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WM-Berichterstatter, Pressefreiheit in Europa, Trumps Telefonseelsorger

1. Immer mehr Hetze gegen Journalisten in Europa
(reporter-ohne-grenzen.de)
Wie „Reporter ohne Grenzen“ berichtet, hat sich die Lage der Pressefreiheit im vergangenen Jahr nirgendwo so stark verschlechtert wie in Europa. Dies zeigt die neue Rangliste der Pressefreiheit 2018. Vier der fünf Länder, bei denen es in Sachen Pressefreiheit am meisten abwärts gegangen sei, würden in Europa liegen. Namentlich sind es die EU-Mitglieder Malta, Tschechien und Slowakei sowie das Balkanland Serbien.

2. Sexuelle Belästigung: WDR ringt um die angemessene Aufarbeitung der Vorwürfe
(ksta.de, Anne Burgmer)
Was die Aufarbeitung der Vorwürfe sexueller Belästigung anbelangt, agiert der WDR nach Meinung vieler weiterhin nicht glücklich: „Dass der WDR ausgerechnet die Kanzlei als Anlaufstelle für Betroffene von sexueller Belästigung auswählte, die den Sender in zahlreichen arbeitsrechtlichen Prozessen vertreten hat, auch gegen den Mitarbeiter, der Fälle sexueller Belästigung gemeldet hatte und danach abgemahnt wurde, sorgt im Haus für Irritationen.“

3. Familienministerium hat fast 80 Twitter-Accounts blockiert
(handelsblatt.com, Dietmar Neuerer)
Viele Ministerien sind auch auf Twitter vertreten. Bei problematischen Inhalten reagieren die jeweiligen Social-Media-Beauftragten durchaus schon mal mit einer Account-Blockade des Gegenübers. Im Falle des Familienministeriums war das seit Mitte 2016 genau 79-mal der Fall. Ein Abgeordneter der Linkspartei betrachtet derartige Blockaden als „verfassungsrechtlich hochproblematisch“, da die Meinungs- und Informationsfreiheit der Nutzer beschnitten werde.

4. Trumps Telefonseelsorger
(faz.net, Frauke Steffens)
Der „Fox-News“-Moderator Sean Hannity gilt mittlerweile als wichtiger Einflüsterer Donald Trumps. Die beiden sollen mehrmals die Woche miteinander telefonieren und sich abstimmen. Manche Beobachter würden Hannity mit Trumps ehemaligem Chefstrategen Steve Bannon vergleichen, was die Bedeutung anbelangt. Hannity und Trump haben auch geschäftliche Gemeinsamkeiten: Beide lassen sich juristisch von Anwalt Michael Cohen vertreten und beide sind in umstrittene Immobiliengeschäfte verwickelt. Laut „Guardian“ soll Hannity über ein Netz von Scheinfirmen Immobilien gekauft haben, die von Zwangsvollstreckungen betroffen waren.

5. Schweizer Freiwild: Der Whistleblower
(republik.ch, Sylke Gruhnwald)
In Europa sollen Whistleblower künftig besser geschützt werden. Dies gilt jedoch nicht für die Schweiz: Wer dort Missstände öffentlich macht, in der Firma oder in der Behörde, riskiert ernste Konsequenzen. In einem fiktiven Interview erklärt Sylke Gruhnwald die für Whistleblower schwierige Lage.

6. “Mir fehlt kritische Begleitung des Events”
(deutschlandfunk.de, Sebastian Wellendorf & Jörg-Uwe Nieland)
Der “Deutschlandfunk” hat mit dem Medienwissenschaftler Jörg-Uwe Nieland über die WM-Berichterstattung von ARD und ZDF und die Verpflichtung der TV-Experten Stefan Kuntz und Philipp Lahm gesprochen, die mit dem DFB verbandelt sind. Nieland dazu: „Die Wahl dieser Experten ist sicherlich darauf zurückzuführen, dass sie sehr eloquent und sehr bekannt sind, dass sie wahrscheinlich auch sehr gut mit den übertragenden Journalisten zusammenarbeiten können. Das ist natürlich auch eine wichtige Voraussetzung. Gleichwohl: Für den kritischen Part stehen sie nicht.“

Der “MDR” und der grausige Tweet, Abgehefteter Hass, Bahnbabo

1. MDR-Sendung platzt nach rassistischem Tweet
(tagesspiegel.de, Matthias Meisner)
“Darf man heute noch “Neger” sagen? Warum Ist politische Korrektheit zur Kampfzone geworden?” So lautete die verstörende Ankündigung einer Radiodiskussion mit der früheren AfD-Chefin Frauke Petry, dem Moderator Peter Hahne, der sächsischen Linke-Landtagsabgeordneten Kerstin Köditz und dem Leipziger Politikwissenschaftler Robert Feustel. Nachdem es auf Twitter zu einem Shitstorm kam und zwei Diskussionspartner absagten, sagte der MDR die Sendung ab.

Für alles Weitere zum Ablauf des Geschehens samt unglücklicher MDR-Kommunikation siehe unseren Beitrag: MDR diskutiert mit Weißen über Rassismus gegenüber Schwarzen (bildblog.de, Moritz Tschermak).


2. Schreit es weg!
(sueddeutsche.de, Willi Winkler)
“National Enquirer” heißt das Klatschblatt, das in ganz Amerika strategisch günstig neben der Supermarktkasse ausliegt. Sämtliche Promis müssen damit rechnen, irgendwann einmal ins Visier der Boulevardzeitung zu geraten. Nur einer scheint sicher: Donald Trump. Und das liegt an der engen Freundschaft von Trump und David J. Pecker, dem Verleger des Revolverblatts.

