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Michael Jackson beim Sterben zusehen

Michael Jackson: Hier verliert er den Kamp um sein Leben„Unangemessen sensationell“ hat die „Bild“-Zeitung nach Meinung des Deutschen Presserats schon oft berichtet — diesmal über den Tod von Michael Jackson. Am 27. Juni hatte „Bild“ auf der Titelseite ein riesiges Foto veröffentlicht, auf dem Jackson auf einer Trage liegend und an Beatmungsgeräte angeschlossen zu sehen war (Ausriss rechts oben, Verpixelung von uns). In Kombination mit der Überschrift „Hier verliert er den Kampf um sein Leben“ entstehe bei Lesern der Eindruck, einem Menschen unmittelbar beim Sterben zuzusehen. Der Beschwerdeausschuss sieht darin einen Verstoß gegen die Menschenwürde und hat „Bild“ für diese Titelseite gerügt. Auch bei einem Popstar wie Jackson könne „das legitime Informations- und Unterhaltungsinteresse des Publikums nicht jeden Eingriff ins Persönlichkeitsrecht rechtfertigen“.

Aus dem Pressekodex

Richtlinie 11.1:
Unangemessen sensationell ist eine Darstellung, wenn in der Berichterstattung der Mensch zum Objekt, zu einem bloßen Mittel, herabgewürdigt wird. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn über einen sterbenden oder körperlich oder seelisch leidenden Menschen in einer über das öffentliche Interesse und das Informationsinteresse der Leser hinausgehenden Art und Weise berichtet wird.

Auch Bild.de wurde gerügt: Dort war im Zuge der Berichterstattung über Jacksons Tod ein „grausam entstelltes, computergeneriertes Bild des Toten ohne Haare“ (O-Ton Presserat) veröffentlicht worden, unter dem stand: „so in etwa könnte Jackson bei der Obduktion ausgesehen haben“. Der Presserat erklärte, Details über den Zustand seiner Leiche, die zudem auf Spekulationen beruhten, gehörten in die Privatsphäre des Verstorbenen und seien auch durch das öffentliche Interesse am Tod des Popstars und den Umständen nicht gedeckt. Die Darstellung wurde daher als schwerwiegender Eingriff in die postmortalen Persönlichkeitsrechte beurteilt.

Ebenfalls gerügt wurde Bild.de wegen der Veröffentlichung von Bildern einer amerikanischen Überwachungskamera, auf denen zu sehen war, wie eine Mutter auf einem Schießstand erst ihren Sohn und dann sich selbst erschoss, und die nach Ansicht des Presserats allein dazu dienten „zu schockieren“, sowie für die fiktive Darstellung eines brutalen Überfalles von Neonazis auf einen jungen Mann. (Solche Zeichnungen benutzt „Bild“ in letzter Zeit öfter, um auch die schlimmsten Dinge, von denen es zum Glück keine Bilder gibt, zeigen zu können.) In beiden Fällen sah der Presserat die Veröffentlichungen als „unangemessen sensationell“ an.

Weitere Rügen sprach der Presserat aus gegen:

  • die Zeitschrift „Das neue Blatt“, weil sie eine detaillierte Schilderung über die angeblich schwer demenzkranke Schauspielerin Doris Day ohne eigene Recherche und ohne jegliche Quellenangabe aus anderen Veröffentlichungen übernommen hatte.
  • die „Schwäbische Zeitung“, weil sie in der Berichterstattung über einen Streit innerhalb der Familie des Ortsvorstehers eines kleinen Ortes über den Gesundheitszustand der Schwester des Ortsvorstehers spekuliert hatte, woran nach Ansicht des Presserats kein öffentliches Interesse bestand.
  • die Fernsehbeilage „Prisma“, die mal wieder Schleichwerbung für medizinische Präparate in einem Artikel versteckt hatte.

Zur Pressemitteilung des Presserats.

Lady Gagas kleiner Penis kriegt so einen Bart

Vor fünf Wochen diskutierten deutsche und internationale Medien darüber, ob Lady Gaga einen Penis habe oder nicht (BILDblog berichtete).

