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Betr.: Verbrecherorganisation

“Bild” berichtet ja heute über “Gotteslästerung in Deutschland” und “erklärt” ihren über elf Millionen Lesern, “was deutsche Gerichte als ‘Blasphemie’ (…) beurteilen”. Und heute mittag hatten wir ja schon darauf hingewiesen, dass ein Fall, in dem jemand in Griechenland angeklagt und freigesprochen wurde, nicht dazuzählt.

Das ist aber leider noch nicht alles. Denn unter der Zwischenüberschrift “Das ist verboten” heißt es außerdem:

“Christliche Kirchen dürfen nicht als ‘Verbrecherorganisation’ bezeichnet werden, so ein Urteil des Landgerichts Göttingen von 1985.”

Doch auch das ist falsch*. Christliche Kirchen dürfen sehr wohl als “Verbrecherorganisation” bezeichnet werden, sogar als “größte Verbrecherorganisation aller Zeiten”, und ein entsprechendes Urteil stammt zwar aus dem Jahr 1985, jedoch nicht vom Landgericht Göttingen, sondern vom Amtsgericht Bochum.

Und für alle, die das jetzt noch genauer wissen wollen, war’s nämlich so: Im November 1984 wurde in ein paar deutschen Städten ein Flugblatt verteilt, das ein Bochumer Medizinstudent verantwortete und in dem sich das “Kommitee zur Abschaffung von §166 StGB” kritisch damit auseinandersetzte, dass ein Mitglied des “Internationalen Vereins zur Verbreitung der Lebensfreude e.V.” wegen des Verteilens von Aufklebern mit den Aufschriften “Lieber eine befleckte Verhütung als eine unbefleckte Empfängnis” sowie “Masochismus ist heilbar” in Göttingen zu einer Geldstrafe von 400 D-Mark verurteilt worden war. In dem Flugblatt hieß es u.a. dazu: “(…) wer über die Machtpolitik der Kirche aufklärt und beim Namen nennt, daß sie die größte Verbrecherorganisation aller Zeiten ist, die einen in der Geschichte einmaligen Rekord an Folter und Mordopfern aufweist – 22 Millionen allein während der Kreuzzüge – (…) muss mit hohen vom Staat verhängten Strafen rechnen.” Im Zuge der Ermittlungen gegen den Studenten fanden drei Hausdurchsuchungen bei ihm statt. Doch nachdem es dem Kirchenkritiker Karlheinz Deschner mit einem 30-seitigen Gutachten offenbar gelungen war, dem Gericht glaubhaft zu machen, dass es sich bei der christlichen Kirche tatsächlich um die größte Verbrecherorganisation aller Zeiten handeln könnte, endete die mündliche Verhandlung im Oktober 1985 nach wenigen Stunden mit einem Freispruch.

Und eigentlich sollte eine Zeitung wie “Bild”, die immer wieder die Nähe zur Katholischen Kirche sucht und deren Chefredakteur und Herausgeber selbst bekennender Katholik ist, sowas wissen (oder in einem Buch nachlesen), statt ihren über elf Millionen Lesern die Unwahrheit zu erzählen* nur die halbe Wahrheit zu erzählen.

Mit Dank auch an Zeljko K. für den Hinweis!

*) Nachtrag, 8.2.2006:
Wir müssen uns korrigieren: Auch im Fall der in Göttingen zu 400 D-Mark Strafe verurteilten Birgit Römermann ging es nicht nur um die oben erwähnten Aufkleber, sondern ebenfalls um ein Flugblatt mit der Äußerung: “Sieht man sich die Geschichte der Kirchen an, ist man Mitglied einer der größten Verbrecherorganisationen der Welt. Hexenverfolgungen, 6 Millionen Frauen verbrannt, Völkermorde, Religionskriege, Kreuzzüge, Unterdrückung und Verarschung des Volkes durch alle Jahrhunderte, Judenverfolgung, Segnung von Waffen, Verteufelung der Lust und und und, um nur einige Beispiele zu nennen.” Und auch in der Bezeichnung “Verbrecherorganisation” erkannte das Landgericht Göttingen 1984 (!) einen Verstoß gegen § 166 StGB. Insofern stimmt, was “Bild” behauptet. Allerdings entschied ein anderes Gericht ein Jahr später in einem anderen Fall anders. Die Frage, ob die Bezeichnung “Verbrecherorganisation” verboten ist oder nicht, hängt also im Einzelfall u.a. davon ab, ob sie den öffentlichen Frieden stören kann oder nicht.

Deutschland ist immer und überall

“Was wird bei uns bestraft?” fragt “Bild” – und berichtet heute in großer Aufmachung über “Gotteslästerung in Deutschland” (siehe Ausriss) und “erklärt, was deutsche Gerichte als ‘Blasphemie’ (griechisch: Schmähung, Verleumdung) beurteilten – und was nicht!”

Nach einem Zitat aus dem deutschen StGB und unter der Zwischenüberschrift “Das ist verboten” schreibt “Bild”:

“Ein Gericht verurteilte den Karikaturisten Gerhard Haderer in Abwesenheit zu sechs Monaten Haft. Sein Comic ‘Das Leben des Jesus’ zeigte Gottes Sohn als ‘Weihrauchkiffer’, den Gang über den See Genezareth als ‘Surf-Trip’. Das Urteil wurde später aufgehoben.”

