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Eine Titelgeschichte aus dem Internet

Am 21. Januar stand es in der “Stuttgarter Zeitung”, in der “Frankfurter Rundschau” und im “Tagesspiegel”: Die FDP hat mit der Krankenversicherung DKV einen Gruppenvertrag abgeschlossen, der FDP-Mitgliedern Vorteile einräumt.

Solche Rabatte sind (auch für Journalisten) nicht ganz unüblich. Für die “Hamburger Morgenpost” war es heute dennoch, wenn nicht die wichtigste, so zumindest die größte Story:

Titelseite der 'Hamburger Morgenpost' vom 22.1.201

Dierk Rohwedder, Autor des “MoPo”-Artikels, verweist in seiner Darstellung der Lage einmal auf den Online-Dienst sueddeutsche.de. Doch mehr noch.

Wir sehen links Auszüge aus einem Artikel, den Thorsten Denkler gestern Mittag auf sueddeutsche.de veröffentlicht hat — und rechts den kompletten Text von Rohwedders Titelgeschichte “Billig-Tarif für FDP-Mitglieder”:

sueddeutsche.de mopo.de
  Nach dem Hotelier-Skandal schlittert die FDP in die nächste Krise: Die Liberalen kungeln immer ungenierter mit den privaten Krankenkassen. Die 72000 FDP-Mitglieder bekommen von der DKV, Europas größter privater Krankenversicherung, sogar eine Luxus-Versicherung mit Rabatt und Rundum-sorglos-Paket.
“Exklusiv für FDP-Mitglieder”, so lautet das Angebot. (…) So wirbt die Deutsche Krankenversicherung DKV, Europas größter Privatversicherer, auf der FDP-eigenen Internet-Plattform netzwerk-mit-nutzwert.de. “Exklusiv für FDP-Mitglieder”, so wirbt die DKV (3,7 Mio. Mitglieder) auf der FDP-eigenen Internetseite www.netzwerk-mit-nutzwert.de.
Hochgespült hat die Geschichte der Parlamentarische Geschäftsführer der Grünen-Bundestagsfraktion, Volker Beck. Das hatte der Grünen-Abgeordnete Vollker Beck am Vortag im Bundestag enthüllt.
Weitere Informationen? Nur für den, der sich als “FDP-Mitglied verifizieren” kann. Und das bekommen alle, die sich als “FDP-Mitglied verifizieren”
Es gibt Fünf Prozent Rabatt. Vorerkrankungen sind – anders als üblich – kein Grund, den Versicherungsschutz zu verweigern. Familienmitglieder werden mitversichert und Wartezeiten gibt es auch nicht. Fünf Prozent Rabatt, Vorerkrankungen sind kein Grund, den Versicherungsschutz zu verweigern (anders als sonst üblich), die normalen Wartezeiten gibt es nicht, Familienmitglieder werden mitversichert.
Auf den Seiten der DKV selbst wird es noch deutlicher. Das Logo der Liberalen prangt unter dem der DKV. Daneben drei glückliche Anzugträger und der Claim: “Freie Demokratische Partei und DKV – starke Partner”. “Freie Demokratische Partei und DKV – starke Partner”, so wirbt die Krankenversicherung auf ihrer eigenen Homepage ungeniert mit dem Emblem der FDP.
“Die DKV bietet insgesamt etwa 1000 Firmen und Verbänden solche Gruppenverträge an”, sagt Sybille Schneider, Sprecherin der DKV. (…) Auch der Deutsche Journalistenverband bietet über Gruppenverträge Versicherungen mit der DKV an. Tatsächlich bietet die DKV zahlreiche Gruppenverträge für Unternehmen und Berufsgruppen an, auch für die Pressebranche, Journalisten inbegriffen.
Pikant aber ist, dass ausgerechnet eine Partei, die sich ohnehin massiv für die Belange der privaten Versicherungswirtschaft einsetzt, mit Europas größtem privatem Krankenversicherer kooperiert. FDP-Gesundheitsminister Philipp Rösler sieht seine wesentliche Aufgabe darin, das Gesundheitssystem von der solidarischen Umlagefinanzierung auf private Füße zu stellen. Er hat gerade mit Christian Weber einen Chef-Lobbyisten der privaten Krankenversicherungen zum Leiter seiner Grundsatzabteilung gemacht. In diesem Fall aber ist die Sache pikant, weil die FDP sich schon seit Langem für die privaten Krankenversicherungen starkmacht, bei denen vorwiegend Besserverdienende versichert sind. Der neue FDP-Gesundheitsminister Philipp Rösler arbeitet mit aller Kraft am Umbau des Gesundheitssystems – weg von der solidarischen Umlagefinanzierung hin zur einheitlichen Kopfpauschale mit privater Zusatzversorgung. Das würde das Geschäft aller “Privaten” erheblich fördern. Unter Röslers Vorgängerin Ursula Schmidt war der Zulauf aus den gesetzlichen Krankenkassen hin zu den “Privaten” weitgehend gestoppt worden.
Eingefädelt hatte die FDP das Geschäft schon 2003. Parteichef Guido Westerwelle hatte damals seinem alljährlichen “Dreikönigsbrief” an die Mitglieder eine Broschüre beigelegt, in der FDP und DKV gemeinsam für das Angebot der DKV warben. Laut “sueddeutsche.de” soll Parteichef Guido Westerwelle selbst die Kooperation mit der DKV ausgehandelt haben.
Nina Katzemich, Sprecherin von Lobbycontrol, sagte zu sueddeutsche.de: “In der Politik entsteht bei so etwas immer der Verdacht, dass sich da ein Unternehmen eine Partei gewogen machen möchte.” Das gelte “erst recht, wenn sie in Regierungsverantwortung steht, da wird es noch etwas gefährlicher”. Nina Katzemich, Sprecherin von Lobbycontrol, findet das höchst bedenklich. Es entstünde hier der Verdacht, dass “sich da ein Unternehmen eine Partei gewogen machen möchte”. Das gelte erst recht, wenn diese Partei in der Regierungsverantwortung stehe. “Da wird es noch etwas gefährlicher.”

