Wenn heute niemand aus der SPD-Führung Verantwortung für das Ergebnis bei der Europawahl übernimmt, und keiner der Parteioberen zurücktritt, könnte das daran liegen, dass sie im Willy-Brandt-Haus möglicherweise nur den “Tagesspiegel” lesen. Denn auf dessen heutiger Titelseite haben die Sozialdemokraten gestern starke 4,8 Prozentpunkte hinzugewonnen. Die Grünen sind hingegen große Verlierer:
Die linken, dickeren Säulen geben bei jeder Partei das Ergebnis der Hochrechnung des ZDF von gestern Abend um 22:25 Uhr an. Diese Werte stimmen soweit. Die rechten, schmaleren Säulen sollen das Ergebnis der Europawahl 2014 darstellen. Und da ist einiges falsch.
Die 27,3 Prozent von vor fünf Jahren, die der “Tagesspiegel” den Grünen zuschreibt, gehören eigentlich zur SPD. Und genauso andersherum: Die 10,7 Prozent, die laut “Tagesspiegel” die SPD 2014 erreicht hat, gehören zu den Grünen. Bei AfD, FDP und Linken ist das Durcheinander noch etwas größer: Die 7,4 Prozent aus 2014 gehören zur Linken, die 7,1 Prozent zur AfD und die 3,4 Prozent zur FDP. Die AfD hat im Vergleich zu 2014 also etwas stärker dazugewonnen als in der “Tagesspiegel”-Grafik angegeben, die FDP hat nicht Prozentpunkte verloren, sondern gewonnen, die Linken hingegen haben nicht gewonnen, sondern verloren.
Der Ursprung dieses multiplen Fehlers dürfte darin liegen, dass der “Tagesspiegel” in der Grafik nicht auf die sich ändernde Rangliste der Parteien reagiert hat. Zum Beispiel bei der FDP: Die war 2014 noch sechststärkste Kraft mit 3,4 Prozent. Während die Partei mit ihren 5,6 Prozent gestern auf Platz 5 vorrückte, hat die “Tagesspiegel”-Redaktion die 3,4 Prozent der FDP von 2014 auf Platz 6 stehen lassen — und so den Linken zugeordnet, die auf diesen Rang abgerutscht sind. Genauso lassen sich die falschen 2014-er-Werte von Grünen, SPD und AfD erklären.
Immerhin fängt die Überschrift auf der “Tagesspiegel”-Titelseite die fehlerhafte Grafik etwas ab: “Grüne jubeln, Groko stürzt ab”.
Weitere sich biegende Balken und falsche Torten gibt es in unserem Archiv.
Nachtrag, 17:28 Uhr: Ein BILDblog-Leser schreibt uns, dass auf der Titelseite seiner “Tagesspiegel”-Ausgabe eine korrekte Wahl-Grafik zu sehen sei.
Der Screenshot, den wir weiter oben verwenden, stammt aus der E-Paper-Version. Und auch bei der gedruckten Variante gibt es Exemplare mit der fehlerhaften Grafik.
1. Bürgerbewegung warnt Facebook vor rechter Propagandaflut (spiegel.de, Markus Becker & Patrick Beuth)
Die Online-Bürgerbewegung Avaaz hat auf Facebook nach eigener Aussage rechte Desinformationsnetzwerke in Millionengröße entdeckt und diese an Facebook gemeldet. Daraufhin wurden von Facebook angeblich 77 Seiten mit rund sechs Millionen Followern stillgelegt. Während Avaaz die Funde als “Massenvernichtungswaffen für die Demokratie” bezeichnet, wiegelt Facebook ab.
Weiterer Lesehinweis: Eine Untersuchung des Medienwissenschaftlers Trevor Davis habe herausgefunden, dass rund 200.000 wahrscheinlich gefälschte Facebook-Accounts für die AfD Stimmung machen würden: Verdächtige Accounts unterstützen AfD (zdf.de, Stephan Mündges & Ulrich Stoll).
2. Influencer der “Neuen Rechten” (deutschlandfunk.de, Burkhard Schäfers)
Junge Rechtsextreme haben eine neue Strategie für sich entdeckt: Sie präsentieren sich in Videos und Fotos als Youtube-Stars und Influencer. Der Journalist Patrick Stegemann beschreibt das Vorgehen: “Die machen Selfies, es ist ein Filter drüber, sie machen Naturbilder, sie fotografieren ihre Schuhe, ihre Klamotten. Die sind dann teilweise von Klamottenmarken der extremen Rechten. Aber auf den ersten Blick unterscheidet sie eigentlich kaum etwas.”
3. Das fahle Licht am Ende des Endlostunnels (meta-magazin.org, Franco Zotta)
Vor Kurzem jubelte die Branche über die positive wirtschaftliche Entwicklung beim “Guardian”. Dabei geriet jedoch in den Hintergrund, dass der “Guardian” in den vergangenen Jahren hunderte Millionen Euro Verluste angehäuft und 400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gekündigt hat. Franco Zotta nutzt dieses Beispiel als Einstieg für einige gute Gedanken über die zukünftige Medienentwicklung. Dabei hinterfragt er auch das Businesskonzept des von Gabor Steingart angekündigten Medienschiffs.
4. Geistesblitze für alle (zeit.de, Hedwig Richter)
Die Historikerin Hedwig Richter ist ein Twitter-Fan: “Twitter ist eine digitale Agora. Es ist eben auch ein Ort der Wissenschaft, es bietet Platz für Neugierde, Debatten und Austausch.” Folgerichtig hat sie im Sommersemester 2018 ihre Vorlesung an der Universität Heidelberg zusätzlich auf Twitter präsentiert. Die Resonanz war ausgesprochen positiv. Richters Resümee: “Twitter kann den Horizont für gemeinsame Projekte öffnen.”
