Suchergebnisse für ‘Klima’

Kartell, Helena Fürst, Apple-Schraube

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Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. „Ein Kartell nutzt seine Macht: Wie die Verlage für das Leistungsschutzrecht kämpfen“
(stefan-niggemeier.de)
Ein Rückblick auf die Berichterstattung von Presseverlagen über das von ihnen angestrebte Leistungsschutzrecht für Presseverleger.

2. „Fürst Class abwärts“
(fernsehkritik.tv, Video, 11 Minuten)
„Helena Fürst – Anwältin der Armen“ taucht als „Beistand“ von Menschen, die Probleme mit den Behörden haben, unangemeldet im Jobcenter auf: „Eine Anfrage bei Jobcenter und Krankenkassen, die in der Sendung zum Thema gemacht wurden, ergab zunächst einmal die Bestätigung, dass es nie eine vorherige Anfrage seitens RTL gab. Damit wird schon deutlich: Man will den friedlichen Dialog gar nicht. Um krawallige Fernsehbilder zu bekommen, setzt man auf die Konfrontation und dringt einfach mal unangemeldet ein.“

3. „How we screwed (almost) the whole Apple community“
(day4.se, Lukasz Lindell, englisch)
Aus dem Blog eines schwedischen Unternehmens, das Grafikanimationen und Videos produziert: „One afternoon we sketched out a screw in our 3D program, a very strange screw where the head was neither a star, tracks, pentalobe or whatever, but a unique form, also very impractical. We rendered the image, put it in an email, sent it to ourselves, took a picture of the screen with the mail and anonymously uploaded the image to the forum Reddit with the text ‚A friend took a photo a while ago at that fruit company, they are obviously even creating their own screws‘. Then we waited …“ Siehe dazu auch „Asymmetrische Apple-Schraube war ein Schwindel“ (golem.de)

4. „Bild: Stimmungsmache gegen Ökostrom-Förderung“
(klima-luegendetektor.de)
Der Klima-Lügendetektor thematisiert ein „Bild“-Interview mit Günther Oettinger zum Thema Strompreise.

5. „Wutreden: Buschmanns Lärm um nichts“
(hogymag.wordpress.com, almasala)
Eine Analyse einiger Artikel von Rafael Buschmann auf „Spiegel Online“ zur Fußball-Nationalmannschaft.

6. „Macht mehr Feuilleton!“
(timklimes.de)
Nicht das Feuilleton, sondern der Rest der Zeitung gehöre abgeschafft, findet Tim Klimes: „Solange Zeitungen mehrheitlich aus Nachrichten bestehen, wie sie es heute tun, braucht sie kein Mensch mehr. Ich glaube stattdessen, dass dem Zeitungsfeuilleton, wie wir es heute kennen, die Zukunft gehört. Und zwar nicht die Zukunft kultureller Berichterstattung, sondern die Zukunft des Zeitungsjournalismus.“

Ines Pohl, Regionalzeitung, Einschaltquote

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1. „‚taz‘ entschuldigt sich für Altmaier-Outing – zu Unrecht!“
(queer.de, Micha Schulze)
Jan Feddersen spekuliert in einem Kommentar unter dem Titel „Pseudobarockes Geschwurbel“ über die sexuelle Orientierung von Peter Altmaier. Daraufhin entschuldigt sich Ines Pohl, Chefredakteurin der „taz“, für den in der Montagsausgabe gedruckten Beitrag und lässt ihn von taz.de entfernen („politisch wie moralisch ist die sexuelle Orientierung eines Menschen irrelevant. Sie ist Privatsache“). Micha Schulze sieht das anders: „Homo, hetero oder bi zu sein, ist kein Tabu und nichts, was man verheimlichen oder für das man sich schämen müsste. Darüber zu reden oder zu schreiben, ist weder eine Bedrohung noch eine Beleidung und schon gar keine ‚Hetzjagd‘, wie selbst in der schwulen Blogosphäre zu lesen war. Mit dem bewussten Verschweigen unterstützt man stattdessen ein Klima, das es manchen Teenagern noch immer schwer macht, ihr Coming-out problemlos anzugehen.“

