Es war, laut “Bild”, schon spät, als “Bild”-Reporter Jörg Althoff mit Lukas Podolski in der “In-Bar” “Pacific Times” saß und dem Fußballer “die entscheidende Frage” stellte:
“Lukas, wann kommen Sie zu Bayern?”
Und dann soll sich laut “Bild” Folgendes zugetragen haben:
Der beste und begehrteste deutsche Torjäger nippt am frisch gepreßten Orangensaft. Dann grinst er frech: “Nächstes Jahr!”
Fußballinteressierten dürfte die Brisanz dieser Äußerung sofort klar werden. Schließlich steht Podolski noch bis 2007 beim 1. FC Köln unter Vertrag. Doch es gibt Gerüchte, dass er schon früher gehen könnte — und nach dem, was “Bild” schreibt, sogar noch früher als bisher spekuliert.
Für die ein oder andere Zeitung oder Internetseite war das Grund genug, die Meldung entsprechend weiterzuverbreiten. Und spaßeshalber soll hier mal eine Internetseite kurz zitiert werden:
Allerdings ist es sehr unwahrscheinlich, dass das Blatt eine solche wörtliche Äußerung drucken würde, wenn sie nicht den Tatsachen entspricht.
Äh, nun ja. So wie es aussieht, hat Podolski das mit “nächstes Jahr” tatsächlich gesagt. Aber der Satz ging offenbar noch weiter. Dem “Kicker” sagte Podolski als Reaktion auf den “Bild”-Bericht jedenfalls:
“Ganz so war es nicht. Ich habe auf die Frage, wann ich zu den Bayern komme, gesagt: Nächstes Jahr. Wenn wir mit dem FC hier spielen! Das fiel leider unter den Tisch.”
Und Podolskis Berater Norbert Pflippen hat nicht nur rechtliche Schritte gegen “Bild” angekündigt, er beurteilt den Artikel in “Bild” auch folgendermaßen:
Ach ja, oder besser: Oh je, “Bild” und die Wissenschaft (oder: “Wissenschaft”):
“Bild” vom 6.7., Seite 1
Bevor wir uns um den hanebüchenen UnsinnArtikel in “Bild” kümmern, fassen wir kurz zusammen, was “wir” (sprich: die NASA) getan bzw. “angerichtet” haben — was übrigens genau das war, was die NASA geplant hatte (und was im Vorfeld — aus Gründen, die nichts mit einer Gefährdung der Erde zu tun hatten — nicht unumstritten war): nämlich den Kometen Tempel 1 mit einem etwa 372 Kilogramm schweren Projektil zu beschießen, um so eine Auswurfwolke auszulösen, deren Analyse wissenschaftliche Erkenntnisse über den Aufbau von Kometen und damit möglicherweise über die Ursprünge unseres Sonnensystems bringen soll.
“Bild” vom 6.7., Seite 12
Nun zu den größten Merkwürdigkeiten in “Bild”:
1. Der Komet, Tempel 1, “schießt” nicht zurück, sein Beschuss hat lediglich, wie geplant, eine große Auswurfwolke ausgelöst!
2. Es weiß tatsächlich niemand genau, “was drinsteckt” – Um das herauszufinden wurde der Komet schließlich beschossen!
3. Forscher “fürchten” keine “Bakterien und rätselhafte Substanzen” (vom ziemlich umstrittenen Astrobiologen ChandraWickramasinghe eventuell abgesehen) — Im Gegenteil, Forscher hofften sogar, auf unbekannte Substanzen und organische Verbindungen.
4. Außerdem droht keine “Weltraumseuche wie im Kinofilm ‘Andromeda — tödlicher Staub aus dem All'”! (Der Film hat übrigens inhaltlich weniger mit der NASA-Mission gemein, als mit der “Bild”-Berichterstattung darüber, indem er immer wieder Realität mit Fiktion vermengt — allerdings wesentlich intelligenter als “Bild”.)
