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„Bild“ macht sich einen Sport aus Beleidigungen (2)

Was sich gestern andeutete, ist heute eingetreten: Die „Bild“-Zeitung entschuldigt sich beim Kapitän von Schalke 04, Marcelo Bordon und widerruft ihre Behauptung, Bordon habe den Schiedsrichter nach dem Spiel gegen Borussia Dortmund eine „Hure“ genannt.

Der Kontrollausschuss des DFB hatte das Verfahren gegen Bordon, das er nach der „Bild“-Berichterstattung angestrengt hatte, gestern eingestellt.

Genau wie das Verfahren gegen den Trainer des VfL Osnabrück, Claus-Dieter Wollitz. Über den hatte „Bild“-Reporter Manfred Schäfer behauptet, er habe den gegnerischen Trainer einen „Wichser“ genannt. Dieser Verdacht hat sich nach Angaben des DFB „nach Auswertung der vorliegenden Beweismittel nicht bestätigt“.

Hat „Bild“ also heute auch diese Behauptung widerrufen und sich bei Pele Wollitz entschuldigt?

Nun ja. Nicht ganz:

Mit Dank an Jonas G., Markus S., Frank G. und Torsten B.!

„Bild“ macht sich einen Sport aus Beleidigungen

Die Sache war „Bild“ auch außerhalb des Reviers eine große Ankündigung oben auf der Titelseite (Ausriss rechts) wert: Die „Bild“-Reporter Christian Kitsch und Peter Wenzel berichteten, dass Marcelo Bordon, der Kapitän von Schalke 04, nach dem Spiel gegen Borussia Dortmund im Kabinengang ausgerastet sei:

Der Brasilianer beleidigte Schiri Lutz Wagner (45, Hofheim) als „Hure“. Schimpfte zuerst Richtung Journalisten: „So ein Schiri. Fragt ihn, was los ist.“ Dann brüllte er zweimal das Wort „puta“, portugiesisch für Hure.

Es scheint sich um eine exklusive Information der „Bild“-Zeitung gehandelt zu haben. Sie machte Furore. Am nächsten Tag konnte „Bild“ melden, dass der DFB nun „wegen der Pöbel-Attacken“ gegen Bordon ermittle, zeigte noch einmal die eigenen Schlagzeilen vom Vortag und wiederholte:

Bordon hatte Schiri Lutz Wagner im Kabinengang auf Portugiesisch als „Hure“ beleidigt.

Aber irgendwann im Lauf des gestrigen Mittwochs verschwanden die beiden Artikel und ein weiterer zum Thema kommentarlos aus dem Online-Angebot der „Bild“-Zeitung. Es scheint, als hätte „Bild“ schon vor der heute stattfindenden Verhandlung des DFB nicht mehr an die eigene Geschichte geglaubt; womöglich half ein bisschen Druck durch den Verein nach (ohne Not löscht Bild.de nach unserer Erfahrung auch falsche Artikel nicht). Üblicherweise bietet „Bild“ in solchen Fällen an, quasi zum Ausgleich ein großes, freundliches Stück zu bringen.

Einen Anlass hätte „Bild“ morgen dazu ohnehin. Denn der DFB-Kontrollausschuss hat das Verfahren gegen Bordon (ebenso wie eines gegen seinen Mitspieler Mladen Krstajic) heute mangels Beweisen eingestellt. Bordon bestritt den von „Bild“ erhobenen Vorwurf. Der Manager von Schalke 04, Andreas Müller, sagte, die als Beweismittel ausgewerteten Fernsehbilder hätten deutlich gemacht, „dass Marcelo absolut nichts gesagt hat, was als Beleidigung aufgefasst werden kann. Er hatte sich völlig unter Kontrolle.“

Für die Fußballzeitung „Kicker“ ging es in dem Verfahren gegen die Schalker Spieler heute auch um eine grundsätzliche Frage. Der „Kicker“ kommentierte (noch vor der Entscheidung):

Sicher, der Kontrollausschuss muss ermitteln, wenn Bild titelt: „Bordon beleidigt Schiri als Hure.“ Und wenn aus Krstajics Aussage „zum Schluss haben wir neun gegen 14 gespielt“ ein „klarer Vorwurf der Parteilichkeit“ abgeleitet wird. Dass Krstajic Referee Lutz Wagner bei dessen erwiesenen Fehlentscheidungen damit Absicht unterstellte, ist freilich ebenso konstruiert wie Bordons Attacke.

