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Verwirrung um Pizarro

Heute Vormittag um 10.02 Uhr verkündete “Sport Bild” auf ihrer Internetseite:

Sport Bild exklusiv: Pizarro kündigt bei Werder! Bayern bietet Zweijahresvertrag

Die zwei in der Überschrift erwähnten Sachverhalte stehen zwar in einem Zusammenhang, aber offenbar nicht ganz so direkt, wie man auf den ersten Blick denken könnte. Nach allerlei Zeilen über das Vertragsangebot von Bayern München (“nach SPORT BILD-Informationen”, natürlich) schreibt “Sport Bild” selbst, dass es durchaus möglich sei, dass Pizarro Werder Bremen doch nicht verlässt:

Noch ist der Weggang allerdings keine beschlossene Sache – Pizarro musste kündigen, weil sich sein Vertrag in Bremen sonst automatisch verlängert hätte. Er kann jedoch einen neuen Vertrag mit den Bremern aushandeln.

In diesem Fall wäre seine (angebliche) Vertragskündigung ein taktisches Manöver gewesen, um sich alle Optionen offen zu halten und für die Vertragsverhandlungen mit Werder in einer günstigeren Ausgangsposition zu sein. Fußballer und ihre Berater …

Sechzehn Minuten später hatte der Sportinformationsdienst (sid) diese Meldung auf dem Draht:

Sport Bild: Pizarro verlässt Werder, Angebot aus München

BREMEN, 29. März (SID) – Claudio Pizarro wird den Fußball-Bundesligist Werder Bremen im Sommer anscheinend verlassen. Wie die Sport Bild berichtet, hat der Angreifer dem Verein mitgeteilt, dass er seinen Vertrag in Bremen zum 30. Juni dieses Jahres kündigt. Weil der Peruaner seine Kündigungsklausel noch vor Ablauf der vertraglich festgelegten Frist (31. März) zog, ist er nach der laufenden Saison ablösefrei. Rekordmeister Bayern München, so das Blatt weiter, habe Pizarro bereits einen Zweijahresvertrag angeboten.

Das war natürlich nicht das, was “Sport Bild” geschrieben hatte — sondern nur das, was “Sport Bild” mit der eigenen Überschrift und der Twitter-Nachricht “Pizarro kündigt bei Werder” mutmaßlich zu suggerieren versucht hatte.

Die Reaktion von “Sport Bild” auf Twitter, wo #pizarro inzwischen ein trending topic war, war dann auch eine ganz merkwürdige Mischung aus Schadenfreude, Hände-in-Unschuld-Waschen und dem Pochen auf journalistische Gründlichkeit:

Da hat der sid einfach nicht gründlich gelesen. Keiner behauptet, dass Pizarro Werder verlässt

Der sid hatte unterdessen ein Statement von Bremens Manager Klaus Allofs eingeholt, war aber immer noch davon überzeugt, dass “Sport Bild” Pizarros Abgang vermeldet hatte:

Verwirrung um Pizarro: Allofs dementiert Abgang aus Bremen
+++ überholt mit Allofs-Statements +++
BREMEN, 29. März (SID) – Verwirrung um Claudio Pizarro: Werder Bremens Geschäftsführer Klaus Allofs hat eine Meldung dementiert, wonach der peruanische Angreifer den Fußball-Bundesligisten im Sommer verlassen wird. “Da weiß die Sport Bild mehr als wir”, sagte Allofs dem Sport-Informations-Dienst (SID) am Donnerstagmorgen: “Bei uns ist das so nicht kommuniziert. Ich glaube das aber ehrlich gesagt auch nicht.” […]

Um 11.29 Uhr vermeldete der sid dann in einer “Präzisierung”, dass Allofs nicht nur nichts von einem “Abgang” wisse, sondern auch nichts von einer “Kündigung”:

Verwirrung um Pizarro: Allofs dementiert Kündigung bei Werder
+++ Präzisierung in Überschrift und erstem Satz +++
BREMEN, 29. März (SID) – Verwirrung um Claudio Pizarro: Werder Bremens Geschäftsführer Klaus Allofs hat eine Meldung dementiert, wonach der peruanische Angreifer dem Fußball-Bundesligisten zum Sommer gekündigt hat. […]

Die Verwirrung war also perfekt und der sid hatte nicht ganz unwesentlich dazu beigetragen.