Fast die gleiche Version seiner “Morgenpost”-Geschichte hat Autor Rohwedder übrigens auch im “Berliner Kurier” und
“Kölner Express” platzieren können, dort allerdings nicht ganz so prominent:

Titelseite 'Express' vom 22.1.2010

Auflagenmanipulation, Pro7, Perlentaucher

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “Die Auflagenlüge”
(hausblog.taz.de, Andreas Bull)
taz-Geschäftsführer Andreas Bull zur Auflagenmanipulation der Qualitätszeitungen: “(…) ausgefeilte Suchmaschinenoptimierung und Reichweiten vorgaukelnde click-monster sind derart übliche Verfahren des Selbstbetrugs geworden, dass, wer nicht daran teilnimmt, ähnlich blöd zu sein scheint, wie der Investmentbanker, der 2007 nicht mit Zertifik- und Derivaten handelte.”

2. “Im Netz der Ignoranten”
(ralfschwartz.typepad.com)
Ralf Schwartz schreibt eine Replik zum Artikel “Im Netz der Giganten” auf Spiegel Online.

3. “Geschmackloser ‘Fringe’-Trailer mit Bußgeld belegt”
(dwdl.de, Jochen Voß)
Die Kommission für Jugendmedienschutz der Landesmedienanstalten KJM ahndet die als Nachrichtensondersendung getarnten Werbetrailer für die Serie “Fringe” von Pro7 mit einem Bußgeld, dass sich “im Bereich um die 3.500 Euro” bewegen dürfte. Gegen Jugendschutzbestimmungen verstossen auch “Deutschland sucht den Superstar” und andere Sendungen.

4. “Musikjournalismus: Distanz? Recherche? Pah!”
(zeit.de, Jan Kühnemund)
Jan Kühnemund glaubt, der Rezensionsteil der meisten Musikzeitschriften sei “weniger Ausdruck von Meinungsbildung als vielmehr die Ausstellung der Redakteure Eitelkeit und Dokument des Ringens um Relevanz. Gut zu lesen ist das nie.”

5. “25 wunderbare deutsche Blogs abseits des Mainstreams”
(yuccatree.de, Jürgen Vielmeier)
“Wo widmen sich Autoren mit viel Hingabe ihrem Alltag oder einem speziellen Thema und werden doch viel zu selten gelesen? Wir stellen für den Anfang 25 Blogs vor – und hätten gerne noch viel mehr Vorschläge von euch!”