5. Und um auch noch die größten Paranoiker zu beruhigen: Autor Attilla Albert selbst schreibt im allerletzten Satz seines Textes:
Diese Kometen-Wolke wird es nie bis zur Erde schaffen. Die Entfernung (134 Mio. Kilometer) ist einfach zu groß.
“Bild”-Chefredakteur Kai Diekmann wird nicht müde, in Kommentaren und Gastbeiträgen zu behaupten, das sogenannte “Caroline-Urteil” des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte bedrohe die Pressefreiheit:
Ob einer trinkt, seine Frau schlägt, sie betrügt, ob er Wasser predigt und Wein säuft, ob also sein privates Verhalten seinen öffentlichen Verlautbarungen entspricht — all dies läßt sich fotografisch kaum noch dokumentieren.
Das ist gelinde gesagt umstritten. Was das “Caroline-Urteil” aber zweifellos untersagt, verschweigt Diekmann: die Veröffentlichung von irrelevanten, heimlich gemachten Fotos aus dem Privatleben von Prominenten. Er verschweigt es aus gutem Grund. “Bild” hält sich nicht an das Verbot.
Am 18. Juni zeigte “Bild” Paparazzi-Aufnahmen von Franziska van Almsick im Urlaub mit ihrem angeblichen neuen Freund. Und während Diekmann so tut, als könnte seine Zeitung wegen des Caroline-Urteils kriminelle Machenschaften und bigottes Handeln nicht mehr dokumentieren, dokumentiert er das völlig unspektakuläre Privatleben einer ehemaligen Leistungssportlerin – gegen ihren ausdrücklichen Willen, womit der “Bild”-Artikel sogar kokettiert:
“Über mein Privatleben sag’ ich nichts mehr.” (Franziska van Almsick)
Mußt du auch nicht, Franzi. Wir haben ja Augen im Kopf.
Nach Angaben der kommerziellen Dementi-Plattform “fairpress” hat das Berliner Landgericht “Bild” nun per einstweiliger Verfügung untersagt, den privaten Alltag van Almsicks zu zeigen. Im Gegensatz zu “Bild” hätten Zeitschriften wie “Bunte”, “BZ”, “Gala” und “Frau im Spiegel” nach Aufforderung freiwillig erklärt, solche Fotos nicht mehr zu zeigen. “Bild” habe erst vom Gericht dazu gezwungen müssen.
Eigentlich sollte der Name “Scientology” bekannt genug sein, um jeden Journalisten zu warnen. Um ihn dazu zu bringen, ein bisschen zu recherchieren, bevor er sich auf ein “exklusives” Interview mit einem bekennenden Scientology-Mitglied einlässt. Damit er nicht durch Unbedarftheit Teil der PR-Maschine einer Organisation wird, die laut Verfassungsschutz ein “gut funktionierendes Unternehmen” ist, “das vor allem das rücksichtslose Gewinnstreben zur Handlungsmaxime erklärt hat und auch danach verfährt” und dessen Praktiken nach einem Urteil des Bundesarbeitsgerichtes 1995 als “menschenverachtend” und für Betroffene “gesundheitsgefährdend” zu werten sind.
“Bild”-Reporter Norbert Körzdörfer hätte vor seinem Besuch bei Tom Cruise nicht viel im Internet recherchieren müssen, um das herauszufinden. Er hätte auch in irgendeinem Archiv nachlesen können, was von der Organisation “Narconon” zu halten ist, deren Center in Oklahoma er mit Cruise besuchte — Körzdörfer nennt es treuherzig ein “Drogen-Rehabilitationszentrum”.
Die geschäftstüchtige Scientology-Sekte verdient zunehmend am Elend von Süchtigen. Der Tarnverein Narconon bietet eine Therapie an, die nach Ansicht von Suchtexperten und Fachärzten nicht nur nutzlos, sondern auch gesundheitsschädlich ist. Ehemalige Narconon-Patienten sprechen von folterähnlichen Ritualen. (…)
Mit untauglichen Methoden versuchen sich Anhänger der weltweiten Psycho-Sekte Scientology (…) im Rauschmittel-Entzug. Das Ergebnis ist meist nur neue Abhängigkeit: Statt Koks oder Heroin verabreicht Narconon die Seelen-Droge Scientology.
