Beim “TV-Blogger” tauchte am späten Samstagabend eine merkwürdige Information auf: Im Teletext von RTL sei auf der Seite von Didi Knoblauch, einem der Kandidaten von “Deutschland sucht den Superstar”, schon vermerkt, er sei ausgeschieden — dabei war zu diesem Zeitpunkt die Abstimmung noch gar nicht gelaufen. Das gab dann ein bisschen Aufruhr, ein paar Telefonate mit RTL und dann eine Erklärung vom Sender: Didi war ja tatsächlich schon einmal ausgeschieden. Als er überraschend am 20. Januar als Nachrücker eine zweite Chance bekam, hätten die Techniker vergessen, auf seinen Teletext-Seiten den Hinweis “ausgeschieden!” zu entfernen.
Wir wissen nicht, ob es so war. Aber die Erklärung klingt schon ziemlich plausibel. Plausibel genug jedenfalls, um sie — wenn man wie “Bild” heute aus dem Fall eine “Riesen-Panne” und einen Riesen-Artikel macht — wenigstens zu zitieren. Doch die “Bild”-Leser erfahren nur, dass “wieder ein Skandal die Glaubwürdigkeit” der Sendung “erschüttert”. Sie können mit “Bild” spekulieren, wieviele Fans von Didi sich wohl von der Meldung auf der Teletextseite haben abhalten lassen, für ihn noch abzustimmen (“niemand wird es je erfahren!”). Und sie lesen, dass “Bild” meint: “Die peinlichen Pannen bei ‘DSDS’ häufen sich” — es sind, nach “Bild”-Zählung, exakt zwei.
Es ist nicht so, dass “Bild” in seinem Verschwörungswahn RTL gar nicht zu Wort kommen lässt. Der entsprechende Absatz liest sich so:
Beim Sender spricht man lapidar von einer Panne. Dr. Stephan Schumacher, Geschäftsführer RTL-Teletext: “Es handelt sich hier um einen bedauerlichen Fehler der Videotextredaktion, für den wir uns entschuldigen.” Angeblich steht die Fehler-Seite bereits seit dem 23. Januar so im Teletext.
Aber warum dieses Angebliche gar nicht so abwegig ist, das steht nicht in “Bild”. Irgendwie hätte es die Geschichte wohl auch weniger aufregend gemacht.
Neulich rief eine Freundin aus München an und sagte, dass dort heftiges Schneetreiben herrscht. Der hab ich aber die Meinung gesagt. Erst habe ich ihr ausführlich beschrieben, wie das war, als mir in München so richtig die Sonne auf den Pelz brannte, der Himmel klar, die Luft mild. Und dann habe ich ihr, um sie vollends der Lüge zu überführen, Fotos geschickt von München im strahlenden Sonnenschein, Aufnahmen aus meinem letzten Sommerurlaub da unten. Die blöde Kuh.
Norbert Körzdörfer sieht das genauso. Der “Bild”-Kolumnist und offizielle “Berater des Chefredakteurs” widerlegte gestern in “Bild” einen aktuellen Bericht, wonach sich sein Freund Tom Cruise und dessen Freundin Katie Holmes getrennt hätten. Aber sowas von.
Die beiden können sich gar nicht getrennt haben, denn Körzdörfer hat sie getroffen. “Exklusiv für BILD”. In Shanghai. Am letzten Drehtag für “Mission Impossible III”.
Sein Sonnenbrillen-Blick streichelt über den schwangeren Bauch von Katie Holmes (…). “Siehst du das, Norbert!? Hab ich es dir nicht gesagt: Diese Frau lass’ ich nie mehr los!”
Na also. Norbert hat es gesehen. Alle Trennungs-Gerüchte: Lügen. Und dass dieser eindrucksvolle Sonnenbrillen-Blick, wenn er am letzten Drehtag von “Mission Impossible III” stattfand, immerhin schon zweieinhalb Monate zurückliegt — diese kleine Information hat Körzdörfer sicher nur vor lauter Rührung vergessen zu erwähnen.
