Da sind Sie überrascht, was? Wir dachten uns, jetzt, wo wir doch zehn Jahre alt werden — und zwar heute auf den Tag genau –, gönnen wir uns mal ein neues Outfit.
Ein bisschen größer, ein bisschen luftiger, statt gelb jetzt rot, mit neuen Schriftarten, neuen Buttons, neuen … Sie sehen es ja selbst. Schauen Sie sich gerne überall um — wir hoffen, Ihnen gefällt’s! Hier und da ruckelt es vielleicht noch ein wenig, aber wir arbeiten fleißig daran. Wenn Ihnen irgendwas auffällt, das merkwürdig aussieht oder nicht funktioniert, schreiben Sie uns doch bitte eine kurze Mail an [email protected].
Übrigens können Sie uns jetzt auch per Mail abonnieren. Einfach hier Ihre Adresse eintragen, dann werden Sie automatisch benachrichtigt, wenn es einen neuen Eintrag gibt.
Und keine Sorge: Innerlich bleiben wir ganz die alten. Das “für alle” ist zwar wieder aus dem Namen verschwunden, aber wir kümmern uns natürlich auch weiterhin “um alle”. Wir können ja nicht tatenlos zusehen, bei so vielen merkwürdigen und schlimmen Dingen, die täglich im deutschen Journalismus passieren, und zwar überall, nicht nur bei “Bild”.
Aber: vor allem bei “Bild”. Vor zehn Jahren genauso wie heute. Darum auch weiterhin — und mit Betonung: BILDblog.
Dass es farblich wieder (bzw. wieder) zurück zu den BILDblog-Wurzeln geht, passt auch insofern ganz gut, als wir — dem ein oder anderen ist es vielleicht im Impressum aufgefallen — nach vier tollen Jahren im Ruhrpott wieder zurück nach Berlin gezogen sind. Und Mats, der neue Chef, also ich freue mich wahnsinnig darauf, mit Ihnen und Euch ins nächste BILDblog-Jahrzehnt zu starten.
Und weil wir Geburtstag haben, gibt’s heute auch ein Geschenk. Für Sie!
Hiermit präsentieren wir Ihnen voller Stolz und nahezu weltexklusiv: BILDblog, der Film.
Viel Spaß dabei!
PS: BILDblog wird auch in Zukunft kostenlos bleiben. Dafür brauchen wir aber Ihre finanzielle Unterstützung.
Verpasse keinen BILDblog-Eintrag mehr! Du kannst BILDblog hier abonnieren, dann schicken wir Dir automatisch eine kurze Mail, wenn es einen neuen Eintrag bei uns im Blog gibt.
Die Anmeldung läuft über ein Double-Opt-In-Verfahren: Du erhältst eine E-Mail zur Bestätigung Deiner eingetragenen Adresse. Nach erfolgreicher Bestätigung wird Deine E-Mail-Adresse in einer WordPress-Datenbank gespeichert. Daneben werden keine weiteren Daten erhoben und gespeichert. Die gespeicherte E-Mail-Adresse wird nicht an Dritte weitergereicht. Du kannst das Abonnement jederzeit abbestellen. Weitere Informationen zum Datenschutz findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Nächste Woche, am 6. Juni, will der Axel-Springer-Verlag anlässlich der Fußball-WM wieder eine Sonderausgabe der “Bild”-Zeitung veröffentlichen und kostenlos “an alle deutschen Haushalte” verteilen. Warum? Na, entweder aus Liebe zu seinen Nächsten oder aus geschäftlichem Kalkül. Wir tippen auf Letzteres.
Die Aktion ist die dritte ihrer Art, im November (zum Jubiläum des Mauerfalls) soll die vierte folgen. Für den Verlag scheinen sich diese Gratis-“Bild”-Nummern also durchaus zu lohnen. Für eine ganzseitige Anzeige in der ersten Gratis-“Bild” verlangte der Verlag vier Millionen Euro, für eine halbseitige Anzeige 2,2 Millionen. Auch für die WM-Ausgabe hat Springer ordentlich getrommelt; eine Werbefläche auf der Titelseite wurde mit großem Tamtam versteigert, der Verlag zählt sie zu den “besonders begehrten Werbeformaten, die stets ausgebucht sind”.
