1. Netzneutralität: Warum der Internet-Wegzoll verhindert werden muss [Kommentar] (t3n.de, Stephan Dörner)
“t3n.de”-Chefredakteur Stephan Dörner begründet in seinem Kommentar, warum er die bedrohte Netzneutralität für wichtig hält und warum eine Abschaffung das Internet als großen Innovationsmotor gefährden würde. Die ungehinderte Kommunikation aller Teilnehmer untereinander sei die Grundidee des offenen und freien Internets – und die Basis für seinen Erfolg. Dörners Kritik an der Politik: “Oettinger und andere EU-Politiker scheinen derzeit vor allem eine Politik zu betreiben, die Europas Industrie-Giganten hilft. Wer den Worten eines Telekom-Lobbyisten lauscht und diese mit den Reden von Oettinger vergleicht, wird auffällig viele fast wortgleiche Formulierungen finden.”
2. Ohne Kompass (faz.net, Mathias Müller von Blumencron)
“Ist Zuckerberg ein Terrorhelfer, ein gewissenloser Förderer von Gewalt und Mord?”, fragt Mathias Müller von Blumencron provozierend und überlegt, wieviel Verantwortung einem Kommunikationsunternehmen wie Facebook zukomme. Die Fragen sind vielfältig, Antworten darauf nicht einfach. Blumencron kommt am Ende zu dem Schluss: “Hätte es Facebook im 20. Jahrhundert schon gegeben, wäre der Menschheit kein Blutvergießen erspart geblieben, keine Machtergreifung und kein Regime. Zuckerberg ist da nichts anders als der Wirt einer gigantischen Stammtischkneipe. Er verdient an der Wahrheit, er verdient an der Lüge. Zumindest, solange die Gäste die Einrichtung nicht zerlegen.”
3. Rory McIlroy oder: Wie ehrlich wollen wir unsere Sportler? (spieltgolf.de, Rüdiger Meyer)
Ein Golfer gibt auf einer Pressekonferenz seinen Olympiaverzicht bekannt, ohne sich allzu diplomatischer Floskeln zu bedienen oder gesundheitliche Gründe oder andere Dinge vorzuschützen. Dies wird ihm nun von allen Seiten um die Ohren gehauen, so Rüdiger Meyer: “Er hat den Kardinalsfehler begangen, das zu sagen, was er denkt. Das negative Echo darauf und die Art und Weise, wie man sich auf bestimmte Teilaspekte einer äußerst bemerkenswerten Pressekonferenz stürzt, beweist allerdings wieder einmal, dass wir das nicht wollen. Wir wollen von unseren Sportlern angelogen werden. Wir wollen von ihnen hören, was wir empfinden und nicht was sie empfinden.”
4. Vertrauensfrage (tagesspiegel.de, Markus Ehrenberg)
“Tagesspiegel”-Autor Markus Ehrenberg beschäftigt sich mit der oft als “Rentner-Bravo” geschmähten “Apotheken Umschau”. Die Werbepostille sei ein findiges Geschäftsmodell: Gut 90 Prozent der 20 000 Apotheken hierzulande würden dem “Wort & Bild Verlag” die Auflage von 9,5 Millionen Heften abkaufen. Fast jeder dritte Deutsche lese Monat für Monat das Magazin. Ob das vermehrt in die Hypochondrie treibe, sei jedoch unbekannt, so Ehrenberg.
5. Rolf-Dieter Krause „Ich muss den Fahrtwind spüren“ (berliner-zeitung.de, Peter Riesbeck)
Rolf-Dieter Krause, 65, hat mehr als 20 Jahre als EU-Korrespondent für die ARD berichtet. Bevor es nun in den Ruhestand geht, hat Krause der “Berliner Zeitung” ein Interview gegeben. Es geht um Stationen seiner Karriere, aber auch um Reaktionen der Politik auf seine Arbeit. Zum Schluss spricht Krause noch über sein Motorrad-Hobby: Ich muss den Fahrtwind spüren. Das macht großen Spaß. Aber keine Sorge, ich fahre nicht riskant. Ich bin nun eindeutig zu alt, um Organe zu spenden.”
6. Hörbar Rust: Patricia Schlesinger (radioeins.de, Bettina Rust, Audio 1:08 h)
In der auch als Podcast verfügbaren Radiosendung “Hörbar Rust” plaudert Bettina Rust jeden Sonntag zwei Stunden mit einem Promi über dessen Leben. Unterbrochen von Musikstücken, die Gast und Gastgeberin ausgesucht haben. In der aktuellen Folge ist die Journalistin und Fernsehmoderatorin Patricia Schlesinger zu Besuch, die auf ein bewegtes Journalistenleben zurückblicken kann mit Stationen in Singapur und Washington. Die Journalistin war aber auch häufig beim Satire-Magazin “Extra 3” zu sehen und moderierte mehrere ARD-Brennpunkte. Seit 1. Juli 2016 ist Patricia Schlesinger nun Intendantin des RBB.
1. Was ein Reporter erlebt, der das Gespräch mit den „Lügenpresse“-Kritikern sucht (Christian Fuchs, blog.zeit.de)
Im Blog der “Zeit” schreibt Christian Fuchs von den vergeblichen Bemühungen, mit den Machern des Magazins “Compact” ins Gespräch zu kommen. Dahinter stand der Wunsch, ein Porträt über den überraschenden und seltenen Auflagenerfolg des neuen politischen Magazins anzufertigen. Doch die Sache gestaltet sich schwieriger als erwartet. Zwar habe man mit über 60 Personen aus dem Umfeld der Zeitschrift, mit Weggefährten des Chefredakteurs und mit Experten im In- und Ausland gesprochen, die Magazinmacher hätten sich jedoch bis zum Schluss beharrlich verweigert.
