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Compactgepfändet, Baby-Hitler, Graslutscher vs. Veganerfresser

1. Richard Gutjahr pfändet Compact-online.de
(golem.de)
Der Journalist Richard Gutjahr hat wegen ausstehender Kosten für eine einstweilige Verfügung die „gegnerische“ Domain Compact-online.de pfänden lassen. Hintergrund: Das umstrittene Online-Magazin hatte im vergangenen Jahr wahrheitswidrig behauptet, dass Gutjahr von dem Anschlag in Nizza und dem Amoklauf in München vorab gewusst habe. (Zum Hintergrund: In “Unter Beschuss” berichtet Gutjahr über seine Erfahrungen als Ziel- und Hassobjekt von Verschwörungstheoretikern und Hasskommentierern)
Nachtrag: Wie Gutjahrs Anwalt mitteilt, habe der Verlag gestern nachmittag “sehr eilig” bezahlt.

2. Wie der Deutschlandfunk 6 Absätze mit 6 fragwürdigen Falschbehauptungen veröffentlichte
(graslutscher.de, Jan Hegenberg)
Der sich zur veganen Szene zählende „Graslutscher“ ist ein Fan des „Deutschlandfunks“ und hat sich deshalb besonders über einen Beitrag des „Veganerfressers“ („FAZ“) Udo Pollmer geärgert, den „Deutschlandfunk Kultur“ am 19.01.2018 veröffentlichte. Der Text sei eine Aneinanderreihung von Fehlern und Falschbehauptungen, ein „in allen Belangen mangelhafter, geradezu unterirdischer Beitrag, in dem ein Autor offenbar seinen persönlichen Feldzug gegen Veganerinnen auslebt, dessen Ausführungen in der Redaktion vor Veröffentlichung zudem offenbar nicht im Ansatz geprüft werden, obwohl dort eigentlich bekannt sein müsste, wie manipulativ dieser das Thema in eigenen Publikationen behandelt.

3. Drei mal Medienkritik – drei verschiedene Reaktionen
(ennolenze.de)
Enno Lenze ist laut Eigenbeschreibung ehrenamtlicher Kriegsberichterstatter, Fotograf, Weltenbummler und politischer Aktivist. In diesen Funktionen kommt er viel in der Welt herum, auch in Krisenregionen, in die sich sonst nur wenige wagen. Was er dort erlebt, kann schon mal von dem abweichen, was hier in den Medien berichtet wird. In seinem Blog beschreibt Lenze anhand von drei Beispielen, wie Medien reagieren, wenn er sie auf Fehler hinweist.

4. Facebook will mit 10.000 neuen Mitarbeitern gegen Hetze vorgehen
(zeit.de)
Facebook-Chefin Sheryl Sandberg hat neue Maßnahmen gegen Online-Hass angekündigt: Bis zum Jahresende wolle man die Zahl der damit befassten Mitarbeiter verdoppeln. Von 10.000 Neueinstellungen ist die Rede. Außerdem wolle man den Nutzern mehr Kontrollmöglichkeiten geben und endlich dort Steuern zahlen, wo sie lokal anfallen. Facebook gehe auf Bedenken ein: “Wichtiger als alles andere ist: Wir wollen das Richtige tun“. Nun denn, warten wir es ab…

5. “Baby-Hitler töten!”: “Titanic” nach Kurz-Satire im Visier der Justiz
(derstandard.at, Oliver Mark)
Die „Titanic“ hat ein Bild des österreichischen Bundeskanzlers Sebastian Kurz verbreitet, versehen mit einem Fadenkreuz und der Aufschrift „Baby-Hitler töten!“. Das rief in Österreich das Landesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung auf den Plan. Der Vorgang landete bei der Staatsanwaltschaft Wien, die wiederum die Kollegen in Berlin um Übernahme der Strafverfolgung ersucht hat. Nach Aussagen von Fachanwälten brauchen sich die Titanicler jedoch keine Sorgen machen. Die Fotomontage müsse im “satirischen Kontext” bewertet werden. Titanic-Chef Tim Wolff gibt sich eh unerschrocken: “Solange die linksgrün-versiffte Political-Correctness-Diktatur des Merkel-Regimes in Deutschland herrscht, haben wir vor frühreifen Baby-Hitlern keine Angst.”

6. Don Alphonso fotografiert jetzt für die FAZ Schwarze im Görlitzer Park. #Berlin
(facebook.com/uebermedien)
Der „FAZ“-Autor „Don Alphonso“, der in der „Welt“ jüngst als „Galionsfigur der Provokationsindustrie“ bezeichnet wurde, fotografiert in Berlin Schwarze und veröffentlicht die Bilder auf seinem “FAZ”-Twitter-Account. Weiterer Lesetipp: Maas fördert doch keine Terrorverharmlosung bei der „Zeit“ über die falschen Behauptungen des Don Alphonso, die von der “FAZ” öffentlich korrigiert werden mussten.

Geschürter Medienhass, No-Billag, Milchbubis und aufgeregte Mädchen

1. Aufstachelung zum Medienhass
(rbb24.de, Torsten Mandalka)
Am Samstag demonstrierten rund 1.000 Teilnehmer in Cottbus gegen Flüchtlinge. Dabei machte sich auch rechte Hetze gegen Journalisten breit. Für die anwesenden Reporter des „rbb“ eine bedrohliche Situation. Die Wortführer auf der Bühne (u.a. der stellvertretende AfD-Landesvorsitzende) stachelten die Menge auf, nannten einen Journalisten namentlich und erwähnten dessen Anwesenheit. Gleichzeitig gab man sich besorgt um die Sicherheit der Medienvertreter. Torsten Mandalka kommentiert: „Die Scheinheiligkeit ist das eine – die Aufstachelung zum Medienhass das andere. Journalisten – besonders die vom rbb – werden hier zum Freiwild gemacht für den militanten Arm der rechten Szene. Damit ist klar, was uns blühen soll, wenn diese Kräfte die Macht ergreifen: dasselbe wie den Flüchtlingen.“

2. Die 7 Gründe für ein NEIN zur No-Billag-Initiative
(infosperber.ch, Christian Müller)
In der Schweiz will eine Volksinitiative („No Billag“) die Radio- und Fernsehgebühren abschaffen. Die Betreiber der Initiative argumentieren unter anderem mit der Aussicht auf einen nach ihrer Ansicht faireren Wettbewerb und einer grösseren Medienvielfalt. Nur noch wenige Wochen und das Land stimmt darüber ab. Christian Müller erklärt in sieben Punkten, warum er die No-Billag-Initiative für einen „Angriff auf das Erfolgsmodell Schweiz“ hält.

