Feindliche Christen

Der Satz, den Altbundeskanzler Helmut Schmidt dem „Hamburger Abendblatt“ gesagt hat, ist tatsächlich bemerkenswert und einer Schlagzeile würdig:

„Es war ein Fehler, Gastarbeiter ins Land zu holen.“

„Bild“ macht ihn zu einer Überschrift unten auf Seite 1 und fasst Schmidts Äußerungen zusammen:

Das Ideal einer „multikulturellen Gesellschaft“ sei in demokratischen Staaten wie Deutschland nicht durchsetzbar (…).

Da ist „Bild“ an entscheidender Stelle ungenau. Tatsächlich hatte Schmidt gesagt, das Konzept sei mit einer demokratischen Gesellschaft „kaum vereinbar“. Das „Abendblatt“ schreibt über eine kurze Zusammenfassung des Interviews denn auch: „Schmidt: Multikulti ist kaum möglich„.

Interessant ist auch, dass „Bild“ den Hauptgrund, den Schmidt dafür nennt, nicht erwähnt. Er spricht nämlich nicht nur von mangelndem Integrationswillen der Ausländer, sondern sagt vor allem:

Das liegt an der Feindlichkeit, mit der alle christlichen Kirchen über Jahrhunderte die Europäer gegenüber anderen Religionen erzogen haben, insbesondere gegenüber dem Judentum und dem Islam. Gegenüber dem Judentum seit beinah 2000 Jahren, gegenüber dem Islam seit über 1000 Jahren. Wir haben eine Grundhaltung der Abwehr gegenüber diesen Religionen erzeugt, und wenn jetzt einige Idealisten von Toleranz reden, kommt dieser Appell Hunderte von Jahren zu spät.

Hoppla. Anscheinend hatte „Bild“ für diesen interessanten Aspekt leider keinen Platz mehr, weil das Blatt schon wieder eine ganze Seite für dieses Thema freiräumen musste.

Rätsel um Bild.de

Kürzlich war unter der Adresse www.bild.t-online.de folgende Überschrift zu lesen:

Bundeswehr: Szenen wie in Abu Ghraib

Heute steht unter der gleichen Adresse zum gleichen Sachverhalt was anderes, nämlich dies hier:

Wer vorschnell die Kaserne in Coesfeld mit dem Foltergefängnis Abu Ghraib gleichsetzt, der will nur eines: den guten Ruf der Bundeswehr beschädigen.

Na, das ist ja außerordentlich merkwürdig. Oder doch nicht? Wer nämlich weiß, dass der erste Text in „Bild am Sonntag“ stand, während der zweite ein Kommentar aus „Bild“ ist, und wer außerdem weiß, dass „BamS“ und „Bild“ zwar denselben Herausgeber (nämlich „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann) aber verschiedene, voneinander unabhängige Chefredakteure und Redaktionen haben, der findet’s nur noch ein bisschen merkwürdig und fragt sich vielleicht auch, warum man auf der „multimedialen Erweiterung von BILD“ (früher: „multimediale Erweiterung der Marke BILD“) überhaupt nichts über diese gar nicht mal so unwichtigen Zusammenhänge erfährt.

Mit Dank für den sachdienlichen Hinweis an Gunther S.

„Bild“ will sie endlich stoppen!

Im Gegensatz zu anderen schreibt die „Bild“-Zeitung ja seit dem 4. Oktober 2004 bekanntlich „wieder klassisch richtig“ (= in alter Rechtschreibung) — und auf ihrer heutigen Titelseite dies:

Weiter heißt es:

„Jetzt soll der Bundestag die Schlechtschreibreform kippen!

Anlass für die Schlagzeile ist ein Antrag der CDU/CSU-Fraktion (Überschrift: „Klarheit für eine einheitliche Rechtschreibung“). Und liest man den vergleichsweise unspektakulären CDU/CSU-Antrag im Wortlaut (PDF), kann man ihn ungefähr so zusammenfassen wie die Nachrichtenagenur AFP:

„Die Union spricht sich in dem Antrag nicht ausdrücklich für eine Rückkehr zur alten Rechtschreibung aus.“

In der AFP-Meldung steht außerdem:

„Vor zwei Wochen hatte sich die Union nicht auf einen Antrag zur Rechtschreibreform einigen können. Dies gelang nun offensichtlich dadurch, dass sich die Fraktion weder auf eine Rückkehr zur alten Schreibung noch auf eine Änderung der Reform festlegt.“

Eine ebenso treffende Überschrift wie die von „Bild“ gewählte wäre also: „Schlechtschreibreform – Union will sie beibehalten!