Vergangene Woche sprachen australische Radiomoderatoren die Sängerin selbst auf das Thema an (nachzuhören hier) und die Antwort („Ich selbst bin nicht beleidigt. Meine Vagina ist beleidigt.“) schien selbst Bild.de überzeugt zu haben:

Damit ist das Thema dann wohl geklärt. Lady Gaga ist eindeutig eine Frau.

Nicht ganz so überzeugt war offenbar Viva-Moderatorin Collien Fernandes, die Lady Gaga bei einer Pressekonferenz in Berlin noch einmal auf das Thema ansprach und eine ähnliche Antwort erhielt. Anschließend wurde sie aus dem Saal geleitet.

In der Berliner Ausgabe berichtete „Bild“ gestern über den „Skandal“. Dabei wiederholten die Zeitung und die Viva-Moderatorin unisono die äußerst unwahrscheinliche Behauptung, Lady Gaga habe den Wirbel um ihr Geschlecht selbst ausgelöst:

Die Sängerin schürte die Spekulationen auch noch selbst („Ich bin sexy. Ich bin heiß. Ich habe eben beides“). Fernandes: „Wenn man so einen Skandal selber in die Welt setzt, finde ich dieses Verhalten etwas peinlich!“

„Welt Online“ hielt den ganzen Vorfall für so bedeutend, dass man ihm gleich zwei fast wortgleiche Artikel widmete.

Auch dort kennt man keinerlei Zweifel an der Authentizität von Lady Gagas angeblichem Coming-Out:

Anlass für diese Frage war das anhaltende Gerücht, das Lady GaGa selbst in die Welt gesetzt hatte. In einem Interview hatte sie vor einiger Zeit gesagt: „Ich bin sexy. Ich bin heiß. Ich habe eben beides.“ […]

Im Internet kursiert ihr eigener Blogeintrag, in dem sie sich als Zwitter outete: „Ich habe sowohl männliche als auch weibliche Genitalien – ich sehe mich aber als Frau.“

Nein. Es spricht alles dagegen, dass Lady Gaga sich selbst zu ihrem „Penis“ bekannt hat — schon gar nicht in einem „Interview“.

Mit Dank an Twipsy.

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Gericht verbietet Foto von „U-Bahn-Schläger“

Das Oberlandesgericht Hamburg hat der „Bild“-Zeitung untersagt, einen der beiden Täter zu zeigen, die Ende 2007 als „U-Bahn-Schläger“ von München bekannt wurden. Das Blatt hatte in seiner Berichterstattung über den Fall und den Prozess immer wieder, teilweise groß auf der Titelseite, die Täter gezeigt. Einer der beiden, der zum Zeitpunkt der Tat erst 17 Jahre alt war, hat dagegen erfolgreich auf Unterlassung geklagt.

Er müsse zwar die Berichterstattung hinnehmen, nicht aber die Veröffentlichung seines Bildes, weil eine spätere Resozialisierung dadurch fast unmöglich gemacht werde. Die Freiheit der Berichterstattung müsse hier hinter dem Allgemeinen Persönlichkeitsrecht des Klägers in den Hintergrund treten — das habe „Bild“ durch die Veröffentlichung verletzt.

Der besondere gesetzliche Schutz jugendlicher Straftäter entfalle auch nicht, wenn der Betroffene zum Zeitpunkt der Berichterstattung bereits volljährig ist. Daher sei eine Bildberichterstattung über die Straftat eines Jugendlichen unzulässig, urteilten die Richter (7 U 36/09, 7 U 37/09).

Mit Dank an Andreas K.!

B.Z., Bild  etc.

Schock: Madonnas Bühnenkollabitis chronisch!

Vielleicht sollte Madonna mal was Herzhaftes essen. Schweinshaxe statt Algen etwa. Oder mit ihren 50 Jahren einfach kürzer treten.

Ja, vielleicht.

Unzählige Stunden hat Madonna schon in Fitness-Centern verbracht, um ihre Muskeln zu stählen und das Altern zu stoppen. Eine Fitness-Fanatikerin. Mit Diät-Wahn. Makrobiotisch, ihr Zauberwort. Kein Fleisch, keine Milch, kein Zucker. Kurz: Was schmeckt, ist verboten.