2. „Der ewige Junggeselle Peter Altmaier und die Selbstzensur der ‚taz'“
(stefan-niggemeier.de)
Auch Stefan Niggemeier findet es „legitim, darüber zu spekulieren“. „Peter Altmaier ist entweder jemand, der glaubt, dass seine Homosexualität etwas ist, dass er verschweigen muss. Oder er wird für schwul gehalten, obwohl er es gar nicht ist. Wenn er selbst nicht bereit ist, für Aufklärung zu sorgen, muss man wenigstens darüber diskutieren dürfen.“

3. „Programmier-Crashkurs für Journalisten“
(digitalerwandel.de)
„Dieser Beitrag erklärt erst die Grundlagen und die Grundausstattung der Web-Entwicklung und bietet dann einen Überblick über aktuelle Web-Techniken und Frameworks, die man als Journalist zumindest einmal gehört haben sollte.“

4. „Seinen Leser lieben – ein paar Gedanken zur Zukunft der Zeitung“
(ankommen.nordbayerischer-kurier.de, Joachim Braun)
Die Verlagserlöse im Printgeschäft seien „wieder auf dem Stand von Anfang der 1990er Jahre“, bemerkt Joachim Braun in einem Beitrag zur Zukunft der Regionalzeitung. „In einer Zukunft, in der jeder User Zugang hat zu allen Informationen, zählen nur noch: Qualität, Unabhängigkeit und Kundennähe.“

5. „Eine Währung veraltet“
(sueddeutsche.de, Simon Feldmer)
Durch die Veränderung der Nutzungsgewohnheiten sinkt die Bedeutung der klassischen Einschaltquote.

6. „Wissenschafts-PR ist auch nur PR“
(scilogs.de, Peter Zekert)
Peter Zekert bezweifelt die These von Florian Aigner, wonach Universitäten, die Forschungserfolge nach außen tragen, keine Werbung, sondern Information produzieren. „Am Ende handelt es sich auch hier um interessengeleitete Kommunikation (selbst wenn man der Meinung ist, die eigene Institution gehöre zu den ‚Guten‘)“.

Günter Grass, Doomsday, Eifel-Zeitung

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1. „Polarisierend: Grass und die Medien“
(ndr.de, Video, 5:04 Minuten)
Die „Süddeutsche Zeitung“ druckte ein Gedicht von Günter Grass, das die „Zeit“ zuvor abgelehnt hatte. Heribert Prantl: „Wir wollten den Anstoß liefern, über dieses Gedicht zu diskutieren.“

2. „Clown der Medienindustrie“
(news.at, Robert Menasse)
Schriftsteller Robert Menasse zum Grass-Werk: „Jeder Redakteur jeder Literaturzeitschrift heute hätte dieses ‚Gedicht‘ abgelehnt. Der eigentliche Skandal liegt darin, dass fünfzehn deutsche Zeitungen und fünfundzwanzig Blätter der Weltpresse diesen Text publizierten und ihn sofort mit aufgeregten Kommentaren umrankten. Das zeigte mit einer Deutlichkeit, die zwar wünschenswert, aber doch buchstäblich furchtbar ist, wie sehr solche Skandale heute Medienskandale sind: Die Medien produzieren selbst den Skandal, den sie dann berichten, kommentieren und diskutieren.“

3. „Eine ekelhafte Debatte“
(donsbach.net, Wolfgang Donsbach)
Wolfgang Donsbach, Professor für Kommunikationswissenschaft in Dresden, befasst sich mit der Grass-Debatte. In Deutschland sachlich über schwierige Themen zu diskutieren, sei unmöglich. „Wir haben in Deutschland eine politische Kultur des Prangers. Wer heiße Eisen anpackt und dabei Behauptungen aufstellt, die nicht politisch korrekt sind, nicht getragen von der Mehrheit der öffentlichen Meinung, das heißt in diesem Fall der publizistischen Elite des Landes, der wird an den öffentlichen Pranger gestellt und als Staatsfeind, zumindest aber als Feind des vorherrschenden Meinungsklimas angesehen.“

4. „Presse-Zitate: Offline hui, Online pfui!“
(netzfeuilleton.de, Jannis Kucharz)
Angesichts des von Presseverlegern geforderten Leistungsschutzrechts erinnert Jannis Kucharz daran, dass sich deutsche Medien in einem Ranking messen, wie oft sie einander gegenseitig zitieren. „Während man online befürchten muss eine Rechnung präsentiert zu bekommen, wenn man auf einen spannenden Artikel verweist, ist es offline so, dass sich die jeweiligen Zeitungen darüber freuen erwähnt zu werden und damit brüsten, im Ranking vorne zu stehen.“

5. „Die Logik der Apokalypse“
(taz.de, Johannes Thumfahrt)
Johannes Thumfahrt berichtet über die US-TV-Sendungen „Doomsday Preppers“ und „Doomsday Bunkers“.

