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Silvesternacht, Kummer, Alleserklärer

1. Der Horror von Köln
(nachdenkseiten.de, Jens Wernicke & Walter van Rossum)
In der Silvesternacht 2015/16 in Köln schienen die schaurigsten Pegida-Fantasien Wirklichkeit zu werden. Doch was ist wirklich geschehen? Der Autor, Medienkritiker und Investigativjournalist Walter van Rossum hat dazu unlängst ein Feature für den Deutschlandfunk produziert. Auf den “Nachdenkseiten” ordnet van Rossum das Geschehen nochmal ein. “Man muss die Mythen schmieden, bevor die Tatsachen sie erkalten lassen. Und das ist hier auf eine Weise gelungen, dass man sich fragt, wie irre das Abendland inzwischen eigentlich geworden ist, wie tollwütig. Und eben, weil man so wenig wusste, hat der Mythos die Dramaturgie übernommen.” Ein langes Interview, ein überaus lesenswertes Interview ist es geworden, das man sich auch als Soundfile auf den MP3-Player packen kann.

2. Tom Kummer: «‹Bad Boy›, das kommt meinem Wesen nahe»
(bernerzeitung.ch, Stefan von Bergen)
Stefan von Bergen von der “Berner Zeitung” hat den für seine Fake-Interviews berühmt-berüchtigten Tom Kummer getroffen. Dieser ist zurück in seiner Heimatstadt Bern und arbeitet dort u.a. als Tennislehrer. Kummer gibt sich unbeeindruckt von seinem Absturz. Interviewer von Bergen hat den Bericht über seine Unterhaltung mit den Worten “Protokoll eines misslungenen Gesprächs” überschrieben.

3. Kulturelle Vielfalt und internationaler Hass
(ndr.de, Janina Kalle)
“Zapp” hat sich den englischsprachigen Facebookauftritt der “Deutschen Welle” näher angeschaut. Was da in den Kommentarspalten passiere, sei spannend, so Autorin Janina Kalle. Hier würden Menschen aus der ganzen Welt über Deutschland diskutieren, ob über Fritz Langs “Metropolis” oder Merkels Willkommenskultur. Das große Interesse ginge aber auch mit einem starken Anstieg von Hass-Kommentaren einher.

4. »Es ist nur Fußball«
(neues-deutschland.de, Manuel Schumann)
ZDF-Sportreporter Boris Büchler hat Sportwissenschaften an der Deutschen Sporthochschule Köln studiert (Schwerpunkt Sportpublizistik) und begleitet für seinen Sender seit fast 20 Jahren die deutsche Nationalmannschaft. Im Interview verrät er, wie ein gutes Field-Interview aussehen muss, wie er mit dem Spott und den Beleidigungen im Netz umgeht und welche Fragen er einem Fußballprofi niemals stellen würde.

5. Willkürlich inhaftierten Journalist freilassen
(reporter-ohne-grenzen.de)
Auf der jährlichen Rangliste der Pressefreiheit von “Reporter ohne Grenzen” steht Turkmenistan auf Platz 178 von 180 Staaten. Noch schlechter sei die Lage nur in Nordkorea und Eritrea. Vor mehr als einem Jahr wurde der Journalist Saparmamed Nepeskuliew von den turkmenischen Behörden inhaftiert. “Reporter ohne Grenzen” fordert seine umgehende Freilassung. Turkmenistans Präsident Gurbanguli Berdimuhamedow treffe heute in Berlin mit Bundeskanzlerin Angela Merkel zusammen – dies sei eine seltene Gelegenheit, einen der weltweit schlimmsten Feinde der Pressefreiheit auf die Unterdrückung unabhängiger Medien in seinem Land anzusprechen.

6. Harald Lesch, der Alleserklärer im Autoverkäuferhemd
(dwdl.de, Hans Hoff)
“DWDL”-Kolumnist Hans Hoff mit einer Hommage an den Wissenschaftsjournalist und Astrophysiker Harald Lesch: “Das Schöne ist, dass einer wie Lesch oft für einen Langweiler gehalten wurde. Seine Art war noch nie hip, und die Schaumkrone jeglicher Erregung fiel in sich zusammen, wenn er auf den Bildschirm kam. Genau das aber macht ihn in diesen Zeiten, da alle so gerne und schnell aufschäumen und sinnfrei eskalieren, so wertvoll. Lesch steht für einen Typ Fernsehmensch, der das öffentlich-rechtliche Medium mit einer Grundsubstanz versorgt: mit Glaubhaftigkeit. Er weiß um die Kraft seines Wissens und setzt genau die ein.”

25 lesenswerte Medienreflexionen zu #Rio2016

Die Olympischen Spiele 2016 in Rio nähern sich dem Ende. Zeit, ein medienkritisches Resümee zu ziehen. Wie sind die Medien mit dem internationalen Großevent umgegangen? Wie reagiert die Sportberichterstattung auf wachsende Kommerzialisierung, IOC-Einflussnahme und ständigen Dopingverdacht? Und wie steht es um die Themen Gleichberechtigung und Sexismus?

Wir haben 25 Artikel zusammengestellt, die einen kritischen Blick auf Zusammenspiel und Wechselwirkung von Medien und Sport werfen.

1. Medien-Porno bei Olympia
(tagesspiegel.de, Martin Einsiedler)
Das Bild vom entstellten Unterschenkel des Turners Samir Ait Said ging um die Welt – häufiger und expliziter, als es einem lieb sein kann, findet Martin Einsiedler im “Tagesspiegel”: “Es wäre gut, wenn die Lieferanten solcher Bilder verantwortungsvoller mit ihrem Material umgehen, ohne dabei zensorisch zu sein. Den verunglückten Sprung von Said hätte man auch zeigen können, ohne die Grenzen des Erträglichen zu überschreiten. So aber wirkte der Umgang mit dem Unfall vonseiten großer Teile der Medien wie ein billiger Porno: unästhetisch und auf den maximalen Effekt getrimmt.”

2. „Eine Beleidigung der Athleten“
(fr-online.de, Sebastian Moll)
Der US-Sender NBC erntet heftige Kritik für seine Aufbereitung der Olympischen Spiele als Reality-Show. Dahinter stecke ein hartes Marktkalkül: Die Mehrheit der Olympiabetrachter in den USA sei weiblich – die Männer würden sich weiter ihre Baseball- und Footballübertragungen anschauen. Um möglichst viel Werbung und “human interest” einbauen zu können, würden die Wettkämpfe von Rio in den USA auch niemals Live gezeigt.

3. Das teuerste Nischenprogramm aller Zeiten
(faz.net, Frank Lübberding)
Der Journalist Frank Lübberding ächzt in seiner TV-Olympia-Kritik über die Rund-um-die Uhr-Berichterstattung von ARD und ZDF. Zu viel, zu pausenlos, zu hektisch. Und wer schaut eigentlich das Nachtprogramm? Lübberding schlägt einen Reset vor: “Da wäre es durchaus eine interessante Überlegung, wenn bei den nächsten Spielen ein Nischensender wie Eurosport aus Tokio berichten würde. Es wäre ein wirkungsvoller Beitrag, um die Olympischen Spiele von ihrem derzeitigen Gigantismus zu befreien, der in dieser Form der grenzenlosen Berichterstattung seinen öffentlich-rechtlichen Ausdruck findet.”

