“Bild”-Chefreporter Sven Kuschel ist laut eigener Aussage “Tatort-Fan und -Hasser” und obendrein auch noch “BILD-‘Tatort’-INSPEKTOR”: Die “Bild”-Medien beantworten nach der Ausstrahlung eines jeden “Tatorts” am Sonntag immer ein paar Fragen zum aktuellen Fall. Beim “Tatort” aus Dresden, der gestern Abend im Ersten lief, wurde (Achtung, Spoiler!) eine der Kommissarinnen mit einem Messer verletzt. Deshalb fragt Bild.de:
Antwort von “Inspektor” Kuschel:
45 getötete Polizistinnen und Polizisten in nur einem Jahr? Das war selbst der “Bild”-Zeitung zu viel. Im Blatt schreibt Kuschel von deutlich weniger Beamten, die “durch Attacken” starben:
Acht statt 45. Doch auch das ist noch zu hoch gegriffen. Beim Bundeskriminalamt (BKA) gibt es die “Bundeslagebilder Gewalt gegen Polizeivollzugsbeamtinnen/-beamte”. Die aktuellste Ausgabe gilt für das Jahr 2017. Laut der Tabelle auf Seite 24 (PDF) gab es im gesamten Jahr zwei im Dienst getötete Beamte. Bei dem vollendeten Mord an zwei Polizisten handele es sich, so das BKA, um die Tat am 28. Februar 2017 im brandenburgischen Beeskow, “bei der ein Tatverdächtiger zwei Polizeibeamte auf der Flucht überfahren hat, nachdem er zuvor einen Mord im familiären Umfeld begangen haben soll.”
Das kam dann auch irgendwann bei Bild.de an. Dort heißt es nun:
Gleich zu Beginn wurde Ermittlerin Karin Gorniak (Karin Hanczewski, 37) niedergestochen, musste ins künstliche Koma versetzt werden. In Deutschland sind rund 300 000 Polizisten im Einsatz. Laut den aktuellsten Zahlen aus dem Jahr 2017 wurden 36 000 Polizeibeamte Opfer einer Gewalttat. Zwei starben durch Attacken. In 45 Fällen wurden wegen Mord- (17) oder Totschlag (28)-Versuchen gegen Angreifer ermittelt.
Jetzt müsste “BILD-‘Tatort’-Inspektor” Sven Kuschel nur noch ermitteln, dass auch seine Antwort auf die ursprüngliche Frage (“Wie viele Polizisten werden im Dienst verletzt?”) falsch ist: Es sind nicht 36.000 Polizistinnen und Polizisten, die 2017 “Opfer einer Gewalttat” wurden, sondern mehr: In 36.441 Fällen von versuchten oder vollendeten Gewalttaten waren es laut BKA 73.897 Opfer (PDF, Seite 20; wobei ein- und dieselben Person in der Statistik in einem Jahr mehrfach als Opfer gezählt werden kann, wenn sie bei verschiedenen Einsätzen Opfer wird).
Mit Dank an Florian K. und @kongraupner für die Hinweise!
Außenminister Heiko Maas ist gerade in Brasilien gelandet, wo er eine Reihe von Besuchen in Südamerika startet. Ihn begleitet unter anderem “Spiegel”-Journalist Christoph Schult, der heute früh bei Twitter ein kurzes Video von einem “planmäßigen Tankstopp und Crewwechsel auf den Kapverdischen Inseln” postete. Dieser Vorgang — der Zwischenstopp, nicht das Posten des Videos — brachte wiederum “Bild”-Chef Julian Reichelt auf die Palme:
Reichelts Schaut-euch-diese-Versager-an-Tweet wurde unter anderem durch den “Bild”-Account (1,67 Millionen Follower) verbreitet. Nur zielt die Kritik des “Bild”-Chefs völlig daneben.
Mit ein bisschen Hingucken kann man erkennen, dass das Flugzeug in Christoph Schults Video nur zwei Triebwerke hat. Damit kann es sich schon mal nicht um eines der beiden Langstreckenflugzeuge A340 der Flugbereitschaft handeln — denn die haben je vier Triebwerke. Es dürfte sich um eines der zwei Mittelstreckenflugzeuge A319 handeln, über die die Flugbereitschaft verfügt.
Nun könnte man natürlich versuchen, die Distanz von rund 8800 Kilometern zwischen Berlin und Salvador da Bahia, wo Heiko Maas heute ein Netzwerk zur Stärkung von Frauenrechten gründen will, mit einem Flugzeug zurückzulegen, zu dem die Luftwaffe eine maximale Reichweite von circa 7600 Kilometern angibt. Doch das dürften auch “Lufthansa und so ziemlich alle anderen Airlines der Welt” nicht unfallfrei hinbekommen. Stattdessen kann man auch größere Gefahren für Leib und Leben vermeiden und einen geplanten Zwischenstopp auf den Kapverdischen Inseln einlegen. Dafür muss man sich dann allerdings von “Bild”-Bruchpilot Julian Reichelt anranzen lassen.
1. Die Angst vor Echokammern ist übertrieben. Ein Rückblick auf den Wahlkampf 2017 im Netz (netzpolitik.org, Wolf J. Schünemann & Stefan Steiger & Fritz Kliche)
Forscher der Universität Hildesheim haben den Online-Wahlkampf 2017 unter die Lupe genommen und die Echokammer-Hypothese überprüft. Dazu haben sie 2,9 Millionen Facebook-Posts analysiert. Ihr Resümee: Im Gegensatz zu den USA sei das Echokammer-Phänomen hierzulande nur gering bis gar nicht ausgebildet. Auch für die kommenden Europawahlen sei nichts anderes zu erwarten. Da sich die Medienberichterstattung und Parteienkommunikation in EU-Wahlkämpfen in nationalen Bahnen bewege, gäbe es jedoch ein anderes Problem: den “strukturellen Nationalismus”.
Weiterer Lesetipp: Wie die EU gegen Falschnachrichten kämpft (deutschlandfunkkultur.de, Nico Schmidt & Michael Kreil).