3. „Krone“ verdoppelt Anteil der kriminellen Asylwerber
(kobuk.at, Katharina Grübl)
In einem Bericht der österreichischen „Krone“ wurde behauptet, dass beinahe jeder Zweite der kriminell gewordenen Ausländer ein Asylwerber sei. Die Zahl stamme aus dem aktuellen Sicherheitsbericht. „Kobuk“ erklärt, warum die Behauptung der „Krone“ Unsinn ist.

4. “Wir können abfeiern, was kommt”
(deutschlandfunk.de, Isabelle Klein, Audio, 7:48 Minuten)
Der „Deutschlandfunk“ hat sich mit Marcus von Jordan unterhalten, dem Gründer von „Piqd“. In der „Programmzeitung fürs Netz“ geben Experten Linktipps zu ihren Lieblingsartikeln. Das Netz sei nach wie vor “voll von erstklassigen Inhalten, die man umsonst konsumieren kann”, so “Piqd“-Chef von Jordan. Selbst produziere man keine Inhalte, sondern helfe dabei, den Überblick zu wahren: “Wir können abfeiern, was kommt.“ Außerdem bezieht er Stellung zu Facebooks Ansatz, künftig seine User über die Glaubwürdigkeit von Inhalten entscheiden zu lassen.

5. “Ein Polizist, der Gewalt anwendet, macht sich nicht automatisch strafbar”
(spiegel.de, Ansgar Siemens)
Der „Spiegel“ hat mit dem Hamburger Generalstaatsanwalt Jörg Fröhlich gesprochen, der die Ermittlungen zu den G20-Ausschreitungen leitet. Er äußert sich auch zum Fall der von der „Bild“ als „Krawall-Barbie“ stigmatisierten Minderjährigen. Man würde bei der Öffentlichkeitsfahndung darauf vertrauen, dass mit entsprechend hoher Verantwortung nur die Fahndung als solche betrieben werde, ohne einzelne Personen zusätzlich an den Pranger zu stellen. Darauf hätte man jedoch keinen Einfluss: „Wir können leider auch nicht verhindern, dass Redaktionen eigenständig Bilder ohne vorherigen Gerichtsbeschluss veröffentlichen. Sollte ein geordnetes Vorgehen nicht möglich sein, müssten wir künftig überlegen, Verfahren aus Gründen der Verhältnismäßigkeit ohne Fahndungsaufruf einzustellen. Damit wäre der Strafverfolgung ein Bärendienst erwiesen.“

6. Warum werden junge Politiker verniedlicht?
(deutschlandfunkkultur.de, Christoph Sterz & Max Oppel)
Der Juso-Bundesvorsitzender Kevin Kühnert (28) wird von manchen Medien wie ein kleiner Junge behandelt, die Juso-Vorsitzende Annika Klose (25) wird vom Chefredakteur der “Welt am Sonntag” auf Twitter als „aufgeregtes Mädchen“ bezeichnet. Warum dieser respektlose Umgang? Der Medienjournalist Christoph Sterz tippt zumindest bei Letzterem auf einen Fall von Ignoranz: “Es ist schon so, dass nicht mal verstanden wird, dass es da eine Herabwürdigung gibt.“

“Meinungspolizei” Facebook, Quotensterben, Modus Poschardt

1. NetzDG: Facebook will keine Meinungspolizei sein
(heise.de, Monika Ermert)
In München findet seit Samstag die von „Burda“ veranstaltete DLD-Konferenz statt („Europe’s hottest digital innovation conference“). Einer der bisherigen Sprecher ist Facebooks Vizechef Elliot Schrage, der gegen das Netzwerkdurchsetzungsgesetz wetterte. Es ging aber auch um die von Unternehmensschef Zuckerberg angekündigten neuen Maßnahmen zur Identifizierung von Fake News durch Auswertung von Nutzerreaktionen. Dazu auch: Nutzer sollen bewerten, welchen Medien sie vertrauen (“Zeit Online”)
Weiterer Lesetipp: NetzDG: Facebook sperrt Karikaturisten Schwarwel (Hartmut Gieselmann auf heise.de)

2. Gerhard Schröders Liebesfotos aus Seoul
(tagesspiegel.de, Ariane Bemmer)
Altkanzler Gerhard Schröder hat sich mit seiner koreanischen Freundin in der „Bunten“ großformatig und photoshopgeschönt ablichten lassen. Bei derartigen Inszenierungen sei die Grenze zwischen Offenheit und Exhibitionismus dünn und das Absturzrisiko hoch, wie Ariane Bemmer im „Tagesspiegel“ ausführt.

3. Der Tag, an dem die Quote starb
(sueddeutsche.de, Friedemann Fromm)
Der Regisseur und Drehbuchautor Friedemann Fromm kritisiert in einem Gastbeitrag in der „SZ“ das Quotendenken der Sender. Ein Verschwinden der Quote „würde dazu führen, dass man sich in den Produktionen und Redaktionen wieder ausschließlich mit dem Inhalt und seiner Umsetzung auseinandersetzen muss, ohne ihn im Vorfeld durch das Schlüsselloch der Quote zu schlagen. Dass man Gedankenleere nicht mehr mit “Aber es bringt Quote” tarnen kann. Dass Stoffe nicht schon im Vorfeld mit dem Spaten der Quote beerdigt werden. Wir müssten inhaltlich miteinander um den bestmöglichen Film ringen anstatt kommerziell um die beste Quote. Gute Quoten führen schnell zu einem bequemen “Weiter so”, schlechte Quoten zu einem fatalistischen “Das will das Publikum halt nicht sehen”.

