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Storydenken: Das Format formt die Wirklichkeit

Im zurückliegenden Jahr haben wir hier im BILDblog wieder viel über Fehler geschrieben. Aber was genau sind das eigentlich: Fehler? Wie häufig passieren sie? Wie entstehen sie? Und was können Redaktionen gegen sie tun? Unser Autor Ralf Heimann hat sich in einer achtteiligen Serie mit all dem Falschen beschäftigt. Heute Teil 6: Storydenken.

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Im Jahr 1944 veröffentlichten die österreichischen Psychologen Fritz Heider und Marianne Simmel eine etwas mehr als eine Minute lange Animation, die zwei Dreiecke und einen Punkt zeigen. Die Formen bewegen sich innerhalb und außerhalb eines Rechtecks. Probandinnen und Probanden bekamen die Aufgaben, sich die Szene anzusehen und sie zu beschreiben.

Einige von ihnen schilderten eine Verfolgungsjagd, andere eine Eifersuchtsszene. In den Dreiecken und dem Punkt sahen sie häufig zwei Männer und ein Frau. Das Quadrat stellten sie sich als Haus vor. Sie machten sich Gedanken über die Motive der Figuren und über deren Gefühle. Einige Deutungen glichen einer Seifenoper. Nur: Einen Punkt, zwei Dreiecke und ein Rechteck sah so gut wie niemand. Die Beschreibungen hatten fast alle eine Gemeinsamkeit: Sie waren eine Geschichte.

Ungefähr so scheint der Mensch zu funktionieren. Wo er auch hinschaut, entdeckt er Sinn und Zusammenhänge. Das ist das Format, in dem das Gehirn Informationen speichert. Und in dieses Format konvertieren Menschen alles, was sie sehen und erleben.

Im Rückblick sieht fast alles so aus, als wäre es eine zwangsläufige Folge aus sich logisch auseinander ergebenden Ereignissen, obwohl vieles im Leben einfach durch Zufall passiert, und man bei einer genaueren Untersuchung feststellen würde: Es hat keinen Sinn. Diesen Fall lässt das Gehirn allerdings nur ungern zu. Wo es keinen Sinn erkennen kann, schließt es die Sinnlücke mit einer eigenen Konstruktion. Und das ist im Journalismus ein Problem, denn es führt zu einer Verzerrung, die als Story bias bekannt ist.

Menschen biegen sich die Dinge gern so zurecht, dass sie zu einer guten Geschichten werden. Sie unterschlagen Details, die nicht ins Bild passen. Sie konstruieren Zusammenhänge, wo keine sind. Diese Tendenz bewirkt, dass Gerüchte oft immer abenteuerlicher werden, weil neue Details hinzugedichtet werden, die aus dem Gerücht eine noch bessere Geschichte machen. Im Grunde beschreibt das Story bias ein Grundprinzip der “Bild”-Zeitung: Die Geschichte ist wichtiger als die Wahrheit.

Der Effekt führt auch dazu, dass Geschichten ohne schlechte Absicht so sehr vereinfacht werden, dass sie die Wirklichkeit kaum noch abbilden können. Eine Weltwirtschaftskrise oder ein Krieg zum Beispiel lassen sich wunderbar im Info-Grafik-Format erklären. Erst passierte dies, dann das, dann kam der nächste Schritt. So wird das Ereignis am Ende greifbar, aber es entsteht der falsche Eindruck, dass die Welt sich wie ein Domino-Spiel erklären lässt — und bei den gegebenen Ereignissen alles zwangsläufig so kommen musste.

Der Schriftsteller Rudolf Dobelli beschreibt das Story bias in seiner Kolumnensammlung “Die Kunst des klaren Denkens” an einem Beispiel: Eine Brücke stürzt ein und reißt einen Autofahrer mit in die Tiefe. Danach wird man die tragische Geschichte des Autofahrers lesen. Vielleicht war er auf dem Weg zu seiner Familie. Vielleicht kam er gerade von der Arbeit. Vielleicht wollte er in der Woche darauf heiraten.

Nur das, was eigentlich passiert ist, ist keine gute Geschichte. Die Brückenkonstruktion hat aus irgendeinem Grund nachgegeben, vielleicht durch eine komplizierte Kette aus unglücklichen Zufällen, die sich nicht zurückverfolgen lässt. Für Menschen sind aber vor allem die Menschen interessant.

Journalistinnen und Journalisten gehen zudem gern so vor, dass das Ergebnis schon vor der Recherche feststeht. Sie formulieren eine These und suchen dann nach den passenden Belegen. Im Januar 2019 musste der WDR einräumen, dass die Wirklichkeit sich doch etwas anders darstellte, als sie in einigen Dokumentationen der Reihe “Menschen hautnah” gezeigt wurde. Eine Autorin hatte Protagonisten für eine Doku aus einer Komparsen-Datenbank rekrutiert. Die Geschichte stimmte so nicht ganz. Es sollte alles etwas besser klingen, als es wirklich war.

Dass ein Beitrag schon vor der Recherche steht, ist keine Besonderheit der WDR-Doku-Reihe. Das zeigt zum Beispiel der Abschlussbericht über den Fall Relotius beim “Spiegel”. An einer Stelle zitiert das Autoren-Team aus einer inzwischen sehr bekannt gewordenen E-Mail. Der damalige Leiter des Gesellschaftsressorts, Matthias Geyer, gibt darin Anweisungen zu Aufbau und Inhalt einer Reportage:

Dort heißt es unter anderem: “Wir suchen nach einer Frau mit Kind. Sie kommt idealerweise aus einem absolut verschissenen Land (…) Sie setzt ihre Hoffnung auf ein neues, freies gutes Leben in USA (…) Es muss eine sein, die mithilfe eines Kojoten über die Grenze will (…) Die Figur für den zweiten Konflikt beschreibt Claas (…) Dieser Typ wird selbstverständlich Trump gewählt haben, ist schon heiß gelaufen, als Trump den Mauerbau an der Grenze ankündigt hat, und freut sich jetzt auf die Leute dieses Trecks, wie Obelix sich auf die Ankunft einer neuen Legion von Römern freut (…) Wenn ihr die richtigen Leute findet, wird das die Geschichte des Jahres.”

Wie die Geschichte aussehen soll, steht schon vor der Recherche fest. Das Ergebnis muss in die vorgegebene Form passen. Und wenn das der Fall ist, steht am Anfang der Recherche nicht die Frage: Wie ist es gewesen? Sondern: Woher bekomme ich das Personal?

In diesem Fall sollte die Story offenbar möglichst preiswürdig sein. In anderen Fällen konstruieren Journalistinnen und Journalisten, weil es schneller geht, als ergebnisoffen zu recherchieren — oder weil sie davon überzeugt sind, die Antwort eh schon zu haben.

Pressesprecher sagen, sie kennen das. Wenn sie von Journalistinnen und Journalisten angerufen werden, wüssten diese oft längst, was sie hören wollen. Sie bräuchten nur noch jemanden, der es sagt. Der Bundesverband deutscher Pressesprecher hat im Jahr 2015 eine Studie mit dem Titel “Thesenjournalismus statt ergebnisoffener Recherche?” veröffentlicht. Dazu hatte er über eintausend Pressesprecher befragt. Ein Ergebnis war:

Über alle Medien hinweg gehört es inzwischen zum journalistischen Standard, thesengeleitet zu recherchieren und Storys zuzuspitzen.

In der Zusammenfassung heißt es:

Probleme bereiten den Pressesprechern […] vor allem Situationen, in denen die Journalisten nicht bereit sind, ihre Ausgangseinschätzungen zu ändern — auch wenn sie in der Recherche neue Informationen bekommen, die die Storyline widerlegen.

Auch das ist nicht allein ein Problem von Journalistinnen und Journalisten. Wissenschaftler haben in verschiedenen Studien gezeigt, dass Menschen sogar dann an falschen Informationen festhalten, wenn sie sehen, dass sie falsch sind. Die Forscher sprechen von Belief perseverance oder Faktenresistenz.

In einem Experiment sollten 19 Probandinnen und Probanden, jeder von ihnen promoviert in einem naturwissenschaftlichen Fach, den Inhalt einer Kugel bestimmen. Sie erhielten eine manipulierte Formel. Dann gab man ihnen Kugeln. Sie berechneten den Inhalt erst mit der Formel, später füllten sie Wasser in die Kugeln, gossen es in eine Kiste und bestimmten das Volumen. Das errechnete Ergebnis stimmte nicht mit dem tatsächlichen überein. Dennoch hielten mit Ausnahme eines Wissenschaftlers alle an der falschen Formel fest.