Naja, und?

Doch nun zahlt Madonna dafür Tribut.

Ach ja? Oh ja!

„Bild“, „B.Z“, „Basler Zeitung“, „Express“, „Bunte“, „Blick“ und, ach, alle berichten, dass Madonna bei ihrem Konzert in Sofia zusammengebrochen (oder genauer: fast zusammengebrochen) sei. Sie haben das aus der britischen Boulevardzeitung „Sun“, und die hat nicht nur diverse anonyme „Insider“, sondern auch ein Beweis-Video, auf dem man sieht, wie sie nach hinten an einen ihrer Tänzer sinkt und erst, nachdem er sie besorgt geschüttelt hat, weitertanzt:

„Man könnte meinen, es gehört zur Choreographie“, heißt es am Anfang im Bild.de-Videobericht, aber anscheinend wollte niemand ernsthaft dieser abwegigen Möglichkeit nachgehen. Da das also ebenso auszuschließen ist wie die Möglichkeit, dass all diese professionellen Journalisten weltweit einfach irgendeinen Unsinn nachplappern, muss es wohl so sein, dass Madonna auf ihrer Tour jedesmal an derselben Stelle im Programm, wenn ein Michael-Jackson-Doppelgänger auftrat, ohnmächtig zusammengebrochen ist, fast so, dass man meinen könnte, es gehöre zur Choreographie:

Gegen den Wahnsinn der Medien dürfte allerdings auch eine Nahrungsumstellung von Algen auf Haxen nicht viel ausrichten.

Mit Dank an lennet!

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Stasi-Akten-Recycling mit Verena Becker

Es sah aus wie eine Enthüllung, was die „Bild“-Zeitung gestern zum Thema der wieder verhafteten ehemaligen RAF-Terroristin Verena Becker zu bieten hatte:

Die Akten über Verena Becker und ihre Kontakte zum Verfassungsschutz hält das Innenministerium unter Verschluss. BILD liegen dagegen die Stasi-Akten über Verena Becker vor. Daraus geht hervor: Die RAF-Terroristin, die 1989 begnadigt wurde, soll bereits 1972 Kontakt zum Verfassungsschutz gehabt haben. Also bereits fünf Jahre vor dem brutalen Mord an Buback. Im Aktenvermerk der Hauptabteilung II/2 vom 2. Februar 1978 heißt es: "Es liegen zuverlässige Informationen vor, wonach die B.(ecker) seit 1972 von westdeutschen Abwehrorganen wegen der Zugehörigkeit zu terroristischen Gruppierungen bearbeitet bzw. unter Kontrolle gehalten wird."

„Bild“ fragte den Sat.1-Moderator Stefan Aust, was das zu bedeuten habe, und Aust antwortete:

„Wenn sich jetzt herausstellt, dass Verena Becker schon 1972 Kontakt zum Verfassungsschutz hatte, dann muss man diesen Informationen nachgehen.“

Er vermutet „irgendeine Art Deal mit den Ermittlungsbehörden oder dem Geheimdienst“.

Spannende Sache, nur: Da hat sich jetzt nichts herausgestellt. Der Inhalt der Stasi-Akten, aus denen „Bild“ zitiert, war erstens längst bekannt und ist zweitens mit größter Wahrscheinlichkeit anders zu interpretieren.

Der Südwestrundfunk berichtete schon im Juni 2007 über die Formulierung, über die „Bild“ jetzt gestolpert ist. Die SWR-Reporter Tobias Hufnagl und Holger Schmidt fragten damals, anders als „Bild“ heute, sogar bei dem zuständigen Stasi-Mitarbeiter nach, was dahinter steckte.