4. Ulf Poschardt, der Dompteur
(taz.de, Uli Hannemann)
Dem “Welt”-Chefredakteur Ulf Poschardt geht es bei seinen umstrittenen Äußerungen über Weihnachtspredigten und Tempolimits nicht um die Sache, findet Uli Hannemann in der „taz“. Es sei vielmehr ein Feldversuch, das Zielpublikum zu triggern: „Ärgern sollen sie sich, Aufmerksamkeit sollen sie ihm schenken, zitieren sollen sie ihn, die Arschlöcher. Und all das wegen einem durchschaubaren und lächerlichen Nichts. Besonders die kleinen Kläffer von der taz dürften vorhersehbar ausrasten. Spinner, Radfahrer, Eisenbahnfreaks. Der kluge, schöne und schnelle Poschardt lacht verschmitzt. Er ist einfach der Größte.“

5. Audible: Hörbücher mit Journalismus?
(wdr.de, Daniel Bouhs, Audio, 4:23 Minuten)
Amazon-Tochter „Audible“ drängt mit Macht ins Podcast-Geschäft. Mit 22 Podcasts ist man unlängst gestartet. Jeden Monat sollen zwei neue dazu kommen, die dann jeweils wöchentlich erscheinen. Daniel Bouhs hat mit Paul Huizing gesprochen, der das Podcast-Geschäft von Audible Deutschland leitet. Zu Wort kommt außerdem „Radioeins“-Programmchef Robert Skuppin, dem mit Olli Schulz und Jan Böhmermann schon mal zwei prominente Podcaster von einem Streamingdienst abgeworben wurden.

6. Stillstand mit Quote
(siegstyle.de, Alf Frommer)
Alf Frommer erzählt davon, wie er vor einigen Jahren für eine kurze Zeit an der Konzeption von Fernsehsendungen mitgewirkt hat. Die Arbeit hätte im Wesentlichen daraus bestanden, erfolgreiche Sendungen aus anderen Ländern so umzuschreiben, dass keine Lizenz-Gebühren fällig wurden. Derart vorbelastet empfindet er bei den aktuellen Trash-Formaten eine besondere Tristesse: „Ich kann den Dschungel nicht mehr schauen. Nicht wegen Unterschichten-Fernsehen oder Ekel-Gründen. Es ist schlicht megalangweilig. Es passiert nichts, es entwickelt sich nichts und es unterhält mich auch nicht mehr. Vielleicht ist das Dschungelcamp das wirklich letzte Lagerfeuer der Nation – wenn nicht das dumme Blondinchen aus Trash-Format XY auch dieses bei der Nachtwache ausgehen lässt. Weil sie ihr Naildesign überarbeiten musste.“

Abzockverlag mit Fake-Magazinen, Auflagenschwund, Regenbogenpresse

1. So zockte eine Familie reihenweise Konzerne ab
(sueddeutsche.de, Leo Klimm & Alexander Mühlauer)
Von einer schier unglaublichen Geschichte berichtet die „Süddeutsche“: Eine französische Familie soll über viele Jahre namhafte Anzeigenkunden mit Fake-Magazinen geneppt haben. “Das Krankenhaus-Register”, “Technik-Revue der Verteidigungs-Ausrüster” oder “Das Nuklear-Magazin” hießen die Zeitschriften, denen man Auflagen von bis zu 48.500 andichtete. In Wahrheit druckte man jedoch nur einige wenige Exemplare, die für die Anzeigenkunden bestimmt waren. Die mehr oder weniger journalistischen Beiträge in den Magazinen seien “aus dem Internet kopiert” worden. Als Herausgeber der Zeitschriften fungierten Gewerkschaftler, die Beschäftigte französischer Ministerien, Behörden oder der französischen Bahn SNCF vertreten und die man mit ein paar tausend Euro im Jahr abspeiste. Der Fake-Verlag muss riesige Gewinne abgeworfen haben: Noch nach seiner vorübergehenden Festnahme sei es dem Clan-Chef gelungen, mehr als fünf Millionen Euro in ein Steuerparadies zu verschieben.

2. Selbst Nackte auf dem Cover retten IVW-Bilanz nicht mehr
(wuv.de, Petra Schwegler)
Petra Schwegler kommentiert die Print-Auflagenzahlen des letzten Quartals. Die Kurve gehe weiter nach unten. Bei einigen Titeln sogar dramatisch wie beim „Stern“, der ein Minus von 15 Prozent an verkaufter Auflage hinnehmen musste. Aber auch „Bild“, „Focus“ und „Spiegel“ zählen zu den Verlierern.

3. Wolfgang M. Schmitt im Gespräch (1)
(moviebreak.de)
Auf seinem YouTube-Kanal „Die Filmanalyse“ beleuchtet Wolfgang M. Schmitt aktuelle Großproduktionen und Kinoklassiker und bedient sich dabei der „ideologiekritischen Analyse“. Fast 15.000 Abonnenten schauen sich Woche für Woche an wie Schmitt beispielsweise Produktionen wie „Fack Ju Göthe 3“ zerlegt (den Schmitt übrigens für einen reaktionären und zynischen Film hält). Im auf vier Webseiten verteilten Interview spricht er von seiner Tätigkeit als Kritiker und seinem Verständnis von Filmen

4. Audio ist der Text der mobilen Generation
(zeitgeist.rp-online.de, Michael Bröcker)
Michael Bröcker, Chefredakteur der „Rheinischen Post“, berichtet über Audio als neuen Trend im Journalismus. Bei der Rheinischen Post setze man auf den Amazon-Assistenten „Alexa“ und demnächst Spotify. Außerdem habe man gleich vier Podcast-Formate pro Woche am Start. Das erfolgreichste Format sei der morgendliche Nachrichtenüberblick um sieben Uhr, mit dem man die Pendler erreiche.

