Wir machen es wie im Weißen Haus (faz.net, Thilo Komma-Pöllath)
Bayern München teilt Journalisten künftig in Kategorien ein – einflussreiche und freundlich gestimmte Medien sollen bevorzugt berichten dürfen. Auch das ist der FC Bayern dieser Tage – ein irrationales Gebilde, wenn es um Public Relations geht.
Gegen Einschüchterung (taz.de, Christian Rath)
Bisher konnte jeder eine Gegendarstellung erwirken, über den Medien etwas behaupteten. Das Bundesverfassungsgericht hat die Hürden nun höher gesetzt.
Ausweise im Internetcafé, Dauer-Handyüberwachung? (tagesschau.de, Holger Schmidt)
Vier Monate nach der Festnahme von drei Terrorverdächtigen im Sauerland beraten Verfassungsschützer heute über Folgen. Ihre Ermittlung war immer wieder von Pannen gefährdet worden. Jetzt fordern sie mehr Befugnisse.
“Was würde Google tun?” (focus.de, Torsten Kleinz)
Das Internet hat die Spielregeln der Medien verändert: Immer neue Techniken und Plattformen geben quasi jedem die Gelegenheit, seine Gedanken und Arbeiten zu veröffentlichen.
ÖSTERREICH und seine Experten (medienschelte.at, Richard)
Da ÖSTERREICH gerne dabei hilft, die selbst ausgerufene Panik ein wenig zu beruhigen, gibt?s im Blattinneren ein kleines FAQ das die wichtigsten Fragen von KleinanlegerInnen klären soll.
Facts 2.0 mit Perspektiven – Interview mit Christoph Lüscher (blog.kooptech.de, Christiane Schulzki-Haddouti)
Mit Facts 2.0 hat sich der Tamedia-Verlag für den radikalen Schritt entschieden eine eingeführte Medienmarke zu einem reinen Aggregationsdienst mit News-Community umzuwandeln. Seither sind rund vier Monate vergangen. Zeit für ein paar Nachfragen bei Projektmanager Christoph Lüscher.
Erinnern Sie sich noch an Tamera? “Bild” hatte die “dubiose deutsche Sekte” im Mai vergangenen Jahres fälschlicherweise mit dem Verschwinden von Madeleine McCann in Verbindung gebracht. Angeblich sei die Polizei mit “Durchsuchungsbefehl” auf dem Tamera-Anwesen in Portugal angerückt und “verschaffte sich Zutritt”. “Bild” schrieb von einer “Razzia”, und dass die Polizei “Zelte, Baracken, Wohnwagen und Hütten” durchstöbert habe:
Nach einer juristischen Auseinandersetzung, die über zwei Instanzen ging*, musste “Bild” im Oktober 2007 wegen dieser Behauptungen eine Gegendarstellung des Tamera-Gründers Dieter Duhm abdrucken (wir berichteten), in der er feststellte:
Die Polizei ist nicht mit einem Durchsuchungsbefehle gekommen und hat das Anwesen von Tamera (…) nicht durchsucht.
Und insofern war es schon etwas überraschend, dass sich vergangenen Sonnabend ein Text ganz ähnlichen Inhalts in “Bild” fand. Diesmal stand aber nicht “Gegendarstellung” sondern “Richtigstellung” drüber:
Eine Richtigstellung setzt, anders als eine Gegendarstellung, voraus, dass die darin behaupteten Tatsachen auch wahr sind. Wie uns der Anwalt Tameras sagt, habe man sich entschlossen, diese zusätzlich zur Gegendarstellung zu verlangen, weil die “Bild”-Berichterstattung Tamera damals zunächst sehr geschadet habe. Außerdem sei sie alles andere als nur “knapp an der Wahrheit vorbei” gewesen.
Vor Gericht musste Tamera dafür allerdings nicht noch einmal ziehen. Die Richtigstellung beruht auf einer außergerichtlichen Einigung zwischen “Bild” und Tamera. Man habe einige Zeit lang mit “Bild” darüber verhandelt, wie sie aussehen könne, sich jedoch nicht einigen können, sagt der Tamera-Anwalt. Die jetzt abgedruckte Form entspreche jedoch den rechtlichen Anforderungen.
*) Die “Bild”-Zeitung hatte bestritten, dass der Tamera-Gründer Dieter Duhm (den sie mehrfach im Text erwähnte und von dem sie ein Foto abdruckte) von der Berichterstattung über Tamera betroffen sei, und ihn deshalb als nicht klageberechtigt angesehen.