2. Sibylle Weischenberg: Mit der Glaskugel im Kopf der Stars (dwdl.de, Hans Hoff)
Im ARD-Magazin “Brisant” erscheint regelmäßig eine “Society-Expertin” namens Sibylle Weischenberg, die augenscheinlich Zugang zu den Stars dieser Welt und deren privaten Geschichten hat. Hans Hoff kommentiert auf die ihm eigene ironische Weise: “Nun gibt es böse Zungen, die Sibylle Weischenberg unterstellen, sie könne all das, was sie da von sich gebe, gar nicht wissen, weil die jeweiligen Stars nicht mit ihr geredet hätten, dass sie vielmehr immer dann zum Einsatz komme, wenn “Brisant” der direkte Zugang zu den Prominenten versperrt bleibe und die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich presserechtlich gegen breitgetretenen Quark zur Wehr setzen, eher gering ausfällt. Die verkennen natürlich, dass Sibylle Weischenberg nicht mit jemandem reden muss, um zu wissen, was sie weiß. Sie weiß das einfach, und als Top-Journalistin, die sie natürlich ist, hält sie ihre bisweilen auch telepathisch angezapften Quellen natürlich geheim.”
4. Journalistin macht sich über Enissa Amani lustig – deren Fans starten eine Insta-Hetzjagd (watson.de, Philip Buchen)
Trash-TV-Edelfeder Anja Rützel hat über die Verleihung der About-You-Awards geschrieben und dabei nicht mit Spott und Kritik an den Veranstaltern und auftretenden Influencern gespart. Der von ihr ebenfalls erwähnten “Comedienne” und “Standup-Künstlerin” Enissa Amani gefiel das gar nicht, und so ließ diese ihrem Ärger auf Instagram freien Lauf. Mit unangenehmen Folgen für Rützel, denn einige von Amanis Followern (Gesamtzahl: 500.000) fluteten Rützels Profil mit Beleidigungen. Dies war jedoch nur der Beginn der Eskalation: Die gekränkte Komikerin, die nicht Komikerin genannt werden will, legte weiter nach und beschimpft ihre Kritikerin unter anderem (unzutreffend) als Nazi-Steigbügelhalterin.
5. Ein Waldspaziergang zum Lesen (deutschlandfunk.de, Sebastian Wellendorf)
Promigestützte Celebrity-Titel scheinen die neue kaufmännische Hoffnung des Verlags Gruner + Jahr zu sein: Ob Barbara Schönebergers “Barbara”, Joko Winterscheidts “JWD”, Guido Maria Kretschmers “Guido” oder Eckhard von Hirschhausens “Stern Gesund leben”. Nun legt der Verlag ein weiteres Promi-Magazin auf. Diesmal “Wohllebens Welt”, benannt nach dem Bestseller Autor Peter Wohlleben (unter anderem “Das geheime Leben der Bäume”). Sebastian Wellendorf fasst den Inhalt wie folgt zusammen: “Wohllebens Welt ist in seiner Heile-Welt- beziehungsweise Heile-Naturdarstellung eine Art flauschige Kuscheldecke für den gehfaulen Outdoorfan. Bilder und Texte von den Problemen der Natur, Monokulturen, Überdüngung, Artenschwund sucht man hier vergeblich.”
6. “Ich bin ja wie ein Zombie durch die Gegend gelaufen” (spiegel.de, Martin Pfaffenzeller)
“Spiegel Online” hat sich mit Arno Funke zum Interview getroffen, der vor 25 Jahren als Bomben und Brandsätze legender Kaufhaus-Erpresser “Dagobert” Berühmtheit erlangte. Vor allem Funkes technischen Basteleien, die gescheiterten Geldübergaben und sein Katz-und-Maus-Spiel mit der Polizei hatten damals für viel mediale Aufmerksamkeit gesorgt. Schließlich wurde Funke geschnappt und wegen schwerer räuberischer Erpressung zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt. Als er nach sechs Jahren wegen guter Führung vorzeitig entlassen wurde, habe vor der Anstalt eine “Bild”-Reporterin auf ihn gelauert, so Funke: “Am nächsten Tag erschien ein großes Foto und die Überschrift: “Designerkleidung, Markenfahrrad und teure Markenschuhe — woher hat er das Geld?” Dabei hatte ich das Rad für 50 Mark vom Schrotthändler und die Schuhe aus dem Quelle-Katalog, die Jacke von C&A.”
Vor zwei Monaten verkündete die “Bild”-Zeitung eine “Weltsensation”, die jedoch gar keine war — und die sich zu einem wissenschaftlichen und journalistischen Skandal entwickelte, zu dem inzwischen sogar die Staatsanwaltschaft ermittelt. Beteiligte, unter anderem: die Uniklinik Heidelberg und ein chinesisches Pharmaunternehmen. Auch Ex-“Bild”-Chef Kai Diekmann spielt bei der Geschichte eine Rolle.
Eine Chronik.
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21. Februar 2019: Exklusiv bejubelt die “Bild”-Zeitung auf der Titelseite eine “Weltsensation aus Deutschland”:
Es sei “ein echter Durchbruch”, heißt es da, eine “medizinische Sensation”:
Seit vielen Jahren wird daran geforscht, Krebs im Blut zu erkennen. Ärzte der Universitätsklinik Heidelberg erreichten jetzt revolutionäre Ergebnisse: Sie weisen mit einem Test Brustkrebs im Blut nach. Und zwar mit einer Treffsicherheit, die vergleichbar ist mit der einer Mammografie! Wie BILD exklusiv erfuhr, soll der Bluttest noch in diesem Jahr auf den Markt kommen.
Im Innenteil: ein großes Interview mit Christof Sohn, dem Geschäftsführenden Ärztlichen Direktor der Universitäts-Frauenklinik Heidelberg.
Darin darf er den Bluttest ausführlich bewerben: viel sicherer als bisherige Tests, hohe Treffsicherheit, besonders gut für Risikopatientiennen, und so weiter und so fort.