Auch der Innsbrucker Psychologe Tobias Greitemeier untersuchte den Effekt in einem Experiment. Er ließ Probandinnen und Probanden einen wissenschaftlichen Artikel lesen. Einige informierte er im Anschluss darüber, dass die Daten gefälscht waren. Die übrigen bekamen diese Information nicht. Eine dritte Gruppe (Kontrollgruppe) las den Artikel nicht. In Befragungen zeigte sich, dass die Menschen, die über die Fälschung informiert wurden, ihre Meinung zwar korrigierten, aber auch danach weiterhin stärker von den Informationen beeinflusst waren als die Personen aus der Kontrollgruppe, die den Artikel gar nicht kannte. Im Abstract seiner Arbeit schreibt Greitemeier:

Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass eine Widerrufserklärung eines empirischen Artikels in einer wissenschaftlichen Zeitschrift nicht ausreicht, um sicherzustellen, dass die Leser des ursprünglichen Artikels nicht mehr an die Schlussfolgerungen des Artikels glauben.

Bei journalistischen Beiträgen ist das wahrscheinlich nicht anders.

Das Gehirn wirkt schon beim Sammeln von Informationen darauf hin, dass vorhandene Informationen begünstigt werden (Confirmation bias) und neue es schwerer haben. Ergeben sich Widersprüche (kognitive Dissonanzen), versucht das Gehirn, sie aufzulösen, indem es sie umdeutet. Jürgen Schaefer schreibt in einem “Geo”-Essay: “Wenn andere viel zu schnell mit ihrem Rad durch die Fußgängerzone fahren, halten wir das für ‘idiotisch’, bei uns selbst für ‘verwegen’.”

So formt die Wahrnehmung unsere Wirklichkeit. Und wie die Wirklichkeit aussehen wird, beeinflussen Journalistinnen und Journalisten mit ihrer Erwartung, die in ihrer These enthalten ist. Das passiert auch in der Wissenschaft, wo in der Regel viel gründlicher gearbeitet werden kann und mehr Zeit bleibt, alles noch einmal zu überdenken. Jürgen Schaefer berichtet von zwei Studien, in denen es um die Frage geht, ob es Herzpatienten hilft, wenn Unbekannte für sie beten:

Eine Studie ergab: Ja, es helfe. Die zweite kam zum gegenteiligen Ergebnis: Nein, es schade sogar. Das naheliegende Ergebnis — dass es weder hilft noch schadet — wollte keiner nachgewiesen haben: nicht spektakulär genug.

Auch hier ist es wahrscheinlich, dass diese Beobachtung nicht nur die Wissenschaft betrifft, sondern ebenso den Journalismus: Die Geschichte muss gut sein. Dann verbreitet sie sich — und mit ihr die inbegriffene Botschaft. Das ist das Prinzip, nach dem “Fake News” und Gerüchte funktionieren.

Eine Rolle spielt dabei, dass Geschichten von anderen Hirnregionen verarbeitet werden als Fakten. Und dass die Spiegelneuronen im Gehirn es möglich machen, sich in eine Geschichte hineinzuversetzen. So können Menschen von den Erfahrungen anderer lernen, ohne sie selbst gemacht zu haben. Und Geschichten finden sehr viel leichter Zugang zum Gehirn als sperrige Fakten, die beim Eingang auch noch kritisch überprüft werden.

Das ist das Erfolgsgeheimnis von Geschichten. Aber das macht sie gleichzeitig zu manipulativen Werkzeugen: Sie müssen nicht stimmen, damit Menschen sie glauben. Sie müssen vor allem plausibel klingen. Und wie das ausgehen kann, steht im Abschlussbericht zum Fall Relotius.

Das Dumme ist: Es gibt keine Alternative zur Geschichte. Auf keine andere Weise lassen sich Emotionen, Werte oder Erfahrungen so gut transportieren und so erfolgreich Sinn und Identität stiften. Kein anderes Format ist in der Lage, Menschen so zu berühren, sogar körperliche Reaktionen auszulösen. Menschen weinen im Kino, wenn sie Geschichten sehen, die im Grunde nichts mit ihrem eigenen Leben zu tun haben. Und in keinem anderen Format ist der Inhalt so lange haltbar. Je eindrucksvoller eine Geschichte ist, desto besser kann das Gehirn sie sich merken. Der Neurobiologe Gerald Hüther sagt:

Reine Information ist nur limitiert anknüpfbar. Wenn Sie sie aber in eine Geschichte verpacken, liefern Sie in deren Rahmen viele Anknüpfungspunkte an bereits vorhandene Gedächtnisinhalte. So kann man die Geschichte besser im Gedächtnis abspeichern und daraus dann die entscheidenden Aussagen ableiten. Dazu kommt: Jeder Lernprozess wird von Emotionen begleitet, bei der nackten Vermittlung von Fakten werden diese emotionalen Bereiche nicht angesprochen.

Den Effekt kennt jeder aus schockierenden oder auf andere Weise bewegenden Momenten. Die meisten Menschen, die den 11. September 2001 erlebt haben, können sich genau daran erinnern, wo sie waren, was sie gemacht haben und was sie um sich herum wahrgenommen haben, als die Flugzeuge ins Word Trade Center flogen. Es ist alles gespeichert, wie in einem Film. Es erscheint noch immer sehr real. Nur möglicherweise stimmt es nicht, weil die Erinnerung es mit den Jahren an einigen Stellen verformt hat.

Journalistinnen und Journalisten können das nicht verhindern. Aber sie können dem entgegenwirken, indem sie sich diese Effekte bewusst machen und sich nicht allein auf ihre Erinnerung verlassen, sondern ihre Recherchen so gut es geht dokumentieren, damit das Gehirn sich die Geschichte nicht zurechtformt. Sie können ihre Vermutungen immer wieder infrage stellen, indem sie nach Widersprüchen suchen — und Argumente sammeln, die für das Gegenteil sprechen.

Und wenn sie dann feststellen, dass diese Widersprüche sich im Beitrag nicht unterbringen lassen, weil die Geschichte dann nicht mehr funktionieren würde, sollten sie die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass die Geschichte so, wie sie es sich vorgestellt hatten, einfach nicht funktioniert.

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Teil 1 unserer “Kleinen Wissenschaft des Fehlers” gibt es hier, Teil 2 hier, Teil 3 hier, Teil 4 hier und Teil 5 hier. Oder alle Teile auf einmal hier.

Herdentrieb: Immer den anderen hinterher!

Im zurückliegenden Jahr haben wir hier im BILDblog wieder viel über Fehler geschrieben. Aber was genau sind das eigentlich: Fehler? Wie häufig passieren sie? Wie entstehen sie? Und was können Redaktionen gegen sie tun? Unser Autor Ralf Heimann hat sich in einer achtteiligen Serie mit all dem Falschen beschäftigt. Heute Teil 4: der Herdentrieb.

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Zwei Bars in einer fremden Stadt. Beide liegen direkt nebeneinander. Die eine ist voll, in der anderen ist so gut wie gar nichts los. Wenn Menschen sich nun für eine der Bars entscheiden müssen, werden die meisten in die vollere gehen, weil sie sich von der Annahme leiten lassen: Die Leute werden schon wissen, warum sie nicht in der anderen sitzen.

In Situationen, in denen Menschen unsicher sind, orientieren sie sich an anderen. Sie ahmen deren Verhalten nach. Der Effekt heißt “social proof”. Er erklärt sich dadurch, dass Menschen in Unsicherheit offenbar zu der Überzeugung neigen, andere wüssten besser Bescheid als sie. So kann schnell ein Herdenverhalten entstehen.

Als am 17. Januar 2017 die Meldung die Runde machte, das Bundesverfassungsgericht habe die NPD verboten, war genau das passiert. Viele Redaktionen hatten Journalistinnen und Journalisten nach Karlsruhe geschickt, die sich mit Gerichtsberichterstattung nicht auskannten. Sie glaubten, schon das Urteil zu hören, als die Richter noch die Anträge vorlasen. Dann kamen die ersten Eilmeldungen, andere Medien zogen nach. Die falsche Nachricht verbreitete sich mit einem enormen Tempo und musste später wieder eingefangen werden.