3. Virtueller Hass, säuberlich sortiert
(spiegel.de, Melanie Amann & Marcel Rosenbach)
Wer rechtswidrige Posts in sozialen Netzwerken entdeckt und vergeblich versucht hat, eine Löschung zu bewirken, kann sich an das Bundesamt für Justiz in Bonn wenden. Melanie Amann und Marcel Rosenbach vom „Spiegel“ haben die Behörde besucht, bei der die Beschwerden fein säuberlich in blauen Aktenmappen landen. Und mussten als externe Besucher zunächst die vorgeschriebene Sicherheitseinweisung für den Paternoster überstehen.

4. Der Mann, der kein Spion war: Wie sich das Leben des Baslers nach falschen Vorwürfen verändert hat
(bzbasel.ch, Annika Bangerter)
Der türkischstämmige Basler Y. S. soll als Polizeiassistent für Erdogan spioniert haben, doch die Vorwürfe erwiesen sich als haltlos. Die öffentliche Wahrnehmung war jedoch eine andere, auch durch die Medienberichte. „bz Basel“ hat mit Y.S. darüber gesprochen, wie die falsche Spitzel-Geschichte sein Leben verändert hat: „Der Spion bleibt an mir haften, ich bin abgestempelt. Bis heute meide ich deshalb Örtlichkeiten, an denen sich viele Menschen aufhalten. Ich will nicht, dass sich jemand durch meine Anwesenheit provoziert fühlt oder gar das Gefühl hat, sich beweisen zu müssen. Im Sinne von: «Jetzt zeigen wir es dem Spion.» Eine solche Situation eskaliert schnell.“

5. Investigative Filmemacher und die Haftungsfrage
(ndr.de, Sabine Schaper)
Bei den in der ARD ausgestrahlten investigativen Dokumentationen, auf die der Sender so stolz ist, handelt es sich um Auftragsproduktionen, hinter denen freie Produzenten stecken. Als kleine Firmen legen sie sich oft mit den großen Playern aus Politik und Wirtschaft an und setzten sich einem erheblichen Risiko aus, verklagt und in den finanziellen Ruin getrieben zu werden. Was helfen könnte: Neue Verträge.

6. Alles gechillt beim Bahnbabo
(fr.de, Kathrin Rosendorff)
Peter Wirth (57) ist Straßenbahnfahrer, Social-Media-Star und eine Berühmtheit in Frankfurt: Er ist der durchtrainierte, muskelgestählte und von allen geliebte „Bahnbabo“.

MDR  

MDR diskutiert mit Weißen über Rassismus gegenüber Schwarzen

Wie oft wurde die frühere AfD-Politikerin Frauke Petry in ihrem Leben wohl als “Negerin” beschimpft?
Wie oft der ZDF-Moderator Peter Hahne?
Wie oft die Linke-Landtagsabgeordnete Kerstin Köditz?
Wie oft der Politikwissenschaftler Robert Feustel?

Das sind vier völlig blöde Fragen, schließlich haben Petry und Hahne und Köditz und Feustel alle eine sehr helle Hautfarbe, was sie vor einer solchen unsäglichen rassistischen Beleidigung schützt. Und doch hätte sich die Redaktion des MDR Sachsen diese Fragen mal stellen können, denn heute Abend um 20 Uhr will der Radiosender mit diesen vier Studiogästen die Frage klären, ob man “noch ‘Neger'” sagen darf:

Um erstmal auf die Frage einzugehen: nein. Es handelt sich um eine Beleidigung (dass man sowas wirklich noch klarstellen muss). Selbst der Duden schreibt, dass die Bezeichnung “im öffentlichen Sprachgebrauch als stark diskriminierend” gelte. Sie verletzt Menschen. Man kann das Wort benutzen, ja. Aber dann kann man sich nicht damit rausreden, dass man nicht wisse, was für eine üble rassistische Beleidigung man benutzt hat.

In der Sendung des MDR Sachsen soll es laut Ankündigung allgemein um die Frage “Politisch korrekt oder korrekt politisch?” gehen. Es ist bemerkenswert, dass eine Redaktion eines öffentlich-rechtlichen Senders in die dazugehörige Twitter-Ankündigung das N-Wort einbaut. Die Frage wirkt wie ein kalkulierter Tabu-Bruch: Längst Indiskutables zur Diskussion stellen, nur um Aufmerksamkeit zu bekommen — eine Strategie, die man ständig bei der Neuen Rechten beobachten kann. Allein das Stellen dieser Frage ist ein Rückschritt, schließlich lässt dies es so wirken, als könnte man ernstzunehmende unterschiedliche Positionen zu ihr einnehmen. Was könnte man denn noch so diskutieren? Darf man heute noch “Kümmeltürke” sagen? Darf man heute noch “Judensau” sagen? Darf man Schwule “Schwuchteln” nennen? Darf man einen Menschen mit Trisomie 21 “Mongo” nennen? Die Antworten wären übrigens: nein, nein, nein und nein.

Was viele Twitter-Nutzer stört ist nicht nur die Reproduktion einer rassistischen Beleidigung durch den MDR Sachsen, sondern auch die Zusammensetzung der Talk-Runde: Warum sitzt keine von Rassismus betroffene Person am Mikrofon, die sagen könnte, was sie von der Verwendung des Wortes hält? Etwa jemand, der “Zigeunerschnitzel”- und “Negerkuss”-Verteidiger Peter Hahne im Studio erklären könnte, wie kränkend das Wort ist. Warum diskutieren ausschließlich Weiße darüber, mit welchen Rassismen sie Schwarze versehen dürfen und mit welchen nicht?