Die “FAZ” zitierte 1997 den Bayerischen Innenminister Günther Beckstein:
(…) die [Scientology-]Unterorganisation “Narconon” behaupte, jungen Rauschgiftabhängigen helfen zu können. In Wirklichkeit gehe es darum, die Eltern auszubeuten, sie und ihre Kinder aber einfach fallenzulassen, wenn kein Geld mehr da sei.
Die “Welt”, eine Schwesterzeitung von “Bild”, schrieb 2002, dass der Berliner Drogenbeauftragte bereits 1978 “eindringlich vor Narconon” gewarnt habe:
So bestehe unter anderem die “Gefahr einer irrationalen Anpassung an die hausinterne Hierarchie” des Programms.
Und als der “Spiegel” am 25. April 2005 ein Interview mit Tom Cruise führte (englische Version), kam es zu folgendem Wortwechsel:
Cruise: Ich bin ein Helfer. Ich selbst habe zum Beispiel Hunderten Leuten geholfen, von Drogen loszukommen. Wir bei Scientology haben das einzig erfolgreiche Drogen-Rehabilitationsprogramm der Welt. Es heißt Narconon.
SPIEGEL: Das stimmt nicht. Unter den anerkannten Entzugsverfahren taucht Ihres nirgends auf; unabhängige Mediziner warnen davor, weil es auf Pseudowissenschaft beruhe.
Cruise: Sie verstehen nicht, was ich sage. Es ist eine statistisch erwiesene Tatsache, dass es nur ein erfolgreiches Drogen-Rehabilitationsprogramm gibt in der Welt. Punkt.
SPIEGEL: Bei allem Respekt: Wir bezweifeln das, Mr. Cruise.
Nun aber durfte “Bild”-Reporter Norbert Körzdörfer Tom Cruise besuchen — “exklusiv. Live. In Amerika.” Schon vor zwei Wochen ließ er sich glücklich mit Cruise fotografieren (siehe Ausrisse) und schwärmte außerordentlich vom Treffen mit dem “begehrtesten Mann des Planeten”, dem “Star der Stars, Hollywoods Nr. 1”, einer “Ikone der Jetzt-Zeit”, “mit einer Aura emotionaler Intelligenz”. Jetzt nennt Körzdörfer Cruise u.a. “Ein Mann! Eine Ikone!”, “Hollywoods Mega-Star Nr. 1”, “Mega-Weltstar Nr. 1”, “Mehr Mensch als Star”, “den ‘5-Milliarden-Dollar-Mann’ (Einspielergebnisse)”:
Er kämpft als Vater, Star – und “Scientologe” – gegen Psychopillen für Schüler, gegen Drogen, gegen Kriminalität!
Nur in einer Klammer schreibt Körzdörfer, dass Scientology “in Deutschland vom Verfassungsschutz beobachtet” wird — erklärt aber nicht einmal im Ansatz, warum das so ist und was Scientology überhaupt ist. Dann zitiert Körzdörfer Cruise mit den Worten: “Ich will das Richtige tun. Ich will helfen! Komm mit!” Der Artikel geht wie folgt weiter:
Tom schlüpft in seine beige „Belstaff“-Lederjacke. Ein Jeep bringt uns zum “Narconon”-Center (Drogen-Rehabilitationszentrum).
Tom führt mich. Tom zeigt die Krankenzimmer. Die Helfer. Und die traurigen Augen der Patienten, die freiwillig gekommen sind, um aus ihrer eigenen Drogenhölle auszubrechen.
Diese Augen lächeln, wenn sie Tom Cruise sehen: “80 Prozent dieser Menschen schaffen es, die Drogen zu besiegen… ”
Tom schreitet wie ein Cowboy durch diese Gänge der schmerzenden Hoffnung. Seine Körpersprache atmet Demut. Er lauscht. Ernst. Er preßt seine Lippen zusammen. Er nickt. Er ballt die Faust: “Ihr schafft das!” Seine Augen lächeln zurück.