5. Native Advertising – eine Mogelpackung
(de.ejo-online.eu, Georgia Ertz)
Gleich zwei Studien haben sich mit „Native Advertising“ beschäftigt, einer Werbeform, die sich als redaktioneller Inhalt tarnt. Die Ergebnisse sind ernüchternd: Trotz entsprechender Warnhinweise würden die meisten Mediennutzer Native Advertising nicht erkennen, wenn sie es sehen: „Beide Studien zeigen, dass Native Advertising somit ein Täuschungsmanöver bleibt, das vermutlich vor allem der Glaubwürdigkeit des Journalismus und der Medienunternehmen schadet.“

6. Elton trennt Barbara Schöneberger von ihrem Glück
(uebermedien.de, Mats Schönauer)
Haben Sie das Zeug zum Regenbogenredakteur? Finden Sie es heraus! Mats Schönauer vom „Topf voll Gold“ gibt Ihnen eine Nachricht, und Sie versuchen, eine angemessene Knallschlagzeile daraus zu basteln. Sie müssen sich jedoch anstrengen: Die Lügenbarone von der Regenbogenpresse haben Ihnen einiges an Berufserfahrung, Unverschämtheit und Skrupellosigkeit voraus.

YouTube-Geldpolitik, Leif-Nachruf, Le Pens Fälscherfront

1. Die Großen werden kontrolliert, die Kleinen aussortiert
(zeit.de, Eike Kühl)
YouTube ändert das Partner- und Vermarktungsprogramm. Zukünftig sind 1.000 Abonnenten und eine Wiedergabezeit von 4.000 Stunden innerhalb des vergangenen Jahres notwendig, um Werbepartner zu werden. Vor allem für die kleineren Kanäle und Neueinsteiger wird es damit schwieriger, auf YouTube Geld zu verdienen.

2. Sie nannten ihn „Professor“
(taz.de, Steffen Grimberg)
Der TV-Journalist Thomas Leif hat in seinem Leben vieles bewegt. Er war jahrzehntelang SWR-Chefreporter, moderierte Veranstaltungen und zählt zu den Mitgründern des „Netzwerk Recherche“. Ende Dezember ist er gestorben. Die „taz“ widmet ihm einen differenzierten und liebevollen Nachruf.

3. Konstruktiver Journalismus revisited
(medienblog.hypotheses.org, Uwe Krüger)
In einem Gastbeitrag fragt Journalist und Medienwissenschaftler Uwe Krüger („Mainstream. Warum wir den Medien misstrauen“), was vom Hype um den „konstruktiven Journalismus“ geblieben ist. Krüger bezweifelt, ob das Konzept eines kosmopolitischen Konstruktiven Journalismus im AfD-affinen „Lügenpresse“-Milieu ankomme: „Schon jetzt hält ja ein nicht unbeträchtlicher Teil der Deutschen den Tenor in den Medien für links-grün versifft, vaterlandsverräterisch und viel zu liberal-internationalistisch. Dieser Teil des Publikums dürfte nicht gerade scharf darauf sein, (noch mehr) fremdes Leid vermittelt zu bekommen – und dann auch noch zu erfahren, dass der eigene Wohlstand dafür mitverantwortlich ist.“

4. Ein Hochglanzmagazin für den guten Zweck
(deutschlandfunk.de, Carsten Schmiester, Audio, 3:34 Minuten)
Die schwedische Obdachlosenzeitschrift “Situation” wartet seit 20 Jahren mit einem bunten Mix aus Promigeschichten, Gesellschaftskritik und Filmrezensionen auf. Carsten Schmiester berichtet im „Deutschlandfunk“ über das ungewöhnliche Hochglanzmagazin, das monatlich etwa 33.000 Leser und Leserinnen findet.

5. „Für mich ist Syrien mehr als Krieg“
(message-online.com, Malte Werner)
Die syrische Journalistin Zaina Erhaim wurde 2015 von „Reporter ohne Grenzen“ als Journalistin des Jahres ausgezeichnet. Im Interview spricht sie über die gefährliche Ausbildung von Medienaktivisten, ihren Kampf für die Rechte von Frauen in Syrien und schlechte Erfahrungen mit ausländischen Kollegen: „Obwohl ich einen Abschluss in Journalismus vor einer europäischen Universität habe, behandeln mich viele Kollegen aus dem Ausland wie einen Gratis-Fixer. Ich werde ständig nach meinen Quellen gefragt oder soll sogar ganze Geschichten kostenlos zur Verfügung stellen.“

6. Front der Fälscher
(faz.de, Jörg Altwegg)
Aus Wut über ein Interview im öffentlich-rechtlichen Sender „France 2“ ließ Marine Le Pen laut „Buzzfeed“ Fake-Videos produzieren, in denen vermeintliche Mitarbeiter des Senders auftraten. Der plumpe Racheakt Le Pens kann Folgen haben: Die Verbreitung von Falschinformationen sei in Frankreich auch vor der Verabschiedung eines angekündigten Fake-News-Gesetzes strafbar.

