Suchergebnisse für ‘BILD’

6 vor 9

Internet, Fernsehen, Radio. Alle müssen bedient werden.
(amerikawaehlt.de, mit Video, 6:33 Minuten)
“Nun haben wir endlich unsere Beweise: Das Weiße Haus hat Fox News quasi mit Scripts für ihre konservativen Shows versorgt und der Sender hat diese dankend angenommen und so getan, als ob sie Journalismus betreiben. Zugegeben, manchen ihrer Show wurde schon seit Jahren kein journalistischer Anklang zugesprochen, doch die Wahrheit kann dennoch schmerzvoll sein.”

Blödsinn am Sonntag
(meedia.de, Jens Schröder)
“Minutenlanges Kopfschütteln hat die aktuelle ‘Bild am Sonntag’ bei mir erzeugt. Unter der Headline ‘Die 50 besten Schauspieler’ wird schon auf der Titelseite eine ‘Quoten-Studie’ angekündigt, die zweifelhafter kaum sein könnte.”

Selbst schuld, wer im Netz verblödet
(faz.net, Oliver Jungen)
“Der Netzkritiker Nicholas Carr hat in einem vielbeachteten Essay beklagt, dass die Konzentrationsfähigkeit durch das Internet sinke. Kein Grund zum Pessimismus, meint Oliver Jungen. Wer das mentale Großkunstwerk Internet nicht zu nutzen wisse, trage dafür selbst die Verantwortung.”

“Die Zukunft des Bürgerjournalismus ist glänzend”
(cicero.de, Sophie Diesselhorst)
Interview mit Markus Beckedahl: “Ein großes Problem, das wir in Deutschland haben, ist das Urheberrecht. Es verträgt sich nicht mit dem digitalen Zeitalter – trotzdem wird es immer noch verschärft. Bald dürfen wir wahrscheinlich noch nicht mal mehr Links setzen. Meiner Meinung nach befinden wir uns in einer Remix-Kultur, und das Urheberrecht ist auf eine ganz andere Kultur abgestimmt. Man sollte es nicht abschaffen, aber es muss an die Gegebenheiten angepasst werden.”

Angriff auf den Platzhirsch
(sonntagszeitung.ch, Michael Soukup)
“Wie das ‘Wall Street Journal’ die ‘New York Times’ online bedrängt.”

Facts 2.0: “Vielleicht sollten wir immer zuerst den Chef, Dr. Bugsierer, fragen.”
(henusodeblog.blogspot.com)
Ein langer Text zu den kürzlich wieder aufgeflammten Problemen des Nachrichtenaggregators Facts 2.0 im Umgang mit seinen Nutzern.

“BamS” hält Petar Glumac für Radovan Karadzic

Aus der “BamS”:

“Radovan Karadzic (63) – auch in Wien fand der weltweit gesuchte Kriegsverbrecher (…) immer wieder Unterschlupf. Als Wunderheiler ‘Pera’ wohnte er acht Monate mit gefälschtem Pass bei Hausmeisterin Vesna J. (53) – und narrte dort auch noch die Polizei, die den zotteligen Guru bei einer Hausdurchsuchung nicht erkannte.
Die unglaubliche Panne passierte am 4. Mai 2007: (…) Vesna J. ahnte zu dieser Zeit nicht, wen sie wirklich in ihrer Wohnung beherbergte.”

Das ist die Titelstory der heutigen “Bild am Sonntag”. Sie hat nur einen Haken:

 Sie  versteckte womöglich nicht den Massen-Mörder 

Das Interview mit Vesna J. (das heute – im Anschluss an halbgare ExklusivBerichte des Wiener “Kurier” usw. – auch identisch in der Sonntagsausgabe der österreichischen Zeitung “Österreich” erschienen ist*) dürfte authentisch sein, ebenso wie Vesna J.s Erzählungen über den Mann, den sie als “Petar Glumac” bzw. “Deda Pera” (Opa Pera) kannte und offenbar mehrere Monate in einem Zimmer ihrer Wiener Wohnung versteckte beherbergte.

Jedoch…

…hat sich inzwischen bei der serbischen Nachrichtenagentur Tanjug der Mann gemeldet, den Vesna J. vermutlich wirklich versteckte beherbergte. Er heißt offenbar Petar Glumac bzw. Deda Pera (Opa Pera), ist 78 Jahre alt, lebt als eine Art Heilpraktiker in Banatsko Novo Selo in der Vojvodina und sieht nach eigener Aussage bloß “1000-prozentig” so aus, wie Karadzic vor dessen Festnahme…

Ob das wohl auch für eine “BamS”-Titelgeschichte gereicht hätte?

