Suchergebnisse für ‘BILD’

Popper, AfD-Recherchereise, Dr. Sommer

1. Poppers Alptraum
(de.ejo-online.eu, Gerret von Nordheim)
Am Amoklauf in München habe sich gezeigt, welch zentrale und dabei ambivalente Rolle soziale Medien in der modernen Öffentlichkeit spielen, so Gerret von Nordheim in seiner Auswertung des Münchner Geschehens. Der Autor hat eine umfangreiche Netzwerkanalyse durchgeführt und Twitter ausgewertet. Ein Ergebnis seiner Beobachtungen: “Durch psychologische Effekte wie den Bestätigungsfehler, die kognitive Dissonanz oder die Gruppenpolarisierung werden soziale Medien so zu einem Zerrspiegel der Weltwahrnehmung. Es ist davon auszugehen, dass der Selektionseffekt individualisierender Algorithmen (die vielzitierte Filterblase) diese Effekte darüber hinaus katalysiert.”

2. loading: Recherchereise AfD in Mecklenburg-Vorpommern
(dirkvongehlen.de)
Crowdfunding-Experte Dirk von Gehlen macht auf ein spannendes Projekt aufmerksam: Die geplante AfD-Recherchereise von Raphael Thelen anlässlich der am 4. September in Mecklenburg-Vorpommern stattfindenden Landtagswahlen.

3. “Wir sind überzeugt, unserer Verantwortung nachgekommen zu sein”
(wuv.de, Jochen Kalka)
Jochen Kalka übt bei “W&V” Kritik an der Berichterstattung des “Spiegel” in Zusammenhang mit dem Münchner Amoklauf: Während sich Deutschlands Medien offen der Ethikdiskussion stellen und sich für die eine oder andere Berichterstattung über die letzten Terrorakte entschuldigen oder zumindest rechtfertigen, hält sich der “Spiegel” an keine Grenzen.” Beim “Spiegel” ist man sich keiner Schuld bewusst, wie man auf Nachfrage mitteilt.

4. Wie sollen Medien über Terroristen berichten?
(sueddeutsche.de, Joseph Hanimann)
Französische Medien wollen keine Fotos von Attentätern mehr zeigen und keine Namen mehr nennen. Kann das funktionieren, fragt Joseph Hanimann beschreibt den Stand der Debatte in Frankreich.

5. Reaktionen auf Hashtag-Regelungen bei Olympia: „Alles viel zu kompliziert“
(netzpolitik.org, Markus Reuter)
Das IOC hat mit den Regeln für Hashtags und Social-Media-Nutzung bei den Olympischen Spielen für einigen Wirbel und vor allem Spott und Frust gesorgt. Einige Athleten haben bereits angekündigt, auf Berichte von den Olympischen Spielen zu verzichten, da sie den Ausschluss befürchten. Nun versucht sich Michael Vesper vom Deutschen Olympischen Sportbund an einer Klarstellung.

6. Entdeckt (61): Sommerloch 2016: Dr. Sommer drückt sich – und Frau Fischer trägt jetzt Tischdecke
(kioskforscher.wordpress.com, Markus Böhm)
“Kioskforscher” Markus Böhm mit Kurzkritiken zu “Dr. Sommer”, “Bock” und dem “Straßen Journal Deutschland”. Visuelles Highlight seines Beitrags: Die zusammengephotoshoppten nur leicht variierten Cover vom “Goldenen Blatt” und Co.

7. Aus „seit“ und „seid“ wird „seidt“? MDR aktuell sitzt Fake-Meldung auf
(flurfunk-dresden.de)
“Oh, das ist peinlich: In einem Radio-Beitrag zu “20 Jahre Rechtschreibreform” berichtet MDR aktuell, dass es künftig eine einheitliche Form von “seid” und “seit” geben soll: “seidt”. … Blöd nur, dass die Meldung überhaupt nicht stimmt. Vielmehr ist man beim MDR dem Satire-Portal Der Postillon aufgesessen.”

Verfahrene Verbotsfantasien

Vergangenen Freitag war letzter Schultag in Bayern, und damit sind aktuell alle 16 Bundesländer in den Schulferien (wenn auch manche nur noch bis morgen). Also: Koffer packen, rein ins Auto und ab Richtung Süden brettern.