Aber am meisten wirbt “Bild” mit dieser Aktion natürlich für sich selbst. Millionenfach wird das Blatt mitsamt seinen Ansichten unters Volk gebracht, flächendeckend und ungefragt. Eine gigantische PR-Aktion in eigener Sache, schon wieder.
Man kann die Aktion ignorieren und die Ausgabe einfach wegschmeißen. Man kann dem Verlag aber auch zeigen, dass man sein Blatt nicht haben will. Man kann ihm die Zustellung untersagen und ihm das Leben damit zumindest ein bisschen schwerer machen — weil man mit seinen Methoden und seiner Auffassung von Journalismus nicht einverstanden ist, weil man den Papiermüll vermeiden will oder weil man einfach keine Lust darauf hat, ungefragt eine “Bild”-Zeitung zu bekommen.
Wenn Sie die “Bild zur WM” nicht haben wollen, müssen Sie dem Verlag bis übermorgen (30. Mai) mit einer Mail an [email protected] widersprechen.
Die Mail sollte Ihren Namen, ihre vollständige Adresse und eine Widerspruchserklärung enthalten — etwa so:
Max Mustermann
Musterstraße 1
12345 Musterstadt
Sehr geehrte Damen und Herren,
Sie haben für Juni 2014 die bundesweite kostenlose Verteilung einer „BILD zur WM“ angekündigt. Hiermit untersage ich der Axel Springer SE, ihren Tochtergesellschaften, Beauftragten und anderen Vertragspartnern ausdrücklich, mir an die oben genannte Anschrift „BILD zur WM“ (auch nicht als Bestandteil einer anderen Publikation) zuzustellen oder in den Briefkasten einzulegen oder durch Dritte zustellen oder in den Briefkasten einlegen zu lassen. Ferner untersage ich Ihnen ausdrücklich, meine persönlichen Daten zu einem anderen Zwecke zu verwenden, als es für die logistische Umsetzung des hier ausgesprochenen Zustellverbotes sowie der Vermeidung von Missbrauch zwingend notwendig ist, und fordere Sie auf, anschließend sämtliche Daten umgehend und restlos zu löschen.
Sie können der Zustellung auch (kostenpflichtig) per Telefon widersprechen — unter 01806 00 87 41.
Laut der Deutschen Post sollen auch Hinweise am Briefkasten beachtet werden, aus denen ausdrücklich hervorgeht, dass man die “Bild” nicht erhalten möchte. Der Aufkleber, den der Cartoonist Ralph Ruthe vor zwei Jahren gebastelt hat (siehe ganz oben), ist ja ohnehin zeitlos verwendbar.
Nachtrag, 31. Mai: Viele Widersprecher haben heute folgende Antwort vom Axel-Springer-Verlag erhalten:
Leider haben Sie Ihren Widerspruch so spät versandt, dass er von unseren logistischen Prozessen, die einen organisatorischen Vorlauf erfordern, nicht mehr erfasst werden konnte.
Wir wissen nicht, ob das stimmt oder eine Ausrede ist. Die Deadline für die Widersprüche (30.5.) wurde uns von der Deutschen Post genannt (auch heute auf erneute Nachfrage) und geht auch aus einer internen Anweisung hervor, aber offenbar hat der Verlag sie kurzfristig geändert.
Diesmal gibt es also kein Entrinnen vor der Gratis-“Bild”. Zumindest nicht per Widerspruch. Nach wie vor gilt aber: Wer an seinem Briefkasten deutlich darauf hinweist, dass er kostenlose Zeitungen oder spezifisch die “Bild”-Zeitung nicht erhalten möchte, sollte (theoretisch) verschont bleiben. Ein “Keine Werbung”-Aufkleber reicht aber nicht aus, weil die Gratis-“Bild” als “Presseerzeugnis” gilt.
Und wenn die Druckerpatrone gerade leer ist: Bei dieser Druckerei erhält man gegen einen rückadressierten und frankierten Umschlag (0,60€) zehn Briefkasten-Aufkleber mit der Aufschrift “Bitte keine Bild einwerfen”.
