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Bild.de schießt “Eigentor”-Eigentor

Bei Bild.de finden sie es ziemlich “peinlich”, was einer Redaktion in Irland vor Kurzem passiert ist:

Bild.de schreibt dazu:

Peinliches Eigentor bei der irischen Zeitung “Sport Herald”!

Das Blatt titelt in seiner heutigen Ausgabe mit der Zeile “Lukaku is ready for work” (zu deutsch: Lukaku ist bereit für die Arbeit). Gemeint ist der Wechsel des belgischen Torjägers vom FC Everton zu Manchester United. Dafür hat das Blatt den Kicker schon mal in die Trainingsklamotten von ManU montiert.

► Problem: Es ist nicht Romelu Lukaku (24)! Die Iren-Zeitung nahm fälschlicher Weise ein Foto des Rappers Stormzy (23).

Wo fangen wir an, liebe Bild.de-Korrektoren? Vielleicht damit, dass die Zeitung, über die ihr schreibt, nicht “Sport Herald” heißt, sondern “The Herald”. Es stimmt zwar, dass über dem vermeintlichen Lukaku-Foto “SPORT Herald” steht …

… aber das auch nur, weil es sich um die Rückseite des “Herald” handelt, auf der die Sportgeschichten der Ausgabe angekündigt wurden.

Außerdem liegt ihr mit eurer Aussage daneben, dass es sich um die “heutige Ausgabe” handelt. Euer Artikel ist gestern, am 11. Juli, erschienen. Der “Herald”-Artikel stammt vom 10. Juli, was man ohne große Probleme anhand des Datums auf der Seite erkennen kann.

Und dann stimmt es auch nicht, dass “The Herald” irgendjemanden “in die Trainingsklamotten von ManU montiert” habe. Ja, die Redaktion hat die falsche Person abgebildet. Aber das Foto des Rappers Stormzy in einer Trainingsjacke von Manchester United gibt es tatsächlich. Es dürfte aus einem Interview mit der Fußballseite “SoccerBible” vom 13. Mai 2016 stammen.

Mal abgesehen von diesen kleineren Fehlern eurerseits ist es natürlich schon ziemlich “peinlich”, wenn eine Redaktion zwei Personen verwechselt. Man stelle sich nur mal vor, dass sie den Fußballer Mario Balotelli zeigt und gleichzeitig schreibt, dass es der Fußballer Paul Pogba sei.

Oder sie will Loriot zeigen und wählt dafür ein Foto von Heinz Erhardt.

Oder sie behauptet, dass auf einem Bild Sängerin Beyoncé zu sehen ist, obwohl es sich um eine ganz andere Frau handelt.

Oder sie möchte ein Foto einer verstorbenen Tennisspielerin veröffentlichen und benutzt stattdessen ein Foto einer lebenden Tennisspielerin.

Oder.

Oder.

Oder.

Oder.

Oder.

Oder.

Oder.

Oder.

Was übrigens alles andere als “peinlich” ist: Wie das Team von “The Herald” mit dem Fauxpas umgegangen ist. Noch am selben Tag wie die Lukaku-Verwechslung veröffentliche es auf der eigenen Internetseite eine Entschuldigung:

Hands up, we got it badly wrong.

Earlier, we made an error with a picture of Romelu Lukaku that wasn’t him. It was Stormzy.

To be honest, we are totally embarrassed and want to say sorry to all involved and our readers for the error. We will keep our eye on the ball in future.

Bild.de wählt in solchen Situation — wenn überhaupt etwas berichtigt wird — lieber den Weg der stillen Korrektur.

Mit Dank an @WobTikal für den Hinweis!

Ehe für alle, MDR-Pate angeklagt, Abgehört

1. Merkels Privat-Audienz bei „Brigitte“
(uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
Ausgerechnet ein Talk von Bundeskanzlerin Angela Merkel bei der Frauenzeitschrift “Brigitte” ermöglicht nun wahrscheinlich die Öffnung der “Ehe für alle”. Stefan Niggemeier fragt sich, was das über Bundeskanzlerin und “Brigitte” aussagt: “Ein Teil des Spotts, den man nun über die „Brigitte“ liest, ist in Wahrheit Ausdruck der Wut über die Kanzlerin, dass sie sich einer ernsthaften politischen Auseinandersetzung über das Thema selbst in dem Moment noch verweigert, in dem sie sich bewegt – auch dank der Bühne, die ihr die „Brigitte“ mit dem netten Plauschformat bietet.”

2. Aufgeflogen: Gespräch mit Journalisten abgehört
(ndr.de, Hendrik Maaßen)
In Sachsen wurden Gespräche von mindestens drei Journalisten im Rahmen eines Ermittlungsverfahrens abgehört und jahrelang gespeichert. Das belegen Unterlagen der Polizei Sachsen, die dem “NDR” vorliegen. Entgegen der gesetzlichen Benachrichtigungspflicht wurden alle drei Journalisten nach eigenen Angaben nicht über die Überwachung informiert. Hintergrund: Die Generalstaatsanwaltschaft Sachsen hatte gegen Personen aus dem Umfeld des Leipziger Fußball-Oberligisten “BSG Chemie Leipzig e.V” wegen des Verdachts auf “Bildung einer kriminellen Vereinigung” ermittelt.

3. Betrogen und bestochen
(faz.net, Michael Hanfeld)
Es sind schwere Vorwürfe, mit denen sich der ehemalige Unterhaltungschef des Mitteldeutschen Rundfunks konfrontiert sieht. Das Landgericht Leipzig hat am Dienstag die Anklage gegen ihn zugelassen. Es geht um Betrug in dreizehn Fällen, Steuerhinterziehung in fünf Fällen sowie Untreue und Bestechlichkeit in je einem Fall. Wenn man den Beitrag liest, versteht man, warum der Mann auch als “der Pate des ARD-Unterhaltungsfernsehens” bezeichnet wird.

