„Die Konfusion wird größer“ (M. Döpfner)

In der heutigen Ausgabe ist der „Bild“-Zeitung offenbar ein bedauerlicher Fehler unterlaufen: Passend zur Titelstory („‚Bild‘ kehrt zurück zur alten Rechtschreibung“) druckt das Blatt auf Seite 2 einen „Protest-Brief“ zum Ausschneiden.

„(…) unterschreiben Sie den nachfolgenden Brief (schon in der alten Rechtschreibung) an die Kultusminister„,

heißt es dazu im Begleittext. „An die Kultusministerkonferenz“ steht auch über dem „Protest-Brief“. Zu schicken sei der laut „Bild“ jedoch an:
BILD – Stichwort: Rechtschreibreform
20597 Hamburg

Und das, obwohl die Zeitung – um das mal in aller Deutlichkeit zu sagen – für eine Entscheidung über die Zukunft der Rechtschreibreform gar nicht zuständig ist. Zuständig ist von Anfang an vielmehr die Kultusministerkonferenz, deren Adresse Sie ggf. hier finden.

Boenischs beste Bedingungen

Unter der Überschrift „Riesenresonanz auf Hoppegarten Renntag“ führte die „Bild“ vom Freitag im Sportteil der Berlin-Ausgabe ein Interview mit dem „Präsidenten des Union Klubs“, der die Galopprennbahn in Berlin-Hoppegarten betreibt. Der Präsident habe sich „mächtig ins Zeug gelegt„, meint „Bild“ und lobt die „starke Resonanz„, nennt’s eine „erfreuliche Tendenz„. Dann stellt das für seine knallharten Boulevardjournalismus bekannte Blatt noch schnell ein paar Fragen, die allesamt („Wie viele Zuschauer werden erwartet?“, „Hat sich Prominenz angekündigt?“, „Worauf dürfen sich die Turffreunde in diesem Jahr noch freuen?“, „Wie steht es um den publikumswirksamen Hindernissport?“, „Sie halten der Rennbahn weiterhin die Treue?“) aussehen wie abgeschrieben aus einem Galoppverlautbarungsorgan. Großzügig bebildert erstreckt sich das freundliche Entgegenkommen auf eine halbe „Bild“-Seite. „Wir bieten beste Bedingungen„, steht in großen Lettern drüber – und ebenso groß der Name „Boenisch“, denn so heißt der interviewte Mann. Es ist (aber ja doch!) derselbe Boenisch, der Boenisch, der in derselben Freitags-„Bild“ 14 Seiten vorher darauf herumreitet, dass irgendwer irgendwen „für dumm verkaufen“ wolle.

Ach ja, und fast hätten wir’s vergessen: Am Sonntag um 16.35 Uhr kämpfen in Hoppegarten elf Galopper im 6. Rennen um den „114. Großen Preis von Berlin“ – auch „‚Bild‘-Pokal“ genannt.

Ab ins Körbchen!

Auf der Startseite von bild.de steht diese Schlagzeile:

Im Ressort „Show & Promis“ erwartet den Besucher dann dies:

Tja, bei bild.de wachsen die Busen der C-Promis schneller, als man klicken kann.


Dank an Charlotte N. für diesen „sachdienlichen Hinweis“.

40? 80? 160?

Ein Krankenpfleger hat gestanden, in einem Krankenhaus in Sonthofen zehn schwerkranke Patienten zu Tode gespritzt zu haben. Das ist erschütternd, aber möglicherweise nicht erschütternd genug. „40 Opfer?“ fragte „Bild“ groß am Mittwoch, aber irgendwie reichte das immer noch nicht. Am Donnerstag wuchsen noch einmal die Zahl und die Größe der Überschrift. „80 Opfer?“, lautete sie nun.

Jetzt zeichnet sich ab: Der Todespfleger mit den kräftigen Händen ist der größte Massenmörder seit Kriegsende!

Exakt das hatte sich für „Bild“ schon am Tag zuvor abgezeichnet. Nach der eigenen Statistik könnte „Bild“ den Pfleger längst zum „größten Massenmörder seit dem Anfang des 20. Jahrhunderts“ erklären, aber vielleicht sparen sie sich das für die nächsten Tage auf. (Mal abgesehen davon, dass in den Richtlinen des Presserates steht: „Auch wenn eine Täterschaft für die Öffentlichkeit offenkundig ist, darf der Betroffene bis zu einem Gerichtsurteil nicht als Schuldiger im Sinne eines Urteilsspruchs hingestellt werden.“)

Wie kommt „Bild“ auf die Zahlen? Das Blatt zitiert den Staatsanwalt: „Ja, wir ermitteln jetzt schon in 80 Todesfällen in diesem Krankenhaus“. Bei dpa (und den anderen Nachrichtenagenturen) liest sich das etwas anders:

Staatsanwaltschaft und Kripo hätten weiterhin keine konkreten Hinweise auf weitere Opfer des in Untersuchungshaft sitzenden Mannes, wurde am Donnerstag mitgeteilt. Die Justiz untersucht insgesamt 80 Fälle. Es handelt sich dabei um alle Frauen und Männer, die während der Dienstzeit des Pflegers starben.