Die Reaktion des MDR Sachsen auf diese Kritik ist gelinde gesagt eine Katastrophe:

Was für eine Bankrotterklärung einer Redaktion: Auf Anrufe von Betroffenen hoffen, weil man es (im besten Fall) verpennt hat oder (im schlimmeren Fall) für unnötig hielt, die Menschen ins Studio einzuladen, die die Beleidigung im Alltag betrifft.

Anderen Kritikerin entgegnet der MDR Sachsen, dass sie mal etwas sorgfältiger lesen sollen:

Das wäre ziemlich lustig, wenn es nicht so traurig wäre: Dass eine Redaktion, heischend nach Aufmerksamkeit, an den Anfang ihres Tweets eine rassistische Beleidigung stellt und bei Kritik daran sagt, dass man sich mal nicht von der rassistischen Beleidigung blenden lassen solle. Und vielleicht zeichnet eine gute Überschrift auch aus, dass sie die Leserschaft den Inhalt einer Sendung nicht falsch verstehen lässt.

Der MDR Sachsen hat nun auch etwas grundsätzlicher auf die Kritik reagiert:

Auch dazu könnte man einige Fragen stellen, etwa: Was an der “Einstiegsfrage” soll eine “Überspitzung” gewesen sein? Das war keine “Überspitzung”. Das war schlicht das Wiedergeben einer rassistischen Beleidigung.

Die zwei angekündigten Studiogäste Kerstin Köditz und Robert Feustel haben ihre Teilnahmen an der Diskussionsrunde inzwischen übrigens abgesagt:

Ein letzter Gedanke: Ja, auch wir haben hier nun diese Beleidigung mehrfach verwendet. Das lässt sich bei einer Kritik an manchen Stellen leider nicht vermeiden. Wir haben uns jedenfalls Mühe gegeben, das Wort so selten wie möglich zu verwenden.

Nachtrag, 17:38 Uhr: Laut “Tagesspiegel” hat der MDR Sachsen nun die gesamte Sendung abgesagt.

Mit Dank an @jens_jans für den Hinweis!

Metcalfe’s Law, Echo auf den Echo, Goldener Zaunpfahl

1. Facebooks Macht steckt in dieser Formel
(zeit.de, Tilman Baumgärtel)
Bei der Diskussion um die Vormachtstellung Facebooks kommt gelegentlich das Argument auf, jeder könne ja ein neues Netzwerk gründen und damit die Alleinherrschaft des Social-Media-Giganten beenden. Doch dem steht unter anderem ein Theorem aus der Frühzeit des Internets entgegen, das Metcalfesche Gesetz: „Der Wert (V) eines Netzwerks ist proportional zur Zahl seiner Nutzer (n) im Quadrat. Weil alle Nutzer mit allen anderen kommunizieren können, ist ein Netzwerk mit zehn Nutzern nicht zehnmal so wertvoll wie eins mit nur einem Nutzer, sondern hundertmal so wertvoll (10²).“ Medienwissenschaftler Tilman Baumgärtel erklärt in lesbaren Worten, warum das Internet Monopole fördert.
Weiterer Lesetipp: Der Bericht vom Internationalen Journalismusfestival, bei dem zwischen Wein und Pizza über die Zukunft der Medien philosophiert wurde. Bezahlt unter anderem von Facebook und Google. Facebook und der Journalismus: Eine Geschichte voller Missverständnisse (netzpolitik.org, Alexander Fanta)

2. Deshalb nennen Radiosender jetzt so oft ihren Namen
(t-online.de, Marc Krüger)
Haben Sie sich auch schon mal gewundert, warum Radiosender zu bestimmten Zeiten des Jahres von nichts anderem als sich selbst zu sprechen scheinen? Ob über Gewinnspiele, Plakate oder penetrante Wiederholung des Sendernamens. Nun, das hat etwas mit dann stattfindenden Quotenmessung zu tun, die sich auf die zu erzielenden Werbeeinnahmen auswirkt. Marc Krüger erklärt die Zusammenhänge.

3. Die Sache mit den Rezensionen, die nicht geschrieben werden
(dunkle-zeiten.info, Catalina Cudd)
Die Buchautorin Catalina Cudd hat sich auf unterhaltsame Weise mit dem Rezensionswesen beschäftigt. Sie ermutigt die Leser, weiterhin ihre Meinung zu sagen, auch wenn die mal drastisch ausfallen sollte. Und den Autoren und Autorinnen rät sie zu mehr Gelassenheit: „Kritik tut immer weh, keine Frage. Aber es ist weitaus professioneller, in solchen Fällen in den Keller zu gehen und ein paar Pfeile auf eine Pappfigur zu werfen, die ein Schild mit der Aufschrift BLÖDER LESER um den Hals trägt. Dann setzt man sein Profilächeln auf, geht wieder nach oben und schreibt am nächsten Roman weiter.“

4. „Echo hat keine Berechtigung mehr“
(taz.de)
Der Echo-Musikpreis ist am Ende, findet der ARD-Koordinator für Unterhaltung, Thomas Schreiber. Es sei beschämend und schamlos, dass sich die deutsche Musikindustrie in einer Live-Übertragung im deutschen Fernsehen am Gedenktag der Opfer des Holocaust auf diese Weise feiere. Es habe gleich ein dreifaches Versagen beim Echo Pop 2018 gegeben, „die Nominierung der beiden Ekelrapper Kollegah und Farid Bang, der sinn- und geschmacksfreie Auftritt dieser beiden am Ende der Show, die Sprachlosigkeit der Verantwortlichen“.