Jürgen Trittin, 53, ist seit 1980 Mitglied der Grünen, seit 1998 Bundestagsabgeordneter. Von 1998 bis 2005 war er Umweltminister und ist derzeit Vize-Chef der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen. Am 29.1.2001 (kurz nach dem Amtsantritt von Kai Diekmann als “Bild”-Chef) druckte “Bild” das inzwischen legendäre “Bolzenschneider”-Foto mit Jürgen Trittin, das Diekmann auch im Nachhinein nur als “schwerwiegenden handwerklichen Fehler” verstanden wissen will. In den vergangenen Jahren musste “Bild” mehrere Gegendarstellungen Trittins abdrucken, darunter — mitten im Bundestagswahlkampf 2005 — eine, die (angesichts des vorgeblichenSinneswandels der “Bild”-Zeitung in Ökofragen) heute für “Bild” um so peinlicher erscheint.
Von Jürgen Trittin
Am 13. Dezember 2007 geht Liselotte Pulver[1, siehe Abb. u.] mit “dem schönsten Lächeln ins Altersheim”, obwohl sie “mit 76 immer noch jugendlich” wirkt. “Bild” enthüllt [2], dass die Zuschauer die “Tageschau” nicht verstehen — anders als das “Ehe-Aus” bei Oettingers [3]. Deren neuer “Geliebter” hat nämlich bei “Bunte” “ausgepackt” und “Bild” druckt es nach. Vielleicht liegt das Ehe-Aus ja daran, dass — so Roland Koch auf der gleichen Seite — “Politiker zu wenig verdienen”. Weniger als Porsche-Manager auf jeden Fall.
Obwohl eine “Cara” [4] nicht bowlen kann, ist Philipp Mißfelder von der Jungen Union der “Gewinner” des Tages [5], weil er einer Jugendorganisation* der Linkspartei die Förderung durch den Ring Politischer Jugend verweigert hat. “Linksextremisten dürfen keine Staatsknete bekommen”, so Mißfelder. Die sollten der Jungen Union und ihrem Vorsitzenden vorbehalten bleiben, der die Staatsknete schon mal genutzt hat, um zu fordern, alten Menschen keine Hüftoperationen mehr zu bezahlen — wohl im Namen der Generationengerechtigkeit. So sehen bei “Bild” Sieger aus.
Verlierer, wie der bei den Bayern suspendierte “Titan” Olli Kahn[6], müssen sich dagegen auf der ersten “Bild”-Seite nachfragen lassen, ob sie gelogen haben. Da ist “Bild” Expertin. Ich empfehle Olli ein Weißbier samt Waldi Hartmanns Erkenntnis, auf der Bank ist es am schönsten. Und ein kleiner Trost für ihn findet sich auf der letzten Seite: Manchen geht es noch schlechter — Prinz Charles wurden 350 Gänse geklaut. Im Bild über den Gänsen: Paris Hilton [hier ohne Abb., d.Red.]. Die durfte zwar keine Werbung für ihren Dosen-Prosecco im Reichstag machen, aber doch dessen Kuppel besichtigen.
Unten auf Seite 1 kommt “Bild” auch zu einem Herzensanliegen seines Verlages, der Beibehaltung eines — staatlich subventionierten — Niedriglohnsektors [7]. Direkt unter der Nachricht [8] “Normal-Benzin immer öfter so teuer wie Super” (“Bild” konnte das schon mal kürzer) warnt “IFO-Chef Sinn”:
Das erscheint in jenem Springer-Verlag, der es als Miteigentümer der PIN AG gerade geschafft hat, einen privaten Zustelldienst trotz Hungerlöhnen an den Rand der Insolvenz zu führen und nun vor Massenentlassungen steht. Wie schön, dass man das eigene unternehmerische Versagen mit professoraler Hilfe einem noch nicht eingeführten Mindestlohn in die Schuhe schieben kann.
Aber Sinns Ideen zum Mindestlohn geben auch so keinen Sinn. Warum haben fast alle anderen Mitgliedstaaten der EU einen gesetzlichen Mindestlohn und viele trotzdem eine niedrigere Arbeitslosigkeit als Deutschland? Weil sich Niedriglohnjobs eben nicht einfach nach China verlagern lassen. Haare müssen geschnitten, Gebäude gereinigt und bewacht, und Briefe müssen zugestellt werden. Deutschland hingegen subventioniert ausbeuterische Arbeitgeber, in dem Wenigverdienern aus Steuermitteln das Gehalt aufgestockt wird.