DSDS-Krankenausbeutung, Medien-Putinismus, Facebooks Crystal Meth

1. DSDS-Kandidat Diego sorgt für Diskussionen: „Ein psychisch kranker Mensch wird richtiggehend ausgestellt“
(meedia.de, Thomas Borgböhmer)
In der neuen Staffel von „Deutschland sucht den Superstar” (DSDS) sorgte ein Kandidat mit seltsamen Äußerungen für Irritationen. Er sei der Sohn von US-Rapper Tupac Shakur, von der Mafia entführt und nach Deutschland verschleppt worden. RTL verkauft den Bewerber als lustigen Paradiesvogel, verrät aber nicht, dass dieser sich seit zwei Jahren wegen einer Psychose in psychiatrischer Behandlung befindet. Aus medienethischer Sicht ein kritischer Fall wie die Professorin Marlis Prinzing findet: „Schon jetzt wird unübersehbar die Schaulust des Publikums bedient: ein psychisch kranker Mensch wird richtiggehend ausgestellt und zum Klatschobjekt, er wird benutzt, um medial breit durch diesen offenbar vorsätzlich erzeugten ‚Skandal‘ auf die Sendung aufmerksam zu machen.“

2. Ehre und Verantwortung
(wiwo.de, Miriam Meckel)
In einem Beitrag des „Zeitmagazins“ wurde über die Anschuldigungen von drei Frauen gegen den Regisseur Dieter Wedel berichtet, was in den Medien vereinzelt als „mediale Hinrichtung“ oder „Kampagne“ kritisiert wurde. Miriam Merkel findet in ihrer Kolumne, dass derartige Berichterstattung erlaubt sein muss: „Menschen mit Macht haben eine besondere Verantwortung als Vorbild und Führungskraft. Diese moralische Dimension verjährt nicht. Nicht bei mutmaßlich korrupten Politikern, nicht bei Unternehmern als mutmaßlichen Steuerhinterziehern und nicht bei Kulturschaffenden als mutmaßlichen Vergewaltigern. In solchen Fällen gibt es immer zwei Antworten auf die Frage der Ehre: die der potenziellen Täter und die der potenziellen Opfer.“

3. Medientrends 2018: Personalisierte Angebote, zahlende Nutzer
(de.ejo-online.eu)
Was sind die Medientrends 2018? Nic Newman vom Reuters Institute hat knapp 200 internationale Medienmacher befragt. Sprachaktivierte Assistenten und Podcasts wurden häufig genannt. Außerdem wollen Medienmacher auf einen Mix von Einnahmequellen setzen. Sorgen würden vor allem die Tech-Giganten wie Google, Facebook, Apple und Amazon machen. Werbung würde in Zukunft an Bedeutung verlieren, was den Druck erhöhen würde.

4. “Putinismus funktioniert durch Furcht”
(zeit.de, Steffen Dobbert)
Welchen Einfluss hat die russische Regierung auf das Internet und die Medien und wie funktioniert Zensur heute in Russland? Der Geheimdienstexperte Andrej Soldatow spricht im Interview mit der “Zeit” über Fake News, Folter und Propaganda des Kreml.
Weiterer Lesetipp: Mit diesen Tricks haben Kreml-Freunde die AfD vor der Wahl im Netz gepusht (“Motherboard”, Karolin Schwarz)

5. Facebook versorgt den Stammtisch mit Crystal Meth
(sueddeutsche.de, Andrian Kreye)
Facebook will uns zukünftig weniger Medieninhalte und mehr Texte, Fotos, Videos und Links einblenden, die von Freunden und Familie stammen. Bevorzugt solche, die Reaktionen auslösen. Adrian Kreye kritisiert den Vorstoß des Netzwerks: „Zuckerbergs Plan, Facebook zu emotionalisieren, wirkt deswegen, als würde er einem aufgebrachten Stammtisch einen Beutel Crystal Meth hinstellen und den Erzürnten viel Vergnügen damit wünschen. Die werden in der Nacht sicher länger bleiben. Allerdings werden sie sich wahrscheinlich auch an die Gurgel gehen. Das geschieht im Internet zwar nur virtuell. Der Effekt auf ganze Gesellschaften ist jedoch durchaus ernst zu nehmen.“

6. Die Geschichte des ersten viralen Videos
(netzpolitik.org, Markus Reuter)
Das erste virale Video stammt aus dem Jahr 1997: Ein Mann schlägt in seiner Großraumbüro-Wabe mit der Tastatur seines Rechners wutentbrannt auf den Monitor ein. „Wired“ ist der Geschichte des Videos nachgegangen, das seinerzeit für Werbezwecke aufgenommen und auf Promo-CDs verteilt wurde: In der seinerzeit „hohen Auflösung“ von 352×240.

Republikstart, Barbara-Zensur, Nebelkerzen mit Agenda

1. Der Vater der Republik
(tagesanzeiger.ch, Michèle Binswanger)
Nach einer rund einjährigen Vorbereitung ging die mit über drei Millionen Franken crowdgefundete “Republik” am Sonntag online. Im “Tagesanzeiger” gibt es dazu passend ein lesenswertes Porträt über Medienmacher und “Republik”-Mitgründer Constantin Seibt. Lesenswert wie übrigens auch der (frei zugängliche) “Republik”-Artikel über “Zuckerbergs Monster”.

2. Nebelkerzen mit Agenda
(spiegel.de, Georg Diez)
Georg Diez vergleicht im “Spiegel” das Wirken von Frank Schirrmacher mit dessen “FAZ”-Nachfolger Jürgen Kaube. Wo Schirrmacher ein dauerndes “Seht-Her” in die Welt gerufen habe, sei Kaubes Maxime ein einziges Abwinken: “Man könnte fast denken, dass hier jemand das eigene Phlegma als Grund nimmt, auf eine politische Sicht auf die Gegenwart oder die Gegenwart ganz generell zu verzichten — wenn hinter dem, was Kaube immer wieder als seinen Antiideologismus präsentiert, nicht doch ein ideologisches Motiv erkennbar wäre: Das Raunen war schon immer der Grundton der Rechten, und Nebel ist das Gegenteil von Aufklärung.”