4. Olympische Medien-Spiele: Innovatives Storytelling zu #Rio2016
(medium.com, Frederic Huwendiek)
In Zeiten von Olympischen Spielen drehen die Medien besonders hochtourig und versuchen mit kreativen Innovationen zu glänzen. Frederic Huwendiek berichtet in seinem fortlaufend aktualisierten Beitrag über spannende neue Ansätze des Storytellings, von 360-Grad-Video bis Roboterjournalismus.

5. So berichtet man über Frauen bei Olympia, ohne ein Sexist zu sein
(vice.com/de)
Die unpassenden Bemerkungen des ARD-Reportes Carsten Sostmeier bei seiner Reitkommentierung, für die er sich später entschuldigt hat, dienen der “Vice” sich mit sexistischer Sportberichterstattung während der olympischen Spiele zu befassen. Das Problem beginnt schon bei der Aufmerksamkeitsverteilung der Medien: “Über Sportlerinnen wird bei Weitem nicht so viel berichtet wie über Männer. In deutschen Medien liegt der Anteil meist unter 15 Prozent. Schlimm genug, dass diese Berichterstattung dann auch noch sexistische Kommentare, unangemessene Interviewfragen und Artikel über die körperliche Erscheinung beinhaltet.”

6. Olympia 2016: Leibwächter für ARD-Journalisten
(spiegel.de)
Der ARD-Journalist Hajo Seppelt hat in den letzten zwei Jahren ein staatlich organisiertes Dopingsystem in Russland aufgedeckt und wurde immer wieder bedroht. Bei Olympia in Rio steht der Investigativreporter nach “Spiegel”-Informationen unter Personenschutz: An seiner Seite bewegen sich, vermutlich auf Veranlassung des NDR, immer zwei Leibwächter, die teils zur brasilianischen Spezialeinheit “Batalhão de Operações Policiais Especiais” gehören, einer Elitetruppe der Militärpolizei von Rio de Janeiro.

7. Wir glotzen Olympia
(zeit.de, Stefanie Sippel, Tobias Potratz, Fabian Scheler & Oliver Fritsch)
Die “Zeit” hat eine launige Typologie der Olympia-Zuschauer zusammengestellt. Man unterteilt in “Ottonormalsportgucker”, “Olympia-Junkies”, “Schlaaand-Fans”, “Fußballnerds” und “Aussteiger”.

8. Rio verteidigt die olympische Scheinwelt
(derstandard.at, Susann Kreutzmann)
In Rio de Janeiro werde alles getan, um eine heile olympische Welt vorzugaukeln, findet Susann Kreutzmann. Doch die Realität lasse sich nur zeitweilig verbergen, nicht ganz aussperren. Das würden selbst die Athleten erfahren.

9. Olympia im TV: Blech für Bommes
(spiegel.de, Dirk Brichzi)
Nach elf Tagen Olympia und elf Tagen öffentlich-rechtlicher Sportberichterstattung verleiht Dirk Brichzi seine persönlichen Medaillen für Programmplanung, Ideenreichtum, Kommentatoren, Co-Kommentatoren, Gäste und TV-Maskottchen. Er verteilt Gold und… Blech.

10. Einfach mal abschalten
(tagesspiegel.de, Anett Selle)
Einfach mal abschalten, schlägt Anett Selle im “Tagesspiegel” vor. Olympia verkomme zum Imagefilm des Internationalen Olympischen Komitees. Mit seinen TV-Rechten verdiene das IOC etwa drei Viertel der fünf Milliarden Euro, die es zwischen 2013 und 2016 nach eigenen Angaben eigenommen haben wird. Und so kommt sie zum Schluss: “Das gibt dem IOC Macht, dabei kann es die Rechte nur deshalb teuer verkaufen, weil viele Zuschauer bei Olympia einschalten. Wem also nicht passt, was das IOC aus Olympia macht, kann sich wehren: Und einfach mal abschalten.”

11. Dilemma: Olympia-Freude vs. Doping
(ndr.de, Hendrick Maaßen, Video, 4:14 Min.)
Bei den Olympischen Spielen von Rio de Janeiro geht es nicht nur um sportliche Leistungen und um die Athleten – es geht auch um Doping. “Zapp” hat sich mit dem Problem beschäftigt und unter anderem den Medienwissenschaftler Thomas Horky dazu befragt. Olympische Spiele seien laut Horky auch immer Unterhaltungsfernsehen. Und darum gelte es für die Kommentatoren und Journalisten, den Spagat zwischen Unterhaltung und angebrachter Kritik auszutarieren.

12. Andy Murray gibt einem Reporter die passende Antwort: Auch Frauen gewinnen Medaillen
(bento.de, Maria Wölfle)
Maria Wölfle berichtet für “Bento” über Fälle von Sexismus in der Sportberichterstattung, ob im Video-Interview, auf Medienseiten oder Twitter.

13. Stimmungslos
(begleitschreiben.net, Gregor Keuschnig)
Bei Gregor Keuschnig mag keine rechte Olympia-Stimmung aufkommen, was an den Fernsehmoderatoren und der medialen Inszenierung liege: “Wie man sich bei ARD und ZDF den medienkompatiblen Sportler vorstellt, konnte man am Sonntag bei einer Schaltung zum »Deutschen Haus« sehen. Elf Medaillengewinner saßen da nebeneinander und nun wollte der Reporter von jedem wissen, wie sie gefeiert haben, was es zu trinken gab, wie die Nachtruhe war, usw. Die Szenerie war an Peinlichkeit kaum zu überbieten; die Sportler, noch gezeichnet von den Feiern, als Pönitenten. Und dann wundert man sich, wenn keine Olympia-Stimmung vor dem Fernseher aufkommt.”

14. Das sind die 6 großartigsten Grafiken zu #Rio2016
(medium.com, Frederic Huwendiek)
Mit Datenvisualisierung lassen sich tolle Dinge umsetzen. Frederic Huwendiek hat die nationalen und internationalen Medien durchgescannt und stellt einige gelungene Grafiken zum Thema Olympische Spiele vor.

15. Olympia: So glanzlos senden ARD und ZDF
(maz-online.de, Imre Grimm)
“Schnarchige Betulichkeit wie zu Zeiten von Schwarz-Weiß-Fernsehen und Randsport-Reporter, die sich durch machohafte Ausfälle disqualifizieren. Plus: Probleme mit der Glaubwürdigkeit.” So empfindet Medienredakteur Imre Grimm die Sport-Berichterstattung von ARD und ZDF zu Olympia.

