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Liest “Bild” etwa keine “BamS”?

Am Freitagabend hielt Helmut Kohl im sächsischen Meißen einen Vortrag, zu dem ihn “seine neue Lebenspartnerin” begleitete, woraufhin “Bild” heute schreibt:

“Für Dr. Maike Richter war es der erste offizielle Auftritt an der Seite des Altkanzlers.”

Das ist lustig. Oder falsch. Denn nachdem “Bild” bereits am 23. April aufgeschrieben hatte, dass Kohl ohnehin “immer öfter” zusammen mit Richter “in Berliner Restaurants oder bei Ausstellungen und anderen öffentlichen Gelegenheiten” zu sehen gewesen sei, hieß es in der “BamS” vom 24. April ausdrücklich:

“Den ersten offiziellen Auftritt an seiner Seite hatte sie zu Kohls 75. Geburtstag im Deutschen Historischen Museum in Berlin.”

PS (und weniger lustig): Über Kohl und Richter heißt es in “Bild” ausdrücklich, die beiden würden sich schon länger kennen, “suchen aber keine Öffentlichkeit”. Ein Hinweis, der (angesichts der Tatsache, dass die beiden ihren “kurzen Moment der Zweisamkeit”, festgehalten vom Hochzeitsfotografen des “Bild”-Chefredakteurs, heute auf der Titelseite bereitwillig mit Millionen “Bild”-Lesern teilen) irgendwie albern klingt, andernorts aber erstaunlicherweise völlig fehlt.

Eine Woche mit “Bild”…

“Qualität kommt von quälen. Und das erwarte ich von uns. Jeden Tag, immer wieder.” (“Bild”-Chefredakteur Kai Diekmann am 1.11.2004)

… und wir fassen zusammen: Das Bundesministerium für Gesundheit und Soziale Sicherheit erwirkte eine Einstweilige Verfügung gegen “Bild”, Sven Martinek erwirkte eine Gegendarstellung bei Bild.de, Giovanni di Lorenzo erwirkte eine Einstweilige Verfügung gegen “Bild”, der Carlsen-Verlag erwirkte eine Gegendarstellung in “Bild”, und das war noch längst nicht alles.

(Wird fortgesetzt.)

Nachtrag, 13.6.2005:
Laut “Welt am Sonntag” “meint” der “Bild”-Chef Kai Diekmann, die Einstweilige Verfügung von Giovanni di Lorenzo “sei bei ihm noch nicht angekommen”.

  

Schwarze Tage für “Bild”

10.6.2005
“Bild” muss eine Gegendarstellung des Carlsen-Verlags veröffentlichen.
“Bild” hatte unter ein frei erfundenes Buchcover geschrieben, so solle der 6. “Harry Potter”-Band aussehen.

10.6.2005
Giovanni di Lorenzo erwirkt eine Einstweilige Verfügung gegen “Bild”.
“Bild” hatte gegen den Willen di Lorenzos über dessen Privatleben berichtet.

9.6.2005
Bild.de muss eine Gegendarstellung von Sven Martinek veröffentlichen.
Bild.de hatte den Eindruck erweckt, Martinek hätte seit 8 Monaten seine Alimente nicht gezahlt.

7.6.2005
Das Bundesministerium für Gesundheit und Soziale Sicherheit erwirkt eine Einstweilige Verfügung gegen “Bild”.
“Bild” hatte durch ihre Berichterstattung den Eindruck erweckt, dass die Entscheidung, 126 Mitarbeiter zu befördern, mit Blick auf die anstehenden Neuwahlen getroffen worden sei.

13.5.2005
Bild.de muss eine Gegendarstellung von Claudia Roth veröffentlichen.
“Bild” und Bild.de hatten den Eindruck erweckt, es gäbe eine Kausalität zwischen Roths Beziehung zu Volker Schäfer und dessen Beauftragung durch das Bundesamt für Strahlenschutz.