4. Das sind die größten Herausforderungen für Journalisten
(horizont.net, Katharina Brecht)
Die größten Herausforderungen für Journalisten sind Glaubwürdigkeit, Fake News und Unabhängigkeit. Dies ist jedenfalls das Ergebnis einer Umfrage unter mehr als 1.700 Journalisten. In der Umfrage ging es auch um den Umgang mit Social Media und wie es um das Verhältnis zu Pressesprechern bestellt ist.

5. „Facebook-Gesetz“ – Eine Ehrenrettung
(carta.info, Christian Humborg)
Das umstrittene Netzwerkdurchsetzungsgesetz* ist besser als sein Ruf, findet Christian Humborg in seiner Kolumne auf “Carta”. Es verteidige die Meinungsfreiheit, weil es die Meinung der anderen, also der Opfer von Hasskriminalität, zu schützen versuche.

6. Unkontrollierbare Scheißstrecke: Warum die Rocket Beans Erfolg haben
(wired.de, Max Biederbeck)
“Wired” war zu Gast bei einem der erfolgreichsten Internet-Kanäle: “Rocket Beans TV” in Hamburg. Die Produktionsfirma hat sich innerhalb von drei Jahren zu einem florierenden Unternehmen mit 90 Angestellten entwickelt. Im weitesten Sinn geht es um Unterhaltung und Nerdthemen: ob Computerspiele, Filme, Musik oder Brettspiele. Max Biederbeck zeichnet die Entwicklung der Firma nach und hat sich angeschaut wie die “Beans” arbeiten.

*Nachtrag, 6. Oktober: In einer früheren Version hatten wir fälschlicherweise vom “Netzwerkdurchsuchungsgesetz” geschrieben. Das ist natürlich Unsinn.

Bild.de und Express.de verwechseln Anthony Modeste nach China

Wenn in den europäischen Fußballligen Sommerpause ist, ist der (Sport-)Boulevard besonders aktiv. In diesen Wochen raten die Redaktionen von “Sport Bild”, “Bild”, “Express” und all den anderen Fachblättern fröhlich rum, ob Mittelfeldstratege A nicht vielleicht zu Verein B wechselt, und Außenverteidiger X an Klub Y ausgeliehen wird. Im Fall von Anthony Modeste lagen sie nun ordentlich daneben.

Spätabends am 19. Juni meldeten die Onlineportale von “Bild” und “Express” Vollzug: Modeste, bisher Stürmer beim Fußballbundesligisten 1. FC Köln, wechselt zum chinesischen Klub Tianjin Quanjian.

Ausriss Bild.de - Wechsel perfekt! Modeste stürmt nach China
Ausriss Express.de - FC-Star wechselt nach China - Anthony Modeste: Hammer-Transfer perfekt!

Bild.de schrieb dazu:

Wie BILD erfuhr, wird Anthony Modeste (29) den FC verlassen.

Und:

Der Modeste-Hammer!

Am vergangenen Wochenende hatten sich Sport-Boss Jörg Schmadtke (53) und Finanz-Chef Alexander Wehrle (42) mit Vermittlern von Tianjin Quanjian auf Ibiza (Spanien) getroffen. Eine Entscheidung wurde zunächst vertagt — jetzt soll sie gefallen sein.

Und:

Verkündet wird der Transfer wohl erst gegen Ende der Woche. Denn vorher will Sport-Chef Jörg Schmadtke noch mit dem Spieler persönlich in Köln reden.

Es wird ein Abschieds-Gespräch!

Bei Express.de war alles ähnlich eindeutig:

Der teuerste Transfer der Vereinsgeschichte ist perfekt!

Nach EXPRESS-Informationen wurde Einigung im Deal um den Wechsel von Anthony Modeste (29) nach China erzielt.

Die Ablöse für den 25-Tore-Mann beträgt 35 Millionen Euro — Modeste wechselt zu Tianjin Quanjian.

Am vergangenen Wochenende hatten sich Sportboss Jörg Schmadtke und Wehrle auf Ibiza mit den China-Vermittlern getroffen. Nun ist der Transfer durch.

Schmadtke wird noch ein finales Gespräch mit dem Publikumsliebling führen, doch am Montag war der Mega-Deal durch.

Alles durch. Bis der 1. FC Köln mit einer Mitteilung auf der Vereinshomepage heute alles durchkreuzte:

Der 1. FC Köln hat Verhandlungen über einen möglichen Transfer von Anthony Modeste zu Tianjin Quanjian abgebrochen.

FC-Stürmer Anthony Modeste wird nicht zum chinesischen Erstligisten Tianjin Quanjian wechseln, nachdem keine Einigung aller Parteien für einen möglichen Transfer erzielt wurde. Zwischen den Clubs war darüber hinaus keine den Verbandsstatuten entsprechende Einigung möglich. Der 1. FC Köln hat die Verhandlungen daher am heutigen Mittwoch abgebrochen. Der Vertrag von Anthony Modeste beim FC läuft bis 30. Juni 2021.

Inzwischen haben es auch die Kaffeesatzwechsler von Bild.de und Express.de eingesehen:

Ausriss Bild.de - Köln bricht Verhandlungen ab - Modeste-Wechsel nach China geplatzt
Ausriss express.de - FC-Hammer - Schmadtke bricht Modeste-Verhandlung ab

Mit Dank an @bastianpfahl für den Hinweis!

Nachtrag, 24. Juli: Es ging dann noch weiter.

Also doch ein Wechsel nach China:

Ausriss Bild.de - Jetzt also doch - Modeste für 35,7 Mio nach China

Oder doch nicht?