16. Reden bringt Silber, Plappern bringt Gold
(zeit.de, Mely Kiyak)
“Zeit”-Kolumnistin Mely Kiyak über die Berichterstattung in Zeiten der Olympischen Spiele: “Schweigende Athleten passen nicht ins Olympia-Fernsehen. Große Brüste und Hirnaussetzer hingegen schon.”

17. Sportjournalismus: Dopingberichterstattung im Abseits
(fachjournalist.de, Michael Schaffrath)
Die Sportfakultät der TU München hat eine Onlinebefragung durchgeführt, an der sich 850 Sportjournalisten beteiligt haben. Die Daten flossen in die Studie „Wissen und Einstellung von Sportjournalisten in Deutschland zum Thema Doping“ ein. Das Fazit in Sachen Dopingberichterstattung: “Die Befragung zeigt, dass eine gegenüber dem Einzelsportler kritische und trotzdem Strukturen reflektierende Dopingberichterstattung nicht am Wollen der Sportjournalisten scheitert, sondern – neben defizitären Ressourcen – auch am Nicht-Können der Medienmitarbeiter liegt.”

18. Der Hashtag #CoverTheAthlete prangert sexistische Berichterstattung über Athletinnen an.
(jetzt.de, Christina Waechter)
Die Kampagne “Cover The Athlete” will ein Bewusstsein für Sexismus in der Sportberichterstattung schaffen und Journalisten für das Thema sensibilisieren. Schließlich werden weibliche Athleten, wie Christina Waechter berichtet, überdurchschnittlich oft von Reportern zu Dingen befragt, die mit ihrer sportlichen Leistung nichts zu tun haben: zu ihrem Privatleben oder ihrer Erscheinung. Waechter berichtet über die Kampagne, erzählt von einer Studie, die belegt, wie unterschiedlich über Sportler und Sportlerinnen berichtet wird und stellt einige Beispielfälle vor.

19. Heuchelei 24/7?
(tagesspiegel.de, Joachim Huber)
Am letzten Tag der Olympischen Spiele in Rio will das IOC einen eigenen globalen Fernsehkanal starten. 443 Millionen Euro hat man dafür bereitgestellt. Joachim Huber fragt im “Tagesspiegel”, was das Ganze soll: “Was wird da laufen, was soll erreicht werden? Propaganda Tag und Nacht, die Weißwaschung des Sports, der längst in der Grauzone agiert? Oder der Spagat, wie ihn ARD und ZDF Tag für Tag zelebrieren – Jubel und Jammer?”

20. Wie berichtet man über Sport, wenn man ihm misstraut?
(sueddeutsche.de, Josef Kelnberger)
Die Berichterstattung von ARD und ZDF aus Rio schwankt zwischen Begeisterung und Skepsis, stellt Josef Kelnberger fest. Die Öffentlich-Rechtlichen würden die moralische Empörung der Deutschen ernstnehmen und trotzdem alles tun, um Quote zu machen. Die moralische Empörung über die Auswüchse Olympias sei nirgendwo so stark wie in Deutschland: “eine Gegenreaktion auf die Überhöhung Olympias als Hort des Schönen und Guten”.

21. Nie ist Fernsehen so deutsch wie bei Olympia
(tagesspiegel.de, Katrin Schulze)
Katrin Schulze stört sich in ihrer Kolumne daran, dass sich ARD und ZDF bei Olympia auf Wettbewerbe mit deutscher Teilnahme konzentrieren würden: “Klar, eine Olympia-Übertragung kann keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben. Doch indem sich ARD und ZDF nur auf Deutschland fokussieren, machen sie sich und die Sportwelt unnötig klein.”

22. Diese drei Instagram-Kampagnen verdienen Gold
(horizont.net, Philipp John)
Philipp John kennt sich als Chef einer “Influencer-Marketing-Plattform” (es geht um Product Placement bei Youtubern) bestens mit Werbung aus und hat ein besonders Auge auf Social-Media-Kampagnen. In seinem Beitrag bei “Horizont” stellt er drei Kampagnen auf Instagram vor, die aus seiner Sicht Gold verdient hätten.

23. Markenschutz unter den Olympischen Ringen: Übertreibt das IOC?
(netzpiloten.de, Dev Gangjee)
Dr. Dev S. Gangjee ist Professor an der Rechtsfakultät der Universität Oxford und beschäftigt sich dort unter anderem mit Fragen des geistigen Eigentums und Markenrecht. In seinem Artikel hinterfragt er die olympischen Markenschutzrichtlinien: “Das IOC ist berechtigt, seine Marke gegen schädliche Nutzung zu schützen – solche, die Verwirrung erzeugt oder ungewünschte Assoziationen hervorruft. Trotzdem wird Olympia durch ein weltweites öffentliches Wohlwollen erhalten bleiben. Die Symbolik der Spiele existiert im Geist der Öffentlichkeit. Wenn das IOC all dieses Wohlwollen beansprucht, während es auch als Zensor wirkt, geht es zu weit.”

24. Zu wenige Frauen an den Mikros
(tagesspiegel.de, Gaby Papenburg)
Sport-Kommentatorinnen haben es nicht leicht im deutschen Fernsehen. Die olympischen Spiele in Rio belegen diese traurige Tatsache wie Gaby Papenburg mit Zahlen belegt. Unter den 169 für ARD und ZDF tätigen Journalisten seien nur wenige Frauen (33, um genau zu sein). Höre man genauer hin, dann würden das Sportgeschehen nur drei Frauen kommentieren.

25. ITV schaltet für eine Stunde alle Sender ab
(dwdl.de, Thomas Lückerath)
Am Morgen des 27. Augusts – also am Samstag in einer Woche – schaltet der britische TV-Konzern ITV alle sieben Fernsehsender für eine Stunde ab. Dahinter stecke in gewisser Art und Weise ein olympischer Gedanke, wie Thomas Lückerath auf “dwdl.de” schreibt.

“Bild” urlaubt mit Rainer Wendt in sicheren Herkunftsländern

Heute ist das neue Buch von Rainer Wendt erschienen. Es heißt “Deutschland schafft sich ab” “Deutschland in Gefahr”. Und es wird von “Bild” und Bild.de ordentlich beworben:


Hauptberuflich ist Rainer Wendt Talkshowgast. Das lässt sich nämlich besonders gut mit seiner Nebentätigkeit als Bundesvorsitzender der “Deutschen Polizeigewerkschaft” (eine von mehreren Polizeigewerkschaften in Deutschland) verbinden. In dieser Rolle fordert er immer wieder strikte Law-and-Order-Maßnahmen: Wenn Wendt so vor sich hindampfplaudert, bringt er schon mal “einen Zaun entlang der deutschen Grenze” ins Spiel oder “strenge Leibesvisitationen” beim Einlass ins Fußballstadion.

Jetzt also ein ganzes Buch mit lauter Wendt’schen Vorschlägen. Und damit das auch so richtig durch die Decke geht, veröffentlichen die “Bild”-Medien Auszüge daraus — riesige Ankündigung auf der heutigen Titelseite inklusive.