5. Ein neues Tool für mehr Glaubwürdigkeit (de.ejo-online.eu, Kornélia R. Kiss)
“NewsGuard” will Desinformationen entgegentreten und stuft daher Nachrichtenwebsites und deren Glaubwürdigkeit ein. Dazu muss der Nutzer ein Browser-Plugin installieren. In Deutschland seien bislang ungefähr 80 Seiten bewertet worden, unter denen drei “rot” markiert seien: “Sputnik”, “RT” und “Epoch Times”. Auf Twitter gab es bereitsKritik: “Gut als erste Einschätzung. Aber bei “Bild” zeigt sich, dass sich viele Hinweise zu einer Publikation erst hinter einem Klick im “Kleingedruckten” verstecken.”
6. Whoah, we’re going to Ibiza! (taz.de, Silke Mertins)
Die Boulevardzeitung “Österreich” verlost einen Kurzaufenthalt in der Ibiza-Villa, die durch das Strache-Video einige Berühmtheit erlangt hat. Die “taz” hat einen Tipp für die Vermieter des Luxusanwesens: “Wenn die Vermieter der Villa auf Ibiza schlau sind, dann richteten sie am Ort des korrupten Geschehens eine Pilgerstätte für Gegner der Neuen Rechten ein. Mit Eintritt, Andenkenshop und Fotoshooting auf dem Schicksalssofa.”
An einer Gesamtschule in Dortmund sollen drei Schüler geplant haben, einen Lehrer zu töten. Bild.de berichtete am vergangenen Dienstag erstmals über den Fall:
Der Plan der Schüler ging nicht auf. Beim ersten Versuch wurde der Lehrer misstrauisch, als zwei der Schüler ihn an einen abgelegenen Ort lockten, wo der dritte Schüler einen Kreislaufkollaps vortäuschte. Der Lehrer drehte den Schülern laut Staatsanwaltschaft zu keinem Zeitpunkt den Rücken zu und rief einen Krankenwagen. Die Schüler setzten die Hämmer, die sie dabei gehabt haben sollen, daraufhin nicht ein. Bevor es zum zweiten Versuch kommen konnte, hatte die Polizei die drei Tatverdächtigen bereits festgenommen.
Und obwohl es drei Verdächtige sind, nennen “Bild” und Bild.de wiederholt nur den Vornamen eines Verdächtigen:
Haupttäter Serkan wollte sich offenbar rächen, gewann zwei Mitschüler (17, 18) als Komplizen.
Im Verhör gaben zwei Schüler zu, dass der Lehrer an einer abseits gelegenen Raucherecke mit einem Hammer erschlagen werden sollte. Haupttäter Serkan (16) stritt dagegen alles ab.
Seit mehr als einer Woche ermittelt die Polizei gegen Serkan (16), einen Mitschüler (17) und einen Bekannten (18).
Dieses partielle Desinteresse der “Bild”-Mitarbeiter an Namen von Tatverdächtigen und Tätern ist bemerkenswert. Es kann nichts damit zu tun haben, dass sie Serkan für den Haupttäter halten und die anderen Namen damit nicht für nennenswert — inanderenFällen nennen sie durchaus die Namen von Haupttätern und deren Komplizen. Wir haben bei “Bild”-Sprecher Christian Senft nachgefragt, warum in den “Bild”-Medien nur der Name eines Tatverdächtigen genannt wurde. Bisher haben wir keine Antwort von ihm erhalten.
Nun weist ein Name nicht automatisch auf eine Staatsangehörigkeit hin. Wir wollten aber gern wissen, ob die Vornamen der beiden anderen, von “Bild” und Bild.de nicht genannten Verdächtigen ebenfalls türkischstämmig oder arabisch klingen. Und siehe da: Wie uns der Sprecher der Dortmunder Staatsanwaltschaft auf Anfrage mitgeteilt hat, trägt der eine Tatverdächtige einen “urdeutschen Namen”, der andere einen, der nicht auf eine türkische oder muslimische Herkunft hindeute.
Dass die “Bild”-Medien nur den einen Namen nennen — und nicht etwa auch den “urdeutschen” –, ist ein gefundenes Fressen für alle rechten und noch rechteren Scharfmacher. Die Bild.de-Artikel drehen in den entsprechenden Kreisen derzeit die ganz große Runde: Neben Seiten wie “Widerstand für Deutschland”, “Patriotische Vernetzung – Wir wollen unser Land zurück” und “Meine Heimat Deutschland” haben auch die Accounts “AfD Nürnberg”, “AfD Chemnitz”, “AfD Freunde Kinzigtal”, “AfD Kyffhäuser-Sömmerda-Weimarer Land”, “AfD Weiden in der Oberpfalz”, “AfD Hannover Stadt”, “AfD Kreisverband Ravensburg”, “AfD Freunde Landkreis Hildesheim”, “AfD Kreisverband Augsburg-Stadt”, “AfD Cloppenburg/Vechta”, “AfD Südliche Ortenau – Kinzigtal”, “AfD Regionalgruppe Hoyerswerda”, “AfD OV Unteres Jagsttal”, “AFD-FANCLUB DEUTSCHLAND”, “AfD Wolfsburg”, “AfD Kreisverband Wittmund”, “AfD Freunde Ortenau”, “AFD Freunde Berlin”, “AfD – Kreisverband Weserbergland”, “AfD Gemeindeverband Großrosseln”, “AfD Waiblingen-Fellbach”, “AfD Burscheid” und “AfD Kreisverband Dachau” die Texte bei Facebook und Twitter geteilt. Hinzu kommen zahlreiche AfD-Freunde wie Erika Steinbach und AfD-Mitglieder wie Guido Reil. Und auch AfD-Fraktionschefin Alice Weidel verbreitete den Bild.de-Artikel von vergangenem Dienstag. Dazu schrieb sie bei Facebook:
Wie weit die Verrohung in Deutschland fortschreitet, beweist NRW. (…) Hauptbeschuldigter ist ein Schüler namens Serkan (16), der mit seiner Benotung in den Fächern Chemie und Deutsch offenbar nicht einverstanden war.
Ihm zu Hand gehen sollten zwei Bekannte (17 und 18 Jahre). (…) Die Martin-Luther-King-Gesamtschule ist für ihre Anti-Mobbing-Projekte bekannt. Gegen bestimmte Sozialisierungen kommen wohl auch die besten Präventivmaßnahmen nicht an.