6. „Facebook, Jacques Berndorf und 10.000 Aufkleber gegen die Eifel-Zeitung“
(rhein-zeitung.de, Lars Wienand)
Lars Wienand berichtet über Proteste gegen die „Eifel-Zeitung“, sie vergifte das politische Klima. Der angegriffene Unternehmer Peter Lepper antwortet, er sei nicht direkt an der Zeitung beteiligt und auch nicht von ihr angestellt.

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Eine neue Lüge ist wie ein neues Leben

Seit Montag war „Bild“ da einer ganz großen Sache auf der Spur:

Die CO2-Lüge

Gut, das „renommierte Forscher-Team“ ist kein „renommiertes Forscher-Team“, wie „Spiegel Online“ kurz zusammenfasst:

Wissenschaft kann so einfach sein. Der RWE-Manager Fritz Vahrenholt und der ebenfalls bei dem Energiekonzern arbeitenden Geologe Sebastian Lüning haben ein Buch geschrieben, in dem sie die Klimakatastrophe absagen.

Und zur Person und Rolle Vahrenholts hatte die „Zeit“ schon vor zwei Wochen geschrieben:

So meint Hermann Albers, der Präsident des Bundesverbands Windenergie, dass der RWE-Manager „versucht, den Prozess der Energiewende deutlich abzubremsen, um so Marktanteile für den Monopolisten RWE zu erhalten“ – produziert der doch rund 56 Prozent seines Stroms mit dreckiger Kohle.

Aber als Debattenbeitrag könnte man das von „Bild“ beworbene Buch von Vahrenholt und Lüning ja trotzdem sehen, wenn sie halbwegs wissenschaftlich argumentieren und sich an die Fakten halten würden. Das tun sie aber nicht, schreibt das Team vom Klima-Lügendetektor:

Bazillus, Frank Schirrmacher, Spiegel Online

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1. „Zeitungs-Zensur: Schüler verklagt den Freistaat“
(merkur-online.de, Patrick Wehner)
Der zwölfjährige Stephan Albrecht erwirkt beim Bayerischen Verwaltungsgericht eine einstweilige Anordnung, damit die von ihm verantwortete Schülerzeitung „Bazillus“ verteilt werden kann. „Die Oberstudiendirektorin untersagte den ‚Bazillus‘-Redakteuren – zwölf Kindern aus der sechsten und siebten Klasse – ihre Zeitung auf dem Schulgelände zu verteilen.“

2. „Das eingeschnappte Lebensgefühl“
(ad-sinistram.blogspot.com, Roberto J. De Lapuente)
Roberto J. De Lapuente denkt nach über das Deutschland-Bild von „Bild“: „Das Deutschland, das uns die berühmte Tageszeitung abbildet, es ist wehleidig, weinerlich, strotzt vor Selbstmitleid. Aber es zieht sich nicht zurück, es bläst zum Gegenangriff, schreit die Ungerechtigkeit laut hinaus.“

3. „Rückt die FAZ nach links? Oder gibt das Feuilleton nur den Klassen-Clown?“
(wolfgangmichal.de)
Wolfgang Michal bemerkt einen Linkskurs von Frank Schirrmacher in der FAZ: „Bislang tolerieren die anderen Ressorts, von ein paar Sticheleien abgesehen, Schirrmachers Eskapaden generös – so lange er im Rahmen der Leser-Blatt-Bindung eine wichtige Zielgruppe im Netz erschließt, die in 20 Jahren treue und brave FAZ-Abonnenten auf dem iPad sein sollen.“

4. „Rahmstorf im Zerrspiegel“
(scilogs.de/wblogs, Markus Pössel)
Der Artikel „Eklat um Klimaberater der Bundesregierung“ auf „Spiegel Online“ in der eingehenden Analyse von Markus Pössel.