Ausriss Bild.de - Kölner Transfer-Theater immer irrer! China-Kohle da, aber jetzt zickt Modeste

Bleibt er etwa beim 1. FC Köln?

Ausriss Bild.de - Heute letzte Chance zur Einigung - Modeste will sich beim FC einklagen

Oder geht’s doch nach China?

Ausriss Bild.de - Neuer Vertragsnetwurf statt Gerichtsprozess - Wechselt Modeste heute doch noch nach China?

Ja, doch, jetzt ist alles “Perfekt!”:

Ausriss Bild.de - Transfer-Wahnsinn beendet - Perfelt! Modeste doch nach China

Irre Fell-Monster werden nach Mega-Flut zur Todesfalle

Zum Boulevard gehört, dass die Schlagzeilen oft spannender klingen, als die Geschichten dahinter tatsächlich sind. Gut, es gibt auch Gegenbeispiele. Aber das sind wirklich eher Ausnahmen:

Im Prinzip kann man aus allem eine Schlagzeile machen. Ich will mal versuchen zu erklären, wie das geht. Am besten anhand von ganz alltäglichen Beispielen.

Stellen Sie sich die folgende Situation vor: Sie kommen nach einer mehrtägigen Reise zurück nach Hause, aber Ihre Familie scheint nicht da zu sein. Alles ist dunkel, und in der gesamten Wohnung riecht es verdächtig nach Komposthaufen. Sie ziehen leise Ihre Schuhe aus und verfolgen den Gestank auf Socken zurück bis ins Kinderzimmer. Es ist dunkel, Sie können noch immer nichts sehen. Und deshalb bleiben eigentlich nur zwei Möglichkeiten: Entweder ist es der Hamsterkäfig. Oder unter dem Bett liegt eine Leiche.

Ralf Heimann hat vor ein paar Jahren aus Versehen einen Zeitungsbericht über einen umgefallenen Blumenkübel berühmt gemacht. Seitdem lassen ihn abseitige Meldungen nicht mehr los. Er hat mehrere Bücher veröffentlicht, zuletzt zusammen mit Jörg Homering-Elsner “Bauchchirurg schneidet hervorragend ab — Perlen des Lokaljournalismus”. Fürs BILDblog kümmert er sich um all die unwichtigen Dinge, die in Deutschland und auf der Welt so passieren.
(Foto: Jean-Marie Tronquet)

Stop. Als Boulevardjournalist bleiben Sie im Türrahmen stehen. Wenn Sie jetzt unter dem Bett nachsehen, machen Sie sich womöglich eine sensationelle Geschichte kaputt. Und das wollen Sie ja wohl hoffentlich nicht riskieren.

Aber Moment — da war doch was? Aus der Küche dringen Geräusche. Wer könnte das sein? Der Mörder, der sich nach getaner Arbeit noch schnell ein Käsebrot schmiert? Ein stinknormaler Einbrecher? Ein Familienmitglied?

Schleichen Sie langsam zur Küche. Nehmen Sie am besten einen Kerzenständer mit oder irgendetwas anders, womit Sie zuschlagen können. Wir wollen es aber nicht zu kompliziert machen. Gehen wir also einfach mal davon aus, dass in der Küche ein Familienmitglied steht. Was machen Sie?

Die meisten Menschen würden irgendwie auf sich aufmerksam machen und sagen:

Oh, ich hab dich gar nicht gehört. Sag mal, im Kinderzimmer stinkt’s ja ganz schön.

Aber Sie sind Boulevardjournalist. Deshalb gehen Sie etwas anders vor:

Hör zu! Ich habe einen schrecklichen Verdacht! Sag mal, liegt im Kinderzimmer unter dem Bett eine Leiche?

Nun wird man Sie zu Hause allerdings schon kennen. Und wenn man ein bisschen weiß, wie Boulevardjournalisten so ticken, sieht man schon am Fragezeichen: Anscheinend keine Belege vorhanden. Die Antwort ist also meistens: “Nein!”

Sie kennen das von Bild.de.

Die ehrlichere Überschrift wäre:

Aber dann wäre es keine Story mehr. Sie müssten sich um andere Inhalte bemühen. Dazu müssten Sie recherchieren. Und das wollen Sie ja auch nicht.

Neulich hatten sie bei Bild.de eine Geschichte, in der noch eine andere Boulevard-Sirene mit dem geheimnisvollen Fragezeichen verknüpft wurde: das aufmerksamkeitsheischende Wort “irre”. Auf einem Foto war eine Frau zu sehen, auf deren Gesicht einige Skorpione herumkrabbelten. Darüber stand:

Das Wort “irre” passt im Boulevard immer, sobald etwas einen Millimeter von der Norm abweicht. Trainer wird in der Pressekonferenz etwas lauter. Song klingt live gespielt anders als sonst. Fußballer nimmt Dose vom Boden auf.

Das alles finden sie in der “Bild”-Redaktion “irre” (Okay, ich hab’ mir die David-Hasselhoff-Performance gerade noch mal angehört. Die klingt wirklich irre).

Man kann die Liste endlos fortführen. Sockenpaare nach dem Waschen noch vollständig. Handwerker kommt fünf Minuten zu früh. Taxifahrer hat passendes Wechselgeld. Irre!

Im Falle der Frau mit den Skorpionen im Gesicht stellte sich im Text dann heraus, dass die meisten Skorpione allenfalls so gefährlich sind wie Bienen oder Wespen — und die Frau sicher mutig war, aber ganz sicher nicht “irre”. Irre war eigentlich nur eins an der Geschichte: die Dachzeile.

Aber noch einmal zurück in die Küche. Da werden wir das gerade Gelernte gleich anwenden können. Sie stehen also noch immer in der Tür und wissen: Die Geschichte mit der Leiche nimmt Ihnen hier keiner ab. Was also machen Sie?