6. “Ihr Feiglinge!”
(zeit.de, Hilal Sezgin)
Hilal Sezgin wirft dem der breiten Öffentlichkeit eher unbekannten Dienst Perlentaucher.de vor, ein Meinungsmonopol zu betreiben, “das selbstreferenziell und gegen Kritik von außen so gut wie immun ist”. Zum Vorwurf der “feigen Anonymität” nehmen die Perlentaucher in ihrem Blog kurz Stellung.

Markwort, SZ-Magazin, Wagner

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “Wie sich der Focus-Chef inszeniert”
(ndr.de, Video, 5:30 Uhr)
Helmut Markwort, Herr über die “Focus-Welt” (“bunt, besteht aus Tabellen und anderen Schnipseln”), will dem neuen Chefredakteur Wolfram Weimer vor seinem Abgang noch eine Überarbeitung des Hefts aufzwingen, so dass dieser über Jahre hinweg blockiert wird, eine eigene Neugestaltung vorzunehmen.

2. “Neues Futter für den Provokanten-Stadl”
(heise.de/tp, Rudolf Stumberger)
Rudolf Stumberger liest die Titelgeschichte “Schloss mit lustig” des SZ-Magazins und findet keine Fakten und keinen realen Gehalt. “Wir sehen zwar noch die äußere Hülle eines journalistischen Textes vor uns, aber es fehlt quasi das schlagende Herz. Derartigen Artikeln mangelt es an einem wesentlichen Moment, es fehlt die Anbindung an das grundlegende Lebensprinzip des Journalismus, eine kritische Ernsthaftigkeit. Sie wurde in Deutschland vor ungefähr zehn Jahren eingetauscht gegen eine benommen machende Beliebigkeit.”

3. “Das Medienbeben – Die Katastrophe von Haiti, das Fernsehen und die Opfer”
(haz.de, Imre Grimm)
Wie die Medien mit dem Erdbeben in Haiti umgehen: “‘Die grausamen Fotos der Katastrophe’, schreibt der Onlinedienst ‘Bild.de’ über eine Fotogalerie. Nach dem Bild eines nackten Mannes, den ein Lynchmob durch die Straßen zieht, poppt Werbung auf: ‘Wir schicken Deutschland in den Urlaub! 35 Prozent für Frühbucher.'”

4. “Ein Film, eine Meinung­­”
(woz.ch, Silvia Süess)
Ein Text zum aktuellen Zustand der Filmkritik. “Die Texte in den Zeitungen werden kürzer – Filmtipps bestehen oft nur noch aus ein paar Sätzen und Sternchen. Gleichzeitig werden die Presseunterlagen immer dicker: Nicht selten umfasst ein von den Filmverleihern verfasstes Pressedossier fünfzehn Seiten oder mehr, Produktionsnotizen des Produzenten oder Interviews mit der Regisseurin oder mit der Hauptdarstellerin sind darin abgedruckt.”

5. “Post an Wagner (44)”
(off-the-record.de, Spießer Alfons, Video, 1:24 Minuten)
Spießer Alfons fragt “Bild”-Chef Kai Diekmann, wann endlich “Bild”-Kolumnist Franz Josef Wagner die versprochene Weihnachtsgeldspende für Kinder in Afrika zahlt. Diekmann: “Ich werde dafür sorgen, dass Franz Josef zahlt.”

6. “German Publishers Go After Google; Apparently Very Confused About How The Internet Works”
(techdirt.com, Mike Masnick, englisch)
Mike Masnick sucht nach den Gründen der Kartellklage der deutschen Verlegerverbände gegen Google und findet eine selbstverschuldete Inkompetenz. “Yet the publishers he represents had all of the advantages in the world. They were local. Google was not. They had been around for many more years than Google. They had brand recognition and loyalty that Google did not. Fuhrmann is basically admitting what a colossal failure the companies he represents have been. They failed to capitalize on a huge opportunity. And now, when Google sends them traffic, they are still failing to use that traffic wisely. And then they blame Google for it? Wow.”

Feuilletons, Google-Wahn, Pressekonzentration

6 vor 9

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1. “Das Behagen an der Unkultur”
(perlentaucher.de, Thierry Chervel)
Perlentaucher.de-Mitgründer Thierry Chervel äussert in einem langen Beitrag Kritik an den Feuilletons deutscher Zeitungen: “Die Feuilletons sind zu Schutz- und Ausweichräumen eines immer mehr zum Pfäffischen tendierenden juste milieu geworden, das sich von den eigenen Traditionen der Kritik und des Witzes längst abgeschnitten hat. Klassisch liberale, aufklärerische Positionen lassen sich in praktisch keinem einzigen Feuilleton der Republik mehr artikulieren.”