Aber “Bild” hat noch andere Beweise.
Schein-Liebe? Ein Foto dementiert die Schlagzeilen: Tom Cruise (43) und Katie Holmes (27, im 7. Monat) küssen sich — öffentlich!
Das Foto, das die aktuellen Schlagzeilen “dementiert”, ist übrigens vor einem Monat aufgenommen worden: am 16. Januar am Rande eines Fußballspiels in Santa Monica. Das kann man auf der Homepage der Agentur nachlesen, aber leider nicht in “Bild”.
Mit der gleichen Methode könnte “Bild” auch beweisen, dass Jenny Elvers noch mit Heiner Lauterbach zusammen ist, Yvonne Wussow mit Klausjürgen Wussow und Adolf Hitler mit Eva Braun.
Wobei das Datum der Aufnahme fast egal ist, wenn man glaubt, mit einem öffentlichen Kuss beweisen zu können, dass zwei Menschen nicht nur zum Schein für die Öffentlichkeit zusammen sind. Norbert Körzdörfer glaubt das bestimmt. Norbert Körzdörfer beschreibt nämlich auch, wie sein Freund Tom Cruise seine Freundin Katie Holmes küsst, “so schön, daß ich wegschaue”, und weiß:
Körpersprache lügt nicht.
Außer vielleicht, wenn man das wirklich lange trainiert. Was macht Tom Cruise eigentlich nochmal beruflich?
Heute steht einer der lustigsten Sätze seit langem in der “Bild”-Zeitung. Er lautet:
RTL glaubt so fest an den Erfolg von Dieter Bohlen, daß der Sender den [Zeichentrick-Film über Bohlen] sogar als Gegenprogramm zu “Wetten, dass..?” mit Thomas Gottschalk (55) im ZDF zeigt.
Der ist gut.
Wenn “Wetten dass” läuft, guckt kein Schwein RTL. Deshalb lässt der Sender an diesen Samstagen sein Erfolgsprogramm “Wer wird Millionär” ausfallen. Deshalb lässt der Sender an diesen Samstagen sein Erfolgsprogramm “Deutschland sucht den Superstar” ausfallen. Deshalb wiederholt der Sender an diesen Samstagen fast immer irgendwelche alten Spielfilme.
Die naheliegende Erklärung, warum RTL “Dieter – der Film” gegen “Wetten dass” zeigt, wäre diese: Der Sender hält ihn für einen hoffnungslosen Fall.
Aber Dieter Bohlen ist ein Freund der “Bild”-Zeitung, und für Freunde tut man schon mal etwas. Man schreibt über einen der unmöglichsten Sendeplätze (nämlich parallel zur meistgesehenen Sendung im deutschen Fernsehen), es handele sich um die “beste Sendezeit”. Man zitiert Bohlen mit den Worten “Ich bin echt froh, daß der Film endlich fertig ist” und verschweigt, dass das Werk schon im Herbst 2004 ins Kino hätte kommen sollen, erst verschoben und schließlich, wie “Bild am Sonntag” im Juli 2005 schrieb, “von den Kinobossen” aus dem Programm geworfen wurde. Man jubelt: “Pop-Titan ist er schon. Jetzt wird er auch noch Filmstar!”, obwohl der Film doch gerade (trotz gegenteiliger Prognosen von “Bild”) das vorläufige Ende des Traums von einer Leinwandkarriere bedeutete.
Sogar auf die Seite 1 hat die “Bild”-Zeitung ihren Freund gehoben (siehe Ausriss), und das Wort “exklusiv” darin ist vielleicht der zweitbeste Witz in “Bild” seit langem. Die Zeitung hat die Bilder nämlich einfach von der RTL-Presseseite heruntergeladen, wo sie ganz offiziell und genau für diesen Zweck seit zwei Tagen herumliegen. Anderswo im Netz waren die Screenshots schon vorher zu finden. Und dass die Bilder trotzdem halbwegs “exklusiv” wirken, liegt nur daran, dass andere Medien kein Interesse hatten, auf einen Film, der offensichtlich zu schlecht fürs Kino war, drei Wochen vor der Ausstrahlung im Fernsehen groß hinzuweisen.
