1. Verleger bekommen Hilfe vom Staat (taz.de, Anne Fromm)
Die Große Koalition will die Sozialabgaben für Zeitungszusteller senken, „zur Sicherung der bundesweiten Versorgung mit Presseerzeugnissen“. Das Steuergeschenk an die Verlage muss jedoch finanziert werden und das führt zur Frage: Wer zahlt die Zeche? Der Steuerzahler oder gar die Zeitungsboten selbst? Und was ist generell von der Idee zu halten?
2. Gemeinsame Plattform von ARD und Verlagen (deutschlandfunk.de, Daniel Bouhs)
Der BR-Intendant und aktuelle ARD-Vorsitzende Ulrich Wilhelm denkt über eine gemeinsame Plattform mit Inhalten von Öffentlich-Rechtlichen und Verlagen nach. Das Ziel: Sich mit dieser Art “Super-Mediathek” von YouTube, Facebook und Co. zu emanzipieren. Zeitungsverlegerchef Döpfner, sonst im Dauertwist mit den Öffentlich-Rechtlichen, gefällt die Idee. Das Projekt ist jedoch sehr ambitioniert, um es zurückhaltend zu formulieren und weist zahlreiche Schwierigkeiten auf. Einige davon hat der Journalist Martin Hoffmann in einem Twitter-Thread zusammengefasst.
3. Faktencheck: Die vom „Rheinneckarblog“ erfundene Terror-Story ist kein „Gonzo-Journalismus“ (correctiv.org, Caroline Schmüser)
Der „Rheinneckarblog“ meldete am Wochenende einen „massiven Terroranschlag in Mannheim“. Rund 50 Angreifer hätten mit Macheten und anderen Messern verschiedene Feste in der Stadt gestürmt, und für ein „Blutbad apokalyptischen Ausmaßes“ gesorgt. Später stellte sich heraus: Die Geschichte war frei erfunden. Der Verdacht liegt nahe, um zahlende Abonnenten zugewinnen, denn Seitenbetreiber Prothmann hatte an strategischer Stelle eine Paywall eingerichtet. Prothmann gibt als Rechtfertigung für die Aktion an, es habe sich um „Gonzo-Journalismus“ gehandelt. „Correctiv“-Autorin Caroline Schmuser erklärt, warum dies keineswegs der Fall ist.
4. Radikal und islamfeindlich (faktenfinder.tagesschau.de, Sylvia Stöber)
Donald Trump hat sich als neuen Nationalen Sicherheitsberater einen berühmt-berüchtigten Falken in die Regierung geholt. Der erzkonservative Militarist John R. Bolton befürwortete nicht nur den Irak-Krieg, er ist auch gegen das Iran-Abkommen und unter Umständen für einen Präventivschlag gegen Nordkorea. Und er leitet einen Think Tank, der unter anderem Desinformation über Deutschland verbreitet. Sylvia Stöber dröselt die Verbindungen und Verwicklungen des neuen Sicherheitsberaters auf.
5. AfD im Bundestag: Mehr als jeder dritte Abgeordnete offenbar in Facebook-Gruppen mit rassistischer Hetze (motherboard.vice.com, Sebastian Meineck)
Nach einer „Motherboard“-Analyse sind offenbar mehr als ein Drittel aller AfD-Bundestagsabgeordneten Mitglied rassistischer Hetzgruppen auf Facebook. Sebastian Meineck hat sich in die braunen Ecken des Netzwerks begeben und Partei und Abgeordnete mit ihren Mitgliedschaften konfrontiert. Weiterer Lesetipp: Wie aus Falschnachrichten Fake-News werden (golem.de, Friedhelm Greis) über die Taktik von Rechtspopulisten, schlecht recherchierte Meldungen klassischer Medien für sich auszunutzen.
6. “Krone”-Kolumnist Jeannée muss sich “Sudelfeder” nennen lassen (diepresse.com)
Der österreichische Boulevardjournalist Michael Jeannée teilt in seinen Kolumnen gerne aus, kann aber augenscheinlich nicht viel einstecken. Wegen der Bezeichnungen „Sudelfeder“ und “Promille-Schreiber” zog er vors Gericht. Dies urteilte: Die erste Zuschreibung ist erlaubt, die zweite nicht, da kein “ausreichendes Tatsachensubstrat“. Die Prozessbeteiligten haben Rechtsmittel eingelegt: Nun darf sich das Wiener Oberlandesgericht mit Sudelfeder und Promille-Schreiber befassen.
Gestern Abend veröffentlichte Bild.de einen Artikel mit dieser Überschrift:
Da könnte man ja fast denken, dass Heinz-Peter Meidinger, der Präsident des “Deutschen Lehrerverbandes”, in seinem Interview mit der “Bild”-Redaktion gesagt hat, dass “unsere Schulen” “außer Kontrolle” sind. Nur hat er das nicht. Auf die Frage, was die Folgen von (Gewalt-)Problemen an deutschen Schulen seien, sagt Meidinger:
Meidinger: “Manche Schulen werden inzwischen von privaten Wachdiensten beschützt. Sie sollen in den Gebäuden, auf den Schulhöfen und an den Eingängen für Sicherheit sorgen. Das ist zwar gleichbedeutend mit einer Kapitulation der Pädagogik, aber zum Teil auch nachvollziehbar, denn immer wieder bringen Schüler Messer oder Reizgas-Sprays mit in die Schule. Wenn wir bei der Integration in diesen Problembezirken keine Fortschritte machen, drohen amerikanische Verhältnisse. Und an einigen Brennpunkt-Schulen in Problembezirken laufen wir Gefahr, dass die Situation außer Kontrolle gerät. Das dürfen wir nicht zulassen.”
Wir laufen Gefahr, “dass die Situation außer Kontrolle gerät”, “an einigen Brennpunkt-Schulen in Problembezirken”. Sie ist laut Meidinger noch nicht “außer Kontrolle”. Vor allem nicht flächendeckend an “unseren Schulen”.
So schnell verdreht die Bild.de-Redaktion eine Aussage und lässt es für eine gut klickende Überschrift so wirken, als herrsche in den Klassenzimmern und auf den Pausenhöfen im Land vornehmlich Chaos.
Aus der darauffolgenden Antwort Meidingers macht Bild.de gleich die nächste akrobatische Verrenkung:
Hat die Flüchtlingskrise die Lage an den Schulen noch einmal verändert?
Meidinger: “Es gab schon vorher massive Integrationsprobleme in einer Reihe von Brennpunkt-Regionen. Durch den Zustrom nach 2015 hat sich aber der Problemdruck noch einmal verschärft.”
Diese Aussage vermischt die Redaktion mit jener zu den “amerikanischen Verhältnissen”:
Auch hier: Heinz-Peter Meidinger sagt lediglich, es “drohen” “amerikanische Verhältnisse”, “wenn wir bei der Integration in diesen Problembezirken keine Fortschritte machen”. Er sagt nicht, dass sie vorherrschen. Und er bringt sie auch nicht direkt mit Flüchtlingen in Verbindung.