Und mal abgesehen davon, dass es einigermaßen verwunderlich ist, ein Urteil, das “später aufgehoben” wurde, in der Rubrik “Das ist verboten” unterzubringen: Der österreichische Karikaturist war im Januar 2005 in Griechenland (!) zu sechs Monaten Haft verurteilt und per Europäischem Haftbefehl zur Festnahme ausgeschrieben, ein Vierteljahr später aber im Berufungsverfahren von einer höheren Instanz in Athen freigesprochen worden. (Außerdem war gegen Haderer auch im österreichischen Wien ein Strafverfahren eröffnet, bald darauf aber wieder eingestellt worden.)

Mit Dank an Christian S. für den Hinweis.

Mehr dazu hier.

Kurz korrigiert (8): Papst und Busenmädchen

Ja, “Bild” hat ein seltsames Weltbild.

Und gelegentlich tritt das sogar offen zutage – vorgestern zum Beispiel, als “Bild” behauptete, Zakynthos sei “eine wunderschöne griechische Insel in der Ägäis”, obwohl Zakynthos doch gar nicht in der Ägäis, sondern im Ionischen Meer liegt.

Oder heute. Da heißt es nämlich bei Bild.de der “Turning Torso” in Malmö sei “Europas höchstes Wohnhaus”. Dabei steht Europas höchstes Wohnhaus doch mitten in Europas größter Hauptstadt.

Und wer sich jetzt glaubt, dass Bild.de mit Europa womöglich die EU gemeint haben könnte: Nee, nee, die EU hat Bild.de nicht gemeint.

Mit Dank an Jan I. und andere für den Hinweis.

Kann ich als “Bild”-Leser ein Flugzeug landen?

Kann ich als Passagier ein Flugzeug landen?

fragt die “Bild”-Zeitung angesichts des Flugzeugunglücks in Griechenland, und vielleicht hätte sie den Experten glauben und einfach “Nein” antworten sollen.

Stattdessen hat sie noch eine Anleitung mit dem Titel: “Was Sie im Cockpit einer Boeing 737 tun müßten” hinzugefügt. Das ist (womöglich) nett gemeint, aber so hilfreich, dass wir fast vor dem Betreten einer 737 warnen möchten, wenn sich überzeugte “Bild”-Leser unter den Passagieren befinden.

Es fängt damit an, dass “Bild” nicht das richtige Cockpit zeigt. Zu sehen ist zwar eine Boeing 737, aber das Modell 737-NG. Das abgestürzte Flugzeug war eine 737-300, und wenn Sie meinen, dass der Unterschied doch wirklich nicht so groß sein könnte, vergleichen Sie mal diese beiden Bilder.

Ist kein Flugplatz in der Nähe, mit Hilfe des Kompasses (6) ein gerades Stück Straße (mindestens 1,5 km Länge) ansteuern.

Ja, in Flugzeugen steckt die erstaunlichste Technik, und sicher sind Flugzeug-Kompasse ganz besonders tolle Kompasse, nur den Weg zum nächsten geraden Stück Straße kennen auch sie nicht. Auch nicht zum nächsten geraden Stück Straße, das breit genug wäre, einer 737 mit einer Spannweite von rund 30 Metern Platz zu bieten, und zwar möglichst ohne störende Mittelleitplanke…

Gut gemeint ist sicher auch der Ratschlag von “Bild”, die “Benzinanzeige” zu beachten. Mal abgesehen davon, dass dieses “Benzin” eigentlich “Kerosin” heißt, und ebenfalls abgesehen davon, dass das, was “Bild” als Treibstoffanzeige angibt, die Umdrehung der Turbine anzeigt — was wäre zu tun, wenn sich zeigen sollte, dass der Tank fast leer ist? Den Reservekanister suchen?

Man könnte jetzt noch mit erfahrenen Piloten diskutieren, ob es hilft, “Mayday” zu rufen, ohne Airline und Flugnummer dazu zu sagen, ob das empfohlene Anflugtempo von 130 Knoten wirklich eine gute Faustregel ist, ob die manuellen Bremsen, die man laut “Bild” betätigen soll, nicht sofort überhitzen und Feuer fangen würden, ob man ohne Schubumkehr und Bremsklappen die Maschine je rechtzeitig zum Stehen bringen würde und ob nicht der wichtige Hinweis fehlt, wie man den Autopiloten ausschaltet.

Einfacher ist es vielleicht, darauf zu verweisen, was “Bild” selbst von der Idee hält, es sei für “jedermann leicht, ein Flugzeug zu landen, wenn man nur von jemandem mündlich dazu angeleitet wird” (oder, fügen wir hinzu, einen entsprechenden “Bild”-Artikel gelesen hat):

P.S.: Mindestens ebenso nützliche Tipps, was man im Fall eine Katastrophe im Cockpit tun kann, gibt die “Zeit”.

Vielen Dank an zahlreiche Hinweisgeber, vor allem an Manos R.

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