Deutschland muss aufpassen, dass es ihnen nicht geht wie Werder Bremen. Die “Werder-Versager” nämlich “vergraulen Diego”. Da war ich mit “Bild” wieder im Reinen. Wenn die Hauspostille des FC Bayern uns grüne Fischköppe als Versager tituliert und Diego neidet, dann kann Thomas Schaaf diese Saison nicht alles falsch gemacht haben.
*) Hier stand zunächst “Jugendmagazin“. Tatsächlich geht es in der “Gewinner”-Meldung von “Bild” aber um Solid, die Jugendorganisation der Linkspartei. Wir bitten um Entschuldigung, d.Red.
Christian Schertz, 41, ist Medienanwalt in Berlin. In den vergangenen Jahren setzte er in “Bild” und “BamS” u.a. Gegendarstellungen für Sabine Christiansen, Oliver Pocher, Nadja Auermann, Natalie Wörner, Katja Flint, Hannelore Hoger, Nora Tschirner, Karsten Speck, Sibel Kekilli, Cosma Shiva Hagen, Dieter Wedel, Günther Jauch und Alexandra Neldel durch. Schertz lehrt u.a. Medienrecht an der Potsdamer HFF und der FU Berlin — und stellt heute in Berlin gemeinsam mit Thomas Schuler das Buch “Rufmord und Medienopfer” vor.
Von Christian Schertz
Kein Zweifel: Auf BILDblog ist es angezeigt, sich kritisch mit “Bild” auseinanderzusetzen. Nur: Kritik kommt aus dem Altgriechischen und bedeutet sinngemäß: “Die Kunst der Beurteilung”. Blattkritik — zu der ich von “Bild” noch nie eingeladen wurde — heißt also auch, Positives zu erwähnen. Daher mein Selbstversuch, die heutige “Bild”-Ausgabe nach Punkten zu durchforsten, die mir positiv auffallen, gewissermaßen als dialektischer Gegenentwurf zu BILDblog.
And here are the results:
Auf der Titelseite ist Nicolas Sarkozy “Verlierer” des Tages. “Bild” prangert zu Recht an, wie der französische Staatspräsident dem libyschen Staatschef Gaddafi (“Folter, Zensur und Menschen, die einfach verschwinden!”) fünf Tage einen roten Teppich ausrollt, um ihm ein Atomkraftwerk zu verkaufen.
Auf Seite 2 deckt Hugo Müller-Vogg in seinem Kommentar die Bigotterie christdemokratischer Politiker auf, die zumindest über Jahre ausschließlich das Lebensmodell “verheiratet mit Kindern” als Ideal gefeiert und vor allem dem Volk verkauft haben, dieses Modell aber immer seltener selbst leben nach dem Motto: “Wasser predigen und Wein trinken.” Müller-Vogg gelingt das Ganze auch noch, ohne bei den beschriebenen Fällen (Wulff, Oettinger, Pofalla) die Intimsphäre zu verletzen, da er lediglich öffentlich bekannte Fakten mitteilt und hieraus seine Schlüsse zieht. Hinzutritt, dass Frau Oettinger in einem Artikel neben dem Kommentar immerhin Fragen der “Bild” zu der Trennung, wenngleich abwiegelnd, beantwortet und damit selbst den heutigen Titel “Nach Ehe-Aus: Das sagt Frau Oettinger” ohne Not befördert hat. Wahrscheinlich war es wieder ein Überrumpelungsanruf, bei dem als presserechtliche Grundregel eigentlich gilt: Wenn man weitere Berichterstattung nicht befördern will, sagt man nichts, njet, kein Kommentar. Anders offenbar im Fall Oettinger.
Weiterhin fällt auf, dass die heutige “Bild” im Wesentlichen auch sonst ohne massive Eingriffe in die Privatsphäre auskommt. Lediglich ein “Abschuss” von Britney Spears, der sie beim Stehlen eines Feuerzeuges im Wert von 99 Cent an einer Tankstelle zeigt, lässt sich finden. Indes dürfte auch dieses Foto rechtlich nach der medialen Inszenierung von Frau Spears sogar zulässig sein.
Noch zu diesem Thema: Tatsächlich, ich kann es gar nicht glauben, ich finde kein Leser-Reporter-Foto! Jedenfalls in der Printausgabe. Mehrfach blättere ich die Zeitung durch. Ich finde keins.* Da wurde über Monate “das Phänomen Leser-Reporter” in den Feuilletons der überregionalen Tagespresse und den Medienmagazinen in Funk und Fernsehen diskutiert und angeprangert. Auch ich selbst war hieranbeteiligt (“Massenweiser Aufruf zum Rechtsbruch”). Und dann stellt man fest, dass die “Bild”-Zeitung in ihrer Printausgabe jedenfalls eine tägliche Rubrik “Leser-Reporter” offensichtlich aufgegeben hat. Völlig unbemerkt. Nach dem Abklingen der Diskussion.