Nun könnte man einwenden, dass es sich ja nur um eine kleine Dachzeile ganz oben im Artikel handelt. Sie ist allerdings von großer Bedeutung, denn diese Zeile wird in der Regel als Überschrift angezeigt, wenn man den Bild.de-Artikel bei Facebook teilt.
Und wem könnte eine solche (hingebogene) Aussage wohl besonders gut gefallen?
Zum Beispiel Nicolaus Fest, der früher mal stellvertretender Chefredakteur bei “Bild am Sonntag” war, dort auf übelste Weise gegen den Islam feuerte und jetzt Sprecher der AfD Berlin Charlottenburg-Wilmersdorf ist:
Oder Andreas Bleck, der für die AfD im Bundestag sitzt:
1. Cambridge Analytica: Mehrere Untersuchungen angekündigt, mögliche Billionenstrafe für Facebook (heise.de, Martin Holland)
“Cambridge Analytica” steht mal wieder im medialen Fokus. Die Datenanalysefirma, die mit Microtargeting bei Facebook angeblich Donald Trump ins US-Präsidentenamt gebracht haben soll, könnte über viel mehr Informationen zu viel mehr Facebook-Profilen verfügen als bisher bekannt — die Rede ist von 50 Millionen Nutzerkonten. Während die Erhebung der Daten wohl legal war, soll die Weitergabe an und die Nutzung durch “Cambridge Analytica” illegal gewesen sein. All das kam nun raus, weil ein Whistleblower im “Guardian” und bei der “New York Times” ausgepackt hat. In seiner Geschichte spielen auch Trumps früherer Berater Steve Bannon und Russland eine wichtige Rolle. Jürgen Hermes hat sich auf Grundlage der aktuellen Entwicklungen noch einmal angeschaut, ob “Cambridge Analytica” wirklich zur individuell passgenauen Beeinflussung fähig ist, und ist skeptisch. Die Enthüllungen rund um das Datenunternehmen gehen unterdessen weiter: Der britische Sender “Channel 4” hat mit versteckter Kamera Vertreter von “Cambridge Analytica” gefilmt, die behaupten, sie könnten Politikern mit Hilfe von Bestechung und ukrainischen Sexarbeiterinnen Fallen stellen und so Einfluss auf Wahlen nehmen.
2. Putins Propagandasender verbucht Erfolg in Deutschland (welt.de, Martin Niewendick)
Der russische Propaganda-Sender “RT Deutsch” komme “seinem Ziel näher, eine etablierte Größe in der deutschen Medienlandschaft zu werden”, schreibt Martin Niewendick. Das klappe auch, weil öffentlich-rechtliche Redaktionen den Chefredakteur des vom Kreml finanzierten Senders immer wieder in ihre Talkrunden einladen. Erst gerade habe Ivan Radionov bei “Phoenix” eine Verschwörungstheorie zur Vergiftung des Doppelagenten Sergej Skripal und dessen Tochter verbreiten können.
3. Mario Barth deckt auf: Stotterer-Witze nicht lustig (ndr.de, Andrej Reisin)
Mario Barth hat in seiner RTL-Sendung “Mario Barth deckt auf” den Leiter der Berliner Justizvollzugsanstalt Plötzensee nachgeäfft, der bei einer Pressekonferenz zu einem Gefängnisausbruch nach Worten ringt: “Da kommt selbst der Gefängnisleiter ins Stottern”, so Barth vor seiner Prodie. Nur: Der Anstaltsleiter hat tatsächlich eine körperlich bedingte Sprachstörung — er stottert. RTL will nun um Entschuldigung bitten.
4. Die AfD-Politiker sind der rassistischen Gruppe „Unser Deutschland patriotisch & frei” aktiv beigetreten, sagt der Administrator (buzzfeed.com, Karsten Schmehl)
23 Bundestagsabgeordnete der AfD sollen Mitglied in einer rassistischen Facebook-Gruppe gewesen sein, in der es auch Hakenkreuz-Verherrlichung gab und Mordfantasien gegen Angela Merkel geäußert wurden. Die AfD verteidigte sich in einer Stellungnahme: mindestens 20 Mitglieder der Fraktion seien “ohne Kenntnis und Einverständnis” zu “Unser Deutschland patriotisch & frei” hinzugefügt worden. Der Administrator der Gruppe sagt nun: ein automatischer Beitritt ohne aktive Zustimmung ist gar nicht möglich.
5. Die EU verweigert uns Presseakkreditierung, weil wir keine Medienorganisation seien (netzpolitik.org, Markus Beckedahl)
Ein Redakteur von Netzpolitik.org hat eine Jahresakkreditierung bei der EU beantragt, diese aber nicht bekommen. Die Begründung: der EU-Kommission “Netzpolitik” sei keine Medienorganisation. Chefredakteur Markus Beckedahl und sein Team wollen sich “gegen diese Einschränkung der Pressefreiheit” wehren.
6. Helmut Markwort muss seinen BR-“Stammtisch” aufgeben (dwdl.de, Alexander Krei)
Der ehemalige “Focus”-Chefredakteur Helmut Markwort will in die Politik: Bei der im Herbst stattfindenden Landtagswahl in Bayern steht er auf Listenplatz 32 der oberbayerischen FDP. Da laut einer Sprecherin des “Bayerischen Rundfunks” eine “Kandidatur für ein politisches Amt und die Moderation einer Sendung im BR” unvereinbar sei, muss Markwort die Moderation des “BR”-“Stammtischs” aufgeben.
Wir müssen noch mal über den Twitter-Account @DoraGezwitscher sprechen, den “Bild”-Chef Julian Reichelt vergangene Woche retweetet hat. Das Schlimme war gar nicht, dass Reichelt Inhalte eines Accounts verbreitet, der immer wieder lügt, hetzt, desinformiert und Stimmung gegen Ausländer macht. Das kann im Twittertempo mal passieren. Erschreckend war, wie Reichelt auf die Kritik daran reagierte: Am Ende forderte er Beweise, dass hinter @DoraGezwitscher ein “professionell organisiertes, rechtsextremes Netzwerk” steckt — kleiner geht es bei ihm nicht, bevor er zugeben könnte, dass es sich um einen ganz üblen Twitteraccount handelt.
Ob die Person (oder die Gruppe) hinter @DoraGezwitscher rechtsextrem, rechtsradikal oder Teil eines organisierten Netzwerks ist, können wir auch nicht sagen. Wir wollen Julian Reichelt aber doch noch einmal zeigen, was für eklige Inhalte in diesem Kanal auftauchen. Alle Beispiel in diesem Beitrag stammen aus 2018.
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Der schreckliche Tod der 14-jährigen Keira in Berlin war auch bei @DoraGezwitscher Thema. Dort war zu lesen:
Doch Keira hörte nicht auf ihn. Gegen 15 Uhr schickte sie ihrem Kumpel noch ein Selfie von sich und ihrem Date per Snapchat. “Das muss auf ihrem Heimweg gewesen sein. Der Weg von der Straßenbahn zu ihrer Wohnung”, sagt er.