10.2.2005
Bild.de muss eine Gegendarstellung von Matthias Reim veröffentlichen.
“Bild” hatte Behauptungen über Reim aufgestellt, die, wie die Redaktion selbst zugab, jeglicher Grundlage entbehrten.

23.12.2004
Bild.de muss eine Gegendarstellung/Richtigstellung von Nadeshda Brennicke veröffentlichen.
Bild.de hatte ein Foto von Brennicke veröffentlicht, das sie, wie die Redaktion selbst zugab, nicht nach ihrer Busen-OP zeigte.

28.10.2004
“Bild” muss eine Gegendarstellung von Oliver Pocher drucken.
“Bild” hatte, wie die Redaktion selbst zugab, den falschen Eindruck erweckt, Pocher würde aktuell einen Kinderschänder schützen.

13.7.2004
“Bild” druckt eine (zuvor schon bei Bild.de veröffentlichte) Richtigstellung zu Jürgen Trittin.
“Bild” hatte, wie die Redaktion selbst zugab, fälschlicherweise behauptet, es werde gegen Trittin wegen der nicht ordnungsgemäßen Entsorgung eines verseuchten Dachgebälks ermittelt.

14.6.2004
Bild.de muss eine Richtigstellung zu Jürgen Trittin veröffentlichen.
Bild.de hatte, wie die Redaktion selbst zugab, fälschlicherweise behauptet, es werde gegen Trittin wegen der nicht ordnungsgemäßen Entsorgung eines verseuchten Dachgebälks ermittelt.

28.5.2004
“Bild” muss eine Gegendarstellung von Jürgen Trittin veröffentlichen.
“Bild” hatte behauptet, es werde gegen Trittin wegen der nicht ordnungsgemäßen Entsorgung eines verseuchten Dachgebälks ermittelt.

(Nicht vollständig, wird aber fortlaufend aktualisiert.)

“Bild” bastelt sich einen Christen-Test

Schwer zu sagen, ob es positiv oder negativ gemeint ist, wenn ein papsttreues Blatt wie “Bild” über jemanden schreibt, der “Heilige Geist” sei in ihn gefahren. Getroffen hat es jedenfalls Außenminister Joschka Fischer:

Um Himmels willen! Ist etwa der Heilige Geist in Außenminister Joschka Fischer (Grüne) gefahren?

Erst prüften seine Diplomaten an der Botschaft Tirana (Albanien) die Visa zu lasch, jetzt wird’s hammerstreng!

So stand es gestern im Text zu dieser Geschichte in “Bild”:

Und was Joschka Fischer angeblich wissen will, stand da auch. Insgesamt 14 Fragen hatte “Bild” abgedruckt, in Form eines Fragebogens. Recht offiziell wirkt das Ganze, schließlich steht sogar ein Briefkopf der Deutschen Botschaft in Tirana drüber. Und im “Bild”-Text dazu heißt es:

Nur wer den Christen-Test besteht, soll zum Weltjugendtag nach Köln einreisen dürfen.

Fragt man allerdings beim Auswärtigen Amt nach, erfährt man, dass der Fragebogen nicht existiere. Er sei nicht geplant, geschweige denn jemals ausgegeben worden. Nicht vom Auswärtigen Amt, nicht von der Deutschen Botschaft in Tirana, noch von irgendeiner anderen Botschaft. Außerdem werde es auch in Zukunft keinen derartigen Fragebogen geben, und auch keine ähnlichen Fragebögen. Die Fragen, die “Bild” in ihrem “Christen-Test” stellt, stammten aus Papieren des Auswärtigen Amtes, die lediglich “interne Überlegungen” darstellten, wie man überprüfen könne, ob Visumsbewerber auch tatsächlich nach Deutschland einreisen wollen, um am Weltjugendtag teilzunehmen.