Doch dann diese Geschichte in “Bild”:

Bild.de berichtet ebenfalls:

Und bei “Focus Online” dieselbe Meldung:

Auslöser für die Artikel ist das oben zu sehende Schild an der Autobahn 8 bei Leonberg, auf Höhe einer Wanderbaustelle: ein rot durchgestrichener Schriftzug “Navigation” und darunter die Aufforderung, für die Weiterfahrt Richtung München und Stuttgart der normalen Verkehrsbeschilderung zu folgen.

Aufgestellt hat es das Regierungspräsidium Stuttgart. Denn es zeigte sich, dass Navigationsgeräte die Auto- und LKW-Fahrer am Autobahndreieck Leonberg fälschlicherweise immer wieder auffordern, auf die linke Spur zu wechseln, wenn sie nach München weiter wollen — obwohl alle drei Spuren nach München führen. Die Folge: einige riskante Manöver über eine durchgezogene Linie, die zum Teil zu Unfällen führten.

Die “Bild”-Medien schreiben dazu:

Blindes Vertrauen aufs Navi hat auf der A8 bei Leonberg schon mehrere Verkehrsunfälle verursacht. Jetzt hat das Regierungspräsidium die Nase voll. Die Behörde hat ein Navi-Verbot verhängt!

Doch bevor jetzt die deutsche Autofahrerlobby Schaum vor dem Mund bekommt (“Jetzt wollen die da oben auch noch bestimmen, ob ich mein Navi benutzen darf oder nicht?!”): Das mit dem “Navi-Verbot” stimmt gar nicht. Der Hinweis an der A8 ist lediglich ein Vorschlag.

Die “Stuttgarter Zeitung” hat nämlich mal beim Regierungspräsidium nachgefragt, was es mit dem neuen Schild auf sich hat:

“Das neue Schild ist kein offizielles Verkehrszeichen und auch kein Verbotsschild, es ist ein Hinweisschild, das die Autofahrer sensibiliseren soll”, sagte gestern Matthias Kreuzinger, vom Stuttgarter Regierungspräsidium.

Mit Dank an Lutz K. für den Hinweis!

Dirk Hoerens nächste halbe Hartz-Wahrheit über Ausländer

Die “Bild”-Medien scheinen ein neues Thema für sich entdeckt zu haben: die Hartz-IV-Ausländer. Denn nach seinem Artikel von gestern hat Chefzahlenleser Dirk Hoeren heute noch einmal in “Bild” und bei Bild.de nachgelegt — mit einer großen Titelgeschichte und einem “Bild-plus”-Artikel:

Die “neuen Zahlen”, auf die sich Hoeren bezieht, waren gestern auch schon bekannt. Sie stammen aus derselben Statistik der “Bundesagentur für Arbeit” (PDF), auf die sich sein Artikel von Montag stützt. Aber anstatt einmal umfassend zu berichten, machen “Bild” und Bild.de offenbar lieber eine Kampagne eine Serie aus der Veröffentlichung der Bundesagentur.

Und so findet man in Dirk Hoerens heutigem Text fast ausschließlich die gleichen Zahlen, die er gestern schon aufgeschrieben hat. Dafür sind diese jetzt aber mit einer politischen Forderung verknüpft:

CDU/CSU-Fraktionsvize Michael Fuchs (67) zu BILD: “Das Problem der hohen Hartz-IV-Quote von Flüchtlingen lässt sich nur durch Integration lösen. Dazu müssen die Flüchtlinge Deutsch lernen. Deshalb sollten die Hartz-Leistungen an den Integrationswillen gekoppelt werden. Wer sich nicht integrieren will, sollte weniger Hartz IV bekommen.”

Um zu zeigen, wie hoch die “Hartz-IV-Quoten” so sind, präsentieren die “Bild”-Medien diese Tabelle, aufgeschlüsselt nach 20 Herkunftsländern:

Für eine weitere Spalte war natürlich kein Platz: Für die Anzahl der Personen, die aus den jeweiligen Ländern stammen und die in Deutschland einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung nachgehen. Auch die weist die “Bundesagentur für Arbeit” in ihrer Statistik aus.