Fast 3000-mal geliket, fast 1000-mal kommentiert, über 1500-mal geteilt.
Und auch in den Kommentaren auf der “Bild”-Facebookseite stürzten sich die Leserinnen und Leser vor allem auf einen Aspekt der Geschichte:
1. “Prahlerisch wie ein Teenager” – Jetzt erst recht! (arminwolf.at)
Der österreichische Journalist und Moderator Armin Wolf kennt den FPÖ-Politiker Heinz-Christian Strache bereits seit dem August 2005. In dieser Zeit führte er mit Strache das sogenannte Sommergespräch, das zu Straches erstem großen medialen Auftritt wurde. In Vorbereitung auf die Sendung schaute sich Wolf die Homepage seines Interviewpartners an und stolperte dort über eine Kurzrezension eines Ernst-Jünger-Bandes. Wie sich herausstellte, handelte es sich bei Straches angeblicher Jünger-Rezension um eine gekürzte Version eines Textes einer rechtsextremen “Heimatseite”. Dies ist nur eine der vielen interessanten Aspekte des lesenswerten Berichts über den Menschen und Politiker Strache.
2. Wenn Journalisten angegriffen werden, sind wir alle das Ziel (fr.de, Bascha Mika)
Bei einer Gedenkfeier von kroatischen Nationalisten im österreichischen Bleiburg wurde Danijel Majic, Reporter bei der “Frankfurter Rundschau”, beschimpft, bespuckt, geschlagen und getreten. “FR”-Chefredakteurin Bascha Mika kommentiert: “In wenigen Tagen ist die Europa Wahl. Wenn, was sich abzeichnet, die Nationalisten und Rechtsextremen stärker werden, können wir uns ausrechnen, was daraus folgt. Nicht nur für den kritischen Journalismus.”
Zum Hintergrund: Angriff von rechtsextremem Moderator — Keine Anzeige gegen FR-Reporter (fr.de).
3. Seltsamer “Tagesschau”-Bericht: Beherrscht die AfD das halbe Internet? (vice.com, Sebastian Meineck)
Als “mathematischen Clusterfuck” bezeichnet Sebastian Meineck die Berichterstattung der “Tagesschau” über die angebliche AfD-Dominanz in den Sozialen Medien (war hier auch bei uns in den “6 vor 9” verlinkt). Die Schlussfolgerungen seien stark vereinfacht und würden ein irreführendes Bild zeichnen. Sein Resümee, nachdem er mit dem Team der Analyse-Firma gesprochen hat, auf deren Daten der “Tagesschau”-Bericht basiert: “[W]as Alto Data Analytics herausgefunden hat, ist einfach zu speziell, um es im Stil der Tagesschau zu vereinfachen. Das Kuchendiagramm der Tagesschau erweckt den Anschein, als würde in sozialen Medien jede zweite politische Äußerung über die AfD getätigt werden — eine zu stark vereinfachte Nachricht, über die sich vor allem die AfD freuen dürfte.”
4. “Das Urheberrecht verteilt Vermögen von den Lebenden zu den Toten” (sueddeutsche.de, Simon Hurtz)
Martin Kretschmer leitet an der Universität Glasgow das Forschungszentrum CREATe für Urheberrecht und Kreativwirtschaft und ist ein profunder Kenner der EU-Urheberrechtsreform. Im Interview spricht er über Spielräume bei der Umsetzung, die berühmt-berüchtigten Upload-Filter und den Einfluss von Unternehmen auf das Gesetz. So richtig optimistisch ist der Experte nicht, was die Zukunft angeht. Doch eine Sache könne Mut machen: “Die vergangenen Monate haben gezeigt, dass öffentlicher Druck hilft. Die SPD hat nachweislich anders verhandelt, weil der Widerstand in Deutschland so laut und deutlich wurde. Der Koalitionsvertrag schließt verpflichtende Upload-Filter aus. Es ist wichtig, die Parteien beim Wort zu nehmen. Es ist noch so viel Spielraum bei der Umsetzung vorhanden, dass sich die Mühe lohnt.”
5. 23 Milliarden für Flüchtlinge? Die Geschichte einer Zahl (zdf.de, Florian Neuhann)
Alice Weidel (AfD) ließ ihrer Empörung freien Lauf: Im Jahr 2018 seien 23 Milliarden Euro Asylkosten aufgelaufen. Auch die “Bild”-Zeitung schrieb von einem Rekord: “Flüchtlingskosten 2018 hoch wie nie”. Das Problem: Die Zahl stammt zwar aus dem Finanzministerium, fasse jedoch Positionen zusammen, die nicht dorthin gehören würden, so Florian Neuhann. Für das ZDF hat er näher hingeschaut und siehe da: “Bei genauerem Betrachten schrumpft die ursprüngliche Rekordzahl immer weiter in sich zusammen.”
6. Journalistische Verantwortung am Beispiel Bubble Tea (indiskretionehrensache.de, Thomas Knüwer)
Thomas Knüwer führt drei Beispiele für schlampige bis verantwortungslose Berichterstattung an: die Berichte über Angela Merkels angeblichen Wechsel auf eine EU-Position, die bereits etwas zurückliegende Berichterstattung zu angeblich giftigem Bubble-Tea und die mindestens irreführende Überschrift über ein angebliches Aufeinandertreffen von Verena Bahlsen und Kevin Kühnert. Knüwers Kommentar: “Früher waren solche Halb- und Unwahrheiten dem Boulevard und den Klatschblättern vorbehalten — heute darf jeder mal, weil er glaubt, dass sich alles versendet.”
1. Twitter sperrt jüdische Wochenzeitung (sueddeutsche.de)
Twitter scheint derzeit ein extremes Overblocking zu fahren. In den vergangenen Tagen wurden immer wieder Accounts wegen unproblematischer Tweets gesperrt, unter anderem auch das Konto der Wochenzeitung “Jüdische Allgemeine”.
