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Wie in Bluewater einmal nichts passierte (2)

Die Nachrichtenagentur dpa bedauert, auf die Fälschung hereingefallen zu sein. Die dpa überprüft nach dem Vorfall ihre Regeln für den Umgang mit Informationen aus dem Internet und wird sie wo nötig verschärfen.

Mit diesen Sätzen endet im Original eine Meldung, in der die Nachrichtenagentur dpa ausführlich das Fiasko beschreibt, das sie heute erlebte (BILDblog berichtete). Sie ist zunächst auf ein vorgetäuschtes Selbstmordattentat in den USA hereingefallen und dann auf die vorgetäuschte Enthüllung, dass eine Gruppe von Berliner Rappern namens „Berlin Boys“ ein Selbstmordattentat in den USA vorgetäuscht hätten. In Wahrheit war alles Fake — und eine PR-Aktion für den neuen Film „Shortcut to Hollywood“ von Jan Stahlberg, in dem es um eine Band geht, die tatsächlich alles tut, um in die Medien zu kommen.

Die Aktion war generalstabsmäßig geplant und beruhte auf mehreren, sich gegenseitig bestätigenden falschen Internetseiten mit Telefonnummern, die nur scheinbar in die USA führten, in Wahrheit aber zum Team der Filmemacher. Die mutwillige Irreführung von dpa und anderer Medien war aufwändig vorbereitet — wäre aber tatsächlich aufgrund vieler Indizien leicht zu entlarven gewesen. Dass die größte deutsche Nachrichtenagentur viele Stunden lang einem Fernsehsender traut, der nicht existiert, und einen Anschlag in einer Kleinstadt meldet, die nicht existiert, lässt tatsächlich an ihren „Regeln für den Umgang mit Informationen“ zweifeln, und zwar nicht nur solchen „aus dem Internet“.

Erst um 13:44 Uhr, mehr als vier Stunden nach dem ersten Bericht, brachte dpa folgende Eilmeldung:

Bitte verwenden Sie die Berichterstattung über den angeblichen Anschlag in der kalifornischen Kleinstadt Bluewater nicht (dpa 0294, dpa 0241, dpa 0237, dpa 0229). Die Deutsche Presse-Agentur dpa geht Hinweisen nach, dass die als Quelle genannte Website des Fernsehsenders gefälscht ist und auch andere Websites über Bluewater nicht echt sind.

Bis dahin hatte es die Ente sogar schon über die belgische Grenze, auf die Homepage der Zeitung „De Morgen“ geschafft.

Besonders hart erwischte es allerdings auch heute.de, das Online-Nachrichtenangebot des ZDF, das aus den Informationen des (falschen) deutschen VPK7-Hospitanten Rainer Petersen, der auch bei dpa und anderen Medien angerufen hatte, gleich ein längeres Feature machte (inzwischen gelöscht):

Rainer Petersen ist Deutscher und arbeitet seit drei Monaten bei vpk-tv. Im Gespräch mit heute.de beschreibt er – am Telefon immer noch hörbar geschockt — die Situation. (…)

Die Stadt steht noch Stunden nach der Entwarnung unter Schock. „Mindestens fünf Menschen sind mit einem Kreislaufkollaps ins Krankenhaus gekommen“, sagt Petersen. Die Stimmung in der Stadt schwanke zwischen großer Wut und sehr großer Erleichterung. „Es gibt viele Leute, die Tränen in den Augen haben.“ Der Gedanke an einen terroristischen Anschlag sei bei vielen Einwohner der Stadt sofort da gewesen. Die Behörden hätten ein hartes Vorgehen gegen die Deutschen angekündigt. „In deren Haut möchte ich jetzt nicht stecken“, sagt Petersen. Und schiebt noch hinterher, dass er jetzt wohl erstmal ein Bier trinken werde, um selber wieder etwas runterzukommen.

Dass selbst die scheinbare Auflösung noch ein Fake war und in Bluewater tatsächlich: nichts passiert ist, es also auch keine Aufregung und Panik gab, verwirrte viele Medien nachhaltig, darunter „Welt Online“ (inzwischen geändert) in Kombination mit der gefälschten Stadt-Homepage …

… und sueddeutsche.de (inzwischen geändert):

Und die „B.Z.“ mochte sogar nach der vollständigen Auflösung der Geschichte durch die Filmemacher noch nicht glauben, dass die „Berlin Boys“ nur eine Erfindung sind und kontrastierte Stahlbergs Enthüllung des Fakes treuherzig mit den Äußerungen des fiktiven Managements (inzwischen verschlimmbessert):

Natürlich muss niemand fürchten, dass nun ausgerechnet die trashige Boulevardzeitung „B.Z.“ anfangen wird, ihre „Regeln für den Umgang mit Informationen“ zu überprüfen. Der zitierte Absatz zeigt, wie hartnäckig sie guten Geschichten glauben möchte, selbst wenn sie falsch sind.