2. Zeitung wird zum Buchstabenkino (faz.net, Adrian Lobe)
Spleen oder kluges Investment? Immer mehr Milliardäre legen sich renommierte Zeitungen zu. Nun hat der Biotech-Unternehmer Patrick Soon-Shiong die bekannten, amerikanischen Blätter „Los Angeles Times“ und „Chicago Tribune“ gekauft. Soon-Shion wolle “experimentieren” und die Blätter zu einem “Technologie-Hub” voller künstlicher Intelligenz umbauen, berichtet Adrian Lobe in der “FAZ”. Es stelle sich die Frage, ob der Unternehmer den Journalismus wirklich revolutionieren oder Zeitungen nur als Experimentierfeld für seine Biotech-Unternehmungen nutzen wolle.
3. Silent News (heise.de, Hans-Jürgen Krug)
Angeblich sollen 80 Prozent aller Facebook-Nutzer Videos im Silent-Modus, also mit abgeschaltetem Ton, nutzen. Die Medien haben darauf reagiert und statten ihre Nachrichtenclips mit Untertiteln aus. Doch um geklickt zu werden, bedarf es mehr. Und deshalb würden in den Filmschnipseln, wie beim Beispiel “heute plus”, zunehmend große grelle Textbanner mit Fragen eingeblendet. “”Facebook first” verändert nicht nur die – zeitliche – Platzierung von Neuigkeiten. Es prägt auch zutiefst ihre Machart. Silent Audioplay macht Nachrichten zu Worthäppchen. Gelbe Kästchen erzählen eigene Geschichten.”
4. „Planwirtschaftliches Fernsehen“ (taz.de, Klaus Raab)
Die “taz” hat mit dem Medienwissenschaftler Lutz Hachmeister über die Gegenwart der deutschen Talkshow gesprochen. Hachmeister auf die Frage, warum es derart viele Talkshows gäbe: “Weil es planwirtschaftliches Fernsehen ist. Man kann ungefähr die Quote absehen. Es ist im Vergleich zu anstrengenden Recherchen billig. Und es schafft eine strukturelle Regelmäßigkeit, die den Programmmanagern gefällt. Risikovermeidung ist das Lebenselexier technokratischer Programmplanung.”
5. Absurder Streit um Syrien-Berichterstattung (Petra Sorge, cicero.de)
Vor einigen Tagen hat der Presserat eine sogenannte Missbilligung gegen die Syrien-Berichterstattung von “bild.de” ausgesprochen. “Bild Online”-Chef Julian Reichelt veröffentlichte daraufhin einen offenen Brief und bezeichnete den Presserat als „Handlanger des Kreml“. Petra Sorge vom “Cicero” erklärt, warum für sie bei dem Konflikt beide Seiten kein gutes Bild abgeben würden.
6. Gauland (facebook.com, Maxim Biller)
“Nachdem der stellvertretende Vorsitzende der AfD, Alexander Gauland, in einem „Kicker“-Interview über Omri Bunsenstein, den Mittelfeldregisseur von Makkabi Wedding, gesagt hatte, die Leute fänden ihn zwar als Fußballspieler gut, wollten ihn aber nicht als Nachbarn haben, erklärte der Trainer von Makkabi Wedding, niemand fände Bunsenstein als Fußballspieler gut, schon gar nicht er selbst, aber er müsse ihn trotzdem immer aufstellen, weil ohne die Spenden von Bunsensteins Vater Makkabi Wedding längst pleite wäre.”
1. Facebook news selection is in hands of editors not algorithms, documents show (theguardian.com, Sam Thielman, englisch)
Anfang der Woche veröffentliche “Gizmodo” eine Recherche, die Facebook vorwarf, bei der Auswahl der “Trending Topics” bewusst konservative Quellen zu unterdrücken. Das Dementi folgte umgehend, doch die Diskussion riss seitdem nicht ab. Kluge Journalisten schrieben kluge Essays über die gesellschaftliche und journalistische Verantwortung des Sozialen Netzwerks, in der Sache stand aber weiter die Aussage von Facebook gegen die Aussage von ehemaligen Angestellten. Jetzt hat der “Guardian” Dokumente geleakt, die erstmals einen Einblick in die Blackbox Facebook geben und zeigen, nach welche Kriterien dort Nachrichten gewichtet werden. Die prompte Reaktion von Facebook kann man wiederum bei “The Next Web” nachlesen.
2. Werberat kritisiert Missbrauch der Flüchtlingsdebatte sowie Seximus (horizont.net, Jessica Becker)
Als Bundesjustizminister Heiko Maas sagte, er wolle sexistische Werbung verbieten lassen, war der Aufschrei groß. Die Rügen des deutschen Werberats — genauer gesagt: die gerügten Objekte — zeigen, warum das vielleicht doch eine ganz gute Idee sein könnte. Ungewöhnlich: Neben drei Motiven, die Frauen auf ihre Sexualität reduzieren, traf es auch ein Unternehmen wegen “männerherabwürdigender” Werbung.
3. “Stern”: Abschied mit Wehmut (rnd-news.de, Ulrike Simon)
Das Berliner Büro des “Stern” zieht um: Raus aus dem Spreepalais mit Dachterrasse, rein in ein neues Gebäude in der Friedrichstraße. Ulrike Simon besucht die Abschiedsfeier — und sieht ein Ereignis mit Symbolcharakter: “Der Umzug ist nicht nur ein Umzug. Er ist das äußere Zeichen für das, was die ‘Stern’-Leute innerlich umtreibt. Es ist der Bedeutungsverlust, sowohl der des Magazins als auch der eigene, und es ist die Befürchtung, dass das mit den Anzeigen und der Auflage nicht besser wird, dass das immer so weitergeht.”
4. Meinungsbildung: Fernsehen vorne, Internet holt auf (dwdl.de, Alexander Krei)
Das Fernsehen deutlich vor dem Internet, der Zeitung und dem Radio, Zeitschriften unter ferner liefen. In dieser Reihenfolge tragen Medien zur Meinungsbildung der Deutschen bei. Das behauptet jedenfalls eine Studie der Landesmedienanstalten. Während die Bedeutung von Printmedien stetig abnimmt, bleibt den Verlagen zumindest ein kleiner Trost: “Bezogen auf die Gesamtbevölkerung liegen Web-Angebote von Zeitungen auf dem ersten Platz der informierenden Mediennutzung im Internet, gefolgt von E-Mail-Portalen (12,8 Prozent) und Web-Angeboten von Zeitschriften (11,8 Prozent). Sie alle landen noch vor Facebook, das auf 10,8 Prozent kommt.”