Vielleicht muss “Bild” ja auch die Privatsphäre von Menschen nicht mehr verletzen, da seit geraumer Zeit Prominente jeglicher Couleur zumeist unaufgefordert, jedenfalls ohne Not, sich zu dem aktuellen Zustand ihres Liebes- und Privatleben äußern. Während in der Vergangenheit viele Celebrities gut daran getan haben, ihre Privatsphäre zu schützen, häuft sich die Anzahl derjenigen, die mit O-Tönen wie: “Ja, es stimmt. Wir sind ein Paar.”; “Ja, es stimmt. Wir haben uns getrennt.” oder gleich in der Kombi “Ja, es stimmt. Ich habe mich getrennt und bin jetzt zusammen mit…” in die Öffentlichkeit gehen. BUNTE-Republik Deutschland.
Dennoch ist der Selbstversuch misslungen: Was die “Bild”-Zeitung heute auf Seite 2 mit dem offensichtlich traumatisierten Folter-Opfer Al-Masri macht (“Brandstifter und Schläger vor Gericht”) ist unfassbar, unentschuldbar, ein Nachtreten in Richtung Presserat und Betroffenen. Das Leben ist nicht fair.
*) Nachtrag zum misslungenen Selbstversuch, 16.47 Uhr: Jetzt habe ich sie doch gefunden, Leser-Reporter-Fotos auf Seite 12, insgesamt 5 Fotos von Frauen mit Rückentatoos. Dabei handelt es sich aber im Wortsinne nicht um Leser-Reporter-Fotos, sondern um Leser-Fotos — offensichtlich mit Einwilligung der Abgebildeten. In den Anfängen der Leser-Reporter-Fotos waren es noch vielfach Abschüsse von Prominenten ohne deren Zustimmung. Das erklärt auch, warum die Rubrik Leser-Reporter nicht mehr offensichtlich ins Auge fiel.
Pascale Hugues, die Deutschland-Korrespondentin des französischen Magazins “Le Point”, hat im “Tagesspiegel” unter dem Titel “Rache der Spießer” eine Abrechnung mit Präsident Nicolas Sarkozy und “Bild”-Chefredakteur Kai Diekmann wegen deren Attacken auf die 68er geschrieben. Sie nennt die beiden “Junggreise” und beschreibt, wie Diekmann auf einem Foto auf sie wirkt, das ihn im vergangenen Sommer im G8-Gipfel-Strandkorb vom Heiligendamm zeigt: “Er ist erst 40 und wirkt schon wie mein Großonkel Louis mit 60 Jahren, als er den Banketten des Lions Club präsidierte.”
Sie fügt hinzu:
Nicolas Sarkozy gehört ebenso wie Kai Diekmann jener seltsamen Gattung von Menschen an, die anscheinend nie jung gewesen sind. Unmöglich, sich die beiden mit struppigem Haar vorzustellen, mit einem Dreitagebart, erhobener Faust und einem Kopf voll wirrer Ideen.
“Unmöglich, sich die beiden mit struppigem Haar vorzustellen, mit einem Dreitagebart … und einem Kopf voll wirrer Ideen”.
Hierzu stelle ich fest: sehr wohl möglich! (s. Foto).
In “Bild” packten sie aus: Georg P. und Martin W., beides ehemalige “Schnüffler” der Gebühreneinzugszentrale GEZ, die die schmutzige Arbeit nicht mehr machen wollten. Und auch die Opfer kamen zu Wort, als “Bild” mehrereTagelang groß und negativ über die Methoden der GEZ berichtete: Stefan O., Lothar S. und ein paar Leute, die nicht einmal Vornamen oder abgekürzte Namen trugen.
Die Kollegen vom NDR-Medienmagazin “Zapp” haben sich offenkundig geärgert über diese Kampagne, von der der Sender als Empfänger der Rundfunkgebühren betroffen ist: Sie werfen “Bild” eine Art “Rache” für das für ARD und ZDF positive Urteil des Bundesverfassungsgerichtes vor. Sie beklagen, dass die Vorwürfe nicht überprüft werden konnten, weil sämtliche beteiligten Personen anonymisiert waren, (und verschweigen, dass natürlich auch der seriöse Journalismus mit anonymen Informanten arbeitet). “Zapp” reagierte mit einer besonderen Form von Satire, um zu zeigen, dass man mit der “miesen, unjournalistischen Methode” von “Bild”, wie es auf der “Zapp”-Homepage heißt, “alles behaupten kann, ohne es wirklich zu beweisen”: Das Magazin mischte echte Interviews, belegte Aussagen und objektive Fakten mit Zitaten mutmaßlich erfundener ehemaliger “‘Bild’-Mitarbeiter, die — wie die “GEZ-Schnüffler” von “Bild” — die schmutzige Arbeit nicht mehr machen wollten.