Genau. Da war ja noch der Hamsterkäfig. Und wenn der die Ursache für diesen unglaublichen Gestank sein sollte, dann steht eines sicher fest: Irgendetwas mit den Viechern stimmt nicht. Nur, wie verkaufen Sie das zu Hause?

Du, ich glaub, die Kinder müssten den Hamsterkäfig langsam mal wieder saubermachen.

Nein. Vollkommen falsch. Vergessen Sie nicht: Sie sind Boulevardjournalist. Probieren Sie es doch einfach mal so:

Haben Sie das Prinzip verstanden? Gut. Dann testen wir das jetzt mal.

Diese Pfütze morgens vor der Dusche, die muss ja nun wirklich nicht immer sein.

Na? Wie würden Sie das formulieren?

Oder das hier?

Wenn beim Abtrocknen ein Glas zerbricht, dann werft es bitte nicht in den Mülleimer. Sonst greift nachher irgendwer rein und verletzt sich.

Genau:

Und das hier?

Der Junge verlangt aber neuerdings ganz schön viel Geld fürs Rasenmähen.

Vielleicht so?

Und wenn man dem Jungen das dann irgendwann mitteilt, kann man ihn ja vielleicht auch noch mal drauf hinweisen, dass er zu seiner kleinen Schwester auch mal etwas netter sein kann. Wie könnte man das Problem beschreiben?

Volle Punktzahl.

Jetzt muss man das alles natürlich noch irgendwie zur Sprache bringen. Zettel auf den Tisch legen hilft da erfahrungsgemäß wenig. Daher wäre ein guter Termin wohl das Abendessen. Überlegen Sie sich, wann ein guter Zeitpunkt wäre. Sehen Sie zu, dass alle Familienmitglieder am Tisch sitzen. Und dann stellen Sie am besten zuallererst klar, natürlich ganz stilecht:

Deutschland spricht, Football Leaks, Farbenlehre

1. Einen Mirko gibt es hier nicht
(zeit.de, Jochen Wegner)
“Die Zeit” hat die Aktion “Deutschland spricht” ins Leben gerufen, bei der Menschen ein Gesprächspartner mit politisch gegensätzlichen Ansichten vermittelt wurde: Für ein persönliches Treffen und politisches Zwiegespräch (hier der Werkstattbericht). Auch “Zeit Online”-Chef Jochen Wegner hat sich vom Matching-Algorithmus einen Gesprächspartner zuweisen lassen. Sein Bericht über die Begegnung mit seinem andersdenkenden Counterpart “Mirko” ist ein spannend zu lesendes Stück Journalismus.

2. Buhrows Farbenlehre
(sueddeutsche.de, Hans Hoff)
Beim gemeinsam von “ARD” und “ZDF” geführten Ereignis- und Dokumentationskanal “Phoenix” steht demnächst ein Wechsel an der Spitze an: Einer der zwei Chefposten wird neu besetzt. Hans Hoff erklärt, nach welchen Kriterien die Personalentscheidung läuft, und das hat viel mit “politischer Farbenlehre” zu tun.

3. “Spiegel”-Reporter Rafael Buschmann über Fußballjournalismus: “Bei regionalen Tageszeitungen besteht ein enormes Abhängigkeitsverhältnis”
(kress.de, Frank Hauke-Steller)
“Spiegel”-Reporter Rafael Buschmann hat zusammen mit seinem Kollegen Michael Wulzinger ein Buch über “Football Leaks” und die schmutzigen Geschäfte im Profifußball geschrieben. Der Whistleblower “John” hatte dem “Spiegel” ein Datenkonvolut von 1,9 Terabyte, umgerechnet 18,6 Millionen Dokumente, zukommen lassen. In Interview erzählt Buschmann von seinem Kontakt mit John und der Entscheidung, das Material mit den 60 EIC-Kollegen und den dahinterstehenden zwölf anderen europäischen Medienhäusern zu teilen. Und es geht natürlich um den Fußball und die Zukunft des Fußballs.

4. “Bundestag beschränkt Arbeit von Journalisten”
(tagesspiegel.de, Kurt Sagatz)
Der Bundestag hat seine „Zugangs- und Verhaltensregeln“ überarbeitet und an zahlreichen Stellen die Möglichkeiten für Berichterstattung verschlechtert. Die Bundespressekonferenz (BPK), ein Zusammenschluss der Hauptstadtjournalisten, ist wegen der verschärften Regeln für Journalisten im Bundestag erzürnt und fordert eine Rücknahme beziehungsweise Neugestaltung. Der DJV sieht in den neuen Regelungen eine “weitgehende Verhinderung von Journalismus”.

5. Insel der Möglichkeiten
(taz.de, René Martens)
Das Monatsmagazin „Tempo“ ist vielen noch in Erinnerung, obwohl es nur in den zehn Jahren zwischen 1986 und 1996 erschien. Das liegt auch an prominenten Namen wie Christian Kracht, Maxim Biller oder Sibylle Berg, die man mit dem Magazin verbindet. Nun wird der Name des legendären Monatsmagazins von einem Verlag für ein neues Projekt genutzt. René Martens erinnert sich an die Zeiten, in denen er selbst in Hamburg für “Tempo” arbeitete.