Bei Snapchat werden Fotos nicht gespeichert. “Wenn ich gewusst hätte, was passiert, hätte ich einen Screenshot gemacht”, so der Bekannte. Er kannte den Jugendlichen nicht. “Er trug einen blauen Kapuzenpulli mit Nike-Aufschrift, war einen Kopf größer als Keira, hatte kurze dunkelblonde Haare und trug eine Brille ohne Rahmen”, erinnert er sich.
Das Zitat, das @DoraGezwitscher veröffentlicht hat, gibt es aber tatsächlich. Es stammt nicht von Bild.de, sondern von “Anonymous News”, einer grässlichen Hetzer-Seite mit aktuellen Artikeln wie “Spiel und Spaß in Auschwitz: Fußball und Bordellbesuche — Das andere Leben der KZ-Häftlinge”, “Kulturelle Bereicherung: Wie Muslime durch traditionellen Inzest unsere Gesellschaft belasten” oder “BRD-Gesinnungsjustiz: Deutscher erhält 10 Jahre für Silvester-Böller — IS-Mörder 22 Monate Bewährung” (mit dem “Böller”-Deutschen sind die Mitglieder der rechtsterroristischen “Gruppe Freital” gemeint).
Sie sehen, Julian Reichelt: Bei @DoraGezwitscher handelt es sich um einen Account, der auf Hetz-Portale zurückgreift, der Lügen verbreitet und mit diesen Lügen Stimmung gegen Ausländer machen will.
@DoraGezwitscher hat den Tweet inzwischen gelöscht.
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Ein weiteres großes Feindbild von @DoraGezwitscher: der öffentlich-rechtliche Rundfunk, speziell “Tagesschau” und “Tagesthemen”. Der Account twitterte unter anderem diese vermeintliche Enthüllung (ein paar Tage später noch einmal in ganz ähnlicher Form):
In dem 49-Sekunden-Video ist ein etwas kruder Zusammenschnitt eines “Tagesthemen”-Kommentars von Alois Theisen vom 10. November 2016 zu sehen. Mit Hilfe von Einblendungen behauptet @DoraGezwitscher, dass es “Zensur in der ARD Mediathek” gäbe. Theisen sagt in diesem Zusammenschnitt:
Das Zeitalter des Postfaktischen, es ist eine weitere hilflose Formel, hinter der sich nur eines verbirgt: Viele schlaue Welterklärer verstehen die Welt nicht mehr.
Dann erscheint eine “Tagesthemen”-Tafel, Theisen ist kurz nicht mehr zu hören und spricht dann weiter:
… biger Dummheit oder Borniertheit der Wähler gegenüber Fakten erklärt, der beweist für mich nur eines: eine unerträgliche Arroganz gegenüber dem Souverän im Staate, dem Volk, und damit auch gegenüber den Wählern und deren Vernunft.
Das soll laut Einblendung die “zensierte Version” gewesen sein. Direkt im Anschluss kommt laut @DoraGezwitscher Theisens “Originalkommentar”:
Wer den Wahlsieg von Donald Trump, das Votum der Briten für den Brexit und die Erfolge der AfD in Deutschland mit gutgläubiger Dummheit oder Borniertheit der Wähler gegenüber Fakten erklärt, der beweist für mich nur eines: eine unerträgliche Arroganz gegenüber dem Souverän im Staate, dem Volk, und damit auch gegenüber den Wählern und deren Vernunft.
Die ARD soll also wohl den Teil “Wer den Wahlsieg von Donald Trump, das Votum der Briten für den Brexit und die Erfolge der AfD in Deutschland mit gutgläubiger” rausgeschnitten haben.
Die “Tagesthemen”-Ausgabe von damals ist bei tagesschau.de noch online abrufbar. Moderatorin Pinar Atalay kündigt den Kommentar (ab Minute 14:43) mit den Worten an: “Donald Trump und den Siegeszug des Populismus kommentiert jetzt Alois Theisen vom ‘Hessischen Rundfunk'”. Und Theisen sagt dann:
Leben wir tatsächlich im Zeitalter der Lüge, wie man den vornehmer klingenden Begriff der Ära des Postfaktischen übersetzen könnte? Ich denke, es ist nur der hilflose und untaugliche Versuch, die sich häufenden unerwarteten Wahlentscheidungen zu erklären. Warum sollten sich Wähler heute leichter belügen lassen als früher? Verfügen wir nicht über mehr Informationsquellen als je zuvor? Und noch nie wurden Aussagen von Politikern so häufig und von verschiedenen Seiten überprüft wie heute.
Nein, Lügen gab es in der Politik wie im Privaten zu allen Zeiten. Wer anderes behauptet, verklärt nur die angeblich gute alte Zeit. Wer den Wahlsieg von Donald Trump, das Votum der Briten für den Brexit und die Erfolge der AfD in Deutschland mit gutgläubiger Dummheit oder Borniertheit der Wähler gegenüber Fakten erklärt, der beweist für mich nur eines: eine unerträgliche Arroganz gegenüber dem Souverän im Staate, dem Volk, und damit auch gegenüber den Wählern und deren Vernunft.
Die politischen Verhältnisse entwickeln sich vielleicht anders, als es manche Meinungsmacher gerne hätten. Aber womöglich leben sie selbst im Zeitalter des Postfaktischen, sehen und verstehen die entscheidenden Fakten nicht, unter denen die Wähler leben und arbeiten. Und auch nicht ihre Sorgen, Ängste und manchmal auch Panik vor dem rasanten Wandel in der Welt.
Mit Ängsten und Stimmungen wurde auch schon immer Politik gemacht, mit der vor der Atomenergie zum Beispiel. Was dort billig war, sollte auf der anderen Seite nicht falsch sein. Das Zeitalter des Postfaktischen, es ist eine weitere hilflose Formel, hinter der sich nur eines verbirgt: Viele schlaue Welterklärer verstehen die Welt nicht mehr.
Keinerlei Zensur, alles noch drin.
Der Tweet von @DoraGezwitscher ist das, was man völlig zurecht “Fake News” nennen kann: eine bewusste Lüge, um eine Agenda zu verfolgen.
Meine Meinung: Natürlich darf Satire so etwas, aber sie versucht sich hier zu profilieren, indem sie journalistische Arbeit bewusst zu diskreditieren versucht.
Die Tweets von @DoraGezwitscher sind zwar keine Satire, aber die Person hinter dem Account “versucht sich hier zu profilieren, indem sie journalistische Arbeit bewusst zu diskreditieren versucht.”
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@DoraGezwitscher schießt mit unlauteren Mitteln nicht nur gegen Gruppen und TV-Sendungen, sondern auch gegen Einzelpersonen.