Dass die Lage unübersichtlich ist und nicht klar scheint, wie etwas zu deuten oder zu verstehen ist, kommt im Journalismus ständig vor. Im besten Fall recherchieren Journalistinnen und Journalisten dann, um sich mit den Hintergründen vertraut zu machen. Im zweitschlechtesten Fall schauen sie, was die Kolleginnen und Kollegen so schreiben und orientieren sich daran. Im schlechtesten Fall hatten die Kolleginnen und Kollegen das auch schon getan.

Wenn immer weniger Zeit zur Verfügung steht, wächst die Gefahr, dass Fehleinschätzungen sich verbreiten, weil alle sich gegenseitig aufeinander verlassen. Besonders groß ist diese Gefahr, wenn Journalistinnen und Journalisten nicht dazu verpflichtet sind, Informationen zu überprüfen, weil sie zum Beispiel von Nachrichtenagenturen geliefert werden. Dann passiert etwas, das man aus Situationen kennt, in denen man sich von einem Navigationsgerät oder Ortskundigen leiten lässt. Das eigene Denken nimmt sich eine Pause. Im Journalismus verbreiten sich unter diesen Umständen Meldungen, die man unter normalen Umständen für mindestens seltsam gehalten hätte:




Doch auch, wenn Agenturen nicht beteiligt sind, kommt es immer wieder zu verhängnisvollen Domino-Effekten, weil Journalistinnen und Journalisten zu sehr aufeinander vertrauen.

Im Mai 2013 schrieb Detlef Esslinger in einem Kommentar für die “Süddeutsche Zeitung”:

Was man den Medien vorwerfen kann, ist ein zweifacher Herdentrieb. Zum einen arbeitet jede Zeitungs- und Fernsehredaktion grundsätzlich nach der Devise: “Dazu müssen wir auch was haben.” Zum anderen reihen Autoren sich lieber gefahrlos in einen Chor ein, als eine Solostimme zu wagen — wie andere Akteure übrigens auch.

In Esslingers Text ging es unter anderem um die Berichterstattung, die dazu geführt hatte, dass Christian Wulff als Bundespräsident zurücktrat.

Der Journalistik-Professor Hans Mathias Kepplinger schildert in seinem Buch “Totschweigen und Skandalisieren – Was Journalisten über ihre eigenen Fehler denken”, wie es dazu kam: Es hatte alles angefangen mit einem Bericht in der “Bild”-Zeitung über einen Kurzurlaub Wulffs zusammen mit dem Unternehmer David Groenewold. Der hatte das Hotel mit seiner Kreditkarte bezahlt. Vier Jahre später, als die Berichterstattung über die Reise bereits in vollem Gange war, habe Groenewold das Personal im Hotel gebeten, ihm die Belege auszuhändigen, was der Versuch hätte sein können, die Unterlagen verschwinden zu lassen. Der “Bild”-Artikel war laut Generalstaatsanwalt der Auslöser für die Aufhebung von Wulffs Immunität.

Nach Christian Wulffs Darstellung hatte David Groenewold lediglich um Kopien gebeten, um auf Fragen von Journalistinnen und Journalisten genaue Antworten geben zu können. Hans Mathias Kepplinger schreibt:

Falls das zutrifft, würde es sich bei dem Bild-Artikel um die folgenschwerste Falschmeldung der deutschen Nachkriegsgeschichte handeln.

Der Rest ist bekannt. Vergessen oder nie gelesen haben allerdings viele, dass danach mehrere Chancen verstrichen, die Sache richtigzustellen. Stefan Niggemeier hat damals in seinem Blog ausführlich nachgezeichnet, wie Wulff über eine Falschmeldung stürzte, aber es im Grunde keinen kümmerte — und sich später mehrere Gelegenheiten ergaben, die ganze Geschichte zu erzählen, zum Beispiel zur Veröffentlichung von Wulffs Buch, die aber alle ungenutzt blieben.

Es mögen unglückliche Zufälle gewesen sein, aber es sieht nicht nach Zufällen aus — eher nach Journalistinnen und Journalisten, die “sich lieber gefahrlos in einen Chor ein[reihen], als eine Solostimme zu wagen.”

Der Journalist Michael Götschenberg hat über den Fall Wulff ein Buch geschrieben. Es heißt: “Die Geschichte hinter der Geschichte und die Rolle der Medien über die Amtszeit des Bundespräsidenten Christian Wulff”. Er sieht auch Parallelen zu anderen Fällen. Im Interview mit der “taz” sagte Götschenberg:

Man konnte das sehr gut in den ersten Stunden der Berichterstattung über den Fall Edathy beobachten, gerade bei den Online-Medien. Da wurden innerhalb von Stunden aus Vermutungen plötzlich Fakten. Das Schlimmste ist, dass alle voneinander abschreiben. Niemand macht sich mehr die Mühe zu überprüfen, ob überhaupt zutreffend ist, was behauptet wird. Das war bei Wulff auch so.

Der Medienwissenschaftler Stephan Russ-Mohl hat den Eindruck, dass das in den vergangenen Jahren noch schlimmer geworden ist. In seinem Buch “Die informierte Gesellschaft und ihre Feinde” schreibt er:

Herdentrieb und Ingroup-Tunnelblick, sprich: Orientierung an der Berichterstattung der Wettbewerber, mag es im Journalismus immer gegeben haben. In Zeiten der Digitalisierung, in denen Redaktionen kaputt gespart werden, wird das allerdings zur Regel.

Dass Menschen sich an anderen Menschen orientieren, kann auch auf andere Weise zum Problem werden, etwa beim Phänomen des Gruppendenkens (Groupthink). Dabei einigen sich mehrere Menschen in einer Gruppe auf eine Entscheidung, die kein einzelnes Mitglied so getroffen hätte. Das passiert auch in Redaktionen — zum Beispiel, wenn Kritik nicht erwünscht ist.

Wenn es in Redaktionskonferenzen darum geht, sich selbst auf die Schulter zu klopfen, und kritische Anmerkungen dabei eher stören, führt das zwangsläufig dazu, dass kaum noch jemand etwas Kritisches sagt. Dazu genügt es oft schon, wenn der Chef oder die Chefin empfindlich auf Kritik reagiert. So etabliert sich schnell eine Atmosphäre, in der auch schlechte Entscheidungen durchkommen, weil Harmonie wichtiger erscheint als die Sache.

Ein ähnliches Phänomen beschreibt die Schweigespirale von Elisabeth Noelle-Neumann. Sie besagt: Bevor Menschen sich äußern, schätzen sie das Meinungsklima ab. Je stärker die zu erwartenden Widerstände sind, desto eher schweigen sie — aus Angst vor der Isolation.

In einer digitalen Welt bringt das Menschen nicht zum Schweigen. Sie weichen einfach aus und verbreiten ihre Meinung dort, wo Zustimmung zu erwarten ist. In Milieus, in denen Nähe eine große Rolle spielt, etwa in Vereinen oder in der Nachbarschaft, ist das Ausweichen schwer. Dort kommt es leichter zu einer Spiralwirkung. Journalistinnen und Journalisten verstärken das mit ihrer Berichterstattung, wenn sie ihre Meinung mit dem allgemeinen Meinungsklima synchronisieren — aus Überzeugung oder um im eigenen Milieu nicht alleine in einer Ecke zu stehen.

Der Medienwissenschaftler Michael Haller hat dieses ein Phänomen im Jahr 2015 in Deutschland beobachtet. In der Studie “Die ‘Flüchtlingskrise’ in den Medien” (PDF), die Haller zusammen mit einem Forscherteam für die Otto-Brenner-Stiftung erstellt hat, beschreibt er, wie Journalistinnen und Journalisten von Tageszeitungen (nur um die geht es in der Studie) das Narrativ der “Willkommenskultur” zum moralischen Gebot erhoben und damit andere Meinungen automatisch mit dem Stempel “unmoralisch” versahen. Haller schreibt:

In der Tagespresse wurde unseren Befunden zufolge das Narrativ Willkommenskultur als moralisch intonierte Verpflichtungsnorm “top-down” vermittelt. (…) Annähernd 83 Prozent aller Zeitungsberichte vermittelten das Leitbild Willkommenskultur in einem positiven oder mehr positiven Sinne. Über Bedenkenträger oder Skeptiker wurde eher selten berichtet.