Im Klartext: Die Horror-Rechnung von „Bild“ geht nur auf, wenn niemand, kein einziger Patient in diesem Krankenhaus, zwischen Mai 2003 und Juli 2004 während der Dienstzeiten des Pflegers eines natürlichen Todes gestorben wäre. Hinter die „Bild“-Frage „80 Opfer?“ kann man also – nach allem, was man weiß – getrost ein „Nein“ setzen.

Die irrsten Wörter

„Bild“ kämpft weiter gegen die „Schlechtschreibereform“. Am Mittwoch durfte Lehrerin „Martina Keßler“ aus Wiesbaden lang und breit erklären, warum sie sich weigert, ihren Schülern die neuen Regeln beizubringen bzw. sie „zur Unmündigkeit zu erziehen“.

Eines von „Keßlers“ Beispielen: „Den Unterschied zwischen ‚dass‘ und ‚das‘ beachtet kaum jemand (…)“. Und nicht nur den. So hält „Keßler“ auf dem Foto zum Artikel einen Zettel mit den „irrsten Wörtern“ der neuen Rechtschreibung hoch, auf dem auch das schöne Wörtchen „Passstrasse“ steht, das weder nach den neuen, noch nach den alten Regeln so geschrieben wird. Denn merke: nach langem Vokaaaaal folgt „ß“. Also: „Passstraße.“

Und wer sich dann noch die Mühe macht, mal ins Wiesbadener Telefonbuch zu schauen und dort nach „Martina Keßler“ zu suchen, der – findet sie auch. Unter dem Eintrag „Kessler, Martina“. Mit Doppel-„s“. Aber das mag bloß eine Verwexelung sein.

Dank an David B. für diesen „sachdienlichen Hinweis“.

Nicht achtungsvoll

Gestern versuchte sich Franz Josef Wagner in Verteidigungsminister Peter Struck „hineinzudenken“, weil über den in letzter Zeit ja immer mal wieder zu lesen war, dass es ihm nicht so gut gehe. An Strucks Stelle, so schrieb Wagner, würde er sich wegen all der Presseberichte „grauenvoll fühlen, vielleicht einen Rückfall kriegen“.

„Die Presse hat die legitime Pflicht, über die Fitness unserer Politiker zu berichten. Aber wenn ich krank bin, dann will ich hören, wie die Rosen sich öffnen, wie das Gras wächst und wie der Morgen ist. Ich will nicht in einer Zeitung lesen, dass ich tot bin. Was ich sagen will, ist, dass man mit Ihnen nicht achtungsvoll umgeht. Das deprimiert mich.“

Und? Nichts und. Wären da nicht Wagners Kollegen von Bild-T-Online, die am selben Tag auf die Idee kamen, ihre Pflicht, über die Fitness unserer Politiker zu berichten, etwas überzustrapazieren:

„Dritter Krankenhaus-Aufenthalt in diesem Jahr: Das Herz! Wie schlecht geht es [Gregor] Gysi wirklich?

Dazu, dass eine Sprecherin des Klinikums, in das sich der Politiker am Sonntag „freiwillig (…) begeben“ habe, „einen Schlaganfall oder gar einen leichten Hirninfarkt“ bei Gysi „nachdrücklich“ dementiert hat und stattdessen beteuerte, dass er „die Klinik in Kürze verlassen“ werde, fällt Bild-T-Online ein:

„Zwar haben die Ärzte mittlerweile Entwarnung gegeben. Aber die Zahl der Klinik-Aufenthalte wirft die Frage auf: Wie schlecht geht es Gysi wirklich?

Von Rosen und Gras und davon, wie der Morgen ist, steht da nichts.

Hier sprechen die Opfer

Schauen Sie sich bitte einmal diese Frau an (schwarzer Balken von uns). Das ist Maren (18) aus Halle. Wissen Sie, was der auf Mallorca passiert ist? Ein Hütchenspieler klaute ihr im Gewühl die „Geldbörse“ aus dem „Höschen“. Die Geldbörse. Aus dem Höschen! Manche Verbrechen liegen wirklich jenseits der Vorstellungskraft.

Und hier rechts (jaja, schwarzer Balken von uns), das ist Natalie (17) aus Hamburg. Die hatte in der Disco „Rio Palace“ ein schreckliches Erlebnis, als sie auf die Toilette ging. Drei Spanier versuchten, sie zu küssen, „begrabschten“ und „betatschten“ sie. „Auch wenn man hier sexy gekleidet ist“, sagt sie, „man ist doch kein Freiwild!“

Nur gut, dass der „Mallorca-Inspektor“ von „Bild“ vor Ort war, um ihr die restlichen Kleider vom Leib zu reißen und sie zu fotografieren. Als mahnendes Beispiel.