Gemessen an der Abrechnungsankündigung ist der Text relativ zurückhaltend. Neben ziemlich inhaltsleeren (“Ist schon irgendwie recht spät, aber immerhin.”) und etwas verqueren Sätzen (“Beschäftigte des Rechtsstaates, die in ausreichender Zahl vorhanden, respektiert und abgesichert und vernünftig bezahlt und versorgt werden müssen.”) sticht ein Gedanke von Rainer Wendt besonders raus:

Selbstverständlich sind Tunesien, Marokko und Algerien sichere Herkunftsländer — es sind deutsche Urlaubsländer!

Was auch immer “deutsche Urlaubsländer” sein mögen — daran sollte sich die Politik laut Rainer Wendt, immerhin Vertreter von 94.000 Polizisten in Deutschland, also orientieren: “Waren da schon mal Deutsche im Urlaub? Na dann, sicheres Herkunftsland!” Für den Südsudan oder Somalia werden sich doch bestimmt auch noch ein paar abenteuerlustige deutsche Rucksacktouristen aus den vergangenen Jahren finden lassen.

Aber selbst wenn man bei den Ländern bleibt, die Wendt in seinem Text nennt: Was haben Urlaubsstatistiken und gut besuchte Edel-Wellness-Spa-Ressorts mit Menschenrechten oder der Sicherheitslage der Einheimischen zu tun?

Und dazu sind vor allem Algerien und Tunesien in Teilen aktuell alles andere als empfehlenswerte Urlaubsziele. Zu Algerien hat das “Auswärtige Amt” beispielsweise eine Teilreisewarnung herausgegeben:

Aufgrund der angespannten Sicherheitslage in der gesamten Region und anhaltender Drohungen von terroristischen Gruppen wird bei Reisen nach Algerien zu erhöhter Vorsicht geraten.

Es besteht weiterhin die Gefahr von Entführungen und Attentaten durch terroristische Gruppierungen, die sich auch gegen westliche Ausländer richten können.

Und zu Tunesien schreibt es:

Die tunesische Regierung unternimmt weiterhin umfangreiche Anstrengungen, um Touristen vor dem Risiko terroristischer Anschläge zu schützen. Das Auswärtige Amt rät jedoch angesichts der weiter bestehenden terroristischen Gefährdung zu erhöhter Aufmerksamkeit, insbesondere in der Nähe touristischer Anziehungspunkte und religiöser Kultstätten sowie an symbolträchtigen Daten

Wo wäre Rainer Wendt mit seinen Parolen besser aufgehoben als bei “Bild” und Bild.de? Die Werbekampagne ist übrigens als Serie angelegt — morgen geht’s in den “Bild”-Medien weiter mit Teil 2.

Mit gefälschten Tweets zum Schweinsteiger-Wechsel

Per Eilmeldung ging die Nachricht heute an viele Smartphones in Deutschland: Bastian Schweinsteiger, bei der Europameisterschaft in Frankreich noch Kapitän der Deutschen Nationalmannschaft, beendet seine Karriere in der DFB-Elf. Fast zeitgleich kamen Gerüchte auf, dass bei seinem aktuellen Verein Manchester United bald ebenfalls Schluss sei, weil der neue Trainer José Mourinho nicht weiter mit Schweinsteiger plane.

Genau das richtige Material für Bild.de-Spekulationen:

Die Sportredaktion hat auch schon ein paar Ideen:

Englische Medien berichten, dass Fenerbahce Istanbul Interesse haben soll.

Oder geht Schweini in die Stadt der Liebe? Vor Wochen, also noch vor dem angeblichen United-Rauswurf, gab es bereits Gerüchte um Paris Saint-Germain.

Klassisch ein Wechsel in die USA. In der MLS könnte Schweini trotz schwindender Geschwindigkeit noch sportlich dominieren.

Oder vielleicht nach Botswana? Oder in die oberste kirgisische Liga? Wenn man nur lange genug rät, wird schon ein Treffer dabei sein.

Besonders angetan sind die Leute von Bild.de aber von dem Gedanken an einen möglichen Schweinsteiger-Wechsel zu einem Bundesliga-Verein:

Seit Wochen hält sich das Comeback-Gerücht um Schweini vor allem im Ruhrpott: Ist Schalke am Helden von Rio dran?

Tatsächlich soll es diese Schalke-Gerüchte geben. Nun ist ein Wechsel von Bastian Schweinsteiger nach Gelsenkirchen erstmal recht unwahrscheinlich, Bild.de hat aber zwei Hinweise gefunden, die das Ganze untermauern sollen:

Schon Anfang Juni tauchte ein Tweet auf, in dem die Verpflichtung als fix gemeldet wurde. Angeblicher Absender: der offizielle Schalke-Account. Aktuell wird Schweini schon im Schalke-Kader geführt.

Das Portal stützt sich bei dieser Aussage auf zwei Tweets des Twitter-Nutzers @Pilzeintopf, der zu seinem Lieblingsklub FC Schalke 04 und Fußball im Allgemeinen auch bloggt. Anfang Juni twitterte er ein Foto eines vermeintlich offiziellen Schalke-Tweets:

Und heute dann:

Mit ordentlich funktionierenden Augen und zweieinhalb Sekunden Hinschauen kann man sehen, dass mit der Kaderliste was nicht stimmt. Da wäre zum Beispiel die völlig andere Schriftgröße und Schriftfarbe bei Bastian Schweinsteiger. Oder der merkwürdige weiße Balken hinter Schweinsteigers Namen und seinem Geburtsdatum. Oder dass Schalke 04 Mittelfeldspieler Schweinsteiger in der Abwehr eingeordnet haben soll.

Um herauszufinden, dass es sich um eine billige Fälschung handelt, hätte man auch auf die Schalke-Website gehen, dort die richtige Kaderliste aufrufen und herausfinden können, dass die Nummer 28 bereits an den Nachwuchsspieler Joshua Bitter vergeben ist:

All das war Bild.de aber offensichtlich zu umständlich.

Bei dem Foto des angeblich offiziellen Schalke-Tweets aus dem Juni ist die Sache schon etwas kniffliger, die Fälschung deutlich besser. @Pilzeintopf bestätigte uns allerdings auf Nachfrage, dass es sich ebenfalls um einen Fake handelt und der FC Schalke 04 nie über seinen offiziellen Twitter-Account einen Wechsel von Bastian Schweinsteiger vermeldet hat.

Die mit Fake-Tweets gefüllte “Schweini”-Gerüchteküche von Bild.de ist übrigens ein “Bild-plus”-Artikel. Da zahlt man doch gerne.

Mit Dank an @Pilzeintopf und @TypischerTyp für die Hinweise!