5. „Toter Gaddafi darf gezeigt werden – Platzierung und Größe der Darstellung jedoch ausschlaggebend“
(presserat.info)
Der deutsche Presserat spricht eine „Missbilligung“ gegen zwei Boulevardzeitungen aus, die „ein Foto des blutverschmierten Gesichts des toten Gaddafi, gezoomt und vergrößert, auf der Titelseite über dem Bruch veröffentlicht“ hatten. „Selbstverständlich ist der Anblick eines getöteten Menschen kein Anblick, dem sich ein Leser oder Internet-User in der Regel gerne stellt. Dennoch gehört es zu den Aufgaben der Presse, auch solche Informationen in Wort und Bild zu vermitteln, die Gewalt, Krieg und Sterben beinhalten.“

6. „Das ist der Tag…“
(ignant.de)
„Das ist der Tag, von dem ihr noch euern Enkelkindern erzählen werdet“ – „eine Transkription der Pro7-Fernsehshow ‚Germany’s next Topmodel 2011 – Das Finale'“.

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Angst vor der eigenen Rechthaberei

Die Europa-Union Deutschland, die sich selbst als überparteiliche, überkonfessionelle und unabhängige politische Nichtregierungsorganisation für ein föderalistisches Europa versteht, hat bei der diesjährigen Verleihung des Europapreises „Bild“ mit der sogenannten „Distel“ für den europapolitischen Fehltritt des Jahres bedacht. In einer Pressemitteilung heißt es:

Nikolaus Blome, Leiter des Hauptstadtbüros der BILD-Zeitung, erhielt stellvertretend für sein Blatt die Europa-Distel für den größten europapolitischen Fehltritt des Jahres wegen der Forderung, Griechenland solle seine Inseln verkaufen. (…)

In seiner Laudatio auf die BILD stellte der Vorsitzende von Europa-Professionell, Joachim Wuermeling, fest, dass es ein Fehler war, eine solche Emotionalität in die Debatte zu bringen und zwischen guten und schlechten Euro-Ländern zu unterscheiden. Er machte klar: „Wir wollen keine europäische Misstrauensgesellschaft!“

Von Einsicht ist bei „Bild“ allerdings nichts zu bemerken:
Trotz Schmäh-Preis für unsere Griechenland-Berichterstattung Darum bleibt BILD bei seiner Meinung!

Es ist ein stacheliger Preis, der als Kritik an BILD gemeint ist: Die Europa-Union verlieh BILD die „Europäische Distel“ – weil BILD mit seiner Berichterstattung angeblich die europäischen Bürger gegeneinander aufbringt.

BILD stellte sich der Kritik. Und erklärte den erstaunten Europa-Politikern, warum die Redaktion in der Euro-Krise bei ihrer Meinung bleibt!

„Bild“ zitiert dann weite Teile der Rede, die Nikolaus Blome, Leiter des Hauptstadtbüros und stellvertretender Chefredakteur, bei der Preisverleihung gehalten hat. Dabei wird schnell klar: „Bild“ hat sich der Kritik nicht „gestellt“, sondern hat sie einfach weggebügelt.

So fragt Blome etwa:

Soll uns der Preis ex post nahelegen zu schweigen, uns also irgendwie „mundtot“ machen?

Dabei kritisierte die Europa-Union nicht, dass „Bild“ über die griechische Schuldenkrise berichtet hat, sondern wie (BILDblog berichtete hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier und hier).

Blome fragt scheinheilig:

(…) hätten wir die Geschichte „BILD gibt den Griechen die Drachmen zurück!“ (27.4. 2010) nicht machen sollen? Den selbstverständlich nicht repräsentativen Versuch, mit dem medienüblichen Mittel der Straßenumfrage zu erhellen, ob die Griechen ihre alte Währung zurückwollen? Inzwischen vergehen in Griechenland keine sieben Tage, ohne dass eine solche Umfrage gemacht wird.

Zunächst einmal stand über dem berüchtigten Artikel nicht, wie Blome behauptet, „BILD gibt den Griechen die Drachmen zurück!“, sondern „BILD gibt den Pleite-Griechen die Drachmen zurück!“. So nennt die Zeitung die Einwohner Griechenlands seit mehr als anderthalb Jahren.

Und natürlich war Paul Ronzheimers Aktion nicht „medienüblich“, sondern eine klare Grenzüberschreitung, bei der es einzig und allein darum ging, die Griechen vorzuführen („Und das Irre: Viele jubeln und reißen sich darum…“). Man stelle sich vor, ein ausländisches Blatt würde in Deutschland eine derartige Aktion durchführen. „Bild“ wäre sicherlich die Zeitung, die als erstes die Frage stellen würde „Warum werden wir Deutschen so verhöhnt?“.

