Anlässlich der Fußball-Weltmeisterschaft berichtet das Blatt heute, dass “wir” “ab heute ballaballa sind”. Es hat den größten Teil der Titelseite für etwas freigeräumt, das es “die wahre Deutschland-Karte” nennt und als Vorwand für die schlechtesten Wortspiele der Welt nimmt, darunter: “Fifalkensee” statt Falkensee, “DFBeelitz” statt Beelitz, “Pfostsee” statt Ostsee; “Bumm” für Bonn und “Gelsenkonter” für Gelsenkirchen.
Angesichts dessen sind die geographischen Unzulänglichkeiten der Karte, zugegeben, harmlos, aber nicht minder rätselhaft.
Kaiserslautern, zum Beispiel, liegt plötzlich in Sichtweite des Rheins, aus Hof ist Bayreuth geworden, Schweinfurt hat den Platz von Coburg eingenommen, und Bamberg ist über den Main in Richtung Norden gezogen. Dafür hat sich die Fränkische Schweiz auf den Weg in die umgekehrte Richtung gemacht und liegt nun nicht mehr nördlich, sondern südlich von Nürnberg und Fürth.
Auch diese Karte ist ein Geschenk für den Geographieunterricht in der Schule, und wahrscheinlich kann man mehrere Stunden damit füllen, gemeinsam alle Fehler zu entdecken (“Liegt Magdeburg wirklich nördlicher als Berlin?”).
Das eigentliche Rätsel aber ist, warum die “Bild”-Grafiker nicht einfach vorhandenes Kartenmaterial verwenden anstatt sich immer wieder vergeblich daran zu versuchen, die Geographie Deutschlands zu erraten.
Am Dienstag hatte “Bild” erklärt, dass sie es für ihre Pflicht hielten, der Öffentlichkeit mitzuteilen, wie ein Kindesentführer aussieht, und damit die Spruchpraxis des Deutschen Presserats kritisiert (BILDblog berichtete).
Doch nicht nur der Presserat ist anderer Meinung als “Bild”, sondern auch die Justiz: Gestern, am zweiten Verhandlungstag, verhängte der Vorsitzende Richter am Potsdamer Landgericht ein Fotoverbot für die Medien. Er dulde in seinem Sitzungssaal keine Hetzjagd, sagte er laut “Berliner Zeitung”.
Und weiter:
[N]icht nur der Täter wurde an den Pranger gestellt, sondern auch Verwandte des Mannes. “Sicher muss zwischen dem Interesse der Öffentlichkeit und dem Interesse der Prozessbeteiligten abgewogen werden”, sagte Dielitz. Dies sei nicht immer einfach. In diesem Fall aber habe sich die Ex-Frau des Angeklagten, die als Zeugin gehört werden soll, einer Hetzjagd durch die Presse ausgesetzt gefühlt.
Es ist übrigens denkbar, dass sich die Berichterstattung von “Bild” strafmildernd auf das Urteil des Gerichts auswirkt — es wäre nicht das erste Mal.
“Bild” selbst berichtet heute nicht weiter über den Prozess.
Weil Griechenland, EHEC und die ständige Aberkennung von Doktortiteln auf Dauer langweilen, widmet sich “Bild” derzeit den vagen Plänen der Bundesregierung, die Steuern zu senken. Sogar einen Brief an die Bundesregierung sollten die Leser abschicken. (Mehr zu den Steuersenkungs-Versprechen von FDP und “Bild” bei den Nachdenkseiten.)
Die Ministerpräsidenten einiger Bundesländer sind von den Ideen eher weniger begeistert — und werden von “Bild” einigermaßen erwartbar als “Steuer-Nörgler” beschimpft.
In vorderster Front kämpfen die CDU-Regierungschefs Reiner Haseloff (Sachsen.-Anhalt), Peter Müller (Saarland) und Christine Lieberknecht (Thüringen) Seite an Seite mit den SPD-Länderchefs Kurt Beck (Rheinland-Pfalz), Klaus Wowereit (Berlin) und Hannelore Kraft (Nordrhein-Westfalen).
“Keine Steuersenkung auf Pump” heißt ihre Parole. Kernargument: Erst müssen die Staatsschulden runter, nur dann gibt es wieder Spielraum für Entlastungen
Und wie das so aussieht, wenn CDU-Regierungschefs “Seite an Seite” mit SPD-Länderchefs kämpfen, verdeutlichen die Grafiker von Bild.de mit diesem Teaser-Bild, das gestern Abend auf der Startseite prangte:
Es zeigt ausschließlich die genannten SPD-Politiker.