6. Die wirklich sehr deutsche Geschichte vom Immer-Schlauer-Sein
(medium.com, Gerald Hensel)
Gerald Hensel hat den “Ramadan Friedensmarsch” von “#NichtMit uns – Muslime & Freunde gegen Gewalt und Terror” zum Anlass genommen, über den medialen Umgang mit politischen Ideen nachzudenken: “In nichts lernt man die Geringschätzigkeit auch großer deutscher Presseerzeugnisse so gut kennen, wie in ihrer Abschätzigkeit gegenüber jeder neuen politischen Idee. Die Methode ist simpel und hat für die, die sich dessen ausgesetzt sehen, einen nicht zu unterschätzenden psychologischen Effekt: die rechte Bubble weidet sich an deinem vermeintlichen Fail, bildet das Narrativ. Danach ziehen meist einige große Medien nach.” Die Aktivisten ermuntert er, bei der Sache zu bleiben. “Gebt euch noch mehr Zeit, die Idee zu entwickeln und dann werdet ihr ganz schnell sehen, wie schnell die Meinungsopportunisten wieder die Seite wechseln.”

Sportgezappt, Verräterische Drucker, Breitbartocare

1. ZAPP Themenschwerpunkt Sportjournalismus
(ndr.de)
Das Medienmagazin “Zapp” hat sich in einer halbstündigen Sondersendung ausschließlich mit dem Sportjournalismus beschäftigt. Fünf Themen hat man sich ausgesucht: 1.) Die Nebenjobs von ARD & ZDF-Sportmoderatoren und die damit einhergehenden Probleme 2.) Die mediale Abschottung von Fußballvereinen durch den Aufbau eigener Plattformen 3.) Das Abwandern von Sportevents wie der Champions League ins Pay-TV 4.) Der hohe Preis, den Whistleblower im Sport zahlen müssen und 5.) ein Gespräch mit dem Sportmoderator und -reporter Alexander Bommes, der selbst jahrelang aktiver Sportler war. Die Sendung kann in kompletter Länge angeschaut werden; es gibt aber auch Unterseiten, in denen nur das jeweilige Thema behandelt wird.

2. Petra Reski verklagt Jakob Augstein
(faz.net, Andreas Rossmann)
Der Streit zwischen der Journalistin Petra Reski und dem Verleger des „Freitags“, Jakob Augstein, geht in eine weitere Runde: Reski verklagt den Verleger. Dieser hätte mit seinen Äußerungen ihre journalistische Arbeit herabgewürdigt. Grund war ein Artikel der Mafiaspezialistin mit einer umstrittenen Namensnennung, die eine Klage des Genannten nach sich zog. In der juristischen Auseinandersetzung hatte “Freitag”-Chef Augstein seiner freien Mitarbeiterin die finanzielle Unterstützung verweigert und ihr Fehlverhalten vorgeworfen.

3. Publizistische Sorgfaltspflicht statt Netzwerkdurchsetzungsgesetz
(wolfgangmichal.de)
Es ist schon ein Phänomen: Einig wie selten lehnen Digitalverbände und Bürgerrechtsgruppen das von Justizminister Heiko Maas geplante „Netzwerkdurchsetzungsgesetz“ ab. Es lege die Meinungsfreiheit in die Hände privater Internetkonzerne und fördere Zensur. Die Befürchtungen seien nachvollziehbar, so Wolfgang Michal. Die Kritiker der geplanten Gesetzgebung würden jedoch die Augen vor einem anderen Problem verschließen: “Sie halten es offenbar für vertretbar, dass Online-Plattformen ein Sonderrecht auf organisierte Verantwortungslosigkeit für sich in Anspruch nehmen dürfen.” Michal hält das gesamte Netz-DG für unnötig. Für Medienunternehmen wie Facebook sollten jene Regelungen des Presserechts und Selbstverpflichtungen gelten, die bereits existieren. Entsprechend sollten die Unternehmen ihrer Verantwortung nachkommen: “Wer Inhalte gewissenhaft prüft, bevor sie veröffentlicht werden, übernimmt eben nicht „staatliche Rechtsdurchsetzungsaufgaben“, wie Kritiker des NetzDG gerne unterstellen, er kommt lediglich seiner Sorgfaltspflicht nach. Verhütung ist immer besser als die Pille danach.”

4. Regierung muss Journalisten besser schützen
(reporter-ohne-grenzen.de)
Bundeskanzlerin Angela Merkel besucht Ende der Woche Mexiko. Dies nimmt “Reporter ohne Grenzen” zum Anlass, an die Bundeskanzlerin zu appellieren, sich bei der mexikanischen Regierung für den Schutz von Journalisten einzusetzen. „Mexikos Regierung darf nicht länger so tun, als hätte das erschreckende Ausmaß der Gewalt gegen Journalisten nichts mit ihr zu tun“, so der Geschäftsführer der Organisation. „Verbale Verurteilung und wohlklingende Ankündigungen reichen nicht aus. Mexiko muss jetzt schnell handeln, um endlich deutliche Signale gegen die Kultur der Straflosigkeit zu setzen, durch die sich die Täter zu immer neuen Verbrechen gegen Journalisten ermutigt fühlen.“

5. Verräterische Drucker
(zeit.de, Kai Biermann)
In den USA wurde die 25-jährige, mutmaßliche Whistleblowerin Reality Leigh Winner festgenommen. Ihr wird vorgeworfen, der Nachrichtenseite “The Intercept” eine geheime NSA-Studie zugespielt zu haben. Zum Verhängnis wurde ihr ein versteckter und kaum sichtbarer Code, den moderne Drucker den Ausdrucken hinzufügen und der eine Identifizierung des Druckers möglich macht. “The Intercept” hatte dieses Dokument den Behörden zur Stellungnahme vorgelegt. Ein Riesenfehler wie sich nun herausstellt.