Naja, so ein paar LinksamAnfang können natürlich nie schaden. Ebensowenig wie die Information, dass Joachim Huber beim Berliner “Tagesspiegel” Redakteur der Medienseite ist, auf der in der Vergangenheit öftersmal “Bild”-kritische Artikel erschienen sind. Aber es geht auch ohne.
Schließlich ist dies nicht die Geschichte, wie Joachim Huber einmal dafür sorgte, dass die “Bild”-Zeitung auf ihr Seite-1-Girl verzichtet und stattdessen lieber das Foto einer verschleierten Frau gezeigt hatte. Nein, es ist nicht einmal eine Geschichte darüber, wie ein “Tagesspiegel”-Kollege Hubers Susanne Osthoff für den renommierten Grimme-Preis vorgeschlagen hatte und Huber daraus eine Nachricht bastelte, die ihm einigen Ärger einbrachte, zumal Huber selbst in die Grimme-Preis-Jury berufen worden war (siehe Links am Anfang), die am kommenden Samstag erstmals tagt. Und dass “Bild” Hubers Osthoff-Nachricht tags drauf auf der Titelseite brachte (siehe Ausriss), auf den “Tagesspiegel” als Quelle verzichtete und stattdessen lieber sinnentstellend zugespitzt behauptete, für ihre Auftritte “soll sie nun den bedeutenden Grimme-Medienpreis bekommen” – geschenkt. Wer erwartet schon, dass “Bild” sich mit den Regularien der Grimme-Preis-Vergabe vertraut macht, bevor sie darüber berichtet, anstatt zu verschleiern, dass Osthoff ja, wie gesagt, mitnichten nominiert, sondern lediglich vorgeschlagen worden war, was wenig bedeutet, weil über die Nominierungen eine Nominierungskommission entscheidet, und anschließend eine Preis-Jury über die Preisträger?
Nein, dies ist die Geschichte, wie “Bild” eine Falschmeldung korrigiert. Denn am Montag hatte “Bild” berichtet, Huber bleibe trotz seiner umstrittenen Meldung Grimme-Juror (siehe Ausriss links). Genauer gesagt hatte “Bild” ungeprüft eine kleine Meldung aus dem “Focus” übernommen – und anschließend sogar bei diversen Jury-Kollegen Hubers nachgefragt, was die denn eigentlich so davon halten. Das Ergebnis der Umfrage allerdings ist nie erschienen, was unter anderem daran gelegen haben könnte, dass die Meldung von Hubers Jury-Mitgliedschaft bereits überholt war, als der “Focus” erschien – und umso überholter, als “Bild” sie nachdruckte…
“Joachim Huber (47), Redakteur des Berliner ‘Tagesspiegel’, zieht sich aus der Jury des Grimme-Preises zurück. Der Journalist hatte ‘exklusiv’ über die angebliche Nominierung von Irak-Geisel Osthoff für den begehrten Medienpreis berichtet – obwohl der Vorschlag von einem ‘Tagesspiegel’-Redaktionskollegen stammte und Huber selbst Mitglied der Grimme-Jury ist. (…)”
PS: Dass Huber über den Osthoff-Vorschlag berichten konnte, hat nichts mit seiner Jury-Mitgliedschaft zu tun. Und dass Huber, anders als “Bild”, niemals fälschlicherweise “über die angebliche Nominierung” Osthoffs berichtet hatte, sondern faktisch korrekt über den tatsächlichen Vorschlag, blieb in “Bild” bis heute unberichtigt.