Da ist es nur noch ein kleiner Schritt zu Ernst Elitz*, der heute in seiner Kolumne schreibt:
Die SPD tritt aufs Bremspedal. Sie will mal wieder die Besserverdienenden rösten. Steuern rauf statt runter, damit Geldverdienen keinen Spaß mehr macht.
*Ernst Elitz wird von “Bild” konsequent als “Gründungsintendant des Deutschlandradios” bezeichnet.
Wikileaks bestimmt nochimmer die Schlagzeilen. Doch heute bekommen die Enthüllungen auf der Plattform selbst kaum Raum, vielmehr konzentriert sich die redaktionelle Aufmerksamkeit ganz auf den “Hacker-Krieg” um die Enthüllungsplattform. Die lose Gruppierung “Anonymous” hat zu Attacken auf vermeintliche Wikileaks-Feinde aufgerufen — und tatsächlich waren einige Webseiten für kurze Zeit nicht erreichbar.
Grund genug für Bild.de, drängende Fragen zu stellen:
Die Antwort jedoch enthält Bild.de seinen Lesern vor. Dass beide Gruppierungen betonen, keine direkte Verbindungen untereinander zu haben und dass “Anonymous” bereits zahlreiche andere Kampagnen durchgeführt hat, kommt weder in diesem, noch in den zwei anderen Artikeln zum Thema vor.
Stattdessen hat Bild.de ganz exklusiv erfahren wie teuer die Aktionen der “Wikileaks-Hacker” sind:
Die Zahl ist besonders beeindruckend, wenn man berücksichtigt, dass keine der bisher angegriffenen Organisationen ihren Sitz in Deutschland hatte. Die Schäden in den Ländern, die tatsächlich Ziel der Angriffe waren, müssen in die Trillionen gehen.
Oder auch nicht. Bei den Kollegen von “Welt Online” klingt es nämlich ganz anders:
Aber auch ohne Wikileaks sind deutsche Unternehmen seit Jahren in höchstem Maße durch Computerspionage gefährdet. Grobe Schätzungen sprechen von Schäden in Höhe von 20 bis 50 Milliarden Euro jedes Jahr. Laut einer Statistik des Wirtschaftsberatungsunternehmens KPMG wurde jedes vierte deutsche Unternehmen in den letzten drei Jahren Opfer von Cybercrime.
Bild.de hat also mal eben alle digitalen Straftaten in Deutschland auf das publizistische Konto von Wikileaks geschrieben. Weitere Exklusiventhüllungen um den Super-Bösewicht “Dr. Leaks” lassen damit bestimmt nicht lange auf sich warten.
Warum Assanges Aktivitäten so überaus verwerflich sind, erklärt Profi-Rechercheur ”Bild”-Kolumnist Ernst Elitz heute in einem Kommentar:
Zum Staatsfeind wird man also, wenn man keinen ordentlichen Journalismus betreibt, die Wahrheit unter der Oberfläche ignoriert und nur bloßstellen will. Wenn es danach geht, müsste Elitz eigentlich in Kürze zum Einsatz der Bundeswehr gegen Bild.de aufrufen.
Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].
1. “Raumschiff Berlin” (tagesspiegel.de, Ernst Elitz) Ernst Elitz glaubt, dass Blogger zur “wahren Konkurrenz” der Hauptstadtjournalisten werden. Der “angeblich so hektische Hauptstadtjournalismus” sei nämlich “manchmal ziemlich verschlafen”. “Die Konsequenz müsste lauten: Werdet schneller und macht euch bissiger Konkurrenz.”
2. “Bild: 2,3 Millionen Euro für Leserreporter” (meedia.de, Daniel Bouhs)
Daniel Bouhs schreibt über die “Bild”-Leserreporter: “Wie ein Sprecher des Axel-Springer-Verlages MEEDIA auf Anfrage mitteilte, liefen seit dem Start der Aktion im Jahr 2006 bis dato nämlich schier unfassbare 685.595 Fotos in der Redaktion der Bild ein, von denen 13.514 ins Blatt wanderten, also immerhin etwa zwei aus einhundert Bildern.”