Um 14.08 Uhr tickerte die Deutsche Presseagentur (dpa) dann sinngemäß, dass klar sei, dass nichts klar sei:

“Sport Bild”: Pizarro hat gekündigt – Werder hofft auf Verbleib

Bremen (dpa) – Fußball-Profi Claudio Pizarro und Werder Bremen halten sich im Poker um eine Fortsetzung ihrer Zusammenarbeit weiter bedeckt. Auch eine Meldung des Fachmagazins “Sport Bild”, laut der Pizarro seinen Vertrag beim Bundesligisten fristgerecht zum Saisonende gekündigt hat, wollten der Stürmerstar und Werder-Chef Klaus Allofs weder bestätigen noch dementieren.

“Ich habe noch keine Entscheidung getroffen. Es ist weiterhin alles offen, wir müssen noch einige Gespräche führen”, betonte Pizarro am Donnerstag in Bremen. “Wir machen grundsätzlich keine Aussagen über Vertragsinhalte”, sagte Geschäftsführer Allofs. […]

Zum derzeitigen Zeitpunkt ist also lediglich die Erkenntnis gesichert, dass Claudio Pizarro einen Vertrag mit Werder Bremen hat. Wie lang der noch läuft und was Pizarro danach macht, werden wir irgendwann erfahren. Vermutlich wieder exklusiv.

Mit Dank an Matthias K.

Daily Mail, Abokündigung, Sportinformation

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “Mail Supremacy”
(newyorker.com, Lauren Collins, englisch)
Die 1896 gegründete britische Tageszeitung “Daily Mail” erreicht vier mal so viele Leser wie der “Guardian”, im Januar überholte sie die “New York Times” als meistgelesene Zeitung online. Der ausführliche Bericht von Lauren Collins beleuchtet die Haltung der Zeitung während dem 2. Weltkrieg und die Beziehung zu den Prominenten: “In 1997, after Princess Diana’s death, the third Viscount Rothermere promised that the paper would no longer use photographs taken by paparazzi—a vow that didn’t last.”

2. “Axel Springer AG verurteilt”
(vzhh.de)
Das Landgericht Berlin verurteilt die Axel Springer AG wegen unlauterer Abowerbung, meldet die Verbraucherzentrale Hamburg: “Das Gericht verbot dem Medienunternehmen, Kunden, die ihr Zeitschriftenabonnement gekündigt haben, mit der Aufforderung anzuschreiben, sie zurückzurufen, weil noch eine Frage aufgetreten sei, wenn der Kunde tatsächlich auf diesem Wege dazu bewegt werden soll, seine Kündigung zurückzunehmen.”

3. “Warum ich den ‘Blick’ verachte”
(facebook.com, Max Küng)
Max Küng thematisiert den Umgang von “Blick” mit den Opfern des Busunglücks im Wallis: “Es mag etwas altmodisch klingen, aber ich verachte den ‘Blick’, respektive die Leute, die für die Leidpornografie in seinen Seiten verantwortlich sind.” Siehe dazu auch “Wie es mit Emma wirklich war” (blick.ch, Ralph Grosse-Bley).

4. “Fanprojekt fordert Gegendarstellung von Bildzeitung”
(stadionwelt-fans.de)
Fußball: Ein Sozialpädagogisches Kölner Fanprojekt fordert von “Bild” eine Gegendarstellung.

5. “Müssen nicht jeden Schrott melden”
(medienkritik-schweiz.ch, Reto Stauffacher)
Reto Stauffacher befragt Peter Lerch vom Schweizer Sportnachrichtendienst SI: “Wir haben die viel grössere Verantwortung als all diese Medienportale. Wenn wir etwas melden, ist das sofort in allen Kanälen sichtbar und nicht mehr auszulöschen. Und wenn diese Meldung nicht stimmt, dann ist das für uns der absolute Horror. Wir melden etwas erst, wenn wir wissen, dass es tatsächlich stimmt. Vielleicht wird uns diese Tatsache manchmal als ‘langsam’ ausgelegt.”

