrag, 13.55 Uhr: Schade. Die Unfähigkeit beim nachträglichen Korrigieren von Fehlern hat sich bei Bild.de offenbar auch im neuen Jahr nicht geändert. Bei den Kino-Tops und -Flops heißt es nun beispielsweise beim “Goldenen Kompass”:
"Der goldene Kompass" floppte in den USA, weil er am ersten Wochenende nur 26 Mio. US-Dollar einspielte. Gekostet hat die Romanverfilmung mit Nicole Kidman 180 Millionen Dollar – ein Verlustgeschäft in der ersten Woche von 154 Millionen
Und ähnlich wurde auch bei “Evan Allmächtig” und “Beowulf” die Formulierung “in der ersten Woche” eingefügt. Irgendeinen Sinn ergeben die Verlustrechnungen dadurch natürlich trotzdem nicht. Anders als im Fall “Mr. Bean”: Da hieß es zunächst, der Film sei “mit mehr als drei 3 Millionen Zuschauern (…) in Deutschland der erfolgreichste Film 2007”. Nun schreibt Bild.de, er gehöre “mit fast vier Millionen Zuschauern (…) zu den Top10-Filmen in Deutschland”.

Nachtrag, 14.05 Uhr: Hoppla! Der Flop-Beauftragte hat sich noch mal ans Werk gemacht und die Verluste ersatzlos gestrichen. Beim “Goldenen Kompass” z.B. heißt es nun:
"Der goldene Kompass" floppte in den USA, weil er am ersten Wochenende nur 26 Mio. US-Dollar einspielte. Gekostet hat die Romanverfilmung mit Nicole Kidman 180 Millionen Dollar. Das erste Wochenende lag also weit unter den Erwartungen

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