Weiterer Lesetipp: Twitter kippt nach rechts, ein Beitrag des Juristen Christian Säfken, der für einen alten Witz über die AfD gesperrt wurde und sich dies nicht gefallen lassen will.
2. Stunk im Turm (taz.de, Anne Fromm)
“SZ”-Chefredakteurin Julia Bönisch veröffentlichte vor einigen Tagen im Branchenblatt “journalist” ihren persönlichen Blick auf den Journalismus. Dort hieß es: “Frau, Onlinerin, noch keine 40 — damit stehe ich für fast alles, was unbequem und lästig ist: für Veränderung, für Digitalisierung, für einen Generationenwechsel, der auch Frauen an die Spitze bringt.” Und in der Tat: Bönisch hat mit dem Text einen Großteil der Redaktion und sogar den Betriebsrat gegen sich aufgebracht.
3. re:publica 2019: Einige sagen Festival (indiskretionehrensache.de, Thomas Knüwer)
Thomas Knüwer schreibt über den Weg der re:publica von der Konferenz zum Festival, benennt die Höhe- und Tiefpunkte der Veranstaltung und das Comeback des “Handreichungs-Journalisten”. Sein Fazit mit Blick auf die Kritiker: “Sie wird es wohl niemand recht machen können, die rp, der sich nicht auf sie einlässt. Der sich vor allem nicht einlässt auf diesen wundervollen, bunten Haufen Mensch, der redet über Thesen der Politikwissenschaften, den Einsatz von Internet im Roten Kreuz, New Work, das Run DMC-Logo als Meme, gutes und schlechtes im Essen oder die Faszination von Raumfahrt. Ich kenne keinen Ort, an dem ich so viele, unterschiedliche Personen treffe, Anzugträger und aktivistische Programmierer und Schüler und Studenten und Kleinkinder und Youtuber und Politiker und Podcaster und Afrikaner und Amerikaner und Europäer und Rollstuhlfahrer und Astronauten.”
4. Zahlenkosmetik (deutschlandfunk.de, Annika Schneider, Audio: 6:21 Minuten)
Für Fernsehquoten und Zeitungsauflagen gibt es seit Jahren standardisierte Messmethoden. Bei Podcasts gibt es keine einheitliche Zählweise, was Vergleiche erschwert. Auch die Zahlen des “Morning Briefing”-Podcasts von Gabor Steingart sind äußerst umstritten. Podcastredakteur Marc Krüger (t-online.de) erläutert die technischen Schwierigkeiten beim Erfassen und Auswerten der Zahlen.
5. 49 der 100 erfolgreichsten Facebook-Posts zur Europawahl sind von der AfD (buzzfeed.com, Karsten Schmehl)
“BuzzFeed News” hat Facebook-Posts zur Europa-Wahl ausgewertet und ist dabei zu einem erschreckenden Ergebnis gekommen: Allein 49 der 100 erfolgreichsten Facebook-Beiträge zur Europawahl kämen von der AfD. Die Partei habe damit 250.000 Interaktionen ausgelöst und sei fast zehnmal so erfolgreich wie alle restlichen im deutschen Bundestag vertretenen Parteien zusammengenommen.
6. Auf dem Weg zum Monopol: DISNEY – Ein Filmanalyse-Spezial (youtube.com, Wolfgang M. Schmitt, Video: 12:56 Minuten)
Nicht zuletzt durch strategische Zukäufe wird der Disney-Konzern immer mächtiger. Es sei erschreckend, wie sehr Marvel-, Pixar-, Star-Wars- und Avatar-Filme, aber auch Realverfilmungen von Disney-Klassikern das Kino beherrschen, findet Wolfgang M. Schmitt in seiner Filmanalyse. Lenin habe diese Art der Monopolentwicklung bereits vor 100 Jahr beschrieben.
Geht es darum, mit falschen Fakten Angst und Schrecken zu verbreiten, leben “Bild” und AfD in wunderbarer Symbiose. In Dresden konnte man das in den vergangenen Tagen gut beobachten: Eine AfD-Abgeordnete stellte eine Kleine Anfrage an die Sächsische Staatsregierung, die Dresdner Regionalausgabe der “Bild”-Zeitung berichtete über die Antwort des Staatsministeriums des Innern (PDF), und die Abgeordnete, die die Kleine Anfrage gestellt hatte, nutzte wiederum den “Bild”-Artikel für ihre Stimmungsmache. Bloß: “Bild” hat Zahlen verglichen, die man nicht vergleichen kann, dadurch falsche Schlüsse gezogen und diese zu einer Explosion der Kriminalität an Dresdens Schulen aufgeblasen.
Im vergangenen Jahr ist die Kriminalität in Klassenräumen und auf Schulhöfen in unserer Stadt explodiert! Die erschreckenden Zahlen veröffentlichte Innenminister Roland Wöller (48, CDU) auf Anfrage der AfD.
Seinen Artikel teilt “Bild”-Redakteur Tom Rosin nach den verschiedenen Schularten auf. Zu den Grundschulen, dies es ja auch in die Titelzeile geschafft haben, schreibt er:
An GRUNDSCHULEN (1. bis 4. Klasse) gab es im vergangenen Jahr 107 Straftaten, im Jahr zuvor waren es dagegen nur 33. Das ist ein Anstieg von 224 Prozent.
Es handelt sich dabei nicht um Schulhofrangeleien. Ermittelt wurde u.a. wegen Körperverletzung, Brandstiftung und Diebstahl!
Beim Blick auf die Statistik (PDF, Grundschule (“GS”) gemeinsam mit Oberschule (“OS”) und Mittelschule (“MS”) in einer Datei, aber jeweils gesondert ausgewiesen) sieht man, dass die in “Bild” genannten Zahlen zu den Straftaten stimmen, und der “Bild”-Redakteur hat auch richtig gerechnet. Nur ist der Vergleich an sich schon falsch und damit auch die genannte Steigerung von 224 Prozent. In der Antwort des Staatsministeriums des Innern steht extra:
Recherchiert wurde für den Tatzeitraum vom 1. Januar 2014 bis zum 31. Dezember 2018 in der Kreisfreien Stadt Dresden. Zu beachten ist hierbei, dass bei verschiedenen Delikten (z. B. Körperverletzung gemäß § 223 Strafgesetzbuch [StGB] oder Diebstahl gemäß § 242 StGB) Aussonderungs- und Löschfristen von 24 Monaten bestehen und damit bei diesen Delikten valide Angaben nur noch für das Jahr 2018 zur Verfügung stehen.