Als Bordon und Kollegen Richtung Kabine stapften, fiel aus deren Kreis das Wörtchen „puta“, das „Hure“ bedeutet. Wem der Fluch und ob er überhaupt einem konkreten Adressaten galt, bleibt Interpretation. (…) Der Tatbestand der Beleidigung lässt sich so nicht erfüllen. Konkretere Angriffe auf Unparteiische gab es schon zuhauf, die nur nicht Gegenstand journalistischer „Anklage“ wurden. (…) Der Ausgang des „Falls“ Bordon/Krstajic beantwortet also auch die Frage, ob im deutschen Fußball die Gewaltenteilung zwischen Medienmacht und Sportgerichtsbarkeit weiter intakt ist.

Die Einstellung der Verfahren gegen die Schalker Spieler war nicht die einzige Niederlage, die „Bild“ heute vor dem Sportgericht erlitt. Der Kontrollausschuss stellte auch das Verfahren gegen den Trainer des VfL Osnabrück, Claus-Dieter „Pele“ Wollitz, ein. Der DFB teilte mit:

Wollitz stand unter dem Verdacht, sich unsportlich geäußert zu haben. In einer Stellungnahme an den Kontrollausschuss bestreitet er diesen Vorwurf.

Auch in diesem Fall war es die „Bild“-Zeitung, die den Verdacht geäußert hatte (natürlich auch in diesem Fall als Tatsachenbehauptung) und die Ermittlungen des DFB auslöste. Sie berichtete gestern unter der Überschrift „Ganz übel! Wollitz beschimpft Oral“ über einen Auftritt Wollitz‘ vor den Kameras des DSF:

Im gleichen Filmausschnitt wütet der herum und schreit in Richtung FSV-Trainer Tomas Oral „Was ist das denn für’n Wichser?“. Der Ausschnitt liegt BILD vor.

Uns auch (Szene ab 6:00), nur wären wir uns nicht so sicher, das Wollitz darin das sagt, was „Bild“ sagt, was er sagt. Und der DFB erklärte nun bündig:

Nach Auswertung der vorliegenden Beweismittel hat sich der Tatverdacht nicht bestätigt.

Mit Dank an Joern T., Torsten B., Tobias L. und Irene!

„Nur“ im Sinne von „auch“

Wenn Schalke 04 heute Abend im Uefa-Cup gegen APOEL Nikosia antritt, wird das Fußballspiel hierzulande nicht im Fernsehen zu sehen sein. Und bei Bild.de ebenso wenig. Obwohl es dort immerhin einen Live-Ticker gibt, wie Bild.de vollmundig ankündigt:

"Nix TV! Schalke nur bei BILD.de"

„Nur“ ist hier indes im Sinne von auch zu verstehen. Denn einen Live-Ticker gibt es beispielsweise bei sport1.de

…bei t-online.de

… oder bei sportal.de

… und sicher auch noch woanders. Besonders hervorzuheben wäre vielleicht noch diese ominöse Seite:

Mit Dank an Bernd V. und HerrSalami für den sachdienlichen Hinweis.

Nachtrag, 0:30 Uhr. Er war dann aber doch etwas Einmaliges, der Live-Ticker von Bild.de. Reporter Peter Wenzel kann nämlich in die Zukunft sehen. Unmittelbar nach Ende des Spiels berichtete er:

Nach dem lockeren Kick gegen Nikosia war die Rückreise für die Schalker Profis umso anstrengender. Busfahrt zum Airport Larnaca. Von dort vier Stunden im Flieger nach Münster. Eine kurz Nacht nach erfolgreichem Spiel.

Mit Dank an Pierre!

Trikotvertausch mit Philipp Lahm

Ach, es ist schon etwas chaotisch: Der Weltverband Fifa hat eine neue Regelung erlassen, nach der es in der WM-Qualifikation keine festen Rückennummern auf den Trikots mehr gibt. Das führt dazu, dass bei jedem Spiel die Spieler von 1 bis 18 durchnummeriert werden. Dem DFB gefällt das gar nicht.