So schreibt’s heute die “Bild”-Zeitung und veröffentlicht ausführlich das Dementi ihrer Seite-1-Schlagzeile von gestern, in der sie das Gegenteil behauptet hatte. Mit großem Einsatz versucht sie aber auch den Eindruck zu erwecken, dass die von Fischer so heftig bestrittene Meldung ursprünglich gar nicht von ihr sei, sondern vom “Stern”. Und dass, genau wie “Bild”, auch quasi alle anderen Zeitungen berichtet hätten:
Joschka Fischer als Professor nach Amerika – das war gestern Top-Nachricht in vielen deutschen Zeitungen.
Alle Berichte beriefen sich dabei auf eine Exklusiv-Meldung des Magazins “Stern”.
“Bild” verschweigt, dass es zwei exklusive Meldungen gab. Eine am Dienstag vom “Stern”, wonach Fischer mittelfristig und für zwei bis drei Jahre in die USA gehen wolle — ihm lägen Angebote aus Princeton und Harvard vor. Und eine am Mittwoch von “Bild”, wonach feststehe, dass Fischer “auswandert” und das Angebot aus Harvard angenommen habe — beides hatte der “Stern” nie behauptet.
Während andere Zeitungen am Mittwoch nur die “Stern”-Meldung brachten, machte “Bild” also mit eigenen (von Fischer heftig dementierten) Informationen auf.
Auch mit einer Fotostrecke von Überschriften aus anderen Zeitungen versucht “Bild” heute wiedereinmal den Eindruck zu erwecken, gar nicht selbst schuld zu sein an dem “Wirbel”. “Bild” suggeriert, nur ein Medium von vielen zu sein, das über die umstrittenen Behauptungen berichtet habe.
So habe auch der Kölner “Express” gemeldet: “Joschka wird Professor”. Das stimmt. Anders als “Bild” gab der “Express” im Artikel selbst immerhin aber die Behauptungen über weite Strecken im Konjunktiv wieder.
Auch die “Berliner Zeitung” habe getitelt: “Professor Fischer trägt vor”, schreibt “Bild”. Das stimmt. Anders als “Bild” berichtete die “Berliner Zeitung” über die “Stern”-Meldung aber mit Distanz: “Der frühere Außenminister Joschka Fischer, so will es das Magazin Stern erfahren haben, will als Gastprofessor nach Amerika gehen.”
Auch die “Süddeutsche Zeitung” habe eine Meldung gebracht, schreibt “Bild”. Das stimmt. Anders als “Bild” hat die “SZ” aber die Distanz schon in die Überschrift gepackt: “Fischer geht angeblich als Professor in die USA”.
Und auch die “Financial Times Deutschland” habe unter der Überschrift berichtet: “Fischer will Professor in den USA werden”, schreibt “Bild”. Das stimmt. Aber anders als “Bild” wechselte die “FTD” immer wieder in den Konjunktiv: “… demnächst könnte der ehemalige Außenminister Joschka Fischer eine neue Aufgabe übernehmen …”.
Der Eindruck, den die “Bild”-Zeitung zu erwecken versucht, sie habe im Grunde nicht anders über Joschka Fischers Zukunft spekuliert als alle anderen Zeitungen auch, dieser Eindruck ist falsch.
Nachtrag, 16. Januar. Gegenüber der “Süddeutschen Zeitung” nannte “Stern”-Sprecher Frank Plümer das Vorgehen von “Bild” ein “unverschämtes, fadenscheiniges Manöver”:
“Offenbar sind die Kollegen nicht mal imstande, korrekt abzuschreiben, nun versuchen sie, uns die Schuld für die dadurch entstandenen Probleme in die Schuhe zu schieben.”
Natürlich kann man Journalismus auch als eine Art Fakten-Bingo betreiben: Man behauptet etwas, das man gar nicht richtig weiß, und hofft, dass es sich im Nachhinein als wahr herausstellt. Wenn man Glück gehabt hat und richtig lag, erweckt man den Eindruck, eine ganz besonders tolle Zeitung zu sein, die Dinge früher weiß und berichtet als andere.