Die Polizei in Sachsen löscht also bei bestimmten Delikten nach einer bestimmten Frist (hier: nach zwei Jahren) Straftaten aus ihrem System. Durch dieses Löschen sind die Zahlen zu den verschiedenen Jahren aus der Antwort zur Kleinen Anfrage schlicht nicht miteinander vergleichbar. Für 2018 sind allein schon wegen dieser Löschfristen mehr Straftaten aufgelistet als für die Jahre zuvor. Wir haben nachgeschaut: Tatsächlich werden Körperverletzungen (§ 223 StGB) und Diebstähle (§ 242 StGB) nur für 2018 genannt — in den Angaben zu 2014, 2015, 2016 und 2017 fehlen sie komplett. Und das macht einen deutlichen Unterschied: Bei den Dresdner Grundschulen findet man für 2018 18 Körperverletzungen und 24 Diebstähle, was zusammen bereits 42 der von “Bild” genannten 107 Straftaten sind.
Die besondere Löschfrist von zwei Jahren gilt aber auch noch für weitere Straftaten, so die Sächsische Staatskanzlei:
– Beleidigung, üble Nachrede, Verleumdung (§§ 185, 186, 187 StGB), soweit diese nicht eine nachhaltige Rufschädigung der Betroffenen zur Folge haben, öffentlich oder mittels Druckschriften begangen wurden oder sexuellen Bezug haben;
– Hausfriedensbruch (§ 123 StGB);
– Fahrlässige Körperverletzung (§ 230 StGB);
– Vorsätzliche Körperverletzung (§ 223 StGB) mit geringen Folgen;
– Sachbeschädigung (§ 303 StGB) bis zu einer Schadenshöhe von 100 EUR;
– Diebstahl und Unterschlagung bis zu einer Schadens-höhe von 100 EUR, soweit es sich nicht um Fälle nach §§ 243 und 244 StGB handelt;
– Erschleichen von Leistungen (§ 265a StGB);
– Betrug (§ 263 StGB) bis zu einer Schadenshöhe von 100 EUR.
An den Grundschulen waren es 2018 laut Statistik fünfmal § 185 StGB, einmal § 187 StGB, dreimal § 123 StGB und fünfzehnmal § 303 StGB. Will man die Straftaten des vergangenen Jahres also unbedingt mit jenen des Jahres 2017 vergleichen, müsste man von den 107 Straftaten 66 abziehen, da die jeweiligen Delikte wegen der Löschfristen nur im Jahr 2018 vorkommen. Die “Kriminalität an Dresdens Grundschulen” wäre dann also nicht innerhalb eines Jahres von 33 auf 107 Straftaten gestiegen, sondern von 33 auf 41; und damit nicht “um 224 Prozent”, sondern nur um 24 Prozent (doch es bleibt dabei: Der Vergleich ist an sich schon nicht sinnvoll).
Ähnlich falsch ist Rosins Vergleich zu den Dresdner Ober- und Mittelschulen. In “Bild” schreibt er:
Oder die 52 Straftaten vor zwei Jahren — 2018 waren es dann schon 173 — ein Plus von 233 %. Erpressungen, sexueller Missbrauch, gefährliche Körperverletzung waren dabei.
Bei einem Vergleich auf Biegen und Brechen müsste man allerdings 97 von den 173 Straftaten aus dem Jahr 2018 abziehen, da sie zu den Delikten gehören, die wegen der Löschfristen 2017 gar nicht auftauchen können. Die Steigerung betrüge dann nicht 233 Prozent, sondern nur 46 Prozent.
An den Berufsschulen wäre es nicht das von Rosin genannten Plus von 77 Prozent, sondern von 9,3 Prozent. Und an den Gymnasien “stieg die Zahl der Straftaten” nicht, wie in “Bild” steht, “um 60 %”, sondern sank um 23 Prozent.
Und selbst ohne diese Fehler wäre eine Aussage wie “ist die Kriminalität in Klassenräumen und auf Schulhöfen in unserer Stadt explodiert” nicht wirklich passend, denn in der Antwort des Staatsministeriums des Innern steht auch:
Recherchiert wurde im Polizeilichen Auskunftssystem Sachsen nach Straftaten mit den Tatörtlichkeiten “Grundschule”, “Mittelschule/Oberschule” (nicht alle Mittelschulen wurden in Oberschulen umbenannt, so dass Mittelschulen und Oberschulen erfasst wurden), “Sonstige Schule” (Förderschulen werden nicht gesondert ausgewiesen), “Gymnasium” und “Berufsschule”.
Diese Auswertung erfolgte nach dem Tatortprinzip “Tatörtlichkeit = Schule”, so dass es sich bei den Opfern und ermittelten Tatverdächtigen nicht zwingend um Schüler bzw. Lehrer handeln muss, sondern möglicherweise auch
um andere Personen, welche sich zur Tatzeit auf dem Schulgelände aufhielten.
Da die Straftaten jeweils mit Datum aufgelistet sind, kann man nachschauen, welche von ihnen während der Schulferien, an Wochenenden oder Feiertagen begangen wurden — und somit nicht in der Schulzeit, sondern nur auf dem Schulgelände oder in der unmittelbaren Nähe. An den Grundschulen zum Beispiel waren es im vergangenen Jahr 23 (von 107) Straftaten, darunter besonders schwere Fälle des Diebstahls und sexueller Missbrauch von Kindern. An den Ober- und Mittelschulen registrierte die Polizei 16 (von 173) Straftaten, während die Schulen geschlossen waren.