  • Mehr dazu im “Standard” (siehe auch hier), in der “Krone”, in einem “Presse”-Kommentar und bei oe24.at – dem Online-Angebot von “Österreich”, wo es nun heißt:

    Ein Wunderheiler mit dem gleichen Namen, wie ihn der mutmaßliche Kriegsverbrecher benutzt hat, behauptet (…).

    Und im “Kurier” heißt es inzwischen sogar verschwörerisch:

    Viele glauben an ein Ablenkungsmanöver des kroatischen beziehungsweise serbischen Geheimdienstes (…).

  • Weniger dazu auf Bild.de (wo die “BamS”-Titelgeschichte – man kennt das ja – inzwischen aus dem Angebot gelöscht wurde).

*) “Bild am Sonntag” nennt den Interviewer Markus Wolschlager “BILD-am-SONNTAG-Reporter”. Im “BamS”-Archiv ist kein weiterer Text mit seinem Namen zu finden. Vielleicht kein Wunder: Wolschlager ist eigentlich Redakteur der österreichischen Tageszeitung “Österreich”.

Mit Dank an Christoph A.!

Nachtrag, 28.7.2008: Das Boulevardblatt “Österreich” will zwar noch nicht ganz lassen von seiner Karadzic-als-Untermieter-Story, druckt heute aber auch ein Interview mit Petar Glumac, denn: “In ÖSTERREICH meldete sich nun der echte Petar Glumac zu Wort.” In “Bild” übrigens nicht.

Wochenrückblick Nr. 30

Köppel lacht, Turchet klagt, Mosley rehabilitiert und Gratiszeitungen fordern Bäume: Der medienlese.com-Rückblick auf die 30. Kalenderwoche.

Ex-Armeechef Roland Nef, Journalist Roger Köppel (Bilder Keystone)

Bild der Woche: Unter Journalisten macht gerade eine anonyme Mail mit zwei Fotos die Runde, auf denen die (rein äußerliche) Ähnlichkeit von Ex-Armeechef Roland Nef und Weltwoche-Chefredaktor Roger Köppel unverkennbar ist.

Roger Köppel kämpft aber mit anderen Problemen:

Read On…

neu  

Franz Josef Wagner und die Nebel von Avon

Jedes Jahr um diese Zeit feiert Franz Josef Wagner zwei Geburtstage. Seinen eigenen und den von Mick Jagger. Eine ganz besondere Beziehung verbindet den “Bild”-Autor mit dem Sänger. Kein Wunder: Ihre Biographien weisen verblüffende Parallelen auf.

Beide sind im Sommer 1943 geboren. Beide sind Männer. Jaggers Mutter war Avon-Beraterin, Wagners Mutter Handarbeitslehrerin. Jagger macht Musik, Wagner hört sie.

Zum 60. Geburtstag Jaggers schrieb Wagner in der “Welt”:

Wenn man an 60 denkt, dann denkt man, dass die betreffende Person Schwierigkeiten beim Einparken hat und gelegentliche Unsicherheit im Personengedächtnis. Ich glaube, dass man mit 60 triumphierend jung sein kann — wenn man ein Rock ‘n’ Roller ist. Jeder Orthopäde sagt, dass das Geheimnis die Bewegung sei. Tanzen wir den Tod zum Teufel. Der 60-jährige Mick Jagger tanzt das Leben vor. In einer Woche werde ich 60.

Zum 63. Geburtstag Jaggers schrieb Wagner in “Bild”:

Rock ‘n’ Roll ist ein Lebensentwurf – es ist auch mein Lebensentwurf. Wir rocken uns den Tod weg, die Bandscheibe, die Prostata, die Röchel-Lunge. Ich liebe Mick Jagger nicht nur, weil er “Satisfaction” singt, sondern weil seine Mutter Avon-Beraterin war. Der Sohn einer Avon-Beraterin wird Mick Jagger — was für ein Traum, was für ein Märchen!

Und ein paar Tage später in der “taz”, nach einem Konzert der Stones:

Mick Jagger ist eine Woche älter als ich, er wird am 26. Juli 63, ich am 7. August. Aber es waren viele tausend noch Ältere im Berliner Olympiastadion als wir beide. Vielleicht war es das, was wir feierten: dass die Katastrophen wie Weltuntergang, Raucherkrebs, Prostata, Herz, Venen nicht eingetreten waren und auch in dieser Nacht nicht eintreten würden. (…)

“What can a poor boy do except to sing for a rock’n’roll band”, fragte Mick Jagger vor 40 Jahren in seinem Ur-Song “Street Fighting Man”. Vor 40 Jahren — wo war ich?