3. Aufwärts ist noch nicht oben
(taz.de, Anne Fromm)
In den vergangenen Wochen wurden bei der der “Süddeutschen Zeitung” mehrere Redaktionsstellen mit Frauen besetzt. Was gut ist, denn beim Thema Frauenförderung gibt es Nachholbedarf: Nur bei rund einem Fünftel der im Impressum aufgelisteten Ressortleitungs- und journalistischen Chefposten finde man derzeit Namen von Frauen. Schlechter ginge es dann nur noch bei der “FAZ”. Das solle sich jetzt ändern, aber in München glauben nicht alle an einen echten Veränderungswillen des Verlagshauses.

4. Hi Leute, ich bin wieder zurück im Netz
(facebook.com, Barbara)
Die Zettel- und Streetartkünstlerin “Barbara” meldet sich nach einer Auszeit auf Facebook zurück. Doch die Freude ist getrübt, denn über Barbara schwebt das Damoklesschwert der Facebook-Lösch- und Kontrollinstanzen. Und die haben im Zweifel wenig Sinn für satirische Beiträge und löschen nicht nur Bilder, sondern machen den ganzen Account dicht. Satire könne unter den gegebenen Umständen nur noch höchst eingeschränkt geschehen: “Es beginnt schon mit der Zensur im Kopf. Ich muss mir jetzt gut überlegen, ob ich einen Beitrag poste oder nicht, denn die Gefahr, dass meine Seite komplett gelöscht wird, ist allgegenwärtig”, findet “Barbara”. “Ich habe ständig versucht dem Hass im Internet mit meinen Botschaften etwas entgegenzusetzen, habe dafür super viel positives Feedback bekommen, nicht zuletzt sogar den Grimme online Award. Dass ich jetzt von den Plattformen Facebook und Instagram dafür abgestraft werde, fühlt sich schrecklich und unwürdig an.”

5. Wie die AfD die Wut schürt
(faktenfinder.tagesschau.de, Patrick Gensing)
Hat sich die ARD tatsächlich “zunächst geweigert”, über den gewaltsamen Tod einer 15-Jährigen in Kandel zu berichten, wie ihr von der AfD auf Facebook vorgeworfen wurde? Natürlich nicht. Trotzdem hat sich die falsche Behauptung tausendfach im Netz verbreitet.

6. Ein Foto, zwei Stories
(detektor.fm)
Sind Kate Middleton und Meghan Markle beste Freundinnen oder schlimmste Feindinnnen? Während die Zeitschrift “das neue” vom “Geheimpakt der neuen Freundinnen” schreibt, betitelt “die aktuelle” den “Zicken-Zoff”. Regenbogenpresse-Spezialist (und BILDblogger) Moritz Tschermak würde weder für “das neue” noch für “die aktuelle” seine Hand ins Feuer legen: “Ich bin harmoniebedürftig und würde mich eher freuen, wenn die beiden Frauen neue Freundinnen sind. Aber ich wage es nicht, einer von beiden Zeitschriften zu glauben. So blöd bin ich nicht.”

Unter Beschuss, Steele-Dossier, Facebooks Newsfeed-Änderung

1. Unter Beschuss
(gutjahr.biz)
Welch ein Alptraum: Seit 18 Monaten wird der Journalist und Blogger Richard Gutjahr von Verschwörungstheoretikern, Reichsbürgern und Antisemiten im Netz attackiert, verleumdet und bedroht. Auf YouTube würden an die 800 Verschwörungsvideos über ihn und seine Familie kursieren. “Unsere Gerichts- und Anwaltskosten sind gewaltig. Hinzu kommen die schlaflosen Nächte, die Tränen und die zwischenmenschlichen Konflikte, die nicht nur unser Privatleben, sondern auch das Verhältnis zu meinem Arbeitgeber auf die Probe gestellt haben.” In einem lesenswerten und sehr persönlichen Beitrag erzählt Gutjahr, was er über Facebook und Google, über unser Rechtssystem und über die tatsächliche Strafverfolgung von Hatespeech gelernt hat. Und gibt zum Schluss einige handfeste Tipps zum Umgang mit Hetze und Hasskommentaren im Netz.

2. Die Pläne des neuen ARD-Vorsitzenden Ulrich Wilhelm
(morgenpost.de, Kai-Hinrich Renner)
Am ersten Januar übernahm BR-Intendant Ulrich Wilhelm den Vorsitz der ARD. Wilhelm ist sowohl Jurist als auch gelernter Journalist und diente bereits Edmund Stoiber und Angela Merkel als Sprecher. In ersten Interviews ging es gleich ums liebe Geld: Drei Milliarden Euro mehr Gebührengelder benötige man ab 2021, um tiefe Einschnitte im Programm zu vermeiden.

3. Spätfolgen eines Scoops
(sueddeutsche.de, Karoline Meta Beisel)
Vor einem Jahr veröffentlichte das US-Portal “Buzzfeed” das sogenannte “Steele-Dossier”. Darin geht es um Kontakte zwischen Trumps Wahlkampfteam und der russischen Regierung. Am letzten Tag vor Ablauf der Verjährungsfrist hat der in dem Dossier als zentrale Figur genannte Anwalt von Donald Trump Verleumdungsklage gegen “Buzzfeed” erhoben.

4. Facebook, Twitter und die Privatisierung der Medien- und Kunstfreiheit
(medienwoche.ch, Adrian Lobe)
Adrian Lobe hält das gesetzliche Vorgehen gegen Hassrede auf Social-Media-Plattformen in Deutschland für gefährlich. Die Auslagerung hoheitlicher Aufgaben an Private gefährde die Medien- und Kunstfreiheit. Als aktuelles Beispiel nennt er die Vorgänge um das Satiremagazin “Titanic”.