Und da wir finden — da hat sich unsere Meinung seit gestern nicht geändert –, dass zum gesamten Bild der Geschichte eben mindestens auch diese Zahlen gehören, liefern wir sie Ihnen hier für die 31 Nationalitäten, die die Bundesagentur gesondert auflistet, nach:

Herkunftsland sv. Beschäftigte Hartz-IV-Empfänger
Afghanistan 17.747 35.892
Albanien 18.852 8570
Bosnien und Herzeg. 63.133 17.055
Bulgarien 88.080 73.088
Eritrea 3796 16.764
Estland 2316 749
Griechenland 130.906 46.485
Irak 17.708 64.712
Iran 16.615 21.769
Italien 243.160 70.911
Kosovo 49.843 27.146
Kroatien 134.366 16.150
Lettland 11.779 4911
Litauen 18.267 6746
Mazedonien 24.790 14.717
Nigeria 9890 8573
Pakistan 13.173 16.213
Polen 342.768 92.506
Portugal 58.049 11.374
Rumänien 237.498 60.084
Russische Föderation 70.104 37.413
Serbien 62.882 55.065
Slowakei 26.087 4560
Slowenien 10.381 1976
Somalia 2513 5160
Spanien 63.736 16.779
Syrien 17.896 242.391
Tschechische Republik 43.496 5466
Türkei 515.630 295.260
Ukraine 36.525 24.033
Ungarn 88.523 9488

(Stand: die aktuellsten verfügbaren Zahlen von April 2016)

Bei sieben Ländern (Afghanistan, Eritrea, Irak, Iran, Pakistan, Somalia, Syrien) ist die Zahl der Hartz-IV-Empfänger höher als die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten, bei den anderen 24 ist es umgekehrt.

AfD-Stratege, Spiegelhistorie, Startseitengenerve

1. Ehemaliger “Welt”-Redakteur arbeitet für die AfD
(zeit.de)
Der nordrhein-westfälische AfD-Landeschef Marcus Pretzell hatte die ihm angebotenen Dienste noch abgelehnt, nun heuert der bei der “Welt” unter großem Getöse ausgeschiedene Journalist Günther Lachmann bei der AfD in Thüringen an.

2. IS: Bilder-Verbote wie in Frankreich?
(mdr.de, Patrick Eicke, Audio 2:05 Min.)
MDR-Autor Patrick Eicke hat bei deutschen Medienhäusern nachgefragt, wie diese mit der Veröffentlichung von Fotos von Attentätern umgehen.

3. Lutz Hachmeister: „Ich wollte dem Spiegel nicht schaden“
(wolfgangmichal.de)
Interview mit dem Hochschullehrer für Journalistik und langjährigem Leiter des Grimme-Instituts Lutz Hachmeister über seine 20-jährige Recherche zum “Netzwerk ehemaliger Nazis” im Nachrichtenmagazin “Der Spiegel”.

4. Kommunikation in der Krise
(wwwagner.tv, Jörg Wagner, Audio, 26:57 Min.)
Jörg Wagner hat mit dem Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Polizeipräsidiums München Marcus da Gloria Martins gesprochen. Dieser hatte während der Berichterstattung um den Münchner Amoklauf viel Lob für seine besonnene Art geerntet. In dem knapp halbstündigen Interview erfährt man Einiges über die Arbeit der Pressestelle eines Großpräsidiums mit tausenden von schriftlichen Presseanfragen pro Tag, über seine Einstellung zu Social Media und Krisenkommunikation.

5. Die Quote darf nicht zum alleinigen Impulsgeber werden.
(planet-interview.de, Adrian Arab)
Adrian Arab hat für “Planet Interview” die ARD-Vorsitzende und Intendantin des MDR Karola Wille befragt. Das Themenspektrum reicht von Mahnverfahren und Transparenz bis hin zu den vielen ARD-Mediatheken. Dem Interview angehängt ist eine Tabelle zur “Offenlegung der Intendanten-Gehälter auf den Websites der Rundfunkanstalten der ARD”.

6. Breaking News: Die Startseite wurde aktualisiert!
(uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
Sie kennen die lästigen Einblendungen auf den Startseiten großer Medienseiten: “Wir haben neue Artikel für Sie. Möchten Sie jetzt die aktuelle Startseite laden?” Stefan Niggemeier widmet sich auf “Übermedien” den digitalen Plagegeistern und fragt einige Verantwortliche, warum sie von den lästigen Störbildern Gebrauch machen.