Vor 40 Jahren hing ich auch an den Fersen des Glücks. What can a poor boy do … Micks Mutter war Avon-Beraterin, meine Handarbeitslehrerin, sie unterrichtete Mädchen im Stricken und Tischdecken. Da war nicht viel Kohle zu holen. Also, what can a poor boy do?

Er kann Zahnarzt werden, Astronaut werden, er kann sein Leben verschlafen, er kann Mick Jagger werden, oder er kann im Drogenrausch wie der beste Rolling Stone, Brian Jones, im Swimmingpool ertrinken. Er kann ein Gesicht wie Keith Richards kriegen, er kann Bianca Jagger heiraten, Jerry Hall. Er kann sieben Kinder mit vier Frauen zeugen, er kann aber auch als PR-Gag auf eine Palme klettern und herunterfallen. Er kann Boulevard-Reporter werden, Gossen-Goethe. Er kann eigentlich alles werden, wenn er ein Street Fighting Man ist.

Und heute nun wird Mick Jagger 65. Und Franz Josef Wagner, der “Gossen-Goethe”, schreibt in “Bild”:

Sie sind eine Woche älter als ich, heute werden Sie 65, ich am 7. August. Was gibt’s für uns 65-Jährige zu feiern? Zuallererst, dass wir überlebten und Leber, Lunge, Arterien sich bisher nicht bemerkbar machen. Den Genen sei Dank!

Es war im Sommer 62, vor 46 Jahren, als ich Ihren Ursong “Street Fighting Man” zum ersten Mal hörte. Ich war damals ein Junge wie Sie. Ihre Mutter war Avon-Beraterin, meine Mutter war Handarbeitslehrerin. (…) Man konnte damals schnell abgleiten in die Hippie- und Kifferkultur.

Von einem Tag auf den anderen riss mich Ihr “Street Fighting Man” aus dem Kiffen heraus. “What can a poor boy do except to sing for a rock ‘n’ roll band”. (…)

Ihr Song hat mich gerettet. Ihr Song war eine Aufforderung, seine eigene Kraft zu entdecken.

Ja, so war es. Es war dieser Song. Alle, die dabei gewesen waren und heute Zahnärzte sind, Therapeuten, Rechtsanwälte, werden es bestätigen. Es war dieser Song. (…)

Rock ‘n’ Roll hat die Welt immer verbessert. Vor 46 Jahren wurde ich durch Mick Jagger Rock ‘n’ Roller – ich liebe die Freiheit.

Aber was immer Franz Josef Wagner vor 46 Jahren vom rechten Weg abbrachte und ihn veranlasste, einen Karrierepfad einzuschlagen, an dessen Ende er heute täglich einen Brief in der “Bild”-Zeitung schreibt — die Rolling Stones und “Street Fighting Man” waren es nicht. Ihr erstes Album brachten die Stones 1964 heraus. “Street Fighting Man” wurde, inspiriert von den Studentenunruhen in Paris, 1968 aufgenommen und veröffentlicht.

Wann hörte Franz Josef Wagner also mit dem Kiffen auf? Man weiß es nicht. Aber nach dem Konzert der Stones fuhr er mit dem Taxi nach Hause: “Richtung Paris Bar, um mich mit Alkohol noch ein bisschen mehr in Stimmung zu bringen.”

Mit Dank an Steffen B., Manfred L., Maren, Andreas und Map!

Die Wahrheit ist irgendwo… anders

"Der ehemalige Astronaut und Wissenschaftler Dr. Edgar Mitchell (...) hat jetzt in der britischen Zeitung The Sun enthüllt: Es gibt Außerirdische!"

Naja. Anders als Bild.de stellen wir uns ja, ehrlich gesagt, unter enthüllen eigentlich etwas anderes vor als irgendwelche abwegigen Behauptungen aufstellen.

Aber wir würden ja auch nicht behaupten, Mitchell habe das mit den Außerirdischen “in der britischen Zeitung ‘The Sun’ enthüllt”. Denn “enthüllt” hat’s der für seine UFOBehauptungen bekannte Mitchell in einem unbedarften Interview mit dem Radiosender des britischen Rockmusik-Magazins “Kerrang”. Die “Sun” hat nur (anders als verschiedene andere Medien, die ebenfalls über Mitchells “Enthüllungen” berichten) die Quelle unterschlagen.