“Bild”-Chefredakteur Kai Diekmann geht nun gegen diesen “Zapp”-Bericht vor – mit einem bemerkenswerten juristischen Dreh: Er kritisiert nicht, dass das Magazin so tut, als gebe es da ein paar “Bild”-Leute, die auspacken über die Methoden des Blattes. Er kritisiert, im Gegenteil, dass das Magazin deutlich den Eindruck erwecke, dass diese anonymen Ex-“Bild”-Mitarbeiter womöglich nur erfunden sind.
Für den “Zapp”-Zuschauer sei klar, dass in dem Fernsehbeitrag nur deshalb anonymisiert wurde, weil es die angeblichen Mitarbeiter gar nicht gibt. Dadurch suggeriere “Zapp”, dass auch die Aussagen der anonymen GEZ-Mitarbeiter in “Bild” fingiert seien.
Beim Landgericht Hamburg erwirkte Diekmann am 12. Oktober eine einstweilige Verfügung. Danach muss “Zapp” eine Gegendarstellung ausstrahlen, die auch deshalb ungewöhnlich ist, weil sie nicht die konkreten Aussagen des Magazins nennt und ihnen widerspricht (was in diesem Fall auch schwer wäre), sondern dem Eindruck, den die satirische Darstellung erweckt. Diekmann stellt in der Gegendarstellung fest:
Der genannten ‘BILD’-Berichterstattung lagen tatsächliche Aussagen ehemaliger GEZ-Mitarbeiter zugrunde.
Der NDR will gegen die einstweilige Verfügung Widerspruch einlegen.
“Bild”-Chefredakteur Kai Diekmann hat der Schweizer “Weltwoche” ein Interview gegeben. Es ist so mittelinteressant, aber auf die Frage, warum Diekmann im Jahr 2002 die vermeintlichen Enthüllungen über eine Sex-Affäre des damaligen Schweizer Botschafters Thomas Borer mit der Parfümverkäuferin Djamile Rowe abgelehnt habe, antwortet der “Bild”-Chef bloß:
Die Geschichte betraf Vorgänge, die ausschliesslich zwischen dem Botschafter und seiner Frau zu diskutieren waren.
Mehr hat Diekmann dazu nicht zu sagen.
Diekmann sagt nicht, dass — nachdem der Schweizer “Sonntags-Blick” am 31. März 2002 die angebliche Affäre Borers enthüllt hatte — auch “Bild” und “Bild am Sonntag” detailliert und groß berichteten (u.a. am 2., 3., 4., 5., 6., 7., 8., 11., 12., 13., 14., 15., 17., 25., 28. und 29 April). Diekmann sagt nicht, dass “Bild” immer wieder “Freunde” des Botschafterpaars zitiert und z.B. einen “BILD-Medizinexperten” zu einer mutmaßlichen Fehlgeburt von Borers Ehefrau Shawne Borer-Fielding befragt hat. Diekmann sagt nichts über “Bild”-Schlagzeilen wie “Botschafter-Affäre! Jetzt spricht die schöne Gattin” (“Martin S. Lambeck störte sie beim Urlaub auf Mauritius”) oder darüber, dass die “BamS” anschließend schrieb: “Als BamS Thomas Borer kurz nach seiner Ankunft zu Hause auf dem Handy erreichte, wirkte er resigniert.”
Und Diekmann sagt nichts über Alexandra Würzbach. Wir schon:
Schließlich ist Alexandra Würzbach die Autorin des Artikels im “Sonntags-Blick”, der die vermeintliche Sex-Affäre öffentlich machte (siehe Ausriss) — und den die “NZZ” später als ein “mit perfidem ‘Textdesign’ und skrupellosen Verhörmethoden” angerichtetes “Schmierenstück” bezeichnen sollte. Aber der Reihe nach…
Würzbach hatte, wie übrigens auch ihr Mann Ralph Große-Bley, zuvor bei Axel Springer gearbeitet: Große-Bley bei “Bild”, Würzbach bei der Berliner “Bild”-Schwester “B.Z.”, wo sie vom damaligen Chefredakteur Franz Josef Wagner den Auftrag hatte, die Ehefrau des schweizer Botschafters “zur Society-Königin von Berlin hochzuschreiben”, wie es der heutige “BILD-Royal”-Kolumnist Alexander von Schönburg damals für die “Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung” formulierte. 2002 dann arbeiteten beide für den “Sonntags-Blick”: Große-Bley als stellvertretender Chefredakteur, Würzbach als Berlin-Korrespondentin. (Von Schönburg schrieb: “Das Ehepaar Borer-Fielding war eigentlich das einzige Thema, über das sie nach Zürich berichtete.”)