Vor allem die lokale und regionale Presse kommt in der Studie sehr schlecht weg:

Die Besonderheit der Regionalpresse, dass sie [die Journalistinnen und Journalisten] in ihren Lokalteilen die Nah- und Alltagswelt der Menschen durchleuchten und Vorgänge wie auch Probleme quasi hautnah recherchieren, wurde im Jahr 2015 für die Flüchtlingsthematik nicht genutzt. Die vergleichsweise wenigen Texte, die Probleme oder Konflikte thematisierten, sind fast ausnahmslos Veranstaltungsberichte und insofern keine journalistischen Eigenleistungen. Nur in seltenen Ausnahmefällen wurden abweichende Positionen wie auch behördliche Fehlleistungen untersucht oder Fachwissen eingeholt und ausgewertet oder dialogisch aufbereitet.

Überhaupt sieht es so aus, dass Journalistinnen und Journalisten sehr viel Wert darauf legen, was andere Journalistinnen und Journalisten über sie denken. Der Medienwissenschaftler Hans Mathias Kepplinger schreibt:

Eine Ursache der Entstehung von berufsspezifischen Übereinstimmungen bei der Bewertung aktueller Fragen ist die extrem intensive Kollegenorientierung im Journalismus. Alle Journalisten verfolgen permanent die Berichterstattung aller ihnen relevant erscheinenden Medien, bilden sich ein Urteil über die Einschätzung der Lage durch Kollegen und orientieren sich an den publizierten Sichtweisen der von ihnen besonders geschätzten Medien.

Die Kollegenorientierung zeigt sich auch in der geringen Bereitschaft von Journalistinnen und Journalisten, sich untereinander zu kritisieren:

Journalisten sind deutlich weniger zur öffentlichen Kritik am beruflichen Fehlverhalten ihrer Kollegen bereit als Wissenschaftler und Techniker. Deshalb berichten sie — wie quantitative Analysen belegen — seltener über bekannte Missstände im eigenen Beruf als über bekannte Missstände in anderen Berufen

… schreibt Kepplinger. Und das ist eigentlich besonders paradox, denn während Journalistinnen und Journalisten bei Fehlern in anderen Berufen ihre Aufgabe darin sehen, Transparenz herzustellen, Missstände ans Licht zu bringen und offenzulegen, wenn Kollegen sich decken, ist gegenseitige Kritik unter Journalistinnen und Journalisten als “Kollegenschelte” verpönt. Wer sich widersetzt, gilt schnell als “Nestbeschmutzer”.

Inzwischen kann das nicht mehr verhindern, dass die Arbeit von Journalistinnen und Journalisten öffentlich kritisiert wird. Diese Aufgabe übernimmt einfach das Publikum. Doch die Kollegenorientierung bleibt ein Problem.

Gegen bestimmte Herdentendenzen können Journalistinnen und Journalisten selbst etwas tun: Damit Kritik in Gruppen nicht einfach unerwähnt bleibt, weil niemand die Person sein möchte, der alles schlechtredet, kann jemand aus der Gruppe die Aufgabe zugewiesen bekommen, die Rolle des Advocatus Diaboli einzunehmen, der die gegnerischen Positionen vertritt und Zweifel äußert. Eine andere Möglichkeit, das Gruppendenken aufzubrechen, ist die Prä-mortem-Methode. Dabei besteht die Aufgabe darin anzunehmen, dass der schlimmste Fall bereits eingetreten ist, und im Rückblick die Frage zu beantworten: Wie konnte diese Katastrophe passieren?

Um nicht den Fehler zu machen, sich an anderen zu orientieren, obwohl die es selbst vielleicht auch gar nicht besser wissen, hilft dagegen oft schon ein sehr einfaches Mittel: nachfragen.

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Teil 1 unserer Serie “Kleine Wissenschaft des Fehlers” gibt es hier, Teil 2 hier und Teil 3 hier. Oder alle Teile auf einmal hier.

Bedrohung durch Neonazis, Redaktion im Schleudergang, Esoterik-Murks

1. So bedrohen Neonazis kritische Journalisten
(blog.zeit.de, Jonas Miller & Jens Eumann & Henrik Merker)
Journalistinnen und Journalisten, die über Rechtsextremismus und Neonazis berichten, sind immer wieder Einschüchterungsversuchen und Angriffen ausgesetzt. Im “Störungsmelder”-Blog bei “Zeit Online” erzählen Jonas Miller, Jens Eumann und Henrik Merker, “wie es ist, im Fadenkreuz der Szene zu stehen.”

2. Daphne Caruana Galizia: Druck auf Maltas Regierung steigt
(ndr.de, Ellen Trapp, Video: 6:00 Minuten)
Zwei Jahre ist es her, dass die maltesische Journalistin Daphne Caruana Galizia durch einen Anschlag mit einer Autobombe ermordet wurde. In den vergangenen Wochen ist wieder Bewegung in den Fall und die dazugehörigen Ermittlungen gekommen — bis hin zu einer Rücktrittsankündigung von Maltas Premierminister Joseph Muscat. Ellen Trapp fasst die Ereignisse im Medienmagazin “Zapp” zusammen.

3. Eine Redaktion im Schleudergang
(sueddeutsche.de, Verena Mayer & Jens Schneider)
Die frühere Chefin der Stasi-Unterlagenbehörde Marianne Birthler und der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk legten gestern ein Gutachten zur Stasi-Vergangenheit des Neu-Verlegers Holger Friedrich vor, der gemeinsam mit seiner Frau Silke den Berliner Verlag und damit auch die “Berliner Zeitung” gekauft hatte. Verena Mayer und Jens Schneider fassen die Ergebnisse des Gutachtens (und zusätzlich die weiteren Querelen rund um die Friedrichs) zusammen: “Die Gutachter betonen ausdrücklich ihren Respekt gegenüber den Redaktionen des Berliner Verlags, ‘die in einer schwierigen Situation versucht haben, trotz bestehender Abhängigkeitsverhältnisse so unabhängig wie irgend möglich vorzugehen und vor allem den Leserinnen und Lesern die Möglichkeit zu geben, sich ein eigenes Urteil zu bilden’.”
Weiterer Lesetipp: Die “Berliner Zeitung” richtet sich in einem “In eigener Sache” an die Leserinnen und Leser und veröffentlicht neben einem Brief des Gutachter-Duos Birthler und Kowalczuk auch dessen ausführlichen Bericht.

4. Medien wollen mehr
(taz.de, Christian Rath)
Ein Bündnis aus Journalistengewerkschaften und dem Deutschen Presserat, dem Netzwerk Recherche, Verlegerverbänden und dem Verband privater Medien sowie ARD und ZDF fordert vom Bundestag ein Presseauskunftsgesetz. Christian Rath erklärt: “Die Lücke, die ein derartiges Gesetz schließen soll, besteht seit 2013. Bis dahin galt für Medienanfragen an Bundesbehörden das Pressegesetz des jeweiligen Bundeslandes, in dem die Behörde ihren Sitz hatte. Für Anfragen an das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge in Zirndorf galt zum Beispiel das bayerische Pressegesetz. Völlig überraschend stellte jedoch das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig 2013 fest: Für Presseauskünfte gegen Bundesbehörden ist ein Bundesgesetz erforderlich. Ohne ein entsprechendes Bundesgesetz gelte nur ein ‘Minimalstandard’, der unmittelbar aus dem Grundrecht auf Pressefreiheit abzuleiten sei.”

5. Dieser Twitter-Account gibt sich als syrischer Flüchtling aus
(correctiv.org, Alice Echtermann)
“Dawuhd Nabil” ist angeblich “Syrian Refugee, Muslim, Activist” und twittert ziemlich provozierende Aussagen, die immer wieder für reale unverschämte Forderungen eines syrischen Flüchtlings gehalten werden. Alice Echtermann hat die Hintergründe des Accounts recherchiert und konnte keine Spuren eines echten “Dawuhd Nabil” finden. Ihr Fazit: Es handele sich “um einen Fake-Account”, der “Beiträge unter falscher Flagge veröffentlicht”.