Nachtrag, 4. Juni: Der Axel-Springer-Verlag hat jetzt den Grund für die Nichtbeachtung einiger Widersprüche genannt: Es habe an der “sehr späten, punktuellen Häufung” gelegen, heißt es in einer Mail an die Widersprecher:
Sehr geehrte […],
der 30.05.2014 war das letzte Datum, an welchem die bei uns eingegangenen Widersprüche in aufbereiteter Form an unseren Vertriebspartner, die Deutsche Post AG, übermittelt werden mussten, um für die komplexen, bundesweiten logistischen Prozesse berücksichtigt zu werden. Dies ist uns trotz sorgfältiger Vorbereitung wegen einer sehr späten, punktuellen Häufung für einige wenige Widersprüche nicht gelungen.
Sie gehören leider dazu und es tut uns leid, dass Ihr Widerspruch nicht auf diese Art und Weise verarbeitet werden konnte.
Sie haben aber die Möglichkeit, der Zustellung durch einen Hinweis („Bitte keine BILD zur WM“) an Ihrem Briefkasten zu widersprechen. Bitte beachten Sie in diesem Zusammenhang, dass ein einfacher Widerspruch gegen Werbung („Bitte keine Werbung einwerfen“) hierfür nicht ausreicht, da es sich bei dieser Sonderausgabe der BILD um ein Zeitungsprodukt handelt.
Nordkoreas Diktator Kim Jong-un hat sich ein neues Flugzeug zugelegt. Oder, wie Bild.de schreibt:
Schau mal Barack, was Du kannst, kann ich schon lange…
Wir sehen Nordkoreas Diktator Kim Jong-un und seine Ehefrau Ri Sol-ju – sie steigen aus ihrer Air Force UN! Eine russische Maschine vom Typ IL62 – mit auffallender Ähnlichkeit zur Air Force One des US-Präsidenten Obama!
Auffallende Ähnlichkeit?
Das hier ist das Flugzeug von Kim Jong-un (Typ Iljuschin Il-62):
Und das hier das Flugzeug von Barack Obama (Typ Boeing 747-200B):
Tatsächlich: Beide sind groß und haben Tragflächen. Verblüffend.
Wenn Digitalthemen Schlagzeilen machen, ist es ein Alptraum für Bildredakteure. Denn das Internet ist nicht fotogen. An Hackern in Skimasken, Snowden-Fotos und abfotografierten Bildschirmen hat sich das Publikum schon lange sattgesehen.
Nicht ganz so schlimm war es, als der Europäische Gerichtshof am Dienstagmorgen eine überraschende Entscheidung verkündete: Der Suchmaschinenkonzern Google wurde verpflichtet, bestimmte Artikel über den spanischen Kläger nicht mehr zu verlinken. Es war kein Problem, denn die dpa hatte das perfekte Bild im Angebot: Eine Google-Angestellte, die einsam zwischen den riesigen Serverschränken an einem Laptop sitzt und Wartungsarbeiten vornimmt. Das Foto ist so perfekt, dass es bei vielen Online-Portalen verwendet wurde.
Das Problem an dem Bild: Es ist eine Fälschung. Oder eine künstlerische Neuinterpretation des Google-Rechenzentrums in Oregon.
Es stammt aus der Hochglanzproduktion “Where the Internet lives“, mit dem sich Google 2012 von seiner besten Seite präsentieren wollte. Die Fotografin Connie Zhou hatte, wie Google nach herber Kritik schließlich einräumte, aus ästhetischer Gründen Korrekturen an den Originalbildern vorgenommen. Mal wurden die Kontraste bereinigt, mal ein störender Lichtfleck ausgeblendet, mal die Perspektive des Bildes digital verändert. Bei dem heute so prominenten Bild baute sie jedoch gleich das Gebäude um: Der breite Gang neben der Google-Mitarbeiterin — hier die Originalaufnahme — wurde kurzerhand in der Nachbearbeitung mit einem Serverschrank überdeckt, sodass sie komplett von Computern eingeschlossen scheint. Sehr symbolisch, aber eben auch falsch.