3. “Warum fangen wir nicht bei uns an?” (faz.net, Mark Siemons)
Die Studie “Die China-Berichterstattung in den deutschen Medien” der Heinrich-Böll-Stiftung löst in China eine Debatte aus. “Die chinesischsprachige Parteizeitung ‘Global Times’ nahm die als notwendig vorausgesetzte Parteilichkeit der Nachrichten sogar als Lizenz zum freien Erfinden und zitierte aus dem Berliner ‘Tagesspiegel’ Sätze, die dort gar nicht standen.”
4. “Freundliche Übernahme” (timklimes.de, 11. Juli 2010)
Tim Klimes vergleicht eine RTL-Pressemitteilung mit einer dpa-Nachricht. Thema: Eine aus der Doku-Soap “Bauer sucht Frau” resultierende Hochzeit.
5. “Ein Fall für Krake Paul” (blog.persoenlich.com, Matthias Ackeret)
Für Matthias Ackeret fusst “die ganze Kachelmann-Story lediglich auf zwei Facts”: “dem Kürzestauftritt von Kachelmann vor dem Gefangenentransporter (‘ich bin unschuldig’) und einem Gutachten der Bremer Psychologin Luise Greuel, das von beiden Parteien beliebig interpretiert wird. Gesprochen hat sie mit Kachelmann nie. Auch das vermeintliche Opfer hat sich bis jetzt öffentlich noch nicht geäussert, so wenig wie die angeblichen Heerscharen der Kachelmann-Freundinnen, die den Mythos des hemmungslosen Casanova begründen.”
6. “Veräußerung der ORF-Futurezone” (beschaffung.orf.at)
“Bis längstens 15.9.2010” beabsichtigt der ORF, das hauseigene IT- und Technologieportal “www.futurezone.at” zu veräußern. “Abgabe der Interessenbekundung bis längstens 30.7.2010, 12.00 Uhr (Einlangen aller Unterlagen).”
Schlechte Nachrichten, die die Deutsche Presse-Agentur da heute Morgen um 5.30 Uhr unter der Überschrift “Jeder zweite Schulabgänger ‘nicht ausbildungsreif'” verkündet hat:
Fast jeder zweite Schulabgänger gilt als “nicht ausbildungsreif” und muss vor Vermittlung in eine Lehrstelle zusätzliche Fördermaßnahmen absolvieren. Dies geht aus dem Entwurf des “Berufsbildungsberichts 2010” der Bundesregierung hervor, der der Deutschen Presse-Agentur dpa vorliegt.
Doch es reich nicht immer aus, wenn einem so ein Entwurf vorliegt — man muss ihn auch verstehen. Und das ist gar nicht so einfach, wie ein Sprecher des Bundesministeriums für Bildung und Forschung uns gegenüber zugab.
Der Journalist von dpa habe einfach die Zahl aller Schulabgänger aus dem Jahr 2008 mit der Zahl der Eintritte in sogenannte berufsgrundbildende Maßnahmen verglichen und war so auf einen Wert von 47,3% gekommen. Übersehen hatte er dabei aber, dass diese Maßnahmen auch von Abgängern anderer Jahrgänge in Anspruch genommen werden können, dass sie mehrfach besucht (und dann auch mehrfach gezählt) werden können und dass sie teilweise von “ausbildungsreifen” Jugendlichen zur Qualifikationsverbesserung genutzt werden.
All das hat das Ministerium in einer ersten Reaktion auf den dpa-Bericht auch mit einer etwas umständlichen Pressemitteilung ausdrücken wollen, doch da waren die Jugendlichen schon in den Brunnen gefallen: Weil sie die mutmaßlichen Ergebnisse des Berichts, der Mitte April dem Kabinett vorgelegt werden soll, direkt verkünden wollten, hatten Onlinemedien wie “Spiegel Online”, “Welt Online” und RTL.de (dort übrigens unter der beeindruckenden Überschrift “Viele Schulabgänger zu dumm zum Arbeiten”) die Fehlinterpretation von dpa bereits in die Welt getragen.
Doch nicht nur das. Auch die Zahlen von 2005, mit denen dpa (und damit auch “Spiegel Online” und “Welt Online”) die von 2008 vergleicht, sind falsch, weil auf die gleiche Weise zustande gekommen:
Zwar sei die Zahl der von der Bundesagentur für Arbeit als “nicht ausbildungsreif” eingeschätzten Jugendlichen zwischen 2005 und 2008 wieder leicht zurückgegangen – und zwar von 55 Prozent auf 47,3 Prozent. Doch gebe es für diese Gruppe der Schulabgänger immer noch erhebliche Probleme bei der Ausbildungsplatzvermittlung.
