Sieben Monate später

Es sind ja nicht alle „Bild“-Geschichten falsch. Manche sind einfach nur alt.

17. Februar 2004, MSNBC:

4. März 2004, CBS:

14. März 2004, Spiegel Online:

23. September 2004, Bild:

Danke an Oliver B.!

Die letzten Geheimnisse

Seit Beginn der Woche berichtet „Bild“ Frankfurt täglich über „die letzten Geheimnisse des Mörders“ Magnus Gäfgen, der vor zwei Jahren den 11-jährigen Jakob von Metzler entführte und umbrachte. „Bild“ druckt Auszüge aus dem Buch „Sie werden dich nicht finden“, für das die Journalistin Adrienne Lochte die Hintergründe des Falls recherchiert hat, und reichert diese mit Bemerkungen wie „Es sollte noch schlimmer kommen“ an.

Heute nun die Schockschlagzeile: „So grausam quälte der nette Jugendleiter kleine Kinder.“

Gäfgen leitete „jahrelang (…) Kinderfreizeiten für seine Kirchengemeinde“! Um Gottes Willen, mit welch grausamen Methoden hat er die Kinder denn gequält?

Na ja: Auf einer Nachtwanderung erschreckte er gemeinsam mit einer Gruppe von Größeren die Kleinen, „die vor Grausen und Entzücken“ „quietschten“ (Lochte). Und in der Gruppenstunde spielten Kinder, die zu spät kamen, die „sterbende Kakerlake“, indem sie sich auf den Boden legten und mit Armen und Beinen strampelten.

Das mag zwar nicht gerade dem entsprechen, was man von einem Gruppenleiter in einer Kirchengemeinde erwartet. Ob es allerdings dazu reicht, Gäfgen in seiner Jugendgruppenzeit eine „dunkle, sadistische Seite“ zu unterstellen, sei mal dahin gestellt.

Einfach cool!

„Mission unverständlich!“ Tom Cruise wirbt schon seit Jahren für die „mysteriöse“ und „umstrittene Sekte“ Scientology. „Der Starschauspieler (…) eröffnete jetzt in Madrid ein neues Zentrum von ‚Scientology'“. Dabei setzt die „Psycho-Sekte“ „in hohem Maß Methoden der Beeinflussung ihrer Mitglieder ein“, das deutsche Innenministerium warnt vor ihr und „der Verfassungsschutz hat Scientology beobachten lassen“! So stand’s am Montag in „Bild“.

Irgendwie ist dieser Tom Cruise also ein Typ, der einem suspekt sein sollte. „Bild“ spekuliert: Womöglich scheiterte sogar seine Ehe mit Nicole Kidman an dem Engagement für Scientology. „Machte sein Glaube ihr Angst?“

Drei Tage später läuft nun Tom Cruises neuer Film „Collateral“ in den deutschen Kinos an. Und „Bild“ urteilt über seine Rolle im „Film der Woche“: „Tom Cruise als Bösewicht – einfach cool.“

Schnauze voll?

Zum Unterscheiden —

Schlimme platte Parolen von rechten Sprücheklopfern:

(NPD-Plakate)

Überfällige Notwehr-Aktion von abgezockten Autofahrern:

(„Bild“-Aufkleber)

Schon vergessen

„Was hat Wolfgang Thierse da bloß geritten?“, fragt der „Bild“-Kommentar heute und schreibt:

Der Bundestagspräsident hat laut über ein mögliches Bündnis der SPD mit der PDS in Brandenburg nachgedacht. Man sollte der PDS „schon ernsthaft“ die Frage stellen, ob sie eine realistische und konstruktive Politik machen wolle.

Schon vergessen, Herr Thierse?

Dass die PDS in Brandenburg und Sachsen mit gnadenloser Anti-Reformhetze und Stimmungsmache gegen Kanzler Schröder der SPD die Wähler abjagte. Dass die PDS erklärtermaßen das Rad der Reformen zurückdrehen will, wo immer sie in Regierungsverantwortung kommt?

Die rhetorische Frage, ob Herr Thierse das „schon vergessen“ hat, hätte „Bild“ leicht selbst beantworten können, wenn sie ihn vollständig zitiert hätte. Gegenüber dem „Tagesspiegel“ sagte er:

Man werde die PDS „daran erinnern müssen, dass sie einen geradezu gnadenlosen Wahlkampf gegen die Sozialstaatsreformen und die Arbeitsmarktreformen geführt hat“. Jetzt solle die PDS die Frage beantworten, ob sie eine realistische und konstruktive Politik machen wolle. „Aber die Frage sollte man ihr schon ernsthaft stellen.“

Allgemein  

We are the champions III

Wie war eigentlich diese Talkrunde zur Gebührenerhöung auf Sat.1, die der „Bild am Sonntag“-Chefredakteur Claus Strunz moderierte? Nun ja, kommt drauf an, wen man fragt.

Die „taz“ fand es „tendenziös“ und „inhaltsleer“ und stellte fest, dass Strunz „langsam aber sicher die Gesprächsführung entglitt“.

Die „Frankfurter Rundschau“ fand es „langweilig“, eine „Sehgurke“ und meinte, die Runde sei „doch eine Nummer zu groß für den Chefredakteur“ gewesen.

Der „Tagesspiegel“ stellte fest, dass es dem Thema nicht gut tat, mit „Parolen und Emotionen“ aufgeladen zu werden und betonte die Parteilichkeit des Moderators, weil doch die „Bild am Sonntag“ im Axel Springer Verlag erscheint, der an der Senderfamilie Pro-Sieben-Sat.1 beteiligt ist, die die direkte Konkurrenz von ARD und ZDF ist.