Und zumindest die Tatsache, dass es den Bogen, den “Bild” abdruckt gar nicht gibt, die ist “Bild” sogar bekannt. Man findet dort nämlich folgende Bemerkung:

(*) zusammengestellt aus vier unterschiedlichen Fragebögen des Auswärtigen Amtes

Wobei “finden”, was die “Bild”-Druckausgabe betrifft, etwas zu einfach klingt, man muss schon ernsthaft danach suchen. Das Sternchen, das auf die Bemerkung hinweisen soll, steht zwar, wie auch online, am Titel der Lösung, allerdings steht die Lösung im Blatt auf dem Kopf. Und die eigentliche Aufklärung darüber, wo “Bild” die “Christen-Test”-Fragen her hat, die steht dann eben am Ende der Auflösung — also auch auf dem Kopf.

Fassen wir das Ganze noch mal zusammen und folgen dabei der Darstellung des Auswärtigen Amtes (AA): “Bild” verfügt über Informationen aus verschiedenen Papieren des AA, die “interne Überlegungen” wiedergeben. Diese stellt “Bild” dann so zusammen, dass sie den Anschein erwecken, sie stammten aus einem einzigen existierenden Fragebogen. Außerdem montiert “Bild” einen Titelkopf der Deutschen Botschaft in Tirana über den (nicht existenten) Fragebogen (und außerdem offenbar noch das Wort “Antragsteller” dort hinein) und gibt dem “Christen-Test” so einen offiziellen Charakter und den Anschein, als werde er tatsächlich eingesetzt. Weiterhin verschleiert “Bild” die wahre Herkunft der Fragen und schreibt einen Text dazu, in dem auch nochmal der Eindruck erweckt wird, dieser “Christen-Test” existiere tatsächlich.

“Bild” weiß: Wer wirklich brisante Dokumente veröffentlichen will, muss sie sich schon selber zusammenbasteln. Aber das ist ja bekannt.

Mit Dank an Ron und andere für die sachdienlichen Hinweise.

BILDblog wird 1

Heute vor einem Jahr erschien der erste BILDblog-Eintrag. Wir haben Geburtstag!

Das wollen wir feiern. Freundliche Menschen bei CityCard wollen uns die Möglichkeit geben, Gratispostkarten drucken und verteilen zu lassen. Zum Geburtstag wünschen wir uns von Ihnen und Euch das passende Motiv dafür: ausgefeilte oder hingekrakelte, ernsthafte oder alberne, hitzige oder coole, Gelbe oder Rote Karten, die für uns werben (und eigentlich gar nichts mit unserem Geburtstag zu tun haben sollen, sondern mit BILDblog an sich).

Macht Reklame für BILDblog! Die besten Entwürfe zeigen wir hier. Und unser Lieblingsmotiv wird dann eine CityCard im Format 105 x 148 mm. Einsendungen bitte bis 19. Juni an [email protected]. Wir freuen uns drauf!

Mit großem Dank an Malcolm für die Briefmarke.

Wir haben Post!
Wir haben schon wieder Post!
Wir haben noch mehr Post!

Exklusiv: Mit “Bild” auf Recherche-Tour

(Mai 2005, Infodesk im Hessischen Hauptstaatsarchiv, Mosbacher Str. 55, 65187 Wiesbaden)*

Auskunftspersonal: Guten Tag, kann ich Ihnen helfen?

BILD-Reporter: Ja, wir hätten da mal ‘ne Frage. Und zwar haben wir da mal vor fünf Jahren, am 25.5.2000 oder so, in der ARD diese Dokumentation über Rosemarie Nitribitt gesehen gehabt. Die lief damals in der Reihe “Die Großen Kriminalfälle”. Ham Sie vielleicht auch gesehen. Hatte über dreieinhalb Millionen Zuschauer, wurde seitdem auch schon öfter wiederholt…