Die prominente Bildverfälschung, die zum Beispiel vor zwei Jahren von Zeit Online aufgegriffen worden war, war der Bildredaktion der dpa entgangen. Auf unsere Nachfrage hat ein Sprecher der Nachrichtenagentur nun Konsequenzen versprochen: “Wir ziehen das Bild jetzt aus dem Dienst zurück, denn Bildmanipulationen jeglicher Art sind mit den dpa-Standards nicht vereinbar.”
Nachtrag, 13:02 Uhr: Süddeutsche.de hat das Bild inzwischen transparent ersetzt.
Porree und Lauch werden neuerdings gern genommen, wenn es darum geht, die vermeintliche Regulierungswut der EU zu dokumentieren. Vorher war es jahrelang die Gurke gewesen. Gurken der Extra-Klasse durften (übrigens auf Wunsch des Handels) nicht mehr als zehn Millimeter auf zehn Zentimeter gekrümmt sein. Doch dass diese Norm abgeschafft wurde (übrigens unter Protesten des Deutschen Bauernverbandes), hat sich selbst unter Journalisten inzwischen herumgesprochen.
Aber der Porree!
Hans Magnus Enzensberger hat ihn vor einigen Jahren zu einem Symbol der Überregulierung gemacht. Wenn die “Welt” Europa als “Herrscherin über unseren Alltag” bezeichnet und die angeblich “absurdesten Gesetze” der EU-Kommission auflistet, darf er nicht fehlen:
Noch viel bizarrer als die mittlerweile revidierten Vorschriften zum Krümmungsgrad von Gurken sind die Vermarktungsnormen für Porree/Lauch: Die Färbung des Naturprodukts ist genauestens vorgeschrieben.
In der Verordnung der Brüsseler Beamten heißt es: “Mindestens ein Drittel der Gesamtlänge oder die Hälfte des umhüllten Teils muss von weißer bis grünlich-weißer Färbung sein. Jedoch muss bei Frühlauch/Frühporree der weiße oder grünlich-weiße Teil mindestens ein Viertel der Gesamtlänge oder ein Drittel des umhüllten Teils ausmachen.”
Nun ist es natürlich keineswegs so, dass Porree anderer Färbung nicht als Porree gilt — er darf nur nicht als “Klasse I” vermarktet werden. Warum es “absurd” sein soll, für unterschiedliche Handelsklassen bestimmte Qualitäts-Merkmale vorzuschreiben, lässt die “Welt” offen.
Vor allem aber: Die Norm gibt es gar nicht mehr. Sie wurde im Sommer 2009 aufgehoben, um dem Wunsch nach weniger Regeln und weniger Bürokratie nachzukommen. Und zwar gleichzeitig — mit den Krümmungsregeln für Gurken.
Nachtrag, 6. Mai. Die “Welt” hat ihren Fehler korrigiert.
Vor ziemlich genau zehn Jahren ist hier der erste BILDblog-Eintrag erschienen. Das heißt: Im Sommer haben wir Geburtstag!
Das wollen wir natürlich feiern. Unter anderem auf der re:publica am 6. Mai in Berlin. Aber statt Topfschlagen und Schokokusswettessen haben wir uns ein anderes Spiel überlegt:
Dafür brauchen wir Ihre und Eure Hilfe!
Wir wünschen uns zum Geburtstag, dass Ihr Euch Quizfragen übelegt. Sie sollten natürlich mit BILDblog zu tun haben, nicht zu einfach sein, aber auch nicht zuu schwer, wenn’s geht, unterhaltsam und gerne kreativ.
Zum Beispiel:
Wie nennt man Danny DeVito, wenn er Zitronenlikör kauft?
Welchen ehemaligen Bremer SPD-Politiker nahm “Bild” im vergangenen Jahr tagelang eifrig in Schutz, nachdem dieser wegen diskriminierender Aussagen über Sinti und Roma in die Kritik geraten war?
“Bild” entdeckte 2011 auf einer Demonstration der “Pleite-Griechen” ein Hakenkreuz-Plakat. Darunter, so der Artikel, habe gestanden: “Die EU ist die Krönung aus UdSSR-Zentralismus und Glühbirnen-Faschismus”. Das stimmte aber gar nicht. Woher stammte der Spruch tatsächlich?