6. Leuchtender Feind im Klassenzimmer
(kontextwochenzeitung.de, Jürgen Lessat)
In der SWR-Sendung “Marktcheck deckt auf” über “Das Geschäft mit LED-Lampen” gab es auch ein “Experiment” in einem Klassenzimmer: Können Schülerinnen und Schüler unter LED-Leuchten schlechter lernen als unter Halogenlampen? Jürgen Lessat hat sich den Beitrag für “Kontext” angeschaut und die Merkwürdigkeiten festgehalten, die Hintergründe der präsentierten “Lichtexperten” recherchiert und beim SWR nachgefragt: “Warum verschweigen die ‘Marktchecker’ das anthroposophische Weltbild der aufgebotenen Lichtexperten? Warum suggerieren sie Wissenschaftlichkeit, wo esoterische Maßstäbe angelegt werden? Das wollte Kontext vom SWR wissen.”

Herkunft von Tatverdächtigen, feindseliges Verhalten, DJV-Sexyness

1. Wie oft nennen Medien die Herkunft von Tatverdächtigen?
(mediendienst-integration.de, Jennifer Pross)
Die Hochschule Macromedia hat für eine Studie nachgeschaut, wie oft und in welchen Fällen Redaktionen die Herkunft von Tatverdächtigen in ihrer Berichterstattung nennen. Jennifer Pross fasst die Ergebnisse für den “Mediendienst Integration” zusammen: Die Herkunft werde “vor allem dann genannt, wenn die Tatverdächtigen Ausländer sind.” Außerdem hat Studienautor Thomas Hestermann für den “Mediendienst Integration” eine ausführliche “Expertise” erstellt (PDF). Er nennt darin teils erschreckende Zahlen, etwa: “Verglichen mit der Polizeilichen Kriminalstatistik, ergibt sich daraus ein stark verzerrtes Bild: Während die Polizei 2018 mehr als doppelt so viele deutsche wie ausländische Tatverdächtige erfasste, kommen in Fernsehberichten mehr als 8 und in Zeitungsberichten mehr als 14 ausländische Tatverdächtige auf einen deutschen Tatverdächtigen.”
Weitere Lesetipps: Keine “Lückenpresse” (deutschlandfunk.de, Gudula Geuther), Die Gefahr der Obsession (taz.de, Peter Weissenburger) und Bizarrer Fetisch: Mann wird nur von Verbrechen erregt, wenn sie von Ausländern begangen werden (der-postillon.com).

2. Impulse aus Straßburg zur grundrechtlichen Bewertung feindseligen Verhaltens Privater gegenüber Journalist*innen
(juwiss.de, Tobias Brings-Wiesen)
Nachdem die NPD zu einer Demonstration gegen drei Journalisten aufgerufen hatte, schreibt Jurist Tobias Brings-Wiesen darüber, “wie schwierig in der grundrechtlichen Bewertung die Abgrenzung zulässiger Opposition von grenzüberschreitender Oppression sein kann”: “Der Sachverhalt bietet daher Anlass zu grundsätzlichen Überlegungen, wie mit feindseligem Verhalten Privater gegenüber Journalist*innen — auch unterhalb der Schwelle physischer Attacken — auf Ebene der Grundrechte umzugehen ist.” Er bringt dazu die Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte ins Spiel, bei der es um ein “environment protective of journalism” geht.

3. Fehler im Atom-Kommentar
(blogs.taz.de, Malte Kreutzfeldt)
In einer “taz”-Beilage ist ein Text zum Thema Atomkraft erschienen (Überschrift: “Atomenergie als kleineres Übel”), der in einem Workshop von Nachwuchsjournalistinnen und -journalisten entstanden ist. Malte Kreutzfeldt schreibt im “taz”-eigenen “hausblog” dazu: “Bei dem Text der beiden Workshop-Teilnehmer*innen handelt es sich um einen Kommentar, und natürlich kann man zum Sinn der Atomkraft unterschiedlicher Meinung sein. Aber auch in Kommentaren müssen die Fakten stimmen, auf denen die Meinungen beruhen. Und das ist in diesem Text, wie auch zahlreicher Leser*innen anmerkten, an mehreren Stellen leider nicht der Fall. Folgendes möchten wir darum an dieser Stelle klarstellen”.

4. Auf der Suche nach mehr Sexyness
(deutschlandfunk.de, Vera Linß)
Zum 70. Geburtstag des Deutschen Journalisten-Verbandes (DJV) spricht Vera Linß über die “Attraktivitätsprobleme” der Gewerkschaft: “Die Mitgliederzahl ist seit 2003 um 10.000 gesunken — auf derzeit 32.000. Denn junge Leute bleiben fern. Früher ging man nach dem Volontariat direkt in die Gewerkschaft. Heute ist das nicht mehr so. Das hat zum einen finanzielle Gründe. Aber auch die Überalterung des DJV schreckt viele ab.”
Weiterer Hörtipp: Jörg Wagner und Daniel Bouhs hatten im Medienmagazin des rbb den DJV-Vorsitzenden Frank Überall zu Gast.

5. Werbe-Tracking: Datenschutzbeauftragte prüft Landesportal berlin.de
(heise.de, Stefan Krempl)
Berlins Datenschutzbeauftragte Maja Smoltczyk sagt, “das offizielle Hauptstadtportal” Berlin.de handle “für das Land Berlin ‘rufschädigend'”, weil es über Werbetracker reichlich Daten der Benutzerinnen und Benutzer absaugt. Stefan Krempl erklärt bei heise.de: Die Betreiberfirma hinter Berlin.de, Berlin Online, gehöre zu 74,8 Prozent dem Berliner Verlag, der bekanntermaßen dem Neu-Verlegerpaar Silke und Holger Friedrich gehört.
Weiterer Lesetipp: Netzpolitik.org über “die wirre Geschichte einer Hauptstadt-Website”.

6. Wir müssen Autorinnen ermuntern
(planet-interview.de, Jakob Buhre)
Jakob Buhre hat ein “Kurz-Interview” mit Jörg Schönenborn geführt. Gewohnt hartnäckig fragt Buhre bei dem Fernsehdirektor des WDR und Koordinator Fernsehfilm in der ARD nach, ob dieser Interesse daran habe, dass mehr Frauen die Drehbücher von “Tatort” und “Polizeiruf” schreiben (aktuell liege der Anteil bei unter 10 Prozent), und ob Schönenborn es in Ordnung finde, dass bei der ARD für Dokumentationen vergleichsweise wenige Gelder vorhanden sind (allein der “Tatort” erhalte beinahe so viel Budget wie alle Dokumentarfilme zusammen).

Narrativ der Kulturverdrängung, Falsch gekachelt, Aufkleber

1. Narrativ der Desinformation: Migration verdrängt deutsche Traditionen
(correctiv.org, Cristina Helberg)
Seit Jahren erzählen rechtspopulistische Politikerinnen und Politiker, Blogger und Websites immer dasselbe Märchen von den bösen Andersgläubigen, die uns angeblich unserer christlichen Traditionen berauben. Es ist das “Narrativ der Kulturverdrängung durch Toleranz”. Cristina Helberg zählt einige Beispiele auf und hat zum Schluss eine schöne Pointe aus dem “AfD-Werbemittelshop” parat.

2. Was ist Rundfunk?
(sueddeutsche.de, Benedikt Frank)
Der veraltete Rundfunkstaatsvertrag mit seinem Fokus auf die traditionellen Medien soll demnächst durch einen Medienstaatsvertrag ersetzt werden, der auch die neuen Medien im Visier hat. Benedikt Frank erklärt in einer Art FAQ, was das für Produzenten und Publikum bedeutet.

3. Mit Unwahrheiten für die “Wahrheit” kämpfen: Die falschen Zahlen der AfD
(uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
Die AfD provozierte unlängst mit einem “Aussteigerprogramm für Mainstreamjournalisten”. Beworben wurde die Aktion unter anderem mit einer Social-Media-Kachel mit vermeintlichen Zuschauer- und Marktanteilen. Stefan Niggemeier hat nachgerechnet und befindet: Es sei “schwer, die vielen verschiedenen Ebenen von Falschheit, die sich hier aufs Falscheste miteinander verbinden, überhaupt zu würdigen.”