Rätselraten um Kanzlerrat

Deutschland hat ungefähr 82.531.700 Einwohner. Davon sind ungefähr 45.887.900 zwischen 25 und 65 Jahre alt. Und in der vorab aufgezeichneten ARD-Sendung „Beckmann“ wird Bundeskanzler Gerhard Schröder heute abend (23 Uhr, ARD) u.a. ein paar Sätze zum Thema Adoption sagen, woraufhin man sich bei „Bild“ entschieden hat, daraus eine Schlagzeile zu machen.

Bloß welche?

Bei Bild.de, der „multimedialen Erweiterung der Marke BILD“, jedenfalls finden sich die verschiedensten Variationen. Wahlweise heißt es da:

„Der Kanzler rät – Jeder sollte ein Kind adoptieren“

Oder:

„Der Kanzer rät – Jeder, der Platz hat, sollte ein Kind adoptieren“

Oder:

„Der Kanzler rät den Deutschen – Jeder, der Platz im Herzen hat, sollte ein Kind adoptieren“

Oder gar:

Die gedruckte „Bild“ hat sich für folgende Variante entschieden:

Und sagen wird der Kanzler bei „Beckmann“ heute abend:

Diejenigen, die Platz im Herzen und Platz zu Hause haben, sollten sich überlegen, ob sie nicht auch ein Kind adoptieren wollen.“ (Zitiert nach „Bild“, Hervorhebungen von uns.)

Die und wir

Am Sonntag haben über 20.000 überwiegend türkischstämmige Muslime gegen Terror und islamistisch motivierte Gewalt demonstriert. Die „Bild“-Zeitung nimmt dies zum Anlass für einen Kommentar. Peter Boenisch ruft darin scheinbar zum Miteinander auf. Zum Miteinander von… — und da wird es kompliziert: zum Miteinander von Deutschen und Moslems? Von Deutschen und Türken? Von Christen und Moslems?

Schwer zu sagen. Jedenfalls: von uns und ihnen.

In dem „Bild“-Kommentar heißt es (Hervorhebungen von uns):

(…) Schön, daß das auch andere, die in unserer freiheitlichen Gesellschaft mit uns leben, genau so sehen.

Die Muslime, die sich für ein friedliches Miteinander mit uns auf den Straßen Kölns versammelt haben, sind ein Zeichen der Hoffnung.

Mit ihrer Demo wollen die Muslime darauf aufmerksam machen, daß sie gerne hier sind.

Auch viele von uns haben gelernt, sie zu schätzen. Bricht eines unserer Kinder auf dem Eis ein, ist es oft ein Türke, der als erster den Sprung wagt, um das Kind zu retten.

Fährt einer von uns zur Frühschicht, stapeln schon die orientalischen Obsthändler ihre frische Ware zum appetitlichen Angebot. Die Fremden sind uns nicht nur fremd, sondern oft auch sehr nützlich.

Jetzt zeigen sie offen Sympathien für ihr Gastland.

Der „Bild“-Text wirft viele Fragen auf. Zum Beispiel die, warum die Türken, die es in den vergangenen Jahren in der öffentlichen Rhetorik immerhin zum „Mitbürger“ geschafft haben, nun wieder nur „Gast“ in unserem Land sind. Oder die, wie angenehm es für einen Moslem/Türken sein muss, zu wissen, dass er „uns“ zwar „fremd“, aber auch „sehr nützlich“ ist.

Herr Boenisch kann natürlich meinen, was er will. Beunruhigend an seinem Kommentar ist jedoch eine Diskrepanz: Er tut so, als wolle er versöhnen statt spalten. Es gibt bei seinen vielen „Wir“s aber kein einziges, das Deutsche und Türken (Christen und Muslime?) ausdrücklich gemeinsam umfasst.

Der „Bild“-Text schließt:

Ihre Demo ist ein Anfang, ein öffentliches Bekenntnis: „Wir lassen uns nicht von Fundamentalisten aufeinanderhetzen.“

Wir auch nicht.

Von Fundamentalisten also nicht. Aber von der „Bild“-Zeitung?