Schaut man sich das 14-sekündige Video an, sieht man, dass nicht Sookee sagt “Schieß auf AfD-Wähler mit Hohlmantelgeschossen”, sondern der von ihr interviewte MC Bogy, der damit einen seiner Texte zitiert.
Erstens: Stegers war früher beim ARD-“Faktenfinder”, wie man auch in dem Screenshot von @DoraGezwitscher lesen kann. Und zweitens: Das “Danke, liebe Antifa” ist keine Liebesbekundung an die “Antifa”, sondern das Zitat eines “Tagesspiegel”-Artikels, der exakt mit diesen Worten überschrieben ist.
Und noch ein Beispiel, das zeigt, wie verzweifelt @DoraGezwitscher nach Schmutz sucht, den man auf Mitarbeiter des ARD-“Faktenfinders” werfen kann:
Bei dem Text, den Patrick Gensing getwittert hat, handelt es sich um eine Passage aus einem Song der Band “Rantanplan”. Und noch viel wichtiger: “Spacken” hat nichts mit “spastisch behinderten Menschen” zu tun, wie @DoraGezwitscher behauptet. Es bedeutet “dumme Menschen”.
Sie sehen, Julian Reichelt: @DoraGezwitscher verdreht, verbiegt, verschweigt Kontexte, desinformiert.
Den Tweet zu Patrick Gensing hat @DoraGezwitscher inzwischen gelöscht.
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@DoraGezwitscher bezeichnet Deniz Yücel als Rassisten:
Sie sehen, Julian Reichelt: @DoraGezwitscher beteiligt sich an der stramm rechten Stimmungsmache gegen Ihren Kollegen bei “Springer”.
Es gibt heute eine ganz gute Nachricht im Zusammenhang mit der “Bild”-Zeitung. Und sie kommt auch noch von der “Bild”-Redaktion selbst:
Liebe BILD-Leserinnen und -Leser,
mit der BILD-Ausgabe vom 12.03.2018 endet eine Ära, die über Jahrzehnte Boulevardzeitungen (nicht nur BILD) geprägt hat: Wir verabschieden uns von dem, was ganz früher mal “Mieze” hieß (heute undenkbar) und seit zehn Jahren BILD-Girl.
Wir werden keine eigenen Oben-ohne-Produktionen von Frauen mehr zeigen.
Man habe “zunehmend” das Gefühl, “dass viele Frauen diese Bilder als kränkend oder herabwürdigend empfinden, sowohl bei uns in der Redaktion, aber auch unter unseren Leserinnen”:
Aber natürlich dienen diese Fotos einem Hauptzweck. Sie sollen unterhalten, und zwar meistens Männer. Wir bei BILD glauben nicht, dass die Unterhaltung von Männern die Kränkung von Frauen in Kauf nehmen sollte (und natürlich auch nicht umgekehrt).
Ein wichtiges Wort fehlt in diesem Absatz natürlich: mehr. Die bei “Bild” glauben nicht mehr, “dass die Unterhaltung von Männern die Kränkung von Frauen in Kauf nehmen sollte”. Die ganzen letzten Jahre und Jahrzehnte war das offensichtlich kein Problem. Die ganzen letzten Jahre und Jahrzehnte hat “Bild” Frauen gekränkt, um Männer zu unterhalten.
Das “‘Bild’-Girl” wird es weiterhin geben, nun eben in Dessous oder sonst wie angezogen. Und es werden auch ganz sicher in Zukunft Oben-ohne-Fotos in “Bild” zu sehen sein. Die Redaktion hat sich gleich zwei Hinterscheunentore offen gehalten: Die Aussage, dass man “keine eigenen Oben-ohne-Produktionen” mehr zeigen wolle, lässt selbstverständlich die Möglichkeit zu, “Oben-ohne-Produktionen” von irgendjemandem sonst einzukaufen und zu drucken. Außerdem nennt “Bild” auch eine ganz konkrete Ausnahme:
Es gibt aber auch die Nackt-Fotos, über die das Land spricht. Kati Witt im “Playboy” war so ein Beispiel. Diese Bilder gehören auch weiter in BILD.
Es wird auf jeden Fall interessant zu beobachten, ob die “Bild”-Mitarbeiter sich auch in Zukunft wie wild auf jeden “Busen-Blitzer” von Schauspielerinnen beim Aussteigen aus dem Taxi stürzen oder Fotos verwenden werden, bei denen Paparazzi Frauen im Bikini ungeniert in den Intimbereich fotografiert haben.
Und was bringt das Anziehen der “‘Bild’-Girls” überhaupt? Der “Bild”-Sexismus steckt nicht im Offensichtlichen. Das häufige Reduzieren von Frauen auf ihr Äußeres ist unter anderem das Schlimme. Hope Hicks war “die schöne Sprecherin” von Donald Trump. Nicht die begabte oder unbegabte, die geschickte oder ungeschickte. Leonie Frank ist die “schöne Anwältin”. Nicht die fähige oder unfähige, die trickreiche oder plumpe. Ihre männlichen Kollegen können noch so schön oder hässlich sein — sie werden von “Bild” nach ihrer Leistung und ihrem Können bewertet und nicht nach ihrem Aussehen.
Besonders furchtbar: Dieses Reduzieren auf Körper und Aussehen macht die Redaktion auch schon bei minderjährigen Mädchen.
Die Initiative “StopBildSexism” hat vor einer Weile nachgeschaut, wie oft Männer und Frauen in den verschiedenen “Bild”-Themenbereichen vorkommen. Das traurige, aber wenig überraschende Ergebnis: Auf der Titelseite, in Politik und Wirtschaft sowie im Sport kommen Frauen deutlich seltener vor als Männer, im Bereich Unterhaltung ist es einigermaßen ausgeglichen, nur bei den nackt abgebildeten Personen sind Frauen in der Überzahl.
Nun gibt es bei den “Bild”-Medien ja einige Frauen in bedeutenden Positionen: Marion Horn ist Chefredakteurin bei “Bild am Sonntag”, Tanit Koch war bis vor Kurzem “Bild”-Chefredakteurin, Karina Mößbauer und Miriam Hollstein dürfen für “Bild” und “BamS” regelmäßig prominente Politiker interviewen. Wir hoffen, dass sie alle in diese Positionen gekommen sind, weil sie etwas (für den Boulevardbetrieb) Besonderes können und nicht weil sie als “die schöne Marion” oder “die schöne Tanit” oder “die schöne Karina” oder “die schöne Miriam” galten.
Deutschland geht durch die Diesel-Hölle — drohende Fahrverbote, Stinke-Image und Verkaufszahlen im Keller.
Dabei ist das alles Blödsinn, der Diesel noch lange nicht tot. Und dafür gibt es gute Gründe. Hier 10 Wahrheiten, die sich viele Politiker nicht zu sagen trauen (oder vielleicht einfach mal nachlesen sollten). Unser Diesel-Manifest.