Kokain im alten Zopf

Man kann in diesen Tagen manchmal vergessen, dass eigentlich Sommerloch ist. Aber ab und zu will eben doch nicht so viel passieren, wie in Zeitungen und Online-Portale passen würde. Und dann brauchen die Redakteure schon etwas Glück, um auf einen handfesten Skandal zu stoßen.

Der Kölner “Express” hatte vergangene Woche dieses Glück:

Es war ein Test im Dienste der Wissenschaft: Die WDR-Wissenschaftssendung “Quarks & Co“ hatte die Promis Jean Pütz (79), Anna Schudt (42) und Roberto Blanco (79) zur Haaranalyse gebeten.

Doch mit diesem Ergebnis hatte niemand gerechnet: Bei zwei der Stars wurden Drogen nachgewiesen!

Klar, dass so ein Knaller groß auf die Titelseite gehört:

Im WDR hatten Forscher des “Rechtsmedizinischen Instituts” der Universität Köln die Haarproben der drei Promis untersucht, “und peng!”, bei Pütz entdeckten sie Kokain und Cannabis. Bei “Tatort”-Kommissarin Schudt immerhin Cannabis. Der “Express” spricht von einer “Überraschung”, von einem “Schock-Ergebnis in der Sendung”.

Die “Bild”-Medien zogen nach:

Ganz so spektakulär und neu, wie das nun alles klingt, ist die Geschichte dann aber doch nicht.

Erst einmal: Der Beitrag lief nicht bei “Quarks & Co.”, sondern vergangenen Dienstagabend in einer Ausgabe von “Quarks & Caspers”, moderiert von Ralph Caspers. In der Sendung ging es ausschließlich um Haare: Viel Amüsantes und Interessantes zum Thema (Blondsein ist ein Gendefekt! Holla!), allerdings war ein Teil von ihr eine Wiederholung vom vergangenen November — und zwar genau der Beitrag mit Jean Pütz und den anderen Prominenten, in dem es darum ging herauszufinden, was Wissenschaftler eigentlich anhand so einer Haaranalyse über einen Menschen aussagen können.

Wenn man aufpasst, erfährt man — neben der Info, dass Roberto Blanco seine Haare offenbar schwarz nachfärbt: Das Kokain und das Cannabis wurden in den Proben zwar nachgewiesen, “jedoch in so geringer Konzentration, dass klar ist: Die Drogen wurden nicht konsumiert”. Das Fazit des Beitrags lautet dann auch, “dass Drogen im Haar nicht bedeuten, dass der Haarträger sie nimmt.” Für ein positives Testergebnis kann es zum Beispiel schon reichen, dass man einmal jemandem, der Kokain genommen hat, die Hand gegeben hat.

Und so kommentiert das Team der Sendung den “Express”-Artikel bei Facebook: “Der nächste Drogenskandal? Eher nicht.” Für eine Skandalgeschichte auf der Titelseite des Kölner Boulevardblatts reicht es, auch mit neun Monaten Verspätung, aber noch allemal.

Mit Dank an Axel B. für den Hinweis!

Dirk Hoerens halbe Hartz-Wahrheit über Ausländer

Heute, auf der Titelseite der “Bild”-Zeitung:

Wegen der starken Zuwanderung von Flüchtlingen steigt die Zahl der ausländischen Hartz-IV-Bezieher deutlich an. Laut Bundesagentur für Arbeit (BA) stammte nach jüngsten Daten jeder 4. Stütze-Empfänger (26 %) aus dem Ausland.

Insgesamt bezogen 1,541 Millionen Ausländer Hartz IV, 170 207 (12,4 %) mehr als ein Jahr zuvor. Die Zahl der deutschen Hartz-Empfänger sank dagegen um 239 995 (–5,2 %) auf 4,36 Millionen. Im Schnitt sind 7,7 % der Deutschen auf Hartz angewiesen, bei Ausländern sind es 18 %.