5. Zukunft der Journalistenausbildung: Lernen, wie der Markt tickt (vocer.org, Julian Heck)
“Journalisten müssen zur Marke werden.” Es soll Journalisten geben, die bei diesem Satz nur noch genervt mit den Augen rollen. Julian Heck gehört offensichtlich nicht dazu — und erklärt, warum Berufsanfängern seiner Meinung nach nicht nur journalistisches Handwerk, sondern auch Unternehmertum vermittelt werden sollte.
6. Du wirst nicht glauben, wie einfach Clickbaitern das Handwerk gelegt werden kann (jetzt.de)
Zugegeben: Die Idee ist nicht neu, Twitter-Accounts wie @SavedYouAClick machen sich seit langem über reißerische Teaser lustig und fassen den großspurig angekündigten Inhalt mit wenigen Worten zusammen. Trotzdem ist es eine gute Nachricht, dass mit “Stop Clickbait” jetzt auch eine Facebook-Seite zeigt, wie armselig und absurd das Prinzip von “Heftig” und Co. ist. Vielleicht gibt das zumindest ein paar vermeintlich seriösen Medien zu denken, ob ein bisschen weniger Aufgeregtheit nicht manchmal mehr wäre.
1. Sehr geehrte Tanit Koch… (carta.info, Julia Thurnau)
Die Schauspielerin Julia Thurnau wendet sich mit einem offenen Brief an die Chefredakteurin der “Bild”. Nach wie vor propagiere “Bild” ein sexistisches Zerrbild von Frauen. Dass die Objektifizierung nicht die Realität spiegele, sondern reine Männerphantasien, müssten Frauen meist einzeln im Rahmen einer Zurückweisung erklären. Dabei stünde dann das Wort einer einzelnen gegen die Narration eines Massenmediums. Es sei deshalb Zeit, dass die Zeitung den “Sprung auf die Höhe unserer egalitären Zeit” wage. Thurnaus Wunsch an die “Bild”-Chefin: “Bitte bilden Sie Frauen als (angezogene) gleichberechtigte Menschen ab und würdigen Sie deren Leistung losgelöst von Aussehen und Sexualität.”
2. „Zur Not auch vor Gericht“ (abzv.de, Mario Müller-Dofel)
Über die Autorisierung von Interviews gibt es immer mal wieder Streit, und manche Journalisten wünschen sich diese Regelung ganz abgeschafft. Die erfahrene Presserechtlerin Tanja Irion spricht im ABZV-Interview über erfundene Interviews, journalistische Ego-Trips, wegen der sie „zur Not auch vor Gericht“ ziehen muss, und über die Interviewautorisierung als Streitvermeidungsstrategie.
3. Auszeichnungen für Martin Vogel und den Tagesspiegel (freischreiber.de)
Der Berufsverband freier Journalistinnen und Journalisten “Freischreiber” vergibt jedes Jahr den Himmel-und-Hölle-Preis für besonders fairen oder fiesen Umgang mit freien Journalisten. In den Freischreiber-Himmel wurde Martin Vogel gewählt, der durch seinen langen Weg durch die Instanzen dafür gesorgt hat, dass die VG Wort ihre Einnahmen ausschließlich an die Urheber und nicht mehr an die Verleger ausschütten darf. In die Freischreiber-Hölle kommt der Tagesspiegel für sein “besonders schäbiges Verhalten gegenüber Freien”. Dieser habe im Oktober 2015 von jetzt auf eben die Zusammenarbeit mit seinen freien Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf Eis gelegt. “Ohne Ankündigung, ohne Vorwarnung, ohne Übergangsfrist wurden bereits erteilte Aufträge für nichtig erklärt und auch langjährigen Freien die Zusammenarbeit ab sofort aufgekündigt.”
4. Sedat Ergin erhält „Freedom of Speech Award“ (faz.net)
Die “Deutsche Welle” setzt ein Zeichen für die Pressefreiheit in der Türkei und vergibt den diesjährigen „Freedom of Speech Award“ an den türkischen Journalisten Sedat Ergin. Dieser ist Chefredakteur der auflagenstärksten unabhängigen Tageszeitung der Türkei „Hürriyet“ und sieht sich wegen eines Erdogan-kritischen Artikels mit einer Haftstrafe von fünf Jahren bedroht.
5. Sprachlust: Wer Krieg sagt, soll Krieg meinen (infosperber.ch, Daniel Goldstein)
Daniel Goldstein ist Redakteur der Schweizer Zeitschrift “Sprachspiegel”. Auf der Webseite “Infosperber” ist er für die “Sprachlust”-Kolumne zuständig. In der neuesten Ausgabe beschäftigt er sich mit besonders blumiger Sprache und Metaphern. “Sprachbilder soll man nicht allzu wörtlich nehmen, außer wenn sie so krass sind, dass man nicht anders kann. “Krieg” ist so eins.”
6. Computerbild Top-Shop Siegel: Sinnvoll oder nicht? (getdigital.de, Philipp Stern)
Eine Firma für Geek-Spielzeug und Nerdbedarf erhält einen Brief von der “Computer Bild”. Freudig teilt man darin mit, die Webseite des Onlinehändlers gehöre zu den “Top 750 Onlineshops Deutschlands” und könne sich nun mit dem “Computer Bild”-Qualitätssiegel schmücken. Warum wird nicht so recht klar, der Einblick in Detailergebnisse kostet etwa 1000 Euro (zzgl. Mwst.). Und wer sich das Siegel auf die Webseite bappen will, muss schlappe 3.500 Euro berappen. Aus Sicht der Zeitschrift eine kaufmännisch vorteilhafte Aktion: Wenn alle Shops mitmachen, kommen Einnahmen von über zweieinhalb Millionen Euro zusammen. Was eine ziemlich coole Rendite für ein wenig Praktikanten-Excel, Photoshop und Porto ist, um es etwas salopp zu formulieren.