5. Wie viele Flüchtlinge finden Arbeit?
(mediendienst-integration.de, Carsten Janke)
Wie viele Geflüchtete sind arbeitslos und wie viele haben bereits einen Job gefunden? Zu diesem Thema gibt es natürlich Statistiken, aber so einfach ist es nicht: Durch das Herauspicken einzelner Zahlen lässt sich die Situation unterschiedlich beschreiben und wahlweise ein Erfolg oder Misserfolg bei der Integration begründen. Der “Mediendienst Integration” erläutert, welche Arbeitsmarkt-Zahlen wichtig sind, was sie sagen und — gute Idee — was sie eben nicht sagen.

6. Facebook Overhauls News Feed to Focus on What Friends and Family Share
(nytimes.com, Mike Isaac)
Facebook überarbeitet den Newsfeed: mehr Nachrichten von Freunden und Familie und weniger Einblendungen von Publishern und “Brands”. Die “New York Times” zitiert Mark Zuckerberg mit den Worten: “We want to make sure that our products are not just fun, but are good for people. We need to refocus the system.” Den entsprechenden Seitenbetreibern dürfte die Umstellung weh tun, denn sie werden seltener eingeblendet und müssen sich ihre Sichtbarkeit zukünftig noch teurer erkaufen.

Julian Reichelt und die Fakten? “Und gute Nacht.”

Begeht man den großen Fehler, einfach das zu glauben, was “Bild”-Oberchef Julian Reichelt so behauptet, könnte man meinen, die Redaktion der “Tagesthemen” hat kollektiv den Verstand verloren:

Screenshot vom Tweet von Julian Reichelt - Um den Mord von Kandel aufzuarbeiten, führen die Tagesthemen jetzt Interviews mit der NPD. Die NPD-Vorsitzende darf den Rücktritt des Bürgermeisters fordern. Und gute Nacht.

Aber es handelt sich eben um Julian Reichelt, bei dem hinlänglich bekannt sein sollte, dass er sich für ordentliches Informieren nicht allzu sehr interessiert, und bei dem Skepsis immer angebracht ist. Konnte in den “Tagesthemen” also eine “NPD-Vorsitzende” mir nichts, dir nichts den Rücktritt des Bürgermeisters von Kandel fordern? Nein.

Die “Tagesthemen” machten gestern Abend mit einem großen Block zum Mord an einer 15-Jährigen in dem rheinland-pfälzischen Ort auf. Die Anmoderation von Caren Miosga, der Beitrag aus Kandel, ein Interview mit einem “Konflikt- und Gewaltforscher”, ein Kommentar zum Thema — all das nahm 10:32 Minuten der insgesamt 30-minütigen Sendung ein.

Julian Reichelt pickte sich für seinen Tweet aus diesen 10:32 Minuten neun Sekunden heraus, in denen die stellvertretende Vorsitzende der NPD Rheinland-Pfalz in eine ARD-Kamera sagt:

“Also, dass der Bürgermeister dieser Kritik ausgesetzt ist, da habe ich kein Mitleid mit ihm. Normalerweise müsste dem sein Kopf rollen. Der hätte, der müsste sofort sein Amt enthoben werden.”

Nun ist es ein riesiger Unterschied, ob dieses Zitat von den “Tagesthemen” als eine von vielen ganz normalen Aussagen aus Kandel dargestellt wird oder ob es für die Redaktion als Beispiel dafür dient, auf welch eklige Weise Rechtsextreme die schreckliche Tat für ihre Zwecke instrumentalisieren.

Caren Miosga moderierte den Beitrag, in dem das Zitat der NPD-Vizevorsitzenden vorkommt, mit folgenden Worten an:

Der Mord an einer 15-Jährigen gehört zu jenen Verbrechen, die so sehr erschüttern, dass Orte, an dem sie geschehen, fortan zum Synonym für die Tat werden. Die rheinland-pfälzische Kleinstadt Kandel ist so ein Synonym. Seitdem am 27. Dezember ein afghanischer Flüchtling ein Mädchen erstochen hatte, steht dieser Ort auch jenseits seiner Grenzen für die schaurige Tat.

Er steht aber auch für den Umgang mit derselben. Und der ist gleichsam schaurig. Denn noch bevor die Behörden das Verbrechen haben aufklären und die Einwohner um den Verlust des Mädchens haben trauern können, kaperten vor allem Rechtsextreme Trauer und Gedenken und schürten offenbar so viel Angst, dass kaum noch jemand über die Ereignisse zu sprechen wagt; geschweige denn über die anderen etwa 200 Flüchtlinge, die auch in diesem Ort leben. So hat es Peter Sonnenberg erfahren, der mehrere Tage in Kandel verbrachte.

Und Peter Sonnenberg sagt in seinem Beitrag:

Kandel ist geschockt. Viele Menschen möchten trauern, doch kurz nach der Tat erwacht bei anderen der Hass. Die Tragödie wird zur Bühne für Parolen. (…)

Auch die NPD hofft, dass ihre Parolen in diesen Tagen in Kandel auf fruchtbaren Boden fallen. “Also, dass der Bürgermeister dieser Kritik ausgesetzt ist, da habe ich kein Mitleid mit ihm. Normalerweise müsste dem sein Kopf rollen. Der hätte, der müsste sofort sein Amt enthoben werden.” Und bei manchen Zuhörern fällt es auf fruchtbaren Boden.

Viel klarer kann die Redaktion der “Tagesthemen” das Zitat der NPD-Vertreterin nicht einordnen. Viel bewusster kann Julian Reichelt es nicht aus dem Zusammenhang reißen.

Natürlich handelt es sich nur um einen Tweet. Er zeigt aber einmal mehr, mit was für Methoden der Mann arbeitet, der am Ende entscheiden kann, worüber und wie Deutschlands größte Tageszeitung berichtet.

Das Heimtückische am Rassismus ist nicht Absicht, sondern Ignoranz

Ist das wirklich wahr? Ist das wirklich das Niveau, auf dem wir in Deutschland über Rassismus diskutieren? Können wir da bitte irgendwann mal einen Schritt weiter gehen, oder es zumindest versuchen?