Beim Begriff “Manifest” kann man ja so etwas wie eine Grundsatzerklärung erwarten, und das passt in diesem Fall ganz gut, denn das “BILD-MANIFEST” ist voller Fehler und Verdrehungen und Verkürzungen — eben genau so, wie “Bild” ständig arbeitet.
Es ist wirklich einiges schiefgelaufen beim Text von Tom Drechsler, Chefredakteur Auto der “Bild”-Gruppe, und Stefan Voswinkel, stellvertretender Chefredakteur Auto der “Bild”-Gruppe. Deshalb: der Reihe nach. Fangen wir mit der Bildunterschrift an. Dort steht:
Knapp die Hälfte aller Autos in Deutschland wird von einem Diesel-Motor angetrieben
Schon das ist falsch. Laut Kraftfahrt-Bundesamt gab es 2017 insgesamt 45.803.560 Pkw in Deutschland. 15.089.392 davon waren Diesel, also etwa ein Drittel. Es gab ungefähr halb so viele Diesel wie Benziner (29.978.635). Dass “knapp die Hälfte aller Autos in Deutschland” von einem Diesel-Motor angetrieben werde, stimmt aber schlicht nicht.
Das ist schon beeindruckend: Der Chefredakteur Auto und sein Stellvertreter bekommen es nicht mal hin, für ihr “Diesel-Manifest” unfallfrei aus einer Tabelle den Anteil an Diesel-Autos in Deutschland abzulesen. Sie schaffen es nicht, Grundsätzliches zum Diesel richtig darzustellen, wollen aber in einem “Manifest” dem Land erklären, warum es sich bei Diesel-Kritik um “Blödsinn” handelt.
Weiter zu “Wahrheit” Nummer 1:
Wir führen die Diesel-Diskussion zu einer Zeit, wo das Stickoxid-Problem technisch gelöst ist. Sagt sogar die Deutsche Umwelthilfe (DUH). Der Verband hat gerade getestet (7 der 10 saubersten Diesel kommen aus dem VW-Konzern) und einen Mercedes E220 d besonders gelobt. Der unterschreitet die neusten Grenzwerte um den Faktor 0,6, NOx (Stickoxide) auf der Straße mit 44 g/km.
Natürlich meinen Drechsler und Voswinkel nicht “44 g/km”, sondern 44 mg/km. Aber davon mal abgesehen: “7 der 10 saubersten Diesel kommen aus dem VW-Konzern”, dazu noch ein Mercedes, der von der “Deutschen Umwelthilfe” (“DUH”) gelobt werden soll — das klingt ja ganz schön sauber. Schaut man sich die Ergebnisse (PDF) der zitierten “DUH”-Messung allerdings mal an, erkennt man, dass nur sechs von 66 der getesteten Euro-6-Diesel den NOx-Grenzwert (80 mg NOx/km) einhalten (plus ein VW Transporter, der den Grenzwert für Diesel-Nutzfahrzeuge einhält). Ein getesteter Audi A8 “aus dem VW-Konzern” überschreitet den Grenzwert um dem Faktor 17,8. Bei den getesteten Euro-5-Dieseln sind es zwei von fünf Fahrzeugen, die unter dem Grenzwert (180 mg NOx/km) liegen, allerdings beide mit Hardwarenachrüstung.
Die “DUH” hat im selben Test auch Euro-6-Benzin- und Benzin-Hybrid-Pkw gemessen. Dort haben vier von fünf Fahrzeugen den für sie jeweils anzuwendenden Grenzwert eingehalten.
Eine weitere “Bild”-“Wahrheit”:
40 Mikrogramm pro Kubikmeter soll der Jahresmittelwert in der Außenluft nicht übersteigen. In Büros liegt er bei 60 Mikrogramm, in industriellen Arbeitsplätzen und im Handwerk bei 950 Mikrogramm. Die Luft auf den Straßen soll sauberer sein, als am Arbeitsplatz? Was für ein Irrsinn!
Ja, “Irrsin”, wie man Dinge aus dem Zusammenhang reißen kann. Die von Drechsler und Voswinkel erwähnten 60 Mikrogramm pro Kubikmeter in Büros stammen laut Umweltbundesamt aus den 1990er-Jahren. Während die 40 Mikrogramm pro Kubikmeter für Außenluft eben ein Jahresmittelwert sind, handelt es sich bei dem sogenannten “Richtwert II” für Büros um “einen wirkungsbezogenen Wert, bei dessen Erreichen beziehungsweise Überschreiten unverzüglich zu handeln ist.” Laut “Tagesschau”-“Faktenfinder” empfehle das Bundesumweltamt aber sowieso “aufgrund neuerer wissenschaftlicher Erkenntnisse, diesen Wert nicht mehr anzuwenden.”
Die 950 Mikrogramm pro Kubikmeter für Industriearbeitsplätze waren schon im Bundestagswahlkampf ein Desinformationsschlager von AfD, CSU und FDP. Was die Politiker damals und die zwei “Bild”-Autoren heute nicht erwähnen: Während der Grenzwert für die Außenluft auch kranken und schwachen Leuten, Schwangeren, Säuglingen und alten Menschen jederzeit einen Aufenthalt draußen ermöglichen soll, gilt der Industriegrenzwert laut Umweltbundesamt für “gesunde Arbeitende an acht Stunden täglich und für maximal 40 Stunden in der Woche”. Dass für spezielle Berufe, etwa Stahlkocher, mit speziellen Belastungen spezielle Regelungen gelten, ist so überraschend nicht. Es wundert ja auch kaum jemanden, dass ein Radiologe laut Bundesamt für Strahlenschutz an seinem Arbeitsplatz einer deutlich höheren Strahlenbelastung ausgesetzt sein darf als ein Kleinkind in der Kita.
Weiter zur nächsten “Wahrheit”:
Die größten Stinker in Innenstädten sind nicht Diesel-Pkw, sondern der öffentliche Nahverkehr mit seinen alten Bussen. Trotzdem reicht das Sofortprogramm “Saubere Luft” der Bundesregierung nur für den Kauf von ein paar Hundert E-Bussen. Berlin will ab 2019 nach und nach 45 zu den bisherigen 4 (!) E-Bussen anschaffen. Zum Vergleich: Im chinesischen Shenzen fahren 16 359 elektrische Busse, 100 Prozent!
Dass Nahverkehr-Busse viel Stickoxid ausstoßen, soll ein “guter Grund” dafür sein, dass “der Diesel noch lange nicht tot” ist? Und warum sollte man nicht die Probleme mit den Diesel-Pkw und die Probleme mit den “alten Bussen” parallel angehen können?