Bei “Bild” gibt es diese Differenzierungen nicht. Stattdessen hat Redakteur Tom Rosin mit seinem Murks der sächsischen AfD-Fraktion eine traumhafte Vorlage geliefert, die die Abgeordnete Karin Wilke, die auch die Kleine Anfrage gestellt hatte, für ihre Angstmacherei verwendet:
2. Wie sich öffentlich-rechtliche Angebote verändern (deutschlandfunkkultur.de, Tim Wiese)
Seit dem 1. Mai gilt der neue Rundfunkstaatsvertrag, und mit ihm gelten für ARD, ZDF und Deutschlandradio neue Regeln im Netz. Texte würden auf den öffentlich-rechtlichen Portalen immer weniger eine Rolle spielen, so der Medienjournalist Daniel Bouhs. Dafür dürfen die öffentlich-rechtlichen Sender nun auch Plattformen wie Facebook, Youtube oder Instagram mit speziell dafür entwickelten Inhalten bespielen. Die Hinwendung zu den sozialen Netzwerken berge jedoch Gefahren, so Bouhs.
3. In Hamburg durchgefallen (faz.net, Patrick Bahners)
Das Interview der “Zeit” mit dem Juso-Chef Kevin Kühnert hat wegen dessen Äußerungen zu Enteignungen für viel Aufsehen gesorgt. Patrick Bahners fragt sich, wer die Enteignungen ins Gespräch gebracht hat und kommentiert: “Es war wie eine Abiturprüfung — hier zwei unterschütterliche Routiniers, dort ein gewitzter Prüfling.”
4. Duell um die “Motorwelt” (sueddeutsche.de, Uwe Ritzer)
Die Mitgliederzeitschrift “ADAC Motorwelt” ist mit einer Druckauflage von 14 Millionen Exemplaren Europas auflagenstärkste Zeitschrift. Der ADAC hatte bereits vor längerer Zeit Umbau- und Sparmaßnahmen angekündigt. Anscheinend soll von 2020 an der Medienkonzern Burda das Mitgliedermagazin produzieren und vertreiben. Aber auch Springer sei an dem lukrativen Deal interessiert.
5. Überfall auf Enthüllungsjournalist (taz.de, Bernhard Clasen)
In der Ukraine ist ein Journalist von Unbekannten überfallen und schwer verletzt worden. Man vermutet einen Zusammenhang mit seinen Recherchen zum Thema Korruption städtischer Beamter. Vor drei Jahren hatte es schon den Versuch gegeben, ihn zu erschießen. Nun liegt er schwer verletzt im Koma und ringt um sein Leben.
6. Tausche Liebe gegen Geld (zeit.de, Meike Laaf)
Die Podcastszene professionalisiert sich. Das hat Vor-, aber auch Nachteile, denn jetzt geht es auf einmal ums große Geld. Unternehmen wie Luminary und Spotify pumpen gewaltige Beträge ins System und sperren ihre Podcasts hinter Paywalls und Anmeldeschranken. Meike Lauf analysiert die Situation und erklärt die Vermarktungswege.
7. BILDblog auf der re:publica: Best-/Worst-of 15 Jahre BILDblog (19.re-publica.com)
IN EIGENER SACHE: Wir bespielen heute Abend um 20 Uhr Stage 2 auf der re:publica in Berlin. Es wird ein wilder Ritt durch 15 Jahre “Bild”- und Boulevardbeobachtung, mit den übelsten Kampagnen, der schlimmsten Hetze und dem falschesten Katzenbenzin. Kommt gerne vorbei. Wir freuen uns auf Euch!
Ist Rassismus weniger schlimm, wenn er von einem Grünen-Politiker kommt? Oder sind die meisten Medien der Ansicht, dass es sich bei Palmer in Wahrheit ja gar nicht um Rassismus handeln kann, weil er eben Palmer ist? Der provoziert nun mal gern. Der übertreibt es halt manchmal. Das ist ungefähr das, was deutschen Medien gerade zu Boris Palmers rassistischem Post über eine Bildcollage der Deutschen Bahn einfällt. Und nicht etwa, dass es ein rassistischer Post ist.
Muss man tatsächlich noch darüber diskutieren, ob eine Aussage rassistisch ist, die Hautfarbe per se mit “andere Herkunft” gleichsetzt? Oder dass es nicht-weiße Menschen sind, die in Werbung und Medien eklatant unterrepräsentiert sind? Und dass man weißen Menschen keinen Schaden zufügt, wenn sie einmal nicht in der Mehrheit sind? Ist es tatsächlich erklärungsbedürftig, dass man Menschen rassistisch angreift, wenn man faktisch eine Hautfarbe als erwünscht darstellt und andere nur, wenn sie unter einer Art Obergrenze verschwinden? Muss es immer so weit kommen, dass einer der direkt Angegriffenen sich persönlich zu Wort meldet, bis überhaupt über Rassismus gesprochen werden kann?
Bevor Sternekoch Nelson Müller sich persönlich diskriminiert und „tief bestürzt“ durch Palmers „rassistisch anmutende Äußerungen“ zeigte, stellte “Spiegel Online” die ganze Sache noch auf eine Stufe zu Palmers Frotzeleien gegen die Hauptstadt: “Palmer hatte in der Vergangenheit immer wieder für Kontroversen gesorgt. So sagte er beispielsweise über die Bundeshauptstadt Berlin: ‚Wenn ich dort ankomme, denke ich immer: ‘Vorsicht, Sie verlassen den funktionierenden Teil Deutschlands'”.
All das, was Theaterautor, Blogger und Marketingexperte Johannes Kram schon so gemacht hat, würde nicht in diese Box passen. Deswegen hier unvollständig und im Schnelldurchlauf: Nicht nur, aber auch wegen seiner Medien-Kampagne ist Guildo Horn zum “Eurovision Song Contest” gekommen. In seinem neuen Buch “Ich hab ja nichts gegen Schwule, aber” prangert er die “schrecklich nette Homophobie” auch in den Medien an. Für seinen “Nollendorfblog” bekam er eine Nominierung für den “Grimme Online Award”, er selbst erhielt 2018 den Tolerantia Award. Und mit “Seite Eins — Theaterstück für einen Mann und ein Smartphone” hat er Boulevard-Kritik auf die Bühne gebracht. Dafür ein herzliches Dankeschön vom BILDblog.