6. “Der Alabama Face Guy”
(hermsfarm.de)

Assauer, Weimer, Balzac

6 vor 9

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1. “Assauer: Schlammschlacht in den Medien”
(ndr.de, Video, 6:54 Minuten)
Kamerateams von Bild.de und RTL belagern anlässlich eines Gerichtstermins den an Alzheimer erkrankten, ehemaligen Fußballmanager Rudi Assauer.

2. “Die programmierte Blamage”
(spiegel.de, Christoph Lütgert)
Bei seinem Auftritt bei “Menschen bei Maischberger” sei Finanzunternehmer Carsten Maschmeyer zu viel Raum für Eigenwerbung eingeräumt worden, kritisiert Christoph Lütgert: “Die ersten geschlagenen 20 der 75 Maischberger-Minuten durfte sich Maschmeyer ganz allein verbreiten, sein jüngstes Buch mit den Plattitüden bewerben, als sei es tatsächlich – Zitat Sandra Maischberger – ‘ein Ratgeber für Menschen, die Erfolg suchen’.”

3. “Medien: Verletzungen der Intimsphäre dürfen nicht ohne Konsequenzen bleiben”
(martinspieler.ch)
Martin Spieler, Chefredakteur der Schweizer “Sonntagszeitung”, fragt nach dem Busunglück im Wallis: “Was gewinnen wir denn für Erkenntnisse, wenn wir Gesichter, Namen und Vorlieben von Menschen anschauen, die in der Bustragödie ihr Leben verloren? Keine. Da geht es nicht um Mitleid. Wir befriedigen nicht legitime Informationsbedürfnisse, sondern einzig unseren Voyeurismus, ohne öffentlichen Informationswert.”

4. “Auf eigene Rechnung”
(tagesspiegel.de, Tim Klimeš)
Tim Klimeš besucht Wolfram Weimer, Ex-Chefredakteur des “Focus” und neu Verleger: “Der Publizist hat den gesamten Verlagsbereich der Finanzpark AG (u.a. ‘Börse am Sonntag’) gekauft.”

5. “Hannelore Kraft und der Sprint zum Büffet”
(fabian-kuntz.de)
Fabian Kuntz beschreibt den medialen Weg eines von ihm auf YouTube hochgeladenen Videos, das einen zwanzig Sekunden dauernden Ausschnitt aus dem Parlamentsfernsehen zeigt.

6. “Die Kunst, seine Schulden (nicht) zu zahlen – erklärt von Honoré de Balzac”
(faz-community.faz.net/blogs, Philip Plickert)
Philip Plickert liest “Die Kunst, seine Schulden zu zahlen” von Honoré de Balzac: “Von den acht beschriebenen Arten, Schulden zu tilgen, betont Balzac vor allem jene: ‘indem man eine oder mehrere Schulden in eine oder mehrere andere verwandelt’ – auch Balzacs Aphorismus ‘Je mehr Schulden man hat, desto mehr Kredit hat man’, scheint uns die griechische Situation in der Euro-Rettungsorgie gut zu treffen.”

Grosse-Bley, iPad-Fabriken, Ahmadinedschad

6 vor 9

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1. “Studie zur Wirkung des Nichtraucherschutzgesetzes in Deutschland ist fragwürdig”
(heise.de/tp, Bastian Rottinghaus)
Verschiedene Medien haben eine Studie unkritisch verbreitet, stellt Bastian Rottinghaus durchaus selbstkritisch fest. “Sowohl Telepolis als auch Spiegel Online glänzen hier wie fast alle in- und ausländischen Medien nicht gerade durch kritische Distanz zur DAK, auf deren Patientendaten die Studie basiert und die mit unnachahmlicher Brillanz bilanziert: ‘Weniger Qualm bedeutet weniger Herzerkrankungen – eine einfache Formel für die Gesundheit.’ Nun ist es mit der Eindeutigkeit der Studienbefunde leider nicht so weit her, wie es einem die DAK und das Medienecho nahelegen möchte – denn um genau zu sein: es gibt gar keine Befunde.”