Nach den Worten Hufnagls bedeutet die Formulierung „von gegnerischen Diensten bearbeitet“ nicht, dass Verena Becker schon 1972 in irgendeiner Weise für den Verfassungsschutz gearbeitet habe, sondern nur, dass sie Terroristin sei und von den Diensten als solche behandelt werde. „Unter Kontrolle halten“ sei Stasi-Jargon für „beobachten“, als „Terrorist führen“. Auch das Bundeskriminalamt und die Generalbundesanwältin seien zu diesem Schluss gekommen.

Über den Satz aus der Stasi-Akte von Verena Becker ist seit 2007 immer wieder berichtet worden, zum Beispiel im Juli 2007 in der „taz“, im Oktober 2007 in der „Frankfurter Rundschau“, im Dezember 2007 in der „Zeit“, im November 2008 in der „Süddeutschen Zeitung“.

Aber weil die „Bild“-Zeitung im August 2009 so tut, als sei er erstens neu und zweitens spektakulär, glauben es viele Nachrichtenagenturen und Medien. Die Agentur AFP meldete gestern:

Laut „Bild“ soll Becker bereits fünf Jahre vor dem Buback-Mord Kontakt zum Verfassungschutz gehabt haben. Die Zeitung zitiert einen Aktenvermerk der Stasi-Hauptabteilung II/2 vom 2. Februar 1978. Dort heißt es dem Blatt zufolge: „Es liegen zuverlässige Informationen vor, wonach die B.(ecker) seit 1972 von westdeutschen Abwehrorganen wegen der Zugehörigkeit zu terroristischen Gruppierungen bearbeitet bzw. unter Kontrolle gehalten wird.“

Die Agentur AP demonstrierte ihre Ahnungslosigkeit mit einer Meldung unter der Überschrift:

Verfassungsschutzkontakt offenbar schon vor Buback-Mord / Laut „Bild“ entsprechende Stasi-Akten über Verena Becker.

Und auch die Agentur ddp verbreitete die alte Geschichte unter Berufung auf „Bild“ treuherzig als brisante Neuigkeit.

Am Nachmittag brachte AFP immerhin das nüchterne Dementi:

Die Bundesanwaltschaft bezeichnete den in den Stasi-Akten erhoben Vorwurf als bekannt und bereits widerlegt.

Und auch die Stasi-Unterlagenbehörde wies gestern laut „FAZ“ darauf hin, „dass nach ihrer Lesart der Akte Frau Becker das Objekt, nicht die Kontaktperson für Aktivitäten des Verfassungsschutzes gewesen sei“.

Schöne Medienwelt: Am Montag bringt „Bild“ eine alte und grob irreführende Geschichte. Am Dienstag steht sie in ungezählten vermeintlich seriösen Medien.

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„Wer hat geil Krebs?“

Der „Spiegel“ hat ein langes Gespräch mit der Fernsehmoderatorin (und BILDblog-Freundin) Charlotte Roche geführt, in dem es am Rande auch um die „Bild“-Zeitung geht:

SPIEGEL: Über die private Charlotte Roche weiß man kaum etwas von Belang.

Roche: Ich bin ein riesenaggressiver Beschützer meiner Privatsphäre. Ich will nicht, dass die „Bild“-Zeitung über meine Familie schreibt. Ich klage gegen alles. Wenn „Bild“ schreibt, Charlotte Roche ist 29, dann erstreiten wir eine Gegendarstellung, dass ich 31 bin. Ich gehe gegen wirklich alles vor, was die machen. (…)

SPIEGEL: Wie finden Sie die aktuelle „Bild“-Werbekampagne mit Prominenten?

Roche: Widerlich. Es gibt eine Liste in meinem Kopf, und da werden Personen gestrichen: Supernanny – fand ich nett, ist jetzt gestorben. Werbung für „Bild“, völlig untendurch, egal, was die noch sagt. Es sind ja auch Leute darunter, die selbst viel gegen „Bild“ klagen. Das ist doch eine fiese Doppelmoral. Ich bin da viel nachtragender.

SPIEGEL: Alice Schwarzer?

Roche: Gestorben.

SPIEGEL: Richard von Weizsäcker?

Roche: Gestorben.

SPIEGEL: Johannes B. Kerner?