1. Auflagen von “Spiegel”, “Welt” und “Bild” brechen zweistellig ein (horizont.net, Roland Pimpl)
Die neuen Quartalszahlen der Zeitungs- und Zeitschriftenverkäufe sind da. Und auch im ersten Quartal des Jahres müssen viele Zeitschriften weiter mit sinkenden Auflagen leben. Zwei hat es besonders erwischt: Die verkaufte Auflage des “Spiegel” ging im 1. Quartal dieses Jahres im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 10,2 Prozent zurück, der Einzelheftverkauf brach um 18,4 Prozent ein. Der Focus verlor 8,2 Prozent, beim Einzelheftverkauf war es ein Minus von 25,1 Prozent. Und auch bei den überregionalen Zeitungen gibt es haufenweise rote Zahlen. Die Auflage der “Welt” sank um 10,5 Prozent, der Einzelverkauf sogar um unfassbare 43 Prozent.
2. „Wir hatten zwischenzeitlich das Gefühl, uns würde eine Welle des Hasses überrollen“ [Interview] (t3n.de)
Anfang Mai findet in Berlin die zehnte “re:publica” statt. Dort wird auch der Kommunikationsvorstand des Bundesverbands der Community-Manager, Roland Panter, auf der Bühne stehen und über Diskussionskultur im Internet sprechen. Im Interview mit “t3n” äußert sich Panter zu Ethik im Community-Management, dem sich verändernden Diskussionsklima und den Problemstellungen, denen Plattformbetreiber und Seitenadministratoren ausgesetzt sind.
3. Kommt die Lex Böhmermann? (faz.net)
Hamburg will noch vor der Sommerpause den umstrittenen Beleidigungsparagraphen 103 aus dem Weg räumen. Das Land habe für die Bundesratssitzung Mitte Mai einen Antrag vorgelegt, die Strafvorschrift zur Beleidigung ausländischer Staatsoberhäupter abzuschaffen. So solle eine Bestrafung des ZDF-Moderators Jan Böhmermann wegen dieser Vorschrift verhindert werden. Hamburgs Justizsenator Till Steffen (Grüne): „Der Paragraph 103 im Strafgesetzbuch gehört abgeschafft, weil er ein Ausfluss des vordemokratischen Strafrechts ist, als die Majestätsbeleidigung noch eine Rolle spielte“.
4. Prinzip Hoffnung (brandeins.de, Christian Sywottek)
Das Wirtschaftsmagazin “brand eins” erklärt, warum sich die deutsche Pressebranche auf den niederländischen Onlinekiosk “Blendle” einlässt. Das Start-up, in das auch der Verlag Axel Springer gemeinsam mit der “New York Times” Millionen investiert hat, hätte sich zu einer der größten Hoffnungen der Verlagsindustrie entwickelt. Knapp zwei Jahre nach dem Start sei die Sache jedoch noch lange nicht entschieden. Und mit der Nennung von Zahlen halte man sich bei Blendle zurück.
5. Chefrunde (sueddeutsche.de, David Denk)
Kurzer Bericht von der Pressekonferenz des Treffens der ARD-Intendanten in Potsdam. Der lange geplante gemeinsame Jugendkanal von ARD und ZDF soll nun starten. Außerdem plant man ein aufwändiges Serienvorhaben: “Babylon Berlin” mit 16 Folgen, 200 Drehtagen und 300 Darstellern.
6. Voll die Spaßbremse (taz.de, Hanna Pütz)
Mit “smartWoman” hat die WEKA-Mediengruppe eine neue Zeitschrift an den Kiosk gebracht: Eine Technik-Postille nur für Frauen. Für 3,90 Euro pro Ausgabe erklärt man dort den Frauen endlich, wie das so funktioniert mit dem “digitalen Leben” (sehr schön: Das Symbolbild “Halte ich es so richtig?” im Artikel). Außerdem gibt es zielgruppengerechte Tipps wie zum Beispiel zum Putzen des Smartphones: “Verschmierter Bildschirm und Krümel auf der Tastatur: Notebook und Smartphone können ganz schön dreckig werden. Zeit, mal wieder gründlich durchzuputzen!”
1. Spießbürger oder Nervensäge? (faz.net, Antonia Baum)
Am Montag entscheidet die Bundesregierung, ob Jan Böhmermann – wie von der Türkei gefordert – strafrechtlich verfolgt werden soll. Antonia Baum fragt, ob er wirklich der Aufrührer sei, als der er sich aufspiele: “Ein bezahlter Rebell wird von einer Institution, die ihn bezahlt und als Rebell installiert hat, gemaßregelt, nachdem dieser, mit Ansage, etwas falsch gemacht hat, das man in der Bundesrepublik Deutschland nicht falsch machen soll. Woraufhin die Regierung öffentlich sagt, dass jener Rebell da wirklich etwas falsch gemacht habe, die Staatsanwaltschaft, weil er mutmaßlich etwas falsch gemacht hat, aktiv wird und die Presse von ihrer Pressefreiheit Gebrauch macht, indem sie darüber streitet, ob der Rebell nun tatsächlich etwas falsch gemacht hat.”
2. Mehr Daten, mehr Defizite (de.ejo-online.eu, Marlis Prinzing)
Die Professorin für Journalistik Marlis Prinzing weist auf Defizite bei der Vermittlung von Datenjournalismus hin und nennt die “Panama Papers” als Beispiel. Die Recherchen rund um die geleakten Daten seien zwar in vielerlei Hinsicht eine Sternstunde des enthüllenden Journalismus. Sie würden aber auch Defizite widerspiegeln, die dringlicher denn je systematisch beseitigt werden müssten. Hier könne eine Studie der “Columbia Journalism School und Knight Foundation” helfen (im Artikel als PDF verlinkt).