Die “Bild”-Zeitung wusste vor ihrem Redaktionsschluss noch nicht, was die DNA-Analyse mehrerer Skelette ergeben hatte, mit der Forscher die Echtheit des angeblichen Schädels von Wolfgang Amadeus Mozart überprüfen wollten. Trotzdem schrieb sie:
Das österreichische Fernsehen ORF hielt das Ergebnis bis gestern spätabends zurück. Doch es sickerte bereits durch: Der Schädel soll echt sein.
Diese Nachricht hat “Bild” heute exklusiv. In Wahrheit ergab die Analyse der Skelette, die von Mozart, einer Nichte und seiner Großmutter stammen sollen, dass alle drei Leichen nicht miteinander verwandt waren. Ob der Schädel echt ist oder nicht, lässt sich deshalb nicht sagen.
Anders als Mainhardt Graf Nayhauß in seiner heutigen “Bild”-Kolumne schreibt, heißt der “Schuhverkaüfer” [sic!], der bei der Europa-Premiere von “King Kong” als Berlusconi auftrat, nicht Maurizio Antonius, sondern Maurizio Antonini.
Der Mann hatte schon Nayhauß’ Kollegen Iris Rosendahl und Jürgen Wenzel schwer verwirrt: “Und plötzlich tauchte da ein Staatsgast auf”, schrieben sie am Donnerstag in “Bild” über den “herrlichen” “Berlus-King-Kong” und blieben ratlos: “Isser’s oder isser’s nicht”?
Die Information, dass der echte Berlusconi “derweil in der Mailänder Oper erwartet” wurde, scheint Nayhauß dagegen exklusiv zu haben. Seine Kollegin von der “Berliner Morgenpost” behauptet jedenfalls, persönlich in Rom nachgefragt und erfahren zu haben, dass Berlusconi im Palazzo Chigi, dem Sitz des Ministerpräsidenten in Rom, ein “Meeting” hatte.
P.S.: Als Punkt 10 seiner grundsätzlich aus Superlativen bestehenden “Top-10 der Woche” schreibt Nayhauß:
Der neuste Polit-Witz
… lautet: Wo geht es denn zum Aufbau Ost? Antwort: Immer den Bach runter.
Nun ja. Der stand schon am 21. Juli 2005 im “Tagesspiegel”, am 21. Januar 2005 im “Freitag” und am 11. November 2000 in der “Mitteldeutschen Zeitung”, die ihn in der “Wende-Revue” des “neuen theaters” gehört hatte.
Ja, es stimmt tatsächlich, “Bild” hatte am vergangenen Dienstag exklusiv berichtet, dass der Fußballnationalspieler Kevin Kuranyi einen Werbevertrag mit der Softwarefirma Microsoft unterschrieben hat. Oder, in den Worten von “Bild”:
Im Text, dessen einzige Quellen offenbar die Vermarktungsfirma Sportfive und Kuranyi selbst sind, heißt es so schön:
Was für ein Jahr für Kevin Kuranyi. (…) und jetzt ist er auch noch der begehrteste deutsche Spieler. Sogar US-Milliardär Bill Gates will ihn! Der reichste Mann der Welt holt sich (…) die besten Spieler der Welt (…). Und aus Deutschland eben Kuranyi! Nicht Ballack, nicht Kahn — für Microsoft ist der Schalke-Stürmer der richtige Mann.
Und dann darf Sven Müller von der Vermarktungsfirma Sportfive, die laut “Bild” den Kontakt zwischen Microsoft und Kuranyi hergestellt hat, ausführlich zu Wort kommen, Kuranyi ein wenig lobhudeln und mit folgenden Worten schließen:
“Mit der Firma Rogon und Roger Wittmann hat er ein seriöses Team um sich.”
Nun ja, wir wissen zwar nicht, warum dieses PR-Gewäsch diese Information unbedingt in den Text musste, dafür aber, dass man über die Seriosität der Firma Rogon geteilter Meinung sein kann, wie sich heute beispielsweise im “Tagesspiegel” nachlesen lässt, und wie es gestern im “KölnerExpress” stand.