Roche: Auch gestorben. Sind die denn alle echt so eitel und denken: Toll, so viele Plakate in ganz Deutschland mit meinem Gesicht drauf?

SPIEGEL: Es gab einen langen Rechtsstreit mit „Bild“ über die Berichterstattung zum Tod Ihrer drei Brüder bei einem Verkehrsunfall. Bekommen Sie nach wie vor Anfragen von „Bild“?

Roche: Ja, da weiß eine Hand nicht, was die andere tut. Es arbeiten sicher ganz nette und unschuldige Menschen dort. Sie kommen trotzdem alle in die Hölle. Ich rede mit denen niemals. Das ganze Blatt basiert nur auf Esoterik, auf Fragen wie: „Wer ist gestorben?“, „Wer hat geil Krebs?“ und „Wer hat sich getrennt?“

(Das ganze Gespräch steht im aktuellen „Spiegel“.)

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Von Außerirdischen und Unterirdischem

Man kennt das von Kindern, wenn sie sich hinstellen und mit „Komm doch! Komm doch!“-Rufen provozieren — entweder weil sie sich in Sicherheit fühlen oder auch aus reiner Lust, es einmal drauf ankommen zu lassen, was in die Fresse zu bekommen.

Ungefähr in einer solchen Stimmung müssen sie in der vergangenen Woche bei „Bild“ gewesen sein, als sie sich entschieden, als Teil einer rekordverdächtig dummen Serie des „Bild“-Außerirdischen-Beauftragten Attila Albert über Ufos und anderen Mystery-Quatsch den Anwalt Johannes Eisenberg zu zeigen und als „Alien“ zu bezeichnen:

(Genau dieselbe Witz-Idee hatte „Bild“ schon einmal im Frühling 2005; damals präsentierte das Blatt ebenfalls unter der Überschrift „Sind die Aliens schon unter uns?“ Daniel Küblböck, Djamila Rowe, Michael Jackson, Reiner Calmund, Prinz Charles, Tatjana Gsell und Susan Stahnke als Indizien für außerirdisches Leben auf der Erde. Aber das nur am Rande.)

Jedenfalls kann es niemanden bei „Bild“ überrascht haben, dass Eisenberg juristisch gegen die Veröffentlichung seines Fotos und Beschreibung als „Alien“ vorgeht. Den Anwalt und die Zeitung verbindet eine lange Geschichte. Eisenberg hat viele Politiker, Prominente und Nicht-Prominente, die sich gegen falsche oder unzulässige „Bild“-Berichte wehrten, vertreten. Er verteidigte auch die „taz“, als „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann Schmerzensgeld für eine Satire über eine (erfundene) missglückte Penis-Verlängerungs-Operation forderte. Vor allem aber ließ er „Bild“ schon einmal gerichtlich untersagen, sein Foto zu zeigen, und erstritt ein „empfindliches Schmerzensgeld“.

Eisenberg hatte 1998 einen libanesischen Straftäter, dessen Fall in Berlin Aufsehen erregte, presserechtlich vertreten und u.a. mehrere Gegendarstellungen von „Bild“ gefordert. Die Zeitung reagierte darauf demonstrativ mit der Veröffentlichung von Eisenbergs Foto und suggerierte, dass er mit seinem Mandanten sympathisiere. Das Landgericht Berlin sah darin eine schwerwiegende Persönlichkeitsrechtsverletzung: „Bild“ habe Eisenbergs Recht am eigenen Bild „mit besonderer Hartnäckigkeit verletzt“, und zwar „in der Absicht, den Kläger davon abzuhalten, für seinen Mandanten A. Gegendarstellungs- und Unterlassungsansprüche geltend zu machen, obwohl ihre Angriffe auf Herrn A. äußerst scharf und teilweise unter Behauptung falscher Tatsachen geführt wurden.“ Eisenberg habe nach der Veröffentlichung Morddrohungen erhalten, die „nur mit der Berichterstattung der Beklagten über den Kläger erklärt werden“ könnten, so das Gericht.