3. Ein eher angespanntes Feeling (sueddeutsche.de, Katharina Riehl)
Das Magazin “Neon” war einst eine der erfolgreichsten deutschen Zeitschriftengründungen und galt lange Zeit als Erfolgsmodell. Seit einiger Zeit steckt es in der Krise. Querelen in der Redaktion ließen die ohnehin schon bröckelnde Auflage in den vergangen Monaten rasant nach unten rauschen. Die umstrittene Chefredakteurin hat das Heft nun überarbeitet und setzt zum Relaunch an. Das neue Heft strahle jedoch nach Ansicht der Autorin mit seiner stärkeren Orientierung an der Medienmacher- und Hipsterblase die Art von Coolness aus, mit der man eigentlich keine Hefte verkaufe.
4. Brutale Heldinnen (freitag.de, Claudia Reinhard)
Claudia Reinhard hat sich mit der Rolle von Action-Heldinnen in Blockbustern beschäftigt wie die der Katniss Everdeen in “Die Tribute von Panem”. Neben dem kommerziellen Erfolg (3 Milliarden für die Panem-Reihe) werde Action-Heldin Katniss aber vor allem für ihre feministische Vorbildfunktion gefeiert. Das Studio inszeniere und vermarkte sie für die junge Zielgruppe als „starke Heldin“, mit deren Geschick eine Revolution steht und fällt. Die Unterhaltungsindustrie glorifiziere dabei Gewalt unter dem Deckmantel des Feminismus.
5. Zu ehrlich für den Job? (taz.de)
Der Pressesprecher der Flughafengesellschaft Berlin Brandenburg, Daniel Abbou, ist wegen eines Interviews mit dem “PR Magazin” freigestellt worden. Mit den Worten „Milliarden versenkt“ und „zuviel verbockt“ hätte der BER-Sprecher den Skandal um den Bau des neuen Berliner Flughafens kritisiert. Nun ist er wohl seinen Job los.
6. Erlaubte Schmähkritik? Die verfassungsrechtliche Dimension der causa Jan Böhmermann (verfassungsblog.de, Alexander Thiele)
Die Causa Böhmermann ist mittlerweile zur handfesten Staatsaffäre geworden. Im “Verfassungsblog” gibt Privatdozent Alexander Thiele seine juristische Einschätzung des Falls wieder, in einer auch für Laien gut lesbaren Weise. Eines Falls, von dem er übrigens annimmt, dass er in Bälde auch in öffentlich-rechtlichen Examensklausuren auftauchen dürfe.
1. Scheue Angstmacher (taz.de, Erik Peter)
Erik Peter hat sich mit einem der Mitgründer und ehemaligen Gesellschafter des Monatsmagazin „Compact“ getroffen, dem deutschen Konvertiten und Herausgeber der Islamischen Zeitung Andreas Abu Bakr Rieger. Anlass war die Erfolgsgeschichte des umstrittenen Blatts, dessen Auflage sich in den letzten zwei Jahren mehr als verdoppelt hat (zurzeit 80.000). Außerdem hat er das Magazin auf der Buchmesse besucht und im Nachgang dazu mit einem Soziologen über das Phänomen gesprochen.
2. Die Internationale der Schnüffler (nzz.ch, Ronnie Grob)
Bisher hätten sich meist Einzeltäter einen Namen als Enthüller von Missständen gemacht. Nun würden investigative Journalisten vermehrt im Kollektiv arbeiten. Was sie schlagkräftiger mache, aber auch Risiken berge, so Ronnie Grob in seinem Artikel für die “NZZ”. Darin äußert sich der Leiter des Schweizer Recherche-Desks Oliver Zihlmann auch zum vielfach erhobenen Vorwurf, die Panama-Papers würden Amerikaner ausklammern: “In den ‹Panama Papers› sind viele Hinweise auf kriminelle Aktivitäten in den USA, sogar wesentlich mehr als in vielen anderen Ländern. US-Politiker dagegen sind tatsächlich kaum dabei, denn die nutzen eigene Steueroasen wie zum Beispiel Delaware.”
3. Michael Klarmann: „Für Rechtsextreme ein personifiziertes Feindbild“ (augenzeugen.info, Anna-Maria Wagner & Frank Überall)
Der Journalist Michael Klarmann berichtet seit vielen Jahren vor allem über die rechtsextreme Szene in Nordrhein-Westfalen. Auch in Vorträgen gibt er seine Erfahrungen weiter und berichtet über die zunehmenden Schwierigkeiten in diesem speziellen Feld der Berichterstattung. Im Interview spricht er über die Herausforderungen seiner Arbeit, zu denen Bedrohungen und körperliche Übergriffe zählen.
4. Die Grenze im Kopf (taz.de, Anne Fromm & Jürn Kruse)
Die Autoren berichten von einer besorgniserregenden Entwicklung in unserem Nachbarland: Seit in Polen die Regierung die öffentlich-rechtlichen Medien umbaue, ginge bei polnischen Journalisten die Angst um. Ende 2015 hätte die neue Regierung ein Gesetz durch das polnische Unterhaus und den Senat gepeitscht, nach dem öffentlich-rechtliches Radio und Fernsehen künftig „nationale Kulturinstitute“ werden, an deren Spitze ein vom Schatzminister ernannter Chef stehe. Die Regierung könne die Medien so direkt kontrollieren.
5. „Nach der Fußball-EM holen wir uns die Frauen“ (dwdl.de, Thomas Lückerath)
Die milliardenschwere indische Essel Group startet im Juni In Deutschland einen frei empfangbaren Bollywood-Sender. “Zee One” soll der Kanal heißen, der sich vor allem an Frauen im Alter von 19 bis 59 Jahren richtet. Die Pläne des Senders sind ambitioniert. Man habe einen Programmschatz von 3.500 Bollywood-Filmen und damit den größten Filmbestand dieses Genres. Jeden Tag gebe es drei Filme in Erstausstrahlung. Derzeit laufe die Synchronisation auf Hochtouren. Man habe gleich mehrere Studios in Deutschland beauftragt.