So sieht das Fazit in fast allen Berichten aus: Der will doch nur spielen, einen raushauen. Kann sein. Aber ist das so wichtig, warum Palmer das macht? Ist es nicht viel wichtiger, was er da macht? Warum fällt es deutschen Medien so schwer, das zu benennen? Warum taucht das Wort Rassismus so gut wie nicht auf? Und wenn, dann fast nur als der Vorwurf seiner Gegner, also derer, denen Palmer sowieso suspekt ist? So, als ob das eigentliche Problem eines solchen Posts das ist, wer parteipolitisch davon gerade profitiert? So, als ob die eigentliche Nachricht ein Streit unter Politikern ist und nicht die Tatsache, dass da gerade ein Politiker Menschen mit nicht-weißer Hautfarbe abspricht, Deutsche Wirklichkeit zu repräsentieren. Oder zumindest nicht, wenn es zu viele davon sind.
Über “Bild” braucht man in der ganzen Sache eigentlich gar nicht reden. Muss man aber trotzdem. Natürlich nutzen die Leute von “Bild” auch dieses Ereignis, um die Messlatte für Rassismus noch weiter nach unten zu ziehen. „Boris ist eine eitle Krawallnudel aber kein Rassist. Und die Deutschen haben nicht zu 80 Prozent Migrationshintergrund. Können wir uns darauf einigen?“, twittert Nikolaus Blome. Rassistisches doch mal eben so sagen zu wollen und gleichzeitig damit durchzukommen, kein Rassist zu sein, ist seit gestern noch salonfähiger geworden. In “Bild” hatte Blome zuvor sogar die Sichtbarkeit von Nicht-Weißen in der öffentlichen Wahrnehmung selbst zum Problem erklärt, wenn diese nicht der tatsächlichen Repräsentanz in der Bevölkerung entspricht: „Der Kampf gegen alltägliche Diskriminierung ist auch in Deutschland längst nicht gewonnen. Traurig, aber wahr. Doch mit einseitigem Überbetonen ist auch niemandem gedient. Das wirkt nur lächerlich.“ Nicht die Regel, in der People of Colour fast immer unterrepräsentiert sind, machen also Rassismus, sondern die eine Ausnahme, in der das nicht so ist. Mit dieser Logik schafft sich “Bild” eine lupenreine Rassismus-Formel, da jeder Versuch, Rassismus dadurch zu bekämpfen, immer öfter auch nicht-weiße Menschen sichtbar zu machen, dadurch skandalisiert werden kann, dass es hier eine Art Bevorzugung gäbe.
Wo “Bild” offen Rassismus schürt, fällt es anderen Medien schwer, Rassismus überhaupt zu benennen. Ist der Rassismus in der Geschichte etwa so abwegig? Oder so unwichtig? Oder ist das Eis einfach zu dünn, wenn man über Rassismus schreiben muss? „Palmer hat offenbar ein Problem damit, dass vier der fünf Bilder keine Nord- oder Mitteleuropäer zeigen, sondern Menschen mit dunkleren Hautfarben“, meint etwa “RP Online”, so, als ob es keine Nord- oder Mitteleuropäer mit dunkler Hautfarbe gebe.
„Ob Enteignung, Erziehung von Zuwanderern oder Multikulti-Werbekampagnen – Boris Palmer provoziert. Das Tübinger Stadtoberhaupt sucht Streit. Meist sehr zum Leidwesen seiner Partei“, beginnt heute.de seinen Bericht und kommt bis zum Ende kein einziges mal auf die Idee, dass das eigentliche Leid die Minderheiten trifft, die die Opfer seiner Ausgrenzungen sind.
Wieso steht eigentlich bei der rassistischen Entgleisung eines AfD-Politikers die rassistische Entgleisung im Vordergrund der Berichterstattung, während es hier bei einem Grünen-Politiker vor allem die — wie suggeriert wird — überbändige Reaktion darauf ist? Lautete die Durchschnittsüberschrift damals „Gauland beleidigt Boateng“, heißt es heute „Shitstorm gegen Boris Palmer“. Der Arme. Meinetwegen will er nur spielen. Meintewegen will er nur provozieren. Aber ganz offensichlich will er eben rassistisch spielen und provozieren. Was muss Palmer eigentlich noch alles machen, dass er von deutschen Medien endlich als Rassist wahrgenommen wird?
1. Was das Internet nicht vergessen sollte (golem.de, Friedhelm Greis)
Die Schlacht um die Urheberrechtsreform wurde geschlagen, die Netzaktivisten unterlagen. Friedhelm Greis hat sich auf die Suche nach den richtigen Lehren aus der jahrelangen Debatte gemacht. Wie lassen sich in der Zukunft solche Niederlagen vermeiden? Seine Analyse in Kurzform: “Harte Fakten einfordern. Die großen IT-Konzerne sind keine guten Verbündeten. Wahlen können etwas ändern. Online-Proteste nützen wenig.”
2. Gerüchte und Spekulationen im Netz (faktenfinder.tagesschau.de, Patrick Gensing & Silvia Stöber)
Nach (oder noch während) einer Katastrophe kursieren im Netz augenblicklich Gerüchte über Ursache und Hergang, so auch bei der brennenden Kathedrale Notre-Dame in Paris. Vor allem rechte Blogs streuten Spekulationen über einen angeblichen Anschlag. Der “Faktenfinder” ist der Sache nachgegangen. Dabei spielt auch Donald Trump eine Rolle mit seinem Ratschlag, die französische Feuerwehr möge schnell Löschflugzeuge einsetzen.
Weiterer Lesehinweis: Thomas Lückerath kommentiert bei “DWDL” die Kritik, ARD und ZDF hätten wegen des Geschehens in Paris ihr Programm unterbrechen sollen: “Besonders komisch wird es übrigens immer dann, wenn Print-Journalisten vermeintlich mangelnde Aktualität bei ARD und ZDF in solchen Fällen kritisieren und ebenso süffisant darauf hinweisen, dass man in solchen Fällen besser ausländische Nachrichtensender guckt. Es wären die Verlage, die neben den privatwirtschaftlichen Nachrichtensendern am lautesten aufschreien würden, wenn die Politik ARD und ZDF grünes Licht für einen echten öffentlich-rechtlichen Nachrichtensender geben würde.”