Die meisten ausländischen Stütze-Empfänger kommen aus der Türkei (295 260), Syrien (242 391) und Polen (92 506). Am stärksten gestiegen gegenüber dem Vorjahr ist die Zahl der Hartz-IV-Empfänger aus Eritrea (+229,4 %) auf 16 764 und Syrien (+195,1 %).

Obwohl dieses “Die”-und-“wir”-Stück von Dirk Hoeren stammt, ist es für sich genommen erstmal richtig. Die Zahlen stimmen. Man kann sie in einer Statistik der “Bundesagentur für Arbeit” (PDF) nachlesen.

Ein anderer Aspekt aus derselben Veröffentlichung der Bundesagentur war Hoeren aber nicht mal einen Halbsatz wert: Dass auch die Zahl der sozialversicherungspflichtig beschäftigten Ausländer in Deutschland steigt. Im Mai 2016 — das sind die aktuellsten verfügbaren Zahlen — waren 3,119 Millionen Menschen aus dem Ausland hier sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Das sind immerhin 312.996 mehr als ein Jahr zuvor, ein Plus von 11,2 Prozent.

Was in Hoerens Text ebenfalls nicht vorkommt: In der Statistik der “Bundesagentur für Arbeit” ist bei jedem Herkunftsland, das extra ausgewiesen wird (und das sind immerhin: Afghanistan, Albanien, Bosnien und Herzegowina, Bulgarien, Estland, Eritrea, Griechenland, Italien, Irak, Iran, Kosovo, Kroatien, Lettland, Litauen, Mazedonien, Nigeria, Pakistan, Polen, Portugal, Rumänien, Russische Föderation, Serbien, Slowakei, Slowenien, Somalia, Spanien, Syrien, Tschechische Republik, Türkei, Ukraine und Ungarn), ein positiver Zuwachs von sozialversicherungspflichtig Beschäftigten vermerkt.

Anders gesagt: 2016 sind mehr Ausländer in Arbeit als ein Jahr zuvor, unabhängig davon, woher sie kommen.

Der Trick mit dem Weglassen der halben Wahrheit hat bei Dirk Hoeren übrigens System, im vergangenen Oktober hat er ihn schon einmal angewendet. Damals ging es um die “Zahl der Hartz-IV-Empfänger aus Asyl-Ländern”. Das gleiche Schema: Hoeren schreibt über die steigenden Zahlen der sogenannten “Leistungsempfänger im SGB II” und erwähnt die steigende Zahl an sozialversicherungspflichtig Beschäftigten aus “Asyl-Ländern” mit keinem Wort. Das kann man so machen — ist dann aber einseitig.

Bitte nicht falsch verstehen: Wenn die Zahl der ausländischen Hartz-IV-Empfänger steigt, dann kann und soll man darüber berichten. Wenn man dabei aber den anderen Teil der Geschichte weglässt und ein undifferenziertes Bild zeichnet, nützt das am Ende vor allem einer Gruppe — den Rechtspopulisten, die ihrer Gefolgschaft einen neuen Aufreger für den nächsten Stammtisch liefern können:

Mit gefälschten Tweets zum Schweinsteiger-Wechsel

Per Eilmeldung ging die Nachricht heute an viele Smartphones in Deutschland: Bastian Schweinsteiger, bei der Europameisterschaft in Frankreich noch Kapitän der Deutschen Nationalmannschaft, beendet seine Karriere in der DFB-Elf. Fast zeitgleich kamen Gerüchte auf, dass bei seinem aktuellen Verein Manchester United bald ebenfalls Schluss sei, weil der neue Trainer José Mourinho nicht weiter mit Schweinsteiger plane.

Genau das richtige Material für Bild.de-Spekulationen:

Die Sportredaktion hat auch schon ein paar Ideen:

Englische Medien berichten, dass Fenerbahce Istanbul Interesse haben soll.

Oder geht Schweini in die Stadt der Liebe? Vor Wochen, also noch vor dem angeblichen United-Rauswurf, gab es bereits Gerüchte um Paris Saint-Germain.

Klassisch ein Wechsel in die USA. In der MLS könnte Schweini trotz schwindender Geschwindigkeit noch sportlich dominieren.

Oder vielleicht nach Botswana? Oder in die oberste kirgisische Liga? Wenn man nur lange genug rät, wird schon ein Treffer dabei sein.