Für die Nationalspieler, die bisher Rückennummern jenseits der 18 trugen, bedeutet die Regel, dass sie sich an neue Zahlen gewöhnen müssen.

Joachim Schuth, der für „Bild“ die Kolumne „Nationalelf inside“ schreibt, ist auch noch ein bisschen durcheinander:

Philipp Lahm dagegen muss wechseln. Seine jetzt verbotene 21 (hat er bei Bayern weiterhin) tauscht er gegen die 16.

Das stimmt nur insofern, als Lahm die 21 bei Bayern „weiterhin“ trägt. Im Nationalteam hat er schon seit längerem (mindestens seit der WM 2006) eine ganz andere Nummer.

Die 16.

Dadurch ist auch Schuths Überschrift vor allem eines: völliger Quatsch.

Darum hat Lahm jetzt eine kleinere Nummer

Vor drei Wochen trug Lahm übrigens schon mal eine sehr viel kleinere Nummer – was „Bild“ damals auch richtig einzuordnen wusste:

Was bedeutet das? Beispiel: Philipp Lahm trug gestern die Nummer 3. Bei der EM war

Mit Dank an Dirk B. für den Hinweis.

Nachtrag, 12. September: Am Dienstag, 9. September druckte „Bild“ folgende Berichtigung:

Berichtigung: In der gestrigen Ausgabe berichteten wir, dass Philipp Lahm in der Nationalelf zuletzt mit seiner Bayern-Rückennummer 21 gespielt haben soll. Richtig ist aber, dass er die 16 trug.

Du sollst nicht stehlen

Stolz präsentiert die „Bild am Sonntag“ in der Rubrik „Die ‚BamS‘-Leser wussten es zuerst!“ allwöchentlich, welche Medien nach Auffassung der „BamS“ Themen aus der „BamS“ aufgriffen. Motto:

Wer BILD am SONNTAG liest, weiß schon am Sonntag, worüber in anderen Medien erst später berichtet wird.

"Klopp: Ich rede jeden Tag mit Gott"Manchmal wissen „BamS“-Leser indes auch erst viel später, worüber in anderen Medien schon viel früher berichtet wurde. So „verrät“ der Fußballtrainer Jürgen Klopp gestern in einem „BamS“-Artikel von Joachim Schuth (siehe Ausriss) fast wörtlich dasselbe, was er vor fast drei Monaten bereits im Interview mit Gottfried Sohl der Internetseite „Unsere Kirche in Westfalen und Lippe“ („UK“) erzählt hat:

Klopp heute in der „BamS“: Klopp im Juni im „UK“-Interview:
„[Der Glaube] ist mein roter Faden durchs Leben“, sagt [Klopp], „neben den Menschen in meinem engsten Umfeld das Wichtigste überhaupt.“ „Neben den Menschen in meinem engsten Umfeld [spielt der Glaube] die wichtigste [Rolle in meinem Leben]. (…) Mein roter Faden durchs Leben ist mein Glaube, ganz klar!“
„Ich rede täglich mit Gott“, versichert er, „Beten ist ein wichtiger Bestandteil meines Christseins.“ „Beten ist ein wichtiger Bestandteil meines Christseins, ganz klar!“.
Zwar beteiligt er sich nicht an Bibelkreisen oder ähnlichen Dingen, die fromme Kicker schon mal gerne auf die Beine stellen. „Ich mache auch nicht mit bei Gebetstreffen, Bibelkreisen und solchen Dingen, die fromme Kicker schon mal gerne auf die Beine stellen.“
Doch Klopp gibt offen zu: „Auch wenn ich manchmal tagsüber so viel zu tun habe, dass ich im Abendgebet einschlafe. Auf alle Fälle beende ich jeden Tag mit einem Gebet.“ „Auch wenn ich manchmal tagsüber so viel zu tun habe, dass ich im Abendgebet einschlafe. Auf alle Fälle beende ich jeden Tag mit einem Gebet (…).“
Bereits als kleiner Junge wurde er sonntags von seiner Oma mit in die Kirche genommen. „Sie ist dort regelmäßig eingeschlafen“, erinnert er sich grinsend. „Meine Oma hat mich sonntags mit in die Kirche genommen und ist dort regelmäßig eingeschlafen.“
Aber ihn selbst hat schon damals fasziniert, wie schnell man in der Kirche zur inneren Ruhe kommt. Auch wenn er heute nur noch selten wegen der zeitlichen Überschneidung mit dem Fußball einen Gottesdienst mitfeiern kann (…) „Leider [gehe ich] nicht [regelmäßig in die Kirche], weil die zeitliche Überschneidung zwischen Gottesdienst und Fußball doch enorm ist. (…) Was ich in der Kirche total mag, ist die innere Ruhe, die man da findet.“
„Grundsätzlich gibt es in meinem Leben unglaublich viele Gründe, mich im Minutentakt bei Gott zu bedanken. Aber auch in Phasen, in denen es mir nicht immer so gut ging, war mein Glaube gleich stark.“ „Grundsätzlich gibt es in meinem Leben unglaublich viele Gründe, mich im Minutentakt zu bedanken. Aber es ging mir nicht immer so gut, und trotzdem war mein Glaube immer gleich stark.“
Mit dem Begriff „Fußballgott“ kann der 41-Jährige allerdings nichts anfangen. Eine unpassende Wort-Symbiose, bei der ihm eher unwohl wird: „Es gibt so viel wichtigere Dinge als Fußball. Gott hat dementsprechend mehr zu tun, als sich um Fußball zu kümmern.“ „Ich fühle mich mit dem Begriff [Fußballgott] eher unwohl. Denn (…) es gibt viel wichtigere Dinge als Fußball. Und dementsprechend kümmert sich Gott um alles.“
Klopp würde deshalb auch nie in den Sinn kommen, vor einem schweren Spiel um den Sieg zu beten. Er sagt: „Ich bitte ihn nur um Kraft und Besonnenheit, die Dinge richtig einzuschätzen und anzugehen.“ „Aber ich bete nie um den Sieg im Fußball, sondern um Kraft, um Besonnenheit, um die notwendige Ruhe, die Dinge richtig einzuschätzen. Aber nicht darum, dass wir gewinnen.“

Und obwohl also quasi der gesamte „BamS“-Text aus dem „UK“-Interview abgeschrieben ist, und es keine Vereinbarung mit „UK“ gibt, wie man uns dort mitteilt, erwähnt die „BamS“ ihre Quelle mit keinem einzigen Wort.

Mit Dank an Frank E. für den sachdienlichen Hinweis.

„Bild“ hilft im Fall Michelle wenig II

Die „Leipziger Volkszeitung“ („LVZ“) hat ein Interview mit dem Leipziger Polizeipräsidenten Horst Wawrzynski „über die Fahndung nach Michelles Mörder“ geführt. Er beantwortet darin Fragen zum Ermittlungsstand, zur Vorgehensweise der Polizei, zur Nachrichtensperre oder zur Notwendigkeit Ermittlungsdetails geheim zu halten.

Die „Bild“-Zeitung wird darin nicht namentlich erwähnt:

[„LVZ“:] Manche Berichterstattung dürfte jedoch auch pure Spekulation sein und weniger auf konkreten Quellen beruhen.

[Wawrzynski:] Auch das behindert uns enorm. Wenn wir wegen eines immer wieder veröffentlichten Phantombildes, das mit dem Fall Michelle überhaupt nichts zu tun hat, sogar Hinweise aus Saarbrücken und sonstwoher bekommen, müssen wir dortige Dienststellen einschalten oder selbst zur Befragung Beamte schicken. Oder aber es wird uns eine angeblich wichtige Zeugin per Presse präsentiert, deren Beobachtungen dann aber nichts als heiße Luft sind. Mit dieser Art unseriöser Berichterstattung werden die Bürger verdummt, weil es schlichtweg nichts mit der Realität zu tun hat.
(Links von uns)

Nachtrag, 5.9.2008: Wie die Nachrichtenagentur AP berichtete (hier bei „Spiegel Online“), weist „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann die Vorwürfe der Polizei zurück, die „Bild“-Berichterstattung könne die Ermittlungen gefährden:

Die veröffentlichten Informationen seien nicht geeignet, dem Täter bei der Verwischung von Spuren zu helfen, heißt es in einem Schreiben von „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann an Leipzigs Polizeichef Horst Wawrzynski. Im Übrigen könne eine Behörde eine Nachrichtensperre nur für ihre eigenen Mitarbeiter, nicht aber mit Wirkung für die Presse verhängen. Eine Vereinbarung, von Berichterstattung abzusehen – wie im Entführungsfall Jan-Phillip Reemtsma – sei im Fall Michelle von der Leipziger Polizei „nie gesucht“ worden.