5. Vermutlich weiterer Deutscher in der Türkei festgenommen
(faz.net)
Von türkischer Seite gibt es keine Auskünfte, doch das Auswärtige Amt geht davon aus: Offenbar ist der deutsche Reporter Adil Demirci in Istanbul festgenommen worden. Nach Aussagen der Journalistin Mesale Tolu, die selbst über Monate in der Türkei inhaftiert war, gehört Demirci zu den drei Mitarbeitern der linken Agentur „Etha“ und habe sich nur zum Urlaub in der Türkei aufgehalten.

6. Diese Produkte sind so sexistisch, dass sie für einen Negativ-Preis nominiert sind
(ze.tt, Bianca Nawrath)
Am 18. April 2018 wird in Berlin der „Goldene Zaunpfahl“ verliehen, ein Negativpreis für Gender-Marketing. Nominiert sind unter anderem: ein Plüsch-Bohrmaschine für Jungs, eine Bibel für Frauen und der „Barbie Experimentierkasten“.

Letztendlich Wurscht, Keine Nazibilder, Altersfeststellung

1. So. Jetzt wisst ihr mal, mit wem ihr es hier zu tun habt.
(facebook.com, Judith Liere)
Jens Jessen, der ehemalige Ressortleiter des Feuilletons der Wochenzeitung „Die Zeit“ hat sich in einer Titelstory bei seinem alten Arbeitgeber über die #Metoo-Debatte ausgetobt. Jessen geht es um den „bedrohten Mann“ und den „Triumph des totalitären Feminismus“.
Die von ihm namentlich erwähnte Journalistenkollegin Judith Liere hat sich mit einer Facebook-Gegenrede zu Wort gemeldet, die all die Wirrheit und Absurdität der Jessenschen Vorwürfe in einer Art Zitatensammlung vereint. (Der Hintergrund: Jessen hatte sich anscheinend an Judith Lieres „Stern“-Artikel zur #MeToo-Debatte gestört. Einem Beitrag aus dem Februar, der immer noch lesenswert ist.)


In der „taz“ findet Patricia Hecht deutliche Worte über Jessen : „Alles was er schreibt, wurde schon tausendmal vom Patriarchat ausgekotzt.“
Bei “Gender Equality Media” hat sich die “totalitäre Feministin” Penelope Kemekenidou direkt an den “Zeit”-Autor gewandt (“Lieber Jens, ich glaube kaum dass ich das mal sagen muss, aber: Sei mal nicht so hysterisch.”)
Auch die Kollegen des „Zeit“-Ablegers für junge Leser „Ze.tt“ gehen auf Abstand. Jessen deute die Anliegen der Debatte grundlegend falsch und inszeniere einen Geschlechterkampf zwischen Mann und Frau.
„Vice“ hat auf seine eigene Art reagiert und veröffentlicht einen „ultimativen Artikel-Generator für empörte weiße Männer“.
Die beste Realsatire liefert jedoch Autor Jens Jessen selbst. In einem schon jetzt legendären dreiminütigen Radio-Interview stammelt, haspelt, ächzt, kichert und schwafelt er sich durch das Gespräch, dass man an einen misslungenen Loriot-Sketch glaubt. 
Und findet Worte, die seine Gedankenwelt ganz gut zusammenfassen: „Natürlich können Sie auch sagen: Es ist mir Wurscht. Letztendlich ist es vielleicht auch Wurscht.“

2. Facebook: Datenabgriff von 87 Millionen Nutzern ist nur Spitze des Eisberges
(netzpolitik.org, Markus Beckedahl)
Nach Angaben von Facebook sollen bis zu 87 Millionen vom Datenabgriff von „Cambridge Analytica“ und Co. betroffen sein. Das sei aber nur die Spitze des Eisberges, wie Markus Beckedahl auf „Netzpolitik.org“ schreibt. Das Unternehmen hätte erklärt, dass durch ähnliche Datenabgriffe wohl fast alle zwei Milliarden Nutzer betroffen sein können. Beckedahl kommentiert: „Währenddessen ist in der öffentlichen Debatte zumindest der CDU/CSU-Teil der Bundesregierung abgetaucht. Dort arbeitet man im Hintergrund daran, schärfere Regeln gegen Tracking und Datenmissbrauch im Rahmen der ePrivacy-Verordnung auf EU-Ebene zu verhindern. Die Bundesdatenschutzbeauftragte bereitet sich offensichtlich schon auf ihren Ruhestand vor.“
Weiterer Lesetipp: Die FAQ zum Facebook-Skandal (faktenfinder.tagesschau.de, Dennis Horn)

3. Hussein K.-Prozess: Fake News von einer journalistischen Instanz
(augsburger-allgemeine.de, Philipp Kinne)
Die bekannte Gerichtsreporterin und Starjournalistin Gisela Friedrichsen hat für die „Welt“ über den Fall des verurteilten Mörders Hussein K. berichtet. Dort sei es auch um das Verfahren zur Altersfeststellung gegangen sein, dessen Kosten Friedrichsen mit zwei Millionen Euro bezifferte. Die „Augsburger Allgemeine“ konnte sich derart hohe Kosten schwer vorstellen und hat bei der Staatsanwaltschaft Freiburg nachgefragt. Diese nennt als Gesamtkosten für die Altersfeststellung einen Betrag von etwa 6.000 Euro.
 Philipp Kinne kritisiert den Umgang der „Welt“ mit dem Fehler: „In der Richtigstellung zum Friedrichsen-Artikel ist mittlerweile zu lesen, „diese konkrete Summe“ sei „nicht zu belegen“ – als ob es sich um eine kleine Abweichung gehandelt habe statt um eine völlig fantastische Zahl – die im Internet und der öffentlichen Debatte längst ein Eigenleben führt.“

4. Auch Nazigegner dürfen keine Nazibilder posten
(lawblog.de, Udo Vetter)
Aus Protest gegen die Agentur für Arbeit veröffentlichte ein Blogger ein Bild Heinrich Himmlers in SS-Uniform mit Hakenkreuzarmband. Das durfte er nicht, befand jetzt auch der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR), vor den der Blogger gezogen war. Eine innere Distanz zum Nationalsozialismus rechtfertige es in Deutschland nicht, die Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen zu veröffentlichen.