Auskunftspersonal: Ich erinnere mich. Der Film war doch von der Helga Dierichs vom Hessischen Rundfunk. Wenn ich mich richtig erinnere, hatte sie damals sogar eine Schutzzeitverkürzung für die Einsichtnahme in unsere Akten hier bekommen – und außerdem im Keller eines Kripobeamten überraschenderweise Briefe, Postkarten und ein Tonband voll sehnsüchtiger Liebesbekenntnisse von Harald von Bohlen und Halbach gefunden. Hatte der Mann die Nitribitt nicht “Mein Fohlen” genannt? (Kichert leise.) Tolle Recherche damals…

BILD-Reporter: Ach? Na, jedenfalls wir wollten mal fragen, ob…

Auskunftspersonal: Bohlen mit “H”, Halbach mit einem “L” war das, richtig?

BILD-Reporter: Äh, ja. Die Unterlagen müssten hier bei Ihnen…

Auskunftspersonal: Ja, ja. Frau Dierichs hat sie damals an uns weitergeleitet. Da wollen seitdem immer mal wieder Journalisten Einsicht nehmen. Und weil die Schutzfrist inzwischen abgelaufen ist, dürfte das auch für Sie jetzt kein Problem sein. Warten Sie, ich schau mal… (Schaut ins Dokumentationssystems Ledoc.) Ah, ja… Wollen Sie’s hier im Lesesaal durchschau’n? In den Lesesaal bestellte Archivalien werden nach Möglichkeit innerhalb einer Stunde ausgehoben und vorgelegt…
*) sinngemäße Rekonstruktion (leicht fiktionalisiert)
 
Und so kam es, dass der Anfang einer großen “Bild”-Story über “Deutschlands bekannteste Hure” gestern so lautete:

Jetzt aufgetauchte Liebesbriefe enthüllen die pikante Beziehung zwischen Rosemarie Nitribitt und dem Millionär Harald von Bohlen und Halbach. 48 Jahre war es nur ein Gerücht, jetzt haben BILD-Reporter die eindeutigen Dokumente gefunden
(Hervorhebungen von uns.)

Mit Dank an das Hessische Hauptstaatsarchiv für die freundliche und sachdienliche Unterstützung – sowie Thomas H. und Ron für den Link.

“Bild” macht Sonne geil

Im Juli vergangenen Jahres veröffentlichten Forscher von der Wake Forest Universität eine Studie über den Effekt von ultravioletter Strahlung. 14 Testpersonen ließen sich auf zwei Sonnenbänken bräunen. Eine enthielt ultraviolette Strahlung ähnlich dem Sonnenlicht, die andere nicht. Das Ergebnis: Nach dem Sonnenbad mit UV-Licht waren die Probanden entspannter als nach dem ohne UV-Licht. Die Forscher sahen in diesem Entspannungs- und Wohlfühleffekt eine Erklärung dafür, warum Menschen trotz der bekannten Gesundheitsgefahren immer wieder das Sonnenbad suchen. Sie vermuteten, dass das UV-Licht Glückshormone, Endorphine, im Körper freisetzt.

Spannende Studie? Nicht spannend genug für “Bild”. Dort lautet die Überschrift und die Kernaussage:

Sonne macht geil!

Neben eine entsprechende Illustration schreibt “Bild”:

Bianca (24) reißt sich das Röckchen vom Leib – und kann doch nichts dafür. Die Sonne ist stärker als sie: Das Licht macht uns alle geil, US-Forscher haben es jetzt bewiesen.

(Das Wort “jetzt” ist hier in seiner üblichen “Bild”-Bedeutung als Ausdruck für einen unbestimmten Zeitpunkt in der ferneren Vergangenheit zu verstehen.)

Am Ende der Studie meinten 95 Prozent: Das UV-Licht ist einfach besser. Sie fühlten sich glücklicher, entspannter — und hatten Lust auf Flirts und Sex. Sonnenlicht setzt im Gehirn das Glückshormon Endorphin frei, kurbelt dazu die Produktion von Sexualhormonen an. Wir fühlen uns tatsächlich geiler!