Am selben Tag gibt die Uniklinik eine Pressemitteilung heraus, in der sie die “neue, revolutionäre Möglichkeit” des Bluttests noch einmal selbst feiert: “Dies ist ein Meilenstein in der Brustkrebsdiagnostik”, schreibt sie.
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21. bis 27. Februar 2019: Andere Medien greifen die Geschichte auf. Dabei melden einige schon Zweifel an, etwa “Spiegel Online” oder die “Zeit”. Viele aber, etwa “Focus Online” oder “DerWesten”, verlassen sich blind auf “Bild” und bezeichnen den Bluttest ihrerseits als “Sensation”, “Durchbruch” oder “Revolution”.
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27. Februar 2019: Sieben renommierte Verbände, von der Deutschen Krebsgesellschaft über die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe bis zur Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie, geben eine gemeinsame Stellungnahme heraus, in der sie die Berichterstattung kritisieren:
Eine Berichterstattung, die ohne Evidenzgrundlage Hoffnungen bei Betroffenen weckt, ist aus unserer Sicht kritisch zu bewerten und entspricht nicht den von uns vertretenen Grundsätzen medizin-ethischer Verantwortung.
Es sei einfach noch zu früh für Jubelstimmung, so die Experten: Die Studie sei “noch nicht abgeschlossen, die Ergebnisse sind nicht in einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift publiziert und der Test noch nicht zugelassen”. Daher “halten wir Schlussfolgerungen über die Validität und den klinischen Nutzen für verfrüht und raten ausdrücklich davon ab, diagnostische oder therapeutische Entscheidungen basierend auf Blutuntersuchungen zu treffen, die nicht von nationalen oder internationalen Leitlinien empfohlen werden.”
In den nächsten Tagen häuft sich die Kritik an der “Bild”-Berichterstattung, aber auch am Vorgehen der Heidelberger Forscher. So schreibt etwa Gerd Gigerenzer vom Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung:
Nach üblichen wissenschaftlichen Standards veröffentlichen Forscher zuerst eine Studie in einer Fachzeitschrift, die dort begutachtet wird, und gehen erst dann an die Presse. Beim Bluttest wurde dieser Standard nicht eingehalten. Die Heidelberger Forscher sind zuerst medienwirksam zur BILD-Zeitung gegangen. Eine wissenschaftliche Veröffentlichung liegt nicht vor.
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8. März 2019: Der Journalist Jan-Martin Wiarda berichtet in seinem Blog und bei den “Riffreportern” ausführlich über den Fall und deckt weitere Merkwürdigkeiten auf. “Welche Rolle spielt das Joint Venture mit einem chinesischen Pharma-Unternehmen?”, fragt er unter anderem, denn: Partner der Uniklinik sei ein chinesisches Pharmaunternehmen, dessen Aktienkurs seit einigen Tagen, insbesondere seit der gehypten Berichterstattung über den Bluttest, einen steilen Anstieg zeige.
Erstmals äußert sich auch Christof Sohn, der Geschäftsführende Ärztliche Direktor der Universitäts-Frauenklinik, der von “Bild” groß interviewt wurde, zur Formulierung “Weltsensation”: Diese Schlagzeile sei nicht angebracht gewesen, er habe sie vor Veröffentlichung auch nicht gekannt, und er und seine Kollegen hätten sie “in dieser Form” nicht mitgetragen.
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20. März 2019: Die “Rhein-Neckar-Zeitung” (“RNZ”) steigt in die Berichterstattung ein und leistet in den darauffolgenden Wochen ausgezeichnete journalistische Arbeit; ihre zahlreichen Artikel sind unter rnz.de/heiscreen nachzulesen.
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22. März 2019: Der Aktienkurs des chinesischen Pharmaunternehmens erreicht den höchsten Stand seit acht Monaten. Seit dem 21. Februar, dem Erscheinungstag des “Bild”-Artikels und der Pressemitteilung der Uniklinik, ist der Kurs um fast 60 Prozent gestiegen:
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23. bis 29. März 2019: Die Kritik reißt nicht ab. Das Wissenschaftsministerium Baden-Württemberg erklärt in der “RNZ”, dass die “verfrühte Kommunikation nicht den hohen Ansprüchen an eine verantwortungsvolle Wissenschaftskommunikation entspreche”. Gerade im medizinischen Bereich, “der für die Betroffenen mit so viel Ängsten und großer Hoffnung verbunden ist, darf es keine Effekthascherei geben”. Auch die Heidelberger Universität teilt mit, dass sie “eine umfassende Klärung der Vorgänge für zwingend erforderlich” halte.
Die Uniklinik ist derweil um Schadensbegrenzung bemüht. Sie “bedauert, dass es zu Irritationen gekommen ist” und verkündet die Gründung einer internen Arbeitsgruppe und einer externen Expertenkommission, die die Vorgänge aufarbeiten sollen.
Außerdem distanziert sie sich von der PR-Strategie zum Bluttest: Die Medienbegleitung habe die Heiscreen GmbH verantwortet, sagt die Kliniksprecherin der dpa. (Die Heiscreen GmbH wurde 2017 gegründet und soll den Bluttest in Deutschland vermarkten. Hauptanteilseigner ist eine Tochterfirma der Uniklinik, weitere Anteile hält über eine Beteiligungsgesellschaft der schillernde Unternehmer Jürgen Harder. Auch der von “Bild” interviewte Christof Sohn und eine weitere Ärztin der Uniklinik sind an der Heiscreen GmbH beteiligt.)
Wie die angebliche Weltsensation am Ende genau in der “Bild”-Zeitung landete, ist zwar nur schwer nachzuvollziehen. Fest steht aber: Ohne Zustimmung vonseiten des Universitätsklinikums ist dies nicht geschehen. Auch ein weiterer Bekannter Harders war daran offenbar beteiligt: Ex-“Bild”-Chefredakteur Kai Diekmann, der sich dazu nicht äußern will. Aber was wäre der Mann für ein Journalist, wenn er sich nicht dafür einsetzen würde, dass ein Thema, das ihm am Herzen liegt, in seine alte Zeitung kommt?