Kein Kommentar

Der Burda-Verlag konnte nicht wissen, welche Vorlage er den Kollegen von „Bild“ liefern würde, als er die Verleihung seines Bambi an Sibel Kekilli mit ihrer „eindringlichen“ Darstellung in dem preisgekrönten Film „Gegen die Wand“ begründete. Die „Bild“-Zeitung setzte die Formulierung „eindringliche Darstellung“ daraufhin am 2. November unter ein Foto aus einem Pornofilm, den Kekilli gedreht hatte, auf dem ein Mann gerade von hinten in sie eindringt.

Der Kölner „Express“ hatte vor zwei Wochen die Meldung über den Bambi für Kekilli zum Anlass für eine Foto-Galerie im Internet genommen: „Auch die Skandal-Schauspielerin Sibel Kekilli wird ausgezeichnet. Sie drehte früher Pornos – die Bilder“.

Beiden Zeitungen hat Kekilli bekanntlich bei der Verleihung des Bambi eine „dreckige Hetzkampagne“ und „Medienvergewaltigung“ vorgeworfen. Der Chefredakteur des „Express“, Rudolf Kreitz, sagte am Tag darauf, er habe Verständnis dafür, dass Kekilli sich darüber geärgert habe. Dies sei „ein misslicher Ausrutscher gewesen, den wir sehr bedauern„. Der Chefredakteur der „Bild“-Zeitung, Kai Diekmann, sagte am Tag darauf: nichts.

Ausgeblendet

War das eine tolle Party – bei den MTV Europe Music Awards, die gestern Abend in Rom stattfanden, und über die Bild.T-Online heute ausführlich berichtet.

Ach ja – ein bisschen was von dem, was zur selben Zeit im ungleich näheren Hamburger Theater am Hafen los war, erfahren Bild.T-Online-Leser auch noch. In der Druckausgabe steht der knappe Text über die diesjährige Bambi-Verleihung, den „Ball der blitzenden Bälle“, in der Klatsch-Kolumne von Christiane „Ich weiß es“ Hoffmann, die heute von Katharina Wolf vertreten wird, auf der letzten „Bild“-Seite.

Freilich schreibt Wolf darin nicht, was Schauspielerin Sibel Kekilli, die gestern als „Shooting-Star des Jahres“ mit dem Bambi ausgezeichnet wurde, unter Tränen in ihrer Dankesrede über „Bild“ und Kölner „Express“ sagte, nachdem die Blätter Wochen lang über ihre Vergangenheit als Pornodarstellerin berichtet hatten. Nämlich das:

„Hört endlich auf mit dieser dreckigen Hetzkampagne. Das, was ihr macht, nennt man Medienvergewaltigung. Ich will nicht, dass ihr mich liebt. Aber respektiert endlich, dass ich ein neues Leben angefangen habe.“

Zuvor hatte Laudator Dominic Raacke, der den Preis übergab, Kekilli mit den folgenden Worten auf die Bühne gebeten:

„Völlig verdient und einer großen deutschen Boulevardzeitung zum Trotz ist sie der Shooting-Star des Jahres.“

In Hamburg geht das Gerücht um, Springer-Verlagschef Mathias Döpfner habe nach Kekillis Rede die Veranstaltung sofort verlassen und mit „Bild“-Chef Kai Diekmann abgesprochen, die geplante Sonderseite zu Bambi in „Bild“ Hamburg zu streichen.

Und die stets neutrale Netzeitung findet es in ihrem Bericht zur Preisverleihung „taktvoll“, dass die Regie der ARD, die die Veranstaltung übertrug, während Kekillis Rede darauf verzichtete, „die Attackierten – etwa die anwesenden Chefredakteure – ins Bild zu setzen“.

Schön, dass wenigstens die Leute beim Ersten noch wissen, was das bedeutet: taktvoll mit anderen Menschen umzugehen.

Mit Dank an zahlreiche sachdienliche Hinweiser.

Original und Fälschung

Die „Bild“-Zeitung schreibt:

Gestern forderte der grüne Europa-Abgeordnete Cem Özdemir ein muslimisches „Wort zum Freitag“ im deutschen Fernsehen, parallel zum christlichen „Wort zum Sonntag“ in der ARD.

Tatsächlich gesagt hatte Özdemir der „Märkischen Allgemeinen Zeitung“:

Ich könnte mir aber durchaus vorstellen, dass wir im Fernsehen dem christlichen Wort zum Sonntag ein muslimisches Wort zum Freitag gegenüberstellen — auch, um die Meinungsführerschaft derjenigen zu durchbrechen, die eine einseitige und rückwärtsgewandte Interpretation des Islam vornehmen.

