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Falsches Topmodel gewählt (2)

Wahrsager auf Rummelplätzen, die Wettervorhersage im Fernsehen, Fußballtipprunden im Kollegenkreis — die Welt ist voller deutlicher Hinweise, warum man gut beraten ist, nicht über Ereignisse zu reden, die erst noch eintreten werden.

Dennoch sind Journalisten manchmal nicht davon abzuhalten, darüber zu schreiben, wie die Welt aussehen könnte oder müsste: 2011 hatte „Bild“ den falschen Sieger von „Deutschland sucht den Superstar“ vorausgesagt, kurz darauf vertat sich die „B.Z.“ bei der Prognose der Siegerin von „Germany’s Next Topmodel“.

Gestern Abend lehnte sich dann Bild.de aus dem Fenster:

DER KLUM-CODE:
Warum Luise heute Heidis "Topmodel" werden muss

Im Artikel stand dann aber doch nur, warum Luise die Siegerin sein „könnte“ — mit der gleichen Hingabe und „Logik“ vorgetragen, mit der Analysten den Ausgang von Wahlen und Fußballfans den von Spielen bereits im Vorfeld erklären können.

Zum Beispiel so:

BILD.de meint: Nachdem sich 2011 und 2012 Blondinen durchgesetzt haben, ist es wieder an der Zeit für eine brünette Schönheit.

Immerhin damit lag Bild.de richtig — denn gewonnen hat am Ende die ebenfalls brünette Kandidatin Lovelyn. Luise wurde Dritte.

Mit Dank an Bernhard W.

Justin Timberlakes größtes Geheimnis

Auch wenn Sie kein Twitter-Nutzer sind, kommen Sie an dem Internetdienst kaum vorbei: Bei Fußballübertragungen im Fernsehen lesen die Moderatoren vor, was dieser oder jener User über das Spiel geschrieben habe, und Medien wie Bild.de geben sich größte Mühe, möglichst viel von dem zu dokumentieren, was täglich auf Twitter los ist.

Zum Beispiel jetzt, als Justin Timberlake im Weißen Haus zu Gast war:

Was macht R&B-Superstar Justin Timberlake (32), wenn er zu Gast bei Barack Obama (51) ist? Handyvergleich! Ein Fotograf hielt fest, wie der Sänger dem US-Präsidenten etwas auf seinem Smartphone zeigte. Obama fand das offenbar so cool, dass er es jetzt mit seinen 32 Millionen Twitter-Followern teilte.

Auf-re-gend! Wird aber noch besser:

Der Sänger freute sich mächtig über die große Ehre, auf einem Foto mit dem Präsidenten zu sein. Er kommentierte das Bild bei Twitter: „Was auf Justin Timberlakes Handy drauf ist, könnte sehr gut das größte Geheimnis im Weißen Haus sein.“

Diese Behauptung widerlegen die Internet-Experten von Bild.de gleich selbst, indem sie den angeblichen Dialog zwischen Obama und Timberlake in den Artikel eingebunden haben:

Denn, siehe da: Die Antwort kam vom Twitter-Account @JTfansite, einer … nun ja: Fansite, nicht von Justin Timberlake selbst. Der twittert unter dem verifizierten Account @jtimberlake und hat sich bisher noch nicht zu seinem Besuch im Weißen Haus geäußert.

Mit Dank an Martin R. und Christian W.

Nachtrag, 31. Mai, 14.15 Uhr: Bild.de hat den Artikel gerade überarbeitet und um diesen Hinweis ergänzt:

PS: Liebe Leser, ursprünglich haben wir an dieser Stelle berichtet, Justin Timberlake habe das Foto selbst kommentiert. Tatsächlich wurde der Kommentar von einem Fan-Account geschrieben, wie einige von Ihnen bemerkt und in der Community kritisiert haben. Vielen Dank dafür!

Der öffentliche Tod einer „Nymphomanin“

Anfang Dezember 2012 wurde eine 47-jährige Frau tot in ihrem Bett aufgefunden. Die Frau war nicht das, was man gemeinhin als „prominent“ bezeichnet, Hinweise auf Fremdverschulden gab es keine — dennoch berichteten „Bild“ und Bild.de groß über den Fall:

Wie starb Nymphomanin ***?

Ein bisschen prominent war die Frau laut „Bild“ nämlich schon:

Sonnenbrille, Kette, tiefes Dekolleté – und ein verruchtes Lächeln: Wir sehen […] († 47), die Frau, die im Frühjahr als „Nymphomanin von München“ Schlagzeilen machte.