5. Baum-Maßnahme
(sueddeutsche.de, Cathrin Kahlweit)
Die BBC entschuldigt sich für eine Inszenierung innerhalb einer Papua-Neuginea-Reportage aus dem Jahr 2011. Cathrin Kahlweit sieht darin ein mögliches Ablenkungsmanöver von Ärger an anderer Stelle: „Seit bekannt wurde, dass die BBC einigen männlichen Stars mehr Gage zahlt als weiblichen, ist der Sender in der Defensive. Hier ist die Fehlerkultur wenig ausgeprägt: Man habe nicht gegen Gesetze verstoßen, heißt es lapidar.“

6. “Scheißer von Heuchelheim” gefasst
(hessenschau.de)
Mit “Scheißer von Heuchelheim gefasst“ überschreibt die „Hessenschau“ einen der wichtigsten Kriminalfälle der letzten Zeit. Der „Spiegel“ titelt mit “Kotleger von Heuchelheim” aufgeflogen etwas vornehmer. Geradezu begeistert schlagzeilt hingegen der „Rhein-Main Extra Tipp“: “Opa kackt über ein Jahr auf Bürgersteige in Gemeinde – und andere mache es ihm nach“ (hier nicht verlinkt, aus hygienischen Gründen).

Konstruktiver Journalismus?, Demokratischer Witz, “ZDFneo”

1. Konstruktiver Journalismus pro und contra
(deutschlandfunk.de, Audio, 28:42 Minuten)
Der „Deutschlandfunk“ beschäftigt sich mit dem Für und Wider des „konstruktiven Journalismus“. Unter dem obigen Link gibt es die komplette Sendung zum Nachhören. Wer in einzelne Unterthemen einsteigen will:
Die Dänen: Erfinder des Konstruktiven Journalismus (Beitrag von Clemens Bomsdorf
)
Wie wirkt Konstruktiver Journalismus? (Interview mit Klaus Meier, Professor für Journalistik)
Fallbeispiel 1: Sächsische Zeitung (Beitrag von Alexandra Gerlach)
Fallbeispiel 2: Perspective Daily (Beitrag von Lena Sterz)
Und last but not least: Keine gute Idee – Konstruktiver Journalismus wirkt systemstabilisierend (Interview mit der Journalistin Kathrin Hartmann).

2. Trumps beste Verteidiger sitzen bei “Fox News”
(sueddeutsche.de, Beate Wild)
Zwischen dem amerikanischen Präsidenten und dem Fernsehsender „Fox News“ besteht nach wie vor eine unheilige Allianz: Der konservative Sender lobt Trump in den Himmel und wird seinerseits von Trump protegiert. Beate Wild hat sich angeschaut, wie die Fox-Moderatoren die Wahrheit zurechtbiegen. Sich selbst und ihren Zuschauern.
Weiterer Lesetipp: Trump empfiehlt «Nukleare Option»: „Trumps Sprache verrät den verantwortungslosen Blödmann. «Nuklear» heisst bei ihm einfach «besonders wirksam».“ (infosperber.ch, Christian Müller).

3. Demokratischer Witz im Land der Narren
(faz.net, Michael Hanfeld)
Das Oberverwaltungsgericht Rheinland-Pfalz hat die Beschwerde gegen die Wahl des Direktors der Landeszentrale für Medien und Kommunikation (LMK) zurückgewiesen. „FAZ“-Redakteur Michael Hanfeld kommentiert den umstrittenen, doch nun auch gerichtlich abgesegneten Wahlvorgang: „Da war nix mit pluralistisch und Freiheit und Staatsferne, da ging es um eine rot-grüne Hinterzimmerverabredung, an welcher der LMK-Versammlungsvorsitzende Albrecht Bähr, Vertreter der evangelischen Kirche, federführend und der auf CSU-Ticket fahrende stellvertretende LMK-Direktor Harald Zehe als nützlicher Helfer ihren Anteil hatten. Da sollte nichts dem Zufall überlassen werden. Von einem transparenten demokratischen Wahlverfahren keine Rede.“

4. betr. Neo-Anteil im Programm von ZDFneo
(planet-interview.de, Jakob Buhre)
Jakob Buhre war auf der ZDF-Pressekonferenz und stellte dem ZDF-Intendant Thomas Bellut Fragen zu „ZDFneo“. Ihm war aufgefallen, dass die „Innovationsplattform“„ZDFneo“ in der zwölften Kalenderwoche gerade mal zwei Eigenproduktionen im Angebot hatte, der Rest hätte aus Fremdformaten und Wiederholungen bestanden. Der ZDF-Intendant stritt die Zahl vehement ab. („Ihre Zahl ist eindeutig falsch, wir können das verifizieren.“) Buhre nutzte die Ostertage zum Nachrechnen, und siehe da, der Intendant hatte auf seine Art Recht: Es gab in der fraglichen Kalenderwoche nicht (bescheidene) zwei, sondern (bescheidene) drei Eigenproduktionen.
 Buhres Resümee: „ZDFneo ist (fast ausschließlich) eine Wiederholungsplattform. Das Programm besteht zu 96,5 Prozent aus Wiederholungen.“

5. «Inhaltlich sind wir für alles offen»
(medienwoche.ch)
Seit einem halben Jahr gibt es die österreichische Rechercheplattform „Addendum“. Finanziert vom Red-Bull-Gründer Dietrich Mateschitz arbeitet dort eine 40-köpfige Redaktion an gesellschaftlichen und politischen Themen. Die „Medienwoche“ hat sich mit Judith Denkmayr unterhalten, die bei „Addendum“ das zehnköpfige Team „Audience und Digitale Plattformen“ leitet.