Intransparenz, Rutschunfall, Wortallergien

1. „Honorare offenlegen!“
(tagesspiegel.de, Joachim Huber)
Joachim Huber vom “Tagesspiegel” hat sich mit dem Justiziar des Südwestrundfunks unterhalten, der in der ARD federführend für das Rundfunkgebührenrecht zuständig ist. Es geht um den geheimnisvollen ARD-Vertrag mit Ex-Fußballprofi Mehmet Scholl. Huber erkundigt sich danach, wann die ARD die vielbeschworene Transparenz walten lasse und die Honorare ihrer Experten, Moderatoren und anderer Vertragspartner offenlege: “Ist das nicht ulkig? Ich weiß, was jeder Intendant einer ARD-Anstalt verdient, aber das Honorar für Mehmet Scholl oder Anne Will bleibt ein Sendergeheimnis.”

2. Männer machen Medien
(medienwoche.ch)
“Medienpranger.ch” versteht sich als Blog gegen sexistische Berichterstattung in Schweizer Medien. Die Autorinnen des Watchblogs haben für die “Medienwoche” einen Gastbeitrag verfasst, in dem sie ihre Motive erklären und auf typische Muster frauenfeindlicher Berichterstattung und Rollenklischees hinweisen, die sie als die Wurzel des Problems betrachten.

3. Wo war BILD?
(djv.de, Hendrik Zörner)
Auf der Ausstellungseröffnung “PresseFoto Hessen-Thüringen 2015” gab es bereits bei der Eröffnung kritische Worte über die sich verschlechternden Arbeitsbedingungen von Bildjournalisten. Hendrik Zörner macht für die Abwertung des Fotografenberufs auch die “BILD” und die von ihr erfundenen “Leser-Reporter” verantwortlich. “Und die Bildjournalisten, die für BILD arbeiten? Ihre Honorare liegen bei rund 50 Euro pro Foto – eine Unverschämtheit gegenüber den fürstlichen Gagen, die die Leser-Reporter bekommen. Wie lange wollen sich die Kollegen Springers Honorarpolitik noch gefallen lassen?”

4. 10 Texte zur Journalistenausbildung – Jetzt geht es ans Auswerten
(journalist.de)
Die Branchenseite “journalist.de” und das Onlinemagazin “vocer.org” haben im Mai gemeinsam eine Serie zur Ausbildung von Journalisten gestartet. Mittlerweile sind zehn Teile zusammengekommen, in denen vor allem junge Journalisten erzählen, welche Inhalte für eine zeitgemäße Ausbildung wichtig sind. In einer Übersicht werden die Beiträge vorgestellt und verlinkt.

5. Rutschunfall bei „Netzwerk Recherche“-Recherche
(uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
Wenn Paul-Josef Raue, langjähriger Zeitungschef, Mitverfasser des Werks „Das neue Handbuch des Journalismus“ und Autor von Artikeln wie Recherchiere immer, von der Jahrestagung des „Netzwerkes Recherche“ berichtet, bei der er selbst auf dem Podium saß, freut man sich besonders auf eine spätere Einordnung. Raue hat dies auf “kress.de” getan und dabei eine ganze Reihe von Personen genannt und zitiert, die gar nicht auf der Veranstaltung waren.

6. Noch und nöcher
(rnd-news.de, Ulrike Simon)
RND-Kolumnistin Ulrike Simon leidet unter Wort-Allergien. “Content” ist eines dieser Allergene. Zum anaphylaktischen Schock kommt es bei Simon jedoch, wenn Interviewpartner nachträglich das Wörtchen “noch” einfügen.

Tomatendiebe in ganz Deutschland

Um den Plan vielleicht erst mal in zwei Sätzen zu erklären: In Deutschland passieren jeden Tag wichtige Dinge. Um die soll es in dieser Kolumne nicht gehen.

Ich würde hier gern über das sprechen, was abseits der Relevanz so los ist, weil das natürlich ebenfalls zum Gesamtbild gehört, und irgendwer muss sich ja auch darum kümmern.

Ralf Heimann hat vor ein paar Jahren aus Versehen einen Zeitungsbericht über einen umgefallenen Blumenkübel berühmt gemacht. Seitdem lassen ihn abseitige Meldungen nicht mehr los. Er hat mehrere Bücher veröffentlicht, zuletzt zusammen mit Jörg Homering-Elsner “Lepra-Gruppe hat sich aufgelöst — Perlen des Lokaljournalismus”. Im August erscheint von Daniel Wichmann und ihm “Hier ist alles Banane — Erich Honeckers geheime Tagebücher 1994 – 2015”. Er arbeitet unter anderem für das “SZ Magazin”. In seiner Freizeit schreibt er am liebsten Autorentexte in der dritten Person.
(Foto: Jean-Marie Tronquet)

In Geislingen-Erlaheim ist zum Beispiel vor zwei Wochen eine Tomatenpflanze gestohlen worden. Der “Zollern-Alb-Kurier” berichtete. Die Zeitung sprach sogar mit dem Bürgermeister darüber. Der verurteilte die Tat, denn Tomatenpflanzen-Diebstahl ist natürlich kein Kavaliersdelikt. Inzwischen sind drei Wochen Wochen vergangen. Ich habe in der Redaktion nachgefragt: Aufgeklärt ist der Fall noch immer nicht, aber es wird spekuliert. Der Bürgermeister schrieb in der Facebook-Gruppe “Geislinger”, um einen Fußballfan könne es sich nicht handeln. Das stehe wohl fest. Die hätten ja zur Tatzeit alle das Spiel Deutschland gegen Polen gesehen. Bliebe natürlich die Frage, ob es auch Fußballfans mit Interesse an Tomaten gibt, die ihr Land nicht bei der EM sehen konnten. Aber wer sollte das sein?

Tomaten-Diebstahl ist jedenfalls offenbar ein so abwegiges Verbrechen, dass selbst Google die Anfrage kaum glauben kann (“Meinten Sie Automaten-Diebstahl?”). Aber dann findet man doch so einiges.

24. Juni 2016. Tatort Siershahn im Westerwald. Wenn man seine Ansprüche etwas herunterschraubt, klingt der Fall fast wie ein Thriller. Eine 35-jährige Frau buddelt im Schulgarten an der Schillerstraße Tomatenpflanzen aus, gräbt sie vor dem eigenen Haus wieder ein, wird dabei von einem Unbekannten beobachtet. Anonymer Hinweis. Zugriff. So schnell kann das gehen.

In Braunschweig verteilen Schüler ungefähr zur gleichen Zeit 60 Pflanzen in der Innenstadt. Kürbisse, Erdbeeren und eben auch Tomaten. Eine Woche später fehlt von den Pflanzen jede Spur.

Man kann weit zurückgehen, bis ins Jahr 2014, und man wundert sich, wozu Menschen bereit sind, wenn es darum geht, dieses rote Gewächshaus-Gold in ihren Besitz zu bringen.