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4. April 2019: Die Uniklinik erstattet Anzeige gegen Unbekannt — warum genau, wird allerdings nicht klar. In einer Pressemitteilung teilt sie lediglich mit, dass sie sich “aufgrund der Anzeichen eines unlauteren Vorgehens bei der Entwicklung und Ankündigung” des Bluttests zu diesem Schritt veranlasst sehe. Der Sprecher der Heidelberger Staatsanwaltschaft erklärt in der “RNZ”, in der eingegangenen Anzeige stünden “weder der vermutete Tatbestand, noch weitere Hintergründe zum Sachverhalt, noch Personen, gegen die sich die Strafanzeige richtet.” Das sei sehr ungewöhnlich. Sollte sich jedoch ein Anfangsverdacht ergeben, werde die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen aufnehmen.
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6. April 2019: Die “RNZ” berichtet, dass Vorstand und Pressestelle des Klinikums “sehr frühzeitig in die unseriöse PR-Kampagne eingeweiht” waren. So sei das “Bild”-Interview …
sowohl von der Pressestelle der Uniklinik als auch von zwei Vorständen gegengelesen worden. Achtete die Ärztliche Direktorin Annette Grüters-Kieslich auf inhaltliche Korrekturen, so freute sich der Dekan der Medizinischen Fakultät, Andreas Draguhn, über die wissenschaftliche Korrektheit: “Präziser, als ich es ‘Bild’ zugetraut hätte”.
Auch die Pressemitteilung der Klinik sei “in großer Runde abgesprochen” worden. Der Entwurf sei unter anderem an Kai Diekmann geschickt worden.
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11. April 2019: Die “RNZ” geht genauer auf die Rolle Diekmanns ein:
Kai Diekmann war von 2001 bis 2015 Chefredakteur der “Bild”-Zeitung. 2018 startete er mit dem Investmentbanker Lenny Fischer den “Zukunftsfonds”. Die Markenstrategie für diesen Kapitalanlagefonds entwickelte die Digitalagentur “diesdas.digital” — die auch für die Heiscreen GmbH den Internetauftritt machte. Diekmann war “bei mehreren Treffen” in Sachen Brustkrebstest dabei, wie er der RNZ sagte, “aus Interesse”. Finanziell beteiligt sei er aber nicht. Jürgen Harder bezeichnet er gegenüber der RNZ als “persönlichen Freund”.
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11. April 2019: Die Staatsanwaltschaft nimmt die Ermittlungen auf. Genauer: die Schwerpunktstaatsanwaltschaft für Wirtschaftskriminalität in Mannheim. Die Anweisung dazu habe die Generalstaatsanwaltschaft Karlsruhe erteilt, schreibt die “RNZ”:
Hintergrund der Ermittlungen soll unter anderem der Verdacht auf Kursmanipulation und Insiderhandel mit Aktien sein. Die “Bild”-Schlagzeile “Weltsensation aus Heidelberg” könnte in diesem Szenario eine gewichtige Rolle spielen, weil sie womöglich den Kurs einer Aktie in China beflügelt hat. Zwar gibt man sich bei der Justiz bedeckt und verweist lediglich auf erste Erkenntnisse durch die Berichterstattung der RNZ — ermittelt wird schließlich “in allen rechtlichen Belangen”. Dennoch kam schnell der Verdacht auf, dass hinter dem “Bluttest-Skandal” im Grunde ein Verstoß gegen das Wertpapierhandelsgesetz stecken könnte.
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14. April 2019: In der “Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung” (“FAS”) kritisiert die Leitende Ärztliche Direktorin des Klinikums, Annette Grüters-Kieslich, die Wortwahl der “Bild”-Zeitung:
“Die Schlagzeile einer Boulevardzeitung, die von einer Weltsensation in diesem Zusammenhang sprach, hat mich betroffen gemacht. Als Ärztin und Wissenschaftlerin hätte ich niemals von einer Weltsensation gesprochen; ich habe eine solche Wertung stets als vollkommen irreführend angesehen.” Man sei damit befasst, die Verantwortlichkeiten zu klären und werde die Öffentlichkeit so schnell wie möglich informieren.
Zudem deckt die “FAS” neue Details auf. So sei für die PR-Kampagne unter anderem Christina Afting zuständig gewesen — die frühere Büroleiterin von Kai Diekmann bei “Bild”. Mit der “Bild”-Berichterstattung, so Afting, habe sie jedoch nichts zu tun gehabt. Laut “FAS” soll die PR-Kampagne etwa 80.000 Euro gekostet haben.
Neben den Staatsanwälten aus Mannheim würden sich demnächst auch Spezialermittler des Landeskriminalamtes mit dem Fall befassen, schreibt die “FAS”.
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Heute: Noch sind eine Menge Fragen offen. Fest steht aber: Viele Details wären ohne die hartnäckige Arbeit einiger Journalisten, vor allem von “Riffreporter” Jan-Martin Wiarda und den Journalisten der “Rhein-Neckar-Zeitung”, wohl nie an die Öffentlichkeit gelangt. Und: Obwohl die Berichterstattung der “Bild”-Zeitung, insbesondere die Bezeichnung als “Weltsensation”, von Experten als verantwortungslos und selbst von der Klinikleitung als “vollkommen irreführend” gewertet wird, steht sie auch heute noch unverändertonline.
Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!
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Nachtrag, 26. April: Wir haben die Überschrift und den ersten Absatz geändert, weil der Eindruck entstehen konnte, dass die Staatsanwaltschaft in der Sache gegen Kai Diekmann ermittelt. Dem ist nicht so.
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Nachtrag 2, 26. April: Inzwischen liegt der “RNZ” die Rechnung für die PR-Kampagne vor, die die Düsseldorfer Beratungsagentur Deekeling Arndt Advisors an die Heiscreen GmbH geschickt hat:
79.420,78 Euro rechnen die Berater ab. Sie übernahmen das gesamte Projektmanagement rund um die PR-Kampagne: das Kommunikationskonzept, die Pressemitteilung, die Pressekonferenz am 21. Februar auf einem Kongress in Düsseldorf sowie die Beantwortung und Koordination von Medienanfragen.