2. “Thierry Chervel sieht rot”
(blogs.taz.de/reptilienfonds, Heiko Werning)
Ganz anders sieht das taz-Blogger Heiko Werning. Eine “wutschnaubende Suada” sei Chervels langer Text, ihm sei “vor lauter Um-sich-beißen offenbar einiges durcheinander geraten”. – “Das ist halt das Problem, wenn man, wie Thierry Chervel, ein Leben nur im feuilletonistischen Elfenbeinturm denkt und verbringt und von der dinglichen, Naturgesetzen gehorchenden, echten Welt da draußen noch nie etwas mitbekommen hat.”

3. “Angst vor Google – Gedanken zu einer Debatte”
(blog.kooptech.de, Thomas Wanhoff)
Thomas Wanhoff analysiert den “Zeit”-Artikel “Im Google-Wahn” und findet es beeindruckend, “dass jemand nach Demokratie ruft, um ein Unternehmen zu bekämpfen”. Er kommt zum Schluss: “Susanne Gaschke gehört zu den Journalisten, die trotz akademischem Hintergrund das Internet nicht verstanden haben.”

4. “Die ‘Kuss-Falle’ der Agenturchef-Tochter”
(meedia.de, Stefan Winterbauer)
Stefan Winterbauer schreibt über ein unscharfes Paparazzi-Foto in der Zeitschrift “Frau aktuell”, das den Handballer Silvio Heinevetter in inniger Umarmung mit einer Unbekannten zeigt. “Was für ein gigantischer Zufall, dass die Dame auf den Exklusiv-Bildern der Frau aktuell ausgerechnet die Tochter eines Verkäufers von Promi-Geschichten an Yellow-Blätter ist, der früher mit der Chefredakteurin eben jener Zeitschrift zusammengearbeitet hat.”

5. “Ein Meinungsbeitrag zur Pressekonzentration”
(nzz.ch, Hugo Triner)
Verleger Hugo Triner beobachtet eine stark fortgeschrittene Pressekonzentration in der Schweiz: “Die Erfahrung zeigt, dass Machtballungen früher oder später zu politischem und/oder ökonomischem Missbrauch führen. Die Abhängigkeit der Inserenten, Politiker, Leser, Journalisten und Mitarbeiter von den Entscheiden einiger weniger Konzernzentralen ist gross.”

6. “Was twittern einer Lokalzeitung bringt”
(netzfeuilleton.de, SheephunteR)
Christian Lindner, Chefredakteur der “Rhein-Zeitung” aus Koblenz, spricht über die Twitter-Strategie seines Blatts und erzählt, dass er “mehrere Themenhinweise am Tag” über Twitter erhalte, keineswegs nur triviale Geschichten: “Auch der ein oder andere Tipp aus großen regionalen Unternehmen und der Hinweis auf ein politisches Skandälchen auf Landesebene soll schon dabei gewesen sein. Whistleblowing via Twitter.”

Trigami, Deutsche Welle, Sloterdijk

6 vor 9

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1. “Wie viel Werbung steckt in einem Tag Pro7?”
(hauseundlars.de)
Hause und Lars messen, wie viel Werbung der Sender Pro7 während 24 Stunden sendet: “Am 16.01.2010 von 00:00:00 Uhr bis 23:59:59 Uhr wurden bei Pro7 Deutschland exakt 03h 40m und 06s Werbung oder Programmhinweise ausgestrahlt. Das laufende Programm wurde 52 mal unterbrochen.”

2. Trigami und die iPhone-App der “Süddeutschen Zeitung”
(upload-magazin.de/blog, Jan Tißler)
Jan Tißler bloggt über die Zusammenarbeit der “Süddeutschen Zeitung” mit Trigami. Daraufhin kündigt der Marketing-Verantwortliche Peter Bilz-Wohlgemuth in einem Kommentar die Beendigung der Zusammenarbeit mit Trigami “mit sofortiger Wirkung” an. Trigami selbst schreibt: “Wir als Trigami haben grossen Mist gebaut! Punkt.”

3. “Blogger der 100 Tage”
(heise.de/tp, Markus Kompa)
Markus Kompa schreibt ausführlich über die Blogaktivitäten von “Bild”-Chefredakteur Kai Diekmann und stattet der “Bild”-Redaktion einen Besuch ab, wobei er “versehentlich seine ihm gerade geschenkte Diekmann-Tasse stehen” lässt.

