Der Sparkassenazubi und sein Newsletter


(Screenshot: BILDblog, Rahmen: Theen Moy)

“’Bild‘ ist ein Gesamtkunstwerk”, sagte der Medienwissenschaftler Norbert Bolz vor Jahren. Doch während „Bild“-Texte und -Überschriften schon einige literarkritische Behandlung erfahren haben, steckt die kunstwissenschaftliche Würdigung der „Bild“-Bilder noch in den Kinderschuhen. Die Kolumne „Bildbetrachtung“ soll hier nachbessern.

Die Renaissance war eine Zeit der Entdeckungen, auch auf dem Gebiet der Kunst. Zentralperspektive, Fluchtpunkte, echtes 3-D ohne Brille — all diese Techniken revolutionierten das uralte Handwerk der Bildermalerei. In Florenz entdeckten Forscher den Humanismus, in Mailand die Homosexualität.

All diese Traditionen aufgreifend, jedoch durch die postmoderne Technik der bricolage ins Postmoderne transzendierend, steht die Foto-Collage „Abonnier‘ mir“ (unbekannter Photoshop-Meister, ca. 2015), veröffentlicht von dem Auktionshaus Bild.de. Das Gemälde ist derzeit noch ohne „Bild-plus“-Zugang erreichbar.

Leo Fischer hat mit seinen 34 Jahren bereits alles erreicht: Als Chefredakteur der „Titanic“ wurde er vom Papst verklagt, ein CSUler wollte ihm „die Lizenz zum Schreiben“ entziehen, als Politiker holt er regelmäßig unter 0,1 Prozent der Stimmen. Aktuell schreibt Fischer für die „Titanic“, die „Jungle World“, „Neues Deutschland“ und die „taz“. Fürs BILDblog untersucht er die Bildsprache der „Bild“-Zeitung.
(Foto: Tom Hintner)

Im Vordergrund steht ein Porträt, Fachleute sprechen hier von einem „Freisteller“, der sogenannten „Fresse“. Dezent vor ein impressionistisches Wischiwaschi gesetzt, blickt uns der Bild.de-Chef interessiert und leicht erschöpft, ja gewissermaßen schon erledigt aus dem rechten Auge an, während das linke, odinsgleich geblendet oder schon von grünem Star gezeichnet, seltsam leblos nach innen sieht. Um den harten Mund des Jünglings steht eine zarte orangene Linie, evtl. von einer übereilt verzehrten Tomatensuppe herrührend. Das Dekolleté zeigt ins Ungewisse und bildet mit der rechten Geheimratsecke ein Parallelogramm; die linke Schulter ist leicht verschmiert.

Gibt schon dieses Porträtwerk Rätsel auf, irritiert seine Wiederverwendung im Bild umso mehr. Wie in einer Matroschka-Puppe steckt in dem Julian immer schon ein kleinerer Julian, der mit Piepsstimme die Abonnier-Bettelei seines großen Bruders wiederholt, und in diesem Piepmatz wiederum ein noch kleinerer Nano-Juli, und immer so weiter. Diese mise-en-abîme, „Sturz in den Abgrund“, genannte Technik war in früheren Epochen geeignet, die Omnipräsenz Gottes im Großen wie im Kleinen zu visualisieren — in einem gottlosen Universum finden wir jedoch überall nur Herrn Reichelt und seine Brustbehaarung. Wie in der Pop-Art werden auch hier Textfragmente durch Wiederholung ihrer Bedeutung beraubt; die Begriffe „Reichelt“, „Newsletter“ und „Top 7“ werden dem Betrachter so renitent ins Hirn gerammt, daß sich jeder Sinn, ja das Vertrauen in Sprache selbst verflüchtigt.

Was aber will der Künstler uns damit sagen? Man könnte meinen, hier habe ein Grafiker das überbordende Ego seines evtl. sogar jüngeren Chefs subtil in Frage zu stellen gesucht. Aber jenseits einer solch platt politischen Deutung erzeugt die schneckenhausartige Konstruktion des Bildes ein Gefühl tiefer seelischer Verkommen- und Verlorenheit, die über seinen tagesaktuellen Gehalt hinausreicht, und verweist auf ein allgemein-menschliches, in der Tradition antiker Herrschaftskritik stehendes memento mori, welches das leicht verzweifelte Antlitz des Burschen in die Tradition der großen Existenzialisten stellt.

Und wirklich: Konnte man dem lebensfrohen Kai Diekmann wenigstens noch abnehmen, an seinen Leichen- und Tittenfotos höchstpersönliche Befriedigung zu finden, also wenigstens ästhetisch hinter seinem Treiben zu stehen bzw. stehen zu haben, konfrontiert uns dieses „Bild“-Bild mit einem blutleeren Vertreter einer “lost generation” — ein postmoderner Anti-Held mit dem Charme eines Sparkassenazubis nach der zweiten Überstunde; ein Gott der kleinen Dinge, überfordert schon von der Frage, ob er Bild.de nun eher pro oder kontra Ausländerklatschen ausrichten soll. Wir alle finden uns in diesem Bild wieder, wir alle haben an Reichelts leicht gelüpftem Busen Platz. Vielleicht finden wir an ihm sogar Trost.