Blome weiter:

Und noch eine Zugabe: „Verkauft eure Inseln, ihr Pleite-Griechen.“ Auch hier verspreche ich Ihnen: Exakt so wird es kommen. (…)

(Haben Sie’s gemerkt? Blome offensichtlich nicht.)

70.000 staatseigene Grundstücke stehen in Griechenland zum Verkauf, darunter eine komplette Halbinsel und ein kleiner Berg. Vollzogen wird der Verkauf am Ende vielleicht von einer Treuhandanstalt wie weiland in der untergegangenen DDR. (…)

Dabei weiß Blome vermutlich selbst am besten, wie diese Forderung in einem Land, das im zweiten Weltkrieg jahrelang unter der deutschen Besatzung gelitten hat, aufgefasst wird.

Der Unterschied zwischen den krawalligen „Pleite-Griechen“-Überschriften in „Bild“ und der Sprache der anderen deutschen Zeitungen wird ausgerechnet in dem Moment am deutlichsten, in dem Blome behauptet, „die anderen“ würden ja genauso schreiben:

Und weil das so ist, schreiben die anderen jetzt auch so. Nur ein Beispiel aus dem Juni 2011, Süddeutsche Zeitung. Der Autor delektiert sich unter der Überschrift „griechischer Schein“, wie das „Land seine Schulden verschleierte“, etwas, was sonst nur in einer „korrupten afrikanischen Diktatur“ vorkomme. Selbst bei der Qualifikation für die Währungsunion hatten die Griechen gelogen“, bis das „Lügengebäude zum Einsturz“ kam.

Der Höhe Tiefpunkt seiner Rede macht deutlich, dass Blome nicht ansatzweise verstanden hat, wofür „Bild“ ausgezeichnet wurde:

Kurzum: Ich gebe zu. Rechthaben macht Spaß. In diesem Maße recht zu haben, und zu behalten, macht fast ein bisschen Angst.

Die sonst geläufige Redewendung, nach der der Ton die Musik mache, war den Großmüttern von Nikolaus Blome offenbar unbekannt — oder ihr Enkel hat auch damals schon nicht richtig zugehört.

Gegen Ende seiner Rede greift Blome dann wieder seine eingangs erwähnte Sorge, die Verleihung der Distel solle seine Zeitung „mundtot machen“, auf:

Haben Sie das Gefühl, Griechenland ginge es besser, wenn wir die Klappe gehalten hätten? Und glauben Sie im Ernst, BILD hätte die Griechenland-kritische Stimmung gemacht?

Vermutlich ginge es Griechenland nicht besser, wenn Blome und seine Leute „die Klappe gehalten hätten“, aber darum ging es bei dieser Preisverleihung gar nicht. Das Klima zwischen Deutschen und Griechen könnte allerdings deutlich weniger angespannt sein, wenn „Bild“ die Klappe gehalten weniger hetzerisch berichtet hätte.

Denn dass „Bild“ die „Griechenland-kritische Stimmung“ nicht wenigstens ordentlich mit angeheizt hätte, glaubt Blome hoffentlich nicht im Ernst.

Wetter, dass..?

Leiden auch Sie unter den „knackig kalten“ Temperaturen und kommen Sie kaum noch mit der Beseitigung des „vielen Schnees“ nach? Nein? Dann leben Sie offenbar in einem anderen Deutschland als dem, für das Bild.de und mopo.de vor viereinhalb Wochen einen „Horror-Winter“ bzw. „Arktis-Winter“ angekündigt haben:

Knackig kalt und viel Schnee In vier Wochen beginnt der Horror-Winter

Schnee-Chaos schon im November? Bald kommt der Arktis-Winter!

Unter Berufung auf den Wetterdienst donnerwetter.de behauptete Bild.de am 22. Oktober:

Er wird kommen. Mit Minusgraden und viel Schnee. Drei Monate lang. Und Ende November geht es schon los!

Bibber-Alarm: In vier Wochen beginnt der Horror-Winter!

(…) Der November startet wahrscheinlich noch sehr mild, so dass der Absturz der Temperaturen Mitte/Ende November recht heftig ausfällt. Wir erwarten dann sogar schon die ersten Schneefälle bis ins Flachland, sagen die Donnerwetter-Experten in ihrer Winter-Prognose.