Polizeichef Wawrzynski schrieb offenbar zurück und räumt in einem Brief an Diekmann bezüglich der Nachrichtensperre ein, sich im „LVZ“-Interview „missverständlich“ geäußert zu haben. Das gibt der Axel Springer Verlag heute in einer Pressemitteilung bekannt:

Dazu der Polizeipräsident: „Selbstverständlich kann eine Nachrichtensperre nur für den Bereich meiner Behörde Geltung entfalten. (…) Es ist unstreitig, dass eine Nachrichtensperre nicht für die Presse gelten kann.“

Klitschko, Kurkova und das geflunkerte Funkeln

Man muss dazusagen: Sonderlich transparent ist die Formulierung nicht, mit der die aktuelle Ausgabe des Magazins „Vanity Fair“ die Situation beschreibt, in der ein Doppelinterview mit Wladimir Klitschko und Karolina Kurkova entstanden ist. „Vanity Fair“ hatte die beiden für ein Fotoshooting engagiert und schreibt:

"Klitschko flog zu den gemeinsamen Fotoaufnahmen nach New York. Zwei Wochen danach haben wir sie getrennt in ihren Ecken befragt."

Doch nachdem das Doppelinterview kürzlich bereits für Bild.de ein Thema war (wir berichteten), berichtet heute auch die gedruckte „Bild“-Zeitung (siehe Ausriss).

Genauer gesagt, nimmt „Bild“ die gestellten „Vanity Fair“-Fotos zum Anlass, Klitschko (vielleicht zu Recht, vielleicht auch nicht) zu unterstellen, er sei in Kurkova „verknallt“ – und das „K.O. durch Liebe?“ endet mit den vielsagenden Worten:

Wie ihre Lebensphilosophie lautet, wurde Kurkova mal* gefragt. Ihre Antwort: "Alles ist möglich." Als sie das sagte, saß Klitschko daneben. Seine Augen funkelten...

Offenbar jedoch gilt Kurkovas Lebensphilosophie auch für „Bild“-Reporter Thomas Dierenga. Denn als Kurkova ihr „Alles ist möglich“ sagte, saß Klitschko in Wirklichkeit ungefähr 6000 Kilometer „daneben“: Nach unseren Informationen ist die „Vanity Fair“-Formulierung, man habe die beiden „getrennt (…) befragt“, nämlich durchaus wörtlich zu verstehen (sie in New York, er in Hamburg).

Aber bestimmt fantasiert sich „Bild“-Mann Dierenga nur dann was zurecht, wenn es – wie hier – im Grunde schnurz ist, ob’s stimmt.

„Bild“ kennzeichnet das Sommerloch

„Sommerloch“, das sagt sich so leicht. Irgendjemand muss das Ding schließlich Jahr für Jahr ausheben, befestigen und bepflanzen. Zum Glück übernimmt das in Deutschland ein Medium zentral für fast alle anderen.

Heute zum Beispiel mit dieser Meldung auf Seite 1:

"Wegen Diskriminierung im Straßenverkehr: Kfz-Kennzeichen bald ohne Orts-Kennung?"

Hauptdarsteller der Geschichte ist ein CDU-Politiker namens Peter Trapp, der als Polizeibeamter dafür zuständig war, Strategien zur Bekämpfung der Straßenkriminalität in Spandau zu entwickeln und umzusetzen und seit fast neun Jahren den Spandauer Wahlkreis 5 (Kladow, Gatow, Pichelsdorf und die südliche Wilhelmstadt) im Berliner Abgeordnetenhaus vertritt, wo er den Ausschuss für Inneres, Sicherheit und Ordnung leitet.