Tom ist kein Gott. Er ist verdammt menschlich. Er ist der Action-Star seines eigenen Lebens – live: “Es gibt so viel Leid! Ich muß helfen. Wenn ich am Ende des Tages meine Kinder sehe, will ich etwas Gutes getan haben…”
Man könnte nun staunen über die Naivität des “Bild”-Reporters, wenn da nicht ein Wort in diesem Text wäre, das darauf hindeuten könnte, dass er die Vorwürfe gegen “Narconon” sehr wohl kennt. Es ist das scheinbar überflüssige Wort “freiwillig” in dem Satz: “Und die traurigen Augen der Patienten, die freiwillig gekommen sind, um aus ihrer eigenen Drogenhölle auszubrechen.” Man könnte auf den Gedanken kommen, dass Körzdörfer nicht versehentlich, sondern wissentlich Werbung für Scientology macht.
Wir haben die “Bild”-Zeitung heute gegen 14 Uhr um eine Stellungnahme gebeten, aber bislang keine Antwort erhalten. Weiterführende kritische Auseinandersetzungen mit “Narconon” finden sich hier, hier, hier und hier. Danke an Jan T. und andere Hinweisgeber.
Nachtrag 28. Juni. Übrigens hatte auch Christiane F. (“Wir Kinder vom Bahnhof Zoo”) Narconon-Erfahrungen.
Möglich, dass “Bild” auf der Seite eins bloß ein bisschen Werbung für die bei Axel Springer erscheinende “Tier Bild” machen wollte — und dabei sind dann einige Fakten etwas durcheinander geraten. Jedenfalls heißt es dort:
Das klingt zunächst ganz nachvollziehbar, Hundebesitzer aus Berlin zum Beispiel kennen das. Auch dort gilt ein ziemlich weitgehender Leinenzwang. Und im Text in “Bild” steht:
Das Gesetz (gilt bereits in Berlin und Halle) soll heute beschlossen werden.
Und das stimmt leider ebensowenig wie die Überschrift. Tatsächlich gilt in Hamburg nämlich derzeit schon ein Leinenzwang, der dem in Berlin geltenden sehr ähnlich ist (das lässt sich beispielsweise hier und hier nachlesen).
Deshalb verwirrt die Überschrift, die man bei Bild.de für die Werbung den fast wortgleichen Artikel (nur der Hinweis auf Halle und Berlin fehlt) gewählt hat noch mehr:
In Hamburg — Erste deutsche Stadt mit Leinenzwang für Hunde
Das ist natürlich auch Unsinn, wie wir ja schon wissen.
Tatsächlich geht es um folgendes: Die Hamburger Bürgerschaft wird heute beschließen, dass eine neue Hundeverordnung ausgearbeitet werden soll, die einen generellen Leinenzwang für Hunde vorsieht. Das bedeutet, dass alle Hunde überall an der Leine zu führen sind. Nur wer einen sogenannten “Hundeführerschein” macht, kann sich vom generellen Leinenzwang befreien lassen. Und wenn ein solches Gesetz tatsächlich wie geplant im Herbst verabschiedet wird, dann wäre Hamburg zwar immer noch nicht die “erste deutsche Stadt” mit generellem Leinezwang möglicherweise aber die erste deutsche Großstadt.
Vielleicht ist es ja auch kein Wunder, dass sowohl “Bild” als auch Bild-Online hier etwas durcheinander geraten sind. Die “Tier Bild”, auf die “Bild” und Bild.de so freundlich hinweisen, schreibt zwar was von einem “generellen Leinenzwang”, erklärt aber nicht, was das bedeutet .
Mit Dank für den sachdienlichen Hinweis an Stefan R.
Die Presse achtet das Privatleben und die Intimsphäre des Menschen.