4. Fast alle Schweizer Medien liefern freiwillig Daten an Facebook
(medienwoche.ch, Benjamin von Wyl & Matthias Eberl)
Ungeachtet der vielen Kontroversen lassen fast alle Schweizer Medienunternehmen ihre Leser und Leserinnen von Facebook tracken, so die Beobachtung von Benjamin von Wyl und Matthias Eberl. Das ist besonders interessant im Zusammenhang mit der sogenannten Login-Allianz einiger Schweizer Medien, denn: “Ein konsequentes Abschirmen gegen Facebook wäre das beste Argument für die Registrierung bei der Login-Allianz gewesen.”

5. Phoenix: Anti-Rassismus-Aufkleber waren “unangebracht”
(dwdl.de, Uwe Mantel)
Als Phoenix am vergangenen Wochenende vom AfD-Bundesparteitag berichtete, kam eine Gerätebox eines Dienstleisters zum Einsatz, die mit politischen Parolen und Anti-Rassismus-Sprüchen beklebt war. Die Leitung des technischen Dienstleisters habe sich im Nachhinein davon distanziert, weil damit die gebotene Neutralität verletzt worden sei. Auch Phoenix nahm dazu Stellung: Private Meinungsäußerungen seien an einem professionellen Fernseh-Set “unangebracht” und “sollten unterbleiben”.

6. Spotify-Charts: Post Malone ist der Streamingkönig des Jahres
(rnd.de)
Zum Ende des Jahres verrät Streaminganbieter Spotify, was 2019 weltweit am meisten gehört wurde. Auf den ersten fünf Plätzen liegen der US-Rapper Post Malone (mehr als 6,5 Milliarden Streams), die Newcomerin Billie Eilish sowie Ariana Grande, Ed Sheeran und Bad Bunny. In Deutschland führt Capital Bra die Charts an. Bemerkenswert ist die Hitliste der weltweit am meisten gehörten Spotify-Podcasts. Dort stehen gleich zwei deutsche Produktionen in den Top 5: “Gemischtes Hack” von Tommi Schmitt und Felix Lobrecht sowie “Fest & Flauschig” von Jan Böhmermann und Olli Schulz.

ZDF kippt AfD-Beitrag, Prekärer Journalismus, Aufregung um Geste

1. ZDF nimmt Beitrag über AfD-Spitzenpolitiker aus dem Programm
(tagesspiegel.de, Matthias Meisner)
Das ZDF-Magazin “Frontal 21” wollte am Dienstagabend einen der potenziellen Nachfolger von AfD-Chef Alexander Gauland porträtieren: den sächsischen AfD-Politiker Tino Chrupalla. Dieser habe den Kreisverband Görlitz “wie eine Sekte geführt”, Kritiker seien “mundtot gemacht” worden. Chrupalla habe versucht, per Unterlassungsverfügung die Ausstrahlung des Beitrags zu verhindern. Das ZDF habe diese zwar nicht unterzeichnet, jedoch den Beitrag (vorerst) zurückgezogen.
Weiterer Lesetipp: Das ZDF hat mit einer offiziellen Stellungnahme reagiert: “Richtig ist, dass das ZDF einen Online-Text zurückgezogen und sich verpflichtet hat, eine Stellungnahme von Tino Chrupalla abzuwarten und ggf. zu berücksichtigen, also ohne Abschluss der Recherchen die Ankündigung nicht mehr zu publizieren. Die Recherchen laufen noch, dementsprechend ist eine Berichterstattung weiter möglich. In seiner gestrigen Ausgabe hat Frontal 21 einen Beitrag zur AfD und umstrittenen Spenden veröffentlicht. Spekulationen, die AfD oder Tino Chrupalla hätten eine Berichterstattung des ZDF verhindert, sind falsch.”

2. Aufregung um Geste von Storchs
(tagesschau.de, Patrick Gensing)
Während einer Bundestagsdebatte machte die AfD-Abgeordnete Beatrix von Storch eine wütende Handbewegung, die von vielen als Kopf-ab-Geste gewertet wurde. So einfach ist es jedoch nicht, wie ARD-“Faktenfinder” Patrick Gensing nach Ansicht der kompletten Aufzeichnung herausgefunden hat.

3. Ich wollt’s eigentlich nicht. Aber ich muss: Über Geld und Journalismus reden.
(twitter.com, Tobias Hausdorf)
Tobias Hausdorf besucht mit 15 weiteren angehenden Journalisten und Journalistinnen die Evangelische Journalistenschule in Berlin. Derzeit seien alle auf ihren Praxisstationen im öffentlich-rechtlichen Radio. Hausdorf hat sich bei seinen Mitschülern und Mitschülerinnen umgehört, wie viele ein Entgelt bekommen: “Joa, so 11 von 16 bekommen nichts. Also 0€ für drei Monate Praktikum. Von den 11 bekommen 3 nach einigen Wochen etwas, weil sie bei dann bei einem anderen Sender hospitieren. Und für alle von uns, für 16 von 16 Leuten ist das nicht das erste Praktikum. Bei mir ist es das achte.” Ein lesenswerter Thread, der deutlich macht, wie kaputt das System der Journalistenausbildung ist.

4. Twitter löscht inaktive Konten und gibt Namen wieder frei
(heise.de, Eva-Maria Weiß)
Twitter will eine große Aufräumaktion starten und ab dem 11. Dezember inaktive Konten löschen. Die freigewordenen Accountnamen könnten dann wieder von anderen genutzt werden. Die Aktion mag bei all den Konten in Ordnung gehen, die tatsächlich nie genutzt wurden, weil es zum Beispiel nur darum ging, sich einen Namen zur späteren Nutzung zu sichern oder ihn dauerhaft zu blockieren. Doch der Löschaktion werden voraussichtlich viele Konten von Verstorbenen zum Opfer fallen, und dies berührt das schwierige Thema “digitaler Nachlass”.

5. Ein anderes Internet schien möglich
(netzpolitik.org, Anne Roth)
Vor 20 Jahren wurde die Indymedia-Plattform gelauncht, ein internationales globalisierungskritisches Non-Profit-Netzwerk von Medienaktivistinnen und -aktivisten. Anne Roth erzählt von der Geschichte der Bewegung und ihrem ersten Kontakt im Jahr 2000, von den Blütezeiten der Plattform bis hin zum heutigen Tag.

6. “Ich war Reporter und kein Clown”
(spiegel.de, Alex Raack)
Alex Raack hat sich mit der Sportjournalisten-Legende Marcel Reif über dessen Kindheit, die Anfänge im Sportjournalismus, die berühmt gewordene Doppelmoderation mit Günther Jauch und die erste Begegnung mit Franz Beckenbauer unterhalten. Und ihn gefragt, warum er vor drei Jahren seine Karriere beendet hat: “Nicht nur deshalb, aber auch, nachdem vor dem Derby Dortmund gegen Schalke ein Mob mein Auto eingekreist und hin- und hergerüttelt hatte. Auf dem Beifahrersitz saß meine Frau und hatte die nackte Angst in den Augen. Da habe ich mir gesagt: Vielleicht ist es besser, wenn du aufhörst. Das wollte ich mir nicht antun.”

Absetzungs-Petition, Antiziganismus, Deutsche-Sprache-Vereinsmeier

1. Landwirte fordern Absetzung von Journalistin
(deutschlandfunk.de, Tobias Krone, Audio: 17:03 Minuten)
Einige bayerische Landwirtinnen und Landwirte fordern in einer Petition die Absetzung einer Journalistin des BR. Ihnen gefiel nicht, dass in einem Bericht über eine Bauern-Demo auch eine Kritikerin zu Wort kam. Mehr als 5.000 Personen haben den Aufruf unterschrieben. Der Bauernverband zähle nicht zu den Unterzeichnern, habe jedoch im Rundfunkrat des BR gegen den Beitrag Beschwerde eingelegt.

2. Antiziganismus bei Sat.1
(taz.de, Dinah Riese)
Die “Spiegel TV”-Reportage “Roma: Ein Volk zwischen Armut und Angeberei” (Sat.1) wurde nach ihrer Ausstrahlung von vielen als antiziganistisch kritisiert. Besonders der Zentralrat der Sinti und Roma zeigte sich erschüttert: Der Beitrag habe unter Sinti und Roma in Deutschland große Ängste ausgelöst. Nun hat der Politologe Hajo Funke die Sendung für ein Gutachten untersucht. Sein Urteil: Der Film “widerspricht allen journalistischen Kriterien von Fairness, Ausgewogenheit und Aufklärung.” Er sei geeignet, “diejenige Gruppe, die mit den schärfsten und gröbsten Vorurteilen belegt ist, noch einmal mit Vorurteilen, Abwertung und Demütigung zu versehen”, so Funke. Der Film erfülle “alle Kriterien der Volksverhetzung”, und es solle geprüft werden, ob ein Verbot der Weiterverbreitung möglich sei. Der Sender habe die Vorwürfe als unbegründet zurückgewiesen.