Damals schloss sie einen Discjockey (43) in ihrer Wohnung ein, wollte immer wieder Sex mit ihm – bis der Mann aus ihrem Bett auf den Balkon floh, die Polizei rief.

JETZT IST DIE FRAU TOT.

Ihr letzter Liebhaber (31, ein Nachbar) wachte am Freitag gegen 6.30 Uhr neben ihrem leblosen Körper auf.

Er versuchte noch Mund-zu-Mund-Beatmung, rief den Notarzt. Dieser konnte aber nichts mehr tun.

Fremdverschulden schließt die Polizei aus. Doch wie starb […]? Kann Dauer-Sex die Ursache sein?

Ein Leser sah in der Berichterstattung einen Verstoß gegen den Pressekodex, da sie massiv Opfer- und Persönlichkeitsrechte verletze, und beschwerte sich über Bild.de beim Deutschen Presserat. Es bestehe kein öffentliches Interesse an der Veröffentlichung des Fotos der Frau.

Die Rechtsabteilung der BILD digital GmbH & Co. KG sah das wieder mal anders: Die Betroffene habe in den vergangenen Monaten häufig mit ihrer Nymphomanie für Aufstehen gesorgt und sei bundesweit Thema in den Medien gewesen. Sie sei erstmals aufgefallen, weil sie einen ihrer Liebhaber im April 2012 acht Mal zum Liebesakt getrieben habe, bis dieser auf den Balkon geflohen sei, um die Polizei zu rufen. Über den „ausgesprochen kuriosen Fall“ hätten damals zahlreiche Medien berichtet, darunter auch „Bild“, die sich auf die entsprechende Pressemitteilung der Polizei bezogen habe. Obwohl die Redaktion auch damals im Besitz eines Fotos der Betroffenen gewesen sei, habe sie sich bewusst gegen eine Veröffentlichung dieses Fotos entschieden.

Das stimmt. Die Berichterstattung von „Bild“ sah im April 2012 so aus:

Nymphomanin* lockte Discjockey in Sex-Falle

Die Zeitung hatte ihren Lesern damals sogar erklärt, was so eine „Nymphomanin“ überhaupt ist:

* Bezeichnung für eine Frau mit übermäßigem Verlangen nach Geschlechtsverkehr

Danach habe sich noch ein weiterer Vorfall ereignet, über den wieder zahlreiche Medien aus der gesamten Republik berichtet hätten: Die Betroffene habe einen Mann eineinhalb Tage lang eingesperrt, ihm das Handy abgenommen und ihn zum Geschlechtsverkehr gezwungen. Auch hier habe „Bild“ wieder bewusst auf die Veröffentlichung des Fotos verzichtet.

Erst als die Betroffene in Folge ihres Rauschmittelkonsums gestorben sei, hätten „Bild“ und Bild.de das Foto nach sorgsamer Abwägung zwischen dem Persönlichkeitsrecht der Verstorbenen und dem öffentlichen lnteresse veröffentlicht.

Die Rechtsabteilung baute sich zu diesem Zweck ein argumentatives Perpetuum Mobile: Zum Zeitpunkt ihres Todes sei die Betroffene nämlich bereits durch ihre monatelange exzessive Sexsucht in der Öffentlichkeit bekannt gewesen. Aufgrund der aufsehenerregenden Vorgeschichte habe ein hohes Interesse der Öffentlichkeit bestanden, zu erfahren, was aus der Betroffenen geworden sei.

Die Frau sei auf dem Foto* aufgrund einer Sonnenbrille nicht für Außenstehende erkennbar, ihr Name sei immer abgekürzt worden. Im Text habe die Redaktion nicht abwertend berichtet, weil Drogenkonsum und Sexsucht mit einer Krankheit zu tun haben könnten.

Vielleicht nicht „abwertend“, aber so:

In der Bar, so berichtet ein Bekannter, trinken die beiden ein paar Bier, zwei Wodka und etwas Wein. Auch „weißes Zeug“ sollen sie geschnupft haben.

Dann nimmt […] den Heizungsmonteur mit nach Hause. Doch anders als sonst geht es nicht gleich zur Sache. Stattdessen sitzen die beiden zusammen und reden – und plötzlich schläft die Blondine ein.

Der Beschwerdeausschuss des Deutschen Presserats sah in der Berichterstattung von Bild.de einen Verstoß gegen Ziffer 8 des Pressekodex.