Das ist über zehn Jahre her, aber vielleicht nicht ganz unwesentlich, um zu beurteilen, was es bedeutet, wenn „Bild“ ein Foto von Johannes Eisenberg zeigt und behauptet, er sei ein „Alien“, das sich als „Anwalt tarnt“ und „gegen investigative Medien kämpft“.

Die „Welt am Sonntag“ hingegen, die gestern über das Vorgehen Eisenbergs gegen die Schwesterzeitung berichtete, nennt die Alien-Geschichte von „Bild“ eine „Satire“ und schließt daraus, dass Eisenberg Humor fehlt (was natürlich nicht falsch sein muss).

PS: Die Provokation des von ihr verhassten Berliner Anwaltes findet sich exklusiv in der Berlin-Brandenburger Ausgabe von „Bild“. Überregional nimmt Dirk Bach seinen Platz in der, äh, satirischen Aufzählung ein (siehe Ausriss links).

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Die Springers bei der Ackermann-Sause (3)

Wer so flexibel mit der Wahrheit umgeht wie die „Bild“-Zeitung, kann Widersprüche nicht immer vermeiden.

„Bild“, 16. Januar 2009:

Es war einer der gesellschaftlichen Höhepunkte im Leben des Josef Ackermann: Seinen 60. Geburtstag feierte der Deutsche-Bank-Chef im 8. Stock des Kanzleramts – auf Einladung von Angela Merkel. Sogar die 25 Gäste für das Abendessen im April 2008 durfte der Jubilar selber aussuchen. So viel Ehre wurde wohl noch keinem anderen Manager zuteil.

„Bild“, 26. August 2009:

Merkel gab am 22. April 2008 ein festliches Essen — zu Ehren des zwei Monate zuvor 60 Jahre alt gewordenen Josef Ackermann. Und wie das bei Einladungen im Kanzleramt häufiger der Fall ist, durfte der Geladene Vorschläge für die Gästeliste machen. (…)

Essen wie dieses finden häufig statt. Die Kanzlerin trifft sich mit Managern wie Gewerkschaftern, Künstlern wie Autoren. (…) Und öfters bittet Merkel den einen oder anderen Geladenen um Vorschläge für weitere interessante Gäste.

Ein und dieselbe Veranstaltung ist einzigartig, wenn es darum geht, dem Deutsche-Bank-Chef und Springer-Großaktionär zu schmeicheln, und alltäglich, wenn die Kanzlerin aus der Schusslinie gebracht werden muss. Aber das ist ja nicht das erste Mal, dass „Bild“ seine Darstellung abrupt ändert, wenn es der guten Sache dient.

Die Online-Ausgabe der „Süddeutschen Zeitung“ fügt der Geschichte, wie die Springer-Zeitungen mit dem Fall Ackermann umgehen, noch weitere Details hinzu. Zum Beispiel, was passiert sei, als herauskam, dass an Merkels Empfang für Ackermann nicht weniger als drei hochrangige Springer-Mitarbeiter teilnehmen durften:

Von diesem Zeitpunkt an scheinen sämtliche Springer-Blätter das Interesse an der Geschichte schlagartig verloren zu haben. Ein Abgeordneter der Opposition berichtet, am Dienstagmorgen hätten ihn die Vertreter der Springer-Presse noch „die Bude eingerannt“, als dann aber die Liste mit den Teilnehmern raus war, „wollte keiner mehr was wissen“.

„Welt“, „Berliner Morgenpost“, „Hamburger Abendblatt“* und „B.Z.“ haben die Leser ihrer Zeitungen bis heute nicht informiert, dass ihr Vorstandsvorsitzender und ihre Verlegerin bei dem umstrittenen Abend dabei waren — dabei trägt der Kommentar von „Welt“-Chef Thomas Schmidt zum Thema sogar den vielversprechenden Titel „Villa Merkel und ihre Gäste“.

*) Korrektur, 18:15 Uhr. Das „Hamburger Abendblatt“ hat die Teilnehmer aus dem eigenen Haus gestern genannt. Entschuldigung!

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Was Gerhard Schröder alles sagte

Die Ackermann-Sause ist nach einigen Anlaufschwierigkeiten inzwischen auch ein größeres Thema für „Bild“:

Das Abendessen für Josef Ackermann im Kanzleramt: Schröder und Steinbrück unterstützen Merkel!