Jedenfalls: Drechslers und Voswinkels Vergleich zwischen Shenzhen und Berlin hinkt wie ein vom “BVG”-Bus angefahrenes Wildschwein. Erstmal: Shenzhen ist deutlich größer als Berlin. Die Fläche der chinesischen Stadt beträgt mehr als das Doppelte, in Shenzhen wohnen knapp dreieinhalb Mal so viele Menschen wie in Berlin. Die Busflotte ist dementsprechend auch viel größer: Während durch Shenzhen also 16.359 Busse fahren, sind es in Berlin rund 1400 Busse der “Berliner Verkehrsbetriebe” (“BVG”). Die komplette Umstellung auf Elektrobusse geschah in Shenzhen auch nicht über Nacht, sondern hat gut acht Jahre gedauert. Nach dem ersten Jahr hatte die Stadt 200 E-Busse im Einsatz. Auch dagegen mögen die 45 zusätzlichen Elektrobusse in Berlin mickrig wirken. “Bild” erwähnt aber auch nicht, dass es für die “BVG” aktuell ausgesprochen schwierig ist, überhaupt an E-Busse zu kommen.
Zum Schluss ist da dann noch die Überschrift, die die “Bild”-Redaktion für ihr “Diesel-Manifest” gewählt hat:
DEUTSCHLAND SOLLTE STOLZ AUF DEN DIESEL SEIN!
Man hätte ja alles mögliche über den Artikel schreiben können: “Lasst unseren Diesel in Ruhe!” oder “Diesel ist voll super!” oder “Diesel! Diesel! Olé, olé, olé!”. Stattdessen sollen die Deutschen stolz sein auf ihren Diesel. Das kommt uns irgendwie bekannt vor.
So reagierte die AfD auf das Diesel-Urteil des Bundesverwaltungsgerichts:
Mit Dank an Martin E., Erik und @andreas_vogt für die Hinweise!
Ein Blick auf Julian Reichelts Twitter-Account ist ja immer ein schauriges Erlebnis. Aber in den vergangenen zwei Tagen war es dort besonders schaurig.
Alles fing an mit einem Retweet Reichelts:
Vielleicht erstmal zu “Feine Sahne Fischfilet”. Die Punkband hat viele Fans, aber auch viele Feinde. Sie tauchte wegen ihrer “explizit anti-staatlichen Haltung” im Verfassungsschutzbericht 2011 des Landes Mecklenburg-Vorpommern auf. Sie leistet aber auch wichtige Arbeit gegen Rechtsextremismus und nationalistische Tendenzen im Osten des Landes. Die Bandmitglieder organisieren Konzerte und Kundgebungen in Kleinstädten und Dörfern. Sie stellen sich sehr engagiert dem Rechtsruck in Mecklenburg-Vorpommern entgegen.
Patrick Gensing, der beim “Faktenfinder” der “Tagesschau” Lügen und Fälschungen nachrecherchiert, findet die Musik von “Feine Sahne Fischfilet” offenbar gut. Jedenfalls twitterte er in der Vergangenheit häufiger Fotos von Konzerten der Band. Für seine Arbeit beim “Faktenfinder”, bei der er immer wieder auch Falschmeldungen aus der rechten Ecke enttarnt, wird Gensing regelmäßig und massiv mit Schmutz beworfen.
Dieser Schmutz kommt unter anderem von dem Account, den “Bild”-Chef Julian Reichelt retweetet hat. @DoraGezwitscher sucht sich für seine Kampagne gern alte Tweets von Patrick Gensing raus (im aktuellen Fall eben aus dem Februar 2016) und schießt damit gegen den Journalisten. Nun hieß der Account @DoraGezwitscher nicht immer @DoraGezwitscher, sondern wohl auch mal @DoraBromberger. Unter dem Namen der von den Nazis ermordeten jüdischen Malerin Dora Bromberger verbreitete der Account unter anderem Lügen über die “Oktoberfest Bilanz der Polizei München”, um damit Stimmung gegen Ausländer zu machen. Mit einem gefälschten Foto machte er die Vorsitzende der “Jungen Union” Hamburg zur Antifa-Steinewerferin. Solche Tweets waren eher Regel als Ausnahme.
Inzwischen gibt es dasselbe rechte Hetz-Programm eben unter dem Namen @DoraGezwitscher (um es noch komplizierter zu machen: Es gibt noch einen inhaltlich wie optisch sehr, sehr ähnlichen Account mit dem Namen @DorasZwitschern). Dort ärgert sich der anonyme Autor beispielsweise darüber, dass ein AfD-Politiker aufgrund seines Schimpfworts “Merkelnutte” als “Schande für den Bundestag” bezeichnet wird. Für die Tweets bekommt @DoraGezwitscher viel Applaus von Rechts und noch weiter Rechts.
Julian Reichelt verbreitet also einen Tweet dieses Accounts gegen Patrick Gensing und verschafft ihm damit beachtliche zusätzliche Reichweite. Nun kann es ja mal passieren, dass man bei Twitter einen Beitrag entdeckt, der einem ganz gut in den Kram passt, ihn schnell retweetet — und schon ist man Multiplikator für jemanden, mit dem man eigentlich nichts zu tun haben möchte. Die entscheidende Frage ist dann, wie man mit dieser Situation umgeht. Reichelt zeigt ganz eindrucksvoll, wie man es auf gar keinen Fall machen sollte und wie man sich immer weiter reinreitet. Angesprochen auf die Ausrichtung von @DoraGezwitscher, schreibt der “Bild”-Chef:
Das muss man auch erstmal schaffen: Anderen Leuten “Gesinnungsfuror” vorwerfen und im selben Tweet von einer Person verlangen, dass sie jetzt doch mal bitte ihren Musikgeschmack erklären soll (für das inzwischen eingestellte “Bild”-Jugendportal “BYou” ist “Feine Sahne Fischfilet” übrigens eine Band, die sich “für mehr Menschlichkeit und Solidarität” einsetzt).
Es folgte dann ein Hin und Her zwischen Reichelt und seinen Kritikern. Interessant war dabei die Taktik des “Bild”-Chefs: Er legte die Messlatte, ab wann das nun wirklich zu weit geht, was bei @DoraGezwitscher passiert, immer ein Stückchen höher. Während Leute ihn anfangs darauf hinwiesen, dass es sich um einen bekannten rechtspopulistischen Account handelt, und ihm dafür Belege lieferten, wollte Reichelt Beweise, dass @DoraGezwitscher rechtsextrem ist. Später wollte er Beweise, dass hinter @DoraGezwitscher ein “professionell organisiertes, rechtsextremes Netzwerk” steckt. Es reicht Julian Reichelt offenbar nicht, dass @DoraGezwitscher (beziehungsweise früher @DoraBromberger) auf übelste Weise und mit falschen Fakten gegen Ausländer hetzt. Es muss bei ihm schon ein “professionell organisiertes, rechtsextremes Netzwerk” sein, damit er sagt: “Ja, stimmt, war nicht die beste Idee.” Julian Reichelt hat den Retweet inzwischen still und leise gelöscht, er folgt dem Account @DoraGezwitscher nun allerdings.