Besonders intensiv abgestimmt wurde die Kampagne offenbar in den zehn Tagen vor dem großen Aufschlag am 21. Februar. “Tägliche Telefonkonferenzen zwischen dem 12. und 22. Februar 2019”, listet die Agentur auf. In Rechnung gestellt werden “enge telefonische Abstimmungen und Rücksprachen” unter anderen mit dem früheren “Bild”-Chef Kai Diekmann, Heiscreen-Geschäftsführer Dirk Hessel, den Bluttest-Erfindern Sarah Schott und Christof Sohn, Harders Anwalt Thomas Dörmer sowie Doris Rübsam-Brodkorb, der Pressesprecherin des Universitätsklinikums.
Bemerkenswert ist die enge Abstimmung mit Kai Diekmann, dem Ex-Chefredakteur der “Bild”-Zeitung und persönlichen Freund von Jürgen Harder. Dazu passt: Die Rechnung hat Christina Afting geschickt. Sie ist “Managing Director” bei der Agentur — und leitete früher das Büro Diekmann bei der “Bild”.
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23.Mai: Das Blog “Medwatch” berichtet, dass der Test “anders als bislang kommuniziert nicht nur nicht marktreif ist — sondern eigentlich wertlos.” Das gehe aus Unterlagen hervor, die “Medwatch” von der Pressestelle der Uniklinik erhielt.
Demnach erhält fast jede zweite gesunde Frau einen falsch positiven Befund — was bislang öffentlich nicht thematisiert wurde. Bei Frauen, die älter als 50 Jahre sind, ist der Wert etwas besser: Bei diesen erhält gut jede vierte gesunde Frau einen falschen Krebsbefund, doch übersieht der Test bei zwei von fünf Brustkrebspatientinnen über 50 den Tumor.
Als besonders vielversprechend bezeichnete die Uniklinik den Test für Frauen bis 50, sowie für Hochrisikopatientinnen mit genetischen Mutationen. Dabei schlägt der Test bei der jüngeren Gruppe von Brustkrebspatientinnen zwar in 86 Prozent aller Fälle korrekt an, doch liegt hier die Spezifität bei nur 45 Prozent: Der Test liefert also bei 55 Prozent der gesunden Frauen einen falsch positiven Befund. Bei Hochrisikopatientinnen liegt die Sensitivität bei 90 Prozent, doch wiederum erhält mehr als jede zweite gesunde Frau einen falschen Krebsbefund. Dies hieße, dass ein Großteil aller Frauen, die über den Bluttest einen Krebs-Befund erhalten, in Wahrheit gesund sind.
“Medwatch” kritisiert auch die Berichterstattung verschiedener Medien, etwa die des “Focus”, der auch noch einen Monat nach Lautwerden der Zweifel titelte: “Die Sensation aus Heidelberg: Mit Bluttest Brustkrebs erkennen”.
Die “Bild”-Zeitung habe ihre Leser “bislang noch nicht über die weiteren Entwicklungen” informiert, schreibt “Medwatch”. Auf “mehrere Fragen zur Berichterstattung über den Bluttest” habe der Axel-Springer-Verlag geantwortet: “Bitte haben Sie Verständnis, dass wir redaktionelle Prozesse und Entscheidungen grundsätzlich nicht kommentieren.”
Nach intensiver Überprüfung und Anhörung aller beteiligten Parteien hat der Deutsche Rat für Public Relations dem Vorstand des Universitätsklinikums Heidelberg und der HeiScreen GmbH eine Rüge wegen bewusster Falschbehauptung und Täuschung der Öffentlichkeit ausgesprochen. (…)
Der Rat hatte sich zur Prüfung des Falles entschieden und sieht es als erwiesen an, dass beide Parteien bei der Vorstellung des „neuen“ Verfahrens zur Diagnose von Brustkrebs eine öffentliche Produktvorstellung zugelassen und begleitet haben, die weder in Wortwahl, Zeitpunkt und Format angemessen, noch im Hinblick auf abgeschlossene Studien und die angekündigte Marktreife der Wahrheit entsprochen hat.
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29. August: Nach mehrfacher Beschwerde beim “Ombudsmann” hat “Bild” nun eine Anmerkung unter den Artikeln veröffentlicht (Links im Original):
Aktualisierung – August 2019
Die Uniklinik Heidelberg hat mittlerweile zurückgenommen, dass der oben beschriebene Bluttest zur Erkennung von Brustkrebs noch dieses Jahr auf den Markt kommen wird.
Eine unabhängige Prüfkommission hat als Zwischenergebnis unter anderem veröffentlicht, dass der Test zu früh der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, es „Führungsversagen“ und „Machtmissbrauch“ an der Universitätsklinik gab.
Inzwischen sind der Medizin-Dekan der Heidelberger Uniklinik sowie zwei Mitglieder des Vorstandes zurückgetreten. Außerdem wurde dem Direktor der Unifrauenklinik für drei Monate die Lehr- und Forschungserlaubnis entzogen.
BILD veröffentlichte am 21. Februar 2019 einen Artikel über den neuen Bluttest. Der Text basierte auf einer offiziellen Pressemitteilung des Universitätsklinikums Heidelberg, in der der neue Test als „revolutionäre Möglichkeit“ und als „Meilenstein in der Brustkrebsdiagnostik“ bezeichnet wurde, sowie auf einem autorisierten Interview. Der Test wurde am 21.2. außerdem auf dem Gynäkologen-Kongress in Düsseldorf vorgestellt.
Wie geht es mit dem Test nun weiter? Das ist im Moment unklar. Abzuwarten bleibt, was die angekündigten größeren Studien zur Wirksamkeit und Sicherheit des Tests ergeben. Dass diese noch ausstehen, hatte Bild direkt zu Anfang geschrieben (siehe hier). Die Ergebnisse lassen aber weiterhin auf sich warten.
BILD informiert, sobald es neue, fundierte Angaben zum Test gibt.