6. Behebung der Probleme dauert «einige Jahre»
(persoenlich.com)
In einem Interview mit dem amerikanischen Nachrichtenportal “Vox” hat Facebook-Chef Mark Zuckerberg auch über den Schutz von Nutzerdaten gesprochen. Um die gegenwärtigen Probleme zu beheben, werde es “einige Jahre” brauchen, so der Chef des schnellsten Mediums der Welt.

“Fox News”-Boykott, Googles GIF-Kauf, Kolumnisten-Duell

1. Parkland-Überlebender zwingt Werbekunden zum Boykott von Fox News
(sueddeutsche.de, Julian Dörr)
Ein amerikanischer Teenager hat mit nur einem Tweet einen erfolgreichen Boykott gegen „Fox News“, einen der größten TV-Sender der USA ausgelöst. Die konservative Moderatorin und glühende Trump-Unterstützerin Laura Ingraham hatte den Schüler, der sich für strengere Waffengesetze in den USA einsetzt, auf Twitter attackiert. Daraufhin twitterte der Schüler die Namen von zwölf Werbekunden der Talkshow. Mit Erfolg: Schon nach wenigen Stunden meldeten sich die ersten Firmen und kündigten an, dass sie ihre Werbeanzeigen zurückziehen würden.

2. Post verkauft Daten an Parteien
(tagesschau.de)
Nach einem „BamS“-Bericht verkauft die Post seit 2005 die Daten ihrer Kunden an Parteien. 2017 seien Kundeninformationen an FDP und CDU gegangen. Die Parteien hätten straßengenaue Analysen bestellt, hilfreich für Haustürwahlkampf und Direktwerbung. Alle Beteiligten wollen sich rechtlich korrekt verhalten haben. Hamburgs Datenschutzbeauftragter Johannes Caspar verlangt die Neubewertung von “Microtargeting im Offline- oder Online-Sektor zum Zweck der Wahlwerbung“ und sieht Kollisionen mit dem Grundgesetz. 
Weiterer Lesetipp: Deutsche Post weist Kritik an Datenweitergabe zurück (zeit.de).

3. Ist Radio tot? Futurist Ben Hammersley glaubt es zumindest
(radioszene.de, James Cridland)
„Futurist“ Ben Hammersley schreibt für Medien wie „Guardian“ und „Wired“. In diesem Jahr sprach er auf den Radiodays Europe in Wien. Wie es sich für einen Futuristen gehört, hatte er eine verstörende Botschaft im Gepäck („Radio ist tot“) und zog Parallelen zu Kodak, wo man nicht bemerkt hätte, wie schnell sich die Welt verändert.

4. Die Kommerzialisierung der Gifs
(irights.info, David Pachali)
Das GIF-Format ist für Computerverhältnisse uralt und müsste sich schon längst überlebt haben. Doch das Gegenteil ist der Fall: In sozialen Netzwerken und Messengern erfreuen sich die kleinen Bewegtbilder-Sequenzen größter Beliebtheit. Nun hat Google eine der größten GIF-Datenbanken aufgekauft. Der wirtschaftliche Hintergrund: Die unscheinbaren Grafikschnipsel ermöglichen einen Einblick in die Gefühlswelt der Nutzer. Das biete Werbepartnern neue Möglichkeiten, potenzielle Kunden in der passenden Stimmungslage anzusprechen.

5. Abrechnung einer Deutschlandfunk-Autorin mit dem Zeit-Kritiker: der Sound, aus dem der Totalitarismus kommt
(meedia.de, Thomas Fischer)
Am 30. März haben wir in den „6 vor 9“ eine Kolumne von Silke Burmester beim „Deutschlandfunk“ verlinkt, in der sie den ehemaligen Bundesrichter und „Zeit“-Kolumnist Thomas Fischer mit heftigen Worten kritisierte. Wie nicht anders zu erwarten, hat dieser nun, nicht minder heftig, geantwortet.

6. Krebs ist scheiße
(futurezone.de, Philipp Rall)
Mehrere tausend Mitglieder einer Bilder-Community äußern ihren Unmut über einen Journalisten, indem sie mit dem Hinweis „Krebs ist scheiße!“ Geld an die DKMS und andere Organisationen überweisen. Wie kam es dazu?
Nachtrag 13:58 Uhr: Eine Leserin kritisiert die Berichterstattung und weist uns auf einen Beitrag des betroffenen Security-Journalisten hin, der 2016 Ziel eines massiven DDoS-Angriffs war.

Bild  

Julian Reichelt und der rechte Hetz-Account (diesmal aber ein anderer)

Eigentlich wollten wir es erstmal gut sein lassen — jetzt müssen wir aber doch noch mal über Julian Reichelt und sein Verhalten bei Twitter sprechen. Am Donnerstag hat der “Bild”-Chef einen Tweet verbreitet von einem Account namens “Onkel Jakob”:

Screenshot eines Tweets von Julian Reichelt, der den Account Onkel Jakob retweetet hat und dazu schreibt - Ist das zutreffend dass das wieder gelöscht wurde, lieber Tagesschau-Fakrenfinder Patrick Gensing - der Tweet von Onkel Jakob lautet - Linksextremist Patrick Gensing und die staatliche Lügenfabrik Tagesschau wollten uns erzählen, dass es keine Messerepidemie gibt, haben ihren peinlichen Tweet dann aber doch lieber wieder eingestampft

Nur kurz zum Hintergrund: Vergangene Woche verkündete die “Bild”-Zeitung auf ihrer Titelseite eine “Messer-Angst in Deutschland”. Die AfD hatte bereits eine Tage zuvor behauptet, dass eine “Messerepidemie” grassiere. Die ARD-“Faktenfinder” Patrick Gensing und Gabor Halasz haben sich die amtlichen Zahlen mal genauer angeguckt und geschrieben, dass es ihrer Ansicht nach keine “Messerepidemie” in Deutschland gebe:

Die AfD warnt vor einer “Messer-Epidemie”. Die “Bild” berichtet von einer Zunahme solcher Delikte von bis zu 300 Prozent. Doch vorliegende Zahlen zeigen ein differenziertes Bild.