4. “Ein Haufen Goldbären”
(taz.de, Marvin Oppong)
“Auffällig oft finden Produkte der Haribo GmbH & Co. KG (Bonn) Erwähnung im Programm der Deutschen Welle (ebenfalls Bonn). Purer Zufall oder Bönnscher Klüngel?”

5. Interview mit Jeff Jarvis
(focus.de, Leif Kramp und Stephan Weichert)
Jeff Jarvis zur Zukunft der Lokalzeitung: “Ich denke, eine lokale Zeitung muss sich radikal verändern und sich voll und ganz auf Lokalberichterstattung im besten Sinn konzentrieren. Es gibt keinen Grund, warum sie auch den Rest der Welt beackern müssten.”

6. Interview mit Peter Sloterdijk
(interviewsfuehren.wordpress.com, Video, 7:35 Minuten)
Christian Thiele spricht mit Philosophieprofessor Peter Sloterdijk über Interviews.

Bild  

Der Staatsfeind, der kein “Staatsfeind” war

Es gibt viele Mythen über die “Bild”-Zeitung.

Zu den besonders hartnäckigen gehört der, dass die Leute, die bei “Bild” arbeiten, vielleicht ein bisschen skrupellos sind, aber wenigstens gut recherchieren können. Und der, dass in “Bild” zwar viel Quatsch steht, man sich aber auf den Sportteil verlassen kann.

Andererseits ist auch der Irrglaube nicht auszurotten, dass “Bild” sich aufgrund eines Gerichtsurteiles wegen ihrer vielen Falschmeldungen nicht mehr “Zeitung” nennen dürfe.

Und dann ist da noch die ungleich brisantere Behauptung, dass “Bild” den Studentenführer Rudi Dutschke als “Staatsfeind Nr. 1” bezeichnet habe, womöglich gar am 11. April 1968, dem Tag, an dem Josef Bachmann ein Attentat auf Dutschke verübte.

Es sind scheinbar verlässliche Quellen, die diese Version verbreiten. Die Nachrichtenagentur AFP zum Beispiel, die zum 30. Todestag Dutschkes meldete:

Die Antwort von Politik und Medien auf den Herausforderer war scharf. Die “Bild”-Zeitung nannte ihn “Staatsfeind Nr. 1”. Das war am Tag, als auf ihn geschossen wurde, am 11. April 1968.

Und der evangelische Branchendienst “epd Medien”, der anlässlich des Umzugs der “Bild”-Zeitung nach Berlin am 15. Mai 2007 berichtete:

Die so genannte Generation der 68er ging gegen “Bild” und Springer auf die Straße, wobei die Abneigung weitgehend auf Gegenseitigkeit beruhte. Am 11. April 1968 etwa bezeichnete “Bild” den Studentenführer Rudi Dutschke als “Staatsfeind Nr. 1”. Am selben Tag wurde ein Attentat auf Dutschke verübt, Kritiker gaben “Bild” dafür eine Mitschuld.

Die ARD, “Wikipedia”, Grünen-Bundesvorsitzende Claudia Roth — sie alle erzählen dieselbe Geschichte. Und ein Nutzer des Freiburger Internet-Portals “Fudder” empört sich in dessen Forum: “BILD lügt immer noch — auch 40 Jahre danach”, weil der Artikel von diesem Tag in dem Archiv fehlt, das die Axel Springer AG gerade im Internet mit angeblich allen Berichten ihrer Zeitungen aus der damaligen Zeit veröffentlicht hat.

Der Artikel fehlt aus einem anderen Grund. Es gibt ihn nicht.

In der “Bild”-Zeitung vom 11. April 1968 (Berlin-Ausgabe, Abbildung links) kommt Rudi Dutschke nicht vor. Wir haben uns selbst davon überzeugt.

Nach Angaben von Rainer Laabs, dem Leiter des Unternehmensarchivs, finden sich auch zu keinem anderen Zeitpunkt Spuren eines solchen Artikels: “Wir haben sehr intensiv, aber ohne Ergebnis, danach gesucht.”