Hallo? Wo kommt plötzlich der ganze Sex her? Nicht aus der Studie jedenfalls. Endorphine werden zwar generell mit der Produktion von Sexualhormonen in Verbindung gebracht. Aber der Zusammenhang zwischen UV-Licht und Endorphinen war bei der Studie nur eine Theorie, nicht Teil der Untersuchung. Die offizielle Pressemitteilung zitiert den Forschungsleiter Steven Feldman so:

Weil wir die Endorphine nicht gemessen haben, wissen wir nicht sicher, dass diese Substanzen für das Phänomen verantwortlich sind.

Sagen wir es direkt: Die Wahrheit war “Bild” einfach nicht geil genug.

Danke an Stefan R. für den sachdienlichen Hinweis!

Warum “Bild” einen ARD-Mann lobt

Ja, das sah natürlich ein bisschen komisch aus. Da schreiben wir am Mittwoch, dass die “Bild”-Zeitung eigentlich jede Gelegenheit nutzt, blind (und mit falschen Argumenten) auf ARD und ZDF einzuprügeln, und wer ist am Donnerstag “Gewinner des Tages” in “Bild”? ARD-Moderator Jörg Pilawa. Einfach so, weil er erfolgreiche Sendungen macht.

Mensch, dachten wir, vielleicht ist “Bild” gar nicht so. Vielleicht teilen die die Welt gar nicht so streng in Freund und Feind, wie wir glauben. Vielleicht denken die doch nicht nur in Kampagnen. Vielleicht kann da sogar ein ARD-Moderator einfach mal gelobt werden, weil man ihn gut findet. Obwohl er bei der bösen ARD ist. Ohne irgendeinen blöden Hintergedanken.

Dachten wir. Bis wir gesehen haben, wer für das neue “Volks-Bausparen” von Bild.de wirbt.

Einmal dürfen Sie raten.

Pennen mit “Bild”

Am Montag erklärte “Bild” RTL zum “Gewinner des Tages”. Die Begründung:

Als SPD-Chef Franz Müntefering um 18.28 Uhr Bundestags-Neuwahlen ankündigte, übertrug nur der Privat-Sender RTL dieses Ereignis live. Die gebührenfinanzierten ARD und ZDF verschnarchten die politische Sensation, brachten erst später Zusammenfassungen.

BILD meint: Mit den Öffentlich-rechtlichen pennen Sie in der ersten Reihe!

Nein, so war es nicht. Das mit dem Verschnarchen stimmt zwar, passierte aber auch RTL. Müntefering begann seine Rede — wie “Süddeutsche Zeitung” und “Berliner Zeitung” berichten — nämlich schon um 18.20 Uhr, und die entscheidenden Worte sagte er um 18.24 Uhr. Live zu sehen waren sie weder bei ARD und ZDF noch bei RTL. Erst um 18.28 Uhr schaltete der Sender zu seinem Berliner Korrespondenten, der dann erklärte, was gerade passiert war.

Und diese Minutenzählerei könnte einem natürlich völlig egal sein, wenn hinter dem Fehler von “Bild” nicht System stünde: Wenn es darum geht, auf die Öffentlich-Rechtlichen zu schimpfen, nimmt “Bild” es einfach mit der Wahrheit nicht so genau (vgl. hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier oder hier).

Allgemein  

Keiner stoppt “Bild”

“Bild” ist eine sehr moralische Zeitung. Sie hat Wertevorstellungen, die man teilen kann – aber nicht muss. Das ist so.

Im vergangenen Sommer berichtete “Bild” über die 14-jährige Anne, die von zuhause auszog, um mit ihrem 42-jährigen Freund zusammenzuleben. Die Mutter war verzweifelt, “Bild” witterte einen Skandal und berichtete mehrere Tage empört über Details des Falls. Während “Bild” berichtete, kehrte Anne zu ihrer Mutter zurück. “Bild” schien zufrieden, der Skandal beendet.