Und jetzt seid Ihr dran. Schickt uns Eure Vorschläge bitte bis Mittwochabend (30.4.) an [email protected]. Unter allen Einsendern verlosen wir zehn Tickets für unsere kleine Geburtstagsfeier auf der re:publica (Dienstag, 6.5., ab 18 Uhr, die Tickets sind auch gültig für die anschließende “Web Week Night”).
Also: Wühlt Euch durchs Archiv, durchforstet Eure Erinnerungen — und schenkt uns Quizfragen! Je mehr Vorschläge wir bekommen, desto toller wird’s.
Heute benutzen sie dafür den Fall des verurteilten Mustafa Y., der vor einem Jahr seinen Nachbarn erschossen hatte und nun wegen Mordes für zwölf Jahre ins Gefängnis muss. Bild.de schreibt:
Eigentlich steht auf Mord eine lebenslange Haftstrafe, man sei bei dem Angeklagten aber von einer verminderten Schuldfähigkeit ausgegangen, sagte der Vorsitzende Richter Karlheinz Münzer.
“Der Ramadan setzte ihm körperlich zu, er war dehydriert, aber es kam zu keiner Bewusstseinseintrübung.” Er stellte aber klar: “Der Ramadan hatte nicht allein Einfluss auf seine verminderte Schuldfähigkeit. Mustafa Y. war auch psychisch und physisch instabil, litt unter Depression, Angstzuständen und Schlafstörungen.”
Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].
1. “Pitbulls der Demokratie” (blog.tagesanzeiger.ch, Constantin Seibt)
In einem langen Beitrag denkt Constantin Seibt nach über die Wirkungsweise von Journalisten und das Misstrauen in das “ausgelaugte Bürgertum”: “Misstrauen ist heute keine ausreichende Haltung mehr. Weder politisch noch künstlerisch. Das Problem ist, dass sich die Macht aufgespalten hat: In eine Elite, deren Verdienst nicht auf der Höhe ihres Gehalts ist. Und eine Anti-Elite, die versucht, klein zu machen, was zu kriegen ist. Zwei Lager, zu denen man nicht gehören will.”
2. “Willkommen in der Ära des selbstbewussten Digital-Journalismus” (upload-magazin.de, Jan Tißler)
Jan Tißler stellt neue Websites vor, die mit anspruchsvollen Inhalten bei den Lesern punkten wollen. “Das Internet bietet Platz für alle Formen der Berichterstattung – sensationsheischend oder bedacht, kurz oder lang, bebildert oder textlastig, interaktiv erzählt oder klassisch. Es wird Zeit, dass alle diese Möglichkeiten genutzt werden und nicht nur die, die viele Klicks bringen.”
5. “Nachrichtensites: Bild.de führt in (fast) allen Disziplinen” (netzoekonom.de, Holger Schmidt)
Holger Schmidt vergleicht Leserzahlen deutscher Nachrichtenportale: “Fast überall weist Bild.de die besten Werte auf: Die Nutzer bleiben besonders lange, sind besonders treu und klicken besonders viele Seiten an.”
Im Februar 2013 ist in Wiesbaden eine schwangere Frau von ihrem Ex-Freund niedergestochen worden. Die Frau und das ungeborene Kind starben, und der Mann musste sich vor Gericht verantworten. Vergangene Woche wurde er zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Eine “besondere Schwere der Schuld” erkannte das Landgericht aber nicht, damit besteht nach 15 Jahren die Chance auf Haftentlassung. Die Entscheidung begründete der Richter angeblich damit, dass der Täter, ein Deutsch-Afghane, sich “aufgrund seiner kulturellen und religiösen Herkunft in einer Zwangslage befunden” habe.
Und genau das ist für die Leute von “Bild” ein Skandal.