Mit Dank an M.P. und noir für die Anregung.

6 vor 9

Schweizer Fernsehen: Eine Frage der Glaubwürdigkeit
(beobachter.ch, Christoph Schilling)
“News-Journalisten müssen unabhängige, kritische Geister sein. Ist das noch gewährleistet, wenn sie für gutes Geld PR-Anlässe für Firmen moderieren, über die sie sonst berichten?”

Herr Bankhofers PR-Interviews
(scienceblogs.de/plazeboalarm, Marcus Anhäuser)
WDR feuert Hademar Bankhofer: “Wir dokumentieren, in welcher Form er für die MCM Klosterfrau tätig war: Als Gesundheitsexperte in PR-Interviews für Produkte der Firma.”

Aus »Unbekannt« mach »Telekom«
(message-online.com, Uwe Krüger)
“Waren die Doping-Recherchen des Spiegel 1999 korrekt? Ein Informant von damals spricht über verbogene Zitate, falsche Bildunterschriften und dubiose eidesstattliche Versicherungen.”

Schön und gut
(nzz.ch, H. Sf.)
“Die Berliner Zeitschrift ‘Liebling’ fällt auf, formal und inhaltlich. Auch da, wo es um Mode und Kunst geht, fehlt der Jargon der Insider, gibt es nicht das sich enigmatisch spreizende Gefasel.”

Nazi-Worte im Sprachgebrauch
(sueddeutsche.de, Ruth Schneeberger)
Interview mit dem Sprachforscher Thorsten Eitz: “Der NS-Vergleich ist die treffsicherste Variante, öffentliche Aufmerksamkeit zu erzielen. Sowohl die attackierten Gegner als auch Journalisten reagieren reflexartig und empört. So läuft das immer weiter.”

Wess’ Brot ich ess’ …
(kurier.at)
“Superrudi-Zeichner Szyszkowitz soll der Wiener Zeitung keine polit-kritischen Karikaturen mehr liefern.”

6 vor 9

“Wir verzerren den Wettbewerb nicht”
(meedia.de, Alexander Becker)
Robert Bosch, Mitglied der “Welt”-Verlagsgeschäftsführung, sagt zum Gerücht, dass Welt Online spezialisierte Suchmaschinen-Optimierer angestellt habe: “Das ist schlichtweg falsch und ein sehr dummes Gerücht.” Stattdessen läuft es so: “Unsere Redakteure haben den Ehrgeiz, besonders gut auffindbare Artikel zu schreiben.”

Funktionärsgrößenwahn ersten Ranges
(direkter-freistoss.de, Oliver Fritsch)
“Ich fühle mich beraubt, missverstanden, verunglimpft. Das Video-Portal für Amateurfußballer hartplatzhelden.de, das ich vor rund zwei Jahren mit meinen zwei Freunden Steffen Wenzel und Thomas Ramge ins Leben gerufen habe, steht vor dem Aus, weil ein Fußballverband aus Württemberg (WFV) seine ‘Vermarktungsrechte’ verletzt sieht, sich nicht zu schade ist, auf Unterlassung zu klagen und tatsächlich einen Richter gefunden hat, der dieser Auffassung entspricht.”

Verblöden wir?
(sueddeutsche.de, Alex Rühle)
“Warum so hektisch? Machen uns Reizüberflutung und Internet dumm? Diese Frage lässt sich nicht so leicht beantworten, denn da sind so viele Mails und Anrufe und Bilder zum Durchklicken …”

Politiker, Journalisten und Wähler in der Authentizitätsfalle
(telepolis.de, Olaf Hoffjann)
“Journalisten sind Tag für Tag Zuschauer bei vielen Aufführungen. Bei Pressekonferenzen, Parlamentsdebatten, Staatsempfängen genauso wie bei Hauptversammlungen spielen Politiker den Politiker und Manager den Manager. Je professioneller all dies durchgeplant und inszeniert ist, desto mehr fühlen sich viele Journalisten instrumentalisiert.”

Der Schweizer Geheimdienst sammelt wieder
(woz.ch, Daniel Ryser)
“Die WOZ-Autoren Monnerat, Stutz und Ryser wurden vom Geheimdienst wegen ihrer journalistischen Tätigkeit fichiert. Ebenso fichiert, dies wegen politischer Tätigkeit: WOZ-Redaktor Gautier und der Grüne Zürcher Gemeinderat Glättli. Wie viele neue Fichen hat der Dienst für Analyse und Prävention gesammelt?”