Erschwerend kommt hinzu, dass der Begriff “nicht ausbildungsreif” oft sehr unterschiedlich definiert wird. Wenn man ihn mit “gar keinen Schulabschluss schaffen” gleichsetze, liege der Wert seit Jahren bei rund 8%, so der Ministeriumssprecher weiter.
Ohne ihre erste Version über die “Ausbildungsreife” zurückzuziehen, hat dpa um 15.11 Uhr einen ausführlicheren Text über den Entwurf zum Berufsbildungsbericht verschickt, in dem es jetzt heißt:
Der Anteil der Jugendlichen, die zwischen Schule und Eintritt in die Berufsausbildung zunächst einen ergänzenden Grundbildungskurs besuchen, wird in dem Bericht für das Jahr 2008 mit 47,3 Prozent beziffert. 2005 lag dieser Anteil laut Bericht sogar bei 55 Prozent.
Die Möglichkeit, dass manche Absolventen dieser Kurse mehrfach gezählt werden, ist da immer noch nicht berücksichtigt. Oder wie es das Bundesministerium für Bildung und Forschung formulierte: Die neue Version ist “schon richtiger, aber immer noch nicht ganz richtig”.
Mit Dank an Hendrik W.
Nachtrag, 4. März, 0.30 Uhr: Um 20.03 Uhr verschickte dpa eine Berichtigung des ersten Textes:
Berichtigung: In der Überschrift und im ersten Absatz wurden die Zahlenangaben entfernt. Das Bundesbildungsministerium hat darauf hingewiesen, dass bei der im Entwurf des Berufsbildungsberichtes 2010 “genannten Referenzgröße von 47,3 Prozent” bei den Teilnehmerzahlen für zusätzliche Bildungsmaßnahmen auch Schulabgänger früherer Jahrgänge mitgezählt worden seien. In der Zusammenfassung um 15.11 Uhr (dpa 4299) ist dieser Umstand bereits berücksichtigt worden.
Davon ab verzichtet dpa in dieser Version auf jedwede Prozentzahlen.
“Spiegel Online” hat seinen kompletten Artikel entfernt und durch diesen Hinweis ersetzt:
In eigener Sache
An dieser Stelle stand ein Artikel (“‘Mangelhaft’ für deutsche Schulabgänger”), in dem auf Basis der Nachrichtenagentur dpa falsch gewichtete Zahlen über die Ausbildungsfähigkeit von Jugendlichen berichtet wurden. Inzwischen hat die Agentur ihre Darstellung korrigiert und die Bundesregierung die ursprünglichen Zahlen dementiert. SPIEGEL ONLINE berichtet darüber in einem eigenen Artikel…
“Welt Online” hat seinen Artikel komplett überarbeitet, aber auf einen Hinweis darauf verzichtet.
Nur bei RTL.de heißt es weiterhin:
Die Bilanz ist erschreckend: fast jeder zweite Schulabgänger ist laut dem ‘Berufsbildungsbericht 2010’ der Bundesregierung zu unqualifiziert für eine Ausbildungsstelle.
2. Nachtrag, 10.45 Uhr: Wer ist natürlich gestern noch voll drauf reingefallen?
Und wer verbreitet den Quatsch heute immer noch?
Ernst Elitz, früherer Intendant des Deutschlandradios, in einem Kommentar für “Bild”:
Handwerker suchen händeringend Lehrlinge. Sie wollen Arbeit schaffen. Aber fast jeder Zweite, der in eine Lehre soll, ist “nicht ausbildungsreif”.
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1. “Kleine Boulevardreporterschule” (faz.net/blogs/fernsehblog, Peer Schader)
Wie man einen RTL-“Explosiv”-Beitrag plant: 1. Ein geeignetes Thema finden, 2. Die Protagonisten ins Lächerliche ziehen, 3. Neue Opfer suchen.
2. “Wie die ‘BILD’ einmal Dresden mit Bonn verwechselte” (presseclub-dresden.de, owy)
Der Vater des dritten Kinds eines Topmodels komme aus Dresden, ist auf Bild.de zu lesen. Kurze Zeit später stammt der Mann dann aus Bonn. Andere Portale übernehmen die Meldung, nicht aber die nachträgliche Änderung.