6. Wunderbare Welt der Schadenfreude
(taz.de, Laila Oudray)
Mit einer gewissen Schadenfreude betrachtet “taz”-Autorin Laila Oudray das Scheitern von Katie McHugh, einer Autorin des rechten US-Portals “Breitbart”. Diese hatte Dutzende Artikel für die Seite geschrieben, in denen sie gegen Muslime und Flüchtlinge gewettert und Donald Trump gefeiert hat. Nun wurde sie von “Breitbart” angeblich wegen eines Tweets gefeuert, der selbst für “Breitbart” nicht hinnehmbar war (“Ohne Muslime gäbe es keinen Terror in UK”). Katie Mc Hugh hat daraufhin eine Crowdfunding-Page eingerichtet, um ihre medizinischen und alltäglichen Ausgaben decken zu können. Was nicht ohne Ironie ist, denn sie hatte sich vorher gegen Unterstützung von Armen ausgesprochen. “taz”-Autorin Laila Oudray: “Man wünscht ihr natürlich keine Krankheit, aber es ist einfach zu schön, zu sehen, wie ihr jeder ihrer hasserfüllten Ansichten auf die Füße fällt. Deswegen I love you Katie Mc Hugh, für dieses breite Grinsen und dass ich wieder an Karma glauben kann.”

Antisemitismus-Doku, Falsche Fluten, Kampagnen-Hashtags

1. Streit um Antisemitismus-Doku
(deutschlandfunk.de, Brigitte Baetz, Audio, 7:23 Min.)
Der deutsch-französische Sender “Arte” will die 90-minütige Doku “Auserwählt und ausgegrenzt — Der Hass auf Juden in Europa” nicht zeigen. Der Film über die Ausgrenzung von Juden sei nicht ausgewogen. Im Gespräch weist der Autor die Vorwürfe zurück. (Für den Audiobeitrag im Beitragsbild rechts unten auf “HÖREN” klicken)

2. Die falschen Fluten von Rakka
(ndr.de, Fiete Stegers)
In einem Nachrichtenvideo von “Focus Online” wird darüber berichtet, dass die Terrormiliz “IS” Teile der von ihr besetzten Stadt Rakka unter Wasser gesetzt hat und zeigt dabei Bilder der überschwemmten Gebiete. Das Problem: Die gezeigten Gebiete liegen nicht in Rakka, sondern in Amerika und Asien… Fiete Stegers dazu: “Natürlich kommt es bei TV-Beiträgen und Online-Videos häufig vor, dass symbolische Bilder oder Archivmaterial verwendet werden. In der Regel sollte dies sich allerdings den Zuschauern auf den ersten Blick erschließen oder deutlich kenntlich gemacht werden, insbesondere bei klassischen Nachrichten. Dies fehlt bei Focus Onlines phanstasievoller Flut-Kollage völlig.”

3. Warum politische Kampagnen-Hashtags fast immer failen
(fearlessdemocracy.org, Kai Heiderich)
Oftmals wird versucht, eine politische Debatte auf Twitter durch die Verwendung eines Hashtags zu befördern. Doch das kann sich als kontraproduktiv erweisen, wenn politische Gegner den Begriff kapern: “Traurige Realität ist jedoch: die Lustlosigkeit und die wenig an Medienrealitäten angelegte Integration von Hashtags in Kampagnenlogiken führt gerade bei Themen, die speziell die Rechten gerne für sich in Anspruch nehmen wollen, zu Hijacks. Anders ausgedrückt: Öffentlich-rechtliche Anstalten oder die Bundesregierung werben mit Hashtags, die dann faktisch auf twitter von AfD & Co besetzt werden.”

4. Publizistin: “Man kann völlig ungeniert lügen”
(derstandard.at, Lisa Breit)
Der österreichische “Standard” hat sich mit der am Institut für Publizistik in Wien lehrenden Julia Wippersberg über Fake News unterhalten Der Grundstein für Medienkompetenz müsse in den Schulen gelegt werden. Doch auch das sei nicht einfach: “Dort gibt es aber bereits einen ambitionierten Lehrplan, zu wenig Personal, viele Schüler haben schlechte Deutschkenntnisse. Wie sollen Lehrer da zusätzlich Medienkompetenz unterrichten? Zudem müsste man vielen von ihnen erst einmal Medienkompetenz beibringen.”

5. Einfach weggesperrt
(taz.de, Karim El-Gawhary)
Der ägyptische Pressefotograf Shawkan (Mahmud Abu Zeid) sitzt seit fast vier Jahren ohne Urteil in Haft. Anlass seiner Inhaftierung: Er hat für eine Bildagentur als Pressefotograf am Rabaa-Adawiya-Platz in Kairo ein Protestlager der Muslimbrüder fotografiert. Nach Aussagen des Bruders von Shawkan geht es ihm mittlerweile gesundheitlich sehr schlecht. Er sei zusammen mit 22 weiteren Menschen in einer Zelle eingepfercht und leide an Hepatitis C und Anämie, ohne angemessen behandelt zu werden.

6. TSV 1860 München: Die Medien sind ein ständiger Unruheherd
(journalisten-training.de, Bernd Oswald)
Bernd Oswald ist der Meinung, dass die Medien eine Mitschuld daran hätten, dass es beim Münchner Fußballverein TSV 1860 so chaotisch zugehe. Sein Vorschlag: Statt sich auf die Wiedergabe der Versäumnisse und Schuldzuweisungen im Verein zu beschränken, sollten die Münchner Sportmedien lösungsorientierter berichten.

Bild  

“Bild” dankt einem Nazi

Wenn “Bild” einem Thema eine komplette Doppelseite widmet, muss schon etwas Besonderes passiert sein. Ein Terroranschlag beispielsweise oder ein Sieg der deutschen Nationalmannschaft bei der Fußball-WM. Oder der 150. Geburtstag der Polizei in Frankfurt am Main:


(Unkenntlichmachungen durch uns.)