Und vielleicht erinnern wir uns kurz, dass die “Sex-Affäre” im Juli 2002 eine, nun ja, überraschende Wende nahm: Djamile Rowe, inzwischen zum “Botschaftsluder” avanciert, widerrief vor Gericht ihre Affären-Behauptung komplett und behauptete stattdessen, “Sonntags-Blick”-Reporterin Würzbach habe ihr “ständig ein solches Verhältnis einzureden” versucht (“Sie skizzierte für mich ein Horrorszenario, wenn ich eine sexuelle Beziehung in Abrede stellen werde.”) und viel Geld geboten, was anschließend wiederum Würzbach bestritt. (Mehr dazu siehe Kasten.)
Die “Bild”-Zeitung zitierte am 8. Juli 2002 unter der Überschrift “Alles Lüge” aus einer Eidesstattlichen Versicherung Rowes und drückte bereits fünf Tage später eine “Gegendarstellung” Würzbachs, in der es hieß:
“Richtig ist, dass ich nicht versucht habe, Frau Rowe ein Verhältnis mit Dr. Borer einzureden. Ich habe keinen psychischen Druck auf Frau Rowe ausgeübt und ihr auch keinen hohen Geldbetrag dafür angeboten.”
“Bild” kommentierte die Gegendarstellung damals mit den Worten:
“Das Presserecht verpflichtet uns zum Abdruck dieser Gegendarstellung. Egal, ob sie wahr oder unwahr ist.”
Übrig blieb von Würzbachs “Sex-Skandal” schließlich nur das öffentliche Eingeständnis des Ringier-Verlags, dass Würzbach mit Rowe ein “Informationshonorar” von 10.000 Euro ausgehandelt habe — und das Ende von Würzbachs Karriere beim “Sonntags-Blick”. Im Juli 2002 bat sie um Entlassung aus ihrem Arbeitsverhältnis. Denn “psychischer Druck” und “Informationshonorar” waren nicht die einzigen Vorwürfe gegen die Journalistin. Ringier gab außerdem zu, dass Würzbach sich einige Nacktfotos von Rowe, die zehn Jahre zuvor in der “Super-Illu” zu sehen waren, widerrechtlich (offenbar unter dem Vorwand, für eine Reportage über Ostdeutschland zu recherchieren) im “Super-Illu”-Archiv besorgt bzw. zur Bebilderung ihrer vermeintlichen Enthüllungen abfotografiert habe. Dem “Sonntags-Blick” habe sie jedoch anschließend gesagt, die Frage der Rechte der Bilder sei geklärt.
Und weiter? Weiter nichts: Anschließend bekam Alexandra Würzbach (wie übrigens auch ihr Mann Große-Bley) einen Job bei “Bild”.
Schon im Januar 2003 erschienen wieder Artikel unter ihrem Namen in “Bild”, Artikel mit Überschriften wie “Meine Nacht mit Paris Hilton: BILD-Reporterin Alexandra Würzbach feierte mit dem Party-Girl in Cannes” oder “Hat Paris Hilton ein Kleid von Berliner Mode-Designer geklaut?” Besonders beeindruckt hat uns jedoch auch diese kleine Fortsetzungsgeschichte aus dem vergangenen Jahr. Da berichtete Würzbach zunächst über “Deutschlands schönste Knast-Wärterin” und schrieb neben ein großes Nacktfoto von Nicole G., dass sich männliche Häftlinge vor ihr exhibitionieren, weibliche sie hingegen als “Nutte, Schlampe, Lesbe” beschimpfen würden, denn:
Seit 11 Jahren ist sie hinter Gittern. Aber jetzt packt sie aus!
(…) Nicole ist “Misses Schleswig-Holstein”, zeigt ihren Körper gern: “Ich will zeigen, dass auch ‘normale’ Frauen nach der Schwangerschaft wieder eine Top-Figur… [usw. usf.]