Aber das sei hier nur nebenbei erwähnt. Ebenso wie die Tatsache, dass es sich bei dem Deal zwischen Microsoft und Kuranyi laut “Bild” um einen “Millionen-Vertrag” handeln soll, während “Express” und “Tagesspiegel” bloß von 200.000 Euro bzw. 300.000 bis 400.000 Dollar Honorar ausgehen.
Der “Express” macht auch ansonsten einen recht gut informierten Eindruck und wusste gestern schon, dass Lukas Podolski ein ähnliches Angebot der Firma Microsoft erhalten hatte:
Für Gates´ Imperium Microsoft sollte Poldi während der WM unter anderem ein Internet-Tagebuch führen. Dafür hätte der 20-Jährige 300.000 Euro kassiert. Podolskis Berater sagte ab.
In demselben Artikel konnte man gestern auch nachlesen, dass zuvor bereits Oliver Kahn und Michael Ballack entsprechende Anfragen “abgeblockt” hatten. Womit wir wieder bei “Bild” wären. Die schreibt nämlich heute, zwei Tage nach der Jubel-Meldung über den Deal zwischen Kuranyi und Microsoft und einen Tag nach dem “Express”-Artikel dies:
Aha. Der Text endet mit folgenden Worten:
Da hatten die zuerst gefragten Kahn, Ballack und Podolski ein besseres Gespür. Und das Angebot gleich abgelehnt…
Fassen wir also zusammen: Erst verbreitet “Bild” eine PR-Meldung mit Begeisterung als Exklusiv-Geschichte und überlässt die Recherche anderen. Und wenn die dann herausfinden, dass es gar keinen Grund zur Begeisterung gibt, ist “Bild” enttäuscht. Vom eigenen Überschwang bleibt bloß der Satz: “BILD berichtete exklusiv” — und Häme.
P.S.: Die Nachrichtenagentur dpa gab übrigens am Dienstag unter Berufung auf “Bild” eine Meldung heraus, die die Überschrift trug: “Kuranyi deutsche Werbe-Lokomotive für Microsoft — Millionenvertrag”. Und heute berichtet die “Netzeitung” über den “Ärger um Kuranyis Microsoft-Vertrag”. Dabei geht sie fälschlich davon aus, dass es sich bei den Absagen von Kahn, Ballack und Podolski um “Bild”-Informationen handelt. Auch nicht schön.
Mit Dank für den sachdienlichen Hinweis an Hendrik G.
Am Samstag berichtete “Bild” (wir erinnern uns) über ein paar minderjährige Musiker (Tokio Hotel), die sich auf einer Party (Oberhausen) angeblich danebenbenommen hatten (“kippen erste harte Drinks im Minutentakt”). Und am Montag stand’s schon wieder in “Bild”:
“Besonders Gitarrist Tom (16) kippte dabei hochprozentige Cocktails in Mengen, u. a. gemixt mit Wodka (BILD berichtete).”
Dazu später. Denn am Montag hieß es in “Bild” auch exklusiv:
“Jetzt ermittelt das Jugendamt des Ohrekreises (Sachsen-Anhalt), in dem die jungen Popstars leben, wegen Verstoßes gegen das ‘Gesetz zum Schutz junger Menschen vor Gefahren des Alkoholkonsums’. Dieses besagt, daß hochprozentige Getränke nicht an Personen unter 18 Jahren ausgeschenkt werden dürfen.”
Wahr ist das nicht: Das Gesetz heißt “Gesetz zur Verbesserung des Schutzes junger Menschen vor Gefahren des Alkohol- und Tabakkonsums”, kurz AlkopopStG, und besagt mitnichten, “daß hochprozentige Getränke nicht an Personen unter 18 Jahren ausgeschenkt werden dürfen”. Es besagt vielmehr, dass alkoholhaltige Süßgetränke “gewerbsmäßig nur mit dem Hinweis ‘Abgabe an Personen unter 18 Jahren verboten, § 9 Jugendschutzgesetz’ in den Verkehr gebracht werden” dürfen. (Das mit dem Verbot steht dementsprechend in § 9 Jugendschutzgesetz.)*
Doch die heutige “taz” weiß sogar noch mehr über die PR-Aktion “die halbe Wahrheit” der “Bild” zu berichten, nämlich erstens:
“Ein Jugendamt kann nicht ermitteln.”