27. April 2014. Im südhessischen Trebur schneiden “Schurken” ein Loch in die Folie eines Gewächshauses, um 46 Tomatenpflanzen aus der Erde zu ziehen und mitzunehmen. Eine Tomatenpflanze kostet im Internet 3,95 Euro. Die zerstörte Gewächshausfolie hatte einen Wert von 1000 Euro. Was man daraus schließen kann: Tomatenpflanzen-Diebe sind offenbar miserable Geschäftsleute. Hätten sie einfach die Folie mitgenommen und zu einem annehmbaren Preis verscherbelt, könnten sich nun vom Erlös über 200 Pflanzen bestellen. Aber das wäre vermutlich zu einfach.

Es ist ein schmutziges Geschäft. Am 23. April 2015 lässt eine 74-jährige Frau in einem Supermarkt an der Maximilianstraße in Speyer neun Kilogramm Tomaten im Wert von 15,21 Euro in einer von ihr mitgeführten Einkaufstasche verschwinden. Die Frau wird zu lebenslanger Haft verurteilt.

Und es gibt ganz aktuelle Fälle.

6. Juli 2016. Neudietendorf. In einem Lebensmitteladen an der Ingerslebener Straße stellt ein Mann eine Tomatenpflanze in einen Wäschekorb. Den Korb legt er in sein Auto und fährt einfach los. Und man muss sich unweigerlich vorstellen, wie er mit der Tomatenpflanze im Wäschekorb im Auto auf einen Autozug fährt, der Autozug in einer Fähre verschwindet, die kurz darauf vom Rumpf eines noch größeren Schiffes verschluckt wird, in dem der Mann schließlich festgenommen, vor Gericht gestellt und zu zehnjähriger Plantagenarbeit in einem holländischen Tomaten-Gulag verdonnert wird.

Je mehr Meldungen man liest, desto sicherer wird man sich: Neben schlimmen Krankenheiten, Armut und Terrorismus gibt es in Deutschland im Grunde nur ein nennenswertes Problem: Tomatenpflanzen-Diebstahl.

Wobei, ein anderes wäre da auch noch. Hier oben, über der Meldung mit der Tomatenpflanze im Wäschekorb:

Am 4. Juli will ein Mann aus Gotha sich in seiner Küche etwas Essen aufwärmen. Er holt eine Pfanne aus dem Schrank, stellt sie auf den eingeschalteten Elektroherd, wartet — und schläft ein. Die Feuerwehr weckt ihn, als die Pfanne gut durch ist.

Überall in Deutschland schlafen am hellichten Tag Menschen ein — auch, wenn die portugiesische Fußballnationalmannschaft gerade nicht spielt.

In Münster muss Ende Juni der Auftakt eines Strafprozesses wiederholt werden, weil ein Schöffe sich während der Verhandlung nicht wachhalten kann. Dabei ist der Fall eigentlich ganz spannend: Vor Gericht stehen zwei Männer, die mit einer Soft-Air-Pistole einen Supermarkt überfallen haben sollen.

Aber so aufregend Einbrechen auch sein mag, irgendwann wird alles zur Routine, und dann ist es wichtig, dass man ausgeschlafen zur Arbeit kommt. Sonst kann das böse enden. In Lilienthal hat die Polizei in der Nacht zu vorletztem Sonntag in einem Supermarkt einen Mann aufgelesen, der keine Payback-Karte hatte und offenbar auch kein Geld dabei. Der Mann lag irgendwo auf dem Gang und schlief. Mit letzter Kraft war es ihm noch gelungen, die Tür aufzubrechen und sich ins Trockene zu schleppen. Dann machte er Feierabend. Was er in dem Laden suchte, ist nicht bekannt. Möglicherweise Tomatenpflanzen. Aber das wird die Polizei in den nächsten Tagen … Hallo? Sind Sie noch wach?

Bild.de befördert Edward Snowden zum Russen-Spion

Neben unverpixelten Opferfotos hat Bild.de-Chef Julian Reichelt eine zweite große Leidenschaft: Mit Hingabe kämpft er für die Theorie, dass Edward Snowden auf seiner Flucht vor der NSA nie ein anderes Ziel als Russland hatte und dass er nun ein russischer Spion ist.

Am vergangenen Samstag war es dann soweit:

Das klingt doch mal so, als hätte Bild.de den ultimativen Beweis gefunden. Autor des Artikels ist John R. Schindler*, Reichelts Mann für groben Unfug fürs Grobe. Schindler* ist laut Bild.de “Sicherheitsberater und früherer Geheimdienst-Analyst und Offizier für Gegenspionage”, vor einiger Zeit präsentierte ihn das Portal auch als “ehemaligen Beamten der NSA-Spionageabwehr”. Bei Bild.de trifft man ihn nur mit Sternchen am Namen und Erklärtext zu seinen Positionen an.

Schindler* darf sich auf Reichelts Portal immer wieder austoben, mal mit einer Psychoanalyse “des Orlando-Killers”, mal mit Vermutungen zu russischen Hooligans bei der Fußball-EM. Und immer wieder mit Beiträgen über Edward Snowden. Die Taktik hinter Schindler*s Anti-Snowden-Texten scheint zu sein: Den Whistleblower als Verbrecher und Überläufer zu diskreditieren, um dadurch auch seine Enthüllungen über die US-Geheimdienste zu diskreditieren.

Da passte ein vierminütiges Radiostück aus den USA perfekt in seine Agenda. Die Journalistin Mary Louise Kelly hat darin unter anderem mit Franz Klintsevich gesprochen, den sie als “equivalent of a senator here in Russia and deputy chairman of the powerful defense and security committee” einführt. Ein “bemerkenswertes Interview”, wie Schindler* schreibt:

In einem bemerkenswerten Interview von dieser Woche erklärte Franz Klintsevich — ein hochrangiger russischer Sicherheitsbeamter — ganz nüchtern: “Seien wir ehrlich. Snowden hat Geheiminformationen weitergegeben. Dafür sind Sicherheitsdienste ja da. Wenn es eine Möglichkeit gibt, an Informationen zu gelangen, dann werden sie es auch tun.”

Das ist der endgültige Beweis (“Jetzt gibt es endlich Fakten!”) für John R. Schindler* und Reichelts Bild.de: die Aussage Das wurde schon immer so gemacht. Das wird auch beim Snowden so gemacht worden sein. Schindler* erklärt einen Mann, den er in die Nähe des russischen Militärnachrichtendienstes rückt und der nach seiner und Julian Reichelts Logik damit so gar nicht als Zeuge taugt, zum Kronzeugen seiner Der-Snowden-ist-doch-ein-oller-Russen-Spion-Theorie.

Klintsevich war es, der 2012 Geld sammeln und davon Adolf Hitlers Geburtshaus kaufen wollte, um es dann direkt abreißen zu lassen. Und Klintsevich war es auch, der vor Kurzem forderte, Russland solle den kommenden Eurovision Song Contest boykottieren, weil in diesem Jahr die Ukraine “nur aus politischen Gründen gewonnen” habe.