Wie verletze ich richtig?
(weltwoche.ch, Kurt W. Zimmermann)
“Die Verletzung der Privatsphäre ist eine Königsdisziplin des Journalismus. Eine kleine Gebrauchsanleitung.”

Entenhaut

Der Bergsteiger Karl Unterkircher ist am vergangenen Dienstag am Nanga Parbat tödlich verunglückt. Er hinterlässt eine Frau und drei kleine Kinder.

Bei Bild.de meint man nun, von dieser Frau ein “Internet-Tagebuch” entdeckt zu haben:

"Das Internet-Tagebuch der Bergsteiger-Witwe"

Das klingt eklig nach einer guten Boulevard-Geschichte: Ein tödlich verunglückter Bergsteiger – und dessen Frau lässt alle Menschen an ihrem persönlichen Leid teilhaben.

Nur: Es gibt kein “Internet-Tagebuch der Bergsteiger-Witwe”. Es gibt auf Karl Unterkirchers Homepage einen kurzen Text, der tatsächlich von seiner Frau stammt. Eine Art Nachruf, in dem sie sich bei allen bedankt, “die uns in dieser schweren Zeit so nahe stehen”.

Bild.de zitiert ausführlich daraus und überwiegend sogar korrekt. Zwar stammt der Satz “Auf die Berge verzichten zu müssen wäre für Karl ein noch größeres Leid gewesen und hieße langsam dahinsterben”, anders als Bild.de schreibt, nicht von Unterkirchers Frau selbst (sie zitiert nur eine “unbekannte Person” aus dem Gästebuch der Seite), aber immerhin stimmt sie dem Satz zu.

Etwas später jedoch schreibt Bild.de:

Dieser Eintrag sagt absolut nichts darüber aus, “wie sehr die Nachricht über den Tod ihres Mannes” Unterkirchers Frau “getroffen hat”. Denn er stammt nicht von ihr. Er stammt von Unterkirchers Manager Herbert Mussner, was sich unschwer daran erkennen lässt, dass unter dem Eintrag steht:

Man muss wohl schon ziemlich hartgesotten sein, um diese Zeilen einfach jemand anderem zuzuschreiben. Oder sehr gleichgültig.

Mit Dank an Christian W. für den sachdienlichen Hinweis.

Nachtrag, 19.43 Uhr (Mit Dank an Oliver H.): Dass man Mussners Tagebuch-Zitat bei Bild.de nur flüchtig gelesen hat, scheint übrigens nicht der Grund dafür zu sein, dass es fälschlicherweise der “Bergsteiger-Witwe” zugeschrieben wurde. Den Satz “Es sind die Mass Media”, der im Original direkt nach den ständig läutenden Handys kommt, hat man bei Bild.de nämlich bemerkt – und spurlos gekürzt.

Doch keine schwule Fahnenflucht II

Mit Richtigstellungen und Korrekturen hat es “Bild” nicht so: Erweist sich ein Artikel als so offensichtlich falsch, dass man ihn eigentlich korrigieren müsste, wird einfach die Wirklichkeit so zurechtgebogen, bis alles wieder stimmt, irgendwie.

Und nachdem “Bild”-Hamburg gestern (wie berichtet) fälschlicherweise behauptet hatte, am Hamburger Rathaus werde eine zum CSD gehisste Regenbogenfahne zeitweilig eingeholt, damit sie auf (Hetero-)Hochzeitsfotos nicht, äh, störe, berichtet “Bild”-Hamburg heute wieder:

Schwulen-Flagge durchgehend am Rathaus - Ob das den Hochzeitspaaren gefallen wird? Die Stadt hat jetzt doch entschieden, anlässlich des Christopher-Street-Days die Rgenbogenflagge durchgängig am Rathaus vom 31. Juli bis zum 3. August aufzuhängen. Farid Müller, schwulen- und lesbenpolitischer Sprecher der GAL: “Es zeigt, dass Senat und Bürgerschaft Hamburg als eine weltoffene Stadt sehen.”

Das “jetzt doch” klingt, als habe die Stadt überraschend (und gegen die Stimmungsmache des “Bild”-Artikels) entschieden, die Fahne durchgängig hängen zu lassen. Dabei stand das die ganze Zeit fest.

Und die Frage “Ob das den Hochzeitspaaren gefallen wird?” ist natürlich eine rhetorische, denn wie man uns in Rathaus und Standesamt sagte, hat der “Bild”-Zeitung noch immer kein einziges Hochzeitspaar den Gefallen getan, sich über die Regenbogenfahne zu beschweren.