Und zweitens:
“Das Jugendamt in Sachsen-Anhalt hätte wohl nie von der Party Wind bekommen, wenn nicht die Besorgnis-Behörde, also die Bild-Zeitung, am heiligen Sonntag das Amt informiert hätte. Und schwupps, war die Geschichte im Kasten.”
Womit auch wir, schwupps, wieder bei “Bild” angekommen wären. Denn während die “taz” noch die Frage aufwirft, ob die “Pop-Rüpel” (“Bild”) bzw. “die vier Halbgaren” (“taz”) auf der Party denn überhaupt Alkohol getrunken haben, und darauf keine Antwort findet (“Bei Universal Music wollte man sich dazu gestern nicht äußern.”), steht sie stattdessen… in “Bild”! Allerdings ist dort von den “Mengen” “hochprozentiger” “Cocktails” “mit Wodka” (Überschrift: “Suff-Orgie!”) plötzlich nur noch ein “Alkohol-Ausrutscher” übrig geblieben, den der minderjährige Musiker in “Bild” unwidersprochen — und ebenfalls exklusiv — “erklärt”:
“Ein hübsches Mädchen hat mir den bunten Drink in die Hand gedrückt. Ich war so in Feierlaune, daß ich gar nicht gemerkt habe, daß da Alkohol drin ist.”
Gut zu wissen also, was sich die täglich über 11 Millionen “Bild”-Leser unter einer “Suff-Orgie” vorzustellen haben!
*) Der falsche Name des Gesetzes und dessen falsche Inhaltsbeschreibung fanden sich leider, nachdem sie exklusiv in “Bild” erschienen waren, wörtlich (und ohne Angabe der Quelle) auch in einer Meldung der Nachrichtenagentur AP wieder, weshalb die Fehler von “Bild” nun nicht nur dort stehen, wo man unbedacht aus “Bild” abschreibt, sondernauchganzwoanders.
Die “Bild”-Zeitung berichtet ja gern mindestens zwei Mal — dann, wenn sie glaubt, etwas anprangern zu müssen, und dann, wenn “Bild” den Eindruck hat, die eigene Berichterstattung habe irgendeine Reaktion ausgelöst, was ja abundanpassiert…
Bei “Bild” sagt man:
Andererseits ist es schon seltsam: Da berichtete “Bild” am vergangenen Dienstag groß über eine Familie, der das Standesamt Frankfurt (Oder) verweigerte, ihren Sohn “Louis” zu nennen, und schrieb:
Und ebenfalls am Dienstag stand in der “Märkischen Oderzeitung” (MOZ) etwas ganz anderes — quasi das Gegenteil:
Aber natürlich hätte die “Bild”-Redaktion die Peinlichkeit mühelos aus der Welt schaffen können, in dem sie tags drauf z.B. eine entsprechende kleine Meldung nachgeschoben hätte (siehe Montage rechts), die den “Bild”-Lesern die aktuellen Entwicklungen mitgeteilt hätte — und gut.
Stattdessen hat man sich bei “Bild” am Mittwoch für eine ähnliche ganz andere Überschrift entschieden — nämlich diese:
Und nicht nur das. Obwohl die MOZ ja bereits am Dienstag (!) berichtet hatte, der Frankfurter Oberbürgermeister Martin Patzelt habe “gestern” – also bevor in “Bild” auch nur ein einziges Wort zu “Louis” stand – “sofort” dafür gesorgt, dass das Kind doch “Louis” heißen dürfe, behauptete “Bild” am Mittwoch (!) ungeniert:
“Patzelt (58) beendete gestern persönlich diesen Unfug.”
(Hervorhebung von uns.)
Eine glatte Lüge also, mit der auch wir diesen Unfug beenden.