Die “Faktenfinder” mussten ihren Text an einer Stelle korrigieren. Es wurden deswegen einzelne Tweets gelöscht. Alles etwas durcheinander. Dazu gab es mehrere Diskussionen bei Twitter, unter anderem zwischen Julian Reichelt und Gabor Halasz.

Und es gab eben diesen Tweet von “Onkel Jakob”, den Reichelt offenbar so interessant fand, dass er ihn — mit einer Nachfrage an Patrick Gensing versehen — an seine knapp 56.000 Follower verbreitete.

Wir hatten Anfang des Monats hier im BILDblog ja davon berichtet, dass Julian Reichelt einen Tweet des rechten Hetz-Accounts “Dora zwitschert” verbreitet hat. Während man nur anhand des Tweets, um den es damals ging, nicht direkt erkennen konnte, in welch bräunlichen Gewässern der Absender fischt und wie grässlich es sonst auf dem Kanal zugeht, sieht es im aktuellen Fall ganz anders aus: “Onkel Jakob” (vielleicht nur zufällig ein Anagramm des längst gesperrten Hetz-Accounts “Kolja Bonke”) bezeichnet Patrick Gensing als “Linksextremisten” und die “Tagesschau” als “staatliche Lügenfabrik”. Das ist schon bemerkenswert: Der Chefredakteur von Deutschlands größter Tageszeitung verbreitet auf Twitter das unsägliche “Lügenpresse”-Geschrei, das man sonst von “Pegida”-Märschen kennt.

Doch es passt zur großen Widersprüchlichkeit von Julian Reichelt: Ständig regt er sich auf, wenn ihm und seiner Redaktion eine “Lüge” vorgeworfen wird (und das oft zu Recht — denn zur Lüge gehört die Absicht zu lügen; bei “Bild” und Bild.de entsteht ein Großteil der Fehler allerdings aus reiner Schlampig- und Unfähigkeit). Bezeichnet aber ein sehr rechter Twitter-Account einfach mal die gesamte “Tagesschau” als “staatliche Lügenfabrik”, hat Julian Reichelt damit offensichtlich kein Problem. Er widerspricht nicht. Er ordnet nicht ein. Er verbreitet es einfach weiter.

Was wäre wohl los, wenn Patrick Gensing den Tweet eines anonymen linken Hetz-Accounts verbreiten würde, in dem Reichelt als “Rechtsextremist” bezeichnet wird und “Bild” als “Lügenfabrik”?

Dass der “Bild”-Chef erst einen Tweet von “Dora zwitschert” retweetet und nur wenige Tage später einen von “Onkel Jakob” zeigt auch auf erschreckende Weise, in welcher Szene er sich (zumindest digital) zu bewegen scheint: in einer, in der Verleumdung und Fremdenhass und Hetze ganz normal ist. In der ohne Ende gezündelt wird. In der üble Kampagnen gegen Einzelpersonen gestartet werden. Und noch mal: Julian Reichelt verantwortet die Inhalte der größten Zeitung Deutschlands.

Der Account “Onkel Jakob” wurde von Twitter inzwischen übrigens komplett gesperrt.

Ist Bild.de doch egal, worum das BKA bittet

Das Bundeskriminalamt (BKA) konnte in der vergangenen Nacht bei Twitter einen Fahndungserfolg melden:

Screenshot eines Tweets des Bundeskriminalamts - Verdacht des schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern - Fahndung ist erfolgreich beendet. Festnahme des Tatverdächtigen. Wir sagen Danke! Bitte löschen Sie alle geteilten Bilder. Weitere Informationen werden hier im Laufe des Tages veröffentlicht.

Nach dem Verdächtigen wurde seit gestern per Öffentlichkeitsfahndung gesucht. Zahlreiche Medien zeigten das Gesicht des Mannes, der zwei Jungen missbraucht, Aufnahmen von ihnen gemacht und diese Kinderpornographie in Foren verbreitet haben soll. Die Bitte des BKA, die Fotos, die den Verdächtigen zeigen, nun zu löschen, erscheint logisch: Die Fahndung ist abgeschlossen, der Verdächtige geschnappt — warum also weiter sein Gesicht zeigen?

Ja, Mitarbeiter von Bild.de, warum also weiter sein Gesicht zeigen?

Screenshot Bild.de-Startseite - Nach Öffentlichkeitsfahndung - Kinderschänder von Viersen gefasst - mit unverpixeltem Foto des Verdächtigen
(Alle Unkenntlichmachungen in diesem Beitrag durch uns.)