3. “Schmach über jeden Deutschen, der seine heilige Muttersprache schändet!”
(spiegel.de, Katja Iken)
Im Allgemeinen Deutschen Sprachverein organisierten sich 1885 einige Sprachpuristen, die sich dort für die “Reinheit” der deutschen Sprache einsetzten. Katja Iken erinnert an den Verein, der 1930 knapp 500 Zweigvereine mit rund 50.000 Mitgliedern unterhielt und sich gegen die “Durchseuchung”, “Versumpfung” und “Unterjochung” des Deutschen durch Fremdwörter einsetzte.

4. Impeachment-Podcasts
(notes.computernotizen.de, Torsten Kleinz)
In den USA boomen derzeit die Impeachment-Podcasts, in denen es um die mögliche Amtsenthebung des amerikanischen Präsidenten Donald Trump geht. Torsten Kleinz hat sich durch das Angebot gehört, von CNN bis zu “Buzzfeed”.

5. Nur Fakten können wahr oder falsch sein
(tagesspiegel.de, Karola Wille)
Die Intendantin des Mitteldeutschen Rundfunks Karola Wille hat in einem Gastbeitrag über die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks geschrieben. Dort geht es unter anderem um die Notwendigkeit, unbequeme Meinungen aushalten zu können, sie aber auch einzuordnen. “In einer Zeit, in der Populisten ein Recht auf eigene Fakten beanspruchen, gilt es mehr denn je das Fundament demokratischer Gesellschaften, die gemeinsame Faktenbasis, zu sichern. Wenn Rechtspopulisten ein politischer Faktor sind, müssen sie, je nach Relevanz ihrer Themen, journalistisch eingeordnet werden. Unwahrheiten müssen durch sorgfältigste journalistische Vorbereitung korrigiert und konsequent richtig gestellt werden, rassistische und diskriminierende Äußerungen sind klar als solche zu benennen.”

6. Riesen-Panne überschattet die International Emmys
(rnd.de)
Bei der Verleihung der International Emmys, Ableger des großen US-Branchenpreises, kam es zu einer Panne: Ein Laudator hatte einen falschen Umschlag dabei und gab vorzeitig den Gewinner des Preises für die “Beste Dramaserie” bekannt. Ab dem Moment war den Machern der der ZDF-Reihe “Bad Banks” klar, dass sie nicht gewinnen werden.

G20-Urteil, Appell ans ZDF, Zum Abschuss freigegeben

1. G20-Aufarbeitung: Urteil gibt Journalisten recht
(ndr.de, Caroline Schmidt)
Das Berliner Verwaltungsgericht hat zwei Journalisten Recht gegeben, denen 2017 beim G20-Gipfel in Hamburg plötzlich die Presseakkreditierung entzogen worden war. Der Verwaltungsakt sei rechtswidrig gewesen, es habe keine Voraussetzung für einen Widerruf der Akkreditierungen vorgelegen. Caroline Schmidt hat den bedenklichen Verstoß gegen die Pressefreiheit in einem Beitrag für das Medienmagazin “Zapp” zusammengefasst.
Weiterer Lesehinweis: Die geheimnisvolle Festnahme: “Die Bundesregierung entzog »nd«-Redakteur Simon Poelchau die G20-Akkreditierung — auf falscher Grundlage” (neues-deutschland.de, Sebastian Bähr).

2. Pressemitteilung: Deutsche Bildungslandschaft fordert Umdenken beim ZDF
(wikimedia.de)
Öffentlich-rechtliche Bildungssendungen und -inhalte sollten länger als fünf Jahre im Netz bleiben. Dies fordern die Bildungsgewerkschaft GEW, der Deutsche Bibliotheksverband und Wikimedia Deutschland in einem gemeinsamen offenen Brief an das ZDF (PDF): “Die Wissenschaft und freie Wissenssammlungen wie Wikipedia setzen auf Belege, die dauerhaft online sind. Bibliotheken bieten kostenfreien Zugang zu Wissen und Informationen. Ihre Nutzerinnen und Nutzer erwarten, dass Inhaltsangebote in Bibliotheken auf Dauer und nicht zeitlich begrenzt zur Verfügung stehen.“

3. Auf Twitter zum Abschuss freigegeben
(dw.com, Ines Eisele)
Ines Eisele greift für die Deutsche Welle die Causa des “Welt”-Kolumnisten Don Alphonso auf, dem unter anderem vorgeworfen wird, seine Follower gezielt gegen Andersdenkende aufzuwiegeln. Dabei kommt auch Matthias Quent zu Wort, der Direktor des Instituts für Demokratie und Zivilgesellschaft: “Dinge, die vorher eindeutig rechtsradikalen Akteuren wie etwa der Identitären Bewegung zuzuordnen waren und eher im Verborgenen passiert sind, sind heute viel stärker mit einer rechtskonservativen Öffentlichkeit verzahnt. Es gibt die Tendenz, dass jemand, der öffentlich renommiert ist, vorangeht, unerwünschte Personen im Grunde markiert und zum Abschuss freigibt, und sich dann Rechtsradikale darauf stürzen.”
Dazu ein Hörtipp: Im Magazin “Fazit” von Deutschlandfunk Kultur erläutert der Autor und Filmemacher Mario Sixtus, wie der Hass aus dem Internet orchestriert wird (Audio: 8:26 Minuten).

4. Ein junger Mann aus einer Stadt am Niederrhein hat uns geschrieben …
(twitter.com/RainerLeurs)
Rainer Leurs, Redaktionsleiter des Onlineangebots der “Rheinischen Post”, berichtet auf Twitter von einem besorgniserregenden Fall: Ein junger Mann habe um Entfernung seines Namens aus einem harmlosen Artikel gebeten: “Dadurch, dass mein Name auf Ihrer Website erschienen ist, bekomme ich ständig Hass-Botschaften und persönlich angreifende Nachrichten von Rechtsradikalen wie Pegida und AfD”.

5. Glaubwürdigkeit deutscher Medien ist leicht gesunken
(dwdl.de, Alexander Krei)
Der WDR hat bei Infratest dimap eine repräsentative Studie zur Glaubwürdigkeit deutscher Medien in Auftrag gegeben. Das Ergebnis: Nur 61 Prozent der Befragten würden die Informationen in deutschen Medien für glaubwürdig halten. Interessant sind die regionalen Unterschiede: Im Westen Deutschlands sind es 64 Prozent, im Osten nur 48 Prozent. In den ostdeutschen Bundesländern würden rund 50 Prozent der Befragten davon ausgehen, dass es Vorgaben von Staat und Regierung gibt.

6. Twitter verwarnt Johnsons Konservative
(spiegel.de)
Am Dienstag kam es in Großbritannien zum großen TV-Showdown zwischen Premier Boris Johnson und Labour-Chef Jeremy Corbyn. Dies erschien der Pressestelle der britischen Regierungspartei eine gute Gelegenheit, ihren Twitter-Account “CCHQPress” umzubenennen und ihn vorübergehend wie eine neutrale und unabhängige Faktenchecker-Seite aussehen zu lassen. Twitter sanktionierte den Verstoß gegen die Regeln nicht, die eigentlich eine Irreführung von Menschen verbieten. Jeder weitere Verstoß werde jedoch “entschlossene Korrekturmaßnahmen zur Folge haben”.

Verlogene Kampagne, Merkwürdiges Manifest, Poschardts lautes Servus

1. Print wirbt: Burdas verlogener Kampf für das gedruckte Wort
(uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
Der Medienkonzern Burda hat eine Imagekampagne für das gedruckte Wort aufgesetzt, die fremdschämverdächtig zwischen Unverfrorenheit und Unverschämtheit mäandert. Ganz abgesehen von verstörend dümmlich klingenden Slogans und “interessanten” Behauptungen (laut Burda sei Print auch digital …). Stefan Niggemeier schreibt über die Kampagne eines Medienkonzerns, der schon oft durch sein schäbiges Verhalten aufgefallen ist und nun von Menschenrechten und Werten schwadroniert. Und dafür allerlei Prominente bis hin zum Bundestagspräsidenten einspannt.