Eine ähnliche Formulierung stand allerdings auf einem Plakat, das bei einer Anti-Studentenbewegungs-Demonstration am 21. Februar 1968 laut “Welt” von Bauarbeitern hochgehalten wurde. “Volksfeind Nr. 1 — Rudi Dutschke, raus mit dieser Bande” hieß es dort. Das Springer-Blatt “B.Z.” sprach in einem Kommentar von einem “Schönheitsfleck” der von ihr im übrigen unterstützten Kundgebung:

#Denn

Weitere Stellen hat Laabs, der das “Medienarchiv68” zusammengestellt hat, nicht finden können.

Es spricht alles dafür: “Bild” und die anderen Springer-Zeitungen haben Rudi Dutschke nie selbst als Staats- oder Volksfeind Nummer 1 bezeichnet.

Andererseits kann auch kein ernsthafter Zweifel daran bestehen, dass sie ihn — auch ohne ihn wörtlich als solchen zu bezeichnen — genau so behandelt haben. Das hat selbst Thomas Schmid, damals Teil der Studentenbewegung und heute als “Welt”-Chefredakteur mit der Relativierung der Verantwortung des Verlages beschäftigt, eingeräumt. 1999 nannte er Springer in der “Welt” treffend:

das Haus, dem die von [Dutschke] so stark geprägte Revolte so massiv zusetzte und das ihn in vielen Veröffentlichungen zum Volksfeind und Monster entstellte.

Nachtrag, 19. Januar. Der Wikipedia-Eintrag ist, nach ein bisschen Hin und Her, korrigiert worden.

Medienarchiv 68, N24, Google

6 vor 9

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1. “Editorial zum Medienarchiv68”
(medienarchiv68.de, Mathias Döpfner)
Der Axel-Springer-Verlag macht mit dem Medienarchiv 68 “rund 5.900 Beiträge, Kommentare, Leserbriefe, Karikaturen, Reportagen, Glossen und Interviews aus den Jahren 1966 bis 1968” zugänglich. Der Vorstandsvorsitzende Mathias Döpfner will damit die “publizistische Positionierung der Axel-Springer-Zeitungen in der damaligen Zeit” zur Debatte stellen: “Manche Klischees in den Köpfen erweisen sich auch als Endmoränen einer bis heute wirkungsvollen SED-Propaganda und Stasi-Desinformation.” Reaktionen auf die Lancierung des Medienarchivs sind auf taz.de, sueddeutsche.de oder fr-online.de zu lesen.

2. “Focus: Fakten, Fakten, Fakten??”
(klima-luegendetektor.de)
Der Klima-Lügendetektor schreibt über den “Focus”-Titel “Fällt die Klima-Katastrophe aus?” und kommt zu folgendem Schluß: “Die sensationsheischende Frage des ‘Nachrichtenmagazins’, ob die Klimakatastrophe ausfalle, lässt sich also kurz und bündig beantworten: Leider nein!”

3. “Du sollst nicht langweilen!”
(faz.net, Harald Staun)
Harald Staun über den Nachrichtensender N24: “Die bloße Etikettierung des Programms mit dem Begriff ‘Nachrichten’ scheint auszureichen, damit die sonst so fleißigen Kritiker des Privatfernsehens ihre fundamentalen Dünkel gegen Boulevardisierung und Infotainment vergessen. Die Solidaritätsbekundungen klingen ein wenig, als würde sich der Vegetarierbund beschweren, weil McDonald’s seine Salate abschafft.”

4. “‘Bild’-App ist bereits geknackt”
(dwdl.de, Alexander Krei)
“Einigen Usern ist es gelungen, die erst Anfang Dezember gestartete kostenpflichtige App der ‘Bild’ für das iPhone zu knacken. Dem Springer-Verlag ist das Problem bekannt, dennoch gibt man sich derzeit noch gelassen.”

5. “SF: Trickserei beim ‘Swiss Award'”
(persoenlich.com)
“Stand der ‘Schweizer des Jahres’ schon fest, bevor ihn das Volk per Televoting bestimmte?”

6. “Wieso Holzmedien bei Google-Kritik versagen”
(largeneuroncollider.com, Andreas Braendle)
Andreas Braendle hält Skepsis für angebracht, wenn Printmedien über Google schreiben. “Die seltsame Argumentation der Journalisten hört sich meist etwa so an, wie wenn Fährenbetreiber einen Autofahrer davon überzeugen wollen, nicht mit der neuen Brücke den Fluss zu überqueren, sondern weiterhin die Fähre zu nehmen – weil sie langsamer und teurer ist.”