Und mopo.de orakelte ähnlich dramatisch:

Minusgrade. Schnee. Glatteis. Und das für Monate! Der nahende Winter – wird er so schlimm wie im vergangenen Jahr? Droht uns gar ein echter Horror-Winter? Michael Klein von „Donnerwetter.de“ ist sich zumindest ziemlich sicher, dass es richtig kalt wird – und kündigt für November bereits das erste Schnee-Chaos an.

Bereits am 24. Oktober kommentierte Jörg Kachelmann die Vorhersagen von Bild.de und mopo.de in einem Video auf YouTube folgendermaßen:

Niemand weiß heute, wie der Winter wird. Was Sie da lesen ist alles Schwachsinn. Sie brauchen sich nicht zu beunruhigen. Kann sein, dass ein kalter Winter kommt, muss aber nicht. (…) Das Wetter weiß es im Moment selbst noch nicht. Leider sind wir in der Meteorologie noch nicht so weit, das so weit im Voraus vorhersagen zu können. Es gibt (…) kein anderes Land, in dem dieser Stuss abgedruckt wird.

Ähnlich formulierte es der Leiter des Institutes für Wetter- und Klimakommunikation auf wetterspiegel.de, als vor einem Jahr ähnliche Prognosen über den Winter 2010/11 aufgestellt wurden:

Frank Böttcher, Leiter des Institutes für Wetter- und Klimakommunikation und stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Meteorologischen Gesellschaft in Norddeutschland, stellt klar: „Wir können heute seriös Wetterprognosen für ein paar Tage machen. Wie das Wetter in ein paar Wochen wird, wissen wir nicht.“ (…) Mit dieser Art von Vorhersagen steigen nach Ansicht von Frank Böttcher diese unseriösen Propheten in die „Fußstapfen von Nostradamus“ und verlassen den Boden wissenschaftlich gesicherter Prognosen. „Diese Kollegen bringen die Meteorologie in Verruf. Sie nutzen die Unkenntnis der Öffentlichkeit für große Schlagzeilen.“, so Böttcher.

Immerhin zeigt sich Bild.de flexibel. Nachdem dort noch vor einem Monat für Ende November Schneechaos angekündigt wurde, heißt es jetzt:

DER TROCKENSTE NOVEMBER ALLER ZEITEN Sandsturm-Warnung fürs Wochenende

Mit Dank an BJ.

Außenreporter, NGOs, Freudenschüsse

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1. „Wenn es kracht“
(journalist.de, Olaf Wittrock)
Journalisten und die Krise: „In der neuesten Finanz- und Staatsschuldenkrise, die sich in den vergangenen Wochen tatsächlich dramatisch zugespitzt hat, erleben Betrachter, wie der Wirtschaftsjournalismus des Jahres 2011 im Ausnahmezustand funktioniert: mit Warnung, Mahnung, Angst, mit Instrumenten aus dem Baukasten des Kampagnenjournalismus.“ Siehe dazu auch den Text „Jeden Tag ein Untergang“ (cicero.de, Petra Sorge): „Als hätten die Journalisten aus der Geschichte nichts gelernt, folgen sie heute einem neuen Mainstream: den Untergang herbeizuschreiben, ja, zum Zwecke der Auflagen- und Quotensteigerung beinahe herbeizusehnen.“

2. „Pseudo-live an der Börse“
(funkkorrespondenz.kim-info.de, Dietrich Leder)
Wie „live“ die Schaltungen des „Heute-Journals“ in die Frankfurter Börse sind.

3. „Gaddafis Todesbilder“
(heise.de/tp, Florian Rötzer)
Der Umgang mit den letzten Bildern von gestürzten Diktatoren.

4. „Kernkraft, Klimawandel, Kinderschnitte“
(medienwoche.ch, Torsten Haeffner)
Botschaften von Nichtregierungsorganisationen finden oft leicht ihren Weg in den redaktionellen Teil: „Wenn NGOs anprangern und verkünden, – Kernkraft, Klimawandel, Kinderschnitte – zeigt ein Grossteil der Medien nachhaltige Beisshemmung. Dies ist ebenso alltäglich wie in Anbetracht des Informationsauftrags der Medien stossend und störend.“

5. „Ein Schuss in die Luft“
(daserste.de/wwiewissen, Daniel Haase, 2007)
Derzeit täglich in den Nachrichten: Menschen, die Freudenschüsse in die Luft abgeben. „Ob zu Festlichkeiten oder Silvester, Trauer oder Wutkundgebungen – der Schuss in die Luft ist ein denkbar ungeeigneter Ausdruck von Freude oder Empörung. Er ist einfach unberechenbar und extrem gefährlich.“

6. „Berufstipp Außenreporter“
(sat1.de, Video, 2:31 Minuten)
Die Harald-Schmidt-Show sucht mit Jan Böhmermann: Witzige Außenreporter (m/w).