Am Freitag gratulierte die Frankfurt-Ausgabe der “Bild”-Zeitung der Frankfurter Polizei zum Jubiläum und dankte den Beamten gleichzeitig für ihren Einsatz in den vergangenen anderthalb Jahrhunderten:

Unsere Helden und Retter! Frankfurts Polizei feiert Geburtstag und BILD FRANKFURT bedankt sich bei den 3700 Menschen, die uns täglich schützen

Die Redaktion fasste für die Doppelseite noch einmal “Die 7 größten Kriminalfälle” (“Bordellmord im Westend”, “Hammermörder”, “Tristan (13) hingerichtet” und weitere “Bild”-taugliche Verbrechen) zusammen, suchte historische Fotos raus und ließ Polizeipräsident Gerhard Bereswill ein Grußwort an die Frankfurter Bürger richten.

Ein spezieller Dank von “Bild” geht an die “21 PRÄSIDENTEN”, die vor Bereswill im Amt waren. Ihre Portraitfotos haben die Layouter ganz unten auf der Seite aufgereiht — sie gehören im besonderen Maße zu “unseren Helden und Rettern”. Auch Adolf Beckerle:


Nun könnte man schon mit grundlegenden Geschichtskenntnissen etwas misstrauisch werden, wenn jemand in Deutschland im Jahr 1933 in eine leitende Position bei der Polizei gekommen ist. Man könnte sich dann den “Wikipedia”-Eintrag zu Adolf Beckerle anschauen und dort lesen:

Adolf Heinz Beckerle (…) war in der Zeit des Nationalsozialismus als deutscher Gesandter in Sofia an der Deportation von Juden in den von Bulgarien im Zweiten Weltkrieg besetzten Gebieten beteiligt.

Und:

Laut Ermittlungen der deutschen Nachkriegsjustiz war Beckerle “maßgeblich” beteiligt an der Deportation und Ermordung von etwa 11.000 Juden, für die aber unmittelbar die SS verantwortlich war

Beckerle war SA-Obergruppenführer, er saß für die NSDAP in Land- und Reichstag, trat der Partei 1922 ein erstes Mal und 1928 ein zweites Mal bei. Die zentrale Spruchkammer Hessen-Süd stufte ihn im März 1950 im Prozess der Entnazifizierung als “Hauptschuldigen” ein.

Generalstaatsanwalt Fritz Bauer ließ gegen Adolf Beckerle wegen dessen Machenschaften in Bulgarien ermitteln, im November 1967 begann ein Prozess gegen den früheren Frankfurter Polizeipräsidenten. Vor allem sein Diensttagebuch, das er in Bulgarien selbst geführt hatte, belastete Beckerle schwer. Aus Krankheitsgründen wurde das Verfahren gegen Adolf Beckerle im August 1968 eingestellt.

Diesem Mann, einem Nazi durch und durch, dankte die “Bild”-Zeitung am vergangenen Freitag.

Gesehen bei Tim Wolff.

100 Tage “Bild”-Ombudsmann: Die Redaktion hat alles richtig gemacht

Schampus raus, es gibt was zu feiern!

Am 22. Februar machten “Bild”-Chefredakteurin Tanit Koch und “Bild”-Chefchef Julian Reichelt den früheren Intendanten des “Deutschlandradios” Ernst Elitz zum “Bild”-Ombudsmann.

Und seitdem?

Die Festschrift, die heute in der “Bild”-Zeitung und gestern Abend bereits bei Bild.de erschienen ist, bietet leider kein brauchbares 100-Tage-Resümee. Stattdessen hat der Jubilar selbst ein tolles Geschenk mitgebracht:

Viele Leser wünschen sich mehr Möglichkeiten, ihre Meinung zu äußern. Da in der Zeitung der Platz für Leserbriefe begrenzt ist, habe ich die Chefredaktion gebeten, zusätzlich Leserbriefe bei BILD.de zu veröffentlichen. Das klappt: Sie finden mehr Leserbriefe ab heute unter http://www.bild.de/ombudsmann

Mit dem Elitz als Ombudsmann — da bewegt sich richtig was bei “Bild”. Und so werden jetzt endlich auch solche Leserbriefe veröffentlicht:

Zu: Kann die weg? Oder brauchen wir die Ein-Cent-Münze noch?

Im Portemonnaie nerven sie. Aber abschaffen würde ich diese nicht. Ich lege die Ein-Cent-Stücke immer beiseite und bringe sie zweimal im Jahr zur Bank.
[anonym]

Oder diese zwei fundierten Debattenbeiträge:

Zum Kommentar: Letzte Chance für die SPD

Die SPD kommt noch aus den Puschen!
Wolfgang J[.]

Die SPD ist wie 1860 München. Schnell geht es abwärts.
Klaus Guido S[.]

Doch zurück zur 100-Tage-Bilanz von Ernst Elitz. Tanit Koch und Julian Reichelt schrieben im Februar an ihre Leserinnen und Leser: “Wir wollen, dass Sie bei uns Gehör finden, wenn Sie sich über uns ärgern oder etwas falsch dargestellt sehen. Wir wollen, dass Sie unseren Fakten nicht nur vertrauen, sondern sie transparent nachvollziehen können. Wir wollen von Ihnen hören, wenn Sie meinen, einen Fehler entdeckt zu haben.”

Hat das geklappt? Hat die Leserschaft Gehör gefunden? Hat der Ombudsmann die kritischen Fragen, die ihn erreicht haben, ernstgenommen?

Hier eine Auswahl von Ernst Elitz’ Urteilen zur “Bild”-Berichterstattung:













Der “Bild”-Ombudsmann ist ein schlechter Witz.