Haiti, Al Qaida, Phrasen

6 vor 9

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1. “Wenn Helfer Medien helfen müssen”
(evangelisch.de, Henrik Schmitz)
Deutschsprachige Helfer in Haiti werden von den Medien mit Anfragen überhäuft, zum Beispiel Astrid Nissen, Leiterin des Projektbüros der Diakonie Katastrophenhilfe in Port-au-Prince. “Die Medien sind auf Menschen wie Astrid Nissen angewiesen. Die Zahl der Auslandskorrespondenten ist in den vergangenen Jahren eher zurückgegangen. Es muss gespart werden, auch an der Kompetenz in der Berichterstattung über exotische Länder. Das liegt natürlich auch am Publikum. Flapsig ausgedrückt: Wen interessiert schon Haiti, wenn dort nicht die Erde bebt?”

2. “Empathie”
(blog.tagesschau.de, Kai Gniffke)
Auch die Tagesschau hat keine Korrespondenten vor Ort: “Mehrere ARD-Reporter versuchen seit gestern ins Land zu kommen. (…) Auch wenn ich es nach außen nicht gerne zugebe, offen gesagt habe ich gehofft, dass die eigenen Leute möglichst die ersten sein werden, die aus Haiti berichten. Als wäre das so eine Art Wettbewerb. Ich kann gleich sagen: Wir waren es nicht. Heute abend versuche ich, mit dieser Tatsache nicht zu hadern. Denn mir ist besonders in den letzten 24 Stunden wieder einmal klar geworden, wie sehr mir in solchen Situationen die Fähigkeit zur Empathie verloren geht.”

3. “Komplizen: Die Medien und der Terror”
(carta.info, Stephan Ruß-Mohl)
Journalismusprofessor Stephan Ruß-Mohl fragt: “Wäre Al Qaida nicht bald machtlos, wenn selbst ‘gelungene’ Selbstmordattentate nur noch wenig oder keine Medienaufmerksamkeit auf sich lenkten? Die Medien ignorieren ja tagtäglich auch tausend andere Gewalttaten und Kriege auf dieser Welt.”

4. “Print lebt, und wie: ‘Landlust’ überholt ‘Focus'”
(dwdl.de, Thomas Lückerath)
Wenig überraschendes zeigen die neusten IVW-Zahlen der Printmedien: Viele verlieren (“Unter den Verlierern sind viele Me-too-Produkte, die freundlich formuliert verzichtbar sind”), Wochenzeitungen wie die “Zeit” und die “FAS” gewinnen hinzu. “So abgedroschen dieser Spruch auch klingen mag: Qualität setzt sich durch. Einen Automatismus dafür gibt es nicht, aber immerhin die Erkenntnis, dass es sich lohnen kann, gut zu sein.”

5. “Die hohlen Phrasen der Bosse”
(meedia.de/nc/background/meedia-blogs, Stefan Winterbauer)
“Es gehört zum Selbstverständnis der so genannten Entscheidungsträger, dass man so tun muss, als ob alles spitzenmäßig läuft. Breites Grinsen aufgesetzt und beide Daumen hochgestreckt. Auch wenn hinter einem für jeden sichtbar die Ruinen rauchen.”

6. “Georg Mascolo in Leipzig zu Gast: Nachrichten sind ein rares Gut”
(l-iz.de, Ralf Julke)
“Spiegel”-Chefredakteur Georg Mascolo sieht Nachrichten als ein Rohstoff, der nicht beliebig zu vermehren ist. Und: “Das Umschreiben von dpa-Meldungen wird in Zukunft nicht mehr reichen.”

“Und was qualifiziert Sie so als Journalist?”

Seit im vergangenen November bekannt wurde, dass Kristina Köhler neue Bundesfamilienministerin wird, steht eine Frage im Raum:

Kann man ohne Kinder eine gute Familien-Ministerin sein?

Sie ist jung, ledig, kinderlos – und künftig die Mutter der Nation. Kristina Köhler (32, CDU) ist Deutschlands neue Familienministerin. Ist die Hessin diesem Job gewachsen?

(Bild.de, 28. November 2009)

“Ihre Vorgängerin im Amt, Ursula von der Leyen, ist siebenfache Mutter. Sie sind ledig und kinderlos. Was qualifiziert Sie als Familienministerin?”