Symbolfoto V

Man sieht, es hat es ihn regelrecht übermannt, den David Beckham, man sieht ihm die Enttäuschung ins Gesicht geschrieben, und es ist ihm egal, ob die Zeitungen hinterher dazuschreiben, „Beckham vergießt bittere Tränen“ oder nicht. Oder nicht?

Nein, diesen Eindruck erweckt bloß die erschütternde Illustration der Schlagzeile, mit der Bild.de heute groß auf eine kleine Meldung hinweist, die „die multimediale Erweiterung der Marke BILD“ aus der britischen Zeitung „Daily Mirror“ (oder aus einer entsprechenden Meldung der Nachrichtenagentur dpa) abgeschrieben hat.

Denn anders als zum Beispiel kürzlich, als „Bild“ dieses Paparazzifoto von Andreas Türck druckte und laut „Bild“ sogar „BILD-Reporterin Carolin Richter zufällig auch beim Spazieren am selben Ort“ war, heißt es im Fall Beckham nur:

Freunde berichten, es seien sogar Tränen geflossen.“

Aber selbst das ist Unsinn! Denn der „Mirror“, auf den sich Bild.de ausdrücklich bezieht, berichtet:

„It’s a bitter blow for Becks, 29, who was spotted shedding a tear when eldest son Brooklyn, five, began at the elite Runnymede College in Madrid in September.“

Was heißt, dass Beckhams Tränen, von denen laut „Bild“ ja irgendwelche „Freunde“ berichten, also gar nicht jetzt geflossen sind, „weil er seinen Sohn nicht mehr zur Schule bringen darf“, sondern (wenn überhaupt) bereits am ersten Schultag seines Sohnes im September

Mitfeiern erlaubt

Am Freitag vergangener Woche sorgte sich die „Bild“-Zeitung öffentlich, ob die „Bachelorette“, die Kandidatin der RTL-Kuppelshow, „alle Gefühle nur gespielt“ hat. Sie wurde nämlich „im Arm eines Mannes“ gesehen, „der gar nicht in der TV-Show auftauchte“. Aber auch die Männer, die bei RTL um sie buhlten, schienen nicht die Erwartungen von „Bild“ zu erfüllen:

Die Männer vergnügen sich gerade im Hamburger Table-Dance-Lokal „Dollhouse“! (…) Wie kommt’s, daß die Männer hemmungslose Partys feiern, während sie zeitgleich im TV als ritterliche Kavaliere zu sehen sind?

Dokumentiert wurden die Exzesse in einer Fotogalerie, unter deren Link bei Bild.de steht:

Die geheime Bachelorette-Teilnehmer Party im Dollhouse!

Nun weiß man, dass das Wort „geheim“ in der „Bild“-Zeitung verschiedene Bedeutungen hat, die meisten davon das Gegenteil dessen, was der Duden darunter versteht. In diesem Fall war die Party so „geheim“, dass die „Hamburger Morgenpost“ am Tag vorher nur ein paar Details herausließ:

Den Start der Reality-Serie begießt der Charming Boy morgen mit 15 anderen Show-Schönlingen und Großbildleinwand …

Na gut, aber da stand ja nicht wo.

… im „Dollhouse“ …

Okay, aber wann?

… (ab 19.30 Uhr). …

Ach, die hätten einen bestimmt nicht reingelassen.

… Mitfeiern erlaubt.

Hm.

Die Fotos, die „Bild“ vom Abend der „Bachelor“-Kandidaten zeigt, sind einigermaßen drastisch. Kein Wunder: Das „Dollhouse“ ist ein Touristen- und Szene-Club mit Go-Go-Dancing und Striptease. Andererseits entwarnt der Reiseführer:

Hier geht es um „Showerotik“ – Erotik, Tanz und Spaß – niemand wird zum Mitmachen gezwungen, Körperkontakt ist tabu!

Wären unter Einhaltung dieser Regel spannende Fotos für die „Bild“-Zeitung zustande gekommen? Womöglich nicht. Aber zum Glück hatten mindestens zwei der „Bachelor“-Kandidaten außerordentlich intensiven Körperkontakt mit den Frauen, wie die Fotos zeigen. Vielleicht war das kein Zufall. Maximilian Pütz, einer der Kandidaten, hat uns jedenfalls erzählt, dass die Tabledancerinnen, die „Bild“ in Aktion zeigt, von „Bild“ selbst bezahlt worden seien.

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