„Bild“ zitiert ihn heute mit dem Satz: „Die Abschaffung der Ortsziffern auf dem Nummernschild ist (…) zu überdenken.“ Tatsächlich will er die Kürzel für die Orte aber offenbar nicht retten, sondern abschaffen. Weil „Autofahrer aus bestimmten Regionen aufgrund ihres Kennzeichens“ dadurch diskriminiert würden, dass andere sie für Deppen hielten.

Im nordrhein-westfälischen Landtag fand „Bild“ einen grünen Abgeordneten namens Johannes Remmel, der den Vorschlag zu unterstützen schien und einen „Ideenwettbewerb zur kreativen Gestaltung von Nummernschildern für sinnvoll“ erklärte.

Die „Bild“-Meldung fand guten Absatz.

Der Hessische Rundfunk lieferte als Service sieben Kennzeichenwitze aus der Region, der „Kölner Stadtanzeiger“ zwei aus dem näheren Umkreis und drei aus dem Ferne; bei n-tv.de hat man die vier Nummernschild-Ulk-Übersetzungen aus „Bild“ freundlicherweise um fünf weitere Ideen ergänzt.

n-tv.de fand aber auch, die Nachricht klinge „wie ein verspäteter Aprilscherz“, fragte bei den von „Bild“ zitierten Politikern selbst nach und erfuhr, dass Johannes Remmel relativ egal ist, welche Buchstaben auf den Kennzeichen stehen, solange sie schön bunt sind.

„Stern“-Autor Wolfgang Röhl nutzte die Gelegenheit der „Bild“-Meldung, in einem Beitrag für die sich für politisch unkorrekt haltende „Achse des Guten“ ein ausländerfeindliches Witzchen zu machen.

De Nachrichtenagentur AP schließlich fand erstaunlicherweise zwischen der Nennung von nicht weniger als zehn Kennzeichenwitzen noch Platz, eine Reaktion von Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee zu zitieren, der den Forderungen „umgehend eine Absage“ erteilt habe: „Ich glaube, wir haben ein sehr gut funktionierendes System in Deutschland, das sich bewährt hat.“

„Wir haben keine Veranlassung, von den regionalen und merkbaren Kennzeichen Abstand zu nehmen. Das System hat sich bewährt“, waren übrigens die Worte, die auch ein Sprecher des Bundesverkehrsministeriums gegenüber derselben Nachrichtenagentur gewählt hatte — vor vier Jahren. Damals hatte ein CDU-Bundestagsabgeordneter namens Albrecht Feibel gefordert, die Orts-Kennungen in den Kennzeichen abzuschaffen, immerhin mit der weniger originellen Begründung, dass sie soviel Bürokratie produzierten. Feibels Vorschlag wurde am 20. Juli 2004 bekannt, weshalb der Ministeriumssprecher laut AP von einem typischen Sommerloch-Vorschlag sprach.

Verbreitet wurde er auch damals von der dafür zuständigen Zeitung auf Seite 1:

"Auch das noch! Für alle Autos neue Nummernschilder?"

Mit Dank auch an Daniel W. für den Hinweis.

Katie Holmes besteht jeden Schwangerschaftstest

Am 18. April 2006, sieben Monate vor ihrer Hochzeit mit Tom Cruise, brachte Katie Holmes in Los Angeles ihre Tochter Suri zur Welt, am vergangenen Donnerstag hat sie in New York einen Kaffee getrunken, und in der Zwischenzeit gab es immer wieder Gerüchte über eine zweite Schwangerschaft. Hier eine kleine Auswahl:

  • Oktober 2006:
    Indiz 1: Bauch-Foto
  • Dezember 2006:
    Indiz 1: neues Bauch-Foto
    Indiz 2: Augenzeugenberichte über den Kauf blauer Baby-Strampler
  • März 2007:
    Indiz 1: Augenzeugenberichte über den Besuch einer Edel-Baby-Boutique
  • Juni 2007:
    Indiz 1: neues Bauch-Foto
    Indiz 2: weiteres Bauch-Foto
  • November 2007:
    Indiz 1: neues Bauch-Foto
    Indiz 2: weiteres Bauch-Foto
    Indiz 3: „strahlt wie ein Engel“ („Bild“)
  • Januar 2008:
    Indiz 1: Augenzeugenbericht über den Kauf von Kinderkleidung mit dem Aufdruck „Big Sister“ und Babykleidung mit den Aufdrucken „Little Sister“ und „Little Brother“
  • Februar 2008:
    Indiz 1: Bestellung von Babydecken in einem Online-Shop
  • Mai 2008:
    Indiz 1: neues Bauch-Foto
  • Juli 2008:
    Indiz 1: neues Bauch-Foto
    Indiz 2: weiteres Bauch-Foto