(“Bild am Sonntag”, 29. November 2009)

“Frau Ministerin Köhler, Sie sind 32 Jahre jung, kinderlos – was befähigt Sie, das Familienministerium zu führen?”

(“Welt am Sonntag”/“Berliner Morgenpost”, 6. Dezember 2009)

“Frau Köhler, Sie sind 32, kinderlos und noch ledig. Was qualifiziert Sie, das Familienministerium zu leiten?”

(“Bild”, 14. Januar 2010)

Trotz der immer gleichen Fragen blieb Frau Köhler bei ihren Antworten ausgesucht höflich, bemühte sich aber im Gegenzug um ähnlich große Unoriginalität:

Ich habe mich sowohl in meinem Studium als auch in meiner bisherigen Arbeit im Innenausschuss immer mit gesellschaftlichen Themen befasst. Vor allem habe ich mich um Integration von Migranten und den Kampf gegen Rechtsextremismus, Linksextremismus und Islamismus gekümmert. Das sind Themen, die auch in meinem Ministerium von entscheidender Bedeutung sein werden.

(“Bild am Sonntag”, 29. November 2009)

Das mit den 32 Jahren, das wird sich ja im Laufe der Zeit ändern. Ich bin jetzt Ministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend – und Sie werden schwerlich jemanden finden, der all diese Bereiche in einer Person vereinigt. Ich habe mich im Studium und auch in meiner bisherigen Funktion im Innenausschuss intensiv mit gesellschaftspolitischen Fragen beschäftigt, daran knüpft mein jetziges Amt gut an.

(“Welt am Sonntag”/“Berliner Morgenpost”, 6. Dezember 2009)

Das mit den 32 Jahren wird sich ja im Laufe der Zeit ändern. Ich bin jetzt Ministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend – und Sie werden schwerlich jemanden finden, der all diese Bereiche in einer Person vereinigt. Ich habe mich in meiner bisherigen Funktion im Innenausschuss intensiv mit gesellschaftspolitischen Fragen beschäftigt und war beim CDU-Grundsatzprogramm für Familie zuständig – daran knüpft mein jetziges Amt gut an.

(“Bild”, 14. Januar 2010)

Mit Dank auch an Stephan K.

CIA, SPÖ, E-Bücher

6 vor 9

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1. “CIA-Killerstory ohne Quellen”
(ndr.de, Video, 7:05 Minuten)
Ein in den letzten Tagen von vielen Zeitungen aufgegriffenes angebliches Mordkomplott der CIA auf Mamoun Darkazanli beruht auf genau einer Quelle, einem Artikel in der “Vanity Fair”. Das Medienmagazin “Zapp” meint: “Zu aufregend, um wahr zu sein”.

2. “‘Big Brother’ und das Haus der verlorenen Seelen”
(faz-community.faz.net, Peer Schader)
Peer Schader hat sich die Bewohner der zehnten Staffel des Big-Brother-Hauses genauer angesehen: “Es ist eine ganz erstaunliche Truppe, die Endemol da für die zehnte Staffel von ‘Big Brother’ zusammengecastet hat: Menschen, die nicht mal mehr fürs, sondern teilweise schon im Fernsehen leben, und für die schon ganz genau vorgeplant sein dürfte, welche Konflikte sie in den kommenden Wochen durchlaufen sollen.”

3. “SP verschickt unter ORF-Logo ausgefüllte Wahlformulare für Publikumsrat”
(derstandard.at, Harald Fidler)
Auch in Österreich geht es um den Einfluss der Parteien auf öffentlich-rechtliche Anstalten. Die Partei SPÖ verschickt zur Wahl von sechs direkt wählbaren Publikumsräten Briefe, die so wirken, als wäre der ORF Absender.

4. Interviews mit Meinungsmachern
(dctp.tv, Videos)
Neue Videos mit Bloggern sind online. Dabei: Thomas Knüwer, Udo Vetter, Mario Sixtus und Stefan Laurin.

5. “Eklat um das Monster”
(weltwoche.ch, Kurt W. Zimmermann)
Kurt W. Zimmermann erklärt anhand eines konkreten Beispiels die “sechs Phasen des Thesenjournalismus”: Skandalisierung, Personalisierung, Kampagne, Rücktritt, Eskalation und Schmutz.

6. “Lesen, Schreiben [1]”
(intrig.antville.org, Peter Praschl)
Peter Praschl macht sich Gedanken zu E-Büchern.

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