Sonst hat sich aber nichts geändert. Überschrift, weiterhin: “Warum dieser Test eine Weltsensation ist”.
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13. September: Nun wurde die Berichterstattung auch vom Deutschen Presserat gerügt:
Eine Rüge erhielt BILD.DE für die Veröffentlichung einer Exklusiv-Geschichte unter der Überschrift „Erster Blut-Test erkennt zuverlässig Brustkrebs“ über einen von Heidelberger Forschern entwickelten Brustkrebs-Test. Der Beschwerdeausschuss stellte Verstöße gegen die gebotene Sorgfalt in der Medizin-Berichterstattung (Ziffern 2 und 14 des Pressekodex) fest. Der Artikel über das als „medizinische Sensation“ beschriebene Testverfahren beruhte allein auf einer Pressemitteilung des Universitätsklinikums und Aussagen der beteiligten Forscher und war geeignet, unberechtigte Hoffnungen bei Betroffenen zu wecken. Wie sich später herausstellte, hatten die Forscher den Stand des Testverfahrens positiver dargestellt, als es dem Forschungsstand entsprach. Die Redaktion hatte bei ihrer exklusiven Berichterstattung versäumt, die gemachten Angaben durch weitere Quellen zu überprüfen.
Während die “Bild”-Redaktion zum Busunglück auf Madeira schon mal über die Ursachen spekuliert …
… den Überlebenden auf den Fersen ist …
… und die “Todeskurve von Madeira” besucht …
… wollen wir noch einmal auf die Fotos zurückkommen, die “Bild” und Bild.de zu dem Unfall gezeigt haben und immer noch zeigen. Und vor allem auf die (fehlende) Verpixelung der tödlich verunglückten Personen.
Gleich auf mehreren Fotos waren gestern Abend bei Bild.de Leichen zu sehen. Die Redaktion verzichtete anfangs auf jegliche Unkenntlichmachung. Angehörige dürften ihre Verwandten, die dort auf den Bildern leblos vor dem zerstörten Bus lagen, erkannt haben, vermutlich noch bevor sie von offizieller Seite über deren Tod informiert wurden. Im Laufe des Abends begannen die Bild.de-Mitarbeiter, diese Fotos halbherzig zu verpixeln: Die Gesichter der Verstorbenen wurden unkenntlich gemacht, die Körper und die Kleidung blieben erkennbar. Manche Aufnahmen, auf denen die Leichen ebenfalls zu sehen waren, blieben komplett ohne Verpixelung.
Währenddessen erschien eine überarbeitete Variante des “Bild”-E-Papers von heute. In einer ersten Version spielte der Unfall auf Madeira noch gar keine Rolle, nun war er das Aufmacherthema auf der Titelseite. Auf Seite 3 veröffentlichte “Bild” ein riesiges Foto, das tote Menschen auf dem Gestrüpp vor dem verunglückten Bus zeigt. Während bei Bild.de die ersten Leichen verpixelt wurden, brachte “Bild” das große Foto komplett ohne Unkenntlichmachung:
(Die Unkenntlichmachung stammt von uns.)
Bei Bild.de nahm die Verpixelung anschließend zu. Inzwischen sind dort die Körper nicht mehr zu erkennen. Das “Bild”-E-Paper wurde auch noch einmal aktualisiert — dort sind nun die Gesichter der Leichen verpixelt, mehr nicht.
Vergleicht man dasselbe Unfallfoto, das “Bild” und Bild.de in der Berichterstattung verwenden, fällt außerdem auf, dass “Bild” bei der Blutspur auf dem Dach des Busses nachgeholfen hat:
Als würde das Grauen nicht schon reichen.
Aber zurück zur (fehlenden) Unkenntlichmachung. Wir haben bei der “Bild”-Redaktion nachgefragt, warum Bild.de und “Bild” bei der Verpixelung der Fotos so unterschiedlich vorgegangen sind. “Bild”-Sprecher Christian Senft hat auf unsere Anfrage nicht reagiert.
Dafür hat er aber vor gut einem Jahr auf eine andere Anfrage von uns geantwortet. Wir wollten damals wissen, warum “Bild” das Gesicht eines früheren Entführungsopfers (ein Sohn eines bekannten Unternehmers), das eine geistige Behinderung hat, ohne Verpixelung zeigt, während Bild.de es verpixelt. Christian Senft schrieb darauf lediglich:
herzlichen Dank für den Hinweis, das hat keinen Grund, das Foto wird online wieder entpixelt.
Bei “Bild” finden sie so eine Antwort vermutlich ziemlich cool.
Auf der portugiesischen Insel Madeira ist ein Reisebus verunglückt, zahlreiche Menschen sind gestorben. Die Botschaft in Lissabon sagt, es seien Deutsche unter den Opfern.
Bild.de berichtet aktuell mit vielen Fotos von der Unglücksstelle, darunter auch dieses hier, komplett unverpixelt:
(Die Unkenntlichmachung stammt von uns.)
Auf dem Foto sind Leichen zu sehen. Und anhand der Kleidung dürfte es für Angehörige, mit dem Wissen, dass Verwandte mit einem Bus auf Madeira unterwegs gewesen sind, keine Schwierigkeit sein, diese Verwandten zu erkennen. Es ist nicht auszuschließen, dass sie bei Bild.de vom Tod ihrer Eltern, Großeltern, Geschwister erfahren.
Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!
Nachtrag, 23:38 Uhr: Langsam fangen sie bei Bild.de an, manche Fotos halbherzig zu verpixeln. Andere bleiben bislang unverpixelt, obwohl auch auf ihnen Tote und Schwerverletzte zu sehen sind.
Erzählt irgendjemand Unsinn, ist es immer praktisch, einen Experten zur Hand zu haben, der den Unsinn geraderückt. Bei “Bild” gelten sie ja als Experten für Fußball (“AberderSportteil …!”). Daher sollten wir alle dankbar sein, dass die Redaktion heute den “BILD-Check” im Blatt und bei Bild.de macht:
Drei WM-Titel dank Bayern? Der BILD-Check
Es geht um Behauptungen von FC-Bayern-München-Präsident Uli Hoeneß zur deutschen Fußballnationalmannschaft bei verschiedenen Weltmeisterschaften:
Die Nationalmannschaft hat immer dann ihre erfolgreichsten Phasen, wenn der FC Bayern genügend Spieler liefert.