Und „Bild“ sah ein „Talk-TV der Extra-Klasse“, einen „spannenden Schlagabtausch“ und einen „prickelnden Mix aus Information und Unterhaltung“.

…und machte den Moderator Claus Strunz, den Chefredakteur von „Bild am Sonntag“, kurzerhand zum „Gewinner des Tages“ in der „Bild“ am Dienstag. Er ist der sechste Gewinner aus dem Hause Axel Springer in den letzten 14 Erscheinungstagen. Am Ende des Monats wird bestimmt der Verlag selbst noch einmal „Gewinner des Tages“: Ausgezeichnet dafür, dass keine andere Institution der Welt so häufig „Gewinner des Tages“ in „Bild“ hervorbrachte wie er.

Die Geister, die sie riefen II

Oh Gottogottogott, Nazis im sächsischen Landtag. Da brauchen wir schnell einen Skandal. Die anderen Kandidaten sind aus dem Studio gegangen, als der NPD-Mann sprach, und die Interviewerin hat ihm das Mikrofon entzogen? Super, da machen wir eine „Pöbel-Attacke“ raus. Macht schon mal ’ne Schlagzeile fertig: Nazi-Eklat im ZDF-Studio. Oder: Politiker flohen aus ZDF-Studio. Oder besser gleich beides. Ham wir Fotos? Was? Nicht vom ZDF-Studio, nur vom ARD-Studio? Ist doch egal. Merkt doch kein Schwein. Hey, das sind Neonazis, da kann man sich die Fakten schon mal zurechtbiegen, wie es einem passt, um die zu bekämpfen.

Ob das ein „Nazi-Eklat im ZDF-Studio“ war und ob die „Politiker aus dem ZDF-Studio flohen“, darüber kann man vielleicht noch streiten. Unbestreitbar ist, dass die Bilder unter diesen „Bild“-Schlagzeilen nicht das ZDF-Studio zeigen. Das sah — in dem Moment, als der erste Politiker ging — so aus:

Danke an gleich mehrere aufmerksame Hinweisgeber!

Die Geister, die sie riefen

Hoppla, was ist denn da passiert? Randale? Tätliche Angriffe? Ausländerfeindliche Ausfälle? Es scheint so, denn „Bild“ spricht von einer „Pöbel-Attacke“ und schreibt:

Gerade erst in den Landtag gewählt – und schon zeigen die Neonazis von der Sachsen-NPD im TV ihr wahres Gesicht!

Was hat der sächsische NPD-Spitzenkandidat Holger Apfel getan? Er sagte (korrekt zitiert in „Bild“) dies:

„Heute ist ein großartiger Tag für alle Deutschen, die noch Deutsche sein wollen, es ist die verdiente Quittung für eine immer asozialere Sozialpolitik, für eine asoziale Wirtschaftspolitik und…“

Währenddessen verließen die Vertreter der anderen Parteien den Tisch, an dem sie interviewt wurden. Die ZDF-Innenpolitikchefin Bettina Schausten entzog Apfel hektisch das Wort und reagierte hilflos und hysterisch, als er — weitgehend unverständlich für die Fernsehzuschauer — weitersprach.

Es besteht kein Grund, an der Gefährlichkeit der NPD zu zweifeln. Aber zu einer „Pöbelattacke“ ist es im ZDF-Studio nicht gekommen, und auf die These mit der „asozialen Sozialpolitik“ hätte Apfel prima durch Verfolgen der Hartz-IV-Berichterstattung der „Bild“-Zeitung kommen können — bis diese abrupt endete: „Irgendwann in diesem Sommer müssen sie bei Bild gemerkt haben“, schrieb Evelyn Roll am Samstag in der „Süddeutschen Zeitung“, „dass sie mit dem Schüren von Sozialangst zwar der Regierung schaden und der eigenen Auflage helfen, aber auch den Neonazis und der PDS. Und zwar tüchtig.“

Und, nein, die anderen Politiker mussten vor dem NPD-Mann auch nicht „fliehen“. Sie demonstrierten nur, dass sie nicht gewillt waren, mit Neonazis zu diskutieren.

Bestimmt wäre es hilfreich, wenn man im Kampf gegen die NPD die Mittel der Tatsachen-Verfälschung und grotesken Übertreibung den Rechtsradikalen überließe. Und wer ein paar populistische Sätze im Fernsehen als das „wahre Gesicht“ der NPD bezeichnet, verharmlost die Gefahr dramatisch.

Verstaubt

Heute müssen wir „Bild“ loben. Gestern war Sonntag, sonntags ist notorisch wenig los und das Blatt notorisch dünn besetzt, und trotzdem hat die Redaktion nicht — wie sonst gerne einmal — einfach eine Nachricht erfunden. Aber die Rubrik „Verlierer des Tages“ wollte halt gefüllt werden, und so findet sich da heute Ulrich Meyer:

Wird die „Akte 2004“ langweilig? TV-Moderator Ulrich Meyer (48) scheitert mit seiner SAT-1-Show regelmäßig an der 15-%-Hürde in der Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen. Jetzt sah sich der TV-Sender laut „kressreport“ sogar gezwungen, die Preise für die Werbung zu senken.

BILD meint: Verstaubt diese Akte?

Alles korrekt soweit, aber apropos „verstauben“: Die Meldung aus dem „kress“ ist über zwei Wochen alt. Sie stammt vom 3. September. Soviel zum Verlierer „des Tages“.

Blättern:  1 ... 909 910 911 ... 927