2. “Würden es wieder so machen”
(medienwoche.ch)
“Blick”-Chefredaktor Ralph Grosse-Bley, kritisiert wegen dem Abdruck von Opferbildern des Busunfalls im Wallis, würde sich in einer vergleichbaren Situation wieder so entscheiden: “Schauen Sie, um dieser Tragödie ein Gesicht zu geben, um sie fassbar zu machen, kann man nicht einfach nur bloss einen Tunnel, einen zerstörten Bus und eine Pannen-Nische zeigen. 22 tote Kinder – das ist keine Zahl, das ist eine Katastrophe. Die Bilder von Menschen, von Betroffenen, machen das Ausmass des Dramas wenigstens ansatzweise fassbar.”

3. “Der erfundene Horror der chinesischen iPad-Fabriken”
(faz.net, Frank Kelleter)
Inszenierte Berichte von Mike Daisey über die Arbeitsbedingungen in einem chinesischen Zulieferbetrieb ernten viel Aufmerksamkeit und Empörung. “Zwar war er tatsächlich zu Besuch in einigen chinesischen Fabriken gewesen und hatte dort mit Arbeitern gesprochen, aber die folgende Broadwayshow war eine Aufführung, ihre Hauptfigur ein Schauspieler, der Anekdoten und Gerüchte aus unterschiedlichen Quellen verdichtete und in der ersten Person vortrug. Die Menschen, deren unerhörtes Schicksal er uns mit kraftvoller Stimme näherbrachte, existierten in dieser Form nur in seiner Phantasie.”

4. “Unbeobachtet, unschuldig, unfehlbar?”
(faz.net, Peter Penders)
Peter Penders fragt sich, warum es immer noch Profi-Fußballspieler gibt, die “noch nicht verinnerlicht zu haben, dass jedes Spiel im Fernsehen übertragen wird und dass sogar Dutzende Kameras rund um das Spielfeld verteilt sind, denen einfach nichts entgeht, nicht einmal, wenn nebenbei Schnick, Schnack, Schnuck gespielt wird.”

5. “sachen aus protest weglassen”
(wirres.net, Felix Schwenzel)
Wie Google das von Presseverlegern angestrebte Leistungsschutzrecht umsetzen könnte.

6. “Ahmadinedschad im ZDF: ‘Atomwaffen sind unmoralisch'”
(youtube.com, Video, 42:29 Minuten)
Ein sehenswertes Interview von Claus Kleber mit dem iranischen Präsidenten, Mahmud Ahmadinedschad. Zitat ab Minute 35: “Wir lieben alle. Und wir suchen keinen Krieg. Gegen kein Land. Wir wollen auch keine Atombomben.” Siehe dazu auch “Wie das ZDF sein Exklusiv-Interview nachts versendet” (meedia.de, swi), “Das unmögliche Interview” (navigarenecesseest.wordpress.com) und “Unwidersprochener Judenhass” (taz.de, Philipp Gessler)

Bayern München, Wahrheit, Keystone

6 vor 9

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1. “Die IVW-und-AGOF-Tricks der News-Sites”
(meedia.de, Jens Schröder)
Die Zugriffszahlen von Nachrichtenwebsites wie Focus Online oder N24 werden mit Besuchern von Partnerwebsites verstärkt. “Legalität hin oder her, die Methoden, völlig inhaltsfremde Websites zu einem namensgebenden Angebot hinzuzuzählen, verwässern die eigentlich starken Währungen der IVW und AGOF immer mehr und machen die Zahlen auf Dauer irrelevant.”

2. “Promis im Interview: Diese Stars streichen statt zu sprechen”
(20zwoelf.de, Nicola Erdmann und Nina Dinkelmeyer)
20zwoelf.de, ein Portal der Axel-Springer-Akademie zur Pressefreiheit, notiert Erfahrungen von Journalisten mit Forderungen von “Sängern oder Schauspielern beziehungsweise ihren Agenturen”.