Mehr zum Thema:

Potenzstörungen

Die Bezeichnung von Zahlen mit mehr als neun Stellen birgt bekanntlich gewisse Risiken, besonders wenn Englisch involviert ist. Eine amerikanische „billion“ ist eben nur eine deutsche „Milliarde“, während eine deutsche „Billion“ im Amerikanischen „trillion“ heißt.

Dieses Wissen nützt einem allerdings wenig bis gar nichts, wenn man versucht zu verstehen, was Bild.de einem heute mitteilen will:

Die Gesamtkosten für die Abhaltung der Wahl werden auf 223 Millionen Dollar (etwa 156 000 Euro) geschätzt.

Oder sueddeutsche.de:

Männer gingen, Adoptivkinder kamen, sie küsste Fitnesstrainer und Kollegin Christina Aguilera, Päpste murrten, Plattenverkäufe schnurrten (sie hat 300000000 Millionen Tonträger verkauft), sie drehte Filme, spielte Theater, führte Regie, schrieb Kinderbücher, modelte, studierte die Kabbala.

Mit Dank auch an Felix W.

Nachtrag, 19. August: Bild.de hat noch mal nachgerechnet (und einen aktuelleren Wechselkurs benutzt) und spricht jetzt von „223 Millionen Dollar (etwa 158 Mio. Euro)“.

Fixies — wer denkt, verliert

„Fixies“ sind besondere Fahrräder. Bei Kurierfahrern erfreuen sie sich inzwischen ganz enormer Beliebtheit, teilt uns „sueddeutsche.de“ mit — und nennt auch gleich einen Grund dafür: „Kaum Verschleiß, klaut niemand, und es ist sauschnell.“ Das liegt an der ungewöhnlich spartanischen Ausstattung der Räder: Sie haben weder eine Gangschaltung, noch einen Leerlauf, noch Licht, Klingel oder Bremsen. Es ist deswegen kein Wunder, dass diese Geschosse nicht für den normalen Straßenverkehr zugelassen ist.

Ein Fixie sieht also so aus:


(bitte nicht an den Bremsen und der Gangschaltung stören.)

Oder auch so:


(bitte nicht an den Bremsen und der Gangschaltung stören.)

Sehr schön auch dieses Modell hier:


(bitte nicht an den Bremsen und der Gangschaltung stören.)

Man könnte die Auflistung noch ein wenig weiter machen, insgesamt hat sueddeutsche.de eine 6-teilige Klickstrecke, die deswegen keinen besonderen Erkenntniswert für den Nutzer hat, weil kein einziges echtes „Fixie“ zu sehen ist. Gebracht hat es aber immerhin ein paar Klicks und ein paar hübsche Ansichten von klassischen Rennrädern und anderen Fahrradmodellen.

Mit Dank an Max S.

Nachtrag, 18.20 Uhr: Sueddeutsche.de hat inzwischen reagiert – zum „besseren Verständnis vor allem der Bildblog.de-Leser“: Die Bilder stammen allesamt aus dem Katalog einer Karlsruher Firma, die Räder mit und ohne Bremsen ausliefert (das ändert aber nichts daran, dass Fixies per definition keine Bremsen und Gangschaltungen haben). Außerdem, so die Redaktion weiter, könne man Bremsen auch nachträglich montieren (stimmt: Man kann auch noch Klingeln nachmontieren und das Fahrrad neu lackieren). Warum man aber es überhaupt für nötig befindet, den halben Katalog einer Karlsruher Firma abzubilden, erklärt die Redaktion leider nicht.

Sueddeutsche.de kennt die Täter schon

Der 18jährige Sohn der Familie und ein 19jähriger Bekannter – sie gelten bei der Polizei momentan als „der Tat verdächtig“ beim Vierfachmord in Eislingen.  Dennoch sind etliche Fragen völlig offen: beispielsweise die nach einem Motiv. Auch von der Tatwaffe fehlt bisher, so die Polizei, jede Spur. Zudem streiten die beiden Verdächtigen jede Beteiligung an der Tat ab.

Das hindert die Redaktion von sueddeutsche.de aber nicht daran, schon einmal festzustellen:

Die Polizei befragt zudem das Umfeld von Tätern und Opfern.

Das ist, mit Verlaub, ziemlich gewagt. Von Tätern kann ganz sicher keine Rede sein, allenfalls von „mutmaßlichen Tätern“. Selbst die Polizei spricht lediglich von einem Tatverdacht, den es jetzt zu erhärten gelte.

Mit Dank an Carl E.

Nachtrag 11.45 Uhr: Die Redaktion hat den Text inzwischen korrigiert, dort heißt es jetzt: „Die Polizei befragt zudem das Umfeld der Tatverdächtigen.“

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