6. Beliebte Instagram-Accessoires – #faceswap (dailybreadmag.de)
Das “DailyBreadMag” hat erstmals die Gesichtertausch-Apps für sich entdeckt und stellt einige gelungene und weniger gelungene Faceswaps von Instagram-NutzerInnen vor.
Sogar im Medienbetrieb gibt es manchmal Menschen, die nicht zynisch werden, sondern weiter an die wahre Liebe glauben. Die über sich hinauswachsen, um diesem edelsten, wahrhaftesten aller Gefühle Ausdruck zu verleihen. Die ihre Bewunderung noch frei artikulieren.
Ihre Mundwinkel besuchen die Ohren, kräuseln sich an den Enden, ihre Augen blitzen schelmisch, ihr Kinn hebt sich mit verhaltener Arroganz
… schreibt Jürgen Elsässer über seinen Schwarm:
wer denkt da nicht an Audrey Hepburn in Frühstück bei Tiffany?
Die meisten. Elsässers Blicke jedenfalls können nicht vom Körper der Verführerin lassen:
Ihr Business-Kostüm mit der Flügelkragenbluse verleiht ihr die noble Kühle, die notwendig ist, um den Betrachter von den langen Beinen unter dem Rock abzulenken.
Die Frau, der Elsässer verfallen ist, ist Frauke Petry von der AfD. Ende Januar autorisierte sie dem “Mannheimer Morgen” ein Interview, in dem sie sagt, Grenzpolizisten müssten den illegalen Grenzübertritt von Flüchtlingen verhindern und “notfalls auch von der Schusswaffe Gebrauch machen”, das sei Gesetz. Jürgen Elsässer schwärmt nicht trotz, sondern wegen solcher Dinge von Frauke Petry.
Elsässer ist Chefredakteur des monatlich erscheinenden Magazins “Compact”. Nach eigenen Angaben liegt die verkaufte Auflage bei 36.000 Stück, was nicht völlig frei erfunden zu sein scheint — etwa jeder zweite Facebook-Fan müsste dann auch Käufer sein. “Compact” (Untertitel: “Magazin für Souveränität”, Slogan: “Ehrlicher Journalismus in Zeiten der Lüge”) ist ein Blatt, das seine Agenda sehr offensiv verfolgt. Eine publizistische Plattform für diverse Verschwörungstheorien und allerlei ausländerfeindliches Geraune.
In der aktuellen Ausgabe …
… geht es vor allem um Frauke Petry und die AfD. Das ist das Titelthema, nicht der Politikteil. Dieser handelt wiederum weniger von Politik als von Medien, was in der Denke von “Compact” austauschbar ist, weil ohnehin alles der Idee unterstellt ist, dass die Presse (außer “Compact” und ein paar Freunde aus der gleichen Filterbubble) von der Politik gesteuert sei.
Im Einzelnen findet sich dort:
– “Vergewaltigt und verhöhnt” (der Fall der angeblichen Vergewaltigung eines 13-jährigen Mädchens durch vier Araber, den “die Presse” nun “zur Propaganda gegen Russland” benutzt)
– “Aus dem Logbuch der Gleichschaltung” (wie die “GEZ-Medien” von der “Regierung instrumentalisiert” werden)
– “Bielefeld ist überall” (“Alltag in einer deutschen Kommune: Die Verwaltung schönt die Zahl der Flüchtlinge”)
– “Der Boulevard-Kanzler” (Österreichs Regierungschef, der die Grenzen doch partout nicht schließen wollte)
– “Die Reichen und die Superreichen” (wie uns wissenschaftliche Studien “in die Irre führen”)
– “Patriot unter Falken” (Donald Trump)
– “Frankensteins Killer-Moskito” (Zika-Virus)
Es folgen ein Reisebericht aus Nordkorea, ein Bericht über “Unsere Handball-Helden” (“Zwei Dutzend Männer stehen stramm und singen unsere Nationalhymne mit stolzgeschwellter Brust und aus voller Kehle”), Teil 12 der Serie “Meisterspione des 20. Jahrhunderts” (es geht um James Bond: “007 war ein Jugo!”), eine Rezension des neuen Rihanna-Albums (“Nun sind die Songs keine Reise in die Kindheit, aber vielleicht Wiederfinden des inneren Kindes”) sowie eine ausführliche Definition des Wortes “Gutmensch” (“Gutmenschen vertreten grundsätzlich nur die Interessen von Minderheiten und finden es unmoralisch, dass Männer und nichtfeministische Frauen, Deutsche, Christen, Weiße und Heterosexuelle überhaupt existieren”).
Das Dossier macht mit Eugène Delacroix’ Gemälde “Die Freiheit führt das Volk” auf und ist Renaud Camus gewidmet, der als Vordenker des “Front National” gilt. Camus behauptet darin, “die Kolonisierung und Islamisierung Europas durch Afrikaner und Araber” habe “begonnen”. Dies “klar auszusprechen”, sei “der erste Schritt zur notwendigen Revolte”.
“Revoltiert!”, fordert die Überschrift, und Camus erklärt im Text, “wir” müssten …
zu einer unumgänglichen, manifesten, evidenten Kraft heranwachsen, um sicherzustellen, dass selbst die Medien, für die wir ein fleischgewordener Albtraum werden müssen, es nicht länger vor unseren Landsleuten verbergen können: Es gibt eine Bewegung, die sich der Eroberung konsequent entgegenstellt und der sich jeder jederzeit anschließen kann!
Camus’ deutscher Verleger Götz Kubitschek betreibt mit Gleichgesinnten das Bündnis “Ein Prozent”, das sich gegen Flüchtlinge starkmacht. Einer dieser Gleichgesinnten ist — Jürgen Elsässer.