3. “Eine Antwort zu Ernst Elitz Journalismusbild” (freitag.de/community/blogs/columbus, Christoph Leusch)
Und noch eine Antwort zu den “zwölf Thesen für einen besseren Journalismus” von Ernst Elitz: “Wer einmal von einem hoch angesehenen Journalisten oder Publizisten Dinge lesen musste, die dieser unmöglich gesehen, gelesen, verstanden und bearbeitet haben kann, der zweifelt doch daran, diese wichtiger Aufgabe des ‘Filterns’ so einfach in die Hände der Journalisten zurück zu geben.”
4. “Geben Sie Ihre Rechte bitte an der Garderobe ab” (medienpiraten.tv/blog, Peer Schader)
Peer Schader liest die Castingvereinbarung der für Sommer 2010 geplanten RTL- und VOX-Sendung “X-Factor” und notiert sich einige Passagen, die Kandidaten unterschreiben müssen. Zum Beispiel: “Ich übertrage auf den Produzenten auch alle Rechte für unbekannte Nutzungsarten.”
6. “Eine Schule in den Bergen” (ardmediathek.de, Video, 7:33 Minuten)
Ein Bericht über die Schulsituation in Zentralchina, die sich von der in Westeuropa stark unterscheidet.
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1. “Die WHO ist schuld, die Medien nicht” (der-postillon.com)
“Merke: Wer Gutes tun will, sollte es sich wohl überlegen und nicht Hysterie schüren” steht in einem Artikel von Elke Bodderas auf welt.de, der die Kosten der “Schweinegrippe-Panik” auflistet und reihum Schuldzuweisungen verteilt (nur nicht an die Medien). Der Postillion hat dazu einige Screenshots gemacht von Artikeln, die auf welt.de zur Schweinegrippe erschienen.
2. “Eine Antwort an Ernst Elitz” (opalkatze.wordpress.com)
“Bei allem ehrlichen Respekt vor der Lebensleistung von Ernst Elitz: die Zwölf Thesen für einen besseren Journalismus ‘Gegen Lüge und Dummheit’ stammen geradewegs aus dem Elfenbeinturm des Qualitätsjournalismus.”
3. “Der Journalist am Fliessband” (nzz.ch, Norbert Neininger)
Norbert Neininger schreibt über den Newsroom: “Es gibt, beispielsweise im Springer-Newsroom, keine private Ecke mehr, keine eigene Büroschublade und auch keinen Platz, um die Ferienkarten der Kolleginnen und Kollegen zu befestigen. Für Besprechungen setzt man sich auf die Rollcontainer, welche beliebig umgruppiert werden können.”
4. Interview mit Ulrich Meyer (dwdl.de, Jochen Voß)
Ulrich Meyer von der Sat.1-Sendung “Akte” zur Entwicklung in der Branche: “Wir befinden uns schon seit Jahren in der Entwicklung von der Goldgräberbranche zur Tellerwäscherindustrie. Die Ressourcen werden immer enger. Wir müssen uns längst nicht mehr nur fragen, wie eine Geschichte möglichst gut und wasserdicht zu erzählen ist, sondern inzwischen vor allem, wie sie sich möglichst günstig produzieren lässt.”
5. “Interviews auf Krücken” (interviewsfuehren.wordpress.com, Christian Thiele)
Christian Thiele hält nichts von “Regieanweisungen” in gedruckten Interviews wie “(lacht laut)” oder “(gestikuliert mit den Händen)”.
6. Interview mit Luise Kaller (zeit.de, Tina Hildebrandt und Henning Sußebach)
Sehr langes und spannendes Gespräch mit der 64-jährigen Hebamme Luise Kaller: “Diejenigen Frauen, die sich besonders akribisch vorbereitet haben, bis ins kleinste Detail, die kommen so kopfgesteuert im Kreißsaal an, dass sie kaum loslassen können. Die haben Wehensingen gelernt und sind verunsichert, wenn sie merken, dass sie doch nur schreien. Ich sage dann immer: Singen oder schreien – egal! Hauptsache, laut.”
(tagesspiegel.de, Mercedes Bunz und Nadine Lantzsch)
“Wenn heute keine Generation wütend an die Mattscheibe klopft und Einlass fordert, hat das einen Grund: Wir toben uns woanders aus. Über das Fernsehen ärgern wir uns nicht lang. Gut, kurz waren wir ein wenig wehmütig. Aber warum sollen wir uns übergangen und unterdrückt fühlen, wenn unser Computer die viel besseren Angebote macht?”