Übrigens hat die Agentur, von der die Fotos stammen, noch viele ähnliche Bilder. Am besten suchen Sie in der Datenbank aber nicht nach dem Stichwort „Opfer“, sondern nach „Bikini“ und „Mädchen“.

Völlig durch den Wind

„Bild“ schreibt heute:

„Big-Brother“-Bewohnerin Ilkay (33) wurde nach sechs Wochen im TV-Container in die Psychiatrie eingewiesen.

Das Blatt wiederholt damit eine Falschmeldung vom Vortag und setzt noch einen drauf: Unter der Überschrift „Das hat der Container aus Ilkay gemacht“ zeigt „Bild“ zwei Fotos von Ilkay.

  • Eines „vor dem Einzug in den Container: Ilkay mit langen, blonden Haaren. Ein adrettes, junges Mädchen.“
  • Eines „im Container: Ilkay total gepierct, mit rot gefärbten Zottelhaaren, außer Kontrolle. Der Blick ist wirr, die Frau ist halb nackt.“

Ilkay ist am 7. Juni eingezogen. Das Foto in „Bild“ stammt vom 8. Juni. In nur 24 Stunden müssen die Kameras also das adrette, junge Mädchen gepierct, umfrisiert und zur Furie geformt haben.

Am Tag, an dem das „Nachher“-Bild entstand, mussten Ilka und andere einen anstrengenden Wasserparcours absolvieren, was auch die „Zottelhaare“, das „halb nackt“ sein und den „wirren Blick“ erklärt. Im übrigen hatte sie die roten Haare, wie hier zu sehen ist, bereits am Tag ihres Einzugs.

Bleibt die Frage, warum Ilkay sich in psychiatrische Behandlung begeben hat. „Bild“ weiß es: „Sie konnte die ständige Beobachtung der Kameras nicht mehr ertragen.“ Könnte stimmen. Außerdem aber ist gerade ihre beste Freundin an Krebs gestorben. Diese für die Diagnose vielleicht nicht ganz unwichtige Tatsache erwähnt „Bild“ im heutigen Artikel nicht.

Ilkay zu BILD: „Ich bin völlig durch den Wind und will endlich meine Ruhe.“

Mag sein, dass das auf das Containerleben gemünzt ist. Vielleicht aber ja auch nur auf einen „Bild“-Reporter, der gerade wieder anrief.

Wa(h)re Nachrichten

„heimlich“ hier im Sinne von „unbemerkt von ‚Bild'“. Sicher, die Kollegen hätten auch durch eine schlichte Google-Suche unter anderem hier, hier, hier und hier auf das „Geheimnis“ kommen können, teilweise mit Verweis auf zehn Jahre alte Magazinartikel. Sie hätten auch nachfragen können, ob es nicht vor Jahren schon eine TV-Doku über das ungewöhnliche Privatleben des Mannes hinter „Lilo“ gegeben hat. Aber dann hätten sie ja nichts mehr zum „Lüften“ gehabt.

Niemand musste müssen

Unter die Schlagzeile „1. Kandidatin in Psychiatrie“ schreibt die „Bild“-Zeitung auf ihrer Titelseite:

„‚Big Brother‘-Bewohnerin Ilkay (33) musste nach sechs Wochen im TV-Knast in die Psychiatrie eingewiesen werden.“

Und wenn das stimmen würde, wäre das vielleicht wirklich ’n Ding! Immerhin gilt so eine Einweisung (auch Unterbringung genannt), wie sie die „Bild“ beschreibt, hierzulande als Eingriff in die Freiheit der Person und ist deshalb laut PsychKG an allerlei Bedingungen geknüpft:

  1. Es muss eine erhebliche Gefährdung bestehen, die nicht anders abgewendet werden kann.
  2. Es muss eine Anordnung vom zuständigen Amtsgericht (wenn’s eilt, auch von der örtlichen Ordnungsbehörde) geben.
  3. Es muss ein ärztliches Zeugnis vorliegen.

Nur: Bei „‚Big Brother‘-Ilkay“ war das alles nicht der Fall. Sie hat ihre Teilnahme an der Show bloß freiwillig beendet und einige Tage in einer Nervenklinik verbracht. Weiter nichts. Und selbst wenn… In den Richtlinen des Presserates heißt es:

„Körperliche und psychische Erkrankungen oder Schäden fallen grundsätzlich in die Geheimsphäre des Betroffenen. Mit Rücksicht auf ihn und seine Angehörigen soll die Presse in solchen Fällen auf Namensnennung und Bild verzichten (…)“

PS: Nein, dass vor der „Bild“ auch schon der „Focus“ behauptet
hatte, die Kandidatin habe sich „in die Psychiatrie einweisen lassen“ müssen, macht die Sache nicht besser…
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