“Compact” weiß um seine Wirkung als Leitmedium der “Lügenpresse”-Rufer. So gelingt es Jürgen Elsässer gleich im ersten Satz des Editorials, den “Lügenmedien” und der Bundesregierung gemeinsame Pläne zu unterstellen:
Bundesregierung und Lügenmedien arbeiten fieberhaft daran, zwei Themen miteinander zu verknüpfen: den Krieg in Syrien und die Flüchtlingskrise in Europa. Für beides soll ein Mann verantwortlich sein: Wladimir
Putin.
Mitte Februar schreibt die Bild-Zeitung: “Noch mehr Bomben, noch mehr Menschen auf der Flucht. Zehntausende fliehen in diesen Tagen aus der syrischen Stadt Aleppo – nicht vor den ISIS-Terroristen, sondern vor den Truppen von Syriens Diktator Assad und den Luftangriffen Russlands. Verantwortlich: Präsident Putin.”
Elsässers Theorie: Erst seit Putin eine Rolle spiele, habe die “Bild”-Zeitung ihr “Mitleid” für die Menschen in Aleppo entdeckt. “Heuchlerischer geht‘s nimmer”, schreibt er.
Wo war denn der Aufschrei der Springerpresse, als in den letzten drei Jahren Zehntausende aus Aleppo flohen oder vertrieben wurden, weil die Kopf-ab-Dschihadisten einen Distrikt nach dem anderen säuberten?
Abgesehen davon, dass Elsässer damit selbst die Geschehnisse in Syrien und die Flüchtlingskrise miteinander verknüpft — wo der Aufschrei der Springerpresse war? In der Springerpresse.
Die Artikel stammen alle aus dem Jahr 2012, lange bevor Putin sich einschaltete. “Bild” berichtet seit Jahren permanent aus Aleppo, war 2013 sogar mit Jan Josef Liefers dort. Sucht man bei Bild.de nach “Aleppo”, findet man über 600 Artikel, der älteste ist fünf Jahre alt. All das unterschlägt Elsässer. Er schreibt:
Mit diesen Flüchtlingen [die in den letzten drei Jahren aus Aleppo flohen], darunter zahlreiche Christen, hatte die Schmierenjournaille kein Mitleid
Nun ja.
(Ein winziger Ausschnitt aus den letzten drei Jahren.)
Aber zurück zu “Compact”.
In der aktuellen Titelgeschichte widmet sich Elsässer also seiner angebeteten Frauke Petry von der AfD. Der Titel des schwärmerischen Portraits: “Die bessere Kanzlerin”. Die nächste Bundestagswahl findet zwar planmäßig erst im Herbst 2017 statt, doch Elsässer hat sich bereits einen Masterplan für den Umsturz überlegt und wähnt diesen in greifbarer Nähe. Die Landtagswahlen in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt sollen die Politik erschüttern:
Nach dem 13. März könnten die Altparteien in Turbulenzen kommen wie noch nie zuvor in der Geschichte der Bundesrepublik.
Der Superlativ gehört bei “Compact” zum normalen Ton, oft gefolgt von eigenartigen Relativierungen:
Voraussetzung ist allerdings, dass die AfD zumindest in Stuttgart und Magdeburg stärker als die SPD wird und sich der 20-Prozent-Marke nähert.
Sicher wird ein gutes Abschneiden der AfD für Diskussionen sorgen. Laut den letzten Umfragen kommt die Partei tatsächlich an die SPD heran (Baden-Württemberg) oder liegt sogar vor ihr (Sachsen-Anhalt). Aber anders als in Sachsen-Anhalt befindet sich die “Petry-Truppe”, wie Elsässer sie nennt, in Baden-Württemberg fernab von der 20-Prozent-Marke.
Solche Einordnungen hält Elsässer jedoch nicht für erwähnenswert, wie es ihm auch in seinem Portrait über Frauke Petry nicht nötig erschien zu erklären, dass die Gesetzeslage zum Schusswaffeneinsatz, die sie ihmzufolge nur “referiert”, von Juristen und der “Gewerkschaft der Polizei” ganz anders ausgelegt wird.
Aber gut, Elsässer ist augenscheinlich ein großer Fan von Frauke Petry, die er auch deswegen schätzt, weil sie “im Unterschied zu ‘Mutti'” vier Kinder habe, “ohne dabei ihre frische Jugendlichkeit verloren zu haben”. Derart in Wallung vergisst man schon mal Kleinigkeiten, die das Herzblatt nicht im besten Licht erstrahlen lassen.
Übrigens hat die Elsässer-Truppe das gleiche Motto wie die von Petry:
(Als Prämie gibt’s zum Beispiel das “COMPACT-Spezial: Dschihad in Europa” oder das “COMPACT-Buch: Faktencheck 9/11” oder das “COMPACT-Buch: Gesamtkunstwerk Rihanna”.)
Wie diese Wahrheitsliebe in der Praxis aussieht, auch in anderen Publikationen, die sich in Zeiten der “Lügenmedien” dem “ehrlichen Journalismus” verschworen haben, wollen wir uns in dieser Serie anschauen.
Spoiler-Warnung: “Mut zur Wirrheit” wäre ein geeigneteres Motto.
Die IVW hat ihr Auflagen-Archiv geöffnet: Seit Kurzem kann man sich dort auch die Quartalsauflagen aus den Jahren 1950 bis 1997 ansehen (davor waren in der Regel nur die Auflagen seit 1998 abrufbar).
Zeichnet man die Auflagenentwicklung von “Bild” und “Bild am Sonntag” seit ihrer Gründung bis heute nach, sieht das Ganze so aus:
Seit dem Höhepunkt in den Achtzigern hat die „Bild“-Zeitung knapp 70 Prozent ihrer verkauften Auflage verloren. Allein in den vergangenen 15 Jahren (Ära Diekmann) ist sie von über vier Millionen auf aktuell unter 1,9 Millionen gesunken. So niedrig war sie das letzte Mal im Jahr 1954. Ähnlich die Entwicklung der „Bild am Sonntag“, die heute so wenige Ausgaben verkauft wie seit 57 Jahren nicht mehr.
Anders sieht’s dagegen im Digitalen aus: „Bildplus“ wächst im Schnitt um etwa 5.000 Nutzer pro Monat.