3. Weniger verzerrt (journalist-magazin.de, Janina Kalle)
Unter einem Bias oder einer “kognitiven Verzerrung” versteht man die “systematische fehlerhafte Neigung beim Wahrnehmen, Erinnern, Denken und Urteilen”. Auch wenn wir noch so sehr meinen, rational zu urteilen, unterliegen wir oftmals diesen Verzerrungen und Selbsttäuschungen. Dies gilt nicht nur für Medienleute, sondern betrifft uns alle. Janina Kalle hat einen spannenden Text vorgelegt, in dem sie erklärt, wie man der Bias-Falle entkommt, und einige “Debiasing”-Techniken vorstellt.
4. Als “der Ulli” rechts abbog (taz.de, Timo Hoffmann)
Der Journalist und Autor Ulrich Kulke hat eine bemerkenswerte Vita: Vor 40 Jahren hat der heute 66-Jährige die “taz” mitgegründet. Später arbeitete er für die Grünen. 2001 ging er für 15 Jahre zur Tageszeitung “Welt” des Axel-Springer-Verlags. Heute nimmt er die AfD in Schutz und schreibt Kommentare für das Onlineportal “Die Achse des Guten”. Wie ist es dazu gekommen? “taz”-Redakteur Timo Hoffmann hat Kulke bei ihm zu Hause besucht und ein lesenswertes Porträt verfasst, das nicht urteilt.
5. Google, Facebook und der Journalismus – oder: wenn sich das Problem als Teil der Lösung sieht (medienwoche.ch, Daniel Faulhaber)
Im italienischen Perugia trifft sich die Medienbranche seit 13 Jahren jährlich zu einem der größten Branchentreffen, dem “International Journalism Festival”. Dieses Jahr besonders im Fokus: Facebook, Google und das problematisches Verhältnis dieser Konzerne zum Journalismus. Daniel Faulhaber war in dem umbrischen Städtchen und hat sich angehört, wie die Netzgiganten derzeit agieren: Mit einem Schmusekurs, den sich Facebook allein 300 Millionen Euro kosten lässt, die es den Verlagen für Journalismusprojekte zur Verfügung stellt.
6. Wie kann ich als Mann Feminist sein? (spiegel.de, Margarete Stokowski)
Ein Medien-, aber auch ein Alltagsthema: “Wie können Männer Feministen sein?” Margarete Stokowski hat eine Liste mit 40 Punkten angefertigt: “Die Liste ist unvollständig und die Reihenfolge egal. Erledigen Sie so viele Punkte wie möglich, dann sind Sie auf der sicheren Seite.”
Gestern fand in Finnland die Parlamentswahl statt. Mit Blick auf das vorläufige Endergebnis fasst Bild.de zusammen:
Dazu schreibt die Redaktion:
Finnland gilt als glücklichstes Land der Erde. Mit dem Ergebnis der Parlamentswahl dürften viele Europäer angesichts der bevorstehenden Europawahl aber nicht so glücklich sein.
Die rechtspopulistische Partei Die Finnen schafft es bei der Parlamentswahl weit nach vorne: Sie erhielt 17,5 Prozent der Stimmen und kommt nun auf 39 der 200 Sitze im Parlament.
Und:
Das Abschneiden der Finnen-Partei gilt als Omen für die Europawahl am 26. Mai: Die Finnen-Partei gehört neben der AfD und der italienischen Lega zu den Parteien, die im EU-Parlament eine neue Allianz der Rechtspopulisten bilden wollen.
Wir können uns nicht erklären, wie Bild.de darauf kommt, dass es gestern einen “Rechtsruck” bei der Wahl in Finnland gegeben habe. Die rechtspopulistische PS (“Basisfinnen” oder “Die Finnen”) hat im Vergleich zur vorherigen Parlamentswahl 0,2 Prozentpunkte verloren: 2015 hatte sie noch 17,7 Prozent der Stimmen bekommen, 2011 sogar 19,1 Prozent. Damals gab es wirklich einen “Rechtsruck”: Die PS hatte vor acht Jahren einen Zugewinn von 15,0 Prozentpunkten. Das Wahlergebnis von gestern ist seitdem das schlechteste der Partei. Und damit ist es auch definitiv falsch, wenn der “Deutschlandfunk” dazu schreibt:
Die Rechtspopulisten konnten die Zahl ihrer Sitze damit mehr als verdoppeln.
Tatsächlich hat die PS gestern, trotz des Minus von 0,2 Prozentpunkten, einen Parlamentssitz dazugewonnen und hat nun 39 Mandate.
Aber zurück zum angeblichen “Rechtsruck” von Bild.de. Auch das Ergebnis der anderen größeren finnischen Partei aus dem rechten Spektrum, der konservativen Nationalen Sammlungspartei (KOK), spricht nicht dafür: Sie hat im Vergleich zur Wahl 2015 ebenfalls verloren, minus 1,2 Prozentpunkte. Der größte Verlierer von gestern ist die liberale Zentrumspartei (KESK) mit einem Minus von 7,3 Prozentpunkten. Weil KOK und KESK stärker verloren haben als die PS, ist diese nun zweitstärkste Partei im finnischen Parlament.
Stärkste Kraft ist die Sozialdemokratische Partei (SDP) mit 17,7 Prozent und 40 Parlamentssitzen. Sie hat gestern 1,2 Prozentpunkte und sechs Sitze gewonnen. Das Linksbündnis (VAS) hat 1,1 Prozentpunkte und vier Sitze gewonnen. Größter Gewinner von gestern ist der Grüne Bund (VIHR) mit einem Plus von 3,0 Prozentpunkten und fünf Parlamentssitzen. Wenn also gestern überhaupt irgendetwas in Finnland irgendwohin geruckt ist, dann nach links.