Immerhin kann “Bild” heute ganz nebenbei das Datum korrigieren, das in der gestrigen Bildunterschrift mit “24. Juli” angegeben war.

Zudem ist Farid Müller heute sogar korrekt zitiert – sein Satz stammt aus seiner gestrigen Pressemitteilung zum Thema. Die gestern von “Bild” zitierte Äußerung, wonach Müller das mutmaßliche kurzfristige Einholen der Fahne als “praktikable Lösung” bezeichnet haben soll, hatte er nämlich so nie getätigt, wie er auch auf unsere Nachfrage noch einmal bestätigte.

Doch keine schwule Fahnenflucht

Man kennt das. Die Fotos von der Hochzeit sind endlich entwickelt, man hat schon einen Bilderrahmen besorgt, und dann das: Hinter dem glücklichen Brautpaar ein Regenbogen. Ein verdammter Regenbogen. Kein echter, sondern so ein … ein … widernatürlicher: eine Schwulen-Fahne! Die passt einfach nicht zu Renates Brautkleid. Und zum Anlass schon gar nicht. Tränen, Hysterie, und was wird Tante Gertrud sagen. Es sollte doch der schönste Tag im Leben sein – und Renates Vater hatte extra eine neue Digitalkamera … Na, schöne Scheiße!

Es ist der Alptraum von Kristin Breuer, die für die gestrige Hamburg-Ausgabe von “Bild” groß schrieb:

Es soll die Erinnerung an den schönsten Tag im Leben werden – und dann das: Auf dem Hochzeitsfoto vorm Rathaus prangt im Hintergrund die Regenbogenfahne, das Symbol aller Schwulen und Lesben! Genau diese Peinlichkeit drohte jetzt wahr zu werden.

Wie kann es bei den sonst so steifen Hanseaten zu solchen Peinlichkeiten kommen, wie kann man unbescholtene Frischvermählte derart in Schwulitäten bringen?

Nun: Am übernächsten Wochenende findet in Hamburg der Christopher Street Day statt. Aus diesem Anlass soll am Rathaus eine Regenbogenfahne, das Symbol der Lesben- und Schwulenbewegung hängen. Ausgerechnet an dem Wochenende, an dem im Hamburger Rathaus geheiratet werden darf.

Weil Hochzeitspaare sie nicht auf dem Foto haben wollen: Ärger um Schwulen-Flagge am Rathaus

Allein: Nach unseren Informationen hat sich bis heute kein Brautpaar, das am 1. August im Hamburger Rathaus heiraten will, über die Fahne beschwert.

Der Vorstand von Hamburg Pride e.V. kommentierte das auf unsere Anfrage wie folgt:

Liebe “Bild”, bitte zeigt uns ein Brautpaar, das sich beschwert hat, wir laden die Frischvermählten gerne am 2. August auf den Hamburg Pride Wagen ein.

Und auch das, was “Bild” weiter schreibt, stimmt nicht:

Nun wird zwar Donnerstagabend die Regenbogenflagge zunächst mit einer kleinen Zeremonie und anschließendem Empfang gehisst, Freitag wird sie dann bis nachmittags aber mit Rücksicht auf die Hochzeitspaare wieder heruntergenommen.

Wie man uns auf Anfrage im Hamburger Rathaus bestätigte, wird die Fahne am Donnerstag aufgehängt und am Sonntag eingeholt. Dazwischen wird sie die ganze Zeit hängen bleiben.

Die Behauptung …

Am 24. Juli wird um 17.30 Uhr die Regenbogenflagge am Rathaus gehisst. Mit Rücksicht auf Hochzeitspaare wird sie aber gleich einen Tag später wieder eingeholt

… ist somit doppelter Blödsinn, weil die Flagge auch nicht am 24. Juli gehisst wird, sondern erst am 31. Juli.

Deshalb ist es auch merkwürdig, dass Farid Müller, der schwulen- und lesbenpolitische Sprecher der GAL-Fraktion, das kurzfristige Einholen der Fahne laut “Bild” eine “praktikable Lösung” genannt haben soll — und tatsächlich bestreitet sein Sprecher laut Queer.de auch, dass es sich um ein autorisiertes Zitat handele.

Wenn man also alles, was faktisch falsch oder diffus schwulenfeindlich ist, aus dem “Bild”-Artikel rausstreicht, bleibt noch ungefähr so viel übrig:

Peinlichkeit

Mit Dank auch an Marvin!

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