Besonders angetan sind die Leute von Bild.de aber von dem Gedanken an einen möglichen Schweinsteiger-Wechsel zu einem Bundesliga-Verein:

Seit Wochen hält sich das Comeback-Gerücht um Schweini vor allem im Ruhrpott: Ist Schalke am Helden von Rio dran?

Tatsächlich soll es diese Schalke-Gerüchte geben. Nun ist ein Wechsel von Bastian Schweinsteiger nach Gelsenkirchen erstmal recht unwahrscheinlich, Bild.de hat aber zwei Hinweise gefunden, die das Ganze untermauern sollen:

Schon Anfang Juni tauchte ein Tweet auf, in dem die Verpflichtung als fix gemeldet wurde. Angeblicher Absender: der offizielle Schalke-Account. Aktuell wird Schweini schon im Schalke-Kader geführt.

Das Portal stützt sich bei dieser Aussage auf zwei Tweets des Twitter-Nutzers @Pilzeintopf, der zu seinem Lieblingsklub FC Schalke 04 und Fußball im Allgemeinen auch bloggt. Anfang Juni twitterte er ein Foto eines vermeintlich offiziellen Schalke-Tweets:

Und heute dann:

Mit ordentlich funktionierenden Augen und zweieinhalb Sekunden Hinschauen kann man sehen, dass mit der Kaderliste was nicht stimmt. Da wäre zum Beispiel die völlig andere Schriftgröße und Schriftfarbe bei Bastian Schweinsteiger. Oder der merkwürdige weiße Balken hinter Schweinsteigers Namen und seinem Geburtsdatum. Oder dass Schalke 04 Mittelfeldspieler Schweinsteiger in der Abwehr eingeordnet haben soll.

Um herauszufinden, dass es sich um eine billige Fälschung handelt, hätte man auch auf die Schalke-Website gehen, dort die richtige Kaderliste aufrufen und herausfinden können, dass die Nummer 28 bereits an den Nachwuchsspieler Joshua Bitter vergeben ist:

All das war Bild.de aber offensichtlich zu umständlich.

Bei dem Foto des angeblich offiziellen Schalke-Tweets aus dem Juni ist die Sache schon etwas kniffliger, die Fälschung deutlich besser. @Pilzeintopf bestätigte uns allerdings auf Nachfrage, dass es sich ebenfalls um einen Fake handelt und der FC Schalke 04 nie über seinen offiziellen Twitter-Account einen Wechsel von Bastian Schweinsteiger vermeldet hat.

Die mit Fake-Tweets gefüllte “Schweini”-Gerüchteküche von Bild.de ist übrigens ein “Bild-plus”-Artikel. Da zahlt man doch gerne.

Mit Dank an @Pilzeintopf und @TypischerTyp für die Hinweise!

Körperbeschimpfung, Salafistenrazzia, Olympia-Maulkorb

1. Körperbeschimpfung als Kampfmittel
(zeit.de, Catherine Newmark)
Frauen, die sich öffentlich äußern, schlägt viel Hass entgegen. Doch warum werde gerade jetzt das Klischee der hässlichen Emanze wiederbelebt, fragt Kulturjournalistin Catherine Newmark in der “Zeit”. Newmark greift Vorgänge aus der unmittelbaren Vergangenheit auf wie den Disput zwischen den Autoren Stefanie Sargnagel und Thomas Glavinic und schließt zum Ende hin mit “…es wäre von Vorteil, sich wieder mal klar zu machen, dass Feminismus und Genderforschung keine überflüssigen Hobbys gebildeter Frauen sind oder gar ein ideologischen Verblendungszusammenhang, der weltverschwörerisch an der Natur vorbeizuregieren sucht.”

2. Brexit: So haben die Zeitungen in Europa berichtet
(de.ejo-online.eu)
Das Team des “European Journalism Observatory” hat in einer aufwändigen Untersuchung die Brexit-Berichterstattung von jeweils drei Zeitungen aus elf europäischen Ländern, Russland und den USA unter die Lupe genommen. Das Ergebnis: Die Zeitungen hätten mit einer überwältigenden Mehrheit negativ über die Entscheidung Großbritanniens, die Europäische Union zu verlassen, berichtet.