Am vergangenen Donnerstag schossen Paparazzi abermals einen ihrer Schwangerschaftstests – und die „Bild am Sonntag“ reagierte prompt:

Katie Holmes wieder schwanger?

(…) Hat Katie Holmes (29) nur einen Kaffee zu viel getrunken oder wölbt sich unter dem weißen T-Shirt etwa ein zartes Babybäuchlein?

Aber wie egal der „Bild am Sonntag“ diese Frage eigentlich ist, zeigt eindrucksvoll die Online-Version der „BamS“-Meldung (siehe rechts):

Nun können womöglich Heerscharen von Online-Lesern heute nacht nicht einschlafen, weil sie sich fragen, warum Holmes ausgerechnet „einen Becher Kaffee zu viel getrunken“ haben soll (oder wo man auf dem Foto von Holmes im grauen Tanktop eigentlich das „weiße T-Shirt“ sehen kann, von dem im Text daneben die Rede ist). Und allen, die jetzt womöglich am Hinterausgang des New Yorker „Minetta Lane Theatre“ rumlungern wollen, weil Holmes ja dort – laut „BamS“ – „nach einer Theaterprobe“ fotografiert wurde, sei gesagt: Man sollte sich lieber nicht auf die „BamS“ verlassen dafür vielleicht doch lieber ein paar Straßen rauf zum „Gerald Schoenfeld Theatre“ gehen.

Nachtrag, 8.8.2008:

  • August 2008
    Bild.de entdeckt ein neues Schwangerschaftsindiz: „Haare schneiden lassen – das machen Frauen ja in der Regel nicht einfach so.“

Nachtrag, 28.6.2009:

  • Juni 2009
    Bild.de entdeckt mal wieder das übliche Schwangerschaftsindiz: „unter Katies weißem Shirt ein verdächtiges Bäuchlein“. Weiteres Indiz: Holmes Tochter Suri „würde sicher eine gute große Schwester abgeben“.

Kurz korrigiert (473 – 477)

Manche lesen „Bild“ ja nur wegen der Sport-Berichterstattung. Wir würden abraten, denn…

  • … „Bild“ berichtet aus dem Trainingslager von Mainz 05 und macht dabei den Norweger Jörn Andersen zum Dänen. Außerdem lautet der Nachname von Elkin Soto immer „Soto“ – und nicht manchmal „Sotos“.
  • … im Artikel über die „Aftershow-VIP-Party“ nach dem Boxkampf von Wladimir Klitschko wird Tim Mälzer mit den Worten zitiert, er sei beim „Charity-Fußball-Cup von Christoph Metzelder“ von Metzelder „umgeruppt“worden. Das ist eher unwahrscheinlich, da das Benefizspiel von Per Mertesacker initiiert worden war (was man theoretisch auch bei „Bild“ wusste) – und Christoph Metzelder gar nicht mitgespielt hat.
  • … anders als Bild.de behauptet, hat Werder Bremen auch nicht gegen Oldesloe 5:0 gewonnen, sondern gegen den VfL Oldenburg.
  • … und dann ist da natürlich noch diese Meldung aus dem „News-Ticker“ von Bild.de:

    Der Italiener Leonardo Piepoli (36) vom spanischen Team Saunier Duval hat die erste Hochgebirgsankunft der 95. Frankreich-Rundfahrt für sich entschieden. Der Giro-Berg-König von 2007 setzte sich im Finale der 10. Etappe nach 156 km von Pau zur Ski-Arena Hautacam im Ziel auf dem 1520-m-Pass im Schlusspurt vor seinem spanischen Landsmann Juan Jose Cobo durch.
    (Hervorhebung von uns)

Mit Dank an Timo B., Tobias D., Benni K., Olaf K., Tanja K., Peter S. und Konni!

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