Elf Jahre hinter Gittern, das reicht. Deutschlands schönste Knastwärterin will endlich raus. Nicole G. (33) wandert aus.
Am Dienstag entblätterte sich die zweifache Mutter in BILD, berichtete von ihrem Arbeitsalltag als Justizvollzugsbeamtin im Hamburger Untersuchungsgefängnis. Nun packt sie die Koffer. “Ich ziehe nach Neuseeland, ans schönste Ende der Welt. (…) Ich habe meinen Arbeitgeber um Freistellung, also unbezahlten Urlaub, für sechs Jahre gebeten”, erklärt Nicole. “Ich (…) war lange genug der Prügelknabe für alle. Viele Insassen behandeln einen schlecht, beschimpfen die Wärter (…). Auf Dauer macht mich das krank.”
Vielleicht kommt Nicole G. mit der Auswanderung auch einer Kündigung zuvor. Denn: “Die Justizbehörde ist von solchermaßen geschaffenen ,nackten Tatsachen nicht begeistert. (…)
Aber worum ging’s noch mal eigentlich? Ach ja, darum, dass Diekmann im “Weltwoche”-Interview auf die Frage, warum er damals die Borer-Story ablehnt habe, nicht geantwortet hat:
Im Grunde hatten wir Glück. Die Geschichte betraf Vorgänge, die ausschliesslich zwischen dem Botschafter und seiner Frau zu diskutieren waren (lacht). Aber wir haben das Ganze ja auch so in aller gebotenen Ausführlichkeit begleitet und konnten uns, als sich die Sache als fatale Falschmeldung herausstellte, sogar guten Gewissens weit aus dem Fenster lehnen. Anschließend haben wir dann übrigens die für das Fiasko verantwortliche Autorin bei “Bild” eingestellt. Erst kürzlich ist sie ja mit mir ins indische Dharamsala gefahren, um den Dalai Lama zum BILD-Exklusiv-Interview zu treffen.
Aber vermutlich hätte das den Rahmen des “Weltwoche”-Interviews gesprengt. Schließlich geht’s darin ja eigentlich um Diekmanns neues Buch. Es trägt den Titel “Der große Selbstbetrug”.
Ende Mai dieses Jahres berichtete “Bild” relativ groß über “Neue Spuren” im Fall der vermissten Madeleine:
Die Polizei kam mit Durchsuchungsbefehl und verschaffte sich Zutritt zum Anwesen der Tamera-Sekte in Monte Docero/Colos in Portugal. Hunderte deutsche Aussteiger leben dort, bekennen sich zu freier Liebe und Sex, leben als strenge Vegetarier. (…) Die Razzia, erfuhr BILD aus Polizeikreisen, fand bereits am 7. Mai statt (…). Ein Augenzeuge: “Die Beamten durchstöberten Zelte, Baracken, Wohnwagen und Hütten.” (…) Tamera-Berater Benjamin von Mendelssohn bestätigt den Einsatz: “Ja, die Polizei war hier, hat aber nichts gefunden.”
Kurz nach dem “Bild”-Artikel veröffentlichte Tamera eine Stellungnahme und kündigte an “gerichtlich gegen die Verleumdungen vorzugehen”. Mit Erfolg.
Heute nun, über vier Monate später*, druckt “Bild” eine Gegendarstellung (die bereits am 3. Oktober, bekanntlich ein Feiertag, online veröffentlicht wurde). Darin stellt Dieter Duhm, Leiter und Gründer von Tamera fest:
Die Polizei ist nicht mit einem Durchsuchungsbefehl gekommen und hat das Anwesen von Tamera in Monte do Cerro/Colos nicht durchsucht.
Dass “keine Razzia in Tamera stattfand” habe die portugiesische Polizei “offiziell bestätigt”, sagte uns eine Tamera-Sprecherin. Die Polizei sei jedoch da gewesen:
“Sie hat sich einfach höflich erkundigt, ob wir Informationen über das vermisste Kind hätten. Das haben wir verneint, daraufhin sind sie wieder weggefahren.”
Laut Tamera habe man einem “Bild”-Reporter, der sich vor Ort erkundigt habe, ob die Polizei bei Tamera gewesen sei, dies so bestätigt. Von einer Razzia sei jedoch “keine Rede” gewesen.
Soweit die gegendarstellungsfähigen Tatsachenbehauptungen aus dem “Bild”-Artikel.
Mit anderen Passagen hat “Bild”-Autor Josef Ley es Tamera nicht so leicht gemacht. So bringt er Tamera mit einem anderen Vermisstenfall in Verbindung:
In Tavira verliert sich im Juni 2006 die Spur eines anderen vermissten Kindes. Der dreijährige Felix Heger wurde hier zuletzt gesehen. Felix war damals angeblich in Begleitung eines Tamera-Mitglieds aufgetaucht.