Und:
Ich denke an die WM-Titel 1974 und 2014, auch 1990 hatte der Kern eine prägende Vergangenheit bei uns.
Das hat sich “Bild” mal genauer angeschaut. WM 1974:
1974 waren es sechs Spieler. Kapitän Franz Beckenbauer, Uli Hoeneß, “Katsche” Schwarzenbeck, Paul Breitner, Gerd Müller und Sepp Maier schossen Deutschland zum Heim-WM-Titel. Und alle sind bei Bayern groß geworden.
Da fehlt schon mal Hans-Josef Kapellmann, der von 1973 bis 1979 beim FC Bayern München spielte. Allerdings, das halten wir “Bild” zugute, kam Kapellmann bei der Weltmeisterschaft nicht zum Einsatz.
WM 1990:
1990 standen nur vier Bayern (Aumann, Pflügler, Augenthaler, Reuter) im Kader. Final-Torschütze Brehme und Kapitän Matthäus wechselten 1988 zu Inter.
Nun könnte man darauf hinweisen, dass Uli Hoeneß extra sagte: “auch 1990 hatte der Kern eine prägende Vergangenheit bei uns”, was auf Brehme und vor allem auf Matthäus zutreffen dürfte. Aber auch ohne die beiden waren es 1990 nicht “vier Bayern” im Kader der Nationalmannschaft, sondern sechs: “Bild” vergisst Jürgen Kohler, der von 1989 bis 1991 in München spielte und bei der Weltmeisterschaft 1990 viermal zum Einsatz kam, darunter auch im Finale; und Olaf Thon, der von 1988 bis 1994 beim FC Bayern München war und immerhin im Elfmeterschießen im WM-Halbfinale traf.
WM 2014:
2014 feierten sechs Bayern den WM-Titel. Neuer, Boateng, Kapitän Lahm, Müller und Schweinsteiger waren Eckpfeiler, Götze traf im Finale zum Titel.
Hier fehlt Toni Kroos, der bis zur WM für den FC Bayern München spielte und erst danach für Real Madrid. Kroos kam in Brasilien bei allen sieben Partien zum Einsatz und schoss zwei Tore.
Bei drei Weltmeisterschaften schafft es die “Bild”-Redaktion, dreimal den Kader nicht richtig durchzuzählen. Sie sind eben echte Experten.
Mit Dank an Gregor G. für den Hinweis!
Nachtrag, 14:29 Uhr: Bei Bild.de haben sie auf unsere Kritik reagiert, die jeweiligen Stellen nachgebessert und am Ende des Artikels diese Anmerkung hinzugefügt:
In einer früheren Version haben wir die Namen Hans-Josef Kapellmann (1974), Jürgen Kohler und Olaf Thon (beide 1990), sowie Toni Kroos (2014) nicht aufgeführt. Der Fehler tut uns leid. Die Redaktion hatte sich auf die jeweilige Mannschaft konzentriert, die im Endspiel auf dem Platz stand. Kroos hatte die Redaktion hierbei schon als Real-Spieler eingerechnet.
Die Begründung, dass die Redaktion “sich auf die jeweilige Mannschaft konzentriert” habe, “die im Endspiel auf dem Platz stand”, kann allerdings nicht der Wahrheit entsprechen. Wie wir bereits geschrieben haben, stand zum Beispiel Jürgen Kohler, den die “Bild”-Medien in ihrer Aufzählung vergessen hatten, im WM-Finale 1990 von Beginn an auf dem Platz. Raimond Aumann und Hans Pflügler, die die “Bild”-Redaktion in ihre Aufzählung aufnahm, spielten hingegen keine einzige Minute im Endspiel.
Nachtrag, 16:43 Uhr: Nun hat Bild.de den Satz “Die Redaktion hatte sich auf die jeweilige Mannschaft konzentriert, die im Endspiel auf dem Platz stand.” ersatz- und kommentarlos gestrichen.
Gestern fand in Finnland die Parlamentswahl statt. Mit Blick auf das vorläufige Endergebnis fasst Bild.de zusammen:
Dazu schreibt die Redaktion:
Finnland gilt als glücklichstes Land der Erde. Mit dem Ergebnis der Parlamentswahl dürften viele Europäer angesichts der bevorstehenden Europawahl aber nicht so glücklich sein.
Die rechtspopulistische Partei Die Finnen schafft es bei der Parlamentswahl weit nach vorne: Sie erhielt 17,5 Prozent der Stimmen und kommt nun auf 39 der 200 Sitze im Parlament.
Und:
Das Abschneiden der Finnen-Partei gilt als Omen für die Europawahl am 26. Mai: Die Finnen-Partei gehört neben der AfD und der italienischen Lega zu den Parteien, die im EU-Parlament eine neue Allianz der Rechtspopulisten bilden wollen.
Wir können uns nicht erklären, wie Bild.de darauf kommt, dass es gestern einen “Rechtsruck” bei der Wahl in Finnland gegeben habe. Die rechtspopulistische PS (“Basisfinnen” oder “Die Finnen”) hat im Vergleich zur vorherigen Parlamentswahl 0,2 Prozentpunkte verloren: 2015 hatte sie noch 17,7 Prozent der Stimmen bekommen, 2011 sogar 19,1 Prozent. Damals gab es wirklich einen “Rechtsruck”: Die PS hatte vor acht Jahren einen Zugewinn von 15,0 Prozentpunkten. Das Wahlergebnis von gestern ist seitdem das schlechteste der Partei. Und damit ist es auch definitiv falsch, wenn der “Deutschlandfunk” dazu schreibt:
Die Rechtspopulisten konnten die Zahl ihrer Sitze damit mehr als verdoppeln.