Und so hat “Spiegel”-Korrespondent Benjamin Bidder auch eine ziemlich klare Meinung zu Franz Klintsevich:

Ob nun Wirrkopf oder nicht — was Franz Klintsevich offenbar nicht “gesteht”, jedenfalls wird er von Mary Louise Kelly nirgendwo so zitiert: Dass Edward Snowden “ein Russen-Agent” ist. Und auch der Kreml gibt nichts zu. Doch was interessiert das Bild.de bei der Jagd nach Klicks?

Und auch im Text heißt es eindeutig:

Nun hat der Kreml die Frage ein für allemal geklärt, indem er verlautbaren ließ, Edward Snowden arbeite in der Tat für ihn.

Ob Edward Snowden ein russischer Spion ist? Keine Ahnung.

Ob Edward Snowden irgendeinem der russischen Geheimdienste irgendetwas verraten hat? Keine Ahnung.

Ob John R. Schindler* und Bild.de hier unsauber arbeiten und Zitate zu Fakten verbiegen? Ganz sicher.

Mit Dank an Michael G., Martin und @mausraster!

Querfront, Queerfront, Querschuss

1. Zur Kritik am Artikel über eine Rechtsextremismus-Studie
(spiegel.de, Benjamin Schulz)
Die Universität Leipzig hat vor kurzem die Studie “Die enthemmte Mitte, Autoritäre und rechtsextreme Einstellung in Deutschland” veröffentlicht. Die Ergebnisse stießen auf große Aufmerksamkeit. Der Branchendienst “kress” kritisierte die Berichterstattung der Medien und erwähnte explizit den Artikel von Spiegel Online: “Den Vogel schoss Spiegel Online ab – die Berichterstattung dort war so reißerisch und so selektiv, dass der Text nur noch sehr bedingt etwas mit Information des Lesers zu tun hatte, dafür umso mehr mit Klick-Zahlen und Kampagnenjournalismus.” Der Autor des kritisierten Spiegel-Beitrags bezieht nun Stellung.

2. Was die „Zeit“ über Homophobie lernen könnte, wenn sie es denn wollte
(nollendorfblog.de, Johannes Kram)
In der “Zeit” vom 16. Juni 2016 konnte man auf der Titelseite einen Satz lesen, der für Irritationen sorgte („Homophobie ist nicht zuletzt eine Reaktion auf die enormen Emanzipationsgewinne der Schwulen und Lesben.“). Johannes Kram erläuterte in seinem Beitrag „Die schrecklich-nette Homophobie der “Zeit”” , warum er den Satz für “hammerhomophob” hält. Mittlerweile hat sich der Autor der beanstandeten Passage in den Kommentaren zu Wort gemeldet. Und macht die Sache nur schlimmer, wie Johannes Kram findet.

3. Wo die Zukunft der Unterhaltung produziert wird
(sueddeutsche.de, Michael Moorstedt)
Die deutsche Youtube-Niederlassung in Berlin hat erstmalig 16 ausgewählte Nutzer zum einwöchigen Lehrgang eingeladen. Auf dem Lehrplan standen Dinge wie Audience Development, Selbstpromotion, Kameraführung und Beleuchtung. Michael Moorstedt von der “SZ” nimmt den Leser mit ins hippe Bootcamp der “Creator”, wie Youtube seine Videolieferanten nennt. Eine muntere Mischung der verschiedensten Genres hatte man dort zusammengeführt: Von Indie-Poesie bis zu Kiffer- und Pimmel-Witzen war alles dabei.

4. Heftige Kritik an “kress”-Bericht über “Millionen-Honorare”
(dwdl.de, Uwe Mantel)
Der Branchendienst “kress pro” hat in einem Beitrag (Überschrift: “Mein teurer Scholli”) die Honorare kritisiert, die Fußballexperten wie Mehmet Scholl und Oliver Kahn bei ARD und ZDF angeblich kassieren würden. Von bis zu 50.000 Euro am Tag war die Rede. Die ARD hat mit heftigen Worten dementiert (“gleicht beinahe schon vorsätzlicher Bösartigkeit”). Als Betroffener hat sich Ex-National-Torhüter Oliver Kahn auf Facebook zu den Zahlen geäußert: “Hierbei handelt es sich um eine eklatante Falschmeldung, die jeglicher Grundlage entbehrt. Kress.de verbreitet eine Fehlinformation, die bewusst Neid und Missgunst in der Öffentlichkeit in Kauf nimmt und den Zuschauern die Freude an der Berichterstattung vermiesen soll. Auch die Redakteure der anderen Online-Dienste, die diese Fehlinformation ungeprüft weiterverbreiten, möchte ich an ihre publizistische Verantwortung erinnern.”

5. Neue Dimensionen des Hasses
(amadeu-antonio-stiftung.de)
Die Amadeu Antonio Stiftung hat den “Monitoringbericht zu rechtsextremen und menschenverachtenden Phänomenen im Social Web für 2015/2016” veröffentlicht. Die Hetze in den Sozialen Medien spitze sich weiter zu. Die Dimensionen des Hasses würden von rassistischer Hetze, die Meldungen über Attacken auf geflüchtete Menschen und Brandanschläge auf Asylunterkünfte bejubeln, bis hin zur Hetze gegen ehrenamtliche Flüchtlingshelfer, Journalisten, Verwaltung und Politik reichen. Die Vorsitzende der Stiftung Anetta Kahane: “Im Social Web beobachten wir zudem die Bildung einer gefährlichen Querfront aus unterschiedlichsten politischen Spektren, die aber zunehmend einen gemeinsamen Nenner finden und das ist der »Hass gegen das System.” Link zum Bericht in voller Länge.

6. Nackt im Kartenhaus: Der Enthüllungsjournalismus der Zoe Barnes – House of Cards
(journalistenfilme.de, Patrick Torma)
Patrick Torma hat sich die hochgelobte Netflix-Serie “House of Cards” näher angesehen. Obwohl man an anderer Stelle viel Gutes über die Serie sagen könne, zeige sich “HoC” in der Darstellung von Journalistinnen reichlich reaktionär.

Selbstversuch, Selbsterklärend, Selbstverliebt

1. Verhaftung von ROG-Korrespondent
(reporter-ohne-grenzen.de)
Die Türkei hat den langjährigen Korrespondenten von “Reporter ohne Grenzen” Erol Önderoglu verhaftet. Gestern verurteilte ein Gericht in Istanbul den Journalisten und Menschenrechtsaktivisten wegen angeblicher Terrorpropaganda. Önderoglus Vergehen: Er hatte, zusammen mit anderen nun ebenfalls angeklagten Journalisten, eine pro-kurdische Zeitung unterstützt. “Reporter ohne Grenzen” fordert die sofortige Freilassung ihres Korrespondenten und aller anderen in der Türkei inhaftierten Journalisten.