OPAL, Apple, Staatstrojaner

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1. „7 ultimative Tipps für Journalisten, damit Sie auch morgen noch einen Job haben“
(gutjahr.biz, Richard Gutjahr)
„Streichen Sie das Wort ‚Synergien‘ bitte noch heute aus Ihrem Wortschatz. Verbrennen Sie Ihre Social Media Guidelines. Lesen Sie keine Zeitung mehr. Zerschnippeln Sie Ihren Presseausweis. Zertrümmern Sie Ihr iPad. Meiden Sie Bedenkenträger. Denken Sie nicht an Geld.“

2. „Und weiter geht’s: Bilds Ökostrom-Bashing“
(klima-luegendetektor.de)
Der „Klima-Lügendetektor“ kritisiert die „Bild“-Titelgeschichte vom Samstag. Sie lautete: „Irrsinn: Deutschland verschenkt Strom ins Ausland … und wir kaufen ihn für teures Geld zurück“.

3. „Die LVZ und die Pipeline. Eine Liebesgeschichte.“
(somereason.blogsport.eu)
Berichte über die Erdgasleitung OPAL kommen in der „Leipziger Volkszeitung“ als „Werbespecials“ daher. „Wer sich darüber beschweren will, darf sich übrigens an den Deutschen Presserat wenden. Bester Ansprechpartner dort ist dessen Vorsitzender – der LVZ-Chefredakteur Bernd Hilder.“

4. „Apple-Bashing bei der SZ“
(kaliban.de)
Was der Ressortleiter und Chefreporter des Wirtschaftsteils der „Süddeutschen Zeitung“ über Apple und Steve Jobs schreibt.

5. „Der börsennotierte Körper“
(freitag.de, Ronnie Vuine)
Ronnie Vuine staunt, „wie sehr man in Netz und Presse Technologieunternehmen mit Ponyhöfen verwechselt“ und über die Reaktionen auf den Tod von Steve Jobs: „Beides, die Trauer wie das Urteil über den Charakter, nimmt eine Vertrautheit an mit einer Person, wo niemals eine war.“

6. „Zwischen Anspruch und Wirklichkeit – von Bundestrojanern, Drohnen und allgemeiner Trotteligkeit“
(schmalenstroer.net)
„Kritiker und Gegner staatlicher Überwachungsmaßnahmen rechnen immer mit dem schlimmsten, dem perfekten Staatsapparat, der effizient arbeitet. In der Realität sieht dies immer wieder anders aus.“ Siehe dazu auch „Der Staatstrojaner in dreieinhalb Minuten“ (youtube.com, Video, 3:29 Minuten)

Urbane Legenden von der Political Correctness

Sie sind längst eine Art Medienfolklore: Berichte über wild gewordene Verfechter der „Political Correctness“, die uns alles nehmen wollen, was unsere abendländische Kultur einmal ausgemacht hat. Sie kommen häufig aus Großbritannien, wo eine hysterische Lügenpresse mit ihnen reaktionäre Kampagnen macht. Sie werden in Deutschland gern über Internetseiten wie das Polemikerportal „Die Achse des Guten“ oder das islamfeindliche Blog „Politically Incorrect“ verbreitet. Und landen am Ende zuverlässig in den vermeintlich seriösen deutschen Medien — selbst wenn die Unwahrheiten und Übertreibungen der Originalberichte zu diesem Zeitpunkt längst vollständig öffentlich dokumentiert sind.

Matthias Thibaut verbreitete gestern im Berliner „Tagesspiegel“ die Mär, dass die BBC die traditionelle Bennennung der Zeitrechnung nach Christi Geburt abgeschafft habe. In der Online-Version seines Artikels heißt es schlicht und falsch:

Weil der Sender sein multiethnisches Publikum nicht verärgern will, soll künftig nur noch von vor oder nach der „gebräuchlichen Zeitrechnung“ die Rede sein, statt von vor oder nach Christi.