3. “Verdammt und vergöttert – die mediale Achterbahnfahrt der Spieler”
(fanorakel.de, Oliver Kahn)
Ex-Fußballtorwart Oliver Kahn kommentiert die Extreme der medialen Berichterstattung zum FC Bayern München. “Da wird Mario Gomez nach der vergebenen Großchance gegen Leverkusen zum ‘Gurken-Gomez’ gemacht und wenige Tage später als ‘Gomessi’ überhöht. Noch vor kurzem wurde die Spielweise von Arjen Robben als zu egoistisch eingestuft, heute wird wieder vom Traumduo ‘Robbery’ (Robben und Ribery) gesprochen. Bayern-Präsident Uli Hoeneß sagte nach dem Sieg gegen Basel: ‘Vor 14 Tagen waren alle Bratwürste, jetzt sollen alle Super-Stars sein. In diesem Umfeld möchte ich nicht leben.'”

4. “Fakten zählen. Emotionen zählen. Und die Wahrheit?”
(notes.computernotizen.de, Torsten Kleinz)
Torsten Kleinz fragt, ob die komplexe Wahrheit zu viel ist für uns Medienkonsumenten. “Als Journalist muss ich mich täglich damit herumschlagen, wie weit man die ‘Wahrheit’ herunterkochen kann. Wenn man immer alle Seiten und Standpunkte wiedergibt, entsteht allzu leicht unverständliches Wischi-waschi, das den Leser ratlos zurücklässt. Wir müssen auswählen, was wir transportieren. Und auf diesem Wege konstruieren wir ein Zerrbild, eine andere Realität.”

5. “Der Mensch hinter der Kamera”
(journal21.ch, Stephan Wehowsky)
Ein Interview mit Alessandro della Valle von der Bildagentur Keystone: “Wir haben die ganz strenge Regel, dass in die Gestaltung der Bilder nachträglich nicht mehr eingegriffen werden darf. Für die Bildagenturen haben sich da sehr strenge Codes durchgesetzt. Vorbildlich ist in dieser Hinsicht der im Internet einsehbarer Ethik-Code der Agenturen AP und Reuters. Dazu kommt noch Folgendes: Entfernt ein Fotograf von seinem Bild zum Beispiel einen Gegenstand aus einem Raum, weil der die Bildkomposition beeinträchtigt, werden wir in kürzester Zeit Internetkommentare von denjenigen haben, die auch am Ort waren und die Manipulation bemerken und entsprechend anprangern.”

6. “Wer hat die Bundeskanzlerin geohrfeigt?”
(faz.net)
Ein schmerzlich ausführlicher Report von fünf FAZ-Mitarbeitern fasst die wenigen, vom Fernsehen mit grosser Hingabe begleiteten Ereignisse der sonntäglichen Bundespräsidentenwahl zusammen: “13.45 Uhr, ARD: Senta Berger ist der Höhepunkt in der heutigen ARD Berichterstattung. ‘Was kann ich Ihnen noch sagen, was nicht schon andere gesagt haben?’.”

Seite-1-Girls, Berliner Zeitung, Zapfenstreich

6 vor 9

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1. “Pressedrama über dem Atlantik”
(badische-zeitung.de, Ole Pflüger)
Ole Pflüger war Passagier eines Air-France-Flugs von Paris nach Bogotá. Wegen einem durch Rauchentwicklung ausgelösten Feueralarm sei er “in Todesangst versetzt” worden, liest er in Medienberichten. Doch: “Es roch nicht nach Rauch nach dem Start, nur ein bisschen nach Pilzrisotto. Der Landeanflug dauerte fast eine halbe Stunde; eine Stewardess lief lächelnd durch die Sitzreihen und beruhigte einzelne Passagiere.”

2. “‘Bild’ der Frau”
(sueddeutsche.de, Lena Jakat)
Lena Jakat verdankt die Verschiebung der barbusigen Frau von Seite 1 ins Innere von “Bild” (BILDblog berichtete): “Danke, liebe Kollegen, dass ihr diesen Frauen endlich, nach 28 Jahren und mehr als 5000 ‘Seite-1-Girls’, den Weg zurück in die Rechtschaffenheit aufzeigt und eurer weiblichen Leserschaft den verderblichen Anblick dieser liederlichen Luder erspart.” Siehe dazu auch eine statistische Auswertung der Seite-1-Girls auf faz.net und “Jetzt nicht nachgeben, Mädels!” (ahoipolloi.blogger.de).