3. Salafisten gewarnt? NP weist Vorwurf zurück
(ndr.de)
Hat die Zeitung “Neue Presse” aus Hannover beim “Deutschsprachigen Islamkreis Hildesheim” (DIK) angerufen und diesen vor einer geplanten Razzia gewarnt, wie Niedersachsen Innenministers Boris Pistorius zunächst behauptete? Die “Neue Presse” weist den Vorwurf als “falsche Anschuldigung” zurück. Der “NDR” hat über die zu Grunde liegende Thematik berichtet und mit den zuständigen Stellen gesprochen.

4. Hochkonjunktur fürs E-Paper
(rnd-news.de, Ulrike Simon)
RND-Kolumnistin Ulrike Simon wundert sich, warum bestimmte Zeitungen ihre E-Paper nur über relativ kurze Zeiträume für ihre Abonnenten bereithalten. Bei der „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“ würden sich die digitalen Ausgaben bis maximal drei Wochen nach Erscheinen abrufen lassen, bei der „SZ“, „FAZ“, „Abendblatt“ und „Berliner Morgenpost“ sogar nur sieben Tage. Simon hat sich mit den Verantwortlichen unterhalten, die zunächst gute Gründe dafür anführen. Doch die Lage sieht wohl etwas anders aus, wie sich später herausstellt.

5. Nachrichten in Zeiten der Aufregung
(deutschlandfunk.de, Marco Bertolaso)
Der Leiter der Deutschlandfunk-Nachrichten Marco Bertolaso überlegt, wie eine Nachrichtenredaktion heutzutage mit Situationen wie dem Münchner Amoklauf umgehen kann. Es ist ein Spagat aus Eilmeldungen, Echtzeitberichterstattung und journalistischer Gründlichkeit, den Bertolaso beschreibt: “Wir müssen dem Druck der Eilmeldung widerstehen. Wir melden, was wir für bestätigt halten. Diese alte passive Tugend reicht aber alleine nicht mehr. Wir müssen uns auch aktiv daran beteiligen, Gerüchte und Unterstellungen einzufangen, bevor sie politisch-gesellschaftliche oder andere Folgen haben.”

6. Social-Media-Maulkorb: Unerlaubte Worte, Hashtags und Re-Tweets bei den Olympischen Spielen
(netzpolitik.org, Markus Reuter)
Bald finden die Olympischen Spiele in Rio statt. Das Internationale Olympische Komitees (IOC) hat ein Regelwerk zur Berichterstattung veröffentlicht, das “Netzpolitik”-Autor Markus Reuter zu Recht als “Social-Media-Maulkorb” bezeichnet. Der hyperaktive Markenschutz des IOCs könne das Spektakel in Rio zu einer Abmahnfalle machen. Wer mit einem Unternehmensaccount etwas über die Olympischen Spiele in sozialen Medien postet, begebe sich auf ein juristisches Minenfeld. Markus Reuter hat am Ende seines Beitrags eine kleine “olympische Übung” zusammengestellt und fragt im Rahmen eines Tests bei einigen denkbaren Konstellationen, ob erlaubt oder verboten. Ein Stück Realsatire, über das man herzhaft lachen könnte, wenn es nicht so bitter wäre.

Der Sparkassenazubi und sein Newsletter


(Screenshot: BILDblog, Rahmen: Theen Moy)

“’Bild’ ist ein Gesamtkunstwerk”, sagte der Medienwissenschaftler Norbert Bolz vor Jahren. Doch während “Bild”-Texte und -Überschriften schon einige literarkritische Behandlung erfahren haben, steckt die kunstwissenschaftliche Würdigung der “Bild”-Bilder noch in den Kinderschuhen. Die Kolumne “Bildbetrachtung” soll hier nachbessern.

Die Renaissance war eine Zeit der Entdeckungen, auch auf dem Gebiet der Kunst. Zentralperspektive, Fluchtpunkte, echtes 3-D ohne Brille — all diese Techniken revolutionierten das uralte Handwerk der Bildermalerei. In Florenz entdeckten Forscher den Humanismus, in Mailand die Homosexualität.