Und schreibt abschließend im Text:
“Bild” tut so, als sei die Aussage des Ermittlers eine Antwort auf die zuvor gestellte Frage. Das ist offenbar nicht der Fall.
*) Bei Tamera sagte man uns, dass “Bild” sich zunächst gegen den Abdruck der Gegendarstellung gewehrt habe. Nicht der Sachverhalt sei jedoch strittig gewesen, sondern die Frage, “ob der Gründer Dieter Duhm im Namen von Tamera klagen darf”.
Unlängst war ja der Schauspieler Ben Becker in seiner Wohnung zusammengebrochen. Und gestern spekulierte die “Bild am Sonntag” über die Hintergründe des Zusammenbruchs, denn: “BILD am SONNTAG fand die Frau, die dem Schauspieler das Leben rettete” und zitierte die Frau (von der “BamS” als “Jessica von R.” anonymisiert) u.a. wie folgt:
“Ich habe mich fürchterlich über Bens Freundin Anne geärgert! In einer Zeitung stand, sie habe mich Abschaum genannt und ich hätte wohl Probleme mit Drogen. Ich habe keine solche Probleme!”
Das Dementi, das sich fast liest wie eine Gegendarstellung, steht auch auf Bild.de — und heute ganz ähnlich auch bei “Welt” bzw. “Berliner Morgenpost”, die wie die “BamS” zum Verlag Axel Springer gehören:
In einer Zeitung, so Jessica von R., habe gestanden, dass Anne Seidel sie “Abschaum” nannte und gesagt hätte, dass Jessica von R. wohl Probleme mit Drogen habe. Dies sei falsch.
Und nicht zuletzt wegen der absurden Konjunktivkonstruktion (In einer Zeitung … habe gestanden) stellt sich natürlich die Frage, welche Zeitung denn da wohl Beleidigung (“Abschaum”) und Verdächtigung (“Probleme mit Drogen”) in Umlauf gebracht hat, dass “BamS”, Bild.de, “Welt” und “MoPo” sie so ausdrücklich dementieren lassen.
Naja. So richtig stellt sich die Frage natürlichnicht. Die Zeitung mit dem “Abschaum”-Artikel gehört, wir ahnten es schon, wie “BamS”, Bild.de, “Welt” und “MoPo” ebenfalls zum Verlag Axel Springer und berichtet heute erneut über Ben Becker und Jessica von R., denn:
P.S.: Über irgendwelchen Abschaum in irgendwelchen Zeitungen spricht sie “in BILD” übrigens nicht.
Es wäre falsch zu sagen, dass die “Bild”-Zeitung Gegendarstellungen und Widerrufe immer mit ganz kleiner Schrift abdruckt. Oder nur in unauffälligem Grau. Gestern zum Beispiel hat “Bild” einen Widerruf mit richtig großer Schrift abgedruckt, und sogar auf knallfarbigem Hintergrund.
Der Text lautete:
Gegendarstellung zu Beitrag in Bild vom 31.08.2007 auf S. 7 unter der Überschrift “Berliner Mutter wirft Sohn (13) zu Hause raus”. Dazu stelle ich fest: ich habe den Jungen bereits am 30.08.2007 wieder zu mir geholt.
Berlin, den 31.08.2007 RA Eisenberg für
“Die Mutter”
Anmerkung der Redaktion: Die Aussage der Mutter ist richtig.
“Bild” hatte — wie die beiden anderen örtlichen Boulevardzeitungen “B.Z.” und “Berliner Kurier” auch — in großer Aufmachung über eine Auseinandersetzung in einer Berliner Familie berichtet. Die Mutter hatte sich, wie ihr Anwalt uns gegenüber sagte, geweigert, den Boulevardreportern Auskunft zu geben. Ihre Ansicht, die Geschichte ginge sie nichts an, haben die aber offenbar ebenso wenig beeindruckt wie der Mangel an Informationen.
Das Landgericht Berlin erließ zwei Verfügungen, die die Zeitungen verpflichteten, ihre Berichterstattung zu unterlassen und die Gegendarstellung zu veröffentlichen.
Und “Bild” sparte, wie gesagt, bei der Präsentation der Korrektur nicht an Farbe, und so sah das aus:
(Ja, genau: Die Gegendarstellung ist das Rote in der Mitte, zwischen der roten Anzeige links und den roten Anzeigen rechts.)