Die Betroffene sei durch die Angaben zu ihrer Person und das Foto für einen großen Personenkreis erkennbar geworden. Für das Verständnis des Unfallgeschehens sei das Wissen um die Identität des Opfers in der Regel unerheblich. Über den Todesfall hätte daher nur in vollständig anonymisierter Form berichtet werden dürfen, da es sich weder um ein Ereignis von zeitgeschichtlicher Bedeutung gehandelt habe, noch besondere Begleitumstände vorgelegen hätten. Vielmehr habe die Redaktion über Ereignisse aus der lntimsphäre berichtet, deren Schutz von besonderer Bedeutung sei.

Einstimmig sprach der Ausschuss eine öffentliche Rüge aus und bat die Redaktion darum, die Rüge „zeitnah zu veröffentlichen und in dem Online-Beitrag eine Anonymisierung vorzunehmen“.

Bild.de kam dieser Bitte nach, wies auf die Rüge hin und ersetzte den Vor- und den abgekürzten Nachnamen der Verstorbenen an den meisten Stellen der Berichterstattung.

*) Übrigens haben auch die Münchener Boulevardzeitung „tz“ und diverse ausländische Medien das Foto verwendet. Die „Daily Mail“ gibt als Quelle „BILD-Zeitung/privat“ an.

Bild.de gibt Hulk Hogan, was er braucht

Die meisten Unfälle passieren bekanntlich im Haushalt. Das hat nun offenbar auch Wrestling-Star Hulk Hogan am eigenen Körper erfahren müssen: Wie Bild.de unter Berufung auf eine kanadische Nachrichtenseite berichtet, musste Hogan am gestrigen Sonntag in Florida ins Krankenhaus, weil ihm ein Heizkörper („radiator“) explodiert war.

Aber nicht nur das:

Und was macht so ein echter Haudegen, wenn seine Hand mit erdbeergroßen Brandblasen übersät ist? Na klar, er twittert Fotos davon, unterlegt mit lustigen Kommentaren. „Gerade ist ein Heizkörper in meiner Hand explodiert. Autsch.“, zwitscherte Hogan fröhlich noch aus dem Krankenhaus.

Später postete er sogar noch weitere Ekel-Fotos von seiner verbrannten Pfote und hielt seine Follower sogar darüber auf dem Laufenden, als ein Arzt ihn versorgte. Nachdem die Aufregung um das Sex-Tape mit der Ex-Frau seines ehemals besten Freundes so langsam abzuklingen scheint, braucht Hogan offenbar dringend Publicity.

Aber bitte zukünftig nicht mehr mit SOLCHEN Ekel-Fotos!

Die Empörung von Bild.de wäre ein klein wenig glaubwürdiger, wenn Bild.de diese „Ekel-Fotos“ nicht direkt von Hogans Twitter-Account in den Artikel eingebunden hätte.

Mit Dank an Ronald F.

Sehen alle gleich aus (6)

Ein Mann mit einem rauschenden Vollbart? Klarer Fall:

Reinhold Messner (64), Extrem-Bergsteiger

Sehen alle gleich aus

Allerdings zeigt das Video nicht Reinhold Messner (der in Wahrheit auch 68 Jahre alt wäre) und auch nicht den Weihnachtsmann, sondern einen 51-jährigen Familienvater, der vor Gericht stand, weil er und seine Frau ihre Kinder lieber zuhause unterrichten statt in die Schule schicken wollten.

Inzwischen ist das Video mit der fehlerhaften Bauchbinde auch aus dem Artikel bei Bild.de verschwunden.

Mit Dank an Mathis und Gereon L.

Das Killervideo von der Wursttheke

In einem Berliner Supermarkt ist gestern ein Mann erstochen worden.

Zum Glück war aber jemand mit einer Kamera in der Nähe und konnte die Aufnahmen, wie der Mann stirbt und wie Kunden und Angestellte Erste Hilfe leisten, zeitnah Bild.de zur Verfügung stellen.

Und so gibt es jetzt auf Bild.de ein Video aus diesem Supermarkt, und die Sprecherin schildert aus dem Off, was man sieht:

Beängstigende Bilder aus einem Supermarkt in Berlin-Gesundbrunnen vom Dienstagabend: Vor der Wursttheke liegt ein 82-jähriger Rentner auf den Fliesen — niedergestochen! Geschockt beobachtet die Wurstverkäuferin, wie Kunden und Angestellte Erste Hilfe leisten. Andere überwältigen den mutmaßlichen Täter, halten ihn fest. Zeugen berichten, der 30-Jährige soll unvermittelt auf den älteren Mann zugegangen sein und habe dann mehrmals auf ihn eingestochen. Für das Opfer kommt jede Hilfe zu spät, es stirbt noch am Tatort.