Wie man so eine Situation auch handhaben kann, zeigt einer von Reichelts Vorgängern bei “Bild”: Kai Diekmann. Als der vor zweieinhalb Jahren — ob nun absichtlich oder aus Versehen — dem Twitter-Account der sehr rechten “Jungen Freiheit” gefolgt ist, reagierte er auf die Kritik daran so:
1. Ein Fall für den Presserat (faz.net, Hans Hütt)
Sowohl „FAZ“ als auch „taz“ sind sich einig in ihrer Kritik der letzten Ausgabe von „Hart aber Fair“ (ARD). Die Fälle, über die Frank Plasberg in seiner Sendung über eine überlastete Justiz diskutierte, seien schrecklich. Noch schrecklicher aber sei es, dem „gesunden Rechtsempfinden“ Vorschub zu leisten. Die Sendung hätte ihren Informationsauftrag verfehlt, was auch an den mitunter suggestiven Fragen des Gastgebers gelegen hätte. Die Aussagen von „Bild“-Chef Julian Reichelt hält “FAZ”-Autor Hans Hütt gar für einen Fall für den Presserat. Christoph Kammenhuber sieht es in der „taz“ ähnlich: Dem Moderator Frank Plasberg fehle es an juristischem Fingerspitzengefühl, er agiere als Vertreter des „gesunden Volksempfindens“ und mache Stimmung gegen die Justiz.
2. SPD wendet sich wegen “Bild”-Bericht an Presserat (dwdl.de, Uwe Mantel)
Die SPD geht juristisch gegen die Behauptung der „Bild“ vor, ein Hund könne über die GroKo abstimmen. „Bild“ hatte das Tier als SPD-Mitglied angemeldet, die Abstimmungsunterlagen für den Mitgliederentscheid über den Eintritt in die Große Koalition bekommen und das Ganze publizistisch ausgeschlachtet. Was „Bild“ verschwieg: Für eine gültige Stimmabgabe muss dem Wahlzettel eine unterschriebene eidesstattliche Erklärung beigefügt werden.
3. Newsletter statt Blog? (1ppm.de, Johannes Mirus)
Johannes Mirus hat sich auf Twitter umgehört, warum viele Menschen lieber persönliche Newsletter versenden, statt ein Blog zu führen. Die Antworten hat er in einem Blogartikel zusammengefasst. Manche Newsletterversender folgen einfach nur dem allgemeinen Trend, andere schätzen das ausgesuchte Zielpublikum. An möglichen Gründen wurde auch die Bequemlichkeit der Empfänger genannt und das Gefühl, Teil einer “elitären Gruppe” zu sein.
4. Ralf Höcker kritisiert PR-Profis: Warum Homestorys tabu sein sollten (kress.de, Marc Bartl)
Wenn ein Vorstandsvorsitzender einem Magazin verrät, dass er im Winter fast jedes Wochenende zum Skifahren in die Berge fährt und ein passendes Foto beisteuert, hält Medienanwalt Ralf Höcker das aus presserechtlicher Sicht für „maximal dumm“. Höcker weiter: „Wer sich selbst öffnet, opfert einen Teil seiner Persönlichkeitsrechte. Homestorys sind deshalb tabu. Diese bescheuerten Fragebögen, in denen man erklärt, welche Bücher man mit auf eine einsame Insel nimmt, sind tabu. Man redet auch nicht über seine Familie. Wenn ein CEO sich mit seinem Auto, seiner Frau und seinen Haustieren fotografieren lässt und erzählt, wie toll sein Familienleben ist, und er drei Monate später besoffen aus dem Puff kommt und einen Hund tot fährt, kann er den Bericht darüber in der “Bild” natürlich nicht mehr verhindern. Ansonsten wäre ein solcher Artikel durchaus verbietbar gewesen.“
5. Auf dem Weg zum Blockbuster-Journalismus (medienwoche.ch, Adrian Lobe)
In Amerika experimentieren große Medienhäuser wie die „New York Times“ und „Washington Post“ mit Augmented- und Virtuality-Reality-Lösungen. Adrian Lobe schreibt in der „Medienwoche“ über Chancen und Risiken der neuen Technologien.
6. Dichotom-Energie (dirkhansen.net)
Dirk Hansen philosophiert über die Gründe einer zunehmend aggressiver werdenden Mediengesellschaft: „Wir streiten weit unter unserem Skalen-Niveau. Weil wir die Debatten quasi mit Dichotom-Energie anheizen. Und das ist gefährlich dumm. Denn die Verhältnisse werden schwer kalkulierbar, wenn wir nur mit „gleich/ungleich“ rechnen können.“
1. Berliner CDU-Fraktion nutzte Fahndungsfoto illegal für Überwachungswerbung (netzpolitik.org, Markus Reuter)
Wer am lautesten nach Sicherheit und Überwachung ruft, nimmt es manchmal mit den Gesetzen selbst nicht so genau, schreibt Markus Reuter auf „netzpolitik.org“. Ein aktuelles Beispiel sei die Berliner CDU-Fraktion. Diese habe Gesetze übertreten, um für mehr Videoüberwachung zu werben und unerlaubt ein Bild einer „BVG“-Überwachungskamera verwendet. Die BVG hat dafür wenig Verständnis („Die CDU hat sich strafbar gemacht“). Daraufhin hätten die CDU und auch ein Abgeordneter die Bilder aus allen Online-Veröffentlichungen gelöscht. Das gedruckte Heft, in dem man das Bild illegal nutzt, um das Volksbegehren für mehr Videoüberwachung zu bewerben, wurde aber offenbar weiter verbreitet.
2. Schluss mit kryptischer Werbung für Kryptowährung (zeit.de, Eike Kühl)
Beim Thema Kryptowährungen ist viel Abzocke im Spiel. Viele dubiose Anbieter nutzen den Bitcoin-Hype aus, um ordentlich Kasse zu machen und schalten dazu fragwürdige Anzeigen auf Facebook. Dies wird von Facebook nun unterbunden. Eike Kühl erklärt den Zusammenhang und die Interessenlagen.
3. Im Kampf für die eigene Wahrheit (faktenfinder.tagesschau.de, Stefanie Dodt)
Der rechte Medienaktivist James O’Keefe ist für seine fragwürdigen Methoden bekannt. Mit dem “Project Veritas” will er etablierte Journalisten vorführen, indem er verdeckte Ermittler aus seinem Mitarbeiterstab auf sie ansetzt. Diese versuchen das Vertrauen der Person zu erschleichen und sie im privaten Umfeld in Gespräche über Politik zu verwickeln. Die Mitarbeiter sind mit versteckten Kameras ausgerüstet, die Aufnahmen landen im Netz… Weitere Informationen im Medienmagazin „Zapp“. Dort erzählt O`Keefe wie er arbeitet, wer sein Idol ist – und wer sein Feindbild: die übermächtigen Medien.