Thibaut hat das in der „Daily Mail“ gelesen, einer notorisch unzuverlässigen Quelle, insbesondere wenn es um die verhasste BBC geht, und unbesehen geglaubt.

Der kleine faktische Kern dieser Meldung ist, dass das Religions-Ressort der BBC-Internetseite die Bezeichnungen „BCE“/“CE“ („Before Common Era“ / „Common Era“) als „religiös-neutrale Alternative“ zu „BC“/“AD“ (Vor Christus / Im Jahr des Herrn) verwendet, um nicht-christliche Besucher der Seiten nicht abzustoßen.

Ein BBC-Sprecher betonte auf Nachfrage des „Guardian“, dass „BC“ und „AD“ die Standard-Bezeichnungen im Programm blieben. Es stehe Einzelnen jedoch frei, davon abzuweichen.

Der „Tagesspiegel“ hingegen behauptet, die BBC streiche Christus aus der Zeitrechnung, und sieht sich an schlimmste Dystopien erinnert:

George Orwell hatte bekanntlich die BBC im Sinn, als er in seinem Roman „1984“ das „Ministerium für Wahrheit“ beschrieb. Diesem Erbe scheint die „Auntie“ nun alle Ehre zu machen.

Der BBC glaubt der Londoner „Tagesspiegel“-Korrespondent nicht, dafür aber der berüchtigten „Daily Mail“-Kolumnistin Melanie Phillips:

Melanie Phillips, eine jüdische, rechtskonservative Kommentatorin, erinnerte daran, dass in einigen Gemeinden Weihnachten bereits durch das Kunstwort „winterval“ (Winterfestival) ersetzt wurde, um Nichtchristen nicht zu verletzen. „In diesem Klima ist es nicht frivol, zu fragen, wie lange es dauert, bis die Bibel verboten wird“.

Aber auch die „Winterval“-Sache ist eine Mär und Teil der Political-Correctness-Folklore. Die Stadt Birmingham führte 1997 das „Winterval“ als Marketingidee ein, um zahlreiche Aktivitäten in den Wintermonaten gemeinsam zu bewerben. Zu diesem „Winterval“ gehörten diverse Veranstaltungen, im Kern aber auch traditionelle Weihnachtsfeierlichkeiten, die auch genau so genannt wurden. Der „Guardian“ zitierte den Stadtrat:

Über dem Rathaus war ein Banner mit den Worten „Merry Christmas“, es gab Weihnachtsbeleuchtung und Weihnachtsbäume auf den öffentlichen Plätzen, die normalen Weihnachtsgesänge von Schulchören, und der Bürgermeister verschickte Weihnachtskarten mit einer traditionellen Weihnachtsszene, in denen er allen Frohe Weihnachten wünschte.

(Übersetzung von uns.)

Obwohl das „Winterval“ in keiner Hinsicht das traditionelle Weihnachtsfest ersetzt hat oder ersetzen sollte, wird es seit vielen Jahren und mit zunehmender Übertreibung von den Medien als Beleg für den Angriff der „Political Correctness“ auf das Christentum interpretiert. Fanatiker wie Melanie Phillips sind dabei besonders aktiv, denk- und recherchefaule Journalisten wie Matthias Thibaut ihre willigen Handlanger.

Entsprechend endet sein Artikel:

Konservative werfen der BBC vor, sie spiegle mit ihrer Christenfeindlichkeit, ihrem Trend zu linken Labourpositionen und ihrer Europaphilie längst nicht mehr das britische Meinungsspektrum wieder. Kontroversen gab es, als die BBC eine Nachrichtensprecherin abmahnte, die an einer Halskette ein Kreuz trug. Zynische Kritiker halten es nur für eine Frage der Zeit, bis die erste Sprecherin mit Kopftuch auftaucht.

Ganz abgesehen davon, dass die BBC beteuert, die Nachrichtensprecherin nicht abgemahnt und kein Verbot solcher Symbole verhängt zu haben: Weil eine Christin aus Gründen religiöser Neutralität (angeblich) kein christliches Symbol tragen darf, wird demnächst eine Muslima ein muslimisches Symbol tragen?

Logisch ist das nicht. Aber angemessen furchteinflößend für Thibaut. Denn wenn es doch so käme und tatsächlich eine „Sprecherin mit Kopftuch in der BBC auftaucht“, wäre das für ihn zweifelsohne — der Untergang des Abendlandes.

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