Das eigentliche Problem, das wir in Deutschland mit Rassismus haben, sind die Rassismusvorwürfe — das zumindest ist der Eindruck, wenn man sich weite Teile der medialen Diskussion über die schwedische Modekette H&M anschaut, die einen schwarzen Jungen fotografiert hat mit einem Kapuzenpulli, auf dem steht: “Coolest Monkey in the Jungle”.

Kolumne Politically Correct

Auf die Spitze treibt es Oliver Rasche, der in der “Welt” und bei Welt.de kundtut:

Screenshot Welt.de - Das Empörende ist der Rassismus-Aufschrei

Dem Kommentar des Autors liegt ein Verständnis von Rassismus zugrunde, nach dem es in Deutschland quasi keinen Rassismus gibt.

Da in der “Welt” Leute über Rassismus schreiben dürfen, die sich offenbar noch nie damit beschäftigt haben, hier ein kleiner kostenloser Einsteigerkurs:

Regel 1: NEIN, Rassismus ist nicht nur da, wo er beabsichtigt ist.

Rasche schreibt:

Wem ist eigentlich damit geholfen, wenn überall immer sofort Rassismus, Sexismus, Angriff vermutet wird?

All das, was Theaterautor, Blogger und Marketingexperte Johannes Kram schon so gemacht hat, würde nicht in diese Box passen. Deswegen hier unvollständig und im Schnelldurchlauf: Nicht nur, aber auch wegen seiner Medien-Kampagne ist Guildo Horn zum “Eurovision Song Contest” gekommen. Den sogenannten “Waldschlösschen-Appell” gegen Homophobie in Medien hat er initiiert. Sein “Nollendorfblog” bekam eine Nominierung für den “Grimme Online Award”. Und mit “Seite Eins — Theaterstück für einen Mann und ein Smartphone” hat er Boulevard-Kritik auf die Bühne gebracht. Dafür ein herzliches Dankeschön vom BILDblog.

Niemand vermutet in dem Pullover-Foto einen “Angriff”. Es geht darum, dass ein rassistischer Zusammenhang übersehen wurde. Das Heimtückische an Rassismus ist nicht die Absicht, sondern die Unabsicht, die Ignoranz. Die Frage ist nicht: Warum hat H&M das gemacht? Sondern: Warum ist es ihnen nicht aufgefallen?

Regel 2: NEIN, das Problem sind nicht die, die sensibel sind.

Wieso wird bei vielen Menschen überhaupt ganz offenbar sofort diese Assoziation hervorgerufen? Und diejenigen, die zunächst kein Problem in dem Bild erkennen konnten; sind die völlig unsensibel — oder einfach unvoreingenommen und damit viel weiter im Bestreben, rassistischen Vorurteilen entgegenzuwirken?

Weiß der Autor das wirklich nicht? Hat er wirklich gar keine Ahnung, warum bei manchen Menschen “sofort diese Assoziation hervorgerufen” wird? Rasche tut hier so, als sei “diese Assoziation” völlig aus der Luft gegriffen, ja er deutet sogar an, dass die, denen sie kommt, das eigentliche unreflektierte Rassismusproblem haben. Ernsthaft? Nie gehört etwa von der Tradition der Menschenzoos, in denen ab Ende des 19. Jahrhunderts in Europa schwarze Menschen wie wilde Tiere zur Schau gestellt wurden? Nie mitbekommen, dass alles rund um das Bild des Affen auch heute noch eine der gängigsten Beleidigungen ist? Nie was davon gelesen, dass schwarze Fußballer mit Affengeräuschen im Stadion konfrontiert werden, ja manche von ihnen sogar mit Bananen beworfen wurden? Ist die Frage wirklich, wie man auf “diese Assoziation” kommen kann? Oder nicht vielleicht doch, wie man nicht darauf kommen kann, wie man auf die Idee kommen kann, einen schwarzen Jungen mit einem solchen Pulli für eine Werbung zu fotografieren?

Regel 3: NEIN, nicht die Problematisierer sind das Problem.

Rasche schreibt weiter:

Sagt die Problematisierung nicht auch eine Menge über die Problematisierer aus?

Rasche tut so, als werde das “Problem” erst durch die erzeugt, die darauf hinweisen. Damit macht er jene, die aus der Perspektive der Opfer argumentieren, zu Tätern — und die Täter zu deren Opfern. Wie auch bei dieser Schussfolgerung:

Vorwerfen kann man den Schweden allerdings weniger, dass sie offenbar kein Problem darin gesehen haben, ein Kind in einen flapsig bedruckten Pullover gesteckt zu haben — nein, vorwerfen kann man dem Modehaus höchstens, dass es das Erregungspotenzial in einem komplett digitalisierten und von sozialen Medien dominierten 2018 völlig unterschätzt hat.

Hier: das Erregungspotenzial eines entfesselten Onlinemobs. Dort: Flapsigkeit.

Regel 4: NEIN, Rassismus ist nicht nur das Problem der anderen.

Rasche schreibt:

Hilft man schwarzen Menschen, wenn man sie in solchen Fällen zwangsweise zu Opfern macht? (…)

Dabei findet Rassismus statt, zieht seine ekligen, braunen Kreise inzwischen bis in das höchste deutsche Parlament. Das gilt es zu ächten und zurückzudrängen, da ist leider mehr als genug zu tun.

Das Gefährliche am Rassismus ist, dass er im Alltag stattfindet. Dass Gefährliche am Rassismus ist, dass er nicht laut “Rassismus” schreit, wenn er um die Ecke kommt. Nach der Definition von Rasche gibt es entweder keinen Alltagsrassismus, oder er ist weiter kein Problem: Jeder, der nicht “in ekligen, braunen Kreisen” verkehrt, ist fein raus. Das ist ein Freibrief für den täglichen Rassismus, weil er die, die sich gegen ihn wehren, zu Simulanten erklärt.

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