Immerhin: Die Köpfe der einzelnen Menschen, die helfen statt zu filmen, sind unscharf gemacht worden. Auch das Blut ist eher zu erahnen als zu sehen.

In der gedruckten „Bild“-Zeitung ist beides anders.

[via Absolut Obsolet]

Wo ein Glaube ist, ist auch ein Wille

Bild.de hat beim INSA-Institut eine Umfrage zum Ausgang der Bundestagswahl in Auftrag gegeben. Das angeblich repräsentative Ergebnis:

Jeder vierte Wahlberechtigte (25 %) denkt, dass es nach der Bundestagswahl zu einer großen Koalition kommt. Mit einer Fortsetzung der jetzigen Regierungskoalition aus Union und FDP rechnet jeder Fünfte (21 %). Deutlich geringere Chancen werden einem rot-grünen Bündnis (15 %), Schwarz-Grün (6 %), Rot-Rot-Grün (5 %). Eine Ampel-Koalition (SPD, FDP, Grüne) oder eine schwarze Ampel (CDU/CSU, FDP, Grüne) erwarten jeweils 2 % der Wahlberechtigten. Und jeder vierte Befragte (24 %) kann oder will dazu keine Angaben machen.

Zusammengefasst „glauben 54 Prozent der Befragten“, dass Angela Merkel „ihre Arbeit als Kanzlerin fortsetzen“ wird.

Oder, wie Bild.de in der Überschrift schreibt:

BUNDESTAGSWAHL 2013: Jeder 2. Deutsche will Merkel-Fortsetzung

Um den semantischen Unterschied zwischen „glauben“ und „wollen“ zu verdeutlichen, werfen wir einfach mal einen Blick auf eine andere aktuelle Umfrage:

Die Mehrheit der Deutschen wünscht sich im aktuellen ARD-DeutschlandTrend, dass Borussia Dortmund das Champions League-Finale gewinnt, glaubt aber, dass Bayern München den Titel holen wird.

Ein Satz, der in der Welt von Bild.de unmöglich wäre.

Allerdings scheint Bild.de nicht ganz von allein auf den Holzweg gekommen zu sein:

INSA-Chef Hermann Binkert erklärte BILD.de: „Die eindeutige Mehrheit der Bundesbürger erwartet, dass Angela Merkel – in welcher Konstellation auch immer – Bundeskanzlerin bleibt. Die Deutschen fühlen sich bei ihr aufgehoben. Die Bürger vertrauen der Kanzlerin und wollen aus diesem Grund, dass sie ihren Job fortführt.“

Wir haben bei Hermann Binkert (bisherige Stationen: „wissenschaftlicher Mitarbeiter der CDU-Bundestagsabgeordneten Claudia Nolte“, „Persönlicher Referent für Herrn Ministerpräsidenten Dr. Bernhard Vogel“, „Staatssekretär in der Thüringer Staatskanzlei und Bevollmächtigter des Freistaates Thüringen beim Bund“) nachgefragt, ob Bild.de ihn richtig zitiert hat und wie er gegebenenfalls aus einer „Erwartung“ einen „Willen“ ableite, haben aber noch keine Antwort erhalten.

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber.

Bilder, die wütend machen

Bei Bild.de sind sie – wieder mal – entsetzt:

Es sind Bilder, die traurig machen – und zugleich wütend: Südafrikas Nationalheld Nelson Mandela (94), ein hilflos wirkender alter Mann mit Decke auf dem Schoß, der ins Leere starrt. Neben ihm Südafrikas Präsident Jacob Zuma (71), der sich lachend mit dem Friedensnobelpreisträger filmen und fotografieren ließ.

Es geht um Bilder, die „wirken, als konnte sich der greise Mandela gar nicht gegen den Besuch wehren“ und auf denen er „alles andere als zufrieden“ aussieht.

Und die Redaktion gerät regelrecht in Rage: Obwohl bekannt sei, dass Mandela ein Augenleiden hat, habe sein Enkel „ein Blitzlichtgewitter über seinen Großvater ergehen“ lassen:

Nelson Mandela kniff dabei die Augen zusammen und verzog den Mund. Millionen Südafrikaner sahen dem Besuch der Politiker im Staatsfernsehen zu. Der 94 Jahre alte Mandela konnte dabei offenbar nicht mal mehr den Kopf zur Seite wenden, um Zuma anzublicken.

Nicht nur Bild.de findet das alles furchtbar:

„Nach allem, was der Mann für uns getan hat, behandeln wir ihn auf diese Weise. Wie ein Tier im Zoo. Wir sollten uns schämen“, twitterte der südafrikanische User Brent Lindque. Ein weiterer Kommentator meint, kein alter Mensch verdiene einen solchen Auftritt.