In dem Artikel zur Festnahme des Gesuchten, den die Redaktion heute morgen auf ihrer Startseite anteaserte, hat sie auch den Tweet des BKA eingebettet, in dem die Behörde um die Löschung der Fotos bittet. Dieser Artikel startet so:

Screenshot eines Bild.de-Artikels - Zu sehen ist die Überschrift Kinderschänder von Viersen gefasst und direkt darunter das Gesicht des Tatverdächtigen in Großaufnahme

Etwas weiter unten im Text folgt dann der BKA-Tweet:

Screenshot des Bild.de-Artikels - Zu sehen ist der eingebettete BKA-Tweet

Ein paar Stunden später hat Bild.de einen weiteren Text zu der Festnahme gebracht — wieder mit dem BKA-Tweet, wieder mit einem unverpixelten Foto des Verdächtigen. Und wieder hat die Redaktion den Beitrag prominent auf der Startseite verlinkt:

Screenshot Bild.de-Startseite - Leberflecke überführen Kinderschänder - mit unverpixeltem Foto des Verdächtigen

Wir haben bei “Bild”-Sprecher Christian Senft nachgefragt, warum Bild.de das Gesicht des Mannes ohne jegliche Unkentlichmachung zeigt und ob der Redaktion die Bitte des Bundeskriminalamts egal ist. Bisher haben wir keine Antwort erhalten.

Dass es auch anders geht, zeigen die “Springer”-Kollegen der “B.Z.”: Auf deren Website ist ebenfalls ein Artikel zu der Festnahme erschienen, auch sie haben den BKA-Tweet eingebettet — und über das Gesicht des Verdächtigen immerhin einen großen schwarzen Balken gelegt.

Dazu auch:

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!

MDR hilft “RT” und AfD, Heinos SS-Platte, Journalismus auf Blockchain

1. Wie der MDR der AfD und Moskau zugleich half
(tagesspiegel.de, Matthias Meisner)
Die Konstellation ist schon ganz interessant: Ein AfD-Politiker schimpft beim vom russischen Staat finanzierten TV-Sender “RT” über den Islam, alles ermöglicht durch die technische Hilfe des öffentlich-rechtlichen MDR. Matthias Meisner fragt: “Musste das sein?” Der MDR antwortet bei Twitter: Ja, das musste sein, “das handhaben wir bei allen Mitgliedern der EBU — der Europäischen Rundfunkunion, in der auch Russia Today International Mitglied ist — gleichermaßen.” Nur: “RT” ist gar nicht Mitglied in der “EBU”.

2. Heino schenkt Heimatministerin Platte mit SS-Liedern
(sueddeutsche.de, Christian Wernicke)
Das war ein bemerkenswertes Geschenk, das Schlagersänger Heino Nordrhein-Westfalens Heimatministerin Ina Scharrenbach (CDU) zum “NRW-Heimatkongress” mitgebracht hatte: eine Schallplatte von 1981 mit dem Titel “Die schönsten deutschen Heimat- und Vaterlandslieder”. Nur einer der 24 von Heino gesungenen Songs habe überhaupt einen Bezug zum Bundesland, schreibt Christian Wernicke: “Vieles hingegen klang schrecklich großdeutsch. “Wenn alle untreu werden” ist ein Gassenhauer aus dem “Liederbuch der SS”. Und mit “Flamme empor” und “Der Gott, der Eisen wachsen ließ” intonierte Heino da noch weitere Melodien, die einst die Nazi-Schergen gesungen hatten.”

3. Emotionen statt Fakten
(deutschlandfunk.de, Stefan Fries)
Man sieht sie inzwischen unter oder inmitten von vielen Artikeln: Online-Umfragen von Redaktionen, bei denen man einen Regler nach links oder rechts schieben und so beispielsweise kundtun kann, dass man die Zeitumstellung super oder total blöd findet. Das Problem dabei: Diese Umfrage sind ziemlich anfällig für Manipulationen — es reicht oft schon, einen Cookie zu löschen, um mehrfach abstimmen zu können. Jetzt hat sich auch der Presserat mit den manipulierbaren Online-Umfragen beschäftigt, wie Stefan Fries berichtet.

4. Die Blockchain-Technologie: Anwendungsbeispiele und Potenziale im Journalismus
(fachjournalist.de, Florian Regensburger)
Viele Digital-Experten und Krypto-Fans sehen in der Blockchain-Technologie, die auch die Grundlage von Kryptowährungen wie Bitcoin oder Ethereum bildet, eine Lösung zahlreicher Probleme: beispielsweise bei Wahlen, bei Abschlüssen von Verträgen, bei Urheberrechtsfragen. Kann die Blockchain auch die Probleme lösen, mit denen sich der (digitale) Journalismus rumschlägt? Florian Regensburger hat sich einige bereits existierende mediale Anwendungsbeispiele auf Blockchain-Basis angeschaut.

5. Ich, ich, ich – aber wie viel Joko steckt in Jokos Zeitschrift?
(dwdl.de, Alexander Krei)
Seit gestern gibt es ein neues Magazin bei “Gruner + Jahr”, es heißt “JWD. Joko Winterscheidts Druckerzeugnis”. Genauso wie bei “Barbara” (Barbara Schöneberger) ist das Heft um eine prominente Person herum aufgebaut: in diesem Fall um — Überraschung! — Moderator Joko Winterscheidt. Alexander Krei hat “JWD.” gelesen und wirkt recht angetan. Weiterer Lesetipp: Im Interview mit der “Zeit” hat Winterscheidt nicht nur, aber auch über sein neues Magazin gesprochen.

6. Tageszeitung im Abo? Wie sich das 2018 anfühlt
(blog.franziskript.de, Franziska Bluhm)
“Seit sieben Jahren waren wir ohne, nun läuft seit ungefähr zehn Tagen in unserem Haushalt ein Experiment: Wir haben eine Tageszeitung.” Das schreibt die experimentierfreudige Franziska Bluhm. Ihr erstes Fazit fällt gemischt, mit Hang zum Negativen aus.

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