Tatsächlich hat die PS gestern, trotz des Minus von 0,2 Prozentpunkten, einen Parlamentssitz dazugewonnen und hat nun 39 Mandate.
Aber zurück zum angeblichen “Rechtsruck” von Bild.de. Auch das Ergebnis der anderen größeren finnischen Partei aus dem rechten Spektrum, der konservativen Nationalen Sammlungspartei (KOK), spricht nicht dafür: Sie hat im Vergleich zur Wahl 2015 ebenfalls verloren, minus 1,2 Prozentpunkte. Der größte Verlierer von gestern ist die liberale Zentrumspartei (KESK) mit einem Minus von 7,3 Prozentpunkten. Weil KOK und KESK stärker verloren haben als die PS, ist diese nun zweitstärkste Partei im finnischen Parlament.
Stärkste Kraft ist die Sozialdemokratische Partei (SDP) mit 17,7 Prozent und 40 Parlamentssitzen. Sie hat gestern 1,2 Prozentpunkte und sechs Sitze gewonnen. Das Linksbündnis (VAS) hat 1,1 Prozentpunkte und vier Sitze gewonnen. Größter Gewinner von gestern ist der Grüne Bund (VIHR) mit einem Plus von 3,0 Prozentpunkten und fünf Parlamentssitzen. Wenn also gestern überhaupt irgendetwas in Finnland irgendwohin geruckt ist, dann nach links.
Bringt eine Redaktion einen ganzen Artikel darüber, dass jemand nun in einem bestimmten Gefängnis sitzt, dem “Horror-Knast”, sollte zumindest eine Information stimmen: das Gefängnis, in dem die Person sitzt. Das bekommen sie bei Bild.de leider nicht hin:
Die Redaktion schreibt zum derzeitigen Aufenthaltsort von “WikiLeaks”-Gründer Julian Assange:
Jetzt sitzt Assange in Haft — im berüchtigten Wandsworth-Knast im Süden Londons. Er gilt als “das überfüllteste Gefängnis Englands”. Die offenbar angekratzte Psyche des Wikileaks-Gründers dürfte im Horror-Knast weiter leiden. In den letzten Jahren haben sich hier gleich mehrere Menschen das Leben genommen.
Und in einer Zeile unter einem Foto, das das “HM Prison Wandsworth” zeigt, heißt es:
Knapp 1600 Häftlinge sitzen im Wandsworth-Gefängnis im Süden Londons. Dem bekannten britischen Posträuber Ronald Biggs gelang 1965 aus dem Gefängnis die Flucht
Julian Assange ist allerdings keiner dieser “knapp 1600 Häftlinge”. Er sitzt nicht im Prison Wandsworth, sondern im Prison Belmarsh. Das erzählte der “WikiLeaks”-Chefredakteur Kristinn Hrafnsson, der Assange dort besuchte, der Agentur AP:
“Es gibt dort medizinische Einrichtungen, Zugang zu Zahnbehandlung, würde ich annehmen, und einen Garten, in den man raus gehen kann”, sagte Hrafnsson.
Während Wandsworth ein Gefängnis der Kategorie B ist, zählt Belmarsh zur Kategorie A — und ist damit ein High Security Prison.
Dass Assange nicht in Wandsworth sitzt, sondern in Belmarsh, hätten auch die “Bild”-Leute problemlos recherchieren können: Diese Information stand schon seit mehreren Stunden im Internet, als der fehlerhafte Text bei Bild.de online gegangen ist.
Tatsächlich saß Julian Assange mal im Gefängnis Wandsworth. Das ist allerdings über acht Jahre her.
Mit Dank an Kai B. für den Hinweis!
Nachtrag, 15:12 Uhr: Bild.de hat die Überschrift inzwischen geändert. Dort steht nun: “Emotionaler Appell von Assanges Mutter”. Und im Text:
Jetzt sitzt Assange in Haft — im Gefängnis von Belmarsh im Osten Londons.* Zuvor hatten britische Medien berichtet, der Australier befinde sich im rund 24 Kilometer entfernten Wandsworth-Gefängnis, wo er bereits 2010 neun Tage wegen der Ermittlungen zu einer mutmaßlichen Vergewaltigung in Schweden in Gewahrsam war.
Das Sternchen verweist auf einen transparenten Hinweis, der nun am Ende des Artikels zu finden ist:
* In einer vorherigen Version dieses Artikels hieß es, dass Assange im Gefängnis in Wandsworth sitze. Dies ist nicht korrekt und wurde inzwischen berichtigt. Wir bitten darum, diesen Fehler zu entschuldigen.
“MIT VIDEO”. Und die Quelle dieses Videos ist recht interessant. Bei Bild.de gibt es keine Angaben dazu, woher die Aufnahmen stammen, die die Redaktion zeigt:
Aber im Video gibt es einen optischen Hinweis darauf. Diese kleine halbtransparente graue Ecke …
… ist das Überbleibsel des nicht komplett rausgeschnittenen Wasserzeichens von “Ruptly”:
Die Nachrichtenagentur hatte das Video von Assanges Abtransport exklusiv veröffentlicht, versehen mit dem Hinweis:
MANDATORY ON-SCREEN CREDIT THROUGHOUT: RUPTLY; ONLINE MEDIA MUST CREDIT RUPTLY
*** This file is on request. Please reach out to (…) for access or licensing information ***
Nun ist “Ruptly” nicht irgendeine Nachrichtenagentur. Sie gehört zum Netzwerk des russischen Propagandasenders RT, den die “Bild”-Redaktion wie kaum etwas anderes hasst. Wenn es dort aber ein interessantes Video gibt, bedient sich Bild.de gern, schneidet das Material so zurecht, dass man das Wasserzeichen (fast) nicht mehr sieht, packt das eigene Logo auf die Aufnahmen und schaltet Werbung davor.
Im Januar berichtete “Bild”-Redakteur Julian Röpcke empört, dass das ZDF bei einer Live-Übertragung einer Veranstaltung mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier auf die technischen Dienste von “Ruptly” zurückgriff:
Bild.de bei entsprechenden Videoaufnahmen anscheinend auch nicht.