4. Die Mediatheken gefährden die Filmwirtschaft (zeit.de, Alfred Holighaus)
Aktuell entscheiden die Ministerpräsidenten der Länder darüber, ob ARD und ZDF ihre Mediatheken weiter ausbauen dürfen. Was für den Zuschauer ein Fortschritt wäre, erfüllt die Filmproduzenten mit Sorge. Alfred Holighaus, Präsident der „Spio“, der Spitzenorganisation der Filmwirtschaft, sieht darin gar den Niedergang des deutschen Films: „Wer ARD und ZDF einen Ausbau ihrer Mediatheken auf Kosten der Filmproduzenten, ihrer Co-Finanziers und der Urheber erlaubt, trägt dazu bei, dass deutsche Film- und Fernsehproduktionen schlechter werden.“ Es geht dabei, wie sollte es anders sein, um Geld.
5. Autoritäre Logik (taz.de, Christian Mihr)
Die Organisation „Reporter ohne Grenzen“ hat Verfassungsbeschwerde gegen das neue BND-Gesetz eingereicht. RoG-Geschäftsführer Mihr: „Das neue Gesetz für den Bundesnachrichtendienst folgt einer autoritären Logik: Es dreiteilt das Menschenrecht auf Pressefreiheit abhängig von der Nationalität. Deutsche sollen angeblich nicht überwacht werden, EU-Bürger nur mit Einschränkungen, und der Rest der Welt ist vogelfrei. Sonderrechte für Journalisten? Gibt es gar nicht.“
6. Ich habe einen Tag Kika geguckt, um herauszufinden, warum Alice Weidel ihn abschaffen will (vice.com, Lisa Ludwig)
Lisa Ludwig hat sich einen Tag „Kika“ angeschaut, um herauszufinden, worin eine eventuelle Bedrohung liegen könnte. Eine Bedrohung, die vor allem von der Fraktionsvorsitzenden der AfD, Alice Weidel, wahrgenommen wird. Nach einem ganzen Tag vor der „Kika“-Glotze konstatiert Lisa Ludwig: „Wenn dieser Sender irgendwann mal abgeschaltet wird, dann nicht, weil er seiner jungen Zuschauerschaft abwaschbare Wohlfühlwerte wie Freundschaft oder eine positive Lebenseinstellung vermittelt. Das wirkliche Problem, liebe Alice Weidel, sind nicht die wenigen Kinder mit Migrationshintergrund, die zwischen den ganzen weißen Mittelschichts-Kids gezeigt werden. Das wirkliche Problem sind diese verdammten singenden Tiere.“
1. Der Feind in meinem Turnschuh (zeit.de, Eike Kühl)
Die Betreiber der Fitnesstracking-App „Strava“ haben eine globale Heatmap mit Daten von User-Läufen der letzten drei Jahre veröffentlich. Was da grafisch so eindrucksvoll daherkommt, betrachten Sicherheitsforscher und Militärexperten als mögliches Sicherheitsrisiko. So hat sich Nathan Ruser, Student der Internationalen Sicherheit im australischen Canberra, die Gebiete wie Syrien, Irak und Afghanistan näher angeschaut und dabei viele Einträge entdeckt, die auf Camps von Hilfsorganisationen und bekannte und weniger bekannte Militärstützpunkte hinweisen. Doch damit nicht genug: „Schnell begannen weitere Nutzer auf Twitter, die Heatmap zu analysieren. Sie fanden einen einzelnen Radfahrer in der als Area 51 bekannten US-Air-Force-Basis in Nevada. Sie fanden Jogger in der Nähe eines Staudamms in Syrien, wo die USA mutmaßlich einen Stützpunkt aufbaut. Der Journalist Jeffrey Lewis vom Onlinemagazin The Daily Beast entdeckte Strava-Nutzer auf dem Gebiet eines lange Zeit geheim gehaltenen Raketenkommandos in Taiwan.“
2. Der geheime Hass im Netz (faz.net, Alexander Davydov)
Hass und Hetze sind ein ernstes Problem bei Facebook, doch wenn dies öffentlich sichtbar geschieht, kann wenigstens reagiert werden: Sei es durch Gegenrede, dem Melden von Äußerungen oder gar einer Strafanzeige. Die Konsequenz daraus: Viele Rechte haben zum wechselseitigen Austausch geschlossene Facebook-Gruppen gegründet. Dort hetzen sie dann ungeniert gegen Flüchtlinge und Juden, leugnen den Holocaust, warnen vor einer „muslimischen Invasion“ oder rufen zum Mord an Politikern auf. Alexander Davydov hat sich in die Welt der Hetzgruppen begeben, in denen auch die Namen von AfD-Politikern auftauchen.
3. Pressekodex reloaded Warum der alte besser war. (fair-radio.net, Sandra Müller)
Wann soll man die Herkunft von Tatverdächtigen nennen? Zu dieser Frage existierte im Pressekodex eine eigene Richtlinie. Danach sollten Herkunft und Nationalität von Tatverdächtigen nur genannt werden, wenn dies bei der Tat eine Rolle gespielt hat. Im Kodex-Deutsch: „wenn für das Verständnis des berichteten Vorgangs ein begründbarer Sachbezug besteht“. Letztes Jahr hat der Presserat diesen „Sachbezug“ gestrichen. Entscheidend ist jetzt, ob „öffentliches Interesse“ besteht. Einige JournalistInnen und WissenschaftlerInnen haben ihre Bedenken gegen die Formulierung in einem Offenen Brief geäußert. „Fair Radio“ hat daraus eine Petition bei change.org gemacht, in der die Rückkehr zur alten Fassung gefordert wird.
4. “Wenn man einen Staatstrojaner hat, dann ist alles verloren” (deutschlandfunk.de, Stefan Koldehoff, Audio, 8:47 Minuten)
Dank „Staatstrojaner“ können heimlich Inhalte aus Mobiltelefonen oder Computern ausgelesen werden. Der „Deutschlandfunk“ hat sich mit dem freien Journalisten und Referenten für Informationsfreiheit bei den „Reportern ohne Grenzen“ Daniel Moßbrucker darüber unterhalten, was der offenbar schon stattfindende Einsatz des “Staatstrojaners” konkret für Journalistinnen und Journalisten bedeutet.
5. Solidarität mit dem Kika! (taz.de, Jürn Kruse)
Jörn Kruse fordert in der „taz“ Solidarität mit dem Kinderkanal „Kika“. Aus einem „Kika“-Beitrag zum Thema Brüste hätten „Bild“ und „B.Z.“ eine plumpe Anti-ARD-ZDF-Kampagne gemacht: „Liebe KollegInnen, ich habe einen schlimmen, schlimmen Verdacht: Kann es sein, dass es euch gar nicht um das Wohlergehen unserer lieben kleinen Kinder geht, sondern nur darum, gegen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu schießen?“
6. „Goldene Blogger“: Preise für Journalist Gutjahr und Bloggerin Hingst (tagesspiegel.de)
In Berlin wurden die besten Blogs mit dem „Goldenen Blogger“ ausgezeichnet. Jury-Mitglied Daniel Fiene: „Wenn man sich näher mit dem Netz beschäftigt, bekommt man eine Art Depression. Man hat den Eindruck, überall gibt es nur Fake News und Hate Speech. Wir zeigen, dass es auch gute Seiten gibt.“