Der abtretende Intendant von Deutschlandradio Kultur erklärt, wie es “vollkommen wahnfrei” gelungen sei, “den Altersdurchschnitt der Hörerschaft auf 49-50 Jahre zu senken”: “Wir bringen über den Tag keine langen Sendungen, sondern fünf, sechs, sieben Minuten lange Beiträge, immer unterbrochen von Kultur- oder auch Weltnachrichten, ein relativ kurzer Rhythmus, wo man einschalten, aber auch schnell wieder rausschalten kann”.
Kommunikatons-Allrounder Roy Spring fällt ein Urteil über die aktuellen Journalisten: “Je härter die Umstände, desto mehr versuchen die Journalisten ihre schwindende Bedeutung mit dem Anschein von Wichtigkeit zu kompensieren. So werden sie zu Missionaren ihrer Ideologien — statt neugierige Beobachter zu bleiben. Kein Wunder, macht es oft keinen Spass, ihre Texte zu lesen. Viele, die ich früher bewundert habe, sind heute fantasielose Wiederkäuer ihrer alten Ansichten.”
Für Martin Gottlieb, leitender Redakteur der ‘International Herald Tribune’, ist die Zeitung noch nicht am Ende: “Zeitungen, heißt es, seien dem Tod geweiht wie einst Dinosaurier. Tatsächlich sind sie für Millionen Menschen noch immer die wichtigste Informationsquelle.”
Die New York Times guckt neidisch nach Europa, das noch gar nicht richtig in der Medienkrise angekommen ist. Die Rezession habe noch nicht durchgeschlagen, weil sich europäische Zeitungen mehr auf Leser denn auf Werbung stützen würden. Positiv erwähnt: Axel Springer, Schibsted, VG Nett.
Anfang Dezember vergangenen Jahres wurde die “Bild”-Zeitung mal wieder vom Presserat gerügt. Die Rüge bezog sich auf die “Bild”-Berichterstattung über einen Flugzeugabsturz in Nepal, bei dem 18 Passagiere ums Leben kamen. “Bild” hatte auf der Titelseite unter der Schlagzeile “12 Deutsche im Flugzeug verbrannt!” ein Foto abgedruckt, auf dem “die verkohlten Leichen” geborgen wurden. Im Innenteil hatte “Bild” zudem mehrere unverfremdete Fotos von insgesamt sechs der zwölf deutschen Opfer gezeigt (siehe Ausriss).
“Bild” hatte die Rüge nicht verstanden, und “Bild”-Chef Kai Diekmann bezeichnete sie in einer Pressemitteilung als “rätselhaft”. Die “Bild”-Berichterstattung hätte “nach allen vom Presserat zu vergleichbaren Fällen kommunizierten Kriterien (…), die BILD vorab sorgfältig bedacht hat”, so Diekmann, “ethisch für unbedenklich gehalten werden müssen” (wir berichteten).
Das war Unsinn. Die Kriterien, die der Presserat bei der Rüge gegen die “Bild”-Zeitung kommuniziert hatte, entsprachen ziemlich exakt denen, die der Presserat zu den vergleichbaren Fällen kommuniziert hatte, auf die Diekmann sich in der Pressemitteilung bezog (wir berichteten).
Gestern druckte “Bild” die “rätselhafte” Rüge ab, wie es ihre Pflicht ist. Sie ist, wie üblich, nicht besonders prominent platziert (siehe Ausriss), aber der Text ist vergleichsweiselang – was daran liegt, dass “Bild” eine “Anmerkung d. Red.” hinzugefügt hat. Wie schon in der Pressemitteilung vom Dezember wird darin der DeutschlandRadio-Intendant Ernst Elitz zitiert. Der fand die “Bild”-Berichterstattung am Erscheinungstag in der öffentlichen Blattkritik nämlich völlig in Ordnung, denn “die Welt ist nun mal so wie sie ist”.
“Bild” hat indes immer noch nicht begriffen, dass sie für die Gesamtberichterstattung über den Flugzeug-Absturz gerügt wurde, weil dadurch laut Presserat “die Gefühle der trauernden Angehörigen verletzt” wurden. “Bild” habe einen “assoziativen Zusammenhang zwischen den Abgelichteten im Innenteil und den anonymen Leichen auf der Vorderseite” hergestellt.
“Bild” behauptet heute beim Abdruck der Rüge unbeirrt etwas anderes:
Nö.
Mit Dank an den Hinweisgeber (wir hätten es sonst übersehen).