2. Hier ist Facebook mit der Tagesschau…
(universal-code.de, Christian Jakubetz)
Medienkenner Christian Jakubetz hat sich den “Digital News Report” von Reuters angeschaut. Während sich Fernsehen und Netz als News-Quellen über die letzten drei Jahre stabil gehalten hätten, würden die Nutzungswerte für Print steil in den Keller rauschen. Die guten TV-Werte seien jedoch trügerisch, da hier altersbedingt mit Verlusten zu rechnen sei. Und auch im Netz selbst vollziehe sich ein Medienwandel: Zu Lasten der normalen Webangebote und zu Gunsten der sozialen Netzwerke. (Weitere Zahlen aus der Reuters-Studie siehe auch Michael Kroker im Blog der Wirtschaftswoche)

3. Eine Woche News per Snapchat: Ein journalistisches Experiment
(netzpiloten.de, Bill Adair)
Der amerikanische Journalismus-Prof Bill Adair hat einen Selbstversuch gestartet: Obwohl bereits mittleren Alters und damit außerhalb der demografischen Zielgruppe, hat er eine Woche nur auf Snapchat verbracht. Weg von “New York Times”, “Washington Post” und “Politico Playbook” und hin zu den “leichteren Snacks”, wie er die Snapchat-Angebote von “CNN”, “Wall Street Journal”, “ESPN” und Co. nennt. Er lobt die Werbeclips (“erstaunlich cool”), moniert die zu seltene Aktualisierung der Inhalte und wünscht sich keine weitere Niveauabsenkung.

4. Mehr Mut zum Alter im Fernsehen
(handelsblatt.com, Hans-Peter Siebenhaar)
Das Wiedersehen mit der 73 Jahren alten Dagmar Berghoff in den ARD-„Tagesthemen“ werfe Fragen auf: Warum werden Nachrichtensprecherinnen früher ausrangiert als ihre männlichen Kollegen? Hans-Peter Siebenhaar plädiert in seiner Medienkommissar-Kolumne für weniger Altersdiskriminierung und mehr Fairness.

5. Black Box: Wie man ein Erklärformat entwickelt
(vocer.org, Gerret von Nordheim )
Diplom-Journalist Gerret von Nordheim hat mit “Blackbox.wiki” eine Plattform geschaffen, auf der aktuelle wirtschaftspolitische Themen kontextualisiert werden sollen. Im Gespräch mit “Vocer” erklärt er, was hinter der Idee steckt und warum seine Entwicklung herkömmlichen Erklärvideos überlegen sei.

6. Photo: The most millennial post-game victory celebration ever
(qz.com, Selina Cheng)
Ein Instagram-Foto aus der Umkleide der argentinischen Fußballer (nach ihrem Sieg gegen Venezuela, der den Weg fürs Halbfinale des Copa America freimachte). “When you know you can swoop up 134,000 likes on Instagram and 354,000 on Facebook with your post-victory shot, what else could possibly be more important than getting back to your locker and smartphone?”

Experimentierfeld, Textfeld, Fussballfeld

1. Was ein Reporter erlebt, der das Gespräch mit den „Lügenpresse“-Kritikern sucht
(Christian Fuchs, blog.zeit.de)
Im Blog der “Zeit” schreibt Christian Fuchs von den vergeblichen Bemühungen, mit den Machern des Magazins “Compact” ins Gespräch zu kommen. Dahinter stand der Wunsch, ein Porträt über den überraschenden und seltenen Auflagenerfolg des neuen politischen Magazins anzufertigen. Doch die Sache gestaltet sich schwieriger als erwartet. Zwar habe man mit über 60 Personen aus dem Umfeld der Zeitschrift, mit Weggefährten des Chefredakteurs und mit Experten im In- und Ausland gesprochen, die Magazinmacher hätten sich jedoch bis zum Schluss beharrlich verweigert.

2. Zeitung wird zum Buchstabenkino
(faz.net, Adrian Lobe)
Spleen oder kluges Investment? Immer mehr Milliardäre legen sich renommierte Zeitungen zu. Nun hat der Biotech-Unternehmer Patrick Soon-Shiong die bekannten, amerikanischen Blätter „Los Angeles Times“ und „Chicago Tribune“ gekauft. Soon-Shion wolle “experimentieren” und die Blätter zu einem “Technologie-Hub” voller künstlicher Intelligenz umbauen, berichtet Adrian Lobe in der “FAZ”. Es stelle sich die Frage, ob der Unternehmer den Journalismus wirklich revolutionieren oder Zeitungen nur als Experimentierfeld für seine Biotech-Unternehmungen nutzen wolle.

3. Silent News
(heise.de, Hans-Jürgen Krug)
Angeblich sollen 80 Prozent aller Facebook-Nutzer Videos im Silent-Modus, also mit abgeschaltetem Ton, nutzen. Die Medien haben darauf reagiert und statten ihre Nachrichtenclips mit Untertiteln aus. Doch um geklickt zu werden, bedarf es mehr. Und deshalb würden in den Filmschnipseln, wie beim Beispiel “heute plus”, zunehmend große grelle Textbanner mit Fragen eingeblendet. “”Facebook first” verändert nicht nur die – zeitliche – Platzierung von Neuigkeiten. Es prägt auch zutiefst ihre Machart. Silent Audioplay macht Nachrichten zu Worthäppchen. Gelbe Kästchen erzählen eigene Geschichten.”

4. „Planwirtschaftliches Fernsehen“
(taz.de, Klaus Raab)
Die “taz” hat mit dem Medienwissenschaftler Lutz Hachmeister über die Gegenwart der deutschen Talkshow gesprochen. Hachmeister auf die Frage, warum es derart viele Talkshows gäbe: “Weil es planwirtschaftliches Fernsehen ist. Man kann ungefähr die Quote absehen. Es ist im Vergleich zu anstrengenden Recherchen billig. Und es schafft eine strukturelle Regelmäßigkeit, die den Programmmanagern gefällt. Risikovermeidung ist das Lebenselexier technokratischer Programmplanung.”

5. Absurder Streit um Syrien-Berichterstattung
(Petra Sorge, cicero.de)
Vor einigen Tagen hat der Presserat eine sogenannte Missbilligung gegen die Syrien-Berichterstattung von “bild.de” ausgesprochen. “Bild Online”-Chef Julian Reichelt veröffentlichte daraufhin einen offenen Brief und bezeichnete den Presserat als „Handlanger des Kreml“. Petra Sorge vom “Cicero” erklärt, warum für sie bei dem Konflikt beide Seiten kein gutes Bild abgeben würden.

6. Gauland
(facebook.com, Maxim Biller)
“Nachdem der stellvertretende Vorsitzende der AfD, Alexander Gauland, in einem „Kicker“-Interview über Omri Bunsenstein, den Mittelfeldregisseur von Makkabi Wedding, gesagt hatte, die Leute fänden ihn zwar als Fußballspieler gut, wollten ihn aber nicht als Nachbarn haben, erklärte der Trainer von Makkabi Wedding, niemand fände Bunsenstein als Fußballspieler gut, schon gar nicht er selbst, aber er müsse ihn trotzdem immer aufstellen, weil ohne die Spenden von Bunsensteins Vater Makkabi Wedding längst pleite wäre.”

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