3. “Ermordet reicht nicht”
(carta.info, Leonard Novy)
Trotz des Auflagenschwunds von “Bild” bleibe die Zeitung für Politik und Medien “das Maß aller Dinge”, findet Leonard Novy: “BILD wie BILD-Kritik gehören zum politisch-kulturellen Inventar eines großer normativer Debatten über Macht, Methoden und Verantwortung der Medien letztlich überdrüssigen Landes.”

4. “Der Mann, der zu viel zu berichten wusste”
(faz.net, Michael Reinsch)
Matthias Wolf berichtete für die “Berliner Zeitung” kritisch über den Fußballverein 1. FC Union Berlin: “Nach zwei sogenannten Korrekturmeldungen, die Union der Zeitung auf Berichte Wolfs hin abtrotzte, forcierte der Chefredakteur Uwe Vorkötter den Abzug des Reporters von Union. Wolf sollte von anderen Klubs berichten. (…) Wolf lehnt das Angebot ab, für die ‘Berliner Zeitung’ über andere Themen zu berichten. ”

5. “Es lebe das Internet”
(dasnuf.de)
Das Nuf greift den Text “Und was machten die Blogs im Jahre 2011?” auf: “Für mich ist das Internet eben nicht Techblogs und Shitstorms sondern Menschen mit interessanten Geschichten, die mich an ihrem Leben teilhaben lassen. (…) Ich habe oft das Gefühl, dass es (bis auf einige Ausnahmen) wenige Platzhirsche sind, die sich gegenseitig ihre großen Geweihe zeigen und um sich herum kleine Herden scharen, die dann eine zeitlang das Gesagte im Ping Pong zitieren und kommentieren, um sich auch ein bisschen wichtig zu fühlen.”

6. “Zapfenstreich von Marschmusik überschattet”
(eine-zeitung.net, Satire)
“Immer wieder setzten unerwartet Bläser und Trommeln ein, die die für Wulff spielenden Vuvuzelas und Trillerpfeifen übertönten.”

Franz Josef Wagners physische Probleme

Vom Fußballspieler Thomas Häßler ist der Ausspruch überliefert, er sei “körperlich und physisch topfit”.

Anscheinend arbeitet Thomas Häßler heute als Ghostwriter für Franz Josef Wagner:

Lieber Weltfrauentag, ich habe nie eine Frau sein wollen, weder körperlich noch physisch.

In einigen Printausgaben steht “weder körperlich noch psychisch”, aber da war der Text natürlich schon bei Bild.de ins Internet gedruckt.

Mit Dank an Tom T.

Nachtrag, 8. März: Jetzt steht auch bei Bild.de “psychisch”.

Facebook, E-Mails, Taubstumme

6 vor 9

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1. “Warum beschweren sich deutsche Verleger nicht schon längst über Facebook?”
(carta.info, Wolfgang Tischer)
Wolfgang Tischer fragt: Warum beklagen sich deutsche Zeitungsverleger über Google, aber nicht über Facebook?

2. “Taubstumme Rentner können NUR gebärden”
(taubenschlag.de, Bernd)
Taubenschlag, ein Portal für Gehörlose und Schwerhörige, widmet sich der gestrigen “Bild”-Titelschlagzeile “Taubstumme Rentner um 2000 Euro geprellt”.

3. “17 Tipps gegen die Mail-Flut”
(spiegel.de, Sascha Lobo)
Sascha Lobo erklärt, wie man E-Mails so verfasst, “dass die Chance auf eine Rückmail minimiert wird”.