Damit haben die „Bild“-Medien seit der Einführung der Paywall im Sommer 2013 mehr als 300.000 zahlende Leser gewonnen. Und in der gleichen Zeit mehr als doppelt so viele verloren.
1. Eine Branche in Angststarre (faz.net, Dominik Graf)
In der “FAZ” schreibt sich Filmregisseur Dominik Graf den Frust von der Seele. Drehbuchautoren würden wie Werkzeuge behandelt, die von den Entscheidern ausgetauscht werden würden, wenn sie nicht funktionieren. “Die Debatten-Wütigkeit über Stoffe, Dramaturgien, Hauptfiguren, über einzelne Sätze nimmt überhand. Finale Ablehnungen von Drehbüchern und Projekten werden gar nicht mehr bekanntgegeben, es ruft den Autor einfach keiner mehr an. Und wenn er nachfragt, so bekommt er gequälte Auskünfte.” Jedes Fiction-Projekt (mit Ausnahme von “Tatort” und “Polizeiruf”) sei bedroht, weil das Geld in die Bürokratie wandere. Die gesamte Branche befände sich in einer Angststarre.
2. Versteckte Furcht – Russische Medien und der Islam (de.ejo-online.eu, Edith Luschmann & Henrike Wiemker)
Die Autorinnen beschäftigen sich mit dem Umgang russischer Medien mit dem Islam. Obwohl dieser schon immer zu Russland gehört hätte, gäbe es in der Bevölkerung zunehmend Spannungen, über die russische Medien jedoch kaum berichten würden. Im Gegenteil: In den letzten Jahren hätte es eine verstärkt islamfeindliche Berichterstattung gegeben, vor allem in Zusammenhang mit Migrationsthemen. Die Autorinnen wünschen sich zur Verständnisförderung eine bessere mediale Sichtbarkeit des Islam in Russland.
3. Weil ihnen die Darstellung nicht gefiel – Bundesbeamte änderten 5500 Wikipedia-Artikel (aargauerzeitung.ch, Sven Altermatt)
In der Schweiz sollen Bundesbeamte Wikipedia-Artikel so oft zu ihren Gunsten abgeändert haben, dass die Online-Enzyklopädie die Bundesserver zeitweise blockierte. So habe ein Beamter beispielsweise Informationen zur Vorratsdatenspeicherung gelöscht und durch einen Allgemeinplatz ersetzt. Dies fiel den Wikipedia-Administratoren auf, und die Änderung konnte rückgängig gemacht werden. Seit 2003 sollen Bundesangestellte an mehr als 5.500 Artikeln Änderungen vorgenommen haben. Viele der Bearbeitungen seien profaner Natur, aber bei einigen Artikeln handele es sich um gezielte Schönfärberei. Ein Wikipedia-Administrator hat mittlerweile jedoch eine Gegendarstellung veröffentlicht, in der er das Geschehen relativiert.
4. «Fatale Allianz zwischen Medien und Politik» (medienwoche.ch, Lothar Struck)
Die Medienwoche beschäftigt sich ausführlich mit dem neuen Buch des TV-Journalisten Wolfgang Herles. “Die Gefallsüchtigen: Gegen Konformismus in den Medien und Populismus in der Politik ” heißt die “längst fällige Medienkritik” (Verlagsangabe) des Autors, der noch vor wenigen Tagen selbst mit gefallsüchtigen und unzutreffenden Behauptungen über eine angeblich gelenkte Presse auffiel. Der Rezensent attestiert dem Werk trotz einiger Schwächen “trotz allem eine interessante, wenn auch emotionale Sichtweise eines Status quo des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Deutschland.”
5. Washington Post’s ‘Bandito’ Tool Optimizes Content For Clicks (wsj.com, Jack Marshall)
Die berühmte “Washington Post” (Auflage werktags: 400.000, sonntags: 600.000) befindet sich seit 2013 im Besitz von Amazon-Gründer Jeff Bezos. Seit der Übernahme hat die Zeitung einiges in ihren digitalen Auftritt investiert. Nun hat man ein Tool installiert, das die Überschriften der Artikel optimiert. Die Redakteure verpassen ihren Artikeln unterschiedliche Überschriften, Teasertexte und Bilder. Die Software “Bandito” wertet nach der Veröffentlichung aus, welche Versionen von den Lesern bevorzugt angeklickt werden und zeigt diese dann verstärkt allen anderen Lesern an.
6. Das Augenzeugenvideo aus dem Zug (blog.tagesschau.de, Kai Gniffke)
Am praktischsten wären ja Beichtstühle mit nur einem Platz, am besten einem Drehhocker. Dort könnte man wichtigtuerisch seine moralisch-ethischen Gedankengänge und inneren Konflikte ausbreiten. Anschließend würde man dem Hocker einen Schubs in die andere Richtung geben und sich, je nach Laune, selbst applaudieren oder mit salbungsvollen Worten die Absolution erteilen. Und am tollsten wäre es, wenn das alle sehen und miterleben könnten. Der Chefredakteur der “Tagesschau” hat sich einen solchen Platz installieren lassen. Er nennt ihn “Blog”. Dort gniffkelt er über die Fragestellung, ob man private Youtube-Videos von Unglücken für Nachrichtensendungen ausschlachten darf. Um es vorwegzunehmen: Man darf es natürlich, und es ist zutiefst menschlich, wenn man als Tagesschau-Chef von sich selbst und seinen hehren Absichten (“Informationsauftrag”, “Respekt vor den Opfern” etc.) etwas gerührt ist. Und zum Schluss bedeutungsvoll und geradezu von geistlicher Gnade erfüllt, nicht über jene Person urteilen will, die das “kaum zu ertragende” Ursprungs-Unfallvideo samt erwähnter wehklagender Opfer aufgezeichnet und auf Youtube hochgeladen hat. PS: Veröffentlicht hat die “Tageschau” dann übrigens folgendes Gaga-Video mit dem Informationsgehalt einer… Ach, sehen Sie selbst.