Zwar kommen auch Mandelas Partei ANC und ein „unabhängiger Kommentator“ zu Wort („Vor dem Video wollten wir alle sehen, wie es Madiba geht. Aber sein Gesundheitszustand hat uns in schreiende Babys verwandelt, die nicht mehr wissen, was sie wollen.“), aber im Grunde lässt Bild.de keinen Zweifel daran, dass es dieses Video nicht geben sollte.

Oder, präziser: DIESES Video!

ERSCHÜTTERNDE AUFNAHMEN: Empörung über DIESES Mandela-Video

Mehr als eine Minute des Videos zeigt Bild.de — unkommentiert und nach 20 Sekunden sogar ganz ohne Ton.

Mit Dank an Sebastian D.

Drittliga-Journalismus

Die UEFA muss verrückt geworden sein:

Drittliga-Schiri pfeift Dortmunds Halbfinale

Na gut, ein paar höherklassige Spiele hat Howard Webb aus England auch schon gepfiffen, wie auch Bild.de zugeben muss:

Der Unparteiische wurde berühmt-berüchtigt, weil er im WM-Finale 2010 in Südafrika einen brutalen Kung-Fu-Tritt des Holländers Nigel de Jong gegen Xabi Alonso nur mit Gelb bestrafte. Später räumte er ein: „Das war eine Rote Karte.“

Aber in letzter Zeit lief es bei ihm offenbar nicht so gut:

Seltsam: Webb wurde in der vorletzten Woche in England in der Premier League wegen schlechter Leistungen in die 3. Liga versetzt – aber Champions League darf er pfeifen.​

Der Einsatz in der Champions League wird vielleicht ein weniger „seltsam“, wenn man weiß, dass Webb nach seiner „Strafversetzung“ in die 3. Liga am vorletzten Wochenende an diesem Samstag noch das Spiel zwischen Manchester City und West Ham United gepfiffen hat — in der Premier League, der ersten englischen Liga.

Und das scheint nicht unüblich zu sein: Der deutsche Schiedsrichter Wolfgang Stark, der bei der WM in Südafrika immerhin auch drei Spiele gepfiffen hatte, hat in dieser Saison sogar ein Spiel in der Regionalliga Bayern geleitet. Was ihn nach der Logik von Bild.de zum „Viertliga-Schiri“ machen würde.

Mit Dank an Marcus H.

Lehrstunde in Sachen Respekt

Es ist Boulevardjournalisten-Prosa aus dem Lehrbuch, mit der die Hamburger Regionalausgabe von „Bild“ heute einen Artikel beginnen lässt:

Blauer Himmel über der Alster, doch die Stadt trägt Trauer: Lorenz ist tot. Neun Tage, nachdem der Ruderer († 13) an Boje 5 kenterte und versank, wurde nun seine Leiche gefunden. Um 10.45 Uhr gab die Alster den Körper des Schülers frei!

Bild.de hat den Artikel mit einer 22-teiligen Bildergalerie garniert, die sich dem „Fund des toten Ruder-Jungen“ in allen Facetten widmet.

So erfährt der Leser zum Beispiel, dass eine (genauer: „die“) japanische Zierkirsche „prächtig blüht“. Sie sei „die Gedenkstätte des Unglücks“, was Bild.de mit ein paar Fotos verdeutlicht, auf denen „ein letzter Gruß von Freunden“ zu sehen ist („Trauernde haben einen Brief, einen Teddy, Grablichter und Blumen abgelegt“). Den Brief zeigt Bild.de dann auch noch mal in Großaufnahme und schreibt von „Worte[n], die für sich sprechen“.

An der Zierkirsche gibt es aber auch das:

Respektlos: Ein Pärchen lässt am Trauerort Romantik-Fotos machen

Vorausgesetzt, das Pärchen wusste, dass der Baum als Trauerort fungiert, kann man es in der Tat unangemessen und „respektlos“ finden, dort „Romantik-Fotos“ zu machen.

Aber der Vorwurf wöge vielleicht etwas schwerer, wenn er nicht von einem Medium käme, dessen Fotografen es an gleicher Stelle mit dem Respekt auch nicht ganz so ernst nehmen:

Die Fotos zeigen ziemlich exakt das, was die Bildunterschriften beschreiben. Immerhin ist der Leichnam abgedeckt und die Köpfe der Eltern sind verpixelt.

Mit Dank an Marvin.

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