4. “Literaturkritik, rechtsdrehend”
(welt.de, Richard Kämmerlings)
Richard Kämmerlings befasst sich mit dem Nachfolge-Artikel von Georg Diez im “Spiegel”, “eine Art ‘Making-of’ seines versuchten ‘Rufmords’ an Christian Kracht, wie es der Verlag Kiepenheuer & Witsch genannt hat”. “Bezeichnend, dass Diez es in seiner wortreichen Replik nicht für nötig hält, auf das weitverbreitete ‘Unbehagen’ an seiner unseriösen Methode näher einzugehen. Als Freibrief genügt ihm die Erkenntnis, dass ‘Journalismus etwas anderes als Germanistik’ sei. Genaues Lesen, das Erkennen von Zitaten und Anspielungen, kurz all das, was als Handwerkszeug des Kritikers gilt, hält Diez offenbar für spießig, am Ende vielleicht selbst für ein Erbteil dumpfen rechten deutschen Denkens.”

5. “Radiosender muss 200.000 Euro wegen Falschmeldung an FC Barcelona zahlen”
(arena-info.com)
Ein Reporter von “Cadena Cope” hatte Spielern des Fußballclubs FC Barcelona Doping unterstellt. Ein Gericht verurteilte den Radiosender nun zur Sendung einer Gegendarstellung und zur Zahlung von Schadenersatz in der Höhe von 200.000 Euro.

6. “How Science Reporting Works”
(smbc-comics.com, englisch)
(Quelle nachträglich korrigiert.)

Nippel, Viva, Whitney Houston

6 vor 9

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1. “Kiffen ja, Nippel nein”
(spiegel.de, Christian Stöcker)
“Ein geheimes Handbuch für Facebook-Kontrolleure zeigt, was das Netzwerk in seinem Reich duldet. Kiffen, zerquetschte Köpfe, tiefe Fleischwunden – alles kein Problem. Nicht okay sind Sex, weibliche Brustwarzen, Tierquälerei: Solche Bilder werden gelöscht. Subtil setzt der Konzern seine eigenen Werte durch.”

2. “Der Ausschluss der Öffentlichkeit ist keine Lösung”
(vocer.org, Gisela Friedrichsen)
Gisela Friedrichsen, Gerichtsreporterin des “Spiegel”, beschreibt vor dem Hintergrund einer aktuellen Entscheidung des Oberlandesgerichts Köln (s. “6 vor 9” vom 15. Februar), wie sich die Arbeit von Gerichtsreportern geändert hat. Immer neue, teils vage Entscheidungen der Pressekammern sorgten für eine “Schere im Kopf”; Sprecher der Staatsanwaltschaft und Medienanwälte versuchten, die Berichterstattung in ihrem Sinne zu beeinflussen; Medien würden Zeugen noch vor deren Aussagen “einkaufen” und “Neulinge” unter den Berichterstattern erstaunt registrieren, “dass es in der realen Justiz etwas anders zugeht als im Fernsehen bei Alexander Holt oder Barbara Salesch”. Ohne explizite Namensnennung bekommt auch Alice Schwarzer ihr Fett weg, Friedrichsens Kontrahentin in der Berichterstattung über den Prozess gegen Jörg Kachelmann: “Niemand würde einen Laien ein bedeutendes Fußballspiel oder eine Neuinszenierung in der Oper kommentieren lassen. Ins Gericht aber wagen sich selbst ernannte Experten und vor allem Expertinnen, die oft genug eine feste Meinung, aber keine Ahnung haben.”

3. “Bravo, Viva!”
(alexandervonbeyme.net)
Alexander von Beyme lobt die Social-Media-Redakteure des TV-Senders Viva, die bei Facebook gegen homophobe Kommentare unter einem Foto des Tokio-Hotel-Sängers Bill Kaulitz vorgegangen sind. Gleichzeitig kritisiert er eine HSV-Fanseite, die mit homophoben Sprüchen vor dem Nordderby gegen Werder Bremen für Stimmung sorgen wollte.

4. “Der Youssou-Effekt”
(muel.ch, Samuel Burri)
Samuel Burri, als Journalist in Westafrika, wundert sich darüber, dass sich die deutschen Nachrichtenagenturen bei ihrer Berichterstattung über die anstehenden Wahlen im Senegal vor allem auf den auch in Europa bekannten Sänger und Oppositionellen Youssou Ndour konzentrieren, der am Dienstag bei Protesten am Bein verletzt worden sein soll. “Natürlich kann man den Hype um Youssou Ndour auch positiv sehen. Seine Präsenz bei Aktionen der Opposition schafft Medienöffentlichkeit. So geht zumindest nicht vergessen, dass im Senegal am Sonntag gewählt wird. Doch wie viele andere wurden schon verletzt oder getötet im Verlauf der Demonstrationen?”