Drei Tage später war das Fragezeichen plötzlich verschwunden:
Da waren selbst hartgesottene Islamhasser beeindruckt. Das Hetz-Portal “Politically Incorrect” schrieb:
Ja was ist denn in die BILD am SONNTAG (BamS) gefahren? […] Gleich zwei mal packt das Springer-Blatt das heiße Thema Islam an – und zwar in einer Deutlichkeit, die es in sich hat.
Schon auf dem Titelblatt prangt die unmissverständliche Headline: “Islam-Rabatt für Jolins Mörder”. Ohne Fragezeichen!
(Der andere Islam-Artikel, über den sich “PI” mindestens genauso doll freut, ist ein “Bams”-Interview mit einem deutsch-türkischen Schriftsteller – Überschrift: “‘Islam gehört zu uns wie die Reeperbahn nach Mekka'”.)
Und ohne Fragezeichen geht es bei Bild.de auch heute weiter:
… obwohl es in der Print-Ausgabe noch da war:
Die Antwort auf die Frage ist für “Bild” natürlich eindeutig:
tatsächlich bekommen Angklagte immer wieder Islam-Rabatt!
Als Beleg listet “Bild” zahlreicheeinigeein paar genau zwei Fälle auf. Einer davon ist Ayhan S., der 2005 seine Schwester erschossen hatte und “gerade mal zu neun Jahren und drei Monaten Jugendhaft verurteilt” wurde.
Der Richter: “Eine Mischung aus fest verankerten Vorstellungen von Familien-Ehre und eigenem Islam-Verständnis trieb ihn zur Tat.”
… schreibt “Bild”, lässt aber offen, was das mit welchem Rabatt auch immer zu tun haben soll.
Der zweite Fall besitzt sogar noch weniger Aussagekraft: Dort ist nicht mal das Urteil gesprochen worden.
Daneben führt die “Bild”-Zeitung noch eine Studie des Max-Planck-Instituts an, offenbar zur wissenschaftlichen Untermauerung ihrer “Rabatt”-Theorie. Die Untersuchung habe nämlich ergeben, schreibt “Bild”, dass sich der “kulturelle Hintergrund” der Täter in “12 Prozent der Fälle […] strafmildernd” ausgewirkt habe.
Die Macher der Studie selbst kommen jedoch zu einem völlig anderen Schluss, wie im aktuellen “Spiegel” zu lesen ist:
Deutsche Strafgerichte behandeln sogenannte Ehrenmörder nicht milder als andere Beziehungstäter, sondern sogar strenger. Das ergibt eine Studie des Max-Planck-Instituts für ausländisches und internationales Strafrecht in Freiburg, die demnächst erscheint. Die Forscherin Julia Kasselt hat 78 Fälle zwischen 1996 und 2005 ausgewertet, bei denen die Täter Partner oder Verwandte wegen kultureller “Ehrencodices” angegriffen hatten. [..] Das Fazit der Forscherin: “Die Justiz gibt Ehrenmördern keinen ‘kulturellen Rabatt’.”
Egal. Für die “Bild”-Zeitung ist und bleibt die Sache ein Skandal. Und die ersten empörten Politiker-Zitate hat sie auch schon aufgetrieben, was bedeutet, dass spätestens jetzt auch andere Medien aufspringen:
(bz-berlin.de)
Anders gesagt: Politiker und Journalisten empören sich über etwas, das nach neuesten Erkenntnissen überhaupt nicht existiert, das von der “Bild”-Zeitung aber mühsam herbei- und von anderen Medien blindlings abgeschrieben wird. Und als Beleg dient ihnen ausgerechnet die Studie, die eigentlich das genaue Gegenteil aussagt, was sie aber verschweigen.
Über so viel Entgegenkommen kann man sich als Moslemhasser natürlich nur freuen. “Politically Incorrect” schreibt:
“Zum Regieren brauche ich BILD, BamS und Glotze”, sagte Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder vor zehn Jahren. Wenn die oben erwähnten Artikel eine intensive und schnörkellose Debatte über die Gefahren des Islam in Deutschland auslösen, könnte die BamS vom heutigen 30. März 2014 eine nicht zu unterschätzende Katalysator-Funktion gehabt haben.
Mit Dank an Werner H. und G.K.
Nachtrag, 8. April: Siehe auch hier, hier und hier.