So lautet die Ziffer 8 des Pressekodex. Wegen Verstößen dagegen hat der Presserat Anfang Juni zwei nicht-öffentliche Rügen gegen die “Bild”-Zeitung ausgesprochen.
In einem Fall hatte “Bild” mit Namen und Foto über den Unfall eines Arztehepaares berichtet, bei dem die Ehefrau ums Leben kam. Ein öffentliches Interesse an der Identifizierung habe nicht bestanden. “Bild” habe die Geschichte zudem “unangemessen sensationell aufbereitet”. In einem anderen Fall ging es um die Auswirkungen von Hartz IV auf eine Familie. Der Ehemann sei mit der Berichterstattung ausdrücklich nicht einverstanden gewesen, trotzdem nannte “Bild” Namen und Wohnort und zeigte ein Foto.
Am 6. Juni 2004 erschien der erste BILDblog-Eintrag. Das wollten wir feiern. Mit unserer Geburtstagsaktion Macht Reklame für BILDblog!
Zwei Wochen lang hatten wir dazu aufgefordert, uns BILDblog-Postkarten zu schicken – ausgefeilte oder hingekrakelte, ernsthafte oder alberne, hitzige oder coole, Gelbe oder Rote Karten im Format 105 x 148 mm, die für uns werben. Denn: Freundliche Menschen bei CityCard wollen uns die Möglichkeit geben, Gratiskarten mit einem BILDblog-Motiv drucken und verteilen zu lassen.
Und ja: Wir haben Post! Wir haben ausgefeilte und hingekrakelte, ernsthafte und alberne, hitzige und coole, wirre, plakative und rote Karten (undnochvielmehr) bekommen, weshalb es nicht leicht für uns wird, aus den vielen Einsendungen unser Lieblingsmotiv für die CityCard auszuwählen. Aber wir arbeiten dran (und halten euch auf dem Laufenden).
Bis es soweit ist, danken wir allen Einsendern sehr – natürlich auch denen, deren Motive wir nicht veröffentlicht haben!
Und Malcolm danken wir weiterhin für die Briefmarke.
“Wenn alle mitmachen, werden die nächsten vier Jahre ganz sicher so erfolgreich wie die vergangenen vier Jahre.” (“Bild”-Chefredakteur Kai Diekmann am 1.11.2004)
Es ist noch nicht so lange her, da hatte man ja noch rückblickend denken können, zwei Einstweilige Verfügungen gegen “Bild” sowie die Veröffentlichung von zwei Gegendarstellungen und allerhand schlechte Presse in einer einzigen Woche seien vielleicht ein bisschen viel gewesen.
Jetzt, eine Woche später, wissen wir’s besser. Denn hinzugekommen sind inzwischen: eine Unterlassungserklärung (nach der “Bild” künftig nicht mehr, wie geschehen, angebliche Fotos aus der Krankenakte von Gregor Gysi veröffentlichen wird), eine große Gegendarstellung (wonach, wie “Bild” selbst eingesteht, ein Bericht über Claudia Roth “jeglicher Grundlage” entbehrte) sowie weitere zwei Gegendarstellungen (in denen der NDR falscheBerichte zum Eurovision Song Contest richtig stellt).
Ach ja, in der “Süddeutschen Zeitung” stand am Samstag zudem eine Art Ausblick in die Zukunft. Dort nämlich hieß es:
“Die 24. Zivilkammer des Landgerichts Hamburg erließ am Donnerstag auf Antrag von Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt eine einstweilige Verfügung, der zufolge das Blatt einen Bericht über Beförderungen im Berliner Ministerium auf der Titelseite über dem Bruch, also in der oberen Hälfte, gegendarstellen soll.”
So steht es heute in der “Bild”-Zeitung. Aber es stimmt nicht. Richtig ist: “Bild” zeigt Gregor Gysis Gehirn. Genauer gesagt, heißt es in “Bild”:
“Exklusiv für BILD öffnete Prof. Vogel die Krankenakte des Politikers: Wir sehen eine Röntgenaufnahme von Gysis Schädel und eine mehrfarbige Computertomographie.”