Elitz schreibt, ihn erreichen 150 Briefe von Leserinnen und Lesern pro Woche. 100 Tage ist er im Amt, also etwas mehr als 14 Wochen. Bei über 2000 Leserhinweisen hat er es nicht hinbekommen, irgendetwas rauszufischen, das wenigstens den Anschein eines Fehlers oder Verstoßes durch die “Bild”-Redaktion besitzt. Die heftigste Kritik äußerte der Ombudsmann, als “Bild” nach dem Champions-League-Viertelfinale aus Fußballer Cristiano Ronaldo “der verfluchte Cristiano Ronaldo” machte:

Das “verflucht”, als Ronaldo die Bayern aus dem Halbfinale schoss, war in der Redaktion selbst umstritten. Ich bin bei denen, die diese Wortwahl nicht für angemessen halten. Bitte fair nicht nur auf dem Rasen, sondern auch beim Spiel mit Worten!

Hui!

Dabei hätte es in den vergangenen 100 Tagen zahlreiche kritische Texte vom Ombudsmann geben können, wenn Ernst Elitz seiner Aufgabe ernsthaft nachgegangen wäre, und wenn “Bild” ein ehrliches Interesse daran hätte. Elitz hätte beispielsweise darüber schreiben können, wieso die Redaktion Fotos von Jugendlichen verbreitet, die seit dem Attentat in Manchester verschwunden sein sollen, obwohl sie zum Zeitpunkt der Tat gar nicht in der Stadt waren. Oder ob er es für richtig hält, dass Bild.de findet, “Mädels” sollten ihrem Sexpartner “den Gefallen” tun, das Kondom mit dem Mund überzuziehen. Oder wie Bild.de darauf kommt, dass es für den Verdächtigen beim Anschlag auf den BVB um Millionen von Euro ging. Warum Bild.de auf einen Witz aus Island reinfällt. Wieso die “Bild”-Medien über die Figur eines Angeklagten witzeln, obwohl dessen Körpergewicht nichts mit dem Fall zu tun hat. Warum “Bild” eine falsche Ursache zum Tod eines 14-Jährigen in Umlauf bringt. Ob er es gut findet, dass Bild.de die Beleidigung “Mongo” auf der Startseite verbreitet. Ob er es für angemessen hält, Fußballer als “Flaschen” zu bezeichnen. Wieso Bild.de auf eine gestellte Hoverboard-Explosion reinfällt. Wie Bild.de und “Bild am Sonntag” auf ihre falsche Ein-Sekunden-Theorie beim Bombenattentat auf den BVB kamen. Ob Norbert Körzdörfers Aussage tatsächlich so rassistisch ist, wie man sie verstehen kann. Oder warum Bild.de und “Bild am Sonntag” falsche Informationen über eine Frau, die im Koma liegt, veröffentlichen.

Über all das hätte Ernst Elitz in den vergangenen 100 Tagen schreiben können. Stattdessen hat er die “Bild”-Medien lieber gelobt.

Mehr über den “Bild”-Ombudsmann:

Note 666

Aktuell kommt es aber wirklich knüppeldick für den TSV 1860 München: die 0:2-Niederlage gestern im Relegationsrückspiel gegen Jahn Regensburg, der sichere Abstieg in die 3. Liga, vielleicht sogar Insolvenz und Abstieg in die Regionalliga, dazu angebliche Erpressungsversuche vom Investor aus Jordanien.

Und dann haut gestern Abend, keine halbe Stunde nach dem verlorenen Regensburg-Spiel, auch noch die “Abendzeitung” aus München 14 Mal obendrauf:

Egal, ob Torwart, Abwehrchef, Mittelfeldregisseur oder Stürmer, in der Startelf oder Einwechselspieler: alle Note 6!

Nun scheint die Zeit, in der Sportredaktionen rücksichtsvoll bei der Notenvergabe agieren (ein Vorgehen, das sich nach dem Suizid des Fußballtorwarts Robert Enke entwickelte), sowieso vorbei zu sein — erst neulich verteilten die “Bild”-Fußballlehrer zwölf Sechsen an “die HSV-Flaschen”. Was für ein Unsinn aber das kollektive Abwatschen durch die “Abendzeitung” ist, zeigt sich beim Blick auf die Kritiken zu den einzelnen Spielern.

Da wäre zum Beispiel Torwart Stefan Ortega, der zwar zwei Gegentore bekam, sich sonst aber keine groben Schnitzer leistete. Die “Abendzeitung” begründet die glatte 6 so:

Note 6. Kam nach 15 Minuten stark gegen Jahn-Torjäger Marco Grüttner aus seinem Tor. Im Sechzehner aber nicht immer auf Höhe. Letztlich schuldlos an den Gegentoren, aber auch er ließ jede Körpersprache vermissen.

Oder Florian Neuhaus:

Note 6. Der Jüngste war noch bester Löwe! Schüttelte mehrmals seine Gegenspieler ab, war der einzige, der auch mal einen gefährlichen Pass spielte, aber auch er tauchte nach der Pause ab.

Oder Levent Aycicek:

Note 6. Nach 27 Minuten mit der größten Chance, als er gegen Jahn-Keeper Philipp Pentke einen Schritt zu spät kam. Mühte sich — vergeblich.

Oder Sascha Mölders:

Note 6. Brachte bis auf ein paar beherzte Sprints nach der Halbzeit keinerlei Gefahr ins Spiel.

Oder Maximilian Wittek:

Note: 6. [Trainer] Pereiras letzter Joker, doch auch brachte nicht die Wende.

In der München-Ausgabe der “Bild”-Zeitung gab es heute ebenfalls Noten für die Spieler von 1860 München: siebenmal Note 6, fünfmal Note 5 (unter anderem Neuhaus und Wittek), zweimal Note 4 (Ortega und Mölders).

Wenn selbst eine “Bild”-Redaktion in ihrem Urteil differenzierter ist, dann muss man etwas falsch gemacht haben.

Mit Dank an Ralf F. für den Hinweis!

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