All diese Traditionen aufgreifend, jedoch durch die postmoderne Technik der bricolage ins Postmoderne transzendierend, steht die Foto-Collage “Abonnier’ mir” (unbekannter Photoshop-Meister, ca. 2015), veröffentlicht von dem Auktionshaus Bild.de. Das Gemälde ist derzeit noch ohne “Bild-plus”-Zugang erreichbar.

Leo Fischer hat mit seinen 34 Jahren bereits alles erreicht: Als Chefredakteur der “Titanic” wurde er vom Papst verklagt, ein CSUler wollte ihm “die Lizenz zum Schreiben” entziehen, als Politiker holt er regelmäßig unter 0,1 Prozent der Stimmen. Aktuell schreibt Fischer für die “Titanic”, die “Jungle World”, “Neues Deutschland” und die “taz”. Fürs BILDblog untersucht er die Bildsprache der “Bild”-Zeitung.
(Foto: Tom Hintner)

Im Vordergrund steht ein Porträt, Fachleute sprechen hier von einem “Freisteller”, der sogenannten “Fresse”. Dezent vor ein impressionistisches Wischiwaschi gesetzt, blickt uns der Bild.de-Chef interessiert und leicht erschöpft, ja gewissermaßen schon erledigt aus dem rechten Auge an, während das linke, odinsgleich geblendet oder schon von grünem Star gezeichnet, seltsam leblos nach innen sieht. Um den harten Mund des Jünglings steht eine zarte orangene Linie, evtl. von einer übereilt verzehrten Tomatensuppe herrührend. Das Dekolleté zeigt ins Ungewisse und bildet mit der rechten Geheimratsecke ein Parallelogramm; die linke Schulter ist leicht verschmiert.

Gibt schon dieses Porträtwerk Rätsel auf, irritiert seine Wiederverwendung im Bild umso mehr. Wie in einer Matroschka-Puppe steckt in dem Julian immer schon ein kleinerer Julian, der mit Piepsstimme die Abonnier-Bettelei seines großen Bruders wiederholt, und in diesem Piepmatz wiederum ein noch kleinerer Nano-Juli, und immer so weiter. Diese mise-en-abîme, “Sturz in den Abgrund”, genannte Technik war in früheren Epochen geeignet, die Omnipräsenz Gottes im Großen wie im Kleinen zu visualisieren — in einem gottlosen Universum finden wir jedoch überall nur Herrn Reichelt und seine Brustbehaarung. Wie in der Pop-Art werden auch hier Textfragmente durch Wiederholung ihrer Bedeutung beraubt; die Begriffe “Reichelt”, “Newsletter” und “Top 7” werden dem Betrachter so renitent ins Hirn gerammt, daß sich jeder Sinn, ja das Vertrauen in Sprache selbst verflüchtigt.

Was aber will der Künstler uns damit sagen? Man könnte meinen, hier habe ein Grafiker das überbordende Ego seines evtl. sogar jüngeren Chefs subtil in Frage zu stellen gesucht. Aber jenseits einer solch platt politischen Deutung erzeugt die schneckenhausartige Konstruktion des Bildes ein Gefühl tiefer seelischer Verkommen- und Verlorenheit, die über seinen tagesaktuellen Gehalt hinausreicht, und verweist auf ein allgemein-menschliches, in der Tradition antiker Herrschaftskritik stehendes memento mori, welches das leicht verzweifelte Antlitz des Burschen in die Tradition der großen Existenzialisten stellt.

Und wirklich: Konnte man dem lebensfrohen Kai Diekmann wenigstens noch abnehmen, an seinen Leichen- und Tittenfotos höchstpersönliche Befriedigung zu finden, also wenigstens ästhetisch hinter seinem Treiben zu stehen bzw. stehen zu haben, konfrontiert uns dieses “Bild”-Bild mit einem blutleeren Vertreter einer “lost generation” — ein postmoderner Anti-Held mit dem Charme eines Sparkassenazubis nach der zweiten Überstunde; ein Gott der kleinen Dinge, überfordert schon von der Frage, ob er Bild.de nun eher pro oder kontra Ausländerklatschen ausrichten soll. Wir alle finden uns in diesem Bild wieder, wir alle haben an Reichelts leicht gelüpftem Busen Platz. Vielleicht finden wir an ihm sogar Trost.

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