Die PDS-Zentrale in Berlin weist uns allerdings darauf hin, dass die abgedruckten Fotos aus Gregor Gysis Krankenakte entgegen der Behauptung von “Bild” “ohne Einverständnis von Gregor Gysi” an die Zeitung gelangt seien. Vielmehr habe sein Arzt “die Schweigepflicht verletzt” und “Bild” mit “unrechtmäßig erlangtem Material” die falsche Schlagzeile gemacht, hieß es bei der PDS. Gysi, so steht es mittlerweile auch in einer Pressemitteilung, werde gegen diese “Einmischung in die unmittelbare Privatsphäre, die nicht hinnehmbar ist”, “die notwendigen rechtlichen Schritte einleiten”.
Nachtrag, 19:50:
Laut Süddeutsche.de ist die “Bild”-Veröffentlichung ein “in vielerlei Hinsicht bizarrer Fall” bzw. “eine jener Geschichten im Zwischenreich der Eitlen und der Jongleure vom Boulevard“. “Bild”-Chef Kai Diekmann wird dort mit den Worten zitiert, es handele sich dabeidabei um “eine Positiv-Geschichte”. Weiter heißt es:
“Nach Darstellung Diekmanns hat das Blatt am Donnerstag voriger Woche mit dem PDS-Politiker über dessen Gesundheitszustand und den Wahlkampf gesprochen.
Weil das Interview nicht sehr sexy war und auch Fotos her sollten, wurde am Sonntag ein Termin mit Gysis Arzt, dem Berliner Neurochirurgen Professor Siegfried Vogel, verabredet (…). Zuvor, so Diekmann, habe Vogel beim Patienten die Erlaubnis eingeholt. Was sonst?
(…) Das eigentliche Presse-Opfer scheint der Professor zu sein, der nach Rücksprache mit Gysi die Krankenakte gezeigt hat.”
Nachtrag, 0:57:
Der “Berliner Kurier” hat nun offenbar mit Siegfried Vogel, Gysis Arzt, gesprochen, was den Fall noch bizarrer macht, als von Süddeutsche.de geschildert. Laut “Kurier” nämlich ist das von “Bild” abgedruckte “angebliche Gysi-Gehirn” nur “ein Foto aus einem Lehrbuch für Gehirnoperationen” und das, was in “Bild” stand, “eine Lüge”, wie der “Kurier” unter Berufung auf Gysi und Vogel schreibt. Vogel jedenfalls wird dort mit den Worten zitiert:
“Herr Gysi hatte mir erlaubt, mit der Zeitung ganz allgemein über seinen Gesundheitszustand zu sprechen. Ich habe aber weder die Akte gezeigt, noch geöffnet, noch haben die Reporter die Akte einsehen können. Was in der Zeitung als Akte ausgegeben wird, ist nur die Tüte, in der sich die Röntgenbilder befanden. Und das Foto, das angeblich Gysis Gehirn zeigen soll, ist ein Foto aus einem Lehrbuch. Es ist nicht Gysis Gehirn. Ich berate jetzt mit Gysi, wie ich gegen diese Lügen vorgehen kann und werde.”
Und laut Nachrichtenagentur dpa, die (siehe n-tv.de) den Arzt ebenfalls dahingehend zitiert, “es sei Material gewesen, anhand dessen er in einem Gespräch mit einer ‘Bild’-Reporterin Funktionsweisen eines Gehirns erläutert habe”, widersprach dem nun wieder ein “Bild”-Sprecher:
“Nach dessen Angaben waren einer Reporterin und einem Fotografen des Blattes die Aufnahmen als Fotos von Gysis Gehirn vorgelegt worden. Der Fotograf habe sie dann abgelichtet.”
Nachtrag, 25.6.2005:
Mittlerweile hat “Bild”, so jedenfalls steht es in einer Pressemitteilung der Axel Springer AG, Gysis Arzt “anwaltlich zur Abgabe einer strafbewehrten Unterlassungserklärung sowie zum Widerruf aufgefordert.”