2. So viel, so schnell, um uns herum
(spiegel.de, Stefan Kuzmany)
Das merkwürdige Manifest der neuen Eigentümer von Berliner Verlag und “Berliner Zeitung” Silke und Holger Friedrich beschäftigt weiterhin die Branche. Stefan Kuzmany kommentiert: “Jetzt gehört ihnen der Verlag und damit die Zeitung, und man darf annehmen, dass das der einzige Grund dafür ist, dass ihre “Berliner Botschaft” gedruckt wurde: Nackte Angst der ihnen nun untergebenen Journalistinnen und Journalisten. Niemand traute sich offenbar, die Chefs zu redigieren.” Zur Ehrenrettung der “Berliner Zeitung” muss man jedoch erwähnen, dass dort mittlerweile eine Art partielles Gegenstatement erschienen ist: Egon Krenz danken? Wohl eher nicht (berliner-zeitung.de, Frederik Bombosch).

3. Ulf Poschardt sagt zum Abschied laut Servus
(deutschlandfunk.de, Michael Borgers, Audio: 4:44 Minuten)
Der “Welt”-Chefredakteur Ulf Poschardt hat sich mit großer Geste von Twitter verabschiedet, das er als einen “Brandbeschleuniger sowieso hitziger Debatten” bezeichnet. Ein Klima, zu dem er selbst viel beigetragen habe, wie Michael Borgers im Deutschlandfunk kommentiert. Oder um es mit den Worten des “6 vor 9”-Kurators zu sagen: “Nein, Ulf #Poschardt macht nicht “den Habeck”. Poschardt macht den 13-Jährigen, der aus Spaß Katzen am Schwanz zieht, in Ameisenhaufen pinkelt und Sachen kaputt macht, um sich zu spüren. Und der damit nicht aus Einsicht aufhört, sondern weil es ihn nicht mehr kickt.”

4. Die Videos und Fotos zu unserer Konferenz
(netzpolitik.org, Markus Beckedahl)
Im September hielten die Kollegen und Kolleginnen von netzpolitik.org ihre sechste Konferenz in Berlin ab. Wer dort nicht dabei sein konnte, braucht nicht traurig sein: Ein Großteil der Talks wurde per Video aufgezeichnet.

5. Fakes über Belit Onay
(tagesschau.de, Konstantin Kumpfmüller)
In der Stichwahl um das Amt des Hannoveraner Oberbürgermeisters konnte sich der Grünen-Politiker und Sohn türkischer Einwanderer Belit Onay durchsetzen. Anlass für rechte und ganz rechte Kreise, in den Sozialen Medien gegen ihn zu hetzen und allerlei Verschwörungstheorien in Umlauf zu bringen. Konstantin Kumpfmüller erklärt, mit welchen Falschbehauptungen und frisierten Belegen die Hetzer gegen Onay im Netz vorgehen.

6. Die beste Werbung? Donald Trump
(sueddeutsche.de, Christian Zaschke)
Der “New York Times” geht es wirtschaftlich so gut wie lange nicht, und das liegt wohl ausgerechnet an einem ihrer größten Feinde, dem amerikanischen Präsidenten Donald Trump: Seit Beginn seiner Präsidentschaft verzeichnet das Blatt steigende Leserzahlen und gewinnt beständig neue Abonnentinnen und Abonnenten hinzu. Dank der üppig angewachsenen Cash-Reserven kann die “New York Times” nun sogar ihr Stammhaus zurückkaufen, von dem sie sich vor einiger Zeit aus wirtschaftlicher Not trennen musste.

Twitters Taktik, Frontstadt Cottbus, Kriegsreporter

1. Sechs Monate Twittersperre
(tomhillenbrand.de)
Es muss sich sehr frustrierend anfühlen: Der Autor Tom Hillenbrand wird von Twitter zu Unrecht gesperrt, bekommt vor einem deutschen Gericht Recht, erfährt aber trotzdem keine Gerechtigkeit. Das sich hinter seiner Dubliner Firmenadresse verschanzende Sozialen Netzwerk nehme die Einstweilige Verfügung aus Deutschland einfach nicht zur Kenntnis. Twittersperren-Opfer Hillenbrand kommentiert: “Meiner Ansicht nach ist der Gesetzgeber gefordert. Wenn eine Social-Media-Plattform hierzulande Kunden und Geschäft hat, müsste sie eine in Deutschland ansässige Dependance haben, die Korrespondenz entgegennimmt. Bei Fällen, die das NetzDG betreffen, ist das offenbar vorgeschrieben, bei Accountsperren wie meiner hingegen nicht.”

2. Der rbb und Cottbus
(ardaudiothek.de, Sebastian Schöbel, Audio: 25 Minuten)
In bestimmten Cottbusser Kreisen zählen die Reporterinnen und Reporter des rbb zum erklärten Feindbild. Dies äußert sich zum Beispiel bei flüchtlingsfeindlichen Demos, beim Ärger mit rechtsextremen Fußballfans oder beim Berichten über den Rückzug aus der Braunkohle. In der aktuellen Folge des Podcasts “Die erzählte Recherche” geht es um die schwierige Situation der regionalen Berichterstattung und die Frage: “Was passiert, wenn sich eine Stadt gegen einen Rundfunksender wendet?”

3. “Ich würde mich über AfD-Anhänger freuen”
(tagesspiegel.de, Thomas Gehringer)
Thomas Gehringer hat sich für den “Tagesspiegel” mit WDR-Talker Jürgen Domian unterhalten, der heute sein TV-Comeback feiert (WDR, 23:30 Uhr). Domian hat in den vergangenen beiden Jahrzehnten mehr als 20.000 Telefongespräche geführt und dabei unter anderem gelernt, dass Menschen “erschreckend abgründig sein können. Das habe ich vorher nicht so gesehen. Auf der anderen Seite habe ich gelernt, wie großartig Menschen sein können. Mutig, tapfer, Vorbilder für andere.”

4. Nein, “Zeit-Online”-Autor Christian Bangel forderte keinen “gezielten Völkermord durch Migration”
(correctiv.org, Till Eckert)
Hat “Zeit Online”-Autor Christian Bangel tatsächlich in einem Artikel den “Genozid am deutschen Volk” gefordert, wie die Website “Anonymous News” und ein ehemaliger Katzenkrimi-Autor, der schon mal wegen Volksverhetzung verurteilt wurde, behaupten? Natürlich nicht! “Correctiv”-Faktenchecker Till Eckert hat die Sache trotzdem noch mal aufgedröselt, zitiert die entsprechenden Passagen, erklärt die von beiden Seiten verwendeten Begriffe und zeigt, warum die Behauptung einfach nur falsch ist.

5. Kriegsreporter – Mythos und Wirklichkeit eines Berufsbildes
(de.ejo-online.eu, Martin Gerner)
Um den Beruf des Kriegsreporters beziehungsweise der Kriegsreporterin ranken sich vielerlei Mythen, doch die Wirklichkeit sieht oft anders aus. Martin Gerner erzählt, wie sich Kriegsberichterstattung tatsächlich abspielt. Dazu gehören auch die lokalen Reporter und Reporterinnen, die oftmals die schwere und gefährliche Vorarbeit übernehmen, deren Einsatz jedoch nicht angemessen gewürdigt werde: “Meinem Freund und Kollegen, dem afghanischen Fotojournalisten Massoud Hossaini, habe ich jahrelang nahegelegt, bei seiner renommierten Nachrichtenagentur auf gleichen Versicherungsschutz zu pochen. Er zögerte. Immer wieder. Erst als er den Pulitzer-Preis in den Händen hielt, traute er sich: “Jetzt werden sie mich wohl nicht vor die Tür setzen, wenn ich danach frage.””

6. Sind Memes nun illegal oder nicht?
(twitter.com/docupy, Video: 1:43 Minuten)
Ist das Anfertigen und Posten einer Mem-Bildtafel mit urheberrechtlich geschütztem Material legal oder illegal? Diese Frage hat der Youtuber Rezo Mitgliedern des Bundestages quer durch das Parteienspektrum gestellt. Es gab zwar Antworten, aber echte Sachkompetenz kann man wohl nur einer der Befragten attestieren …

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