Überraschend erhielt die Kanzlerin gestern Beistand von ihrem Vorgänger. Ex-Kanzler Gerhard Schröder (SPD): „Mit der Veranstaltung für Herrn Ackermann habe ich kein Problem!“

Schröder verteidigte auch die gestiegenen Ausgaben im Kanzleramt für Bewirtungen: „Die Erhöhung ist in Ordnung. Schließlich leben wir nicht in einer Bananenrepublik und man sollte seine Gäste ordentlich bewirten.“

Gesagt hat der Altkanzler das bei „Spiegel Online“.

Laut gleichem Artikel sagte Schröder mit Blick auf die Vorwürfe, er habe in zwei Jahren „533.000 Euro Spesen“ gemacht, übrigens auch:

„Es ist eine allgemeine Erfahrung, dass sich die ‚Bild‘-Zeitung in Wahlkampf-Zeiten vor den Karren der Union spannen lässt“, sagt Schröder. „Das ist ein durchsichtiges Manöver.“

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Die Springers bei der Ackermann-Sause (2)

Übrigens ist die Deutsche Bank seit vergangenem Dezember Großaktionär der Axel-Springer-AG.

Das ist vielleicht keine ganz unwesentliche Information, um zu verstehen, wie „Bild“ mit dem Abendessen umgeht, das Bundeskanzlerin Angela Merkel im vergangenen Jahr zum 60. Geburtstag des Deutsche-Bank-Chefs Josef Ackermann ausrichtete. (Unter den 25 Gästen waren zufällig auch drei hochrangige Springer-Vertreter.)

Anders als ungefähr immer bei ähnlichen Anlässen mag „Bild“ die Empörung diesmal nicht teilen oder sich gar an die Spitze der Entrüstungskarawane stellen. Gestern hat sie das Thema (wie berichtet) ganz ignoriert. Heute räumt sie ihm breiten Raum ein.

Im Leitartikel kommentiert Einar Koch haarscharf am Thema vorbei:

Wenn die Kanzlerin der größten Wirtschaftsnation Europas nicht einmal mehr 25 wichtige Vertreter aus Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur zum Abendessen einladen darf — dann gute Nacht, Deutschland!

(Der Name Ackermann und die Tatsache, dass sein Geburtstag Anlass für die Einladung gewesen sein soll, kommt in dem Kommentar nicht vor.)

Hugo Müller-Vogg fragt:

Wer darf auf Steuerzahlers Kosten im Kanzleramt dinieren*? *festlich essen

Er beantwortet die Frage nicht, sagt aber, Gäste wie Verlegerin Friede Springer, „FAZ“-Herausgeber Frank Schirrmacher, „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann und der Präsident des Goethe-Instituts Klaus-Dieter Lehmann kämen „häufiger ins Kanzleramt“.

Und „Bild“-Autor Dirk Hoeren enthüllt, dass „auch Merkels Vorgänger, Gerhard Schröder (SPD) die Möglichkeit [solcher Bewirtungen] häufig nutzte“ und rechnete vor, dass dessen „Spesen“ sich 2004 und 2005 auf insgesamt 533.000 Euro beliefen. Dass der entsprechende Etat unter Merkel offenbar erhöht wurde, erfährt der „Bild“-Leser nicht.

Anders als bei, sagen wir: der Dienstwagen-Affäre von Ulla Schmidt oder Wolfgang Thierses 60. Geburtstag vor sechs Jahren, scheinen „Bild“ die konkreten Kosten, die bei dem umstrittenen Empfang für Ackermann anfielen und die das Kanzleramt bislang nicht nennen wollte, nicht einmal zu interessieren.

Das ist einerseits erstaunlich für „Bild“, eine solche Chance zur (gerechtfertigten oder ungerechtfertigten) Skandalisierung nicht zu nutzen. Und andererseits vielleicht auch nicht — für ein parteinahes Stieftochterblatt der Deutschen Bank.

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!

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