Bis zum vergangenen Montag. “Bild” fand heraus, dass Anne, inzwischen 15 Jahre, zu ihrem Freund zurückgekehrt ist und fragte:

“Was treibt die kleine Anne (15) nur immer wieder in die Arme dieses tätowierten Liebesmonsters? Und warum unternehmen die Behörden nichts? Es ist ein Skandal.”

Protokoll eines Behörden-Skandals: Ihre Liebe ist verboten! Aber keiner tut etwas dagegen

“Bild” schrieb weiter, der 42-Jährige hätte Anne “geschlagen, geschwängert, die Jugend geraubt”. Weder Polizei noch Jugendamt würden etwas dagegen unternehmen:

“Die Polizei ist machtlos. (…) Das Jugendamt gibt auf.”

Am Dienstag schilderte “Bild” die Situation unter der Überschrift “Warum stoppt keiner diese verbotene Liebe?” noch drastischer:

“Die kleine Anne wurde von ihrem Liebhaber Manfred W. geschlagen und geschwängert, sie muß seinen kleinen Sohn Justin (19 Monate) großziehen, putzt für ihn, geht kaum noch zur Schule (…). Die Behörden reden sich raus, berufen sich auf ihre Vorschriften.”

Außerdem fragte die Zeitung:

“Warum tut die Polizei eigentlich nichts? Sex zwischen einem Erwachsenen und einer 15jährigen ist laut Paragraph 182 verboten.”

Das stimmt nicht. Entgegen der Auffassung von “Bild” verbietet Paragraph 182, Abs. 2 den Geschlechtsverkehr zwischen Jugendlichen und Personen über 21 Jahren nicht grundsätzlich, sondern nur dann, wenn der Erwachsene “die fehlende Fähigkeit des Opfers zur sexuellen Selbstbestimmung ausnutzt”.

Weder die Staatsanwaltschaft Cottbus noch das zuständige Jugendamt gehen davon aus, dass das in diesem Fall passiert ist. Wie die Staatsanwaltschaft bestätigt, war der 42-Jährige zwar wegen Missbrauchs der 15-Jährigen im vergangenen Jahr angezeigt worden. Anne bestritt den Missbrauch: Sie habe freilwillig mit dem Mann geschlafen. Das Verfahren wurde eingestellt.

Marion Losehand vom zuständigen Jugendamt sagt, es gebe keine Möglichkeit, Anne dazu zu zwingen, sich von ihrem Freund fernzuhalten, auch wenn das die Mutter gerne sähe. Das Jugendamt stehe mehrmals monatlich in Kontakt mit Anne, ihrer Mutter und dem 42-Jährigen. Es gebe kein Indiz dafür, dass Anne gezwungen werde, bei dem Mann zu bleiben. Sie hat sich offenbar aus freiem Willen dazu entschieden.

Man kann damit – wie “Bild” – nicht einverstanden sein, gesetzlich “verboten” – wie “Bild” behauptet – ist daran aber nichts.

Das ist das eine. Das andere ist, dass “Bild” den Eindruck erweckt, sie wäre im Gegensatz zu den Behörden an Annes Wohlergehen interessiert. Der Zeitung macht es aber nichts aus, umfassend über Anne zu berichten, in ihrer Privatsphäre herumzuschnüffeln, sie beim Einkaufen auf der Straße zu fotografieren, das Foto anderntags in der Zeitung abzudrucken und die Situation für die 15-Jährige damit noch zu verkomplizieren – bereits zum zweiten Mal.

Dass sich inzwischen nicht nur “Bild”-Reporter, sondern auch das Fernsehen für Annes private Angelegenheit interessiert, “tut dem Fall nicht gerade gut”, so Losebach vom Jugendamt.

Vielleicht sollte die 15-Jährige tatsächlich mal in Schutz genommen werden. Fragt sich bloß, vor wem alles.

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