5. “Schöner Einstieg für Gauck”
(zapp.blog.ndr.de)
Auf der Suche nach dem Fahrer, in dessen Taxi Joachim Gauck von Angela Merkel angerufen und zum Bundespräsidenten-Kandidaten wurde, setzte der “Stern” auf uralte Methoden — und eine Belohnung.

6. “Back in Black – Whitney Houston’s Death”
(thedailyshow.com, Video, englisch)
Lewis Black regt sich über die TV-Berichterstattung zum Tode Whitney Houstons auf.

Bild  

Hurra, hurra, die Fahne brennt!

Das Nordderby zwischen dem Hamburger SV und Werder Bremen wurde von Szenen abseits des Fußballfeldes überschattet:

Wann hört dieser SCHWACHSINN endlich mal auf? Becherwurf gegen Marin + + + Banner mit Brandbeschleuniger geschmuggelt + + + Täter festgenommen + + + Jede Menge Böller beschlagnahmt + + + Bremer "Fans" verprügeln Ordner + + +

“Bild” schreibt heute in ihrer Regionalausgabe:

Schlimmer noch: Chaoten hatte zwei in Brandbeschleuniger getränkte Banner in einer Tüte am Stadionzaun versteckt. Als die beiden Zuschauer die Tasche kurz vorm Anpfiff in die Arena bringen wollten, griffen Polizei und Ordnungsdienst zu. Festnahme!

Auch die Deutsche Presseagentur (dpa) hatte gestern Vormittag vermeldet:

Vor der Partie hatten schon zwei festgenommene Anhänger für Aufregung gesorgt. Die Polizei hatte sie bei dem Versuch erwischt, zwei mit Brandbeschleuniger getränkte Fahnen und Transparente in die Arena schmuggeln zu wollen.

Und im HSV-Blog des “Hamburger Abendblatts” schrieb der Autor gestern Nachmittag vor sich hin:

Und dann sorgten zwei vor der Partie festgenommene HSV-Anhänger noch zusätzlich für Aufregung. Beide hatten schon Tage (oder einen Tag?) vorher zwei mit Brandbeschleuniger getränkte Fahnen und Transparente in die Arena geschmuggelt und bestens versteckt (glaubten sie jedenfalls), diese beiden Utensilien wurden aber zeitig vor dem Spiel entdeckt – und bewusst in ihrem Versteck liegen gelassen. Als diese beiden Fußball-Fans der besonderen Art dann kurz vor dem Anpfiff die (un-)sicher deponierten Sachen abholen wollten, griff die schon auf der Lauer liegende Polizei zu. Die Dummen sterben eben nie aus – Teil zwei. Das ist doch alles nur noch unterirdisch. Gehört wohl aber zum Fußballverständnis einiger Leute von heute dazu. Bin gespannt, was das für Strafen gibt . . .

Das ist alles insofern erstaunlich, als die Website der “Hamburger Morgenpost” schon am Samstagabend vermeldet hatte, dass es sich um einen falschen Alarm gehandelt hatte:

Der Fahnen-Alarm: Vor dem Anpfiff entdeckten Polizisten zwei Tüten mit Transparenten und Konfetti, nahmen zwei HSV-Fans fest. Der Verdacht: Pappe und Papier seien in Brandbeschleuniger getränkt worden. Ein Fehlalarm. “Es hat sich herausgestellt, dass die Transparente frisch bemalt waren und deswegen verdächtig rochen”, sagte ein Polizeisprecher.

Die Hamburger Polizei bestätigte uns heute auf Nachfrage die Version der “MoPo”: “Es roch nur ‘n bisschen komisch”.

Mit Dank an karstinho.

Nachtrag, 22. Februar: Der Autor des HSV-Blogs des “Hamburger Abendblatts” entschuldigt sich in seinem neuesten Eintrag für die Falschmeldung mit den in Benzin getränkten Fahnen.

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